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Full text of "Ovids Schule der "elegischen" Liebe: Erotodidaxe und Psychagogie in der Ars amatoria"

Studien zur klassischen Philologie 

Herausgegeben von Prof. Dr. Michael von Albrecht 



Band 112 




PeterLang 

Berlin ■ Bern - New York • Paris • Wien 



JulaWildberger 



Ovids Schule 
der „elegischen" Liebe 

Erotodidaxe und Psychagogie 
mdevArsamatoria 




PeterLang 

Europäischer Verlag der Wissenschaften 







Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme 




Wildberger, Jula: 




Ovids Schule der 'elegischen* Liebe ; Erotodidaxe und 
Psychagogie in der "Ars amatoria" / Jula Wildberger. - 
Frankfurt am Main ; Berlin ; Bern ; New York ; Paris ; Wien : 
Lang, 1998 

(Studien zur klassischen Philologie ; Bd. 112) 

Zugl.: Würzburg, Univ., Diss M 1997 

ISBN 3-63 l-33558-X 


ATCAPVTINMAGNIS VBI NON EST TANGERE SIGNIS, 
PONITVR HAEC IMOS ANTE CORONA PEDES. 




(Prop. 2,10,21 f.) 


D20 
r ISSN 0172-1798 
ISBN 3-63 1-33558-X 




© Peter Lang GmbH 

Europäischer Verlag der Wissenschaften 

Frankfurt am Main 1998 

Alle Rechte vorbehalten. 




Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich 

geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des 

Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages 

unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für 

Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die 

Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. 

Printed in Germany 1 234 67 y \\ 


| 
1 



VII 



Vorwort 



Dieses Buch ist die überarbeitete Fassung meiner Dissertation, die ich im Januar 1997 
der Philosophischen Fakultät I der Universität Würzburg vorgelegt habe. 

Mein besonderer Dank gilt Herrn Prof. Dr. Ludwig Braun, der diese Arbeit angeregt 
und mit konstruktiver Kritik begleitet und gefördert hat. Wertvolle Hinweise gab mir 
auch der Zweitgutachter dieser Arbeit, Herr Prof. Dr. Udo'W. Scholz. 

Ein Stipendium des Freistaats Bayern, das ich ohne die freundliche Hilfe von Herrn 
Prof. Dr. Michael Erler nicht erhalten hätte, nahm mir alle materiellen Sorgen, bis ich 
ab Januar 1995 als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Klassische Philo- 
logie in Frankfurt am Main angestellt wurde, wo mich seither die Herren Prof. Dr. 
Christoff Neumeister und Prof. Dr. Gustav Adolf Seeck in jeder Weise unterstützen. 

Herzlich danken möchte ich auch Herrn Prof. Dr. Michael von Albrecht für die Auf- 
nahme in die Reihe „Studien zur klassischen Philologie". 

Ferner seien Martina Erdmann und Hans Schütter genannt, die mir bei der mühsamen 
Arbeit des Korrekturlesens geholfen und mich vor manchem peinlichen Fehler bewahrt 
haben. 

Frankfurt am Main im März 1998 



IX 



Inhaltsverzeichnis 



1. Einleitung -Proömium und Partitio (Ars 1,1-40) \ 

1.1 Die Fragestellung j 

1.2 Die erste Arbeitshypothese: Die ,4™ als praktisches Handbuch 8 

1.3 Die zweite Arbeitshypothese: Schülerkreis und Gegenstand der Lehre 10 

1.4 Die Umdeutung der 'elegischen' Liebe 14 

1.5 Einige generelle Bemerkungen ..........22 

2. Das erste Kapitel der Liebeslehre: Wie findet man eine Frau? (Ars 1 ,41-262) 25 

2.1 Jäger und Beute (Ars 1,41-66) 29 

2.2 Der Liebeskünstler in der römischen Gesellschaft (Ars 1,51-88) 34 

2.3 Venusverächter und das Lachen der Göttin \ 45 

2.4 Theater und Rennbahn - antike und moderne Jagd (Ars 1,89-162)... 50 

2.4.1 Im Theater (Ars 1,101-134) ," "!""."!" 50 

2.4.2 Im Circus Maximus (Ars 1,135-162) 55 

2.5 Der Liebeskünstler und die Außenpolitik des Augustus (Ars 1,171-228) 60 

2.5. 1 Die Funktion des Propemptikons für C. Caesar 60 

2.5.2 Siegreiche Herrscher in Elegie und Liebeskunst 64 

2.6 Weinrausch und Liebesrausch (Ars 1,229-252) 77 

3. Das zweite Kapitel der Liebeslehre: Wie erobert man eine Frau? (Ars 1,263-772) 83 

3.1 Selbstvertrauen (Ars 1,269-350) 89 

3.1.1 Pasiphae (Ars 1,289-326)... ,.."'....90 

3.1.2 contemnite amantes. ; 95 

3.1.3 Keine Angst vor der Abfuhr! (Ars 1,343-350) 102 

3.2 Die Sklavin (Ars 1,351-398) , "\."1 \ 03 

3.3 Gefährliche Zeiten (Ars 1,399-436) 107 

3.4 Der Liebesbrief und die Werbung in der Öffentlichkeit (Ars 1,437-504) 1 14 

3.4.1 inventiö und elocidio (Ars 1,437-468) 115 

3.4.2 Reaktionen der Dame und Werbung in der Öffentlichkeit (Ars 1,469-504) 120 

3.5 Die Toilette des Mannes (Ars 1,505-524)., 125 

3.6 Das Gastmahl (Ars 1,525-606) Z""Z 128 

3.6.1 Bacchus und Ariadne (Ars 1,525-564) 128 

3.6.2 Beim Wein (Ars 1,565-606) 133 

3.7 Das erste Rendezvous (Ars 1,607-722) 136 

3.7.1 Werbung mit Worten (Ars 1,609-658) 136 

3.7.2 Werbung mit Taten (Ars 1,659-706) ,„ 147 

3.8 Erste Schwierigkeiten (Ars 1,707-770) 153 

4. Die Einleitung des zweiten Buches (Ars 2,1-98) 157 

4.1 Das Proömium (Ars 2, 1-20) 158 

4.2 Daedalus und Icarus (Ars 2,2 1-98) 168 

4.2.1 Wer ist Daedalus? 168 

4.2.2 Flugkunst und Liebeskunst 177 



X 



Inhaltsverzeichnis 



5. Das dritte Kapitel der Liebeslehre: Wie verfestigt man die junge Liebe? (Ars 2,99-336) .. 1 85 

5.1 Unzureichende Mittel des Liebeswerbens (Ars 2,99-176) 187 

5.1.1 Zauberei (Ars 2,99-107) , 187 

5.1.2 Schönheit und 'innere' Werte (Ars 2,108-120) 190 

5.1.3 Redegabe -Ulixes und Calypso (Ars 2,121-144) 193 

5. 1.4 Reichtum und 'elegische' Liebe (Ars 2,145-176) 205 

5.2 obsequium (Ars 2,177-250) , ........... 214 

5.2.1 obsequium statt servitium amoris 214 

5.2.2 per/er et obdura (Ars 2,177-196) 215 

5.2.3 obsequium als Mittel zum Zweck 222 

5.2.4 Erniedrigung und Mühen (Ars 2,197-250) 224 

5.2.4.1 Verlust der Redefreiheit (Ars 2,145-160; 197-208) .....224 

5.2.4.2 Weibische Dienste und männlicher Einsatz (Ars 2,209-236) 227 

5.2.4.3 Schmähliche Abfuhr (Ars 2,237-250) 229 

5.3 militia amoris . 233 

5.3. 1 Die Antithese von Liebe und Krieg in der Elegie 233 

5.3.2 militia amoris in der Ars 237 

5.3.3 Ängstliche Helden .241 

5.4 Wie spart man sich teure Geschenke? (Ars 2,251-336) 243 

5.4.1 Wie macht man sich bei den Sklaven beliebt? (Ars 2,251-260) 243 

5.4.2 Prinzip Hoffnung - est tibi agendus dives amans (Ars 2,261-336) 245 

5.4.3 si iatet, arsprodest .-. 251 

5.4.4 Sind die vorgeschlagenen Methoden ehrbar? : 254 

6. Das vierte Kapitel der Liebeslehre: Die reife Beziehung (Ars 2,337-732) 261 

6.iy?cfe.yinderElegie -. 262 

6.2 Liebe als natürlicher Kreislauf (Ars 2,337-372) 265 

6.3 pudor statt pudicitia (Ars 2,373-408) 274 

6.4 Eifersucht und Geschlechtstrieb (Ars 2,409-492) 278 

6.4.1 Liebe, Eifersucht und Aggression (Ars 2,425-462).... : 278 

6.4.2 Sexualität als Urtrieb (Ars 2,463-492) '. 284 

6.5 Die Eifersucht 'des Mannes (Ars 2,493-624) . ; . 293 

6.5.1 Erkenne dich selbst! (Ars 2,493-560) 293 

6.5.1.1 DieEpiphanie des Apollo (Ars 2,493-510) t , 293 

6.5.1.2 Schmerzen der Liebe (Ars 2,511-534) 297 

6.5.1.3 rivalem patienter habe (Ars 2,535-560) 301 

6.5.2 Freie Liebe und diskrete Lust 311 

6.5.2.1 Venus als Göttin der Scham (Ars 2,555-560; 601-624) '. ....311 

6.5.2.2 Die Liebe von Mars und Venus und der Frevel des Vulkan (Ars 2,561-592). 3 12 

6.5.2.3 Augustus' Sittengesetze und der 'elegische' Treuebund (Ars 2,593-600),..... 317 

6.5.2.4 Eifersucht als Ende der Liebe 327 

6.6 Wo bleibt die Liebe? (Ars 2,625-732) 330 

6.6. 1 Liebe und Ruhm (Ars 2,625-640) 330 

6.6.2 Der junge Liebeskünstler auf dem Weg zu reifer Liebe 332 

6.6.3 Die bewußte Liebe des reifen Liebeskünstlers (Ars 2,641-732) 335 



Inhaltsverzeichnis 



XI 



7. Das dritte Buch der Arsamatoria ..«,.„.,...343 

7.1 Die Einheit von Ars amatoria und Remedia amoris 344 

7.2 Ovid und die lena ...„.......(..348 

7.3 captatio benevoleniiae ...„,...,...,,......,. 355 

7.4 Die Fehler der 'elegischen' domina 353 

7.4.1 Aggression und Hochmut 354 

7.4.2 Habsucht 359 

7A3 Machtvolle Schönheit 375 

8. Zusammenfassung - Die Ars im Urteil der Forschung 381 

8.1 Ist die Ars eine Lehrgedichtsparodie? ». 382 

8.1.1 Behandelt der Liebeslehrer ein nichtswürdiges, banales Thema? 387 

8.1.2 Ist Liebe lehrbar? -Liebeslehren vor Ovid 389 

8.2 Untergräbt Ovid seine eigenen Lehren? - Exempel und Gleichnisse 394 

8.3 Transparente Gehalte 399 

8.3.1 Ovid und der augusteische Staat ; 399 

8.3.2 cultus, ars und natura 401 

8.3.3 Spiel mit dem Leser 403 

8.4 Die didaktische Funktion des Humors 406 

8.5 Kann man literarische Liebe leben? 408 

8.6 Fazit 412 

Appendix 1 415 

Abkürzungen und Literatur 417 

Sachregister 427 

Stellenregister 429 



1. Einleitung - Proömium und Partitio (Ars 1,1-40) 



1.1 Die Fragestellung 

Ein Jugendlicher, der kurz vor der Zeitenwende in einem römischen Buchladen die 
Abteilung „Leichte Muse" durchstöberte, dürfte gestutzt haben, als sein Blick auf den 
Mulus eines gerade erschienenen Werkes fiel War er aus Versehen an die Schulbücher 
geraten? Doch nein: Da stand nicht Ars oratoria - Lehrbuch der Rhetorik, sondern Ars 
amatoria - Lehrbuch der Liebe! 1 Was mochte das wohl sein? 

Neugierig öffnet er die Rolle und beginnt zu lesen: „Wenn in diesem Volk jemand die 
Kunst des Liebens noch nicht kennt, lese er dieses Gedicht. und liebe dann mit 
Verstand!" 2 (Ars 1,1 f.) 

si quis in hoc artempopuh non novit amandi, 
hoc legat et lecto carmine doctus atriet. 

Es ist kaum zu glauben: Hier lehrt einer, wie man fachmännisch liebt. „Das Buch muß 
ich kaufen!", denkt der junge Leser. Endlich kann er sich seinen größten Traum er- 
füllen; jetzt wird auch er, wie ein richtiger Mann, eine Geliebte haben ... - Oder ist 
diese Ars amatoria nur ein Scherz? Treibt da jemand sein Spiel mit ihm? 

Allerdings klingen die beiden Verse ernst genug: Wie der Professor, bei dem der 
Jugendliche die Redekunst studiert, kommt der Dichter ohne Umschweife zur Sache, 
spart sich höfliche Floskeln und ordnet knapp an, was zu tun ist 3 Apodiktisch und 



Zum Titel vgl. Sen. Con. 3,7 (hoc saeculum amatoriis non artibus tantttm sed sententiis implevit 
<sc. Ovidius>) sowie K. ABEL, Zu Cäsars Anticato, MH 18 (1961) 230 f. - Diese und andere 
Parallelen zwischen Rhetoriklehrbüchern und der Ars beschreiben ZlELINSKI (1905), DURLING 
(1958) 166 f. und STROH (1979a) mit weiterer Literatur (118 Anm. 5), - Doch soll schon Klean- 
thes eine Schrift mit dem Titel TE%vt\ epcoriKtj veröffentlicht haben, vgl. PlANEZZOLA (1993) 
185. KLEVE (1983) 90 hält diesen Titel für einen „Socratic term"; während KRAUS (1968) 99 
einen Einfluß solcher rexvat auf Ovid bestreitet. - Wenig überzeugend ist der Versuch von O. A. 
W. DILKE (La tradition didactique chez Ovide, in: ClIEVALLIER [1982] 9-15), Parallelen 
zwischen der Ars amatoria und der Ars poetica des Horaz nachzuweisen; solche Parallelen sehen 
allerdings auch OTIS (1938) 209 Anm. 74 und MYEROWITZ (1985) 130 f., 141. Eine besondere 
gedankliche Nähe zwischen beiden Lehrgedichten glaubt TOOHEY (1996) 146 ff. erkennen zu 
können: So wendeten beide Dichter das Prinzip der ratio auf eine irrationale Materie an und 
lenkten das Augenmerk des Lesers darauf, daß es sich bei ihren Werken um „artificial, literary 
construets" (147) handele. 
Die Übersetzung stammt von HOLZBERG (1992), 

WELLMANN-BRETZIGHEIMER (1981) 1 fühlt sich an einen Sophisten erinnert, der „Buchreklame" 
treibe. Aber Ovid begnügt sich nicht damit, sein Werk anzupreisen; er befiehlt die Lektüre 
des Buches. Man sollte den Vers Ars 1,2 daher nicht als Aussage interpretieren, wie z. B. DUR- 
LING(1958) 148: „thepoemis ... announced" oder KORZENIEWSKY (1964) 199: „Behauptung". 



ft^üS 



2 Einleitung - Proömium und Partitio (Ars 1 , 1 -40) 

autoritär begründet er in nur einem weiteren Distichon seine Befehle. Offenbar will er 
sich nicht mit umständlichen Erklärungen aufhalten. Schiff und Wagen werden mit 
Sachverstand gelenkt; mit Sachverstand muß man die Liebe beherrschen (Ars 1,3 f.): 

arte citae velogue rates remoque moventur, 
arte leves currus: arte regendus amor. 

Sagt nicht Nestor in der Ilias etwas Ähnliches, dort, wo er seinem Sohn Antilochos für 
das Wagenrennen zu Patroklos' Ehren instruiert? Der Student in dem Buchladen hat 
das Stück noch gut in Erinnerung, da er es als begeisterter Anhänger des Rennsports in 
der Schule besonders gern auswendig gelernt hatte (Hom. IL 23,3 15-3 18); 

p tj T i Toi öpirtöpoq pey ' äpeivcov rjz ßitffli, 
fxrjr i ö* oute Kußepvtfrtjq evi ol'vom Jtövrcp 
vfja dorjv i&uvei ipEypopivr\v avipoiai, 
prjr i ö' fjvioxoQ jveptyiverai rjviöxoio. 

Der Dichter dieser Ars amatoria beruft sich auf das älteste Beispiel didaktischer 
Poesie. 5 - Und da soll er es nicht ernst meinen? Ist Liebe etwa weniger bedeutend als 
das Holzhacken, das nach Nestors Worten genauso Sachverstand erfordert wie See- 
fahrt und Wagenlenken? ' 

Außerdem ist der Verfasser des Lehrbuches - der junge Mann wirft noch einmal einen 
Blick auf den titulus - Publius Ovidius Naso, der weltberühmte Dichter der Amores, 
der Heroides und der Tragödie Medea, der größte lebende Erotiker überhaupt und 
somit die Autorität in Liebesdingen. Wenn irgendjemand, so darf dieser Mann sich 
mit den mythischen, geradezu sprichwörtlichen Fachleuten Tiphys und Automedon auf 
eine Stufe stellen und von sich behaupten, Venus habe ihn zu Amors Meister ernannj 
(Ars l,5-8). 6 

Was er als Amors Meister zu tun hat, erklärt Ovid mit einem Exempel, wobei er 
taktvoll an die Stelle seiner wirklichen Schüler den Gott treten läßt, der ihre Gefühle 
personifiziert. 7 Wie der sagenhafte Erzieher Chiron den kleinen Achill, wird auch der 



Diese Parallele diskutiert M. ClTRONl, Ovidio, Ars 1,3-4 e Omero, Iliade 23,312-18: l'analogia 
tra le artes e la fondazione del discorso didascalico, Sileno 10 (1984) = Studi in onore di A. Bari- 
gazzi, Bd. 1, 157-167, mit dem Ergebnis, Ovid verleihe seinem Gedicht eine scherzhafte Würde 
(„solennitä giocosa" 162). - Zur Beliebtheit von Wagenrennen vgl. S. 26. 
ClTRONl a.a.O. 160. Nach ClTRONl (163 ff.) galt dieses Stück auch als ein berühmtes Beispiel für 
den Analogieschluß, also für ein Beweisverfahren, das Ovid in der Ars besonders oft anwendet. 
KENNEY (1993) 463 merkt an, Automedon erscheine in der Ilias nicht gerade als ein besonders 
tüchtiger Wagenlenker; auch sei Antilochos trotz Nestors Rat in dem Rennen nur Zweiter ge- 
worden. Doch gibt KENNEY keine schlüssigen Belege dafür, daß man zu Ovids Zeit Automedon, 
den eqaorum agitator Achülis (Verg. A. 2,476), ebenso kritisch beurteilte, wie es Hektor in der 
Ilias tut (Hom. II. 17, 486 f.); und obwohl Antilochos die schlechtesten Pferde hatte, konnte er 
durch prjrt<; den Menelaos überholen (Hom. II. 23,309 f., 5 15). 

POHLENZ (1913a) 131 beanstandet einen logischen Bruch, der darin bestehe, daß Ovid sich zu- N 
gleich als praeceptor amoris und als praeceptor Amoris vorstelle, vgl. a. HELDMANN (1981a) \ 



1.1 Die Fragestellung 3 

Liebeslehrer einen wilden und grausamen, aber wegen seines zarten Alters noch form- 
baren Knaben bändigen (Ars 1,9-18). Eine Vorstellung davon, wie Chiron den jungen 
Achill unterrichtet haben könnte, vermittelte dem antiken Leser eine dem Hesiod zuge- 
schriebene Sammlung von Lebensweisheiten, die XeipoovoQ tijtodfjjcaL Nicht anders 
als die Ars begann dieses Gedicht mit dem lakonischen Befehl, die Lehren zu beherzi- 
gen ([Hes.] frg. 283 MERKELBACH-WEST): 

Ev vuv poi rdö' EKO/Jta perä <ppeat jtevKaXiprjai 
&ac Jtpäytov pev ... 



Während Chiron sich mit Musik Gewalt über seinen Zögling verschafft, lehrt Ovid mit 
den Mitteln der Poesie, also ebenfalls mit einer sanften Kunst (Ars 1,12). Und wie dem 
betagten Kentauren stehen dem Elegiker die Schätze langer Erfahrung zu Gebote: 8 

Der Hirtendichter Bion erzählt, Aphrodite habe ihm, dem Dichter, einst den Eros über- 
geben, auf daß er ihren Sohn im Singen unterrichte. Doch unbemerkt sei er selbst 
unterwiesen worden; was er den Knaben lehren sollte, habe er vergessen und dafür von 
Eros alles über die Liebe gelernt (Bion frg. 10 GOW). 9 So etwas kann dem Verfasser 
der Ars nicht mehr passieren. Schon über zwanzig Jahre ist es her, daß ihn Amor zum 
ersten Male mit seinen Pfeilen traf und ihn zwang, epcorvka xdvra (Bion frg. 10,13) 
zu erlernen. 10 Und je grausamer der Gott ihn quälte, desto reicher wurde er auch an 
Erfahrung, so daß er sich nun der Angriffe erwehren und selbst den Amor seinem 
Willen unterwerfen kann (Ars 1,21-24). Ovid folgt keiner Eingebung Apollos, des 
Gottes der Propheten, 11 und auch die Musen, die einst dem Hesiod auf Askras Weiden 



164. Indes repräsentiert Amor als Personifikation das Abstraktum „Liebe", und aus der Natur der 
Liebe ergeben sich die Attribute des Gottes. Wenn Ovid sagt „Ich erziehe den kleinen Amor- 
knäben", so ist das eine allegorische Form der Aussage: „Ich lehre Liebe." 
Zu den Xeipcovog ÖJtodijfcai vgl. bereits BRANDT (1902) ad loc. - Auch der greise Nestor betont 
die Jugend des Antilochos und damit implizit seine eigene Erfahrung (Hom. II. 23,306). 
Daß Ovid durch dieses Fragment angeregt wurde, vermutet HOLLIS (1977) App. II, gefolgt z. B. 
von KENNEY ( 1 993) 463 und PlANEZZOLA (1 993) 1 87. 

Ov. Am. 1,1 und 1,2. - Die Ars amatoria und die Remedia amoris veröffentlichte Ovid zwischen 
2 v. und 2 n, Chr., im Alter von über 40 Jahren, vgl. 7.1. Als er dem römischen Volk seine ersten 
Liebesgedichte vorlas, hatte er sich gerade ein- oder zweimal rasiert (Ov. Trist. 4,10,57 f.). Die 
Historizität dieser Angabe wird neuerdings von HOLZBERG (1997) 34 f. bezweifelt. Ovid habe sie 
erfunden, um einen möglichst scharfen Kontrast zwischen „dem alten Mann im Exil" und dem 
„Typ des jugendfrischen Elegikers" zu entwickeln. Doch wird eine autobiographische Notiz nicht 
automatisch wertlos, bloß weil sie in einen künstlerischen Zusammenhang gebracht ist oder mit 
einem gattungstypischen Motiv übereinstimmt. Außerdem hätte Ovid, wenn er wirklich seine 
Jugend als eine Zeit ungetrübten Glücks hätte darstellen wollen, gewiß weder vom Tod seines 
geliebten Bruders (Trist. 10,4,3 1 f.) noch von seiner gescheiterten ersten Ehe (69 f.) berichtet. 
Wie MURGATROYD (1982) 54 und AHERN (1990) 44-48 feststellen, wird Apollo als Gott der 
Mantik angerufen. - Manche Autoren glauben dagegen, daß Ovid in Vers 26 auf eine Dichter- 
weihe anspiele, sind sich aber uneinig, welches Werk Ovid imitiert haben könnte. Vorgeschlagen 
wurden Lukrezens De rerum natura und ein unbekanntes Lehrgedicht, vielleicht die Ornitho- 
gonie des Aemihus Macer (LENZ [1961] 136), die Annales des Ennius, dem ein Pfau erschien 
(KORZENEEWSKI [1964] 200 Anm. 2), die Aetia des Kallimachos, in denen eine Krähe erzählt 



Einleitung- Proömium und Partitio( Ars 1,1-40) 



erschienen, legen ihm nicht ihre Worte in den Mund; die leidvolle Erfahrung eines 
Lebens im Dienste der Liebe treibt und befähigt ihn zu seinem Werk. 12 Wahres wird er 
singen, wenn nur Venus, Amors Mutter, seinem Unterfangen gnädig zur Seite steht 
(Ars l,25-30): 13 

non ego, Phoebe, datas a te mihi mentiar artes, 

nee nos aeriae voce monemur avis, 
nee mihi sunt visae Clio Clhtsque sorores 

servanti peeudes vallibus, Ascra, iuis. 
usus opus movet hoc: vati parete perito; 

vera canam . c oep t i s , mater Amoris, a d es. 



(TRÄNKLE [1972] 390 f., gefolgt von STEUDEL [1992] 128), oder die Gedichte des Alkman, der 
von Rebhühnern spricht (HOLLIS [1977] ad loa). Dagegen glaubt G. STEGEN (Ovide, Ars ama- 
toria, I, 26 - Nee nos aeriae voce monemur avis, Latomus 28 [1969] 1 120 f.), der Vogel solle an 
Vergils Fama (A. 4,175 ff.) erinnern, während SCHUBERT (1992) 167 Anm. 408 vorschlägt, das 
Tier als einen Helfer anzusehen, wie er in Sagen und Märchen vorkomme. - Zu Recht als Wahr- 
sagevogel oder Vogelzeichen interpretieren die aeria ... avis SUERBAUM (1965) 491-496, 
LEFEVRE (1967), GRIGGS (1971) 86, LA PENNA (1979) 991 f. und PlANEZZOLA (1993). 
Vgl. LAPENNA(1979) 985 sowie McLAUGHLIN(1979) 270 f.; „Ovid's claim at w. 21-4 ... pre- 
pares the way for his invocation of usus ... he ist not referring to experience in general, but to his 
successes and especially his failures ... by making himself the ultor and the wrongdoer/victim 
Amor ... he can quite reasonably imply that the greater the wrong done to him as the injured 
party, the more determined an avenger he may be assumed to be." 

Die Interpreten sind sich zwar darüber einig, daß Ovid mit usus seine Erfahrungen als Liebhaber 
meint (vgl etwa BRANDT [1902] XVI), vernachlässigen aber bei der Gliederung den gedanklichen 
Zusammenhang zwischen den Versen 21-24 (Quelle des usus) und 25-30 (usus als Grundlage der 
Liebeslehren). Obwohl erst in Vers 30 klar wird, warum Ovid sich umso besser rächen kann, je 
grausamer ihn Amor verwundet hat, vermuten die meisten Autoren einen Einschnitt nach Vers 24, „ 
z. B. BRANDT, (1902) 5, KLIMT (1913) 2, LENZ (1961) 132 ff., KORZENTEWESKI (1964) 201, 
LÜDERTTZ (1970) 9, HOLLIS (1977) 31 und KETTEMANN (1979) 2. BlNNICKER (1967) 1 ff. 
verlegt den Einschnitt hinter Vers 22. - Ich möchte dagegen folgende Gliederung vorschlagen: 
1-4: Ovid befiehlt, die ars amandi zu erlernen und anzuwenden. 

5-8: Er ist der geeignete Lehrmeister, denn er wurde von Venus zum artifex Amoris ernannt 
9-30: Zwei mögliche Einwände werden vorweggenommen und widerlegt: 

9: Man könnte einwenden, Amor sei wild (a) und werde sich wehren (b). 
10-18 (sed in Vers 10; natus ... dea in Vers 18): Ovid erwidert auf den ersten Einwand (a), 
Amor sei wie der Knabe Achill zwar wild (saevus), aber doch in einem zarten (mollis) und 
lenkbaren Alter, auf das man durch sanfte Kunst (placida ars) Einfluß nehmen könne. 
19-30 (sed in Vers 19; mater Amoris in Vers 30): Gegen den zweiten Einwand (b) wird 
erwidert, daß gerade aus der Tatsache, daß Amor gegen Ovid gekämpft, d. h. ihn verliebt 
gemacht hat (fixit, ussit), dem Dichter der usus erwachsen ist, den er benötigt, um Amor zu 
bändigen wie ein störrisches Rind oder bockendes Pferd. Ovid braucht sich daher kein 
übernatürliches Wissen anzumaßen: Die Grausamkeiten, die er von Amors Hand erlitt, sind 
zugleich Quelle und Motivation der Lehren, mit denen er nun selbst den Gott im Zaum hält. 
29 f.: Im letzten Distichon nimmt Ovid außerdem Motive vom Anfang wieder auf und schließt so 

den Kreis: Er befiehlt Gehorsam (29 «=> 1-4) und ruft die Venus an (30 •=> 5-8). 
31-4: 'Salvatorische Klausel' 

Die Verse 9-30 bilden auch deswegen eine Einheit, weil in ihnen thematisch verwandte 'elegische' N 
Motive in einem kunstvollen Geflecht miteinander verknüpft sind. Vgl. dazu unten S. 17 ff. \ 



1.1 DIE FRAGESTELLUNG 5 

Zeigen nicht diese eindringlichen, fast epischen 14 Worte, daß es Ovid ernst ist mit 
seinem Versprechen, den Unwissenden das Lieben beizubringen? 

Zumal er sich in die Tradition der großen Lehrdichter einreiht: Schon Lukrez ruft im 
Proömium von De verum natura Venus, die Mutter der Aeneaden, um Beistand an 15 
und bittet sie, den Römern sanften Frieden zu bringen; denn solange Mars, besiegt von 
Amors Wunde, in den Armen dieser Göttin liege, ruhten seine wilden Werke. Auch 
Ovid schreibt für Römer (Ars 1,1: hoc ... popuio); mit sanfter Kunst und mit Hilfe der 
Venus wird er den wilden Amor, der ihn schon so oft verwundet hat, besiegen. 16 Der 
gebildete Leser wird sich ferner erinnern, wie Vergil die Lehren der Georgica ankün- 
digt und Octavian bittet, das verwegene Unterfangen zu segnen (Verg. G, 1,5, 40): X1 

hinc canere ineipiam ... 

... audaeibus ad wie coepii s . 

Der Liebeslehrer maßt sich nicht an, Kunde von Geheimnissen zu geben, die man 
allein durch mantische oder musische Inspiration erfährt; nur das, wovon er selbst 
etwas versteht, will er lehren. Darin folgt er dem Vorbild des Hesiod, auf dessen Theo- 
gonie er in den Versen 27 f. anspielt. Für dieses theologische Werk bedurfte Hesiod 
zwar der Inspiration durch die Musen (Hes. Th. 22 ff.); denn Wissen über die Götter 
kann man nur von den Göttern erlangen. Doch sein zweites Lehrgedicht mit prakti- 
schen Regeln für den Landmann verfaßte Hesiod aufgrund eigener Erfahrung. Zu Be- 
ginn der Werke und Tage bittet er die Musen, von Zeus zu singen, und den Zeus, daß 
er Recht und Gesetz walten lasse. Das sind die Aufgaben der Götter; Hesiod aber will 
seinem Bruder Perseus Wahres sagen (Hes. Op. 1 ff., bes. 10): 18 



14 
15 



Vgl. besonders Verg. A. 7,45: maius opus moveo. 

Lucr. 1,1: Aeneadum genetrix (vgl. Ars 1,30: mater amoris); Lucr. 1,24: te sociam studeo 
scribendis versibus esse. Zur Anrufung der Venus vgl. a. MURGATROYD (1982) 55. 
Lucr. 1,31-40: nam tu sola potes tranquilla pace iuvare / mortalis, quoniam belli fera (vgl. 
Ars 1,9) moenera Mavors / armipotens regit (Ars 1,4), in gremium qui saepe tuum se / reicit 
aeterno devictus vulnere amoris (Ars 1,21), / ... fiinde petens placidam (Ars 1,12) 
Romanis (Ars 1,1), incluta, pacem. Man beachte außerdem, daß Amor in der Ars mit dem 
kriegerischen Achill, einem Jünger des Mars, verglichen wird. LENZ (1961) 136 f. meint, die 
Wendung aeriae ... avis (Ars 1,26) solle vielleicht an das Proömium von De rerum natura er- 
innern (Lucr. 1,12: aeriae ... volucres). Allerdings ist das Adjektiv aerius als Epithethon von 
Vögeln auch bei anderen Autoren vor Ovid nicht ungebräuchlich, vgl. TLL I, 1062, 22 ff. 
Anscheinend war Vergil der erste, der sein Werk im Proömium als coepta bezeichnet. Ovid über- 
nimmt den Ausdruck im selben Kasus hier zum ersten Mal, später noch Rem. 704 und Met. 1,2; 
vgl. außerdem z. B. Man. 3,36 f.: huc ades, o quicumque meis advertere coeptis / aurem 
oculosque potes, veras et pereipe voces; [Verg.] Culex 25: Octavi venerande, meis ad labere 
coeptis. -Wie Ovid (Ars 1,1) und Hesiod (z. B. Op. 286: peya vfjjtte fiepen) betont Vergil, 
die Unwissenheit derer, die durch das Lehrgedicht unterwiesen werden sollen (Verg. G. 1,41: 
ignarosque viae ... agrestis). Zu diesem Topos der didaktischen Poesie vgl. PlANZZOLA (1993) 
185 sowie SCHIESARO u. a. (1994). 

Bereits HOLLIS (1977), meint, daß in den Worten vera canam (Ars 1,30) eine Anspielung auf 
diesen Vers des Hesiod liege; vgl. a. MURGATROYD (1982). Sil- UDIiL ( 1 992) 30 weist daraufhin, 



6 Einleitung - Proömium und Partitio (Ars 1 , 1 -40) 

eycb Ö£ Ke Ilepori friiTVW tfVpmrafMTI v - 
Was er selbst durch Beobachten und Nachdenken (voicov) für gut erkannt hat, lehrt er 
den törichten Bruder (Hes. Op. 286). Nur bei den Vorschriften zum Seehandel, in dem 
er selbst keine Erfahrung hat, muß er sich auf die Autorität des Zeus und der Musen 
stützen. 19 

Gesetzt den Fall, der Student in dem Buchladen wäre nun überzeugt gewesen, in der 
Ars amatoria gebe ein erfahrener Fachmann handfeste Lebenshilfe in Liebesdingen, 
gesetzt, er wäre Ovids Aufforderung (Ars 1,1 f.) gefolgt und hätte das Werk gelesen, 
um fortan mit Verstand zu lieben, - so würde ihn mancher moderne Interpret be- 
lächeln. Denn trotz allem, was im Proömium über den Zweck des Buches ausdrücklich 
oder in Anspielungen gesagt wird, ist man sich heutzutage keineswegs darüber einig, 
welche Absichten der Dichter mit diesem Werk verfolgt. So bestreitet etwa HOLLIS, 



daß der Anrufung des Zeus in den Werken und Tagen die Anrufung der Venus in der Ars ent- 
spricht. „Beide Götter stehen in enger Beziehung zur Thematik der Werke." - Im Gegensatz zu 
der hier vorgetragenen Ansicht glauben viele Interpreten, Ovid parodiere in den Versen Ars 1,25- 
30 traditionelle Lehrgedichte nach Art des Hesiod, in denen der Dichter die Götter fromm um 
Beistand bitte, z. B. POHLENZ (1913a) 130, LENZ (1961) 132, KORZENIEWSK1 (1964) 212, 
PIANEZZOLA (1972) 44 f., HOLLIS (1977) 35, STEUDEL (1992) 29 ff., 125 IT. und schon KENNEY { 
(1958) 205. In einer späteren Arbeit vertritt KENNEY allerdings die These, bereits Lukrez distan- 
ziere sich in literarischer Polemik gegen Ennius von der Vorstellung, er werde durch eine göttliche 
Macht inspiriert. So mache Lukrez deutlich, daß er sich nicht auf Offenbarungswissen, sondern 
auf rationale Erkenntnis stütze (KENNEY [1970] 372 ff.)- Demnach nähme Ovid in der Ars die- 
selbe Haltung ein wie Lukrez, anstatt gegen den älteren Dichter zu polemisieren. - Doch auch 
wenn Ovid dasselbe sagt wie einer der 'ernsten' Lehrdichter, sieht man darin oft eine Parodie, so 
gerade in der Berufung auf usus, da Lukrez und Vergil den Zusammenhang zwischen usus und 
ars ebenfalls herausstellen (z. B. Lucr. 5,1448 ff., Verg. G. 1,133 f.; vgl. STEUDEL [1992] 132 f. 
mit weiterer Literatur). - Einer Anregung von HOLLIS (a.a.O) folgend, will MILLER (1983) 29 „ 
zeigen, daß sich Ovid scherzhaft ausgerechnet von den Göttern distanziere, die Kallimachos in 
denAWa inspirierten (bes. frgg. 2 und 112 PFEIFFER). Daß Ovid seine praktische Erfahrung be- 
tone, erinnere außerdem an Kallimachos' Versicherung, nichts Unbezeugtes zu singen (frg. 612 
PFEIFFER: äpdprupov ouöev äet'öco; vgl. a. STEUDEL [1992] 133; PIANEZZOLA [1993] 191). 
Indes erklärt Kallimachos nur, er singe gut Bezeugtes; von personlich Erlebtem ist überhaupt 
nicht die Rede. 

Hes. Op. 646 ff.: Obwohl er nur einmal über die Meerenge zwischen Böotien und Euböa über- 
gesetzt sei, könne er den Bruder in der Seefahrt unterweisen und den Willen des Zeus verkünden, 
denn die Musen hätten es ihn gelehrt: äXXä Kai cbq epeco Znvdg vöov alytöxoto / Movaat ydp p' 
iStöa^av ädiotparov üpvov äeiSeiv (661 f.). - Genauso verfahrt übrigens Ovid, wenn ihm die per- 
sönliche Erfahrung fehlt. So wird er im dritten Buche von Venus inspiriert, damit er die Liebe aus 
der Sicht einer Frau lehren kann (Ars 3,53-56). Er bittet auch um göttlichen Beistand für beson- 
ders schwere Aufgaben (2,15 f.) oder bei einem Thema, das Anstoß erregen könnte; wenn er dann 
im Auftrag einer Gottheit spricht, kann man ihm nicht mehr vorwerfen, was er sage, sei obszön 
(3,769 f.; vgl. VON ALBRECHT [1992] 213 f.). Wieder eine andere Funktion erfüllt die Epiphanie 
des Apollo im zweiten Buch (2,493 ff; vgl. dazu 6.5.1.1). - Überhaupt sind musische Inspiration 
und persönliche Erfahrung für Ovid miteinander vereinbar. Bei einer Vorschrift, die ihm sehr am 
Herzen Hegt, beruft er sich auf beides zugleich und stellt es mit Orakelsprüchen auf eine Stufe 
(Ars 3,789-792): sed neque Phoebei tripodes nee corniger Ammon / vera magis vobis quam 
mea Musa canet; / si quafides arti, quam longo feeimus usu, / credite: praestabunt carr\ 
mina nostra fidem. * Y 



1.1 DIE FRAGESTELLUNG 7 

daß man es mit einem praktischen Handbuch zu tun habe: „It was not really intended 
as a practical guide to ensnaring the opposite sex ..." und MURGATROYD, ebenfalls 
ein Kenner erotischer Dichtung, hält die Ars für einen gelungenen Scherz: „Of cöurse, 
the Ars is not seriously intended as a practical handbook, but is humorous in both 
intent and execution. The whole coneept of the poem is a joke." 20 Vorsichtiger urteilt 
Wellmann-Bretzigheimer: „Zweifellos ... will die ars amatoria ... nicht etwa ein 
Handbuch für erotisch Unerfahrene sein, sondern eine geistreich-amüsante Unterhal- 
tung für das gebildete römische Lesepublikum. Und dennoch scheint hinter dem Ver- 
gnüglichen, dem Prickelnden, Witzigen und Parodistischen, das dem Werk seinen 
bestimmenden Charakter verleiht, eine bestimmte Lehrintention durch, allerdings 
weniger auf der Ebene der realen Verfahrensgebote als auf einer höheren, der 'syntag- 
matischen' Ebene." 21 Etwas weiter wagt sich GREEN vor: Er zeigt, daß Ovid in den 
Medicamina faciei femineae durchaus vernünftige Rezepte für wirksame Kosmetika 
gibt, und folgert, Ovid hätte seinen Stoff wohl kaum so sorgfältig aufbereitet, wenn er 
nur ein geistreiches literarisches Spiel hätte treiben wollen. 22 Und daraus, daß die 
Medicamina seiner Meinung nach einen praktischen Zweck erfüllten, ergibt sich für 
GREEN die weitere Frage, ob dasselbe nicht auch für die Ars amatoria gelten könnte: 
„. . . if the Med. Fac. was intended as serious practical advice, is it not possible that we 
have, similarly, underestimated the practical purpose of The Art ofLove?" n 



21 
22 



HOLLIS (1973) 85, MURGATROYD (1982) 9; vgl. z. B. noch DALZELL (1996) 144: „The working 
hypothesis of the Ars is that success in love is teachable. The claim, of course, is a comic pre- 
tence." 

Wellmann-Bretzigheimer (1981) 14 

P. GREEN, Ars Gratia Cultus: Ovid as Beautician, AJPh 100 (1979) 381-392. - Es besteht aller- 
dings die Möglichkeit, daß den Medicamina das Werk eines Fachschriftstellcrs zugrunde liegt, 
vgl. etwa F. W. LENZ, Ovid. Heilmittel gegen die Liebe. Die Pflege des weiblichen Gesichtes, lat. 
und dt., 2. Aufl. Berlin 1969, 109. Ovid könnte dann zufällig an eine gute Quelle geraten sein, 
vielleicht an ein Buch, das damals von der Damenwelt besonders gerühmt wurde. 
GREEN a.a.O. 392 - Noch entschiedener äußert sich MARCHESI (1916) 132 ff.: Das Werk sei ein 
ernstgemeintes Lehrgedicht und „una profunda flsiologia delfamore corrente" (134). - In seiner 
zweisprachigen Ausgabe aus dem Jahre 1992 mochte auch HOLZBERG die Ars nicht „als Scherz 
abtun", sondern glaubte, „daß die ovidische Erotodidaktik zumindest vom modernen psycholo- 
gischen, sexualwissenschaftlichen, anthropologischen und soziologischen Standpunkt aus zweifel- 
los irgendwie ernst zu nehmen ist, auch wenn sie in einem humorigen Ton vorgetragen wird." 
Man müsse daher, fuhr HOLZBERG fort, „die grundlegende Frage ... stellen, ob der Dichter in 
seiner eigenen Zeit seine Liebeslehren gleichfalls ernst nahm" (268). In seiner neuesten Arbeit zu 
Ovid betont HOLZBERG (1997) 101 ff. dagegen den literarischen Charakter der Ars, in der Ovid 
das „elegische System" spielerisch auf das Lehrgedicht übertrage. - Eine fiir eine breiteres Publi- 
kum gedachte Paraphrase der Ars, ergänzt durch archäologische und kulturgeschichtliche Erläu- 
terungen, bietet K.-W. WEEBER, Flirten wie die alten Römer, Düsseldorf7Zürich 1997. WEEBER 
versteht sein Buch „gleichermaßen als kulturgeschichtliches Sachbuch wie als Flirt-'Ratgeber' 
mit durchaus praktikablen Tips". Zwar spiele Ovid „mit der Gattung Lehrgedicht", wolle aber 
„doch auch ernsthaft belehren" (12). 



Einleitung - Proömium und Partitio (Ars 1 , 1 -40) 



1.2 Die erste Arbeitshypothese: Die Ars als praktisches Handbuch 

Ein Beitrag zur Beantwortung dieser Frage soll die vorliegende Arbeit sein, und zwar 
in der Form eines Experimentes: Ausgehend von der Hypothese, Ovid habe seine 
Lehren ernst gemeint, will ich die Ars amatoria als das interpretieren, was er im Pro- 
ömium ankündigt: eine praktische Schule der Liebe. Sollte dieser Weg zu sinnvollen 
Ergebnissen führen, könnte dies ein Indiz dafür sein, daß die zugrundeliegende Hypo- 
these der Wahrheit entspricht. 

Obwohl sich die Forschung in zahlreichen Aufsätzen und Monographien um das 
Verständnis der Ars bemüht hat, wurden Ovids Lehrmethoden bisher nicht hinreichend 
erforscht. 24 Einige Autoren diskutieren mögliche Vorbilder für einen erotischen Rat- 
geber; andere behandeln das Verhältnis der Ars zum Lehrgedicht, wobei man meist zu 
dem Ergebnis kommt, Ovid parodiere die traditionelle didaktische Poesie (vgl. 8.1). 
Sollte diese These zutreffen, so wäre es zwar nicht unmöglich, aber doch unwahr- 
scheinlich, daß Ovid seine Liebeslehren ernst meint. Ausgeschlossen ist dies, wenn 
diejenigen Autoren recht haben, die der Ansicht sind, daß Ovid seine eigenen Lehren 
selbstironisch untergrabe (vgl. 8.2). 

Solche Thesen wurden an einzelnen, aus dem Kontext herausgegriffenen Passagen ent- 
wickelt; überprüfen kann man sie nur dadurch, daß man Ovids Vorschriften im 
Zusammenhang auf ihren didaktischen Wert untersucht. Zu diesem Zwecke 
will ich den Lehrgang für Männer in einer durchgehenden Interpretation Schritt für 
Schritt nachvollziehen (Kapitel 2 bis 6) und in einem kurzen Überblick das Verhältnis 
der Lehren für Frauen im dritten Buch zu den vorangegangenen Büchern erörtern. Eine 
vollständige Interpretation des dritten Buches kann im Rahmen dieser Arbeit allerdings 
nicht geleistet werden. Es soll nur geprüft werden, ob Ovid dort dieselben Ziele ver- " 



Nur selten findet man Bemerkungen zur didaktischen Funktion einzelner Passagen, z, B. in dem 
Aufsatz von FINK (1983), der Ovids Lehren mit den Erkenntnissen der modernen Verhaltensfor- 
schung vergleicht, oder in WEBERS Monographie (1983) über die mythologischen Exkurse. Eini- 
ges beobachtet auch WELLMANN-BRETZIGHEIMER (1981); sie betont (S. 1): „...- daß ein Lehr- 
dichter die didaktische Situation als strukturbestimmenden Faktor so lebendig werden läßt, daß er 
den Personen (Lehrer-Schüler) und dem pädagogischen Prinzip einer Abhängigkeit der Lehre von 
docentes sowie docendi Rechnung trägt - wenngleich schalkhaft in einer fiktionalen Konstruk- 
tion-, ist meines Wissens singulär." - KENNEY (1958) 202-204 stellt didaktische Wörter und 
Wendungen zusammen, wie man sie auch in den Lehrgedichten des Lukrez und Vergil findet. 
Diese Arbeit wurde fortgeführt z. B. von VIANSINO (1969), HOLLIS (1977), PÖHLMANN (1973) 
859 ff., SCHLUETER (1975) 98 ff., EFFE (1977) 238 ff., KÜPPERS (1981) 2530. ff. und STEUDEL 
(1992). - All diese Autoren analysieren jedoch den didaktischen Stil und befassen sich nicht 
mit der Frage, inwieweit der Stil die Lehre fördert. Dies verspricht KETTEMANN (1979): Sie will 
zeigen, wie Ovid die Struktur des elegischen Distichons zu didaktischen Zwecken nutzbar macht 
(vgl. S. XXXIV ff); leider gelangt sie dabei über ästhetische Urteile kaum hinaus. - JONES^ 
(1997) untersucht die Argumentationsstruktur der Remedia amoris: Ovid argumentiere entspre\ 



1.2 DIE ERSTE ARBEITSHYPOTHESE: T>mÄRS ALS PRAKTISCHES HANDBUCH 9 

nicht geleistet werden. Es soll nur geprüft werden, ob Ovid dort dieselben Ziele ver- 
folgt wie bei der Schulung der Männer oder ob er dadurch, daß er nun auch die andere 
Partei für den Geschlechterkampf rüstet, das bisher Erreichte zunichte macht/ seine 
Liebeslehren also ad absurdum fuhrt (Kapitel 7). 25 Erst nachdem diese Vorarbeit getan 
ist, sollen abschließend die Ergebnisse der bisherigen Forschung diskutiert werden, vor 
allem die Gründe, die man gegen eine ernsthafte Lehrabsicht Ovids vorgebracht hat 
(Kapitel 8). 



Vgl. z. B. DURLING (1958) 165 f. sowie WELLMANN-BRETZIGHEIMER (1981) 4, die auch eine 
Liste mit „Responsionen von Buch III zu Buch I/II" vorlegt (13 f. Anm. 23). 



10 



Einleitung - Proömium und Partitio (Ars 1 , 1 -40) 



1.3 Die zweite Arbeitshypothese: Schülerkreis und Gegenstand der Lehre 

Will man den didaktischen Wert eines Lehrbuches beurteilen, muß man zunächst 
wissen, was sein Gegenstand ist und für welchen Schülerkreis es geschrieben wurde. 
Was die zweite Frage betrifft, mag es zunächst genügen, den Kreis der männlichen 
Schüler etwas genauer zu bestimmen: 26 Zwar können Ovids Lehren, wie er selbst sagt, 
allen Männern nutzen (Ars 1,267), doch wendet er sich besonders an ganz junge 
Leute, 27 die in der Liebe noch keine Erfahrungen gemacht haben und daher die ars 
amandi nicht beherrschen (Ars 1,1). Sie greifen nun erstmals zu den neuen Waffen 
(Ars 1,36). Solche Heranwachsenden, ja fast noch Knaben, sind - wie der kleine Amor 
(Ars 1,10) - formbar und offen für die Erziehung, die Ovid ihnen angedeihen lassen 
will. Mit großem Interesse werden sie seinen Lehren folgen, denn in diesem Alter ist 
Liebe ein aufregendes Geheimnis, über das man mehr zu erfahren wünscht. So ver- 
wundert es auch nicht, daß die römischen Elegiker die Jugend ebenfalls zu ihren eifrig- 
sten Lesern rechnen. 28 

Die Frage nach dem Lehrgegenstand ist noch nicht erschöpfend beantwortet, wenn 
man sagt, Ovid wolle Liebe lehren. Denn es gibt verschiedene Formen der Liebe. So 
kann man etwa Knaben lieben oder Frauen, Prostituierte oder Damen, die keinem sol- 
chen Gewerbe nachgehen. Viele locken die Reize des Fleisches, manche aber streben 
nach der Vereinigung mit einem besonders edlen Geist. Der eine bevorzugt den Ehe- 
bruch, der andere verführt eine keusche Bürgerstochter, die er dann heiratet, wie die 
jungen Männer in der Komödie. Eine weitere Form ist diejenige, die ich 'sympotische' 
Liebe nennen möchte: mehr oder weniger flüchtige Affaren im Rahmen eines Gast- 
mahls, wie sie Horaz in seinen Oden beschreibt. 29 Da Ovid selbst Liebeselegien ver- 
faßt hat und für sein Lehrgedicht statt des üblichen Hexameters das elegische Disti- - 
chon wählt, liegt, die Annahme nahe, daß die Ars von 'elegischer' Liebe handelt. 30 



Eine ausführlichere Typologie der männlichen und weiblichen Schüler ist bei DALZELL (1996) 
152 ff. nachzulesen. 

27 Vgl. Ars 1,273; 1,459; 1,735; 2,9; 2,108 ff.; 3,811. - Es war anscheinend üblich, daß ein Römer 
noch im zweiten Lebensjahrzehnt, nach dem Anlegen der toga virilis, seine ersten sexuellen Er- 
fahrungen machte (vgl. Prop. 3,15,3 f.: ut mihi praetexti ptidor est ?sublaius amictus / et data 
libertas noscere amoris iter). In diesem Alter begannen Properz und Ovid mit der Liebes- 
dichtung; vgl. Prop. 1,1,2 und zu Ovid oben Anm. 10 sowie POHLENZ (1913a) 116. - Zu einer 
weiteren Einschränkung des Schülerkreises auf „arme" Männer vgl. 5.1.4. Daß es sich in Wirk- 
lichkeit um im modernen Sinne vermögende Leute, um Ritter und Senatorensöhne gehandelt 
haben dürfte, versteht sich von selbst; vgl. SCHLUETER (1975) 139 ff; DALZELL (1996) 153 
sowie zu den Vermögens Verhältnissen der Elegiker selbst S. MRATSCHEK, Divites et praepoten- 
tes. Reichtum und soziale Stellung in der Literatur der Prinzipatszeit, Stuttgart 1993, 22 f., 30. 

28 Ov. Am. 2,1,5 f.: me legat ... / ... rudis ignoto tactus amorepuer; Prop. 1,7,23 f.; Tib. 1,4,80. 

29 Zu dieser Liebesform im Gegensatz zu 'elegischer' Liebe vgl. LYNE (1980) 201 ff. 

30 Daß Ovid in der Ars zahlreiche Motive aus der Liebeselegie übernimmt, wurde schon längst be-v 
merkt. Einzelne Parallelen sind nachgewiesen z. B. bei A. ZlNGERLE. Ovidius und sein Verhältnis 



1 . 3 Die zweite Arbeitshypothese: Schülerkreis und Gegenstand der Lehre 1 1 

Darauf deuten auch die Formulierungen hin, mit denen er in der Partitio das Programm 
der ersten beiden Bücher umreißt (Ars 1,35-38): 

principio, quodamare velis, reperire labora, 

qui nova nunc primum miles in arma venis; 
proximus huic labor estplacitam exorare puellam; 

tertius, ut longo tempore duret amor. 

Drei Konzepte prägen in besonderem Maße den Charakter der 'elegischen' Liebe: Der 
'elegisch' Liebende empfindet seine Liebe erstens als einen Kriegsdienst unter Amors 
Banner, der ein normales Leben und eine standesgemäße Karriere ausschließt (militia 
amoris); gleich einem Sklaven fristet er zweitens ein Dasein in demütigender Ab- 
hängigkeit von einer hartherzigen, übermächtigen Frau (servitium amoris); dennoch 
fühlt er sich drittens zu Treue verpflichtet und möchte nur mit dieser geliebten Frau auf 
ewig zusammen sein (ßdes/foedus aeternum). 31 Auf diese drei Konzepte spielt Ovid in 
der Partitio an: Der Schüler ist erstens ein junger Rekrut, der Mühen ertragen muß, 
zweitens soll er durch demütige Bitten (exorare) die Dame für sich gewinnen, und sein 
Trachten wird drittens danach gehen, dieser Liebe Dauer zu verleihen. 



zu den vorangegangenen und gleichzeitigen römischen Dichtern, Innsbruck 1869-71; LÜNEBURG 
(1888); R. MÜLLER, Motivkatalog der römischen Liebeselegie, Zürich 1952; KÖLBLINGER 
(1971); DALZELL (1996) 137 f.. Interessante Einzelbeobachtungen finden sich in den Arbeiten 
von SCHLUETER (1975) und GlANGRANDE (1991). Dagegen bieten die Kommentare - mit Aus- 
nahme der Arbeit von JANKA (1997) - zum Verhältnis zwischen Elegie und Ars nur wenig Mate- 
rial; sie richten ihr Augenmerk auf hellenistische Quellen oder suchen Parallelen zu anderen Lehr- 
dichtern; so wird etwa der elegische Hintergrund des Gleichnisses von Pflugstier und Pferd zu 
wenig gewürdigt oder gar ganz übersehen (Ars 1,19 f., vgl. S. 17 ff.). - In der Beurteilung des 
Verhältnisses von Ars und Liebeselegie ist man mittlerweile über KROLLs These, die Ars sei eine 
„Aneinanderreihung elegischer Stoffe", hinausgekommen (W. KROLL, Studien zum Verständnis 
der römischen Literatur, Stuttgart 1924, 197). Einige Autoren betonen, daß der praeeeptor 
amoris der Ars über der Welt stehe, die er in lehrhafter Weise beschreibe, während der 'elegisch' 
Liebende in diese Welt leidvoll verstrickt sei (vgl. bes. KÜPPERS [1981] 2512 ff, aber auch 
DURLING [1958] und STROH [1979a] 129 ff). Ferner erkennt man eine im Gegensatz zur Elegie 
systematische, objektivierende Darstellungsweise, verbunden mit einer Sicht der Liebe, die oft als 
kalt, banal oder zynisch empfunden wird (z. B. KRAUS [1968] 96 f., KÜPPERS a.a.O., WELL- 
MANN-BRETZIGHEIMER [1981] 7 ff, PlANEZZOLA [1993] X ff, DALZELL [1996] 146). Dem- 
gegenüber betont HOLZBERG (1997) 102, daß die Ars gerade nicht als systematisches Lehrbuch 
konstruiert sei. Der Schüler durchlaufe vielmehr einen „elegischen Liebesroman". - MYEROWITZ 
(1985) 1 13 ff meint, Ovid parodiere in der Ars poetologische Konzepte der Elegie, insbesondere 
das Motiv von der Geliebten als Quelle der Inspiration. Außerdem kehre Ovid elegische Motive 
1 dadurch um, daß er die Konvention über das Gefühl stelle (181 ff): „More than merely reworking 
the Amores, the Ars Amatoria scrutinizes the Conventions of elegy and demonstrates at every pos- 
sible point that Convention and form - art and game playing - are more enduring than any natural 
sentiment that may impel them or that they may impel." - GRIMAL (1987) ist der Ansicht, gegen- 
über Properz „entmystifiziere" Ovid in der Ars die Liebe; er erweise sich als nüchterner Realist 
ohne erotische Ideale. 

Zu diesen Konzepten und zur Typologie der 'elegischen' Liebe vgl. bes. BURCK (1952), LlLJA 
(1965), LYNE (1980) 65 ff, STROH (1983), HOLZBERG (1990a) 10 f. - Ausführlicher werden die 
drei Konzepte unten behandelt, jeweils im Zusammenhang mit den entsprechenden Lehren der Ars 
(Kapitel 5.2, 5.3 und 6.1), 



12 



Einleitung - Proömium und Partitio (Ars 1 , 1 -40) 



Zur Typologie der 'elegischen' Liebe gehört allerdings auch, daß der Liebende leidet 
und schließlich scheitert. Delia und Marathus betrügen Tibull, und es kommt zum 
Bruch; Nemesis weist ihn von vornherein ab. Properz entfremdet sich zunehmend von 
seiner untreuen und hochfahrenden Geliebten, bis er ihr endgültig die Absage erteilt. 
Weder Tibull noch Properz können also das Ideal des foedus aeternum verwirklichen. 
Gleichzeitig leiden sie als Soldaten und Sklaven der Liebe so, wie Properz es einmal in 
einem Fluch zusammengefaßt hat. Derjenige, der die Treue bricht, möge sich mit 
Schande überhäufen, und noch nicht einmal das Fenster der Geliebten stehe ihm offen; 
immer soll er lieben, ohne je die Freuden der Liebe zu genießen (Prop. 3,20,27-30): 

Uli sint qiiictimque solent in amore dolores, 

et capat argutae praebeat historiae; 
necflenü dominae pateflant noctefenestrae: 

semper amet, fructu semper amoris egens. 

Der Liebende wird also einerseits zum verspotteten Außenseiter und gerät mit den 
herrschenden Normen in Konflikt, weil er zu einem anständigen Leben nicht mehr 
fähig ist; andererseits leidet er, weil die Geliebte ihn abweist, während er selbst nicht 
auf sie verzichten kann und ihr trotz aller Demütigungen sklavisch ergeben ist. Wie 
Sisyphus müht er sich ohne Ende und stets vergeblich, immer wird sein Verlangen ge- 
rade dann frustriert, wenn ihm die Erfüllung so nahe scheint, wie dem dürstenden 
Tantalus das Wasser. Niemand, sagt Properz, trägt ein härteres Los als der 'elegisch' 
Liebende; kein vernünftiger Mensch wollte freiwillig solche Höllenqualen leiden 
(Prop.2,17,5-10): 33 



32 Vgl. COMMAGER (1974) 12 ff., 26 ff. - Die Liebe oder die geliebte Frau werden oft als Übel ^ 
(malum) bezeichnet (Prop. 1,1,35; 1,5,4; 1,7,14; 1,9,18; 2,4,10; 2,22a,2; 2,25,48; Tib. 2,5,108; 
2,6,19; Ov, Ahi. 2,5,4; 2,9b,26). Properz nennt sich bereits im ersten Vers der Monobiblos 
miser; Tibull beginnt seine zweite Elegie mit einer Klage über novos ... dolores. Beide Dichter 
finden ausdrucksvolle Bilder ruf die Qualen der Liebe (z. B. Prop. 1,5,5 f.; 2,25,11 ff; Tib. 1,5,3 
f.; 2,4,5-12). Auch die geläufige Metapher vom Feuer der Liebe ist in der Elegie durchaus wört- 
lich zu nehmen als peinigendes Brennen (Prop. 3,6,39; 3,24,13; Tib. 1,8,7; 2,4,5 ff; 2,6,5). 
Dolor ist bei Properz geradezu ein Synonym für amor (Prop. 1,10,13; 1,17,19 f.; 2,15,35; 
2,16,31 f.; vgl. COMMAGER [1974] 28 f.). Sogar wenn die Geliebte sich gewogen und zärtlich 
gibt, muß der Liebende leiden (Prop. 1,5,9 ff; 1,10,2 + 13; 2,15,35). - Im dritten Buch des 
Properz und in Ovids Amores tritt das Schmerzmotiv weniger stark hervor; dennoch nennt sich 
auch Ovid in seiner ersten Elegie miser (Am. 1,1,25) und klagt an anderer Stelle über die Pein der 
Eifersucht (Am. 2,5,1-4; 3,14,37 ff) und über Amors Grausamkeit (Am. 2,9a). 

33 Vgl. zu dieser Stelle noch Prop. 1,9,15 f. (nunc tu 7 insanus medio flumine quaeris aquam) 
sowie LYNE (1980) 92 f. - Mit den Foltern berühmter Sünder vergleicht Properz die Qualen der 
Liebe außerdem 2,25,14 (der Liebende zöge es vor, wie Prometheus von Vögeln zerfleischt zu 
werden) und implizit 2,1,65-70: Wer Properz von seiner Liebe heilen könnte, der wäre imstande, 
sogar Tantalus, die Danaiden und den Prometheus zu erlösen; vgl. KÖLMEL (1957) 103 f., 1 10 f. 
Erfüllt von bitterer Ironie ist eine andere Stelle, an der sich Properz verdammt, dasselbe zu er- 
leiden wie Sisyphus und Tityos, sollte er Cynthia untreu werden (Prop. 2,20,30-32), wohl 
wissend, daß er solche Qualen gerade wegen seiner Treue bereits leidet. - Vorbild für solche Ver- X 
gleiche könnte Lukrez gewesen sein, der die Qualen der Unterweltssünder als Exempel für das\ 



1.3 Die zweite Arbeitshypothese: Schülerkreis und Gegenstand der Lehre 13 

vel tu Tantalea moveare adflumina sorte, 

ut liquor arenüfallat ab ore silim; 
vel tu Sisyphios licet admirere labores, 

difficile ut toto monte volutet onus; ' 

durius in terris nihil est quod vivat amante, 

nee, modo si sapias, quod minus esse velis. 

Wenn aber 'elegische' Liebe ein Übel ist, das einem nur Unglück und Schmerzen be- 
reitet, will sie dann überhaupt jemand lernen? Ist Ovid wirklich so grausam, daß er von 
seinen Schülern erwartet, sich in einer Kunst des Leidens zu üben? Das ist kaum 
anzunehmen, und ich möchte daher meiner Interpretation noch eine zweite Hypothese 
zugrundelegen: Ovid lehrt 'elegische' Liebe, aber in einer abgewandelten, glücklichen 
Form. 34 



interpretiert, was falsche Begierden den Menschen antun. So sei der Liebende ein Tityos (Lucr. 
3,992 ff.): sed Tityos nobis hie est, in amore iacentem / quem volucres lacerant atque exest 
anxius angor / mit alia quavis scindunt cuppedine curae, , Man beachte auch, daß Lukrez 
(4,1097 ff.) den Liebenden mit einem Durstigen vergleicht, der das Wasser trinken will, von dem 
er träumt, und dabei in medioque sitit torrenti flumine potans (1 100), wozu BROWN (1987) 236 
bemerkt: „the idea of fiustrated thurst specifically recalls the punishment of Tantalus". 
Angeregt wurde ich hierzu durch eine Bemerkung HOLZBERGs (1981) 197: „Wenn nun, wie be- 
reits angedeutet wurde, die Lehren der Ars und der Remedia in direkter Auseinandersetzung mit 
der Wertewelt der Liebeselegien stehen, dann müßte sich durch einen sorgfältigen Vergleich zwi- 
schen den elegischen Grundhaltungen und den Verhaltensregeln, die der praeeeptor amoris ihnen 
entgegensetzt, eine Antwort auf die Frage finden lassen, ob die in den beiden erotischen Lehr- 
gedichten vorgeschlagenen Alternativen bei aller Heiterkeit der äußeren Form nicht auch im 
Grunde ernst genommen sein wollen." HOLZBERG selbst vergleicht im folgenden die Darstellung 
des servitiam amoris in Ars und Liebeselegie und erkennt in der Ars das „Bemühen, die Liebe 
zwischen den Geschlechtern, so gut es geht, ihrer krankhaften und selbstzerstörerischen Züge zu 
entkleiden und sie statt dessen zu humanisieren" (S. 204). Ähnliches bemerkt bereits FRÄNKEL 
(1945) 53 ff.: Gerade dann, wenn er von 'Erlebnissen' spreche, die er bereits in den Amores be- 
schrieben hatte, werde Ovids neue Haltung deutlich. „Ovid . , . intends to Substitute, as it were, 
pleasant and melodious tunes for the tumult of inordinate passion"; vgl. ferner WELLMANN- 
BRETZIGHEFMER (1981) 14 ff. - HOLZBERG selbst kommt neuerdings zu einem anderen Ergebnis: 
Zwar sieht er nach wie vor einen wichtigen Schlüssel zum Verständnis der Ars in ihrem Ver- 
hältnis zur Liebeselegie. Doch beobachtet er nunmehr eine eher literarische als sachliche Ausein- 
andersetzung: „Um seinen Lesern und Leserinnen zu zeigen, wie sie die Leiden elegisch Liebender 
vermeiden können, schlüpfte Ovid in die neue Rolle des 'ich' sagenden Licbeslchrers und unter- 
wies sie systematisch in allen mit Erotik verbundenen Kenntnissen und Künsten. Es entstand per 
Gattungsmetamorphose aus den Amores ... der elegische Gattungstyp des erotischen Lchrge- 
dichts" (HOLZBERG [1997] 28, vgl. a. 102). Daß der Wandel von leidvoller 'elegischer' Liebe zu 
schmerzfreier, zynischer Liebeskunst die Voraussetzung für die Kreuzung der Gattungen Elegie 
und Lehrgedicht sei, betont DALZELL (1996) 140: „Elegy depends on the view that Iove is a tor- 
ment: the Ars, on the other hand, presupposes that love is something to be managed. It is not 
simply, as several commentators have noted, that elegy is subjeetive and didactic poetry objee- 
tive. It is rather that the fiction which considers love an art to be taught changes the whole naturc 
of the experience described." Nach HOLZBERGs und DALZELLs Interpretationen wäre also das 
Versprechen, glückliche Liebe zu lehren, eine „Fiktion", sozusagen ein Vorwand, um die ge- 
wünschte „Gattungsmetamorphose" herbeizuführen; Ovid hätte sich zunächst für eine bestimmte 
Form (elegisches Lehrgedicht) entschieden und dann den Stoff so modifiziert, daß er ihn mühelos 
in die neue Form gießen konnte (vgl. a. 8.6). 



14 



Einleitung - Proömium und P artitio (Ars 1 , 1 -40) 



1.4 Die Umdeutung der 'elegischen' Liebe 

Daher übernimmt Ovid in der oben zitierten Partitio (Ars 1,35-38) zwar 'elegische' 
Konzepte und Wertvorstellungen, deutet sie aber so um, daß die Liebe ihren leidvollen 
Charakter verliert: Während der 'elegisch' Liebende von einem Treuebund bis zum 
Tode oder sogar über den Tod hinaus träumt und sich danach sehnt, in den Armen der 
Geliebten zu sterben und von ihr bestattet zu werden, 35 ist der Liebeskünstler weder 
bereit, aus Liebe zu sterben, 36 noch erwartet er, daß sein Glück ewig währt. Er ist nur 
bemüht, sich die Liebe seines Mädchens für eine lange Zeit zu erhalten. An das 
Ende der Beziehung ist von Anfang an gedacht. 37 Auch das Konzept des servitium 
amoris läßt der Liebeslehrer mit dem Wort exorare nur vorsichtig anklingen, und die- 
jenige, die durch Bitten erweicht werden soll, ist eine harmlose puella, keine über- 
mächtige domina. Wenn der 'elegisch' Liebende von seinem Kriegsdienst spricht, 
stellt er sich regelmäßig den echten Soldaten und die Schlachten der Liebe den wirk- 
lichen Kriegen gegenüber. So wird aus einer Metapher eine Antithese, und der 
Liebende erscheint als Außenseiter (vgl. 5.3.1). In der Ars dagegen bezeichnet Ovid 
seinen Schüler als Soldaten, ohne ihn mit realen Kriegern zu konfrontieren (Ars 
1,36); militia amoris ist hier nur eine treffende Metapher, aber kein Ausdruck irgend- 
eines Gegensatzes. 



Liebe bis zum Tod: Prop. 1,4,3 f.; 2,1,47 f. + 55 f.; 2,20,17 f.; 2,25,9; Tib. 1,6,85 f.; Ov. Am. 
1,3,17 f.; Verg. Ecl. 10,43 (möglicherweise auf Gallus zurückgehend). - Liebe über den Tod hin- 
aus: Prop. 1,19; Prop. 2,27,15 f. (die Geliebte kann einen von der Schwelle des Todes zurück- 
rufen); Tib. 1,3,57 ff. (Tibull wird nach seinem Tod in das Elysium der Liebenden versetzt). - 
Tod in den Armen der Geliebten: Tib. 1,1,59 f. - Die Geliebte bestattet den toten Liebhaber: Tib. 
1,1,61 ff.; Prop. 1,17,19 ff.; 2,13,17 ff.; 2,24,35 f.; 3,16,21 ff - Der Liebende folgt der Geliebten 
in den Tod: Prop. 2,26,19 + 57 f.; 2,28,39 ff. Vgl. a. H. DREWS, Der Todesgedanke bei den 
römischen Elegikern, Diss. Kiel 1952, KÖLMEL (1957) 209 ff; LlLJA (1965) 177 f.; C. W. 
MÜLLER, Imaginationen des Todes in den Elegien des Tibull und Properz, A & A 41 (1995) 132- 
141; T. D. PAPANGHELIS, Propertius: A Hellenistic Poet on Love and Death, Cambridge 1987; 
A. FOULON, La mort et l'au-delä chez Properce, REL 74 (1996) 155-167. Nicht zugänglich war 
mir K. BASSI, Desired Silence: Amor and Mors in Tibullus 1.1, SyllClass 5 (1994). 
Wenn der Schüler die Vorschriften des Liebeslehrers befolgt, wird er dazu auch keinen Grund 
haben. Für diejenigen, die das Lehrziel ferArs nicht erreichen und aus Liebeskummer Selbstmord 
begehen wollen, hat Ovid die Remedia amoris geschrieben (Rem. 15 ff). 
Ovid sagt nt longo tempore duret amor (Ars 1,38) und nicht etwa ut semper duret amor, wie 
Properz es formulieren würde, vgl. z. B. Prop. 1,19,26: non satis est ullo tempore lorigus amor; 
1,2,31: his tu semper eris nostrae gratissima vitae. - Ovid hat das Motiv übrigens bereits in den 
Amores verändert; dort bietet er der Geliebten an, ihr per longos annos zu dienen (Am. 1,3,5 - in 
Vers 17 f. verspricht er dann aber Treue bis zum Tode; vgl. ferner Am. 2,19,23: sie mihi durat 
amor longosque adolescit in annos). GAULY (1990) 197 ff diskutiert diese Stellen im Zusam- 
menhang mit Am. 3,2,62 (te dominam nobis tempus in omne peti). Anders als GAULY (und 
SHARROCK [1994] 48) glaube ich jedoch nicht, daß Ovid nur vorübergehende Affären und „Gele- 
genheitslieben" (GAULY 199) gutheißt; vielmehr kennt er kurze und lange Beziehungen (Ars 
1,91 f.) und lehrt in der Ars die zweite, schwierigere Form. Überhaupt soll, wer glücklich ist, mit 
seinem Mädchen zusammenbleiben (Rem. 13 f.). « \ 



1.4 DIE UMDEUTUNG "DER 'ELEGISCHEN* LIEBE 



15 



Eine Umdeutung 'elegischer' Liebe läßt sich bereits im Proömium nachweisen: Der 
miles amoris begreift seine Liebe als eine Art Beruf, eine ars, die Properz anderen 
Gewerben, z. B. der Seefahrt, der Landwirtschaft und vor allem dem Kriegshandwerk 
gegenüberstellt (Prop. 2, 1,43-46): 

navitetde ventis, de tauris nqrrat araior, 

enumerat miles vulnera, pastor ovis; 
nos contra angusto versamus proelia lecto: 

quapote quisque, in ea conierat arte dient. 

Dabei betont Properz durch das Wort contra, daß seine Liebe sich grundlegend von 
den übrigen Berufen unterscheidet. Denn 'elegische' Liebe ist eine „Lebensform ..., 
die in Konkurrenz zur normalen römischen Lebensform tritt und durch die alle 
üblichen Wertvorstellungen negiert werden." In den Augen seiner Mitmenschen ist der 
'elegisch' Liebende daher ein Nichtsnutz, ein homo nequam? % als Ausgestoßener muß 
er ein Dasein am Rande der Gesellschaft fristen. Auch in der Ars erscheint die Liebe 
als ein erlernbares Handwerk. Doch so, wie Ovid es darstellt, ist der Liebeskünstler 
kein Ausgestoßener, und man kann ihm auch nicht nequitia vorwerfen. 39 Nein, es ist 
genau umgekehrt: Erst dadurch, daß er etwas von der Liebe versteht, wird ein Mann zu 
einem vollwertigen Mitglied der römischen Gesellschaft. Denn Ovid erwartet, daß 
jeder „in diesem Volk" (Ars 1,1) die Kunst der Liebe kennt und daß diejenigen, denen 
solche Kenntnisse fehlen, dem Mangel durch Lektüre der ,4™ amatoria jetzt abhelfen. 
Er beginnt seine Lehren also mit Worten, die nur dann einen vernünftigen Sinn er- 
geben, wenn das Lieben zu den Dingen gehört, die ein römischer Bürger auf jeden Fall 
beherrschen muß. Der strenge Ton, in dem Ovid den Unwissenden das Lesen wie 
etwas ganz Selbstverständliches befiehlt, wirkt so überzeugend, daß man gar nicht erst 
auf den Gedanken kommt, Liebe könnte in Rom Anstoß erregen. Auch das zweite 
Distichon ist eher ein Befehl (regendus) als eine Begründung des zuvor Gesagten. Und 
warum man überhaupt lieben soll - ob nun mit oder ohne Sachverstand -, begründet 
Ovid schon gar nicht; denn daß ein Römer liebt, versteht sich von selbst. 40 



Prop. 1,6,25 f.; me sine, quem semper voluit Fortuna iacere, / hanc animam extremae reddere 
nequitiae; 2,24,6: nequitiae ... caput - Das Zitat stammt aus STROH (1983) 223. 
Obwohl Ovid sich in den Amores als Dichter seiner nequitia bezeichnet (2,1,2) und Tragocdia 
ihm seinen schlechten Ruf vorwirft (Am. 3,1,17 f: nequiiiam vinosa tuam convivia narrant, / 
narrant in multas compita seeta vt'as), findet sich nequitia in der Ars nur einmal und dort in 
einem anderen Sinne (Ars 2,392: „Seitensprung"). 

Vgl. LENZ (1961) 134, der allerdings bezweifelt, daß Ovid sein Unterfangen ernsthaft habe recht- 
fertigen wollen: Im ersten Distichon behaupte Ovid implizit, daß die Römer ohnehin liebten und 
es ihnen nur „an der nötigen ars" fehle. Da werde er nun „helfend eingreifen. Auf diese Weise 
rechtfertigt er, was er vortragen will. Es ist nichts Unmoralisches, sondern es hat einen erziehe- 
rischen Wert ..." Vgl. a. DoWNING (1993) 9. - Ähnlich argumentiert Ovid übrigens noch in den 
Tristien, wo er die Ars als die Bücher beschreibt, die etwas lehren, was keinem unbekannt sei, 
nämlich Liebe (Trist. 1,1,112): quod nemo nescit, amare, docent. Damit deutet er nicht nur an, 
seine Lehrschrift habe niemanden etwas lehren und daher auch keinen großen Schaden anrichten 



16 



Einleitung - Proömium und Partitio (Ars 1 , 1 -40) 



Auch auf andere Weise erweckt der Dichter den Eindruck, Liebe sei eine respektable 
Sache und gehöre zur „normalen römischen Lebensform": Wie es die Würde des 
Gegenstandes erfordert - es wird ja eine Römertugend gelehrt -, stellt er sich in eine 
ehrfurchtgebietende didaktische Tradition und vergleicht sein Tun mit den Leistungen 
mythischer Heroen. Da das Unterfangen, einer göttlichen Macht wie Amor seinen 
Willen aufzuzwingen, als Hybris ausgelegt werden könnte, gibt Ovid sich große Mühe, 
gottesfurchtig zu erscheinen. Nicht er selbst erhebt sich zu Amors Erzieher, sondern 
Venus betraut ihn mit dieser Aufgabe (Ars 1,7); 41 in ihrem Sinne übt er gerechte Ver- 
geltung für das, was der Gott ihm in seiner Jugend angetan hat (24). 42 Auch maßt sich 
Ovid kein mystisches Wissen an; ein vates ist er nur als Dichter und als Beauftragter 
der Venus, die er fromm um Beistand bittet (29 f.). 43 Da sie ehrbare römische Bürger 
sind, achten der Liebeslehrer und seine Schüler auch die Gesetze. Mit einer apotro- 
päischen Formel weist Ovid die Insignien anständiger Matronen und keuscher Jung- 
frauen hmfort. Damen, die diese Zeichen tragen, wird der Liebeskünstler nicht umwer- 
ben, denn er ist kein solcher Frevler, daß er gegen die lex Iulia de adulteriis coercendis 
verstieße. Ovid lehrt nur das, was erlaubt ist (3 1-34). 



können, sondern läßt auch durchblicken, daß Liebe eine allgemeine Erfahrung und entsprechend 
nichts Verwerfliches sei. 

Ovid nutzt dabei die Möglichkeit, verschiedene Aspekte der Liebe auf zwei Gottheiten zu ver- 
teilen, wie dies schon andere Dichter tun. So unterscheidet Tibull zwischen Venus und Amor, wie 
W\ HEILMANN (Die Bedeutung der Venus bei Tibull, Diss. Frankfurt am Main 1959, 32 ff.) 
herausgearbeitet hat: Venus sei „die Erhabene, Hohe, Gewaltige ... in der Distanz einer großen 
Gottheit" Stehende ; Amor repräsentiere „das Unruhevolle, Wechselvolle, unmittelbar Bedrängen- 
de." Lukrez empfiehlt (gute) v/Venus und warnt vor (schädlichem) a/Amor (Lucr. 4,1030 ff.; vgl. 
BROWN [1987] 62 ff). Entsprechend kann man den Ausdruck Venus tuta (Ars 1,33) mit MAR- 
CHESI (1916) 133 auch als das wünschenswerte Gegenstück zu dem gefahrlichen, wilden Amor 
interpretieren im Sinne von „amori, ... che non appörtano dissesto di anime ne turbamento di 
case'V 

Das Motiv der Rache stellt besonders McLAUGHLIN (1979) heraus. - Man beachte femer, daß 
Achill, mit dem Ovid den Amor vergleicht, nicht nur seine Feinde, sondern auch seine Verbün- 
deten erschreckt (Ars 1,13). Die Elegiker aber klagen darüber, daß Amor gerade diejenigen quält, 
die ihm ergeben sind, vgl. z. B. Ov. Am. 2,9,3 ff. (wo Amor übrigens ebenfalls mit Achill ver- 
glichen wird); Prop. 2,12,21 ff; Tib. 1,2,99 f. (von Venus gesagt). 

Dagegen meint AHERN (1990), vati ... perito sei ein bewußt gewähltes Paradoxon, um den Leser 
durch „amusing incongruity" zu erfreuen. - Zu Ovid als vates, „der in die Geheimnisse eines gött- 
lichen Kultes einfuhrt" vgl. WELLMANN-BRETZIGHEIMER (198 1) 6 Anm. 10. 
Zu den Ehegesetzen des Augustus vgl. ausführlich 6,5.2.3. - Es ist umstritten, ob Ovid Matronen 
und Jungfrauen als mögliche Objekte männlicher Lust fortweist (HOLLIS [1973] 75, STROH 
[1979b] 323 Anm. 2, WELLMANN-BRETZIGHEIMER [1981] 2 Anm. 5) oder ob er ihnen das Lesen 
der Ars verbietet (BRANDT [1902] XV, LENZ [1961] 133, KORZENIEWSKI [1964] 199, SCHLUE- 
TER [1975] 142, HOLLIS [1977] 31, 37). Da Ovid in den ersten beiden Büchern Männer belehrt, 
sind die vier Verse nur dann sinnvoll, wenn darin die anständigen Frauen zumindest auch als 
Objekte der Begierde ausgeschlossen werden. - Wichtiger erscheint mir, daß Ovid im Grunde 
nicht die Frauen selbst, sondern nur ihre Standes Symbole fortweist. Das könnte bedeuten, daß 
Matronen und Jungfrauen an der Liebeskunst Anteil haben dürfen, wenn sie bereit sind, mit 
diesen Symbolen ihre Sittsamkeit abzulegen. Zu weit gehen allerdings SCHLUETER (1975) 143 f., 



44 



1 A Die Umdeutung der 'elegischen' Liebe 



17 



Schon am Proömium kann man also erkennen, wie und zu welchem Zweck Ovid das 
'elegische' Konzept der militia amoris umdeutet: Er fuhrt den Liebenden in die Ge- 
meinschaft seiner Mitbürger zurück, indem er die Liebe als etwas hinstellt, das 
allen Römern am Herzen liegt. Und seinerseits ist der Liebende der Ars kein Mann, 
der „die herrschenden Wertvorstellungen negiert"; vielmehr denkt und handelt er wie 
jeder andere anständige Bürger. 

Indes leidet der 'elegisch' Liebende unter seiner Außenseiterrolle weniger als an sei- 
nem Verhältnis zur Geliebten selbst. Während sie ihm gleichgültig begegnet oder ihn 
sogar ganz abweist, ist er ihr in heftiger Leidenschaft verfallen. Diese seelische Ab- 
hängigkeit ist die Grundlage des qualvollen serviüum amoris. Daher beschreiben die 
Elegiker das Erwachender Liebe als einen Prozeß der Unterwerfung, während dessen 
die Liebesgottheiten und die Geliebte den Mann zugleich bändigen (domare) und zum 
willfährigen Liebhaber ausbilden (docere). Diese schmerzensreiche Lehre entspricht 
dem, was Ovid in der Ars „ usus " nennt: 

Mag der Verliebte sich auch sträuben, wie ein unerfahrener Pflugstier gegen das harte 
Joch; allmählich lernt er, die Knechtschaft geduldig zu ertragen (Prop. 2,3,47-50): 

ac vehttiprimo taurus detraetat aratra, 

post venu assuelo mollis ad arva iugo, 
sieprimo iuvenes trepidant in amore feroces, 

dehinc domiti post haecaequa et iniqua fertmt. 

Mit Gewalt wird er zum 'elegisch' Liebenden erzogen. Amor demütigt ihn, stellt ihm 
den Fuß auf den Nacken und preßt ihn zu Boden, bis er die Grundbegriffe der nequiiia 
beheiTscht (Prop. 1,1,3-6): 

tum mihi constantis deiecit htminafastus 

et caput impositis pressit Amor pedibus, 
donec me doeuit casias odisse puellas 

improbus, et nullo vivere consilio. 

So hat Properz von Cynthia und Amor auch das serviüum amoris gelernt, in dem er 
nun selbst seinen Freund Gallus unterweist (Prop. 1, 10, 19 f.): 45 

Cynthia me doeuit. semper quaecumque petenda 
quaeque cavenda forent: non nihil egit Amor. 



RUDD (1976) 4 und MURGATROYD (1982) 56, die annehmen, mit der Formel este proeul wolle 
Ovid andeuten, daß die züchtigen Damen einen Frevel begehen. Den Frevel beginge vielmehr der 
Liebeskünstler, wenn er sich solchen durch instita und vitta gekennzeichneten Damen gesetz- 
widrig näherte. 

Zu Amor als Lehrmeister vgl. Call. Aet frg. 67, 1-3 PFEIFFER: aördq "EpcoQ &8iSa&v 'Akövtiov 
... xi%vi]v\ Verg. Ecl. 8,47 f.: saevus Amor doeuit natorum sanguine matrem / commaculare 
manus;nin. Ep. 4,19,4; STROH (1979a) 131 f.; GlANGRANDE(1991) 72 f. 



1 8 Einleitung - Proömium und Partitio (Ars 1 , 1 -40) 

Wie Tibull und Properz ist Ovid in seiner Jugend bei Amor in die Lehre gegangen und 
hat sich auf diese Weise usus erworben. Daher bestreitet er in der Ars, über hellsehe- 
rische Kräfte zu verfugen oder von den Musen inspiriert worden zu sein; seine Lehren 
entspringen persönlicher Erfahrung (Ars 1,25-29): 

non e go, Phoebe, datas a te mihi mentiar artes, 
nee nos aeriae voce monemur avi s , 

nee mihi sunt visae Clio Cliusque sorores 
servanti peeudes vallibus, Ascra, tuis. 

usus opus movet hoc: vati pareie pejjlo. 

Aus dieser Quelle schöpft auch der 'elegisch' Liebende. 46 Weil er selbst die Qualen 
der Liebesknechtschaft ertragen muß, weiß er, wann ein anderer unter das gleiche Joch 
gezwungen wird. Darin übertrifft Properz die Tauben des Orakels von Dodona; doch 
wäre er lieber unerfahren und dafür frei von solchen Qualen (Prop. 1,9,5-8): 

non m e Chaoniae vincant in amore columbae 

dicere, quos iuvenes quaeque puella dornet. 
me dolor et lacrimae meritofecere peritum : 

atque utinam posito dicar amore rudisf 

Tibull, den Venus wie einen Sklaven gefesselt und gepeitscht hat, weiß ohne Orakel, 
Eingeweideschau und Vogelzeichen, wie es um Marathus bestellt ist (Tib. 1,8, 1-6): 47 

non e go celari possum, quid nutus amantis 

quidveferant miti lenia verba sono. 
nee mihi sunt sortes nee consciaflbra deorum, 

praecinit eventus nee mihi cantus avi s : 
ipsa Venus magico religatum bracchia nodo 

perdoeuit multis non sine verberibus. 

Unter grausamer Marter lernt der 'elegisch' Liebende sein Handwerk. Doch auch seine 
Gedichte sind Früchte des Leids. Der Schmerz treibt ihn zu singen (Prop. l,7,5-8): 48 



46 



Zu Erfahrungswissen als Grundlage elegischer Liebeslehren vgl^WHEELER (1910a) 19 f., DUR- 
LING (1958) 150, WATSON (1979) 42 ff., KÜPPERS (1981) 2525; J. K. KING, Propertius' Pro- 
grammatic Poetry and the Unity of the Monobiblos, CJ 71 (1975/6) 115 bemerkt zur Mono- 
biblos: „What Propertius 'learns' in one poem is reflected in what he 'teaches' or practices in the 
next " - Da Ovid elegische Topoi übernimmt, ist sein Verzicht auf göttliche Inspiration nicht als 
Unverschämtheit zu bewerten (DURLING [1958] 159: „impudently") und auch nicht als „Ausfall 
gegen die Musenproömien" (KORZENIEWSKI [1964] 199, vgl. SCHUBERT [1992] 166 f.). Wenig 
wahrscheinlich ist es, daß Ovid sich mit kulturhistorischen Thesen Vergils auseinandersetzt 
(PÖHLMANN [1973] 861, SCHLUETER [1975] 99 unter Hinweis auf Verg. G. 1,133), die praxis- 
fremden hellenistischen Lehrdichter verspottet (HOLLIS [1977] 35, MILLER [1983] 30 ff., TRÄNK- 
LE [1972] 391) oder gar wissenschaftstheoretische Überlegungen anstellt (ÄHERN [1990] 47, 
vorsichtiger LA PENNA [1979]). 

Vgl. AHERN (1990) 45, LEFEVRE (1967), bes. 127: „Was bei Ovid usus genannt wird, um- 
schreibt Tibull ... mit einer Metonymie. Venus bedeutet hier, wie der Zusammenhang unschwer 
ergibt, 'experience' (... SMITH ... 1913)." DOWNING (1993) 9 verkennt diesen Zusammenhang, 
wenn er behauptet: „For Ovid ... the basis for his praeceptor's art becomes practice, not 
passion." \ 



1 .4 Die Umdeutung der 'elegischen' Liebe 



19 



nos, ut consuemus, nosiros agitamus amores, 
atque aliquid duram quaerimus in dominant; 

nee tantum ingenio quanium servire dolori 
cogor et aeiatis tempora dura queri. 

Genausowenig wie dem Dichter der Ars muß Apollo dem Properz etwas eingeben; 
keine Muse, sondern die Geliebte selbst inspiriert ihn (Prop. 2,1,3 f.): 49 

non haec Calliope, non haec mihi cantat Apollo: 
ingenium nobis ipsa puella facit. 

Auch der junge Ovid dichtete die Amores, weil Amor ihm Liebe in die Brust schoß. 
Auch er wollte sich zunächst nicht beugen, mußte dann aber einsehen, daß Widerstand 
zwecklos war. Die ungehorsamen Jungstiere ziehen den Pflug unter Schlägen, dem 
bockenden Hengst zerreißt der Reiter mit dem Zaumzeug das Maul So quält Amor den 
Liebenden nur noch grausamer, wenn dieser vergeblich versucht, sich der Knechtschaft 
zu entziehen (Ov. Am. 1,2,7-20): 

... haeserunt tenues in corde sagiitae, 
etpossessa ferus peciora Versal Amor . 
cedimus , an subiium luctando accendimus ignem? 
10 cedamus: levefit, quod bene fertur, onus, 

vidi ego iaetatas mota face crescere flammas 
et vidi nullo conc utiente mort 
Tib. 1,8,6: verberibus verbera pluraferunt, quam quos iuvat usus aratri, 
Prop. 2,3,47: detraetat detractanl prensi dum iuga prima, boves. 
aratra 15 asper equus duris coniunditur ora lupaiis: 

frena minus sentit, quisquis ad arma facit. 
acrius invitos multoque ferocius urgei, 

quamqui servitium ferre fatentur, Amor, 
enego, conflteor, tua sum nova praeda, Cupido; 
20 porrigimus vietas ad tua iura manus. 

Nun aber, da er zum erfahrenen Liebhaber gereift ist, kann Ovid diese Verhältnisse 
umkehren. Nun erzieht er selbst den Amor und unterwirft ihn seinem Willen, obwohl 
dieser sich wild widersetzt (Ars l,9-24): 50 



Zu der Identität von poeta und amans, von Dichtung und Leben, die vor allem Properz in seinen 
ersten beiden Büchern immer wieder hervorhebt, vgl. z. B. COMMAGER (1974) 4 ff. Speziell zum 
Liebesleid als Inspirationsquelle vgl. C. F. SAYLOR, Propertius' Scheme of Inspiration, WS 84 
(1971) 138-160; P. T. ALESSI, Propertius: Furor, Ingenium and Callimachus, in: DEROUX (1989) 
216-232. Die 'praktischen* Zwecke elegischen Dichtens erörtert STROH (1971). 
Vgl. KORZENIEWSKY (1964) 199, SUERBAUM (1965) 495, der auch auf die Parallele zu Prop. 
1,9,5-8 hinweist, ferner TRÄNKLE (1972) 390; zur Geschichte dieses Motives vgl. HOLLIS (1977) 
35 und ausführlicher J. F. MILLER, Disclaiming Divine Inspiration: A Programmatic Pattern, WS 
99 (1986) 151-164; außerdem G. LIEBERG a) Die Muse des Properz und seine Dichterweihe, 
Philologus 107 (1963) 116-129 und 267-70, b) Le Muse in Tibullo e nel Corpus TibuIIiamim, 
Prometheus 6 (1980) 29-55 und 138-152; MYEROWITZ (1985) 113 ff. 

Daß Ovid im Proömium der Ars Motive aus Am. 1,2 aufnimmt und diese umkehrt, bemerkt be- 
reits POHLENZ (1913a) 130 f.; vgl. a. STROH (1979a) 131. Allerdings sehen beide in der Ars nur 



20 



Einleitung - Proömium und Partitio (j\rs 1 , 1 -40) 



ille quidem ferus est et qui mihi saepe repugnet; 
1 sedpuer est, aetas mollis et apta regi. 

Phillyrides puerum cithara perfecit Achillem 

atque animos placida contudit arte feros, 
qui toiiens socios, totiens exierruit hostes, 

creditur annosum pertimuisse senem. 
1 5 quas Hector sensurus erat, poscente magistro 

verberibus iussas praebuit ille manus. 
Aeacidae Chiron, ego sum praeceptor Amoris. 

saevus uterque puer, natus uterque dea. 
sed tarnen et tauri cervix oneratur aratro, 
20 frenaque magnanimi dente tenintur e qui : 

et mihi cedet Amor, quamvis mea vxdnerei arcu 

pectora, iactatas excu ti atque face s. 
quo mefixit Amor, quo me violentius ussit, 

hoc melior facti vtdneris ultor ero. ^ 

Den Tibull erzog Venus mit Schlägen (Tib. 1,8,6), vergeblich sträubte sich Properz, als 
er unter das Liebesjoch gezerrt wurde (Prop. 2,3,47 ff.), und der Liebende in dm Amo- 
res fühlt sich wie ein vor den Pflug geprügelter Jungstier. In der Ars aber wird nicht 
der Liebende dressiert, sondern der Liebeslehrer bändigt den Amor: Er gleicht Chiron, 
der mit Schlägen die Wildheit seines Zöglings brach, wie der Reiter den Widerstand 
des Hengstes, dessen Zwangslage in den Amores die Not des Liebenden veranschau- 
licht. 51 Einst mußte Ovid dem Amor seine Hände in der ergebenen Geste des Besiegten 
zum Triumph hinstrecken, weil er fürchtete, der Gott, der ihn mit einem Pfeil traf, 
werde das Feuer in seinem Herzen noch heftiger entfachen. Jetzt aber kann Amor mit 
Pfeilen und Fackeln wüten, so viel er mag; er wird sich beugen müssen, wie der Knabe 
Achill, der ängstlich seinem Erzieher die Hand zur Züchtigung darbot. 



einen humorvollen Rollentausch: Während in der erotischen Literatur sonst Amor der Lehrmeister 
sei, belehre jetzt Ovid den Amor. - Dagegen interpretiert WELLMANN-BRETZIGHEIMER (1981) 17 
f. diese Selbst-Imitatio als „Überwindung der Amores", und zwar in dem Sinne, daß der 
Liebeskünstler nach „Freiheit von Gefuhlsbindung" strebe. Indes will Ovid, wie sich zeigen wird, 
in der Ars nicht jegliche „Gefuhlsbindung" verhindern. Sonst dürfte man auch mit Recht fragen, 
warum er dann noch die Remedia schrieb. - Neben den durch Sperrung hervorgehobenen 
wörtlichen Anklängen ist vor allem bemerkenswert, daß Ovid das Motiv der Dressur von Stier 
und Pferd in die Ars übernimmt, obwohl es sich dort nur schwer in den Gedankengang einfugen 
läßt und die Allegorie vom wilden, widerstrebenden Götterknaben unterbricht. Daß er auf dieses 
Gleichnis trotzdem nicht verzichten wollte, läßt erkennen, wie wichtig es ihm war, eine Ver- 
bindung zu Am. 1,2 herzustellen. Außerdem ist die Bändigung in der Elegie eine Metapher für 
den Lernprozeß des Liebenden, der gewaltsam zu einem Sklaven des Amor und seiner Geliebten 
erzogen wird und andere erst dann belehren kann, wenn er selbst ein servus amoris geworden ist 
(vgl. neben Prop. 2,3,47 ff. noch Prop. 2,34,49 f.). In dem Gleichnis von Pferd und Stier kreuzen 
sich also die Fäden, die Ars und Liebeselegie miteinander verbinden und aus denen Ovid sein 
neues Programm entwickelt: die gewaltsame Unterwerfung eines widerstrebenden Gegners, das 
im Kampf mit der Leidenschaft erworbene Erfahrungswissen und der Anspruch, dieses Wissen 
als Fachmann an andere weiterzugeben. ,v 

Man beachte den Anklang contunditur (Am.1,2,15) - contudit (Ars 1,12). \ 



1.4 Die Umdeutung der 'elegischen' Liebe 



21 



Der Elegie Amores 1,2 liegt ein Ausspruch zugrunde, der wahrscheinlich auf Cornelius 
Gallus, den Begründer der römischen Liebeselegie, zurückgeht und die Haltung des 
'elegisch' Liebenden gegenüber seiner Leidenschaft widerspiegelt: „Alles besiegt 
Amor, und so wollen auch wir dem Amor weichen ." (Verg. Ecl. 10,69) 52 

omnia vincit Amor: et nos cedamus Amorl 

Das ist nicht die Haltung des Liebeslehrers, der seine Schüler von Amors drückendem 
Joch zu befreien gedenkt. Wie ein Stier seinem Bändiger, so muß Amor jetzt selbst 
dem Meister der Liebe weichen (Ars 1,21): 53 

et mihi cedet Amor. 



Daß Verg. Ecl. 10,69 auf einen Vers des Gallus zugrückgeht, meinen auch R. COLEMAN, Vergil, 
Eclogues, Cambridge 1977 ad loa, STROH (1989) 56 und J. FABRE-SERRIS, Jeux de modeles 
dans Palexandrisme Romain: Les hommanges ä Gallus dans la Bucolique X et Pelegie 1,20 de 
Properce et ses echos ovidiens, REL 73 (1995) 130 Anm. 61; „Le rythme e les multiples varia- 
tions auxquelles ce vers a donne lieu dans la poesie elegiacque nous incitent ä le considerer 
comme une reminiscence gallienne." Leider unterläßt es FABRE-SERRIS, Beispiele für die „zahl- 
reichen Variationen" in der Elegie zu nennen; dies sei hier nachgetragen: Besonders nahe kommt 
dem Vorbild Tib. 1,4,39 f.: tu puero, qaodcumque tuo temptare libebit, / cedas: obsequio plttri- 
ma vincit amor. Dieses Distichon zitiert Ovid in den Lehren zum obsequhtm (Ars 2, 197: cede re- 
pugnanti: cedendo Victor abibis). Vgl. ferner: Tib. 1,5,60: nam donis vmcitttr omnis Amor; 
Prop. 1,5,24: nescit Amor priscis cedere imaginibus; Prop. 1,14,8: nescit Amor magnis cedere 
divitiis; Ov. Am. 3,11,1 f.: ... vitiis patientia victa est: / cede fatigato pectore, turpis amor; Ov. 
Ep. 19,172 (sc. ittinam) timidus famae cedere vellet amor; Rem. 144; Rem. 752. Möglicher- 
weise ebenfalls von diesem Vers beeinflußt ist Prop. 1,9,28: nee vigilare alio nomine cedai amor 
i. V. m. 3 1 f.: Ulis (sc. blanditiis puellae) et silices et possint cedere qitercits, - Zum Gedanken 
vgl. außerdem Prop. 2,8,40: mirum, si de me iure triumphat Amor? - Ovids für die Amores 
typische Technik, einzelne Motive anderer Dichter ausfuhrlich weiterzuentwicklen, diskutiert M. 
V. ALBRECHT, De Ovidio Tibulli imitatore, in: De Tibullo eiusque aetate, Academia Latinitati 
fovendae, Commentarii VI, Rom 1982 = DERS., Scripta Latina, Frankfurt am Main u. a. 1989, 
12 f. Ein eindrucksvolles Beispiel ist die Elegie Am. 3,1 1, bes. 33 ff., in der Ovid Catulls odi et 
amo behandelt. 

Daraus, daß Ovid statt des Konjunktivs (cedat) das Futur wählt, folgert HELDMANN (1981a) 
165: „Das Prahlen mit der Macht über Amor entpuppt sich hier als bloßer Wunsch ..."; vgl. a. 
KORZENIEWSKI (1964) 211: Ovid verspreche „mehr, als der Leser überhaupt erwarten könnte", - 
Ganz abgesehen davon, daß in den besseren Handschriften der Indikativ überliefert ist {cedit; für 
diese Lesart spricht sich PIANEZZOLA [1993] aus), müßte aber ein Wunsch gerade im Konjunktiv 
stehen; das Futur ist sinnvoll, weil Ovid noch gar nicht damit begonnen hat, Amor durch seine 
Lehren zu bezwingen. 



' i ~ 

22 Einleitung - Proömium und Partitio (Ars 1 , 1 -40) 

1.5 Einige generelle Bemerkungen 

Der begrenzte Raum und der Ansatz dieser Arbeit zwingen zur Vereinfachung. So 
wird dem Schüler Ovids, dem Liebeskünstler, bei der Interpretation der 'elegisch' 
Liebende gegenübergestellt. Den 'elegisch' Liebenden kennzeichnen Eigenschaften, 
Gefühle, Gedanken, Haltungen und Verhaltensweisen, die bei Tibull, bei Properz und 
in den Amores Ovids das Dichter-Ich oder andere, auf ähnliche Weise liebende Per- 
sonen charakterisieren. Der 'elegisch' Liebende ist ein Typus. Das bedeutet, daß die 
einzelnen Personae der Elegien viele, aber niemals alle Eigenschaften des 'elegisch' 
Liebenden aufweisen und umgekehrt auch individuelle Züge, die nicht zur Typologie 
des 'elegisch' Liebenden gehören. Dennoch berechtigt eine hinreichende Zahl von 
Gemeinsamkeiten, sie dem Typus „'elegisch' Liebender" zuzurechnen. 

Um diesen Typus zu beschreiben, muß ich die Werke der Elegiker wie Quellen exzer- 
pieren. Dabei wird es nicht möglich sein, die jeweiligen Belege als Teile eines viel- 
schichtigen, in sich geschlossenen und in den Kontext eines Gedichtbuches verwobe- 
nen Kunstwerkes zu würdigen. Vieles, was für die Typologie des 'elegisch' Liebenden 
ohne Bedeutung ist, das Schaffen der einzelnen Dichter aber entscheidend prägt, kann 
ich bestenfalls am Rande erwähnen, z. B. die Auseinandersetzung mit hellenistischer 


1 . 5 Einige generelle Bemerkungen 23 

wird deutlich, daß Tibull als Liebender genau die Gefahren und Unbilden ertragen 
muß, denen er sich in der ersten Elegie als einfacher Landmann entziehen wollte. Bei 
eisiger Kälte und strömendem Regen harrt er vor der Tür der Geliebten aus (Tib, 
1,2,29-32), Solange er 'elegisch' liebt, kann er also nur davon träumen, auf seinem Gut 
in den Armen der Geliebten zu liegen, während draußen der Sturm tobt (Tib. 1,1,45- 
48), Unerfüllt bleibt auch die Phantasie, mit Delia einen Bauernhof zu bewirtschaften 
(Tib. 1,5,21 ff.). Mit dem Lustknaben Marathus ist ein ländliches, altrömischer pietas 
verpflichtetes Leben erst recht undenkbar. 57 Und um die Habgier der Nemesis zu be- 
friedigen, will Tibull am Ende sogar den ererbten Landsitz, den Ort seiner Träume, 
verkaufen - mitsamt den Göttern, die ihn behüten (Tib. 2,4,54 ff.). 

So klare Entwicklungslinien bis hin zum Scheitern aller Ideale lassen sich in Ovids 
Amores nicht nachzeichnen. 58 Konflikte mit gesellschaftlichen oder selbstgewählten 
Idealen spielen dort eine untergeordnete Rolle. Ovid läßt seine Persona unbekümmert 
provozieren und Einwände gegen eine Lebensweise als Dichter der Liebe mit Ver- 
achtung beiseiteschieben. 59 Dem Konzept der militia amoris wird also dadurch einiges 
von seiner Schärfe genommen, daß der Liebende unter seiher Außenseiterrolle nicht zu 
leiden scheint. Doch vertritt der Sprecher der Amores andere 'elegische' Wertvorstel- 
lungen ebenfalls weniger kompromißlos als Properz und Tibull: Er ist seiner Herrin 


Literatur, besonders mit Kallimachos und dem Epigramm, den Todesgedanken bei 
Properz, den Traum von einem einfachen, ländlichen Leben bei Tibull, ferner Humor 
und ironische Obertöne, die bei allen drei Dichtern, vor allem aber in den Amores 
nachweisbar sind. 54 Properz, Tibull und Ovid unterscheiden sich auch erheblich in der 
Art, wie sie Liebe begreifen und darstellen, und diese Unterschiede können ebenfalls 
nur angerissen, aber nicht im einzelnen diskutiert werden. Doch will ich wenigstens 
durch eine möglichst vollständige Dokumentation der Belege einen Eindruck davon 
geben, welcher pichter sich wie sehr für das jeweilige Motiv interessiert hat 

Dem Typus des 'e!egisch' r Liebenden am nächsten kommt das Dichter-Ich bei Properz. 
So ist etwa das Außenseitertum des Liebenden ein Thema,* das vor allem Properz be- 
schäftigt. Dagegen gerät Tibull als Liebender vor allem mit seinen eigenen, selbstge- 
wählten Werten in Konflikt. Sein Wunsch, ein bescheidenes und behütetes Leben auf 
dem ererbten Landsitz zu fuhren, dort eine Familie zu gründen und die örtlichen Kulte 
zu pflegen, hätte bei keinem noch so konservativen Römer Anstoß erregt. Unvereinbar 
ist dieses Lebensideal hingegen mit 'elegischer' Liebe. 55 Bereits in der zweiten Elegie 


gerne streiten, rasch wieder versöhnen, schließlich heiraten und Kinder bekommen; vgl. C. NEU- 
MEISTER (1986) 112 f. 

56 Vgl. HENNIGES (1979) 63 f., MUTSCHLER (1985) 5 1 ff. 

Wenn Tibull vom Leben auf dem Lande spricht, so meint er damit keine bukolische Welt auch 
homoerotisch liebender Hirten, sondern eine traditionelle, bäuerliche Dascinsform, in der ein Ehe- 
paar gemeinsam den Hof fuhrt und Kinder großzieht; vgl. MUTSCHLER (1985) 84, NEUMEISTER 
(1986) 112 Anm. 15. 

Dies versucht allerdings HOLZBERG (1997) 55 ff, der seine Ergebnisse wie folgt zusammenfaßt: 
„Während der Held als amator im Verlauf der ' Romanhandlung ' mehr und mehr die Kontrolle 
über seine Beziehung zu der von ihm geliebten puelta ... verliert und am Ende immer wieder ihre 
Untreue zu beklagen hat, ohne sich von ihr lösen zu können, behält er als poeta sein elegisches 
Werk stets fest im Griff und kann sich am Ende frei für das Überwechseln in eine andere Gattung 
entscheiden" (55). - Indes hat dev poeta sein Werk keineswegs fest im Griff. Im Gegenteil: Durch 
geringfügige Eingriffe machen Amor und die Geliebte sein episches Werk zunichte (Am. 1,1,4: 
Amor stiehlt dem jungen Talent, das anhob, eine zweite Acneis zu dichten, einen einzigen Versfuß 
und stürzt Ovid so in heillose Verwirrung; Am. 2,1,17: Ovid schreibt eine Gigantomachie, türmt 
Gebirge aufeinander und fuhrt die Blitze des Zeus; da schließt die Freundin ihre Tür, und der 
Epiker muß wieder zu den bewährten Waffen der Liebe, den Elegien, greifen); doch auch Elegiker 
kann der poeta nicht unangefochten sein, denn - kaum hat er sich an die neue Gattung gewöhnt - 
erscheint die grimmige Tragoedia und macht ihm Vorhaltungen (Am. 3,1). - Umgekehrt glaube 
ich nicht, daß der Liebende in den Amores scheitert. Die Gründe hierfür werden unten (6.5.2.4) 
dargelegt. j 

59 Vgl. z. B. Ov. Am. 1,2,31 f.; 1,9 (und dazu 5.3.2); 2,17,1-4; vor allem aber Am. 1,15, wo sich 

Ovid übrigens nicht als Liebender, sondern nur als Dichter verteidigt. I. M. Le M. DU QUESNAY, '' 
The Amores, in: BlNNS (1973) 8 meint: „Ovid avoids the darker subjeets of his predecessors, 
especially their concentration on death and the tension between the private world of love and the 
public world of the Augustan State ..." - Umso bemerkenswerter ist es, daß er in der Ars dem 
Verhältnis von Liebeskünstler und Gesellschaft so viel Aufmerksamkeit widmet. 


54 Zu Humor bei Properz vgl. vor allem E. LEFEVRE, Propertius Ludibundus. Elemente des Humors 
in seinen Elegien, Heidelberg 1966, zu Tibull LYNE (1980) 186 ff., zu Ovid bietet fast jede Arbeit 
derartiges Material, vgl. aber besonders FRECAUT (1972). 

55 Zwar kennt Tibull auch Liebe auf dem Lande, doch ist diese etwas anderes als 'elegische* Liebe: 
'Ländliche* Liebe erleben stets andere, nicht näher bestimmte Personen, junge Leute, die sich 

l 



24 



Einleitung - proömium und partitio (Ars 1 , 1 -40) 



nicht allzu sklavisch ergeben 60 und keineswegs treu. Nach langem Sträuben ist er sogar 
bereit, auch seinerseits die Eskapaden der Geliebten hinzunehmen. 

Der Ansatz dieser Arbeit zwingt nicht nur zur Vereinfachung, sondern außerdem zu 
einer gewissen Naivität. Wie die Elegien des Tibull und Properz und wie die Ämores 
ist auch die Ars vor allem ein Kunstwerk und mit Sicherheit nicht nur ein prak- 
tischer Ratgeber; hier soll jedoch gerade geprüft werden, ob und inwieweit die Ars 
außer einem Kunstwerk auch ein praktischer Ratgeber sein könnte. Dazu ist es 
sinnvoll, die Haltung eines Lesers einzunehmen, der Liebe für eine ernsthaft lehr- und 
lernbare Sache hält und der bereit ist, Ovid beim Wort zu nehmen, etwa dann, wenn 
dieser, was er in den Amores beschreibt, als etwas tatsächlich Erlebtes ausgibt. 

Man wird sich darüber gewundert haben, daß ich Ovids Aussage, seine Lehren be- 
ruhten auf praktischer Erfahrung, ohne jeden Widerspruch hingenommen habe. Denn 
schließlich ist ein erfahrener Liebesdichter noch lange kein erfahrener Liebhaber, und 
gewiß hat Ovid in den Amores nicht einfach niedergeschrieben, was ihm in der ver- 
gangenen Nacht passiert ist, ebensowenig wie Tibull und Properz. 62 Für die Interpreta- 
tion ist es aber zweckmäßig, die 'Erfahrungen' des 'elegisch' Liebenden wie etwas 
wirklich Erlebtes zu behandeln und die Elegien des Tibull, Properz und Ovid wider 
besseres Wissen als Tatsachenberichte aufzufassen. Wenn also im folgenden von den 
Erlebnissen oder Gedanken eines Liebenden die Rede ist, so sind damit die 'Erleb- 
nisse' oder 'Gedanken' gemeint, die der jeweilige Dichter seine Persona haben läßt. In 
welchem Verhältnis die Kunst-Welt der Liebeselegie und der Ars zu der historischen 
Realität ihrer Zeit steht, soll dann im Anschluß an die Interpretation erörtert werden 
(Kapitel 8.5). 

Auch zwischen der Persona des Liebeslehrers und dem historischen Dichter Ovid 
möchte ich zunächst nicht unterscheiden und erst am Ende dieser Arbeit (8.6) die 
Frage aufwerfen, ob Ovid tatsächlich junge Leute unterrichtet, die zur Zeitenwende in 
Rom lebten, oder ob er für ein gebildetes Publikum schreibt, das genußvoll verfolgt, 
wie eine Kunstfigur, der praeceptor amoris, einen fiktiven Schüler in eine ebenso- 
wenig reale Kunst der Liebe einfuhrt. Wenn ich also im folgenden sage: „Ovid will 
'A"\ so meine ich damit: „Der Text läßt sich sinnvoll interpretieren, wenn man 
annimmt, Ovid wolle ' A' oder habe seine Persona so gestaltet, als ob sie ' A' wolle." 



60 
61 
62 



Vgl WILDBERGER (1998) 59 ff. 

Vgl. besonders Am. 3,3; 3,11; 3,14. 

Zur Fiktionalität der Liebeselegie wurde viel geschrieben. Einflußreich war besonders der Aufsatz 

von A. W. ALLEN, Sunt qui Propertium malint, in: Sullivan, J. P. (Hrsg.), Critical Essays ,pn 

Roman Literature - Elegy and Lyric, London 1962, 107-148. \ 



25 



2. Das erste Kapitel der Liebeslehre: 
Wie findet man eine Frau? (Ars 1,41-262) 

Will der Schüler sich in der ars amandi üben, braucht er ein geeignetes Liebesobjekt. 
Dazu muß er wissen, wo man viele Mädchen trifft (Ars 1,41-50). Allerdings kann Ovid 
ihn beruhigen: In Rom gibt es zahllose Frauen; bestimmt findet er gleich vor Ort eine 
Dame, die ihm gefallt (51-66). Nach dieser Vorbemerkung lernt der junge Mann, wo 
und wann er etwas zum Lieben aufstöbern wird, fein gutes Jagdrevier sind schon die 
alltäglichen Gelegenheiten wie der Spaziergang in einer Portikus und die Zeremonien 
der religio privater, selbst bei einer Gerichtsverhandlung erspäht man oft eine Schön- 
heit (67-88). Ausführlicher bespricht der Liebeslehrer die staatlichen Feste, zu denen 
elegante Damen in besonders großer Zahl strömen (89-228). Bereits die regulären 
Festspiele sind gut besucht. Seit Romulus' Zeiten hat so manch einer im Theater eine 
Frau erbeutet; und bei Wagenrennen und Gladiatorenkämpfen darf der Liebeskünstler 
die Damen sogar aus der Nähe begutachten (89-170). Noch mehr Publikum locken 
außerordentliche feriae imperativae in die Hauptstadt, wie vor kurzem die Naumachie 
des Augustus und demnächst der Triumph des C. Caesar, dessen Sieg gegen die 
Parther Ovid in einem Propemptikon vorhersagt (171-228). Auch bei privaten Gelagen, 
vielleicht im Anschluß an einen solchen Triumph, 1 kann der Schüler eine Dame 
entdecken (229-252). Und selbst für den Fall, daß er trotz dieser Möglichkeiten noch 
immer nichts Ansprechendes gefunden hat, weiß Ovid Rat: Außerhalb Roms gibt es 
noch unendlich viele weitere Orte, an denen man Frauen erbeuten kann, darunter nicht 
zuletzt die mondänen Ausflugsziele Baiae und Aricia (253-262). 

Selbst diese kurze Paraphrase zeigt, daß Ovid seine Lehren in einer sachlich und 
didaktisch sinnvollen Reihenfolge vorträgt. Hinweise auf das reichhaltige Angebot zu 
Beginn und Ende des Kapitels 2 ermutigen den Schüler, sich mit Zuversicht auf die 
Suche zu begeben und nicht zu verzagen, wenn er nicht sofort etwas Passendes findet. 
Da der angehende Liebeskünstler ein Römer ist (Ars 1,1), nennt Ovid vor allem 
Gelegenheiten in Rom. Den öffentlichen Spielen (89 ff.), wo man die meisten Frauen 
treffen kann, widmet er größere Aufmerksamkeit als den privaten Anlässen (67-88). 3 
Die Spiele selbst sind nach ihrer Häufigkeit und nach ihrer Beliebtheit angeordnet, 
denn je seltener und beliebter ein Spektakel ist, desto mehr Damen zieht es an. Theater 



Vgl. TRÄNKLE (1972) 393 mit Anm. 6, der allerdings an ein öffentliches Gelage denkt, 

Die Jagdmetaphorik (Ars 1,45 ff.) und die Unendlichkeits-Periphrase (57-9) vom Anfang kehren 

in der Praeteritio am Schluß wieder (Ars 1,253 f.): quid tibi femineos coetus venalibus aptos / 

enumerem? numero cedet harena meo. 

Ein Prozeß wird von Privatparteien angestrengt, um private Forderungen durchzusetzen. Er ist 

daher den privaten Anlässen zuzuordnen, obwohl er an einem staatlichen Gerichtshof stattfindet. 



26 



Das erste Kapitel der Liebeslehre 



und Wagenrennen konnte man öfter besuchen als ein munus mit Gladiatoren; die 
Naumachie war ein besonders aufwendig gestalteter Gladiatorenkampf, wie man ihn 
nur sehr selten zu sehen bekam; und einen Triumph hatte zuletzt im Jahre 7 v. Chr. 
Tiberius gefeiert. 4 Bereits der Hecyra des Terenz ist zu entnehmen, daß sich das Publi- 
kum lieber Gladiatoren als eine Komödie ansah, 5 und von der Popularität mancher 
Rennpferde konnten Schauspieler nur träumen. 6 Mag auch der eine oder andere 
Zuschauer einen Triumph als nicht ganz so unterhaltsam empfunden haben, so war 
diese Zeremonie doch für jeden römisch denkenden Menschen ein besonders erheben- 
des Schauspiel. 

Ein Lehrer sollte darauf achten, daß sein Vortrag die Schüler nicht langweilt. Und da 
selbst ein kunstvoll gestalteter Katalog von Orten und Festen auf die Dauer ermüdend 
wirkt, lockert Ovid seine Liste auf: Er beschreibt typische Situationen (Ars 1,83-88; 
165-170), erklärt, wie das Theater zu einem Ort erotischer Eroberungen wurde (101- 
130) und warum es in nächster Zeit zu einem Triumph kommt (177-212), und lehrt 
bereits das Liebeswerben im Circus maximus (139-162) oder beim Triumph (219- 
228). 7 Dieser Vorgriff auf das zweite Kapitel der Liebeslehre (Ars 1,37) ist keine 
Folge schlechter Textüberlieferung und auch kein Zeichen dafür, daß Ovid seinen 
Stoff nicht zu ordnen verstand. 8 Die Lehren sind vielmehr auf den jeweiligen Anlaß 
zugeschnitten. So ist es sinnvoll, dem Schüler, der gerade erst über den Partherfeldzug 
des C. Caesar unterrichtet wurde, auch gleich an Beispielen vorzuführen, was er beim 



Seit Augustus den Triumph zu einem Vorrecht des Kaisers und seiner Angehörigen gemacht hatte 
(KIENAST [1982] 148 f.), waren derartige Feiern eine große Seltenheit. Nach dem letzten 
Triumph eines Senators (19 v. Chr.: L. Baibus ex Äfricä) fand, abgesehen von zwei ovationes, 
bis zum Erscheinen der Ars nur der o. e. Triumph des Tiberius statt (CIL I 2 168 ff.). Vgl. a. F. V. 
HlCKSON, A_ugustus Triumphator: Manipulation of the Triumphal Theme in the Political Pro- 
gram of Augustus, Latomus 50 (1991) 123-138. 

Ter. Hec. 33 ff. - Die Beliebtheit von Gladiatorenkämpfen läßt sich schon daraus ermessen, daß 
in der Republik manch ein ehrgeiziger Kandidat munera zum<Zwecke der Wahlwerbung abhielt 
(P. VEYNE, Brot und Spiele. Gesellschaftliche Macht und politische Herrschaft in der Antike, 
Frankfurt/New York 1988, 360 f.). Aus diesem Grunde überwachte Augustus die Auffuhrung 
von Gladiatorenkämpfen und erlaubte nur noch zwei munera im Jahr (D. C. 54,2,4; KIENAST 
[1982] 142). Besonders aufwendig waren die acht von Augustus selbst veranstalteten munera, bei 
denen insgesamt ca. 10.000 Gladiatoren antraten (Aug. Ana 22). Der Naumachie des Jahres 2 v. 
Chr. widmet Augustus ein Kapitel seines Tatenberichtes (Ana 23): Auf einem eigens für diesen 
Zweck angelegten künstlichen See kämpften neben den Ruderern etwa 3.000 Mann auf 30 großen 
und noch mehr kleinen Schiffen; vgl. K. M. COLEMAN, Launching into History: Aquatic Displays 
in the Early Empire, JRS 83 (1993) 5 1 ff. 

Vgl. Mart 10,9,3-5: notus gentibus ille Martialis / et notus populis. - quid invideüs? / non sum 
Andraemone noüor caballo; Z. YAVETZ, Plebs and Princeps, Oxford 1969, 99 f. 
In diesen beiden Stücken wird zwar auch eine typische Situation dargestellt; von den kurzen Ek- 
phraseis (83-88; 165-70) unterscheiden sie sich aber darin, daß Ovid nicht beschreibt, sondern in 
Befehlsform ein bestimmtes Verhalten anordnet. 

Gegen TOLKIEHNs Versuch (1903) 328 f., den Abschnitt über den Zirkus hinter den Vers 1,524 
zu verschieben, vgl. KUMT (1913) 5 ff. und MARCHESI (1916)137. \ 



Wie findet man eine Frau? 



27 



Triumph der Dame neben ihm sagen kann, falls diese ihn nach der Bedeutung der 
Schaubilder fragt, auf denen der Partherfeldzug dargestellt ist. Außerdem wird es den 
jungen Mann zu eifriger Suche anspornen, wenn er sich schon vorstellen kann, welche 
Freuden ihn erwarten, sobald er gefunden hat, was er sucht. 

Eine Graphik macht deutlich, daß Ovid dem ersten Kapitel der Liebeslehre auch eine 
ästhetisch ansprechende, durch ausgewogene Proportionen, Symmetrie und Ring- 
komposition in sich geschlossene Form gegeben hat: 9 



41-50 Aufgabenstellung 

5 1-66 Einleitung: Suche in Rom genügt; der Schüler wird ermutigt 

67-252 Orte und Feste in Rom: 

67-88 Private Anlässe in der Öffentlichkeit 
89-170 Reguläre staatliche Feste 10 

89-134 Theater mit Erzählung vom Raub der Sabinerinnen 
135-162 Wagenrennen 

163-170 Gladiatorenkämpfe 

171-228 Staatliche Feste außer der Reihe j 

171-176 Naumachie des Augustus 

177-228 Triumph 

177-212 Propemptikon für C. Caesar 
213-228 Triumph 
1 229-252 Privates Fest (convivium) 

253-262 Nachtrag: Suche außerhalb Roms; der Schüler wird ermutigt 



Ekphrasis 



Aition 

— Werbung 
Ekphrasis 



- 'Aition* 
-Werbung 



Meiner Gliederung kommt an nächsten der Vorschlag von RAMBAUX (1986) 153. RAMBAUX 
unterscheidet zwei Abschnitte „Suche in Rom" (67-252) und „Suche außerhalb Roms" (253-262) 
und gliedert den ersten dieser beiden Abschnitte noch einmal in zwei Rubriken „in der Öffent- 
lichkeit" (67-228) und „im privaten Bereich" (229-252). - Größere Einheiten sehen LÜDERITZ 
(1970) 15 f. in den Versen 89-170 und 171-228 und VON ALBRECHT (1992) 8 in den Versen 135- 
170 und 171-228. PlANEZZOLA (1993) sieht die Verse 67-100 als Einheit an und trennt daför die 
Erzählung vom Raub der Sabinerinnen ab (101-134). - Andere Autoren gliedern in der Nachfolge 
Brandts (1902) nach den einzelnen Orten und Gelegenheiten, fassen jedoch ähnliches zusam- 
men, so etwa TOLKIEHN (1903) 328 f., KLIMT (1913) 3 ff. und HOLLIS (1977) die Verse 67-78 
und 253-262, BlNNlCKER (1967) 10 ff. die Verse 67-88, - Nicht überzeugend ist WElSERTs Vor- 
schlag (1970) 2 ff, zwölf Orten im ersten Kapitel der Liebeslehre (41-262) sechs Annäherungs- 
schritte in der zweiten Hälfte des ersten Buches (ab v. 263) gegenüberzustellen, ebensowenig wie 
seine Annahme, Ovid habe die Gelegenheiten nach einem topographischen System angeordnet. 
Auffällig ist allerdings, daß man sich jeweils am Ende der drei Abschnitte zur Suche in der 
Öffentlichkeit auf einem der Foren befindet: Am Ende des ersten Abschnittes (67-88) wohnt der 
Schüler Prozessen auf dem forum Iulium bei, der nächste Abschnitt (89-170) schließt mit einem 
Gladiatorenkampf, den Ovid auf dem forum Romanum stattfinden läßt (vgl. S. 48 Anm. 78), und 
der Triumphzug des C. Caesar im letzten Abschnitt (171-228) wird - wie gewöhnlich - auf der 
via Sacra über dasselbe Forum rühren. 

Die Verse 89-100 dienen zugleich als Einleitung des gesamten Abschnittes über staatliche Feste. 
Während Ovid zu Beginn nur die Vorteile des Theaters preist, bezieht er das Gleichnis von Amei- 
sen und Bienen (95 ff.) am Ende auf celehres ... ludos atigemein (97). Zurück auf diesen Aus- 
druck, und erst in zweiter Linie auf die früher erwähnten curva ... theatra (89), bezieht er den 
Singularis pro plurali ille locus (100), auch wenn der Singular die folgende, an einem bestimmten 
Ort spielende Erzählung vom Raub der Sabinerinnen vorbereitet. 



28 



Das erste Kapitel der Liebeslehre 



Doch mag man sich mit Recht fragen, warum Ovid diese Liste von Orten und Festen 
überhaupt in die Lehre auftiahm Seine Begründung, auch der Jäger müsse wissen, wo 
das Wild sich versteckt hält (Ars 1,45-48), befriedigt nicht. Zwar sollte dem Schüler 
bekannt sein, wo er eine Dame findet, doch was er in der Ars dazu erfährt, dürfte ihm 
nicht neu sein. Ovid nennt keine ungewöhnlichen oder geheimen Treffpunkte; abge- 
sehen von den aus dem Osten eingeführten Kultfesten (Ars 1,75-78), schickt er seinen 
Schüler vielmehr dahin, wo dieser sich auch bisher aufzuhalten pflegte. Und daß man 
dort Frauen trifft, wird dem jungen Manne gewiß nicht entgangen sein. Wenn Ovid . 
also nur lehren wollte, frequem quo sit ... puella loco (Ars 1,50), hätte er sich kürzer 
fassen können. 

Da er trotzdem so lange bei diesem Thema verweilt, darf man vermuten, daß seine 
Lehren mehr enthalten als nur sachliche Information. Um aus dem Schüler einen 
glücklichen 'elegisch' Liebenden zu machen, muß Ovid vor allem auf das Denken und 
Fühlen des jungen Mannes einwirken. Dazu sind praktische Verhaltensregeln allein 
wenig geeignet, und die folgende Interpretation wird zeigen, daß die eigentliche 
Schulung indirekt geschieht: Der 'elegisch' Liebende leidet, weil er sich als Außen- 
seiter sieht und glaubt, seine Liebe könne nicht mit den Anforderungen der Umwelt in 
Einklang gebracht werden (S. 14 f.). Deswegen bestimmt Ovid die Rolle des Liebes- 
künstlers im römischen Staat und vermittelt dem Schüler den Eindruck, Liebe sei im 
Rahmen der herrschenden Ordnung möglich und wünschenswert, der Liebende aber 
ein vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft. Zweitens leidet der 'elegisch' Liebende, 
weil er von seiner domina seelisch abhängig und aus Leidenschaft nicht mehr Herr 
seiner selbst ist. Aus diesem Grunde ist Ovid einerseits bemüht, bei seinem Schüler 
eine innere Distanz zu dem Objekt der Begierde zu erzeugen. Andererseits muß er 
völlige Gleichgültigkeit vermeiden und dafür sorgen, daß der junge Mann zwar nicht in 
die Ekstase des 'elegisch' Liebenden verfällt, aber doch lustvolle Erregung genießt. 



2.1 Jäger und Beute (Ars 1,41-66) 



29 



2.1 Jäger und Beute (Ars 1,41-66) 

In seinem Bemühen, etwas zu finden, das zu lieben er bereit ist (Ars 1,40), soll Övids 
Schüler Orte aufsuchen, an denen die zahllosen Mädchen Roms sich tummeln. Ganz 
anders lautet die Antwort des Priap auf Tibulls Frage, wie man einen schönen Knaben 
erobern könne (Tib. 1,4,9 f.): 

ofuge te temrae puerorum credere turbae, 
nam causam htsti semper amoris habenL 

Es mag verblüffen, daß ein Liebeslehrer - und ausgerechnet Priap! - davor warnt, sich 
unter die Knaben zu mischen, weil sie aus gutem Grunde in einem Liebe wecken. Ist es 
nicht sinnvoller, dem Schüler zu empfehlen, genau deswegen die Nähe der Schönen zu 
suchen? 11 Doch Priap meint seine Warnung ernst. Für ihn ist Liebe ein Übel, dem man 
sich möglichst entziehen sollte; nur denjenigen, die bereits verliebt sind, gibt er Rat- 
schläge. Diese Haltung entspricht dem Empfinden des 'elegisch' Liebenden. Properz 
ist alleine ausgegangen und hat seinen Blick durch das Theater schweifen lassen; viele 
Mädchen haben ihm gefallen, viele Übel kommen auf ihn zu (Prop. 2,22a, 1 f.): 

scis here mi multas pariter placuisse puellas; 
scis mihi, Demophoon, midia venire mala. 

Denn der 'elegisch' Liebende ist ein Opfer; die schönen Frauen bezaubern ihn, und er 
ist nicht Manns genug, sich ihren Reizen zu widersetzen. Wie ein Schiff in starker 
Strömung wird er unkontrolliert davongerissen; es bleibt ihm nichts anderes übrig, als 
sich mit seiner weichen Natur abzufinden (Ov. Am. 2,4,7 f.): 13 

nam desunt vires adme mihi iusque regendum; 
auferor, ut rapida com i t a puppis aqua. 



MlJRGATROYD (1980) 306 f. befremdet die Anweisung Priaps so sehr, daß er in Vers 9 ne fuge 
lesen möchte. DlSSEN (1835) ad loc. erklärt das Verbot als formelhafte Eloge auf die Schönheit 
der Knaben. Ihm schließt sich MUTSCHLER (1985) 78 an, betont aber, daß Priap es zugleich ernst 
meine. KÜPPERS (1981) 2523 schlägt vor, die Warnung als Hinweis auf die unglückliche Liebe 
des Tibull zu Marathus zu verstehen. - Im Gegensatz zu Tibull hält Ovid seine Schüler an, be- 
stimmte Orte gerade nicht zu meiden: nee fuge (Ars 1,77); nee te fitgiat (135); nee tibi 
vitetur (71); nee te praetereat (75). 

Diesen Zusammenhang verdeutlicht die Konjunktion sed (Tib. 1,4,15), mit der Priap seine Vor- 
schriften einleitet und die auf ofuge zurückverweist, wie WlMMEL (1968) 24 bemerkt. - Zu dem 
Gedanken, Liebe sei ein Übel, vgl. oben S. 12 f. mit Anm. 32. 

Noch eindrucksvoller ist das Bild das Properz gebraucht; Er vergleicht sich mit einem rasenden, 
entmannten Kybelepriester, der sich unter dem Einfluß der gewaltigen Muttergqtthcit selbst ver- 
stümmelt. So verliert auch der 'elegisch' Liebende unter dem Einfluß einer schönen Frau seine 
selbstbestimmte männliche Überlegenheit, ohne sich diese Schwäche erklären zu können. Er sei 
nun einmal schwach und weich; das Schicksal habe es eben so gewollt (Prop. 2,22a,13-18): quae- 
ris, Demophoon, cur sim tarn mollis in omnis? / quoä quaeris, „ quare ", non habet ullus amor. 
/ cur aliquis sacris laniat sua bracchia eultris / et Phrygis insanos caeäitur ad numeros? / uni- 
cuique dedit Vitium natura creato: / mi fortuna aliquid semper amare dedit. 



30 



Das erste Kapitel der Liebeslehre 



2.1 Jäger und beute (Ars 1,41-66) 



31 



Properz hat erfahren, wie dem Manne beim Anblick einer schönen Frau der Schmerz 
durch die Augen fährt. 14 Wenn aber schon alltägliche Schönheiten eine solche Wir- 
kung auf ihn haben, kann man sich leicht ausmalen, wie den 'elegisch' Liebenden die 
Begegnung mit der EINEN überwältigt. 15 Ein Blick von ihr genügt, und auf ewig ist er 
ihr in Demut verfallen; nie wieder kann er stolz die Augen heben oder gar eine andere 
ansehen. 

Da jedoch in einer belebten Großstadt solch erschütternde Begegnungen schwer zu 
verhindern sind, warnt Priap seine Schüler vergebens. Früher oder später trifft man 
eine Person, die so schön ist, daß man sich der Wirkung ihrer Reize nicht entziehen 
kann. Deswegen empfielt Ovid ein anderes Vorgehen. Von sich aus soll der Schüler 
das Schiff in Fahrt bringen, noch bevor der Strom es mitreißt (Ars 1,3 f.): 

arte citae veloque rates remoqtie moventur, 
arte leves currus: arte regend us amor. 

Er wird nicht abwarten, bis eine Frau ihm die Sinne raubt, 18 sondern selbst nach einer 
geeigneten Beute Ausschau halten, solange er noch keine Liebe empfindet So bringt 
ihn der Anblick der Frau, die ihm mehr gefällt als alle anderen, nicht mehr aus der 
Fassung. Der junge Mann wird in dieser Begegnung nur noch das notwendige Ergebnis 
seiner Mühen sehen: 

Während dem 'elegisch' Liebenden seine überwältigend schöne Herrin geradezu als 
Epiphanie einer vom Himmel herabgeglittenen Gottheit erscheint, warnt Ovid in der 
Ars, daß die Geliebte nicht vom Himmel fallen wird (Ars 1,43): 



Prop. 2,25,39-48: at vos, qtti officio in mitltos revocatis amores, / quantus sie cruciat lumina 

nostra dolor! / vidistis pleno teneram candore puellam, / vidistis fuscam: ducit uterque color; / 

vidisüs qiiandam Argiva prodire figuro, / vidistis nostras: utraque forma rapit; / illaque 

plebeio vel sit sandycis amictu: / haec atque Uta mali vulneris una via est- f cum saus una tuis 

insomnia portet ocellis. /una sat est cuivis femina multa mala. Vgl. a. Prop. 2,22a,7: mterea 

nostri quaerunt sibi vulnus ocelll 

Vgl. Prop. 1,4,5 ff.: Neben Cynthia sind selbst mythische Heroinen unscheinbar, und normale 

Sterbliche (leves figurae) können sich erst recht nicht mit ihr messen 

Prop 1 1 1-3- Cynthia prima suis miserum me cepit ocellis / ... / tum mihi constantis deiecit 

lumina fastus; Prop. 1,5,11: non Uta relinquet ocellos; Prop. 1,9,27 f.: quippe ubi non liceat 

vaeuos seducere ocellos, / nee vigilare alio nomine cedat Amor. - Während die Augen des 

Mannes die Stelle sind, an der ihn Liebe besonders heftig trifft (vgl. noch Prop. 1,19,5; 2 30 10; 

3 10 15' Ov Am 1,10,10; 2,17,2), übt umgekehrt die Frau mit ihren Augen Macht über den 

Mann aus (vgl. Prop. 1,1,1; 1,15,41; 2,3,14 und dazu SPffiS [1930] 24 f., FEDELI [1980] 65). 

MYEROW1TZ (1985) 79 bemerkt zu solchen Gleichnissen: „... the equation of love and speeding 

vessels implies that erotic energy demands an^acüve response. Passivity will result at best in aim- 

less drifting, at worst in crashing destruetion ," 

Prop. 2,1,55: una meos quoniam praedata est femina sensus. 

Man beachte, daß Ovid statt einer Form von cadere das Verbum delabi verwendet. So erinnert er 

nicht nur an das bekannte Sprichwort (OTTO [1890] Nr. 287: de caelo deeidere, HöLLIS [1977] 

ad loa), sondern zugleich an die Formel (de) caelo delabi, die für den Besuch einer Gottheit, auf 



haec tibi non tenues veniet delapsaper atiras. 

Vielmehr muß der Schüler hart arbeiten, um geeignetes „Material" (Ars 1,49) zu 
finden, etwas, das zu lieben er sich entschließen kann (Ars 1,35): 

quod amare velis, reperire labora . 

Sorgfältig wird er unter zahllosen Kandidatinnen (Ars 1,55-59) die eine auswählen, die 
es verdient - nicht etwa, daß er sie über alle Maßen liebt, 20 sondern daß er ihr gegen- 
über eine 'elegische' Liebeserklärung abgibt (Ars 1,42): 21 

elige, cid dicas: „tu mihi sola places". 

Eine schöne Frau zu sehen, quält und verwundet die Augen des 'elegisch' Liebenden. 
Der Liebeskünstler aber wird dieses Sinnesorgan nutzen, um das Angebot kritisch zu 
prüfen. Unter den vielen Frauen, die ihm vor Augen kommen (Ars 1,62), wird er eine 
auswählen, die zu seinen Augen paßt (Ars 1,44). 

Während also in dem 'elegisch' Liebenden erst der Anblick einer außerordentlichen 
Schönheit überwältigende Gefühle erregt und den Wunsch, zu dieser Frau eine dauer- 
hafte Beziehung einzugehen, kehrt Ovid den Prozeß um. Sein Schüler soll mit dem 
Wunsch, eine dauerhafte Liebesbeziehung einzugehen, den Anblick schöner Frauen 
suchen, um darunter eine zu finden, die in ihm Verlangen weckt, Auf diese Weise be- 
hält er die Kontrolle: Er fühlt sich nicht als wehrloses Opfer, und sein bewußt herbei- 



Erden gebraucht wird, vgl. OLD s. v. delabor Nr. 2b, Cic. Har. 62 (ui deus aliqui delapsus de 
caelo coetus hominum adeat)\ Verg. A. 5,722; 5,838; 7,620 (delapsa bzw. delapsus jeweils an 
derselben Versstelle wie in Ars 1,43). - Cynthias Schönheit versetzt den Properz so in Staunen, 
daß er sich fragt: cur haec in terris facies humana moratur (Prop. 2,2,3). Sulpicia triumphiert 
([Tib.] 3,13,1-4): Tandem venit amor ... / ... / exorata meis ilhim Cytherea Camenis / attulit in 
nostrum deposuitque sinum. Tibull hofft, der Delia wie ein Geschenk des Himmels zu erscheinen 
(Tib. 1,3,90): sed videar caelo missus adesse tibi. Vgl. a. [Tib.] 3,19,13: nunc licet e caelo 
mittatur amica Tibullo, / mittetur frustra deficietque Venus. Gegen frühere Arbeiten (z. B. F. W. 
LENZ, Ein Liebesgedicht Tibulls [4,13], SIFC 10 [1932] 125-145) hat sich mittlerweile die Auf- 
fassung durchgesetzt, daß diese Elegie erst nach und unter dem Einfluß der Ars entstanden ist (so 
etwa A. G. LEE, On [Tibullus] 111,19 [IV, 13], PCPhS 188 [1963] 4-10 und TRÄNKLE [1990] 323 
ff.). Wahrscheinlich nach der Ars sind auch Ovids elegische Briefpaare erschienen (E. J. KEN- 
NEY, Ovid, Heroides XVI-XXI, Cambridge 1996, 21). Dort bittet Leander die Göttin Luna, fiir 
ihn zu leuchten (Ep. 1 8,65): tu dea mortalem caelo delapsa petebas; / vera loqui liceat! - quam 
sequor, ipsa dea est. 

Vgl. GlANGRANDE (1991) 76: „Ovidio racommenda ... non di sorfrire ia grande passion' unica." 
PlANEZZOLA (1993) XIV f. merkt an: „La formula dell'amore irrazionale ... diventa, mediantc 
Paccostamento con Fespressione della scelta razionale ..., il primo precetto della strategia amo- 
rosa e fissa lo statuto stesso dolVArs in opposizione all'elegia: Pamore va riportato sotto Ia guida 
della ragione ..." 

Erstmals belegt sind diese Worte bei Properz (2,7,19): tu mihi sota places; placeam tibi, 
Cynthia, solus. Doch ähnlich lautet schon sein Wunsch (Prop. 1,7,1 1): me laudent doetae solum 
placuisse puellae. Vgl. ferner Ov. Am. 1,3,15: non mihi mille placent; [Tib.] 3,19,3 f.: tu mihi 
sola places, nee iam te praeter in urbe / formosa est oculis ulla puella meis; Ov. Am. 3,4,32: 
solaplacet, „ timeo " dicere si qua potesf. 



1^— i 



32 



Das erste Kapitel der Liebeslehre 



geführtes Begehren wird weniger heftig und verzehrend sein als die Leidenschaft des 
'elegisch* Liebenden. 22 

Dafür, daß der junge Liebeskünstler kühlen Kopf bewahrt, sorgt Ovid ferner durch die 
Worte, mit denen er mögliche Partnerinnen beschreibt. Die zukünftige Geliebte wird 
zum Objekt, zum Stoff, zu einer unbestimmten Menge, die man in einem technischen 
Singular zusammenfassen kann. 23 Roms Mädchen sind zahlreich wie die Saaten Gar- 
garas, wie die Reben von Methymna, wie Fische, Vögel und Sterne - aber auch so ein- 
förmig, austauschbar und unbedeutend unter all dem Gleichartigen (Ars 1,57-59). 
Wenn in der Liebeselegie eine Vielzahl schöner Wesen beschrieben wird, so sehen wir 
Individuen, jedes mit einem eigenen sinnlichen Reiz: Ein Knabe zeigt beim Schwim- 
men die schneeige Brust; einer Dame ringeln sich verirrte Locken über die klare Stirn; 
bezaubernd senken sich schwarze Haare auf einen weißen Nacken. 24 In der Ars da- 
gegen verleiht der Liebeslehrer der materia amoris keine besonderen Züge. Er klassi- 
fiziert die Schönen nur nach ihrem Alter, wobei in einer Antiklimax das Alter zu- und 
das Begehren des Mannes abnimmt. 25 

Dies bedeutet allerdings nicht, daß für den Schüler die Liebe nur eine lästige Pflicht 
sei. Nein, auch er wird Erregung und Lust empfinden, allerdings die überlegene Lust 
des Jägers, der in reichen Gründen seine Beute stellt, nicht den ekstatischen Schauer 
dessen, der spürt, wie eine höhere Macht von ihm Besitz ergreift, Vergleiche mit der 
Jagd oder dem Fischfang sind ein beliebter Topos der erotischen Literatur. 2 Umso 



Vgl. schon WELLMANN-BRETZIGHEIMER (1981) 17: „... das Finden einer Geliebten, sonst Ge- 
schenk des Zufalls, wird hier zum planbaren Ereignis. Das forcierte Bestreben, wahre Gefiihlsbe- 
troffenheit auszuschalten, äußert sich im Entschlußakt des Mannes, die amator-Tätigkeit aufzu- 
nehmen, in der bewußten Suche nach einer Geliebten und der Mühe des Suchens und Findens . ."; " 
- Wie HOFFMANN (1980) 132 ff. zeigt, gibt es eine ähnliche Umkehrung in den Amores. In den 
ersten beiden Gedichten (Am. 1,1 und 1,2) sei zunächst nur eine „Disposition zu einer erhöhten 
erotischen Reizbarkeit festzustellen (vgl. a. REITZENSTEIN [1935] 214 Anm. 10). Erst in der 
dritten Elegie richte sich das Verlagen auf eine bestimmte Person, deren Namen wir noch später, 
in der fünften Elegie, erfahren. 

Ars 1,35: quodamare velis; 49; materiam longo ... amori; 50: frequens ... puella. Dieser Singu- 
lar ist nach HOLLIS (1977) typisch für die Sprache der Jäger. Zur „Entpersönlichung des 
Mädchens zum bloßen Liebesobjekt" vgl. WELLMANN-BRETZIGHEIMER (1981) 17 mit Anm. 31. 
Vgl. Tib. 1,4,11-14, bes. v. 12; Prop. 2,22a,5-10, bes. v. 9; Prop. 2,25,41-45; Ov. Am. 2,4,11- 
46, bes. 41. Zu Tibull meint WlMMEL (1968) 23 f., daß Priap durch den Knabenkatalog seine 
eigene Warnung regelrecht untergrabe: „Er lockt statt zu warnen." 

Ars 1,61-66: seit caperis ... puella; sive cupis iuvenem ... ; seu te forte iuvat sera et sapientior 
aetas. - Auch an keiner anderen Stelle in diesem Kapitel der Liebeslehre beschreibt Ovid die 
Reize der Damen genauer. Selbst die Szene beim Wagenrennen (Ars 1,139 ff.) wird nicht durch 
eine Schilderung der Umworbenen ausgeschmückt. Wir erfahren nur, daß es sich lohnt, einen 
Blick auf ihre Schenkel zu werfen (155 f.). Eine ähnliche Szene gestaltet Ovid in den Amores. 
Dort darf der Liebende die Beine der Dame sehen und benötig acht Verse, um seiner Verzückung 
Ausdruck zu verleihen (Am. 3,2,27-34). 

Vgl. MURGATROYD (1984), ferner KENNEY (1970) 386 ff., TARAN (1979) 98 f.; speziell, zur 
Ars: KRÖKOWSKI (1963) 153 f., LEACH (1964) 144 ff., A/HEFTBERGER, Bemerkungen^zur 



2.1 Jäger und Beute (Ars 1,41-66) 



33 



bemerkenswerter ist, daß man solche Vergleiche in der römischen Liebeselegie sehr 
selten und nur in einer Form findet: Stets ist der Liebende das Wild, dem die Geliebte, 
ein Rivale oder Amor nachstellen. 27 Doch in der Ars gibt Ovid dem Mann seine Über- 
legenheit zurück. Hier ist der Liebeskünstler der Jäger, die Geliebte die Beute. 28 Der 
Schüler lernt, wie ein guter Waidmann die Verstecke des Wildes zu kennen (Ars 1,45- 
48). Ovid zeigt ihm, wo er seine Netze ausspannen soll (263), fordert ihn auf, vor 
allem im Theater zu jagen (89), und versichert, für den Frauenfang gebe es mehr ge- 
eignete Jagdgründe als Sand am Meer (Ars 1,253 f.). Lustvoll wird der junge Mann zu- 
sammen mit seinem Lehrer auf die Pirsch gehen. 



Bildersprache Ovids, Serta Philologica Aenipontana 2 = R. Muth (Hrsg.), Innsbrucker Beiträge 
zur Kulturwissenschaft 17 (1972) 140 ff, WEBER (1983) 71 ff, MYEROWITZ (1985) 124 f.; 
STEUDEL (1992) 146 ff Zu weit geht GREEN (1996) mit den Thesen, die Jagd sei „the source 
from which the poet draws the narrative structure and the imagery of Book 1" (221) und symboli- 
siere zugleich Zivilisation und die Gefahren des Wilden, das es an sich selbst und an den Frauen 
zu bändigen gelte, die implizite „great lesson" (260) des ersten Buches der Ars aber laute, daß 
man immer zugleich Jäger und Gejagter sein müsse. 

Die Geliebte als Jägerin oder Fischerin: Prop. 4,1,141 f. (et bene cum flxum mento discusseris 
uncutn, / nil erit hoc: rostro te premet ansa tuo)\ Prop. 2,32,19 f.; möglicherweise auch Prop. 
2,3,2, falls dort haerere „sich in einem Netz verfangen" bedeutet, was ENK (1962) nicht aus- 
schließt; Tib. 1,6,5 f.; 1,9,46 (über den Knaben Marathus); Ov. Am. 1,8,56 und 69 f. - Einjagen- 
der Rivale findet sich Prop. 3,8,37: qui nostro nexisti retia lecto. FEDEIJ (1985) glaubt allerdings 
mit SMYTH (1949) 123, daß Properz hier auf den Ehebruch von Mars und Venus anspiele. Dann 
würde sich Properz an einen Dritten wenden, der ihn und Cynthia bloßstellen will, wie es einst 
Vulkan tat. Indes gibt es in den Elegien des Properz sonst keinen Hinweis, daß Cynthia etwa ge- 
zwungen wäre, wegen eines Gatten ihre Affaren geheim zu halten.- Amor erscheint als Jäger Ov. 
Am. 2,9,9 f. und vielleicht auch Tib. 1,6,4 (insidiae). - Tibull vergleicht die Macht der Spes über 
ihn selbst mit der Wirkung, die diese Gottheit auf Tiere hat (2,6,23 f.): haec laqueo volucres, 
haec captat harundine pisces, / cum tenues hamos abdidit ante eibus. 

Vgl. GlANGRANDE (1991) 77 f. - Im dritten Buch greift Ovid auf die 'elegische* Form des Jagd- 
motivs zurück und vergleicht die Damen mit Jägerinnen. - Zu Frauen als Jägerinnen in einem cro- 
todidaktischen Kontext vgl. a. X. Mem. 3,11,6 ff (KLEVE [1983] 92 f.). Dort empfiehlt Sokratcs 
der Hetäre Theodote, sich jemanden zu suchen, der ihr wie ein Jagdhund die Verehrer in die Netze 
treibt (X. Mem. 3,1 1,9): *Eäv vtj Ai\ £<pq, ävrt kvvöq Krr\an, öartq aot faveikov- fi&v ro\)q <ptXo- 
KdXovq Kai JtXovmovQ evprjaet, eöpobv Se ^tjx av V (Xetat > ojtcog dpßdXn aötoöt; elc. rä aä ÖiKTva. 



34 



Das erste Kapitel der Liebeslehre 



2.2 Der Liebeskünstler in der römischen Gesellschaft (Ars 1,51-88) 

Wie der 'elegisch' Liebende lehnt Ovid weite Reisen ab. 29 Perseus und Paris mögen 
sich Andromeda und Helena jeweils aus einem arideren Erdteil geholt haben; Roma 
aber bietet so viele und so schöne Mädchen, daß man sagen kann, sie besitze alles, was 
es je auf der Welt gab (Ars 1,55 f.): 

tot tibi tamque dabit formosas Roma pnellas, 

„haechabet" utdicas „quicquid in orbe fuit." 

Wie viele Sterne der Himmel trägt, so viele Mädchen birgt diese Stadt, in der Aeneas' 
Mutter Venus wohnt und waltet (Ars 1,59 f.): 

quot caelum Stellas, tot habet tua Roma puellas: 
mater in Aeneae constitit urbe sui. 

Zu diesen Versen meint HOLLIS: „We have here a most ingenious and amusing parody 
of a stock patriotic theme of the day - panegyric of Rome and Italy". HOLLIS' Urteil 
ist jedoch in zweierlei Hinsicht unzutreffend. Erstens fehlen in der Ars charakteristi- 
sche Merkmale derartiger laudaliones. Anstatt vieler unterschiedlicher Vorzüge lobt 
Ovid nur eine Eigenschaft: die große Zahl der schönen Einwohnerinnen. 31 Auch ver- 
zichtet er darauf, die römischen Mädchen mit den Schönheiten anderer Länder zu ver- 
gleichen; ein Panegyriker aber nutzt diese Möglichkeit, die gepriesene Stadt über 
andere zu erheben. 32 Da eine Parodie nur dann wirkt, wenn sie sich eng an das Ziel 
ihres Spottes oder ihrer Kritik anlehnt, sprechen schon diese formalen Abweichungen 
gegen eine parodistische Absicht Ovids. 33 Das Fehlen der genannten Merkmale zeigt 
vielmehr, wie konsequent er seinen Vortrag auf das beschränkt, was der Lehre dient. 
Er lobt an Rom allein die Eigenschaft, die seine Aufforderung, in der Hauptstadt zu 
suchen, begründet. Wollte Ovid die Römerinnen mit ausländischen Damen verglei- 
chen, müßte er sie außerdem genauer beschreiben und ihnen damit individuelle Züge 



29 
30 



Vor allem Tibull klagt über die longae viae, die ihm auferlegt sind (z. B. Tib. 1,1,26; 1,3,36). 
HOLLIS (1977) 42, vgl. schon KRÖKOWSKI (1963) 155 f.: „allusion legere"; DÖPP (1992) 113: 
„eine keck-ironische Umformulierung der traditionellen Rom-Idee"; ferner PlANEZZOLA (1993) 
194 und STEUDEL (1992) 102 ff. (mit weiterer Literatur). 

Vergil (G. 2,136 ff.) lobt in seinen laades Italiae u. a. den Reichtum an Feldfrüchten, Wein und 
Vieh, das milde Klima, das Fehlen von Ungeheuern, die Städte, Flüsse, Meere, Seen, Gold- und 
Silberminen und zuletzt die tüchtigen Söhne Italiens (167 ff.), deren bedeutendster, Octavian, sich 
soeben anschickt, das ferne Indien zu unterwerfen. Selbst Varro (R. 1,2,3 ff.), der sich als Fach- 
schriftsteller auf die Eigenschaften beschränkt, die für einen Landwirt von Interesse sind, erwähnt 
neben dem Reichtum an Feldfrüchten aller Art das gesunde Klima und die günstige Lage Italiens. 
Vergil (G. 2,136 ff.) vergleicht Italien mit dem sagenhaft reichen Osten, Varro (R. 1,2,7) mit 
Phrygien und Argos. - Der Hinweis auf Perseus und Paris (Ars 1,53 f.) stellt keinen derartigen 
Vergleich dar, da beide Helden ihre Frauen außerhalb Roms fanden. Ovid behauptet auch 
nicht, Andromeda und Helena seien häßlicher gewesen als die Römerinnen. ^ 

Dagegen sieht STEUDEL (1992) 104 f. gerade in den Abweichungen die Parodie. \ 



2.2 DER LIEBESKÜNSTLER IN DER GESELLSCHAFT (ARS 1,51-88) 



35 



verleihen, was seinem Bestreben widerspräche, in dem jungen Manne eine überlegene 
Distanz zum Objekt der Begierde zu erzeugen. 

Zweitens lassen sich die Vorbilder Ovids genauer bestimmen. Poetische Elogen auf 
Rom und Italien waren keineswegs so weit verbreitet, wie HOLLIS' Formulierung 
glauben macht. Wir kennen nur zwei, die vor der Ars entstanden sind: die berühmten 
laudes Italiae Vergils (G. 2,136 ff.) und die Elegie 3,22 des Properz. 34 Während 
Properz sich eng an die Georgica anschließt, 35 macht Ovid durch ein Zitat (Ars 1,56) 
deutlich, daß er sich vor allem mit der Version des älteren Elegikers auseinandersetzt, 
Properz, der kurz davor steht, sich von seiner rasenden Liebe zu befreien und wieder 
ein anständiger, von Vernunft geleiteter Bürger zu werden, 36 fordert seinen Freund 
Tullus auf, aus Kyzikos heimzukehren. Rom übertreffe alle fremden Sehenswürdig- 
keiten; was es je irgendwo gegeben habe, finde sich hier (Prop. 3,22,17 f.): 37 



Zur Italien-Panegyrik vgl. das von FEDELI (1985) 627 und STEUDEL (1992) 102 Anm. 465 ge- 
sammelte Material. Die Ode 1,7 des Horaz wird man wohl kaum als laus Italiae bezeichnen 
können: In nur drei Versen preist er nicht Rom oder Italien, sondern allein Tibur (12-14). Dabei 
setzt er seine persönliche Vorliebe für diesen Ort von der Bewunderung ab, die andere 
Leute für einzelne griechische Städte hegen. 
FEDELI (1985) 627 f. 

In der Elegie vor c. 3,22 plant Properz eine Seereise, ut me longa gravi solvat amore via (Prop, 
3,21,2). In der folgenden Elegie (3,23) symbolisiert der Verlust von Schreibtäfelchen Properzens 
Entschluß, nun keine Liebeselegien mehr zu dichten. Schließlich (3,24 und 25) erklärt er Cynthia, 
daß er sie nun nicht mehr liebe und wieder zur Besinnung gekommen sei. Vgl. z. B. K. NEU- 
MEISTER (1983) 111 ff., bes. 112: „Der Preis auf Rom und Italien zeigt deutlich, daß Properz, 
trotz einer durch die Liebe zu Cynthia erzwungenen Distanzierung von der traditionellen römi- 
schen Lebensform, dem römischen Staat tief innerlich verbunden blieb. Die bevorstehende Ablö- 
sung von der elegischen Lebensform läßt diese latente Verbundenheit wieder an der Oberfläche 
erscheinen." Zu Prop. 3,22,42 schreibt HOLZBERG (1990a) 47: „... wenn die ... laudes Italiae in 
der Verheißung einer den Adressaten in Rom erwartenden liebevollen Gattin gipfeln ..,, ist die 
gleichzeitige Absage des Dichters an die von ihm bisher vertretene Alternative zur bürgerlichen 
Ehe unschwer zu erschließen." 

Vgl. Ars 1,55 f.; BRANDT (1902) ad Ioc. Auch formal gleichen sich die beiden Stücke: Properz 
beginnt mit einer in Konzessivsätzen gehaltenen Priamel, zunächst der Sehenswürdigkeiten des 
äußersten Westens (Prop. 3,22,7M0), dann des äußersten Ostens (1 1 f.); auf die Priamel folgt das 
hier zitierte Distichon. Dieselbe Struktur verkürzt Ovid in der Ars: Auf die im konzessiven Kon- 
junktiv gehaltenen Gegenbeispiele des Perseus (Reise von West nach Ost) und Paris (Reise von 
Ost nach West), folgt die Aussage, Rom alleine habe genügend Frauen zu bieten. Auch Properz 
erwähnt übrigens Andromeda (29). - Sachlich steht die Ars der Elegie des Properz ebenfalls 
näher. Denn Vergil singt laudes Italiae (G. 2,138) und erwähnt nur am Rande die „römischen 
Triumphe" (148), während Properz zwar auch italische Gewässer verherrlicht (Prop. 3,22,23- 
26), in den Mittelpunkt aber den Ruhm der Hauptstadt selbst stellt (17: Romanae ... terrae; 20: 
Roma; 39 ff.). - Dagegen könnte man in den Landwirtschafts-Gleichnissen (Ars 1,57) eine An- 
spielung auf Vergil vermuten, zumal Vergil den Ort Gargara an anderer Stelle erwähnt (Verg. G. 
1,103: ipsa suas mirantur Gargara messes; vgl. LENZ [1969] 170, STEUDEL [1992J 102 ff., die 
meint, daß Ovid speziell Vergil parodiere). Indes könnte Ovid die Orte Gargara und Methymna 
auch wegen ihrer sprechenden Namen gewählt haben: Das Wort ydpyapa bezeichnet eine große 
Menge und Mtjdupva dürfte trotz der anderen Schreibweise an das poetische Wort jxi&v 



36 



Das erste Kapitel der Liebeslehre 



omnia Romanae cedent miracula terrae: 

natura hie posuit, quid quid ubique fit it. 

Wenn man nun annimmt, Ovid habe seinem Schüler Properzens laus Romae ins 
Gedächtnis rufen wollen, so fällt weiter auf, daß Properz in Rom den Ort sieht, an dem 
ein Mann nach traditioneller Weise die politische Laufbahn einschlagen und mit einer 
passenden Frau eine Familie gründen kann (Prop. 3,22,39-42): 

haec tibi, Tülle, parens, haec est pulcherrima sedes, 

hie tibi pro digna gente petendus honos, 
hie tibi ad eloquium cives, hie ampla nepotum 

spes et venturae coniugis apttts amor. 

Demgegenüber stellt Ovid in der Ars klar, daß Rom auch der Wirkungskreis dessen ist, 
der eine 'elegische' Liebesbeziehung anstrebt; der Liebeskünstler findet dort ebenfalls 
ein passendes Mädchen (Ars 1,44: apta puella). Tullus' Bindung an seine Heimat 
unterstreicht Properz durch das Wort parens. Auch Ovid personifiziert die Stadt Rom 
und suggeriert ein enges, persönliches Verhältnis zwischen ihr und dem Schüler; die 
Stadt, in der Mutter Venus ihren Wohnsitz hat, „gibt" dem Liebeskünstler ihre 
schönen Mädchen und ist „sein geliebtes Rom". 38 Dabei läßt es Ovid keineswegs an 
Respekt fehlen: Mit Gleichnissen, die alle vier Weltregionen - Land, Wasser, Luft und 
Äther - umspannen (Ars 1,57-59), verleiht er dem Frauemeichtum Roms geradezu 
kosmische Dimensionen. 39 Wie für den traditionell denkenden Tullus ist auch für den 
Liebeskünstler Rom der Mittelpunkt der Welt. 

Wenn Ovid statt harter Männer vom Lande, deren Macht auf Eisen und Gottesfurcht 
beruht, 40 die zarten Reize der Großstadt preist, so muß dies nicht bedeuten, daß er 
andere laudes Italiae herabwürdigen wollte. Bei seiner Darstellung römischer Größe 
aus der Sicht des kleinen Mannes mit seinen privaten Bedürfhissen folgt er vielmehr 
hellenistischen Vorbildern, und zwar Vorbildern, deren Einfluß auf Dichter wie Vergil 
unbestritten ist. So ist etwa Kallimachos' Locke der Berenike ein Beispiel dafür, daß 
eine erotische Elegie zugleich Herrscherpanegyrik sein kann. „Callimachus had shown 
that it was possible to write of kings and wars without simply uniting flattery and 
battles - and without all the trite epic trimmings. ... Faced with the task of celebrating 
Euergetes's Syrian war of 246, he focused instead on the lock of hair vowed by the 



38 
39 



(„Wein") erinnern und an Dionysos' Beinamen „Me&u^vatog", der vielleicht „a jocular version 

of °Mq&uiivmo<;" ist (LJS Suppl. s. v.). 

Ars 1,55: tibi ... dabit; 59: tua Roma; zur affektiven Bedeutung von tuus vgl. OLD s. v. Nr. 2b. 

Vgl LÜDERITZ (1970) 12 f.; WELLMANN-BRETZIGHEEMER (1981) 20 Anm. 37. - Man beachte 

ferner, daß orbe (Ars 1,56) an derselben Versstelle steht wie urbe (60). 

Verg. G. 2,167 ff.: genus acre virum ... Scipiadas ditros belto; Prop. 3,22,21 f.: nam quqntum 

ferro tantum pietate potentes / stamus. "V 



2.2 Der Liebeskünstler in der Gesellschaft (Ars 1,51-88) 



37 



new queen Berenice for her husband." 41 Auch Theokrit, der Ptolemaios IL Philadel- 
phos in mehr als einem Idyll gepriesen und sogar ein förmliches 'Eytcco/ntov eic, Tltote- 
(xolov (17) gedichtet hat, verbindet Liebe, Krieg und König: Ein unglücklich Verliebter 
will als Söldner in die Fremde gehen, um sich von seiner zehrenden Leidenschaft zu 
befreien. Da rät ihm ein Kamerad, in die Dienste des Ptolemaios zu treten, denn der sei 
klug und freundlich, ein Förderer der Musen, ein Mann der Liebe und überaus char- 
mant (Theoc. 14,61): 

evyvojficov, (piXopovaoq, epoyttKÖc, el<; ärepov aövq. 

Auffällig sind vor allem die Parallelen zwischen der Ars und dem ersten Mimiambus 
des Herodas. Und Herodas preist seinen König aus dem Munde einer Kupplerin! 42 Die 
alte Gyllis vertritt die Interessen eines reichen Jünglings, der sich bei einem Fest in 
Metriche verliebt hat Ähnlich wie es Ovid später lehren wird, redet die Alte auf die 
Schöne ein und versucht zunächst, sie eifersüchtig zu machen. 43 Metriches Mann ist 
nach Alexandria gereist, und Gyllis läßt durchblicken, daß er dort gewiß nicht das 
Leben eines Asketen fuhrt. Denn in Ägypten habe Aphrodite ihr Haus, und es gebe 
dort alles, was es überhaupt irgendwo gibt: Reichtum, Gymnasien, Macht, schönes 
Wetter, Ruhm, Sehenswürdigkeiten, Philosophen, Gold, junge Männer, den Tempel 
der Geschwister-Götter, den trefflichen König, das Museion, Wein und mehr Frauen 
als Sterne am Himmel prangen, alle schöner als die drei Göttinnen, über deren Reize 
Paris zu richten hatte (Herod. l,26-35): 44 



CAMERON (1995) 476. Auf den folgenden Seiten sammelt CAMERON Beispiele römischer Pan- 
egyrik, die ihm von Kallimachos beeinflußt erscheinen, z. B. Tib. 1,7; Prop. 4,6; Verg. G. 3,1 ff. 
Zur Herrscherpanegyrik in diesem Mimiambus vgl. CUNNINGHAM (1971) 57 f. - Allerdings 
meint C. MASTROMARCO, Eine alexandrinische Kupplerin, WJA 16 (1990) 97, Herodas schreibe 
keine Panegyrik; es gehe vielmehr um den „Kontrast zwischen dem niederen sozialen und morali- 
schen Niveau der Gestalten des Herodas und ihrer überhöhten poetischen Prägung". SIMON 
(1991) 54 glaubt sogar, Herodas kritisiere die „ptolemäische Verbindung von Geld, Macht und 
Kultur". Aber gerade diese Verbindung pries man an einem hellenistischen Herrscher, vgl. z. B. 
Theoc. 17,77 ff., 95 ff, 112 ff - Dagegen kann WEBER (1993) 199 ff keine Kritik erkennen, 
meint aber, es handele sich um eine Lobeshymne auf Ägypten, nicht auf den König. Überhaupt 
seien solche Kataloge von Vorzügen ein typisches Komödienmotiv. Indes beherrschen der König, 
der Herrscherkult (vv. 30, ?26), die Eigenschaften des Monarchen, z. B. „Macht" (v. 28), sowie 
königliche Einrichtungen, u. a. das Museion (v. 31), wo sich auch „Philosophen" (v. 29) trafen, 
den Katalog so sehr, wie man es bei einem Lobpreis nur Ägyptens kaum erwarten würde. 
Vgl. Ars 1,365 ff: Eine verbündete Sklavin soll der Geliebten vorschlagen, die Herrin möge sich 
an ihrem untreuen Gatten dadurch rächen, daß sie sich dem Schüler hingibt, und dabei schwören, 
dieser sterbe vor wahnsinniger Liebe (Ars 1,372: insano iuret amore mori). Genauso geht 
Herodas' Gyllis vor: Nachdem sie versucht hat, Metriches Eifersucht zu wecken, beschreibt sie 
die rasende Leidenschaft, die den Verehrer ergriffen hat (Herod. 1,56-60) und versichert zum 
Schluß, der junge Mann liege aus heißem Verlangen bereits im Sterben: xoöecov äxoövfjaKeu 
Nicht nur die Verse Herod. 1,32 f. entsprechen dem Vers Ars 1,59; am Ende des Abschnittes 
über die Suche in Rom vergleicht Ovid seinen Schüler auch mit Paris beim Schönheitsurteil (Ars 
1,247 f.). Herod. 1,26 wird Ägypten als Wohnstätte der Aphrodite bezeichnet, während Ovid die 
Göttin in Rom ansiedelt; Herod. 1,26 f. ist die griechische Version der Aussage haec habet, 



38 



Das erste Kapitel der Liebeslehre 



K£i S' eariv oIkoq rffg üeov- rä yäp xdvta, 
öaa % ean tcov Kai yiver', eor' ev Aiyvjvrcp- 
jzXovrog, xaXoicnpn, Svvafitg, Mit}, Sö^a, 
deai, (piX6ao(poi, xpvaiov, venvtoKoi, 

30 decbv äÖeX<pä>v repevog, ö ßaatXeug %pr\cn6q t 

Movofjov, ofvog, äyadäxdvr', oo' avxpffyl, 
yvv atK eg, ök 6a ovg ov fiä rffv "Aiöeco Kovpnv 
äarepag eveyKeiv ovpavög KeKavxV rat > 
rffv 6' öijjtv, olai xpög IJäpiv kot' copfinoav 

35 ... KpJtdtfvaiKaXXovrjv ... 

Die Bedeutung hellenistischer Vorbilder für das Verständnis der laus Romae in der 
Ars hat bereits LABATE herausgestellt. 45 LABATE meint, Elogen wie die des Vergil und 
des Properz beruhten auf einer „ländlichen Ideologie", die nach Autarkie und Ausgren- 
zung des Fremden strebe. Statt dessen entwickele Ovid nach hellenistischem Muster 
eine „Rhetorik der Stadt", in der das Fremde begrüßt und Gegensätze und Hierarchien 
aufgehoben würden. Der Katalog des Herodas (1,26 ff.) sei ein Beispiel für diese 
„retorica ... che si vuole appunto congiuntiva, cumulativa, che non riconosce distanze 
o gerarchie" (S. 61), So anregend LABATEs These auch sein mag, hält sie doch einer 
Überprüfung am Text nicht stand. Weder Vergil noch Properz betonen den Gedanken 
der Autarkie; 46 Vergil lobt auch die Städte Italiens (G. 2,155 ff.), und Properz schreibt 
eine Hymne auf die Stadt Rom. Umgekehrt interessiert es Ovid nicht, woher Roms 
Mädchen stammen; 47 er stellt nur fest, daß man mit dem örtlichen Angebot bestens 
auskommen könne - also gewissermaßen autark ist. 

Auch sollte man nicht ohne weiteres annehmen, daß Ovid oder die hellenistischen 
Dichter Disparates wahllos und unverbunden nebeneinander stellen, weil dies ihrer 
eigenen Weltsicht, ihrer „Ideologie" entspreche. Bei Herodas zählt eine dem Wein 



47 



quicquid in orbe fuit (Ars 1,56). Zu Herod. 1,41 f. (vijDg pifjg ex' äyKÖpqg / oötc] äoyaXijg 
öppeüaa) vgl. außerdem Ov. Rem. 447 f. und Prop. 2,22a,41. - Während manche Autoren die 
Göttin, deren Haus in Ägypten steht, mit Tyche identifizieren (zuletzt SIMON [1991] 52), erkennt 
CUNNINGHAM (1971) ad loc, in ihr zu Recht die Aphrodite, denn um Metriches Eifersucht zu 
wecken, deutet Gyllis auch sonst an, daß Alexandria eine Stadt der Liebe sei. In diesem Zu- 
sammenhang ist es bemerkenswert, daß Arsinoe II. und wahrscheinlich auch Berenike II. als 
„Aphrodite" verehrt wurden (WlLCKEN, RE II [1896] 1286, A. D. NOCK, Essays on Religion and 
the Ancient World, Oxford 1972, 217 f. = HSPh 41 [1930] 20). Als üeoi äöeXyoi wurden 
Ptolemaios II. Philadelphos und Arsinoe II. ab 272/1 v. Chr. angerufen; demnach könnte es sich 
bei dem „König" um Ptolemaios II. handeln oder um seinen Nachfolger Ptolemaios III. Euergetes, 
der ab 247 v. Chr. regierte. Zur Identifikation des „Königs" vgl. a. WEBER (1993) 200 Anm. 2. 
LABATE (1984) 5 1-64. LABATE nennt als Modelle Herod. 1,26 ff. und Theoc. 15. Vgl. a. NBRAU- 
DAU (1985) 32 f., GAULY (1990) 164 Anm. 39. 

Ausgesprochen wird er nur von Dionysius (D. H. 1,36,3) mit der besonderen Absicht, den Vor- 
rang Italiens vor anderen Ländern zu beweisen, die als wesentlich fruchtbarer galten, jedoch nur 
für eine Form des Landbaus geeignet waren. 

Erst später (Ars 1,173 f.) berichtet er, daß zur Naumachie des Augustus Mädchen aus aller Welt 
nach Rom kamen. Die Einheimischen sind also zahlreich genug. - Oder muß der Schüler etwa mit , 
der Suche warten, bis ein besonders autwendiges Fest genügend Damen in die Stadt lockt? \ 



2.2 Der Liebeskünstler in der Gesellschaft (Ars 1,51-88) 



39 



nicht abgeneigte Alte einfach auf, was ihr gerade in den Sinn kommt 48 - sofern sie 
nicht geschickt die Vielzahl der Lockungen dadurch betont, daß sie eine scheinbar un- 
geordnete, zufällige Liste gibt. Die verblüffende Einheit von Großem und Kleinem, 
Privatem und Öffentlichem entsteht also durch die Person, deren Worte oder Ge- 
danken der Dichter wiedergibt, und durch die Lage, in der diese sich befindet. So 
stellt Kallimachos den syrischen Krieg aus der Sicht der Berenike dar, einer jungen 
Braut, deren Mann sich in Lebensgefahr begibt; und bei Theokrit wird Ptolemaios in 
einem privaten Gespräch zweier Freunde, von denen der eine unglücklich verliebt ist, 
lobend epcoriKÖg genannt. 49 Ebenso verfährt Ovid; Er .betrachtet Rom mit den Augen 
eines Privatmannes, der in „seinem" Rom auf der Suche nach einer schönen Frau ist. In 
der Person dieses Liebeskünstlers können Partriotismus und sexuelle Bedürfhisse har- 
monisch miteinander verschmelzen. 

Wie die Liebeskunst wird 'elegische' Liebe in Rom erlebt Verreisen bedeutet für den 
'elegisch' Liebenden, den Partner zu verlassen. Deswegen weigert sich Properz, 
seinem Freund Tullus nach Kleinasien zu folgen (Prop. 1,6), und freut sich, daß 
Cynthia ihren reichen Verehrer nicht nach Illyrien begleitet (Prop. 1,8). Ihr Ausflug 
nach Baiae (Prop. 1,11) ist der Beginn einer schweren Krise. Tibull muß feststellen, 
daß er besser keine Seereise mit Messalla unternommen hätte (Tib. 1,3), und leidet, 
weil Nemesis mit einem neureichen Rohling aufs Land gezogen ist (Tib. 2,3). Auch die 
Treffpunkte für Liebende in Rom scheinen auf den ersten Blick dieselben zu sein wie 
in der Ars. So verbietet Cynthia dem Properz, der sich mit zwei leichten Mädchen ver- 
gangen hat, dieporticus Pompeia, Gladiatorenkämpfe auf dem Forum oder das Theater 
zu besuchen (Prop. 4,8,75-78): 50 

tuneque Pompeia spatiabere culiusin umbra, 

nee cum laseivum sternei harena Forum, 
colla cave infleetas ad summum obliqua iheairum, 

aut lectica tuae se det aperta morae. 



Vgl. SIMON (1991) 53. 

WEBER (1993) 206 ff. ist der Ansicht, Theokrit zeige, daß er in der Lage sei „... auch den 
Ptolemäerkönig in das Gesamte einer ... ironisierten Alltagswelt einbauen zu können" (208), das 
Herrscherlob aber sei Ausdruck der persönlichen Erfahrungen, die Theokrit selbst am Hof in 
Alexandria gemacht habe. Generell betont WEBER, statt irgendeine offizielle Propaganda zu re- 
produzieren, stellten alexandrinische Dichter den Herrscher oft aus ihrer individuellen Sicht oder 
aus dem Blickwinkel der höfischen Gesellschaft dar. Herrscherlob sei so zugleich Selbstdar- 
stellung. - Zur Rolle und zum Selbstverständnis alexandrinischer Dichter am Hof der Ptolcmäer 
und zu der von ihnen verfaßten Panegyrik wurde sehr viel geschrieben. Die neuesten mir bekann- 
ten Arbeiten sind: M. HOSE, Der alexandrinische Zeus. Zur Stellung der Dichtkunst im Reich der 
ersten Ptolemäer, Philologus 141 (1997) 46-64; A. KERKHECKER, Mouaewv ev ra%6.Q(i) - 
Dichter und Dichtung am Ptolemäerhof, A & A 43 (1997) 124-144, 

Zur porticus Pompeia vgl. außerdem Prop. 2,32,1 1-16; Cat. 55,6 f.; keine bestimmte Portikus ist 
genannt Prop. 2,23,5; zum Theater vgl. Prop. 2,22a,4; zum Wagenrennen Ov. Am. 3,2. - Das 
Gespräch mit einer Dame in einer Sänfte behandelt Ovid später (Ars 1,487-490). 



40 



Das erste Kapitel der Liebeslehre 



2.2 Der Liebeskünstler in der Gesellschaft (Ars 1,51-88) 



41 



Doch gibt es für den 'elegisch' Liebenden auch Orte und Anlässe, die seine Liebe 
stören. Wenn Cynthia nach Aricia (Prop. 2,32,9 f.) oder Baiae (Prop. 1,11) fährt, also 
dorthin, wo Ovid zu suchen empfiehlt, muß Properz furchten, daß sie ihn betrügt. Um- 
gekehrt kommt er selbst zu spät zu einem Rendezvous, weil er sich die Portikus des 
Apollotempels auf dem Palatin angesehen hat (Prop. 2,3 1, 1 f.). 

Während also der 'elegisch' Liebende gleichsam in einer gespaltenen Welt lebt, in der 
ein Teil die Heimat seiner Liebe, der andere Teil aber dieser Liebe fremd oder gar hin- 
derlich ist, zeigt Ovid seinem Schüler, daß es in Rom kaum einen Ort oder Anlaß gibt, 
wo Liebe nicht am Platz wäre: 51 

Er beginnt seine Liste mit der porticus Pompeia, einer traditionellen Stätte erotischer 
Abenteuer (Ars 1,67): 52 

tu modo P o mp eia lenius spatiare sub timbra. 

Dann abernennt er drei Portiken, die auf den innersten Kreis des Kaiserhauses weisen, 
und zwar in einer Reihenfolge, die dem Rang ihrer Stifter entspricht: die porticus 
Octaviae, errichtet von Augustus' Schwester, der Mutter des verstorbenen Kronprinzen 
Marcellus, die porticus Liviae, gestiftet von der Gattin des Prinzeps, und schließlich 
die von Augustus höchstselbst erbaute Portikus des Apollotempels auf dem Palatin 
(Ars 1,73 f.). 53 Da es in Rom noch viele andere Wandelhallen gab, z. B. die Portiken 
der aedes Herculis Musarum und des Qüirinus, kann man davon ausgehen, daß Ovid 
seinen Schüler mit Bedacht an das großzügige Bauprogramm des Prinzeps und seiner 
Familie erinnert. Auch die propagandistische Funktion 54 dieser Bauten dürfte den Zeit- 
genossen bewußt gewesen sein. Während der Liebeslehrer die porticus Octaviae als 
Monument mütterlicher pietas vorstellt, 55 galt die porticus Liviae als ein Exempel 



53 
54 



GAULY (1990) 171 bemerkt zu den Amores: „Die Stadt war für die Liebeselegie also immer zu- 
gleich Voraussetzung für die Liebe und Gefährdung der Liebe^gewesen. Bei Ovid ist von dieser 
Ambivalenz nichts mehr zu spüren." In der Tat nutzt Ovid schon in den Amores die Portikus des 
Apollotempels, um ein Mädchen kennenzulernen (Am. 2,2,3 f.). 

Ovid setzt eine Zeitangabe hinzu (Ars 1,68: cum sol Herculei terga leonis adif) und bereitet 
damit den Schüler darauf vor, daß zusätzlich zu den in Vers 50 angekündigten Orten auch Ter- 
mine genannt werden. 

Auch das Pompeius-Theater wurde von Augustus aufwendig renoviert (Aug. Anc. 20). 
Vgl. etwa P. ZANKER, Augustus und die Macht der Bilder, München 1987, 141 ff; GAULY 
(1990) 165 ff. 

Ars 1,69 f.: ubi muneribus nati sua munera mater / addidit. Octavia scheint also selbstlos nur 
den Ruhm ihres Sohnes vergrößern zu wollen. Um diesen Eindruck zu erwecken, verkehrt Ovid 
sogar die Chronologie der Bauten, denn die Portikus wurde früher fertiggestellt als das Theater 
(vgl. HOLLIS [1977] ad loc). Plinius berichtet (Nat. 34,31), daß eine Statue der Cornelia, der be- 
rühmten Mutter der Gracchen, aus der porticus Mete lli in die porticus Octaviae gebracht wurde. 
Vgl. ferner Properzens Nachruf auf den verstorbenen Prinzen (3,18,1 1-14: quid genus auf virtus 
aut optima profiiit Uli / mater, et amplexum Caesaris esse focos? / aut modo tarn pleno flui- 
tantia vela theatro / et per matemas omnia gesta manus?) und dazu FEDELI (1985). 



kaiserlicher Munifizenz, das Ovid in den Fasti entsprechend würdigt. 56 Der weit- 
reichende ideologische Hintergrund des palatinischen Apollotempels i$t nur allzu be- 
kannt und braucht in dieser Arbeit nicht erläutert zu werden. 57 < 

Und gerade zu diesen bedeutungsschwangeren Stätten lenkt Ovid die Schritte seines 
Schülers auf dem Weg zu einer glücklichen Liebesbeziehung! Da muß dieser doch den 
Eindruck gewinnen, daß sein Unterfangen ganz im Sinne des Prinzeps ist - zumal 
Augustus als Nachfahre des Aeneas sich freuen sollte, wenn jemand seine Ahnin 
Venus ehrt (Ars 1,60). Und ist nicht derselbe Prinzeps der Vollender des forum Iulium 
mit dem Tempel der Venus Genetrix™ unter deren Augen schon so mancher Advokat 
sein Herz verloren hat (Ars 1,81 ff.)? Der Schüler darf also zu Recht annehmen, daß er 
als Patriot und durchaus im Einklang mit der herrschenden Macht im Staate handelt, 
wenn er sich als Liebeskünstler betätigt. 59 

Darauf könnte man zwar erwidern, daß Augustus, der sich um eine moralische 
'Reform' der Gesellschaft bemühte, Ovids Deutung seiner Bauwerke nicht zugestimmt 
hätte. 60 Doch was hätte Augustus gegen das Treiben des jungen Liebeskünstlers ein- 
wenden können? Luxuriöse Portiken wurden zur Erholung und zum Vergnügen der 
Bürger gebaut, und seit alters her war es das Vorrecht der Jugend, sich an leichten 



59 
60 



Ov. Fast. 6,637-648; vgl. außerdem D. C. 54,23,6 sowie M, B, FLORY, Sic exempla parantur: 
Livia's Shrine to Concordia and the Porticus Liviae, Historia 33 (1984) 324 ff. - Das Heiligtum, 
das Livia in dieser Porticus errichten ließ, war übrigens der Concordia als Göttin der ehelichen 
Eintracht geweiht! (FLORY a. a. O. 309 ff.) 

Vgl. etwa KIENAST (1982) 193 ff. und besonders E. LEFEVRE, Das Bild-Programm des Apollo- 
Tempels auf dem Palatin, Konstanz 1989. - In einem Vortrag am 14. Juni 1995 in Frankfurt am 
Main zum Thema „Augustan p0 ets and the power of images" wies A. BarciüESI daraufhin, daß 
Ovid in Vers Ars 1,74 sein Augenmerk auf den ferus pater der Danaiden lenke, während andere 
Dichter sich auf die Gruppe der Töchter konzentrierten. Er äußerte daher die Vermutung, das Di- 
stichon sei eine versteckte Kritik an der rigiden Sittenpolitik des Augustus, der mit „armed autho- 
rity against desire" vorgehe, wie der „barbarische Vater mit gezückten Schwert" (Trist. 3,1,62: 
stricto barbarits ense pater), der das neue Tristien-Buch von der palatinischen Bibliothek ver- 
treibe. Diese Vermutung hat einiges für sich, zumal LEFEVRE meint (a.a.O. 14 ff.), die Statuen- 
gruppe erinnere an den Kampf Italiens (= Danaiden) unter Führung des Augustus (= Danaus) 
gegen Ägypten, d. h. gegen Antonius und Kleopatra. Doch selbst wenn man BARCHIESI folgt, 
wäre der Widerspruch zu der hier vorgetragenen Interpretation nicht unüberwindlich. Denn zu- 
mindest an der Textoberfläche deutet Ovid die Gruppe der bekannten Unterweltssünderinnen so, 
als ob Augustus sie als Mahnmahl für spröde Damen aufgestellt hätte: Diese sollten es nicht 
wagen (ausae), sich - wie einst die Danaiden - ihren armen Liebhabern (miseris patruelibus) zu 
widersetzen, sofern sie nicht ewige Qualen leiden wollen. 

Das zweimal erwähnte Baumaterial Marmor (Ars 1,70: exte rno marmore dives opus; 81: Veneris 
facto de marmore templö) stellt eine Verbindung zwischen den kaiserlichen Portiken und dem 
Venustempel dar. Vielleicht denkt Ovid auch an den Ausspruch des Prinzeps, er habe Rom zu 
einer marmornen Stadt gemacht (Suet. Aug. 28,2; vgl. HOLLIS [1977] 43). 
Vgl. LABATE (1984) 8 1-85, dem sich GAULY (1990) 164 ff. anschließt. 

So meint etwa HOLLEMANN (1971) 463, Ovid wolle provozieren „by his presentations of contem- 
porary Rome as, by its Augustan conditions of oiium, enticing to love and its sophistications"; 
vgl. a. DERS. (1988) 391,-RUDD (1976) 13-15, WELLMANN-BRETZIGIIEIMER (1981) 29, 3 1 f. 



i 



42 



Das erste Kapitel der Liebeslehre 



Mädchen die Hörner abzustoßen. 61 Ovid befaßt sich zwar nicht mit der Frage, ob ein 
Liebeskünstler heiraten sollte, schließt dies aber auch nicht aus. Und die augusteischen 
Sittengesetze fordern von den Männern nur, eine standesgemäße Ehe einzugehen und 
Kinder zu zeugen; eheliche Treue verlangen sie vom Manne nicht. 62 Tatsache ist auch, 
daß der Prinzeps mit seiner liberalitas eine Lebensweise förderte, die dem 'Reform'- 
Programm nicht gerade entgegenkam. 63 Angesichts solch widersprüchlicher Signale 
war zu erwarten, daß der einzelne von den zahlreichen Wohltaten des Kaisers gerade 
diejenigen dankbar begrüßte, die seinen Neigungen entsprachen. 

Als nächstes rät Ovid seinem Schüler, sich bei religiösen Veranstaltungen umzu- 
schauen (Ars 1,75-78). Allerdings wählt der Liebeslehrer wenig angesehene, aus dem 
Osten eingeführte Kulte, wie den der Isis, und empfiehlt nicht etwa einen der von 
Augustus restaurierten"bder neu gebauten Tempel als Treffpunkt; denn daß diese 
dem sexuellen Vergnügen der Bürger dienen sollen, wird auch der Liebeskünstler nicht 
annehmen. 64 Wenn man sich dann noch vor Augen hält, daß die genannten Kulte 
gerade von Libertinen, der materia amoris, gepflegt werden und daß Adonis und Isis 
selbst Geliebte von Göttern waren, 65 braucht es keinen zu wundern, daß Religion und 
Liebe miteinander vereinbar sind. 

Für den 'elegisch' Liebenden aber sind die religiösen Aktivitäten seiner Freundin ein 
steter Quell des Leides und der Sorge. So muß Properz furchten, daß Cynthia ihn in 



62 



Vgl. etwa LYNE (1980) 1 ff. - Ovid hat gerade erst betont, daß Jungfrauen und Matronen als 
Geliebte nicht in Frage kommen (Ars 1,3 1-34), und er wurde nicht als Lehrer der Liebe verbannt, 
sondern als Lehrer des Ehebruchs (Trist. 2,212: obsceni doctor adulterii), von dem hier gar nicht 
die Rede ist. 

Zu Ovids Äußerungen über die Ehe vgl. 6.5.2.3. - Wenn man annimmt, daß die männlichen 
Schüler der Ars überwiegend Teenager sind (vgl. S. 10), haben sie noch nicht einmal das durch- 
schnittliche Heiratsalter von Ende zwanzig erreicht (FRIEDL [1996] 55). 

Auch KIENAST (1982) 98 sieht diesen Widerspruch: „Rom hatte sich schon in der ciceronischen 
Zeit weit der verfeinerten hellenistischen Zivilisation geöffnet, die jetzt unter Augustus ihre 
höchste Blüte erreichte. Der endlich erlangte Frieden und der neue wirtschaftliche Wohlstand 
trugen dazu ebenso bei wie die Tatsache, daß das neue Rom dank der Bautätigkeit des Prinzeps 
zu einer Marmorstadt mit zahlreichen Säulenhallen und Basiliken, Badeanlagen und Theatern 
wurde, die vielen Menschen ein Leben in Luxus und Müßiggang ermöglichte. In solch einem 
Milieu war eine Rückkehr zur strengen Zucht der Väter von vornherein kaum zu erwarten." 
Auf dem Palatin soll der Schüler nur die Portikus durchstreifen. - Zu den von Augustus 
renovierten und neu errichteten Tempeln vgl Aug. Ana 19 ff.; zur Verrufenheit der östlichen 
Kulte HARMON (1986) 30 sowie K. LATTE, Römische Religionsgeschichte, München 1960, 
282 f. Der Isiskult wurde seit seiner Einführung unter Sulla bekämpft und war noch zu Ovids 
Zeit innerhalb des Pomeriums verboten. - Weniger vorsichtig ist Ovid im dritten Buch der Ars, da 
seine weiblichen Schüler als Freigelassene ohnehin keine vollwertigen Mitglieder der Gesellschaft 
sind und für sie der allgemeine Sittenkodex nur mit Einschränkung gilt. Diese Damen sollen 
Männer nicht nur im Isistempel, sondern notfalls sogar in dem - seit dem Clodius-Skandal für 
solchen Mißbrauch berüchtigten - Tempel der Bona Dea empfangen (Ars 3,635-8). 
Daraufweist Ovid bei Isis ausdrücklich hin (Ars 1,78): multas illafacit, quodfuit ipsa Iovi. x 



2.2 Der Liebeskünstler in der Gesellschaft (Ars 1,51-88) 



43 



einem Tempel hintergeht, und wird des Bettes verwiesen, wenn die Geliebte zu Ehren 
der Isis kultische Enthaltsamkeit übt. 66 

Noch weniger würde der 'elegisch 1 Liebende erwarten, bei einer Gerichtsverhandlung 
sein Glück zu finden. Wo Wahnsinnige ihre Reden donnern, da hat Properz nichts ver- 
loren (Prop. 4,1,133 f.): 67 

tum tibi pauca suo de carmine dictat Apollo 
et vetat insano verba tonareforo. 

Er ist geschaffen für fröhliche Feste; sollen doch die strengen Greise ihre Ohren mit 
uralten Gesetzen vollstopfen! (Prop. 2,30,13-16) Nur ein Mißgünstiger, meint Ovid in 
den Amores (1,15,5 f.), würde von ihm verlangen, „wortreiche Gesetze auswendig zu 
lernen" oder „seine Stimme auf dem undankbaren Forum feilzubieten". So verächtliche 
Töne vernehmen wir in der Ars nicht 68 Im Gegenteil: Der praeceptor amoris zeigt 
auch hier, daß in Rom Liebe und traditionelles Leben untrennbar ineinander verwoben 
sind. Wenn Prozesse zu Füßen der Venus Genetrix abgehalten werden, dann ist es nur 
natürlich, daß sich auch Advokaten verlieben (Ars l,79-88): 69 



80 



85 



etfora convenhmt (quis credere possit?) amori, 

flammaque in arguto saepe repertaforo. 
subdita qua Veneris facto de marmore iemplo 

Appias expressis aerapidsat aquis, 
illo saepe loco capitur constdius Amori, 

quique aliis cavit, non cavet ipse sibi; 
illo saepe loco desunt sua verba diserto, 

resque novae veniunt causaque agenda sua est. 



Prop. 2,19,9 f.: illic te mdli poterunt corrumpere ladi / fanaque, peccatis plurima causa tuis; 
Prop. 2,33a. Kultische Enthaltsamkeit konnte auch ein Vorwand sein (Prop. 4,5,34: fac simules 
puros Isidis esse dies). Vgl. ferner Ov. Am. 3,10, wo die Geliebte zu Ehren der Ceres alleine 
schläft, und allgemein zum Isiskult in der Elegie HARMON (1986) 1928 ff. 
Das Forum ist für den 'elegisch' Liebenden außerdem ein Ort der Schande (Prop. 2,24,1 f.: tu 
loqueris, cum sis iam noto fabula libro / et tua sit toto Cynthia lecta foro; Tib. 1,2,96). - 
Daneben steht das Forum vielleicht für eine andere Form von Literatur. Denn mit tonare dürfte 
Properz - wie schon Prop. 2,1,39 f. - auf das Proömium von Kallimachos Aitia anspielen (Call 
frg. 1,20 PFEIFFER): ßpovrav oök iftöv, äUä Atöq. 

Anstatt das Forum mit einem abwertenden Adjektiv wie insanum (Prop. 4,1,134) oder ingratum 
(Ov. Am. 1, 15,6) zu brandmarken, beschreibt der Liebeslehrer es neutral als argutum (Ars 1,80). 
Vgl. a. LABATE (1984) 95 ff., gefolgt von GAIJLY (1990) 169. - Später ermahnt Ovid seine 
Schüler, die Kunst der Rede zu erlernen. Durch sie könne man nicht nur das Volk, ehrwürdig 
strenge Richter und den erlauchten Kreis der Senatoren beeinflussen, sondern auch sein Mädchen 
(Ars 1,459-462): disce bonas artes, moneo, Romana Juventus, /non tantum trepidos ut tueare 
reos: / quam populus iudexque gravis lectusque senatus, / tarn dabit eloquio vieta puella 
manus. Obwohl es nicht jeder Senator als Kompliment empfunden haben dürfte, mit schönen 
Mädchen auf eine Stufe gestellt zu werden, ist doch bemerkenswert, daß Ovid den Richter und 
den Senat mit respektvollen Attributen versieht und eine Karriere als Anwalt oder sogar eine poli- 
tische Laufbahn für seine Schüler nicht ausschließt. Die jungen Leute sollen studieren, nicht nur, 
um gute Advokaten und Politiker zu werden, aber auch zu diesem Zwecke. 



44 DAS ERSTE KAPITEL DER LIEBESLEHRE 

hunc Venus e templis, quae sunt confmia, ridet; 
qui modo patronus, nunc cupit esse ciiens. 

Nun könnte man einwenden, Ovid zeige nicht den gebotenen Respekt gegenüber den 
traditionellen Berufen des iurisconsultus (83 £) und des orator (85-88); offensichtlich 
verspotte er den armen Redner, dem in eigener Sache die Worte fehlen, und den 
Juristen, der andere vor den Fallstricken des Gesetzes bewahrt, sich selbst aber in den 
Fallstricken der Venus verfängt. Doch es nicht Ovid, der sich da da einen bösen Spaß 
erlaubt, sondern Venus selbst. 



2.3 Venusverächter und das Lachen der Göttin 



45 



2.3 Venusverächter und das Lachen der Göttin 

Denn es ist eine alte Weisheit der römischen Liebeselegie, daß Venus und Amor die- 
jenigen strafen, die glauben, die Gottheiten der Liebe könnten ihnen nichts anhaben. 70 
Die Strafe entspricht dem Vergehen. Die Unglücklichen müssen am eigenen Leibe er- 
fahren, wie groß die Macht der mißachteten Götter ist. Wer Liebende verspottet hat, 
wird selbst zum Gespött. 

Properz hat es kommen sehen: Der eben noch so stolze Ponticus kann mit seinen Epen 
nichts mehr anfangen (Prop. 1,9,9 ff.); seine „freimütigen Worte" sind verstummt. 
Frisch verliebt, ist er plötzlich zum demütigen Diener irgendeines Sklavenmädchens 
geworden (Prop. 1,9, 1-4): 71 

dicebam tibi venturos, irrisor. amores, 

nee tibi perpeiuo libera verbafore: 
ecce iaces supplexque venis ad iurapuellae 

et tibi nunc quaevis imperat empta modo. 

Auch Tibull warnt einen der strengen alten Herren, die kein Verständnis für die Nöte 
von Liebenden haben. 72 Jetzt lache er noch über verliebte junge Leute, doch schon 
bald könne ihn Venus zwingen, sich selbst als senex amator vor der Jugend lächerlich 
zu machen (Tib. 1,2,89-98): 

at tu, qui laeius rides mala nostra, caveto 

mox tibi: non uni saeviet usque deus, 
vidi ego, qui iuvenum miseros lusissei amores, 

post Veneris vinclis subdere colla senem 
et sibi bianditias tremula componere voce 

et manibus canas fingere velle comas: 
stare nee ante fores puduit caraeve puellae 

ancillam medio detimtisse foro. 
hunepuer, hunc iuvenis turba circumterit arta, 

despuit in molles et sibi quisque sinus. 

Bisweilen wird die Strafe - wie in der Ars (1,87) - von einem höhnischen Lachen der 
Gottheit begleitet. 73 So lachte Cupido auch in den Amores und belehrte den jungen 



90 



95 



72 
73 



Zu diesem Topos in der römischen Liebeselegie und im hellenistischen Epigramm vgl. FKDI2LI 
(1980) 230 f. - Verwandt damit ist der Topos vom Lieblosen, der zur Strafe selbst verschmäht 
wird, z. B. Tib. 1,8,71 ff.; Prop. 1,13,5 ff. 

Zu Wortlaut und Interpretation von Vers 4 vgl. den Kommentar FEDELIs (1980) ad loc. - Man 
beachte ferner, daß Properz am Anfang der Monobiblos (1,1,1-6) seinen Stolz (fastus) betont und 
auf ein Epigramm des Meleager anspielt, in dem ebenfalls der Sturz eines Venusverächters, eines 
Philosophen, der sich heftig verliebt, dargestellt ist (Meleager AP 12,101). 
Vgl. auch Cat. 5,2 und besonders Prop. 2,30, 13. 

Ein früher Beleg für dieses Lachen findet sich in dem ersten Idyll des Theokrit (vgl. aber schon H. 
Hom. 5,49). Daphnis, der zugleich liebt und sich seiner Liebe verweigert, Hegt im Sterben. Insge- 
heim lachend, nach außen hin aber sich tief betrübt gebend, tritt Aphrodite ironisch fragend zu 



46 



Das erste Kapitel der Liebeslehre 



Ovid eines Besseren, als dieser - wie Properzens Freund Ponticus - in seiner Überheb- 
lichkeit glaubte, er könne frei von Liebe eine zweite Aeneis dichten (Ov. Am. 1, 1, 1-4): 

arma gravi mrniero violentaque bellet parabam 

edere, materia conveniente modis. 
par erat inferior versus; risisse Cupido 

dicitur atque unum surripuisse pedem. 

Die kleine Ekphrasis über das Geschehen auf dem forum lulinm ist also eine Warnung. 
Der Liebeslehrer will das Ansehen ehrbarer Bürger nicht schmälern. - Nur sollte man 
sich bewußt sein, daß Venus auch von den Widerwilligen ihr Recht einfordert. 

Hier ist es sinnvoll, etwas weiter auszuholen und übergreifend eine Reihe von Stellen 
aus dem ersten Kapitel der Liebeslehre zu besprechen, an denen dasselbe Motiv wie- 
derkehrt: das unkontrollierte, unfreiwillige Sichverlieben. 



Vers 


„Opfer" 


Liebe hervorgerufen von ... 


Signa! 


Metaphern 


83-88 


Jurist, Redner 


Amor, Venus 


illo saepe loco (2 x) 


flamma (v. 80) 


165-70 


Zuschauer 


Amor 


üla saepe ... harena 


vulnus 


176 


viele Zuschauer 


advena amor 




Folter 


231-44 


Gast 


a) Amor 

b) puellae, Venus 


saepe illic (231) 
illic saepe (243) 


Ringkampf 

ignis 


257 f. 


Kurgast 


- 




vulnus 


261 f. 


Pilger 


?Amor (s. u.) 




vulnus 



Abgesehen von der Szene auf dem forum Iulium beschreibt Ovid noch bei fünf 
weiteren Gelegenheiten, wie jemand plötzlich von Liebe erfaßt wird, und unterstreicht 
mit Metaphern von Wunden und Feuer, welche Qualen der Arme leidet. Amor trifft 
diese Männer mit genau den Waffen, mit denen er dem Liebeslehrer im Proömium 



ihm hin: Hatte er sich nicht gebrüstet, den Eros in die Knie zu zwingen? Ist er jetzt nicht selbst 
von Eros bezwungen, worden? (Theoc. 1,95-98): fjv&s ye päv aÖEia Kai a Kvxptq yeXäoioa, I 
Xd&pq pev yeXdoioa, ßäpöv S' ävä üupöv zypioa, / kbIxe „rü dtjv xöv "Epcora Katevxeo, 
A&pvi, Xvyi&Tv I % p' ovk aörö<; "Epcoroq vx' äpyaXecö- iXvyixOtjg;" - Ich verstehe ävä ... 
e'xoioa i. S. v. „vortäuschen", wie LJS Suppl. s. v. ävi%m „keeping up a show of ..." Zum 
höhnischen Lachen der Götter und zu abweichenden Interpretationen dieser Stelle vgl CAMERON 
(1995) 413, zur Deutung des Idylls insgesamt besonders C. ZIMMERMANN, The Pastoral Nar- 
cissus. A Study of the First Idyll of Theocritus, Boston 1994. - Wie Amor auf die gleiche Weise 
auch von Göttern die ihm gebührende Achtung einfordert, erzählt Ovid in den Metamorphosen 
(1,452 ff.): Apollo beobachtet Cupido beim Bogenschießen und verspottet ihn mit höhnischen 
Worten. Das erregt den Zorn des Liebesgottes (Met. 1,453: saeva Cupidinis ira)\ Cupido weckt 
in dem Spötter die unglückliche Liebe zu Daphne, so daß aus Apollo eine ganz lächerliche Figur 
wird: All seine Götterkünste versagen. Er, der sich bisher für den größten Schützen gehalten hat, 
wird selbst von einem Pfeil getroffen (5 1 9 f.). In eigener Sache ist er unfähig, die Zukunft voraus- 
zusehen (491: suaque illum oracula fallunt; 496). Seine Liebeswunden kann er nicht heilen 
(523 f.). Obwohl er der Gott der Dichtkunst ist, kann er Daphne durch seine schmeichelnden 
Worte nicht gewinnen (531: perdere blanditias). Auf diese Umkehrung einer Aretalogie wurde 
ich aufmerksam gemacht durch einen Vortrag von T. FUHRER, Der Götterhymnus als Prahlrede. 
Zum Spiel mit einer literarischen Form in Ovids Metamorphosen, gehalten am 11. Januar 1996 in 
Frankfurt am Main. \ 



2.3 Venusverächter und das Lachen der Göttin 



47 



zugesetzt hat (Ars 1,21 ff). Wie der erst höhnische, dann selbst lächerlich verliebte 
Greis bei Tibull und wie der einst so stolze, nun aber versklavte und sprachlose Epiker 
Ponticus, verlieren auch in der Ars die Getroffenen ihre Fassung und wirken wie eine 
Karikatur ihrer selbst, weil sich das, was sie gerade tun, unwillkürlich ins Gegenteil 
verkehrt: 74 Der Rechtsberater findet keine Kautelen gegen seine Gefühle; der Anwalt 
ringt vergeblich nach Worten und möchte selbst zum Klienten werden; derjenige, der 
anderen dabei zuschaut, wie sie sich gegenseitig verwunden, wird von Amors Pfeil ge- 
troffen; in dem Anhänger der keuschen Gottheit Diana erwacht ein ganz unkeusches 
Verlangen; der Badegast möchte etwas für seine, Gesundheit tun und kommt schwer 
verletzt zurück (Ars 1,257 f.): 75 

hinc aliquis vulnus referens inpectore dixit 
„non haec, utfama est, unda salubris erat. " 

Das Wesentliche aber ist, daß es sich bei den Opfern nicht um den Schüler der Ars 
handelt (bzw. beim Gastmahl: handeln soll). 76 Im Gegensatz zu dem jungen Liebes- 
künstler sind sie nicht damit beschäftigt, nach Ovids Vorschriften eine Frau zu suchen. 
Und aus diesem Grunde, weil sie - wie die irrisores der Elegie - mit etwas anderem 
beschäftigt sind als mit Liebe, haben die Überwältigten keine Kontrolle über ihre 
Gefühle. Nur so gelingt Amors 'Überraschungsschlag*, von dem auch Properz ein Lied 
zu singen weiß (Prop. 2, 12, 1 1 f.): 77 

anteferit (sc. Amor) ... tuti quam cernimits hostem, 
nee quisquam ex illo vulnere sanus abit 



Das gilt übrigens auch für das Epigramm vom verliebten Philosophen, das Properz zu Beginn der 
Monobiblos zitiert (vgl, Anm. 71; Meleager AP 12,101); Tovpe nödotq ärpoirov öxd otcpvotat 
MuTaKog / oppaai ro&voac, tovt' eßötjoev txog- / „ Tdv dpaoöv eüov iyco: rd ö' &x' öfppöot 
keXvo (ppvaypa / oKt\xxpo<popo\) oo<p(aq ijvföe xoaoi xarm. " / tep ö', öoov äpxvevoaq, röS' 
fyrjv „ 0iXe Koups, TidapßeTg; / Kavröv äx' OuXöpxou Zfjva Ka&etXev "Epoog. ". Diesen Philo- 
sophen, der sich für unverwundbar (Tlo^otq ärpcorov) hielt und im Hochgefühl seiner Weisheit 
die Augenbrauen stolz (Opaaöv) nach oben zog (ix' dfppuoi KeTvo (ppöaypa / OKtfxrpo<pöpou 
öotpiaq), trifft ein schöner Knabe namens „Mäuschen" mit seinem Blick wie mit einem Pfeil 
(öppaai to&vow;) und demütigt den Getroffenen (xoaoi xarw). Dem aber verschlägt der 
Schock den Atem (öoov äpxvEÖaaQ); das überhebliche Schnauben (tppüaypa) ist ihm vergangen. 
Untypisch ist nur das Distichon Ars 1,175 f.: quis non invenit turba, quod amaret, in Uta? / 
eheu, quam multos advena torsit amorf - Hier stehen beide Formen des Sichvcrlicbens, das 
kontrollierte Finden (175) und die unkontrollierte Überwältigung (176), nebeneinander. Ferner 
wird in Vers 176 eine Mehrzahl unbestimmter Opfer gequält, wobei auch das Motiv der Über- 
raschung fehlt. 

WELLMANN-BRETZIGHEIMER (1981) 17 sieht ebenfalls einen Zusammenhang zwischen den hier 
betrachteten Stellen. Sie meint, Ovid deute an, daß er sein Lehrziel selbst nicht für vollkommen 
erreichbar halte: „Durch diesen Schutzwatl gezielter Planung und rationaler Distanz bricht aller- 
dings ... immer wieder der Affekt ..." Obwohl ihr auffällt, daß die „Überwältigung der Liebe" 
jeweils „in Form von Erfahrungstatsachen ... in der 3. Pers." dargestellt wird und nicht in der 
sonst vorherrschenden 2. Pers. Sg., übersieht sie, daß die Opfer überwältigender Liebe und die 
Schüler dsvArs nicht identisch sind. - Vgl. a. GREEN (1996) 240 ff. zu den Versen 257 ff. 
Vgl. außerdem Moschos' Europa (75 f.): dvpdv ävcotoroimv öxoSpqdeig ßeXetxxn / KvxpiSog. 



48 



Das erste Kapitel der Liebeslehre 



Der Liebeskünstler aber ist von vornherein gewarnt; er „erkennt den Feind aus sicherer 
Entfernung." Mit offenen Augen geht er durch Rom und hält bei jeder Gelegenheit 
nach einer Jagdbeute Ausschau. Wenn er sie dann trifft, wird ihn das weder über- 
raschen noch aus der Fassung bringen (vgl. 2.1). Auf dem Forum führt er keine Ver- 
handlungen; als Zuschauer im Theater oder im Circus Maximus interessieren ihn nur 
die Zuschauerinnen; beim Gastmahl will er sich nicht betrinken; wenn er nach Baiae 
fährt, dann bestimmt nicht wegen der Heilquellen. 

Anders verhalten sich die Opfer unkontrollierter Liebe: Der Jurist und der Redner kon- 
zentieren sich auf ihren Prozeß und sind auf den Anblick schöner Frauen nicht gefaßt. 
Derjenige, der den Gladiatoren zuschaut, sitzt direkt neben einer Dame, nutzt aber die 
Nähe (163: hos aditus) nicht aus, um mit ihr zu flirten. Während der Schüler beim 
Wagenrennen sich nach Ovdis Anweisungen um seine Dame kümmert, interessieren 
diesen spectator das Programm, die Wetten und der Kampf. Er spricht zwar mit seiner 
Nachbarin, ja er berührt sogar ihre Hand, aber nur zufällig und ohne jede Absicht, sie 
zu erobern. So ist es kein Wunder, daß dieser ungeschickte Mensch plötzlich selbst 
zum Spektakel wird (Ars 1, 165-170): 78 

illa saepepuer Veneris pugnavit harena 

et, qui spectavit vidnera, vulnus habet: 
dum loquitur tangitqae manum poscitque libellum 

et quaerii posito pignore, vincat uter t 
saucius ingemuit telumque volatile sensit 

et pars spectaii muneris ipsefuit. 

Auch das schwierige Distichon Ars 1,261 f. läßt sich nun sinnvoll deuten: 

illa, quod est virgo, quod tela Cupidinis odit, 
' midta deditpopulo vulnera, mtdta dabit. 
i 
Gerade weil Diana eine Jungfrau ist und den Amor haßt, kommt der Pilger nicht, um 

sich bei ihrem Fest zu verlieben - und wird von dem unerwarteten Affekt überwältigt. 

Oder, um die von Ovicl angedeutete Allegorie zu vervollständigen: Da Diana durch 

ihre Feindseligkeit Cupidos Zorn erregt, beschießt dieser^mit seinen Pfeilen diejenigen, 



Die Sitzordnung bei Gladiatorenkämpfen wurde von Augustus neu geregelt, vgl. Suet. Aug. 44,2 
und allgemein zu solchen Vorschriften E. RAWSON, Discrimina ordinum: the lex Iulia theatralis, 
PBSR 55 (1987) 83-1 13. Wegen dieser neuen Sitzordnung meint HOLLIS (1977) ad loc, daß sich 
der Zuschauer mit einem anderen Mann unterhält. Diese Lösung ist jedoch unbefriedigend. 
Warum sollte Ovid dies so ausfuhrlich erzählen und sogar betonen, daß der Zuschauer seinen 
Sitznachbarn berührt?! Man muß vielmehr annehmen, entweder daß Augustus die Sitzordnung 
erst nach Erscheinen fer Ars einrührte oder daß Ovid den Gladiatorenkampf gerade wegen dieser 
neuen Regelung - wie in Prop. 4,8,76 - auf dem Forum stattfinden läßt. Denn dort saß man auf 
Galerien, sog. maeniana (Fest. p. 134,7), die über den Läden errichtet wurden und keinen Raum 
für eine komplizierte, nach Segmenten (cunei) und Reihen untergliederte Sitzordnung boten. Auch 
RAWSON a.a.O. 1 1 1 meint, Augustus habe die Sitzordnung vom Theater auf das Amphitheater 
(d. h. nicht auf Veranstaltungen auf dem Forum) übertragen. \ 



2.3 Venusverächter und das Lachen der Göttin 



49 



die der Jagdgöttin huldigen, statt ihn selbst dadurch zu ehren, daß sie Jagd auf eine 
andere, zartere Beute machen. 79 



Gegen KENNEYs Interpretation von quod i. S. v. quamquam (im Apparat seiner 1961 erschiene- 
nen Ausgabe, nicht in der Ausgabe von 1994) vgl. HOLLIS (1977) ad loc. und A. SZANTYR, Miß- 
verstandene quod-SäXze, Gymnasium 79 (1972) 504. - Nicht einleuchtend ist auch der Vorschlag 
von HOLLIS (1977), Ovid habe eine kausale Konjunktion gebraucht, da Diana die Menschen in 
qualvolle (also nicht in wohltuende, beglückende) Liebe versetze. Denn die vorausgegangenen 
Beispiele zeigen, daß Amor keine Bedenken hat, seinerseits qualvolle Liebe zu wecken. Abzu- 
lehnen ist ferner die Erklärung .SCHUBERTS (1992) 232 f., Ovid wähle das kausale quod, weil der 
Diana-Kult mit seinem Fackellauf schöner Mädchen „ein erotisches Potential für die Zuschauer 
enthält." Das versteht sich von selbst, hat aber nichts mit Dianas Jungfemschaft und ihrer Abnei- 
gung gegenüber Amor zu tun. Plausibler ist die Deutung der Konjunktion als faktisches quod, wie 
von SZANTYR vorgeschlagen. Ovid sage in verkürzter Form folgendes: „Was (den etwaigen Ein- 
wand) betrifft, daß (dies wohl kaum zutreffen kann, da) die Göttin als Jungfrau jeglichen Lieb- 
schaften abhold ist, (so laß dir sagen): sie hat (trotzdem) schon viele Liebeswunden zugefügt." 
Doch fragt man sich erstens, ob das nicht doch etwas zu verkürzt wäre, und zweitens, wie Diana 
irgendjemandem Liebeswunden zufügen kann. Sie ist die Göttin der Jagd, nicht der Liebe, und hat 
keine Macht über Amors Pfeile. Das sieht auch GREEN (1996) 242 ff. und folgert, Diana schlage 
überhaupt keine Liebeswunden, sondern Wunden ganz anderer Art: „...brutal, instinctual passion 
destroys judgement, rationality, the ability to understand and regulate one*s desire by the rules of 
civilized, human, society. These are the wounds inflicted by the wild" (245). Diese Interpretation 
läßt sich indes am Text der Ars nicht belegen, noch nicht einmal die von GRfiliN vorgenommene 
Gleichsetzung Dianas bzw. ihres Kultes mit „the wild". Unklar bleibt auch, was - wenn nicht 
Liebe - mit „brutal, instinctual passion" gemeint ist. 



50 



Das erste Kapitel der Liebeslehre 



2.4 Theater und Rennbahn - antike und moderne Jagd (Ars 1,89-162) 

Dem Redner, der auf dem Forum in Amors Falle geraten ist, stellt Ovid seinen Schüler 
gegenüber. 80 Dieser soll bei den großen Spielen Jagd auf die zahlreich herbeiströmen- 
den Damen machen. Wie zu Beginn des Kapitels (Ars 1,51 ff.) beschreibt der Liebes- 
lehrer das reiche Angebot (98: copid) und ist bemüht, bei dem jungen Mann ein Gefühl 
überlegener Distanz zu wecken. In der wimmelnden Menge, die einem Schwärm von 
Ameisen oder Bienen gleicht (93-96), ist keine Frau etwas Besonderes. Das Ganze laßt 
sich mit dem kollektiven Singular cultissima femina (97) zusammenfassen. Nur nach 
ihrer Eignung unterscheiden sich die Objekte der Begierde. Das eine ist gerade gut ge- 
nug für eine Nacht, das andere will man behalten (Ars 1,91 f.): 81 

ittic invenies, quod ames, qnod ludere possis. 
quod que semel tangas, quod que tenere velis. 



2.4.1 Im Theater (Ars 1,101-134) 

Besonders empfiehlt Ovid die Jagd im Theater (89). Am Raub der Sabinerinnen (101- 
134) zeigt er, daß Liebe nicht nur im zivilen Leben, sondern auch im Heer eine 
wichtige Rolle spielt. Bereits Romulus erkannte die sexuellen Bedürfnisse seiner 
Soldaten und sorgte dafür, daß sie in einer wohlgeplanten militärischen Aktion erobern 
konnten, wonach ihr Herz begehrte. 82 Seit dieser Zeit gehört Liebe im Theater zum 
Brauchtum der Römer (Ars 1,133 f.). 83 



80 
81 
82 



qui ... /sedttt ... (Ars 1,88 f.) 

In den vier Kola werden nur zwei Formen der Liebe beschrieben, vgl. BRANDT (1902) ad loc. 
Ovid weicht von arideren Darstellungen dieses Ereignisses darin ab, daß er abgesehen von den 
sexuellen Bedürfnissen der Römer keine anderen Motive oder sachlichen Gründe für den Frauen- 
raub nennt, z. B. die Notwendigkeit, den jungen Staat durch Nachkommenschaft zu erhalten, vgl. 
MCLAUGHLIN (1975) 16, 18, 26 f, und WATSON (1979) 110. - GOOLD (1965) 61 zeigt, wie die 
Römer in der Ars ihr Ziel unter Einsatz militärischer Disziplin erreichen; so warten sie auf das 
Zeichen des Königs (Ars 1,1 14), bevor sie losschlagen. 

Ovid verlegt den Raub der Sabinerinnen ins Theater, obwohl dieser sich nach der vorherrschen- 
den Tradition im Circus Maximus bei einem Wagenrennen ereignete (BRANDT [1902] 209). Auch 
den Soldaten muß also Liebe sehr viel bedeuten, wenn sie sogar bereit sind, sich deswegen der 
Möglichkeiten des unkriegerischen Theaters zu bedienen (vgl. Ov. Fast. 5,597 f.: sollemnes ludos 
Circo celebrate, Quirites; / non visa est fortem scaena decere deum). - Dagegen vermuten die 
meisten Interpreten mit A. E. WARDMANN (The Rape of the Sabines [Ovid, Ars Amatoria 1.89 
ff.], CQ 59 [1965] 101-103), Ovid habe dadurch, daß er den Raub in das Theater verlegte, 
strenge Kritiker des 'sittenlosen' Theaters und die von Augustus neu geregelte Sitzordnung (vgl. 
S. 48 Anm. 78) verspotten wollen. Gegen WARDMANs These ist folgendes einzuwenden: Erstens 
äußert Ovid in der Ars keine Kritik an der Sitzordnung; er verleiht ihr sogar eine Aura altehr- 
würdiger Tradition, da er sie - wie das Wort respiciunt in Vers 109 belegt - schon zur Zeit des 
Romulus ansetzt. Zweitens ist auch von konservativen Feinden des Theaters nicht die Rede. 
Drittens betont Ovid die rechtschaffenen Absichten der Römer, die sich ihre Mädchen zu dem 
ehrenhaften Zwecke der Ehe raubten (Ars 1,102: viduos ... v'iros; 125: genialis praeda; 130). 



2.4. Theater und Rennbahn (Ars 1,89-162) 



51 



Doch wenn Ovid an Romulus' Vorbild nur nachweisen wollte, daß Liebe sowohl im 
Theater als auch in der Armee ihren Platz hat, hätte es dazu keiner ausfuhrlichen Er- 
zählung bedurft, 84 Der historische Exkurs erfüllt vielmehr noch einen anderen Zwecke 
Bisher wirkte der Liebeslehrer darauf hin, daß sein Schüler für die Damen nichts 
empfinde. Sinnlichkeit wurde vermieden, Kälte und innere Distanz gefördert. Nun ist 
es aber an der Zeit, dem jungen Manne statt der Gefühle, die Ovid nicht zulassen will, 
andere Freuden zu bieten; und eine Vorstellung von diesen Freuden vermittelt die Ge- 
schichte vom Raub der Sabinerinnen. Gleich im ersten Distichon betont Ovid, daß die 
Sache den Römern Vergnügen machte (Ars 1, 101 f.): 

primus sollicitosfecisti, Romule, ludos, 
cum iavit viduos rapta Sabina viros. 

Er beschreibt die rustikale Szene und lenkt den Blick allmählich auf die Protagonisten 
des folgenden Dramas, die Soldaten des Romulus (103-108). Ab dem Einsatz der 
Handlung (109 ff.) erlebt der Leser das Geschehen aus der Sicht dieser Männer. Schon 
das erste Wort (respiciunt) beleuchtet schlagartig ihre unruhige, erwartungsvolle Vor- 
freude. Sie schauen sich zu den Frauen auf den oberen Rängen um und wählen eine für 
sich aus; vieles regt sich in ihrer schweigenden Brust (Ars 1, 109 f.): 

respiciunt ocidisque notant sibi quisque puellam, 
quam velit, et tacito pectore multa movent. 

Klug verzichtet Ovid darauf, im einzelnen auszuführen, was sich da regt, und deutet 
auch im folgenden die Gefühle der Männer nur an. 85 So kann sich der Schüler das 
Fehlende nach seinem Geschmack ausmalen; ja, er wird fast gezwungen, sich in die 
Römer hineinzuversetzen, und erlebt zum ersten Mal einen der 'Beutezüge', die er 
bald selbst unternehmen darf. Denn wie Romulus' Soldaten wird auch er sich im Thea- 



Viertens wahrt er die königliche Würde des Romulus und beschreibt nicht etwa, wie dieser sich 
selbst am Raub beteiligt (MCLAUGHLIN [1975] 27), - Im übrigen dürften auch technische Gründe 
Ovid dazu veranlaßt haben, den Raub der Sabinerinnen im Theater stattfinden zu lassen: Wie 
man eine Dame aus der Nähe umwirbt, konnte er wegen der getrennten Sitzordnung des Theaters 
nur anläßlich eines Wagenrennens beschreiben. Wollte Ovid also nicht zwei Exkurse an eine 
Ortsangabe knüpfen, mußte er den Raub an einen anderen Ort verlegen. Auch der Gladiatoren- 
kampf, bei dem zugleich echte und erotische Wunden geschlagen werden, war bereits für eine 
Darstellung unkontrollierter Liebe vergeben. - Zu weiteren, von manchen Interpreten vermuteten 
anti-augusteischen Untertönen vgl. Anm. 93. 

HOLLIS (1977) 52 verweist u. a. auf die Erzählung von Aristaeus in Vergils Georgica (4,315 ff.) 
und bemerkt: „Ovid here parodies the ancient preoecupation with inventors." Vgl. WILKINSON 
(1955) 123; „burlesque of the Callimachean aition " Diesen Gedanken wiederholt S. F, MILLER, 
Callimachus and the Augustan Aetiological Elegy, ANRW II 30.1 (1982) 397 f.; vgl. a, MYERO- 
WTTZ (1985) 63, STEUDEL (1992) 169 ff. - Zwar mußte Ovid einen aitiologischen Ejckurs ein- 
flechten, wenn er ein 'echtes* Lehrgedicht nach dem Vorbild von Vergils Georgica schreiben 
wollte, doch ist damit noch nicht befriedigend erklärt, warum er dafür ausgerechnet den Raub der 
Sabinerinnen als Stoff gewählt hat. 

Diese Technik des Verschweigens erörtert M. VON ALBRECHT, Qua arte narrandi Ovidius in 
Amoribus usus sit, in BARBU(1976) 60 an Ov. Am. 1,5,25. 



52 



Das erste Kapitel der Liebeslehre 



ter eine Schöne „mit seinen Augen vormerken"; 86 so manche lustvolle Phantasie wird 
ihm dabei durch den Kopf gehen, und er wird es kaum erwarten können, daß der Lie- 
beslehrer zum Angriff bläst. 

In fiebernder Erregung sitzen Romulus' Männer auf ihren Grassoden, während der 
ludius einen Tanz vollführt (111 f.). Endlich - Ovid steigert die Spannung noch durch 
eine Parenthese (113) - gibt der König das ersehnte Zeichen (114). 87 Sofort springen 
die Römer auf, machen ihren Gefühlen, die sie so lange hatten verbergen müssen, laut 
brüllend Luft 88 und legen lüstern Hand an die noch unberührten Mädchen (1 15 f.). Die 
verstörten Sabinerinnen sehen wir aus der Perspektive ihrer Angreifer; Ovid schildert 
besonders ihr heftiges Entsetzen, 89 denn gerade das steigert die Lust der Männer, die ja 
wissen, daß ihren Opfern nichts Schlimmes widerfährt. 90 Überängstlich wie Tauben 



Zu den Augen als Instrument kritischer Auswahl vgl. S. 31. - Die hier vorgeschlagene Interpreta- 
tion wird durch die Tatsache bestätigt, daß sich die Römer nur in der Ars ihr Opfer schon vor 
dem Angriff auswählen. Denn gerade in dieser Hinsicht gleichen sich die Erfahrungen des Liebes- 
künstlers und der Soldaten des Romulus. Dagegen berichtet Livius, daß sich jeder die Frau nahm, 
die ihm in die Hände fiel; nur einige besonders schöne seien vorweg für den Adel ausersehen wor- 
den (Liv. 1,9,11): magna pars forte in quem quaeque inciderat raptae: quasdam forma ex- 
cellentes, primoribas patrum destinatas, explebe homines, qtiibus datum negotium erat, domos 
deferebant Vgl. BRANDT (1902) zu Vers 109. 

Wenn man nicht mit PlANEZZOLA (1993) das überlieferte petendo halten will, sollte man, auch im 
Hinblick auf Ars 2,2 (praeda petita), in Vers 114 petita lesen, wie von BENTLEY und MADVIG 
vorgeschlagen. - Weniger gut ist BURMANs Vorschlag petente (übernommen von RAMIREZ DE 
VERGER [1993] 321), da es zum Plan der Römer gehört, daß sie ihre Absicht geheim halten, den 
König also nicht um ein Zeichen bitten. - Auch BURMANs zweiter Vorschlag repente (über- , 
nommen von J. DELZ, Kritische Bemerkungen zu Tibull, Ovid und Martial, MH 28 [1971] 49-59 
und HOLZBERG [1992]), überzeugt nicht: Erstens arbeitet Ovid die Spannung stilistisch so 
heraus, daß er sie nicht mehr durch ein Adverb zu unterstreichen braucht. Zweitens ist repente in- 
haltlich schwach, denn die Römer wurden von dem Zeichen nicht überrascht (OLD s. v. repente 
Nr. 1), während für die Sabinerinnen nicht das Angriffssignal, sondern der Angriff selbst über- 
raschend kam. Das Zeichengeben geschah in einem Augenblick, so daß auch die zweite Bedeu- 
tung des Adverbs (OLD s. v. Nr. 2: „in an instant, all at once") keinen vernünftigen Sinn ergäbe. 
- Ganz abwegig ist AVERYs Vorschlag pudenda (W. T. AVERY, Qvid Ars Amatoria 1,114: An 
Emendation, CPh 69 [1974] 279 f.; vgl. a. A. KERSHAW, Ovid, Ars Amatoria 1.144, RhM 137 
[1994] 100). Warum sollten die Römer sich schämen? Oder warum sollte Ovid ausgerechnet hier 
betonen, daß das Verhalten der Römer schimpflich sei? 
Vgl. die Verse Ars 1,110 (tacito pectore) und 115 (animum clamore fatentes) . 
Bei Livius (1,9,14) sind die Frauen nicht verängstigt, sondern entrüstet (WATSON [1979] 1 16). 
Heute dürfte man das zwar anders sehen, doch geht die antike Tradition davon aus, daß die Sabi- 
nerinnen sich mit ihrem Schicksal abfanden und ihre neuen Ehemänner liebgewannen (z. B. Liv. 
1,10,1; 1,13,1-5). Dem entsprechen die Trostworte, die Ovid einem der Angreifer in den Mund 
legt (Ars 1,129 f.): „quid teneros lacrimis corrumpis ocettos? / quod matri pater est, hoc tibi" 
dixit „ero". - Auch der Liebeskünstler braucht sich keine Sorgen zu machen, daß er den Damen 
mit seinem Werben zu nahe tritt. Wie Bienen und Ameisen zu ihren Futterplätzen strömen (Ars 
1,93-96), so wollen auch die Frauen bei den Spielen ihren Hunger nach Männern stillen (vgl. 
WELLMANN-BRETZIGHEIMER [1981] 17, FINK [1983] 7). Das kann man aus ihrem Verhalten 
schließen: Während die alten Römer sich erregt auf die Sabinerinnen stürzten (119: ruentes; vgl. 
BRANDT [1902] ad loc), stürzen moderne Damen ins Theater (97: mit), und zwar reich ge- 
schmückt (97: cultissimd), um nur ja beachtet zu werden (99: spectentur ut ipsae). 



2.4. THEATER UND RENNBAHN (ARS 1,89-162) 



53 



oder ein Lämmchen, das schon beim Anblick eines Wolfes in Panik gerät (117 f.), 91 
fliehen die Sabinerinnen und verlieren vor Schreck ihre Farbe. Zum ersten Mal verleiht 
Ovid der materia amoris individuelle Züge und berichtet in immer rascherem Staccato 
die unterschiedlichen Reaktionen, an denen sich die Furcht und Hilflosigkeit der ein- 
zelnen Mädchen ablesen läßt (Ars 1,121-124): 

nam timor anus erat, fades non ima ümoris : 
pars laniat crines, pars sine mente sedet; 
altera maesta silet, frustra vocat altera matrem; 
, haec queritur, stupet haec; haec manei, illafugik 

Tatsächlich stand so mancher ihre Angst sehr gut zu Gesicht (Ars 1,126): 92 
etpotuit multas ipse decere timor . 

Doch die Lust läßt sich noch steigern. Wer an eine besonders Widerborstige geraten 
war, packte seine Beute und trug sie einfach davon (127 f.). Die Vorstellung solcher 
Genüsse reißt sogar den abgeklärten Liebeslehrer zu einem begeisterten Ausruf hin; er 
muß Romulus loben: Für diesen Lohn würde auch er zum Soldaten! (Ars 1,131 f.) 93 



Meine Vermutung, der Raub werde in der Ars mit Absicht nur aus der Perspektive der lustvoll er- 
regten Männer beschrieben, wird dadurch bestätigt, daß Ovid an anderer Stelle durchaus in der 
Lage und auch daran interessiert ist, die Gefühle der angegriffenen Frau nachzuempfinden. Man 
vergleiche etwa, wie Ovid die Vergewaltigung der Lucretia in den Fasti (2,761 'ff.) beschreibt: 
Dort betont er die ausweglose Lage der grausam gequälten Frau und zeigt ihre Gedanken und Ge- 
fühle, teilweise in direkter Rede. Das Mitleid der Leser erregt ferner ein Gleichnis, in dem sich - 
wie in der Ars - ein Lamm vor einem Wolf fürchtet (Fast. 2,799 f.: sed tremit, ut quondam stabil- 
lis deprensa relictis /parva sub infesto cum iacet agna lupo). Im Gegensatz zu dem Lamm in 
der Ars hat dieses Lamm aber wirklich allen Grund zur Angst: Es ist alleine, wie Lucretia, deren 
Mann im Felde steht; es ist klein, und der Wolf will ihm Böses tun; vor allem aber sieht es den 
Wolf nicht nur von weitem, sondern es ist bereits in seiner Gewalt. - Zu Unrecht meint also 
MCLAUGHLIN (1975) 21, auch in der Ars solle durch das Gleichnis Mitleid erregt werden. 
L. C. ClJRRAN (Rape and Rape Victims in the Metamorphoses, in: PERADOTTO, J./SULUVAN, J. 
P., Hrsgg., Women in the Ancient World, New York 1984, 263-286) hat die Vergewaltigungs- 
mythen in Ovids Metamorphosen untersucht. Er zählt verschiedene Motive auf, die nach Ovids 
Darstellung die Lust des Vergewaltigers steigern. Alle diese Motive sind auch hier in der Ars zu 
finden: die Schönheit und Jungfräulichkeit des Opfers, der Umstand, daß die Frau nicht will, sich 
fürchtet und flieht, der Vergleich mit einem gejagten Tier und der rasche Erfolg des Angreifers 
(vgl. dazu MYEROWrrz [1985] 204 Anm. 65). Daß die Lektüre der Erzählung dem Leser Lust 
bereiten sollte, meint auch A. RlCHLIN, Reading Ovid's Rapes, in RtCHLIN (1992) 166 ff. Zu 
Recht widerspricht sie der These von J. HEMKER (Rape and the Founding of Rome, Helios 12 
[1985] 41-47), dadurch, daß er die Brutalität der Römer überzeichne, kritisiere Ovid solche grau- 
samen Vergewaltigungen. 

Vgl. RlCHLIN a.a.O. 168. Ovid beschließt seine Erzählung demnach so, wie er sie begonnen hat: 
mit einem Hinweis auf die Lust der Römer. - Durch das Wort solus bringt er iri erregter Rede 
zum Ausdruck, daß Romulus seinen Soldaten eine wirklich einzigartige Freude bereitet habe, und 
deutet nicht etwa an, zeitgenössische Generäle müßten ihre Truppen auf ähnliche Weise belohnen. 
Entsprechend unwahrscheinlich ist, daß hier auf Augustus' Schwierigkeiten bei der Veteranenver- 
sorgung angespielt wird, wie H. PETERSEN meint (Livy and Augustus, TAPhA 92 [1961] 446, 
vgl. a. LENZ [1969] 173, HOLLIS [1977]). Warum sollte Ovid sich mit diesem Problem überhaupt 
befassen? Es betraf ihn und seine Leser nur insofern, als eine neue Erbschaftssteuer eingeführt 



54 DAS ERSTE KAPITEL DER LIEBESLEHRE 

•Romule, militibtts scisü dare commoda solus: 
haec mihi si dederis commoda, miles eroi 

Wie WATSON bemerkt, spielt Livius in seiner Darstellung den erotischen Charakter der 
Episode herunter (Liv. 1,9). Während bei Ovid die Lust der Männer im Mittelpunkt 
steht, sagt der Historiker zu deren Gefühlen nichts. Daraus folgert WATSON, Ovid ver- 
wandele die Römer in 'elegische' Liebhaber. 94 Indes wäre der 'elegisch 5 Liebende nie- 
mals in der Lage, auf diese Weise eine Frau zu erobern. Wenn Properz im Theater 
einer Schönen mit Zeichen sein Interesse bekundet, dann genügt schon ein strenger 
Blick von ihr, und es rinnt ihm der kalte Schweiß über die Stirn (Prop. 2,22a, 1 1 f.): 

qtiae si forte aliquid vultu mihi dura negarat, 
fi'igida de tota fronte cadebat aqua. 

Properz kann sich über Romulus' Erfindung nicht freuen; in seinen Augen ist der 
König nur ein schlechtes Vorbild für die Rivalen, die dem 'elegisch' Liebenden sein 
Mädchen wegnehmen wollen (Prop. 2,6, 19-22): 

... iu criminis auctor, 
nutritus duro f Romule, lade lupae: 



wurde, um die Pensionskasse, das aerorium militare, zu füllen. Dies geschah aber erst nach 
Erscheinen der Ars, nach KIENAST (1982) 334 im Jahre 6 n. Chr., nach SYME (1,978) 206 im 
Jahre 7. n. Chr. - Gleiche Skepsis ist gegenüber der Annahme von J. G. WHTTETHORNE geboten 
(Ovid, A. A. 1,101-132, and Soldier's Marriages, LCM 4 [1979] 157 f.), Ovid habe ein von 
Augustus verhängtes Eheverbot für Soldaten (vgl dazu FRIEDL [1996] 165, 229-231) kritisieren 
wollen. Denn Ovid lehrt in der Ars außereheliche Liebe, die Soldaten erlaubt war. - Umgekehrt 
meint MYEROWITZ (1985) 65 f., vorsteckte Kritik an Augustus' Ehegesetzen erkennen zu können: 
Während Romulus die Sabinerinnen mit roher Gewalt ihren Männern zuführe, zwinge Augustus 
römische Bürger mit staatlicher Gewalt zur Ehe. Der Vergleich hinkt jedoch, da Romulus' Solda- 
ten sich über ihre Bräute freuen, während unter Augustus die Männer nicht heiraten woll- 
ten. Und auch die Sabinerinnen sind nach der herrschenden Tradition, der Ovid nicht wider- 
spricht, mit ihren aufgezwungenen Ehemännern recht zufrieden. - Da es also keine überzeugenden 
Belege für eine anti-augusteische Tendenz der Erzählung gibt, ist auch der These von J. S. C. 
EIDINOW (A Note on Ovid Ars Amatoria 1.117-119, AJPh 114 [1993] 413-417), das Gleichnis 
von Adlern und Wölfen sei eine Anspielung auf den Legionsadler und die römische Wölfin, der 
Boden entzogen. 

WATSON (1979) 1 13, gefolgt von STEUDEL (1992) 171. - M. FOX, Roman Historical Myths. The 
Regal Period in Augustan Literature, Oxford 1996, 184 ff. glaubt, Ovid habe den Mythos auch 
deswegen erotisiert, weil er ihn sonst in elegischer Form nicht angemessen hätte erzählen können. 
„Ovid acknowledges that his material is generically unsuited to elegy, but alters it in such a way 
as to assimilate it to what the poet suggests is the traditional character of the genre" (185). Doch 
kann Ovid sogar Herrscherlob wie, das Propemptikon für C. Caesar in eine elegische Form 
gießen, ohne dem jungen Prinzen gleich eine Geliebte beigeben zu müssen, und umgekehrt ist der 
„traditionelle Charakter" der Elegie nicht ausschließlich erotisch, wie z. B. die Elegien Tib. 1,7, 
Prop. 4,6 und Ov. Am. 3,13 belegen. 

Zu dieser Interpretation vgl. BOUCHER (1965) 393, zu dem problematischen Anschluß des Disti- 
chons an die vorausgegangenen Szene im Theater (Prop. 2,22a,4-10) vgl. den Apparat von FEDE- 
LI (1984). In jedem Falle dürften sich die Verse 1 1 f. noch auf Properzens Theaterbesuch bezie- 
hen. Daß er der Dame ein Zeichen gegeben hat (vgl. Ars 1,137 f.; 497-504), muß man aus dem 
Kontext erschließen, sofern dies nicht in der von FONTEIN angenommenen Lücke vor Vers 1 1 be- 
richtet wurde. - Zur Angst des 'elegisch' Liebenden vor seiner domina vgl. 5.2.2. 



2.4. Theater und Rennbahn (Ars 1,89-162) 



55 



tu rapere intactas docuisti impune Sabinas: 
per te nunc Romae quidlibet audet Amor. 

Doch auch der Liebeskünstler darf sich nicht so verhalten wie seine Vorfahren. Ovid 
greift auf ein Ereignis der Frühzeit zurück, um für einen Moment die Hüllen moderner 
Liebeskultur abzuwerfen und die nackte Lust des Frauenjägers zu zeigen, betont aber 
gleich zu Beginn der Erzählung die Unterschiede zwischen damals und heute. Damals 
gab es noch keine Marmortheater mit Sonnensegeln und sarranduftender Bühne; vor 
einem kunstlosen Holzgestell saß das struppige Volk auf Rasenbänken und schützte 
sich mit selbstgebastelten Sonnenhüten. Geboten wurde ein urtümliches Tripudium zu 
einer ungeschliffenen Melodie; und auch der Beifall war ohne Kunst, 96 Wie dieses pri- 
mitive Theater gehört der gewaltsame Frauenraub der Vergangenheit an. Sowohl in die 
Schauspielhäuser als auch auf die erotische Bühne sind Kunst und Kultur eingezogen. 
Will der Liebeskünstler sich nicht lächerlich machen, 97 muß er mit dem Fortschritt ge- 
hen und seine Methoden durch ars verfeinern. Denn die cultissima femina (Ars 1,97) 
seiner Zeit ist keine ängstlich zappelnde Landpomeranze mehr, die man einfach davon- 
schleppen kann. 



2.4.2 Im Circus Maximus (Ars 1,135-162) 

Um jedem Mißverständnis sofort vorzubeugen, lehrt Ovid direkt im Anschluß an die 
Erzählung vom Raub der Sabinerinnen, wie sich der moderne Mann seiner Beute 
bemächtigt: 98 Der Schüler soll beim Wagenrennen neben der Dame Platz nehmen (Ars 
1, 139-142), mit ihr ein Gespräch beginnen, durch Beifall für 'ihren' Wagenlenker nach 
ihrer Sympathie heischen und dadurch seinen verliebten Zustand anzeigen, daß er der 
Venusstatue im Festzug applaudiert (143-148). Ferner soll er dem Objekt seiner Be- 
gierde kleine Kavaliersdienste leisten; wenn er die Kleidung der Dame richtet, wird er 
sie zum Lohn berühren und ihre Beine betrachten können (149-156); aber selbst ohne 
derartigen Lohn zahlt es sich aus, für ihre Bequemlichkeit zu sorgen (157-162). 

In starkem Kontrast zu dem Drama, das der Schüler gerade miterleben durfte, bemüht 
sich Ovid jetzt um einen besonders lehrhaften Ton. Auffällig ist die große Zahl von 



Ars 1,103-108; 111-113. Man beachte vor allem, wie Ovid das Fehlen von Kunst hervorhebt 
(106, 1 13). - Damals wählte man für die Kopfbedeckung noch nicht einmal eine zum Anlaß pas- 
sende Laubsorte (108: qualibet ... fronde). Die Bühne war aus einheimischem Holz (105 f.), 
während das Baumaterial für moderne Theater importiert wird (103: marmoreo l V. m. 70: 
externo marmore). 

HÖLLIS (1977) 53 und WATSON (1979) 111 ff. betonen, daß Ovid die römische Vorzeit nicht 
ohne Ironie beschreibt. Vgl. a. STEUDEL (1992) 170 f, 

Vgl. WELLMANN-BRETZrGHEIMER (1981) 20: „.„ der ungehobelte, dem rohen Status der früh- 
römischen Kulturstufe adäquate Überfall der Urahnen voller Direktheit ... ist konfrontiert mit den 
praecepta dezenter Annäherungskünste (I 135-162), die im Einklang mit den Errungenschaften 
der Zivilisation stehen". Ähnlich äußert sich MYEROWITZ (1985) 66. 



56 



Das erste Kapitel der Liebeslehre 



systematisch nach Sachgebieten geordneten Vorschriften." Der Liebeslehrer benutzt 
hier erstmals den von Fachschriftstellen bevorzugten Imperativ II 100 und formuliert um- 
ständliche, sentenzenhafte Periphrasen, die das betreffende praeceptum als Frucht 
langjähriger Erfahrung erscheinen lassen. 101 Statt gespannter Erregung und roher Ge- 
walt zeigt der moderne Mann ruhige, beflissene Fürsorglichkeit. 102 Das Begehren des 
Liebeskünstlers ist hinter einer Maske kühler Kultiviertheit verborgen. 

Dennoch muß auch er nicht auf Lust verzichten: Während Romulus den Römern im 
Theater commoda (Ars 1,13 1) gewährte, kann Ovid seinem Schüler versichern, daß der ' 
Circus Maximus sogar multa commoda zu bieten hat (136). Zwar muß der Liebes- 
künstler Regeln beachten und darf sich nicht sine lege (119) auf eine Frau stürzen, 
doch kommen ihm eben diese Regeln zugute. Denn nach der lex loci des Zirkus ist er 
geradezu verpflichtet, sich mit sanfter Gewalt eng an seine Nachbarin zu schmiegen 
(Ars U39-142): 103 

proximus a domina nullo prohibente sedeto, 

hinge tuum lateri, quapotes, asque latus, 
et bene, quod cogit, si nolit, linea iungi, 

quod tibi tangenda est lege puella loci. 

Am Ende wird der Schüler ebenso gewiß den Sieg davontragen wie die Soldaten des 
Romulus; mit kleinen Gefälligkeiten kann er den „leichten Sinn" des Mädchens er- 
obern (Ars 1,159): parva leves capiunt animos. 



100 



103 



Ich zähle insgesamt sechzehn, gruppiert unter die Rubriken: 1. Ankunft und Hinsetzen (139-42); 
2. Gespräch (143-8); 3. Gefälligkeiten a) mit Belohnung (149-56), b) ohne Belohnung (157-62). 
Ars 1,139: sedeto; 145: focito (+ Inf.); vgl. HOLLIS (1977) 59, VIANSINO (1969) 494, R. RJSSE- 
LADA, Imperatives and Other Directive Expressions in Latin, Amsterdam 1993, 109, 128: „.7. the 
imperative II is a predominant directive expression form in law texts and in technical manuals 
such as Cato's agricultural handbook." 

Ars 1,159-162: JUH utile rmultis ... profan, jeweils mit dem Infinitiv Perfekt verbunden; vorange- 
stellt ist die zitierte Sentenz. Vgl. a. HOLLIS (1977) 61. * 

Ars 1,152, 155: officium; 154: sedulus. Wiederholt läßt Ovid anklingen, mit welch zartem Ge- 
schöpfes der junge Mann zu tun hat und wie vorsichtig er mit ihm umgehen soll: Die feinen Ge- 
wänder der Dame müssen vor dem schmutzigen Steinboden geschützt werden (154), ihr weicher 
Rücken vor dem Knie des Hintermannes (158); mit leichter Hand (facili mqnu) wird der Liebes- 
künstler ein Kissen richten und ihr mit einem feinen Fächer (tenui tabella) Kühlung schaffen (160 
f.); unter ihren zarten Fuß (tenentm pedem) stellt er einen Schemel. - Daß aber der Schüler Für- 
sorge vor allem zeigen und weniger empfinden soll, erkennt man an der Vorschrift, sogar nicht 
vorhandenen Staub vom Schoß der Dame zu klopfen (151 f.). 

Ich lese mit BRANDT (1902), JÄGER (1970) 56 und GRIGGS (1971) in Vers 141 nolit (sc. puella), 
wie im Hamiltonensis (Y) überliefert, denn daß der Schüler sich nicht eng an die Dame 
drücken will, ist kaum anzunehmen; vgl. a. Am. 3,2,19 f., wo ebenfalls die Dame und nicht ihr 
Verehrer den Kontakt scheut: quid frustra refagis? cogit nos linea iungi; / haec in lege loci 
commoda Circus habet. - Wer die von den meisten Kommentatoren bevorzugte Lesart nolis 
(ARy) halten will, sollte besser mit HOLLIS (1977) die 2. Pers. Sg. als Ersatz für das unpersön- 
liche „man" erklären, anstatt den Konj. Präs. irreal zu übersetzen (VON ALBRECHT [1992]: 
„selbst wenn du es nicht wolltest", HOLZBERG [1992]). 



2.4. Theater und Rennbahn (Ars 1,89-162) 



57 



Das Lehrziel dieses Abschnittes liegt auf der Hand: Die Jagdfreuden der primitiven 
Urzeit werden in die Gegenwart übertragen und dabei der modernen Zeit angepaßt. 
Einerseits verhindert Ovid, daß der junge Mann mit allzu großer Leidenschaft vorgeht 
oder die modernen Umgangsformen verletzt. Andererseits läßt er erkennen, daß auch 
der Schüler seinen Spaß haben wird, wenn er engen Körperkontakt erzwingt, der Dame 
indiskret unter den Rock schaut und siegessicher mit seiner Beute spielt, 

Daß der Schüler der Ars die Haltung eines kühlen, überlegenen Jägers erlernen soll, 
bestätigt auch ein Vergleich mit Ovids Elegie Amores 3,2: 104 In dieser Elegie hat ein 
Verliebter beim Wagenrennen einen Platz neben der Angebeteten ergattert und will 
sich nun mit einer langen Rede in ihr Herz schmeicheln. In der Ars dagegen spielt das 
Gespräch eine untergeordnete Rolle. Ovid empfiehlt zwar, ein paar alltägliche Floskeln 
(publica verba) zu wechseln (Ars 1,143-145); 105 doch reichen kleine Dienste voll- 
kommen aus, um das Mädchen für sich einzunehmen (159). In der Elegie aber umwirbt 
der Liebende die Dame vor allem mit seinen Worten; 106 was er für sie tut, ist nur Bei- 
werk und Anlaß zu immer neuen Komplimenten, mit denen er seine demütige Hingabe 
beweist. Während der Liebeskünstler scheinbar interessiert nach den Pferden fragt, ge- 
steht der Liebende in den Amores seiner Dame sofort, daß ihm das Rennen gleichgültig 
und er nur gekommen ist, um sich an ihrem Anblick zu weiden (Ov. Am. 3,2, 1-6). 107 
Glücklich preist er den Wagenlenker, dem sie gewogen ist. Für solche Gunst würde 
auch er sein Leben wagen! (7-12) Zwar würden ihm bei ihrem Anblick die Zügel ent- 
gleiten, doch müßte ihr huldvoller Beifall ihm trotzdem den Sieg einbringen, wie ja 
auch der liebestolle Pelops einst durch Hippodamias Gnade das Rennen gewann (13- 
18). Ihre Schenkel, die selbst Atalante oder Diana zur Zierde gereichen könnten, lassen 
seine Leidenschaft unerträglich heiß entflammen (29-34). 108 



106 
107 



Viele der im folgenden vorgestellten Unterschiede beobachtet schon DOWNING (1993) 28 ff., 
interpretiert sie aber anders (vgl. Anm. 110 sowie 8.5). Vergleiche beider Versionen wurden 
außerdem vorgelegt von WlLKINSON (1955) 143, THOMAS (1969), JÄGER (1970) 51-60, 
MERKLE (1983), DALZELL (1996) 141 f. und GAULY (1990) 202 f., der auch die Elegie Am. 3,2 
ausführlich interpretiert (137-202). GAULY meint, die Liebhaber in dm Amores und in der Ars 
seien sich sehr ähnlich. Sowohl bei dem Schüler der Ars als auch bei dem Sprecher der Elegie 
handele es sich um einen typischen jungen Städter, mit dem sich der Leser identifizieren könne. 
Dieser typische Liebhaber strebe eine nur vorübergehende Beziehung zu einer ihm unbekannten 
Dame an und setze dabei geschickt allerlei Kniffe ein, z. B, einen falschen Liebesschwur. Allein 
aus dem Wortlaut der Elegie Am. 3,2 läßt sich diese Deutung jedoch nicht ableiten; sie ist viel- 
mehr erst vor dem Hintergrund der Ars- Version möglich. - Nützliche Hinweise zum Ablauf des 
Wagenrennens gibt C. NEUMEISTER (1991) 225 ff; vgl. a. KETTEMANN (1979) 22 ff 
Vgl. MERKLE (1983) 143: '„... von einer Liebeserklärung keine Spur. Überhaupt findet sich in 
der ' Ars'-Fassung das Phänomen des Sich-Erklärens nicht ..." 
Vgl. DAVIS (1979) 69. 

Am. 3,2,1 f.: Non ego nobilium sedeo Studiosus equorum ...; Ars 1,145: eulus equi 
veniant, facito, studiose , requiras. 

Da der Sprecher auf eine Stellung beim Geschlechtsakt anspielt, glaubt DAVIS (1979) 55, diese 
Worte seien ä part gesprochen. Man darf jedoch nicht ohne weiteres moderne Anstands regeln auf 



58 



Das erste Kapitel der Liebeslehre 



Um sein Interesse an der Sitznachbarin zu bekunden, braucht man nach Ovids Lehren 
in der Ars nur ostentativ der Venus zu applaudieren. Dem Sprecher der Elegie ist das 
nicht genug. Er richtet an Venus ein glühendes Gebet: Möge doch die Geliebte es sich 
gefallen lassen, daß er sie liebe. Die Gottheit nickt - so scheint es ihm - gnädig. Erst da 
faßt er sich ein Herz, die Dame selbst zu bitten, daß sie sich Venus' Versprechen an- 
schließe und ihm eine noch mächtigere Göttin werde (55-60). Alle Zuschauer und die 
Götter im Festzug sind Zeugen seines Treueschwures; auf ewig wünscht er sie sich zur 
Herrin (Ov. Am. 3,2,61 f.): 

per tibi tot iuro festes pompamque deorttm 
te dominam nobis tempusin omnepeti. 

So spricht ein 'elegisch' Liebender, der im Begriff ist, sich dem servitium amoris zu 
unterwerfen, nicht aber ein überlegener Jäger, wie der Liebeskünstler einer sein soll. 109 

Die Elegie hat eine spannende Handlung, während der Ars- Version jegliche Dramatik 
fehlt. Dieser Unterschied komme daher, erklären die Interpreten, daß Ovid den elegi- 
schen Stoff in die Form eines Lehrgedichtes übertrage. 110 Doch gibt es auch systema- 
tisch argumentierende Elegien (z. B. Ov. Am. 1,9), und umgekehrt hätte Ovid seine 
Lehren in der Ars gewiß aufregender gestalten können. 111 Nicht aus formalen, sondern 
aus didaktischen Gründen entscheidet er sich dagegen: k , u 

Die Elegie erhält ihre Dramatik dadurch, daß der Sprecher seinen Erfolg mit dem Sieg 
des Wagenlenkers, den die Dame begünstigt, verknüpft. 112 Wie der Wagenlenker will 
der Liebende durch die Gunst seiner Herrin den Sieg davontragen (Ov. Am. 3,2,18): 



vincamus dominae quisque favore sitae. 



{ 



die Antike übertragen, zumal eine ehrbare Matrone sich einer solchen Situation gar nicht ersf aus- 
gesetzt hätte, wie GAULY ( 1 990) 1 79- 1 8 1 zu Recht bemerkt. 

109 MERKLE (1983) 139 f. und FINK (1983) 8 f. meinen, auch praktisch seien die Erfolgsaussichten 
größer, wenn man, wie in der Ars gelehrt, eine distanzierte Haltung wahre und nicht gleich sein 
Herz ausschütte. Indes hat in der Elegie das Werben ebenfalls eine gewisse Wirkung, da die 
Dame am Ende zu einem neuen Treffen bereit ist (Ov. Am. 3,2,84). 

110 WlLKINSON (1955) 143; THOMAS (1969) 714 f., 720, 724; JÄGER (1970) 54 f., 57 f.; Ars und 
Elegie verhielten sich wie „Praxis und Theorie"; MERKLE (1983) 135, 145: „(fiktives) Experi- 
ment - Formel"; GAULY (1990) 201; DALZELL (1996) 141. - DOWNING (1993) 28 ff., der übri- 
gens die Arbeit von GAULY nicht berücksichtigt, sieht den wesentlichen Unterschied zwischen Ars 
und Amores darin, daß der Sprecher der Elegie tatsächlich Hebe, während der Schüler der Ars 
einen 'elegisch' Liebenden nur nachahme. - Eine 'Übertragung' im engeren Sinne liegt überhaupt 
nur dann vor, wenn Ovid die Elegie vor der Ars geschrieben hat. Dies ist aber keineswegs sicher; 
es besteht auch die Möglichkeit, daß er zuerst die Ars-Version verfaßte oder an beiden Stücken 
gleichzeitig arbeitete, sofern in Am. 2,18,19 f. tatsächlich von der Ars amatoria die Rede ist. 

111 Abgesehen von spannend erzählten Exkursen wie dem vorangegangenen, vergleiche man z. B. die 
Lehren zum offengelegten Seitensprung (Ars 2,427 ff.). Nach einem 'theoretischen' Teil (427- 
444) entwirft Ovid in begeisterten Ausrufen das Bild einer Eifersuchtsszene, die in eine zärtliche 
Versöhnung mündet (445-462). 

112 FRÄNKEL (1945) 24, JÄGER (1970) 57 f., DAVIS (1979) 57 f., GAULY (1990) 137, 174 f., 
Do\VNING(1993)32f. 



2.4, THEATER UND RENNBAHN (ARS 1,89-162) 



59 



Daher fleht er nicht nur Venus, sondern auch Victoria um Beistand an (Am. 3,2,45 f.), 
- was der siegesgewisse Schüler der Ars nicht nötig hat. Während des Rennens, nimmt 
der Liebende in den Amores lebhaft Anteil an dem Geschick des Fahrers, dessen Er- 
folg keineswegs sicher ist. Nach einem mißglückten ersten Versuch wird der Lauf 
wiederholt; jetzt nutzt der Wagenlenker die Chance und gewinnt. Er hat sein Ziel er- 
reicht und den Wunsch der Herrin erfüllt; nur der Sieg des Liebenden ist immer noch 
ungewiß (Am. 3,2,81 f.): 113 

sunt dominae rata vota meae, mea vota mpersunt; 
ille tenet palmam, palma petenda mea est 

Erst ganz zum Schluß gibt ihm die Dame ein freundliches Zeichen: Sie lächelt, schaut 
ihn vielsagend an und erklärt sich bereit, ihn wiederzusehen, - damit er seine Werbung 
fortsetzen kann. 114 

Dramatik dieser Art ist in der Ars nicht erwünscht Während der Sprecher der Elegie 
bangt und hofft und am Ende immer noch nicht sicher ist, ob die Angebetete ihn 
irgendwann einmal erhören wird, soll der Schüler dsxArs, an seinem Erfolg nicht zwei- 
feln. Dadurch, daß der Liebende der Amores sich vorstellt, wie er mit dem Wagen- 
lenker die Rollen tauscht und an dessen Stelle ein Gespann führt (Am. 3,2,7 ff.), eroti- 
siert er ferner die rein sportliche Sympathie (v. 8: cura), die die Dame für den Fahrer 
hegt. Der Gedanke an einen möglichen Rivalen ist in dieser frühen Phase der Liebes- 
lehre fehl am Platz und würde den Schüler nur verunsichern. Außerdem wäre es ge- 
fährlich, wenn Ovid das Rennen eingehend beschriebe, da der Schüler sich auf keinen 
Fall dafür interessieren darf. Denn der Liebeskünstler täuscht zwar aus taktischen 
Gründen Interesse am Rennen vor, doch muß seine volle Aufmerksamkeit der Schönen 
an seiner Seite gelten. Andernfalls könnte Amors Pfeil ihn so plötzlich treffen, wie den 
törichten Zuschauer beim Gladiatorenkampf (vgl. 2.3). 



Man beachte, wie Ovid den Zusammenhang zwischen dem Sieg des Fahrers und dem erotischen 
Erfolg durch Iteratio (vota meae, mea vota; palmam, palma) stilistisch herausarbeitet. - DAVIS 
(1979) 61 ff. ist der Ansicht, der Liebende brauche ebenfalls 2wei Anläufe (gleicher Meinung 
sind MERKLE [1983] 138 ff., GAULY [1990] 177). DAVIS deutet das Zurückweichen der Dame 
vor dem sich anschmiegenden Verehrer (Am. 3,2,19 f.) als Reaktion auf dessen allzu direkte 
Werbung in den Versen davor. Doch setzt der Sprecher der Elegie seine Werbung in derselben 
Weise fort und gibt sogar eine förmliche Liebeserklärung ab (v. 55 ff.). 

Ov. Am. 3,2,83 f.: mit ei argutis quiddam promisit ocellis: / „hoc satis est t alio cetera redde 
loco. " Ich verstehe cetera i. S. v. „was du noch zu sagen hast" und reddere i. S, v. „äußern, vor- 
tragen" (vgl. OLD s. v. 5.b, 6 und z. B. Ars 3,295: reddere verba). Dagegen weisen GAULY 
(1990) 145 ff., 193 ff., C. NEUMEISTER (1991) 241 und HOLZBERG (1997) 69 auch den letzten 
Vers (84) dem Sprecher der Elegie zu. NEUMEISTER übersetzt „Dies (d. h. dieser vielverspre- 
chende Blick) ist mir hier genug; alles übrige gewähre mir anderswol" Nach dieser Interpretation 
geht der Verehrer also davon aus, daß „ein Rendezvous nach der Vorstellung schon so gut wie 
ausgemacht sei." Dann muß man reddere i. S. v. „etwas Geschuldetes geben, ein Versprechen 
einhalten" (OLD s. v. Nr. 9) verstehen, wie z. B. Ov. Ep. 20,96: promissum reddere. Doch auch 
nach dieser Interpretation ist der endgültige Erfolg des Werbens ungewiß. 



60 



Das erste Kapitel der Liebeslehre 



2.5 Der Liebeskünstler und die Außenpolitik des Augustus (Ars 1,171-228) 

Mit einem Rückblick auf die große Naumachie des Jahres 2 v. Chr., bei der jeder Be- 
sucher eine Dame zum Lieben finden konnte (Ars 1,171-176), beginnt der Abschnitt 
übttfeHae imperativae. Es folgt das Propemptikon für C. Caesar (177-212): Jetzt wird 
auch das letzte noch nicht unterworfene Gebiet dem Reich hinzugefügt und den 
Parthern die Niederlage der Crassi vergolten (177-180). Trotz seines zarten Alters steht 
C. Caesar als Rächer und Feldherr bereit. Man zähle nicht besorgt seine Jahre, hält 
Ovid den Ängstlichen vor, denn gottgleiche Naturen wie die Cäsaren folgten dem Bei-^ 
spiel von Herakles und Bacchus, die schon als Knaben Mannestaten vollbrachten (181- 
190). Außerdem handelt C. Caesar unter den Auspizien seines Vaters Augustus, der 
dem jungen Feldherren seine Erfahrung, seine Autorität und sein Glück mit auf den 
Weg gibt. Als gehorsamer Sohn und zukünftiger Prinzeps muß C. Caesar für die Sache 
der pietas streiten und sich in diesem gerechten Kriege bewähren (191-200). Der Ge- 
rechte wird auch siegen; Vater Mars und Vater Augustus mögen dem jungen Helden 
zur Seite stehen. Ovid aber wird Cäsars Sieg, an den er fest glaubt, in einem Liede 
feiern (201-210). 

Die Fluchttaktik der Parther deutet der Liebeslehrer als Omen ihrer bevorstehenden 
Niederlage und führt so den Gedankengang zurück zu dem Sieg (211 f.), der die Vor- 
aussetzung für den kommenden Triumph des C. Caesar ist (213-228): Bei diesem 
prächtigen Fest werden sich Männer und Frauen in ausgelassener Stimmung zusam- 
menfinden (213-218). Wenn dann eine Zuschauerin nach der Bedeutung der Schau- 
bilder fragt, soll der Schüler die Gelegenheit nutzen, ihr alles genau zu erklären (219- 
222). Und damit demjungen Mann nicht die Worte fehlen, gibt Ovid auch einige Bei- 
spiele für das, was man einer Dame wird sagen können (223-228). 

\ 
2.5.1 Die Funktion des Propemptikons für C. Caesar 

Das Propemptikon hat viele Interpreten befremdet. POHLENZhält die Verse Ars 1,164- 
228 (sie!) für eine nachträglich Einlage; HOLLIS meint, das Stück „sei in sich geschlos- 
sen und könne schmerzlos entfernt werden". 115 Dagegen spricht jedoch die ausge- 
wogene, symmetrische Struktur der Lehren zur Suche (Ars 1,41-262; S. 27). Ferner 
würden die besonders zahlreich besuchten (S. 25 f.) und daher für Frauenjäger überaus 
interessanten feriae imperativae gar nicht behandelt, wenn man das Propemptikon und 
die Naumachie herausnähme. 



\ 



HOLLIS (1977) XII. - Die These von POHLENZ (1913b) 3 hat SYME (1978) 13-15 weiterent- 
wickelt. Vgl. a. MURGIA (1986a) 80, 86; ferner MEYER (1961) 83; PÖHLMANN (1973) 860: „Die 
panegyrische Partie 1, 171-228 ist nur assoziativ angehängt"; SOLODOW (1977) 113: „lengthy 
and puzzling panegyric". 



2.5 DER LlEBESKÜNSTLER UND DIE AUSSENPOLITIK (ARS 1,171-228) 



61 



Und selbst angenommen, das Propemptikon wäre eine nachträgliche Einlage, so könn- 
te man doch deren Anfangs- und Endpunkt nicht mehr bestimmen. Einen klaren Bruch, 
von dem ab sich das Weitere „schmerzlos entfernen" ließe, gibt es nämlich nicht. Im 
Gegenteil: Mit dem in beide Richtungen weisenden Distichon Ars 1,163 f. 116 bindet 
Ovid seine Vorschriften für das Wagenrennen eng an die Lehren zum Gladiatoren- 
kampf (164-170); der Zuschauer sitzt neben der Dame und hat die gleichen Möglich- 
keiten, sich ihr zu nähern. Die Lehren zum Gladiatorenkampf wiederum verknüpfen 
das, was zur Naumachie gesagt wird, mit dem Abschnitt über den Zirkus, da die Nau- 
machie nichts anderes ist, als ein besonders aufwendiger und ungewöhnlicher Gladia- 
torenkampf. Man mag vielleicht einwenden, die Naumachie gehöre bereits der Ver- 
gangenheit an und der Schüler könne dort keine Frau mehr fmden; das Stück sei dem- 
nach der Lehre nicht dienlich. Indes lernt der junge Mann doch immerhin, daß er in 
Zukunft zur Stelle sein sollte, wenn wieder ein außerordentliches Schauspiel geboten 
wird. War aber erst einmal von außerordentlichen Spielen die Rede, ist es auch sinn- 
voll, wenigstens ein Beispiel für solche Feste, die der Schüler in Zukunft auf keinen 
Fall verpassen darf, zu nennen - z. B. einen Triumph., Und da der Liebeslehrer als 
praktisch denkender Fachmann nicht von irgendeinem hypothetischen Triumph spricht, 
sondern von dem tatsächlich zu erwartenden Triumph des C. Caesar, muß er auch er- 
klären, warum dieses Ereignis bevorsteht. Dazu dient das Propemptikon. 

Es erfüllt also, ähnlich wie die Erzählung vom Raub der Sabinerinnen, die Funktion 
eines Aitions. Wenn man aber die Lehren zum Theater und zum Triumph vergleicht, 
fällt auf, daß Ovid an der früheren Stelle die Funktion des Exkurses anzeigt, bevor 
er zu erzählen beginnt (Ars 1,101 f.), während die entsprechende Funktion des Pro- 
pemptikons erst im nachhinein erkennbar wird, 117 Da Ovid ohne weiteres 
auch hier die Richtung hätte weisen und vorab andeuten können, warum er gerade jetzt 
zu einem Lob des C. Caesar anhebt, verzichtet er offenbar mit Absicht darauf, das Pro- 
pemptikon enger in den Lehrtext einzubinden. Und das aus gutem didaktischen Grund. 
Um bei dem Schüler den Eindruck zu erwecken, als Liebeskünstler sei er ein vollwerti- 
ges Mitglied der Gemeinschaft, behandelt ihn Ovid wie jemanden, der am Zeitgesche- 
hen genauso Anteil nimmt wie seine Mitbürger, und nimmt auch selbst die Haltung 
eines vaterländisch denkenden Römers ein: Wenn der Kronprinz zu seinem ersten 
Feldzug aufbricht, bedarf es keines besonderen Anlasses, damit der Liebeslehrer sich 
dazu äußert. Selbstverständlich wird er als verantwortungsvoller Bürger des augustei- 
schen Staates dieses Ereignis in dem Werk, an dem er zufällig gerade arbeitet, erwäh- 
nen. Und ebenso selbstverständlich erwartet er von seinem Schüler, daß auch dieser 



116 

117 



hos aditus Circusque novo praebebit amori /sparsaque sollicito tristis harenaforo. 
Anstatt zu sagen: „Bald kann man bei einem Triumph nach Damen Ausschau halten, denn 
C. Caesar zieht gegen die Parther und wird siegreich heimkehren.", kündigt Ovid den Sieg an, 
und folgert erst danach: „Also wird es einen Triumph geben.", vgl. Ars 1,213 (ergo erii illa dies) 
sowie SOLDOW ( 1 977) 1 1 3 f. 



1 



r 



62 



Das erste Kapitel der Liebeslehre 



sich für die große Politik interessiert. Warum sollte man erst erklären, was die Hymne 
auf den jungen Fürsten in der Ars zu suchen hat? Das käme ja fast einer Entschuldi- 
gung gleich, und dafür, daß er einen Vaterlandsverteidiger lobt, braucht ein Patriot sich 
gegenüber einem Patrioten nicht zu rechtfertigen. U8 

Schließlich muß ja gerade der Liebeskünstler dem Prinzeps dankbar sein. Denn dieser 
hat nicht nur mit seinen Bauten und Festen ein geschmackvolles Ambiente für die 
kultivierte Liebeswerbung geschaffen; durch seine militärischen Erfolge erhält und 
erweitert er auch das Imperium, als dessen Mittelpunkt Rom sich des größten Frauen- 
reichtums erfreut (Ars 1,55 f.): 

tot tibi tamque dabit formosas Roma puellas, 
„haec habet" utdicas „quicquid in orbe fuit." 

Die Naumachie veranstaltete Augustus anläßlich der Einweihung des Mars Ultor-Tem- 
pels, den er zwar für seinen Sieg gegen Cäsars Mörder gelobt, in der Zwischenzeit aber 
zum Symbol gerechter Kriege gegen äußere Feinde umgedeutet hatte. 119 Ein politisch 
interessierter Zeitgenosse wie der Liebeskünstler mußte daher wissen, daß der Prinzeps 
mit der Seeschlacht die Eroberungen feierte, durch die er Roms Weltherrschaft garan- 
tierte. 120 Und diese Weltherrschaft hat auch im erotischen Bereich ihre Folgen. Von 
überall her kamen junge Männer und Frauen, um die Naumachie zu sehen; die 1 ganze 
Welt versammelte sich in der Stadt, so daß wirklich jeder etwas zum Lieben finden 
konnte (Ars 1,173-175): 121 



118 



120 



Dagegen sieht DURLING (1958) 161 in diesem Verfahren eine „impudent manipulation": Ovid er- 
wecke den Eindruck, er wolle einen konventionellen panegyrischen Exkurs einflechten, und über- 
rasche den Leser durch die frivole Wendung am Schluß: „Gaius is shown to exist for the commo- 
dity of the fashionable rakes of Rome ." 

Vgl. etwa Ov. Fast. 5,545 ff.; Suet. Aug. 29,2; D. C. 55,10,2 ff.; KIENAST (1982) 200; SYME 
(1986) 88 f. 

MEYER (1961) 82 vermißt an dieser Stelle Jede Hindeutung auf den Anlaß dieses Festes" und 
„erst recht natürlich jede weitere Ausführung über Zweck und Bedeutung dieses Tempels" und 
meint, ein „Augusteer" hätte diese Konzentration auf die erotischen Vorteile der Naumachie als 
Affront empfinden müssen. Indes kann Ovid erwarten, daß seinen Lesern diese Umstände gut be- 
kannt sind; es genügt also, wenn er sie nur andeutet. Ein „Augusteer" könnte im Gegenteil dar- 
über erfreut gewesen sein, daß sogar der Liebeslehrer von seinen Schülern ein solides Wissen 
über die augusteische Politik erwartet. - Zur Bedeutung des Weltreiches in der Selbstdarstellung 
des Augustus vgl. etwa RAMAGE (1.987) 54 ff.: Gerade das imperium gelte als Wirkungsbereich 
des Kaisers. 

Mit den beiden Meeren sind die Ozeane im äußersten Osten und im äußersten Westen gemeint, 
nicht das tyrrhenische und das adriatische Meer, vgl. PIANEZZOLA (1993) ad loc. - Was die große 
Zahl von Besuchern betrifft, übertreibt Ovid nicht. So schildert Sueton die Massen, die eine ver- 
gleichbare, von Julius Cäsar veranstaltete Naumachie besuchten, wie folgt (Suet. Jul. 39,4); ad 
quae omnia spectacula tantum undique conßuxit hominum, itt plerique advenae aut inter vicos 
aut inter vias tabernaculis positis manerent ac saepe prae turba elisi exanimatique sint plurimi 
et in bis duo senatores. Während der Naumachie ließ Augustus Wachen aufstellen, da fast alle 
Bewohner zu dem Spektakel gegangen waren und in der verlassenen Stadt die Gefahr von Plünde- 



2.5 Der Liebeskünstler und die Aussenpolitik (Ars 1,171-228) 63 

nempe ab utroque mari iuvenes, ab utroque puellae 
vener e atque ingens orbis in Urbe fuit 
quis non invenit turba, quodamaret, in illa? 

Auf diese Weise gereicht die Außenpolitik des Kaisers dem Liebeskünstlerj zum Vor- 
teil. Da ist es nur natürlich, daß dieser lebhaft Anteil nimmt, wenn ihm nun noch der 
letzte Winkel der Erde erschlossen wird (Ars 1,177 f.): 122 

ecce parat Caesar domito quoddefuit orbi 
addere: nunc, Oriens ultime, noster eris. 

Deswegen preist auch der Liebeslehrer die res gestae und impensae des Prinzeps, wie 
Augustus 'Verdienste in der Einleitung zu seinem Tatenbericht zusammengefaßt wer- 
den, und folgt dabei so eng diesem politischen Testament, daß man fast meinen 
möchte, Ovid habe eine frühere Fassung davon gekannt, obwohl das Monumentum 
Ancyranum erst nach Augustus' Tod unter Tiberius veröffentlicht wurde. 124 



Ars amatoria 


Monumentum Ancyranum 


1,67 ff.: Bauwerke 


19-21: Bautätigkeit, u. a. templum ... Apollinis in 
Palatio cum porticibus (19) und Renovierung des 
Pompeius-Theaters (20) 


1,89 ff.: ludi, 163 ff: spez. Gladiatorenkämpfe 


22: ludi aller Art, vor allem Gladiatorenkämpfe 


1,171 ff: Naumachie 


23: Naumachie 


1,177 ff: Partherkrieg 


26 ff: Eroberungskriege und Außenpolitik: 
26: Maßnahmen des C. Caesar in Armenien 
29: Feldzeichen des Crassus 
32 f.: parthische Prinzen und Könige 



rungen bestand (Suet. Aug. 43,1): custodes in urbe disposuit, ne raritate remanentium grassa- 
töribus obnoxia esset. 

Wahrscheinlich ist in Vers 177 mit Caesar noch Augustus gemeint (vgl. 171; HOLLIS [1977] ad 
loc). Auch im folgenden betont Ovid das enge Zusammenwirken von Prinzeps und Adoptivsohn 
(Ars 1,191 f., 197, 203 f.). 

Rerum gestarum divi Augusti, qaibus orbem terrarum imperio populi Romani sttbiecit, et im- 
pensarum , quas in rem publicam populumque Romanumfecit ... exemplar - Diese Zweiteilung 
kehrt in dem Werk selbst wieder: Zwei Abschnitte über Spenden und Spiele (15-24) bzw. Kriege 
und Außenpolitik (25-33) werden umrahmt von Kapiteln zum Werdegang und zu den Ehren, mit 
denen man den Prinzeps überhäufte (1-14 und 34 f.). 

Die Frage, ob Ovid das Monumentum Ancyranum kannte, läßt sich weder sicher bejahen noch 
mit Gewißheit verneinen. Im letzten Kapitel (Anc. 35) gibt der Prinzeps sein Alter mit 76 Jahren 
an. Da aber der Tatenbericht für das Mausoleum des Augustus bestimmt war, und dieses Grab- 
mal bereits im Jahre 28 v. Chr. vollendet wurde, gab es möglicherweise frühere Fassungen. So 
gehen etwa KIENAST (1982) 175 Anm. 22 und SYME (1986) 90 davon aus, daß die Schrift bereits 
2 v. Chr. im wesentlichen vollendet war. Dagegen spricht sich E. S. RAMAGE (The Date of Augu- 
stus' Res Gestae, Chiron 18 [1988] 71-82) fiir eine Abfassung erst im letzten Lebensjahr des 
Kaisers aus. - L. Braccesi (Un'ipotesi suIFelaborazione delle 'Res gestae Divi Augusti', GIF 25 
[1973] 25-40) vermutet, daß die Ehreninschrift, die wahrscheinlich auf dem Sockel der Quadriga 
des Augustus in der Mitte des Augustus-Forums angebracht war, eine frühe Fassung des außen- 
politischen Teils des Tatenberichts (Aug. Anc. 25-33) enthielt. Da aber eine Ehreninschrift tur 
gewöhnlich zumindest die Ämterlaufbahn würdigte, könnten auch andere Teile des Tatenberichts 
auf dieser Inschrift gestanden haben - sofern es sie überhaupt gab. 



64 



Das erste Kapitel der Liebeslehre 



Jedenfalls fuhrt der Liebeslehrer die Leistungen des Kaisers in ähnlicher Reihenfolge 
an, wie sie im Tatenbericht nachzulesen sind. Nur den Triumph, den Augustus als be- 
deutendste Ehrung gleich zu Anfang der Liste seiner honores nennt (Anc. 4), stellt 
Ovid als krönenden Abschluß an das Ende. 

2.5.2 Siegreiche Herrscher in Elegie und Liebeskunst 

Allerdings meint GALINSKY, in Ovids Lehren zum Triumph und in dem Propemptikon 
„feinen Spott" erkennen zu können. 125 Indes ist Ovid keineswegs daran gelegen, eine 
Kluft zwischen Liebeskünstler und Gesellschaft aufzureißen. Anders als der 'elegisch' 
Liebende soll der Schüler der Ars mit seiner Umwelt im Einklang sein und die herr- 
schende Macht im Staate vorbehaltlos anerkennen. Ein Vergleich mit Elegien, in denen 
Properz sich zum Zeitgeschehen äußert, wird das deutlich machen: 

Ovid verspricht, den Sieg des C. Caesar zu besingen, so daß man glauben könnte, hier 
sehe sich wieder einmal ein Elegiker zu einer recusaüo bemüßigt (Ars 1,205-210): 



126 



GALINSKY (1969) 97 ff., bes. 101: „subtly mocking tone". Erstens bezeichne Qyid den C. Caesar 
verächtlich als puer und betone allzu sehr dessen Abhängigkeit von Augustus. Zweitens werde 
auf Prop. 4,6,79-84 angespielt, also auf eine Elegie, die ein „paean of questionable value" sei 
(99). Durch die Ankündigung eines Siegesliedes untergrabe Ovid drittens das vorausgegangene 
Lob, zumal sich der Elegiker vermesse, als „ghostwriter" ( fjir C. Caesar aufzutreten (vgl. schon 
F. HORNSTEIN, Ovidiana. Beiträge zur Interpretation und Textkritik, WS 67 [1957] 65 ff. und 
dagegen MEYER [1961] 86 Anm. 6). - Was das letzte Argument betrifft, so berücksichtigt GALIN- 
SKY nicht, daß es bei antiken Historikern Brauch war, den Protagonisten Reden in den Mund zu 
legen. Außerdem kündigt Ovid diese Dichtung nicht an, um sich wichtigtuerisch in den Vorder- 
grund zu drängen; er, folgt vielmehr der gängigen Praxis, ein Gelübde für die glückliche Heimkehr 
des Abreisenden zu tun (HOLLIS [1977] 65). Es ist auch sehr umstritten, ob der Actium-Elejie 
(4,6) des Properz eine anti-augusteische Tendenz zugrundeliegt (was z. B. KIERDORF [1995] ent- 
schieden verneint), - ganz abgesehen davon, daß Imitatio auch zu einer genau entgegengesetzten 
Aussage fuhren kann, wie ich unten zu Prop. 3,4 zeigen will. Ferner betont schon Horaz in einer 
Eloge auf Drusus und Tiberius die Abhängigkeit der potentiellen Thronfolger von Augustus: 
Gegen die Alpenvölker, die er mit Augustus' Soldaten unterwarf, hat Drusus bewiesen, was 
Augustus im Kriege vermag (Hör. Carm. 4,14,8 f.); der Sieg wurde erstritten te (sc. Au- 
guste) copias, te consilium et tuos praebente divos (v. 33 f.; vgl. a. Plut. Mor. 207e: Augustus 
habe dem C. Caesar gewünscht, sein eigenes Glück möge ihn auf den Partherfeldzug begleiten). 
Die Jugend des C. Caesar schließlich dient als Aufhänger für das Lob des Kronprinzen (vgl S. 
73); es ist daher sinnvoll und keineswegs abschätzig gemeint, wenn Ovid ihn puer nennt und mit 
Götterknaben vergleicht. - GALINSKY's Urteil folgen HOLLEMANN (1971) 464 f. und SULLIVAN 
(1976) 64 f. - Zurückhaltender ist HOLLIS (1977) 72 f.: Er entdeckt zwar „characteristic touches 
of sharpness and humour (e.g. 211,227-8)" und rät, Ovids Enthusiasmus nicht allzu ernst zu 
nehmen; vgl. a. STEUDEL (1992) 182; BINDER (1995) 152. Vor allem aber erkennt HOLLIS in dem 
Propemptikon geschicktes Herrscherlob. - Für ernstgemeinte Panegyrik halten das Propemptikon 
u. a. BRANDT (1902) 19, MEYER (1961) 82-86, KRÖKOWSKI (1963) 151, PlANEZZOLA (1972) 
40, RUDD (1976) 15, LABATE (1984) 49 f., SCHMTTZER (1990) 111 ff., MlLLAR (1993) 7 und 
CAMERON (1995) 482. 

Knapp faßt LABATE (1984) 28 f. die Motive der elegischen recusatio zusammen: Der Dichter be- 
hauptet, sich keiner anderen Gattung als der Liebeselegie widmen zu können. Denn erstens sei er 
aufgrund seines erotischen Erlebens nicht in der Lage, über einen anderen Stoff als die Liebe zu 



2.5 DER LIEBESKÜNSTLER UND DIE AUSSENPOLITIK (ARS 1,171-228) 



65 



auguror, en, vinces, votivaque carmina reddam 

et magno tiobis ore sonandus eris. 
consistes aciemque meis hortabere verbis 

(o desint animis ne mea verba tuis); 
tergaque Part hör u m Romanaque pectora dicam 

telaque, ab averso quae iacit hosiis equo. 

Ähnlich scheint Properz entschlossen, fortan von den Taten des Augustus und von 
dessen Kampf gegen die Parther zu künden (Prop. 2,10,1-6; 11-15); 

sed tempus lustrare aliis Uelicona choreis ] 

et campum Haemonio tarn 'dare tempus equo, 

iam Übet etfortis memorare adproelia turmas 
ei Romana mei dicere casira ducis. 
5 quod si deficiant vires, audacia certe 

laus erit: in magnis et voluisse sat est. 

sarge, anime, ex humilil iam, carmina, sumite vires! 

Pierides, magni nunc erit or i s opus, 
iam negat Euphrates equitem post terga Uteri 

Parthorum et Crassos se ten'uisse dolet 
15 India quin, Auguste, tuo dat colla triumpho ... 

An beiden Stellen kündigt ein Dichter an, mit „großem Munde" 127 die Kriegstaten des 
Herrscherhauses zu preisen, umreißt kurz den Inhalt des Werkes, das er zu verfassen 
gedenkt, und hofft, seine Schaffenskraft werde dem gewaltigen Stoffe gerecht werden. 
Doch fehlt in der Ars all das, was Properzens Elegie erst zu einer recusatio macht. Wie 
gezeigt wurde (S. 61 f.), hebt Ovid unvermittelt zu einer Lobeshymne auf C. Caesar an 
und gibt dadurch zu erkennen, daß die Ars zugleich Liebeslehre und ein vaterländi- 
sches Gedicht ist. Properz dagegen betont, daß er sich bisher einer niedrigen Gattung 
mit ganz anderen Themen gewidmet hat und nun etwas für ihn völlig Neues schreiben 
wird. 28 Außerdem übertreibt er ironisch seinen Sinneswandel: In der Jugend singe 



dichten (z. B. Prop. 1,7,5 ff.; Tib. 2,4,15 ff; 2,5,111 f.; Ov. Am. 2,1,11 ff; 2,18,3 ff), und 
zweitens fehle ihm die poetische Kraft für den hohen Stil; daher beschränke er sich nach dem 
Vorbild des Kallimachos auf das genus tenue (z. B. Prop. 2,1,39 ff; 3,3; Ovid behauptet zwar in 
den Ämores [2,1,12], auch großen Epen gewachsen zu sein, doch da ihm Amor einen Versfuß ge- 
stohlen hat, muß er sich ebenfalls auf eine leichtere Muse beschränken [Am. 1,1,1 ff]). - Neben 
der von FEDFXI (1985) 112 angeführten Literatur vgl. zur recusatio außerdem W. WlMMEL, 
Kallimachos in Rom. Die Nachfolge seines apologetischen Dichtens in der Augusteerzeit, Wies- 
baden 1960 mit der Rezension von G. LUCK, Gnomon 33 (1961) 366 ff; G. O. HUTCHINSON, 
Hellenistic Poetry, Oxford 1988, 277 ff; R. F. THOMAS, CaUimachus Back in Rome, in: M, A. 
HÄRDER u. a., Hrsgg., CaUimachus, Groningen 1993; WEBER (1993); P. WHITE, Promiscd 
Verse: Poets in the Society of Augustan Rome, Cambridge Mass. 1993; BlNDHR/EFFE (1995); 
CAMERON (1995) 454-483. 

Die Junktur magmim os ist allerdings keine Erfindung des Properz, vgl. Vcrg. G, 3,294 (nunc, 
veneranda Poles, magno nunc ore sonandum), Hör. S. 1,4,43 f. (os / magna sonaturum) sowie 
ENK (1962) zu Prop. 2,10,12 und R. F. THOMAS, Ovid's Attempt at Tragedy (Am. 3,1.63-64), 
AjPh 99 (1978) 447-450, auch zu weiteren Belegen bei Ovid. 
Vgl. Ov. Am. 3,1,23 ff; 3,15,15-20. 



66 



Das erste Kapitel der Liebeslehre 



man von Venus, im Alter vom Kriegsgetümmel; Properz wird von Kämpfen singen, 
„wenn sein Mädchen zu Ende geschrieben ist". Jetzt will er eine ernste Miene auflegen 
und von seiner Muse eine andere Sangesweise lernen (Prop. 2,10,7-10). 

Da Properz bei Erscheinen dieser Elegie keine dreißig Jahre alt war und erst ein Drittel 
des Buches aufgerollt ist, 130 regt sich beim Leser schon hier der Verdacht, das Mäd- 
chen sei längst nicht „zu Ende geschrieben". 131 Und in der Tat entpuppen sich die 
großen Worte als reine Absichtserklärung: 132 Properz hat noch nicht die höchsten 
Höhen des Helikon erklommen, noch erlaubt ihm Amor nur niedrige Liebeselegien 
(Prop. 2,10,23-26). Zwar kündigt Ovid in der Ars sein Lied auf Cäsars Sieg ebenfalls 
nur an; doch gibt er, abgesehen von der topischen Bescheidenheitsgeste in Vers 208, 133 
keinen Hinweis darauf, daß er zu einem Epos nicht fähig sei oder erst seine Tätigkeit 
als Liebesdichter beenden müsse. Die einzige Voraussetzung für das neue Werk ist die 
Rückkehr des siegreichen Feldherrn. 134 

Bereits MARCHESI stellt fest, daß Ovid in dem Propemptikon und in den Lehren zum 
Triumph die Elegie 3,4 des Properz imitiert. 135 Ovid übernimmt neben einzelnen Aus- 
drücken 136 und Motiven 137 auch die zweigliedrige Struktur. 138 Sogar der Feind ist der- 



133 
134 



136 



Vgl. Ov. Am. 3, 1 ,67-70 und 27-29: quod tenerae cantentdusit tua Musa puellae / primaque per 
numeros acta iuventa suos. /nunc habeamper te Romana Tragoedia nomen. 
LACHMANNs These, daß mit der Elegie 2,10 ein neuer Gedichtband begann, dürfte mittlerweile 
als überholt gelten, obwohl sie von HUBBARD (1974) 40 ff. erneut aufgegriffen wurde. Vgl. gegen 
LACHMANN die überzeugenden Argumente von PLESSIS (1884) 97-1 12. 

Der Kontext der Elegie 2,10 läßt den Entschluß des Properz, nunmehr vaterländisch zu dichten, 
geradezu als Trotzreaktion auf Cynthias Eskapaden erscheinen. In den vorangegangenen Elegien 
(2,5, 2,6, 2,8 und 2,'9) erhärtet sich allmählich der Verdacht, daß Cynthia einen anderen Lieb- 
haber hat. Direkt nach der Elegie 2,10 erklärt Properz der Geliebten lakonisch, sie möge sich 
einen anderen Dichter suchen, auf daß der ihr Lob singe; er selbst wolle nicht weiter seinen 
Samen in unfruchtbare Erde senken (2,11). Nachdem Properz diesen Entschluß widerrufen und 
eingesehen hat, daß es sein Schicksal ist, Cynthia zu lieben (2,12,15 ff) und für sie zu dichten 
(2,13), erhält er zum Lohn eine berauschende Liebesnacht (2^14); das bedeutet ihm mehr als die 
Unterwerfung der Parther, die der Stoff des in c. 2,10 angekündigten Epos sein sollte (Prop. 
2,14,23 f.): haec mihi devietis potior Victoria Parthis, / haec spolia, haec reges, haec mihi 
currits erunt. 

Prop. 2,10,19 f.: haec ego castra sequar; vates tua castra canendo / magnus ero; servent nunc 
mihifata diemi 

Zu diesem Bescheidenheitstopos vgl. z. B. [Tib.] 3,7,1 ff. und dazu TRÄNKLE (1990) 184 f. 
Da C. Caesar starb, anstatt siegreich zurückzukehren, wissen wir nicht, ob Ovid (die historische 
Person, nicht der praeceptor amoris) tatsächlich ein solches Lobgedicht plante. HOLLIS (1977) 
79 meint: „... one cannot for a moment take Ovid's proposal seriously". Derselben Ansicht ist 
STEUDEL (1992) 117, 178 f. mit Anm. 343. Allein aus dem Text der Ars läßt sich dieses Urteil 
jedoch nicht begründen. 

MARCHESI (1916) 148; vgl. a. PIANEZZOLA (1972) 39, SULLIVAN (1976) 74 f., HOLLIS (1977) 
65,WIFSTRAND(1977) 13 f, NERAUDAU(1985) 33. 

Jeweils an derselben metrischen Stelle stehen: Caesar im ersten Vers (Prop. 3,4,1; Ars 1,177), 
Laiio (Prop. 3,4,6; Ars 1,202) und Mars pater bzw. Marsque pater (Prop. 3,4,11; Ars 1,203). 
Vgl. außerdem omina - omen (Prop. 3,4,9; Ars 1,212); illa dies, qua (Prop. 3,4,12; Ars 1,213); 



2.5 DER LIEBESKÜNSTLER UND DIE AUSSENPOLITIK (ARS 1,171-228) 



67 



selbe. 139 Umso auffälliger ist, wie unterschiedlich die beiden Dichter den Stoff behan- 
deln: Properz zeigt eine kritisch distanzierte und leicht ironische Haltung gegenüber 
der Eroberungspolitik des Augustus. 140 So läßt er direkt auf die Elegie 3,4, in der er die 
Kriegspläne des Prinzeps beschreibt, ein Gedicht folgen, in dem er den Krieg offen 
ablehnt: 

Prop. 3,4,1 .Armadens Caesar ... O Prop. 3,5,1: Pacis deits Amor ... 

Properz bevorzugt den Frieden (Prop. 3,5,1 f.); es reizt ihn auch nicht das Gold (3-6), 
um das Menschen in fernen Ländern sinnlose Kriege fuhren (7-12); denn Arm und 
Reich, Sieger und Besiegter sind im Tode ohnehin vereint (13-18). Daher will Properz 
sich in seiner Jugend der Liebe und der Dichtung (19-22), im Alter der Philosophie 
widmen (23-46). Wer aber die Waffen liebt, der mag die Feldzeichen der Crassi zu- 
rückholen (47 f.). 

An solche Freunde des Krieges, nämlich Augustus und seine Soldaten, wendet sich 
Properz in der Elegie 3,4 mit einem scheinbar patriotischen Propemptikon, Doch las- 
sen sich kritische Untertöne nachweisen, z. B. in der Art, wie der Dichter die Kriegs- 
gründe beschreibt. Das Streben nach persönlichem Ruhm und eigener Macht, das er in 
der folgenden Elegie sinnlos nennt (Prop. 3,5,15 f.), setzt Properz an, die erste Stelle, 
vor das - in den Augen eines Römers - ehrenwerte Kriegsziel, den Ruhm und das 



137 



oneratos - onerati (Prop.3,4,13; Ars 1,215); spectare puellae - spectabunt ... puellae (Prop. 
3,4,15; Ars 1,217); tela-fugacis equi - telaque, ab averso quae iacit hostis equo (Prop. 3,4,17; 
Ars 1,210). 

So die Eroberung des fernen Ostens (Prop. 3,4,1; Ars 1,177 f., 190), die invocaiio des Mars 
(Prop. 3,4,1 1; Ars 1,203 f.), die gefangenen Könige (Prop. 3,4,18; Ars 1,215 f.) und die fercula 
des Triumphzuges (Prop. 3,4,16; Ars 1,219 ff.). 

I. Ankündigung des Feldzuges (Prop. 3,4,1-10; Ars 1,177-212); 2. der zukünftige Triumph wird 
ausgemalt (Prop. 3,4,11-22; Ars 1,213-228) 

Allerdings schreibt Properz über einen Feldzug, den Augustus plante, bevor er im Jahre 20 v, 
Chr. von Phraates IV. die Feldzeichen der Crassi zurückerhielt; vgl FEDELr (1985) 157 sowie 
unten Anm. 151. 
Dieser Ansicht sind z. B. L. P. WlLKINSON, Propertius III, 4, in: Studi in onorc di L. Castiglioni 

II, Florenz 1960, 1091-1103; STEIDLE (1962) 110: „die erste grundsätzliche und ausdrücklich 
formulierte Absage an die konventionelle politisch-militärische Lebensform von seiten eines 
Dichters, der den höheren Ständen angehört"; GALINSKY (1969) 89 f., HUBBARD (1974) 103- 
108, SULLIVAN (1976) 37 f., 59 f., HARMON (1986) 1941 f., PARATORE (1986) 87 f., GAULY 
(1990) 80 ff. - BURCK (1952) 173 vermutet, die Elegie 3,4 habe rechtfertigende Funktion und 
solle „eine Art düsteren Hintergrund schaffen, von dem aus sich die eigenen Ideale um so 
leuchtender abheben". - Gegen solche Interpretationen wenden sich z. B. BOUCHER (1965) 1 16 f., 
137 und FEDELI (1985) 157 f. H. HAFFTER, Das Gedichtbuch als dichterische Aussage. Überle- 
gungen zu den Elegien des Properz, in: FS Karl Vretska, Heidelberg 1970, 6\ meint, „die römi- 
sche Umwelt" werde „in dieser Elegie respektiert" und sei „kaum mehr als ein0 weggedrängte an- 
dere Sphäre". WlFSTRAND (1977) 18 f. spricht von einem „enthusiasm, loud and sinecre but not 
so very deeply feit". Nicht nachvollziehen kann ich die These von KlERDORF (1995) 181 f., Pro- 
perz habe die Elegien 3,4 und 3,5 nebeneinandergestellt, weil er so „einen gewissen Ausgleich" 
zwischen den Sphären der Liebe und des Krieges habe schaffen können. 



68 Das erste Kapitel der Liebeslehre 

Reich des Vaterlandes zu mehren: Die Männer ziehen los, um Triumphe zu feiern, und 
damit Augustus üher Tigris und Euphrat herrschen kann. 141 Man hat den Ein- 
druck, Properz absolviere nur eine Pflichtübung in offizieller, die wahren Motive be- 
schönigender Terminologie, wenn er danach noch hinzufugt, daß auch Rom eine wei- 
tere Provinz und der Tempel des Jupiter neue Siegeszeichen erhalten werden. Den 
Eindruck, Properz wolle solche lästigen Gemeinplätze möglichst rasch abhandeln, 
erweckt auch die lapidare Aufforderung, loszuziehen und römische Geschichte zu 
machen, so als ob müßige Schreiberlinge ungeduldig darauf warteten, endlich mit Stoff 
für ihre Elogen versorgt zu werden (Prop. 3,4,10): 

ite et Romanae consuiite historiae ! 
Ein Vorbild für Properzens Elegie war wahrscheinlich ein Gedicht des Gallus, aus dem 
uns ein Bruchstück erhalten ist (PQuasrlbrim inv. 78-3-1 1/1, Col. 1,2-5): 

fata mihi, Caesar, tum erunt mea dulcia, quom tu 
maxima Romanae pars eris historiae; 

postque tuum reditum muliorum templa deorum 
flxalegam spolieis deivitiora tueis. 



143 
144 



Prop. 3,4,3 f.: parat ultima terra triumphos; /Tigris et Euphrates sub tua <sc. Caesar> iura 
fluent. - Zu den mit tua verbundenen Problemen vgl FEDELI (1985) 161! 

Prop. 3,4,5 f. - Augustus legte großen Wert darauf, daß, man seine Eroberungen als Dienst am 
römischen Volk ansah und nicht als Mittel, die eigene Herrschaft zu festigen. Dies zeigen schon 
Formulierungen in seinem Tatenbericht wie: omnium provinciarum populi Romani ... flnes auxi 
(Aug. Arie. 26); cum per totum Imperium populi Romani terra marique esset parta victoriis pax 
(13). Selbst die Annexion Ägyptens, das wie ein Krongut unter der Kontrolle allein des Kaisers 
stand, beschreibt Augustus in dieser Weise (27): Äegyptum imperio populi Romani adieci. 
Vgl. E. PARATORE, L'elegia HI, 1 1 e gli atteggiamenti politici di Properzio, Palermo 1936, 154. 
Erstmals herausgegeben wurde der Papyrus von ANDERSON u. a. (1979); vgl. ferner STROH 
(1983) und G. E. MANZONI (Foroiulensis poeta. Vita e poesia di Comeliö Gallo, Mailand 1995) 
mit weiterer Literatur. - Daß Properz in der Elegie 3,4 Gallus imitiert, halten z. B. NlSBET in 
ANDERSON u. a. (1979) 152, STROH (1983) 213 Anm. 25 und FEDELI (1985) 163 für möglich. - 
Ein Problem des Gallus-Päpyrus ist der Umstand, daß er überhaupt keine längere Elegie enthält, 
sondern nur kurze Stücke von je vier Versen (vgl. STROH [1983] 241 mit Anm. 142). War Gallus 
etwa gar kein Elegiker, sondern ein Epigrammatiker und noch dazu ein so schlechter, daß es ihm 
nicht gelang, seinen Epigrammen die gattungstypische pointierte Form zu geben? Das Problem 
wird nur verschleiert, wenn man mit STROH (1983) 212 von „kleinen Elegien" spricht. Wahr- 
scheinlicher ist eine andere Erklärung, die STROH ebenfalls in Betracht zieht: Der Papyrus enthält 
nur Auszüge aus vollständigen Elegien des Gallus, also eine Art Blütenlese, für die sich die Elegie 
mit ihren sentenzenhaften, in sich geschlossenen Distichen ja bestens eignet. Einiges für sich hat 
auch eine von G. PETERSMANN (Cornelius Gallus und der Papyrus von Qasr Ibrim, ANRW II 
30.3 [1983] 1652) angedeutete Lösung: Möglicherweise standen die Fragmente am Ende eines 
Gedichtbuches, das wie die Monobiblos des Properz mit Sphragides in epigrammatischer Kürze 
schloß. Abwegig erscheint mir dagegen die Vermutung von J. FAIRWEATHER (The 'Gallus 
Papyrus': A New Interpretation, CQ 34 [1984] 167-179, gefolgt von J. D. NOONAN, Re-Exami- 
ning the Text and Meaning of the Gallus Fragment, Latomus 50 [1991] 118-123), das Fragment 
enthalte einen auf zwei Personen verteilten Wechselgesang, ähnlich manchen Eklogen des Vergil. 
- Vertreterin einer Mindermeinung ist FANTHAM (1996) 60 f., die bestreitet, daß Gallus der 
Dichter der Fragmente ist. Sie seien „amateur in versification and unrefined in language", ferner 
fehle „the famous allusiveness or learning". 



2.5 Der Liebeskünstler und die Aussenpolitik (Ars 1,171-228) 



69 



Anders als Properz schreibt Gallus anscheinend als Freund an einen Freund. 145 In die- 
sem privaten Kontext ist es nicht anstößig, wenn Gallus sich nur für den persönlichen 
Erfolg des Caesar 146 interessiert und ihm einen bedeutenden Platz in der römischen 
Geschichte, d. h. unter den großen Männern, über die Historiker geschrieben haben, 
erhofft. Sichtbares Zeichen des Sieges sind die spolia, Waffen und Rüstungen, die ein 
Feldherr aus dem Krieg mit nach Hause bringt. Daher möchte Gallus es miterleben, 
wie Cäsar die Tempel Roms durch neue Beutestücke bereichert. Aus demselben 
Grunde wird in der Aeneis prophezeit, daß Venus dereinst Augustus, den Bezwinger 
des Orients, beutebeladen im Himmel empfangen wird (Verg. A. 1,289 f.): 

nunc tu olim caelo spoli is Orienüs onus tum 
accipies secura. 

Auch dieses Motiv verdreht Properz und läßt durchblicken, daß es den Kriegführenden 
nicht nur um den symbolischen Wert der Beute geht. Sie erscheinen vielmehr von eben 
der Habgier getrieben, die er selbst in der folgenden Elegie tadelt (Prop. 3,5,3 ff.). 
Über Meere voll von Edelsteinen will Caesar gegen die reichen Inder ziehen; der Profit 
ist gewaltig (Prop. 3,4,1-3): 

Arma detts Caesar dites meditatur ad Indos 

etfreta gemmiferi flndere classe maris, 
ma gna, viri, merces l ... 

Der Dichter möchte es noch miterleben dürfen, wenn der mit Beute schwer beladene 
Triumphwagen Caesars über das Forum fährt (Prop. 3,4, 13): 147 

... videam spoliis oneratos Caesaris axes ... 



Dies läßt sich aus der Wendung^/« ... dulcia schließen. Gallus war wahrscheinlich ein Cäsaria- 
ner und erhielt von Augustus, auf dessen Seite er im Bürgerkrieg kämpfte, den Vertrauensposten 
des praefectus Äegypti. Dagegen glaubt GLATT (1991) 74 ff., auch bei Gallus eine kritisch- 
distanzierte Haltung gegenüber Caesars Erfolgen erkennen zu können. 

Wahrscheinlich handelt es sich nicht um Octavian-Augustus, sondern um C. lulius Caesar, der 
vor seiner Ermordung einen Partherfeldzug plante (NlSBET in ANDERSON u. a. [1979] 152, 
STROH [1983] 215 f., GLATT(1991) 41 f. mit weiterer Literatur). 

Vielleicht wollte Properz den Plural axes nicht als poetische Synekdoche aufgefaßt, sondern wört- 
lich genommen wissen: Die Beute wäre dann so groß, daß man sie auf mehrere Achsen, d. h. 
mehrere Wagen verteilen müßte. - Jedenfalls sehe ich keinen zwingenden Grund, mit FEDELI 
(1985) 167 MlJRETUs' Korrektur onerato ... axe zu übernehmen. Zwar regiert nach der überlie- 
ferten Lesart das Prädikat videam zugleich ein Akkusativ-Objekt (axes) und einen Acl (14: ad 
vulgi plausus saepe resistere equos), ohne daß diese Härte durch ein Bindewort gemildert würde. 
Doch wirkt auch der von MlJRETUS vorgeschlagene Ablativus absolutus nicht gerade glatt und 
gefällig. Man beachte auch, daß in dem Gallusfragment (Col. 1,4 f.), auf das Properz anspielt, ein 
ähnlich verkürzter, durch Verbindung von einem Akkusativ-Objekt mit einein Acl entstandener 
Ausdruck steht, sofern templa ... / fixa legam spolieis deivitiora tuis soviel bedeutet wie videam 
templa flxa spoliis tuis (Akk.-Obj.) et legam (sc. in titulis spoliorum) templa esse diviiiora 
spoliis tuis (Acl). Gallus' Formulierung ist sogar noch härter als die bei Properz, u. a. weil man 
sich aus dem Prädikat legam ein zweites (videam) extrapolieren muß. Dagegen faßt NlSBKT in 
ANDERSON u. a. (1979) 143 deivitiora als Prädikatsnomen eines Acl xa\<\fixa als kausales Parti- 
cipium coniunetum auf, also etwa: legam templa deivitiora (esse, quod)flxa (sunt) spoliis tuis. 



70 



Das erste Kapitel der Lebeslehre 



Und daß er damit keineswegs nur das meint, was man dem ehrenvoll besiegten Feind 
vom Leibe abgezogen hat, wird dem Leser spätestens im letzten Distichon klar, wenn 
der Elegiker alle Vorteile des Krieges mit den Worten „dieses Raubgut" (Prop. 3,4,21: 
praeda ... haec) zusammenfaßt. 

Während Properz auf diese Weise Ruhm- und Gewinnsucht als die wahren Kriegs- 
gründe entlarvt und der Rechtfertigung des Feldzuges nur die drei Worte „Crassos 
clademque piate!" (v. 9) widmet, läßt Ovid in der Ars den materiellen Nutzen eines 
Sieges zwar kurz in der Wendung Eoas ... opes (Ars 1,202) anklingen, ist aber vor 
allem bemüht, den Krieg im Sinne der offiziellen Propaganda 148 als eine gerechte, gute 
Sache zu erweisen. Schon dadurch, daß er die Naumachie des Jahres 2 v. Chr. er- 
wähnt, bereitet er hierfür den Boden. Wahrscheinlich im Hinblick auf die geplante Ex- 
pedition des C. Caesar hatte Augustus bei der Einweihung des Mars-Ultor-Tempels die 
Feldzeichen der Crassi dorthin überführen 149 und in der Naumachie die Seeschlacht 
von Salamis nachstellen lassen. So wurde den Zuschauern zu verstehen gegeben, daß 
zwischen Römern und Parthern noch eine Rechnung zu begleichen und die uralte 
Feindschaft zwischen West und Ost, in der die Römer die Rolle der Griechen, die 
Parther aber die Rolle der Perser übernommen hätten, noch lange nicht beigelegt sei. 
Diese Gedanken nimmt Ovid im Propemptikon auf. C. Caesar, ist der Rächer, der die 
Schmach der Crassi und ihrer Feldzeichen vergelten'wird (Ars 1,179-181): 

Parthe, dabis poenas; Crassi gaudete sepulti 

si gna que barbaricas non benepassa mcmus. 
ultor adest ... 

Da allerdings die Parther diese Schmach dem römischen Volke bereits im Jahre 53 v. 
Chr., vor über 50 Jahren, zugefügt hatten, sucht Ovid nach weiteren Rechtfertigungs- 
gründen und stellt den Krieg als einen frommen Feldzug gegen Frevler an mensch- 
lichem und göttlichem Recht hin, obwohl es sich in Wahrheit nur um eine Einmi- 
schung in die Thronfolgestreitigkeiten fremder Reiche handelte (Ars l,195-200): 151 



Vgl. Aug. Ana 26 (nulli genti bello per iniuriam inlato) und dazu RAMAGE (1987) 88 f. 
Vgl. Aug. Ana 29; KIENAST (1982) 200; BOWERSOCK (1984) 171; HERBERT-BROWN (1994) 
102 ff. - Wir wissen zwar nicht, wann genau die Feldzeichen in den Tempel gebracht wurden, 
doch ist es naheliegend, daß dies während der Einweihung oder kurz danach geschah. - Wenn 
F. E. ROMER (A Numismatic Date of C. Caesar, TAPhA 108 [1978] 187-202) recht hat, wurde 
der Zusammenhang zwischen dem Feldzug und den Feldzeichen auch auf Münzen herausgestellt. 
SYME (1978) 15, BOWERSOCK (1984) 175. - Natürlich gewannen in der Naumachie die 
'Griechen' (D. C. 55,10,7). - Als Kampf des Westens gegen den Osten wurde auch die Schlacht 
von Actium interpretiert, vgl. G. CEAUSESCU, Un topos de la litterature antique: retemelle guerre 
entre l'Europe et TAsie, Latomus 50 (1991) 336 ff. 

Entsprechend seiner Absicht, den Krieg mit wohlklingenden, hehren Worten zu rechtfertigen, 
deutet Ovid den historischen Hintergrund nur an. Auch hier (vgl. Anm. 120) setzt er voraus, daß 
der Schüler die Fakten kennt. - Da der moderne Leser nicht unbedingt in dieser glücklichen Lage 
ist, soll die verwickelte Situation kurz erläutert werden: Im Jahre 20 v. Chr. hatte Augustus mit 



2.5 DER LIEBESKÜNSTLER UND DIE AUSSENPOLITIK: (ARS 1,171-228) 



71 



cum tibi sint fratres, fratres ulciscere laesos, 

cttmque pater tibi sit, iura iuerepatris. 
induit arma tibi genitor patriaeque tuusque; 

hostis ab invito regnaparente rapit. 
tu pia te/aferes, sceleratas Ute sagittas; 

stabil pro sig?tis iusque phtmque tuis. 

Anders als Properz rückt Ovid den Prinzeps und seinen Nachfolger in ein vorteilhaftes 
Licht. Properz nennt den Prinzeps kurz dem (Prop. 3,4,1) und spielt auf dessen Ab- 



dem Partherkönig Phraates IV. vereinbart, daß dieser die Feldzeichen der Crassi zurückgeben 
(Aug. Ana 29) und keine Ansprüche auf Armenien erheben werde (Vell. 2,100: Parthus de- 
sciscens a societate Romano adiecit Armeniae manum). Phraates der IV. hielt sich an die Ver- 
einbarung und schickte später sogar seine vier ehelichen Söhne nach Rom (Aug. Ana 32; J, AJ 
18,42), wahrscheinlich, um seinem unehelichen Sohn Phraatakes die Thronfolge zu sichern. Im 
Jahre 2 v. Chr. ließ Phraatakes seinen Vater ermorden und sich selbst als Phraates V. zum König 
der Parther krönen (J. AJ 18,39 ff.). In der Zwischenzeit war auch der romfreundliche König 
Armeniens, Tigranes III., gestorben, und Phraates V. beteiligte sich auf Seiten der anti-römischen 
Partei an dem Thronfolgestreit (Veil. 2,100; D. C. 55,10,18).'Daraufhin verlangte Augustus, daß 
sich Parthien nicht in armenische Angelegenheiten einmische, und weigerte sich, Phraates V. als 
Partherkönig anzuerkennen (D, C. 55,10,20), da er einen der in Rom lebenden Söhne Phraates' 
IV. auf den Thron setzen wollte. Phraates V. seinerseits forderte, daß man ihm seine Halbbrüder 
ausliefere (D. C. 55,10,20). Im Jahre 2. n. Chr. wurde der Streit dann auf diplomatischem Wege 
durch ein Treffen zwischen C. Caesar und Phraates V. förmlich beigelegt: Phraates V. verzichtete 
auf die Auslieferung seiner Halbbrüder und ein weiteres Engagement in Armenien (D. C. 
55,10a,4); im Gegenzug erkannte Rom ihn als rechtmäßigen Großkönig an (Vell. 2,101). Vgl. K.~ 
H. ZIEGLER, Die Beziehungen zwischen Rom und dem Partherreich. Ein Beitrag zur Geschichte 
des Völkerrechts, Wiesbaden 1964, 47 ff.; M. PANI, Roma e i re d'oriente da Augusto a Tiberio 
(Cappadocia, Armenia, Media Atropatene), Bari 1972, 36 ff.; A. S, HOLLIS, Ovid, A.A. i. 197-8: 
The Wrong Phraates?, CR 84 (1970) 141 f. sowie HOLLIS (1977) 65 ff. - Ovids Andeutungen 
lassen sich also wie folgt interpretieren: In dem Distichon Ars 1,195 f. wird auf den ersten Streit- 
punkt, die parthische Thronfolge, angespielt: C. Caesar soll die um ihr Erbrecht betrogenen 
Brüder des Phraates V. rächen (195) und die Rechte ihres Vaters Phraates IV. schützen (196). 
Diese hat Phraates V. zum einen dadurch verletzt, daß er seinen Vater ermordete, zum anderen 
dadurch, daß er den Thron usurpierte, den Phraates IV. - zumindest nach römischer Auffassung - 
einem seiner ehelichen Söhne zugedacht hatte. Das nächste Distichon (Ars 1,197 f.) behandelt die 
römischen Interessen in Armenien: „Der Feind" (Phraates V. bzw. die Parther) versucht, Arme- 
nien (regna) an sich zu reißen, und zwar gegen Willen des Augustus (parens), der nicht nur C. 
Caesars Vater, sondern auch Vater des Vaterlandes ist, so daß sein Wille dem Willen des römi- 
schen Volkes gleichkommt. - Abweichend interpretiert HOLLIS (1977) die Verse Ars 1,196 und 
198: In Vers 196 sei von der Ermordung Phraates' IV. die Rede, in Vers 198 von der Usurpation 
des parthischen Thrones (regna ... rapit) gegen den Willen des verstorbenen Phraates IV. (invito 
parenie). Gegen diese Interpretation sprechen vor allem zwei Gründe: Erstens wäre es merkwür- 
dig, wenn Ovid sagte, Phraates V. raube noch immer {rapit ist Präsens!) das Reich gegen den 
Willen seines toten Vaters; denn Phraates V. hat den Thron bereits usurpiert und der Raub ist 
vollzogen. Zweitens hätte Ovid nach HOLLIS' Interpretation den entscheidenden Streitpunkt, die 
Thronfolge in Armenien, überhaupt nicht erwähnt. - Obwohl Rom in dieser Zeit über Armenien 
kaum mehr als diplomatischen Einfluß ausübte, entspricht es der Auffassung anderer zeitgenössi- 
scher Quellen, Armenien als Eigentum Roms anzusehen. Man vergleiche etwa Augustus' eigene 
Worte (Ana 27): Er habe das armenische Volk, das in Aufruhr geraten und von Rom abgefallen 
sei, von seinem Sohn C. Caesar niederwerfen lassen (gentem ... desciscentem et rebellantem 
domitamper Gaiumfllium meam) und dann einem Klientclkönig übergeben, obwohl er das Land 
genausogut zu einer Provinz hätte machen können. 



72 



Das erste Kapitel der Liebeslehre 



stammung von Venus an (Prop. 3,4,19 f.), stellt aber wenig später klar, daß über ihn 
selbst ein anderer Sohn der Venus Gewalt hat, nämlich der friedliebende dem 
Amor. 152 Ovid dagegen richtet sich nach der offiziellen Form des Kaiserkultes. 153 Er 
bezeichnet weder Augustus noch C. Caesar direkt als Götter, sondern betont nur ihre 
göttliche Natur: Der junge Prinz hat ein ingenium caeleste wie Herkules und Bacchus 
(Ars 1,185-190); der Prinzeps ist für ihn, was Jupiter für diese Götter, seine beiden 
Söhne, war (184, 188); zusammen mit Mars wirkt Augustus als schützende und helfen- 
de Macht an der Seite des jungen Feldherren (191 f., 203). Aber erst nach seinem Tode 
wird Augustus ein richtiger Gott werden (204). Große Aufmerksamkeit widmet Ovid 
ferner dem Umstand, daß C. Caesar der designierte Thronfolger ist (191-194, 197), 154 
wobei er es sich nicht nehmen läßt, zwei Ehren zu erwähnen, die Augustus besonders 
am Herzen lagen: Im Jahre 5 v. Chr. ernannten die römischen Ritter den C. Caesar zum 



princeps iuventutis, 
liehen. 156 



und eben erst hatte man Augustus den Titel pater patriae ver- 



152 
153 



155 



156 



Prop. 3,5,1: Pacis Amor dens pst, pacem veneramur amantes. 

Vgl. HOLLIS (1977) 74 f. sowie Suet. Aug. 52 (tetnpla, quamvis sciret <sc. Augustns> etiam 
proconsulibus decemi solere, in nullet tarnen provincia nisi communi suo Romaeque nomine re- 
cepit. nam in urbe quidem pertinacissime abstinuit hoc honore ...). C. HABICHTS Darstellung 
des Kaiserkultes „inmitten der römischen Bürgerschaft und der höheren Gesellschaft" (im Gegen- 
satz etwa zum Kaiserkult in den Provinzen oder durch Freigelassene) liest sich wie ein Kommen- 
tar zum Propemptikon für C. Caesar (in: W. DEN BOER, Hrsg., Le eulte des souverains dans 
TEmpire Romain, Entretiens Fondation Hardt 19, Genf 1973, 51 ff.): Augustus ließ sich von 
diesen Schichten nicht als Gott verehren, hob jedoch seine Person auf eine göttliche Ebene durch 
eine „starke Verdichtung von Akten, die ihn aus dieser Gesellschaft doch als ein Wesen sui gene- 
ris aussondern und ihn, in der einen oder anderen Weise, in die Nähe der Götter allgemein und be- 
stimmter Götter im besonderen rücken, wie dies für andere Sterbliche nicht geschieht. ... Der 
direkte Kult der Person wird vermieden und statt dessen dem Numen [Anm. d. Verf.: vgl. Ars 
1,203!] un^ dem Genius des Kaisers erwiesen, d. h. Abstraktionen seiner implizite unterstellten 
göttlichen Natur. Mit Göttern wie Äpollon, Vesta, Mars Ultor ... oder mit abstrakten Gottesbe- 
griffen ... wird Augustus in eine enge und dauernde Verbindung gesetzt". Zu ähnlichen Ergeb- 
nissen wie HABICHT kommen z. B. auch RAMAGE (1987) 95 frVund S. SNIEZEWSKI, The Divinity 
of Augustus in the Late Poetry of Horace and in the Elegies of Tibullus and Propertius, Eos 81 
(1993) 61-66. SNIESZEWSKT (a.a.O. 76) hält es für möglich, daß Properz durch die knappe 
Charakterisierung des Augustus als deus andeuten wollte, wie anmaßend ihm die offizielle Propa- 
ganda erscheine. - Jedenfalls trifft HOLLEMANNs Behauptung (1988) 385, Ovid habe „sein Leben 
lang dem stetig zunehmenden Kaiserkult die Stirn geboten", auf das Propemptikon nicht zu. 
Wie BOWERSOCK (1984) darlegt, war die Thronfolgefrage mit dem Partherfeldzug eng verknüpft: 
C. Caesar mußte sich hier zum ersten Mal als fähiger General und Staatsmann beweisen. 
BOWERSOCK vermutet außerdem, daß C. Caesar sich dem griechischsprachigen Reichsteil als 
Augustus' Erbe vorstellen und als Bezwinger der Parther den im Osten sehr beliebten Tiberius, 
einen weiteren Thronfolgekandidaten, übertrumpfen sollte. 

Garns' jüngerer Bruder erhielt denselben Titel im Jahre 2 v. Chr., vgl. KIENAST (1982) 109, 174 
sowie Aug. Anc. 14 und Tac. Ann. 1,3,2. 

Vgl. PIANEZZOLA (1972) 41, MlLLAR (1993) 7, HOLLIS (1977), wo auch eine Münze abgedruckt 
ist, auf der beide Titel gefeiert werden. Der Titel pater patriae dürfte dem Augustus sehr viel be- 
deutet haben, da er ihn als krönenden Abschluß an das Ende des Monumentum Ancyranum stellt 
(35), vgl. RAMAGE (1987) 19 f. sowie Ov. Fast. 2,119 ff. (mit den Bemerkungen von HERBERT- 



2.5 Der Liebeskünstler und die Aussenpolitik (Ars 1,171-228) 



73 



Darüber hinaus macht Ovid sich die Mühe, seine Lobpreisungen nicht unmotiviert 
herunterzuleiern, wie es ein drittklassiger Panegyriker täte. Er antwortet vielmehr auf 
den fiktiven Einwand ängstlicher Zweifler, die furchten, der Knabe C. Caesar ! sei der 
großen Aufgabe nicht gewachsen. 157 Scheinbar nur um diesen Einwand zu widerlegen, 
beschreibt Ovid die göttliche Natur des C. Caesar und des Augustus, stellt C. Caesar 
als Erben des Prinzeps vor und rechtfertigt den Krieg gegen die Parther. Zugleich ver- 
leiht dieser Kunstgriff, durch den sich der Dichter vor dem Verdacht der Lobhudelei 
bewahrt, dem Propemptikon seine aitiologische Funktion innerhalb der Liebeslehre (S. 
61). Denn der Liebeslehrer weist den Zweiflern nach, daß C, Caesar trotz seiner 
Jugend den Krieg auf jeden Falle gewinnen wird, was bedeutet, daß mit Sicherheit 
demnächst ein Triumph zu erwarten ist. Und noch auf andere Weise bindet Ovid das 
Propemptikon in den erotischen Kontext ein: Er betont, der Krieg werde auf Veran- 
lassung und unter der Aufsicht des Augustus gefuhrt, stellt aber den C. Caesar als Han- 
delnden vor. Ähnlich ist das Verhältnis zwischen dem Liebeslehrer und seinem 
Schüler, der etwa so alt sein dürfte wie der junge Caesar. 158 Auch der Schüler strebt 
eine Eroberung an und ist dabei auf die Hilfe des Älteren angewiesen, und die Rat- 
geber Augustus und Ovid können sich beide auf eigene Erfahrung berufen, haben sie 
doch in ihrer Jugend als Feldherr respektive Liebhaber selbst große Siege errungen. 

Während also Properz die typische Haltung des 'elegisch' Liebenden einnimmt, der 
sich von der traditionellen Wertewelt seiner Mitmenschen absetzt und die Eroberungs- 
politik des Prinzeps als zumindest fragwürdig ansieht, ist Ovid in der Ars bemüht, den 



BROWN [1994] 54 ff.) und Suet. Aug. 58,2: Als der Senat ihn zum Vater des Vaterlandes 
erklärte, dankte Augustus unter Tränen und sagte, nun sei er ans Ziel all seiner Wünsche gelangt 
(compos factus votorum meorum). 

Dieser Einwand ist keineswegs aus der Luft gegriffen. So glaubt etwa Cassius Dio, daß Augustus 
wegen der Jugend seines Enkels C. Caesars Bedenken hatte und ihn nur zum Oberbefehlshaber 
ernannte, weil er nicht wußte, wen er sonst hätte aussenden sollen. Außerdem habe Augustus dem 
Prinzen Berater beigegeben (D. C. 55,10,18: Kai ol Kai ovpßovXovq Jtpooera&). Offenbar 
suchte Augustus die Öffentlichkeit dadurch zu beruhigen, daß er in offiziellen Verlautbarungen 
betonte, C. Caesar werde genau nach seinen Anweisungen handeln. Jedenfalls findet sich dieser 
Gedanke nicht nur in der Ars, sondern auch in einem zeitgenössischen Epigramm des Antipater 
von Thessalonike (AP 9,297; vgl. HOLLIS [1977] App. III): ZteXXeu &t' Eö<pptjrtjv, Znvöq 
reKOQ • eiQ ae yäp tfön / ff&oi Ildpdcov avropoXoüai JtöSeg. / ateXXev, äva£ • öijctg Sä <pöß<p ke- 
XaXaapeva rö^a, / KaTaap- Jtarpcpcov 3' ap£at ajt' evroXicov / Ttäpnv S' cbKeavcö Jteptreppova 
jiävTo&ev avrÖQ I Jtpcörog äv&pxop&vq) o<ppayioat foXfcp. Während HOLLIS es für möglich hält, 
daß ein Dichter den anderen imitiert hat, erscheint es mir plausibler, die sachlichen Übereinstim- 
mungen aus dem Bestreben beider zu erklären, sich möglichst eng an die kaiserliche Propaganda 
zu halten. Außerdem gehörte Antipater als Hausdichter zum Gefolge (vgl. bes. AP 10,25) des L. 
Calpumius Piso (cos. 15 v. Chr. PIR 2 C 289), der sich zwischen 4 und 1 v. Chr. als Statthalter in 
den Provinzen Asia und Syria aufgehalten haben dürfte (R. HANSLIK, K1P I 1024 s. v. Calpur- 
nius 11.15). Antipater wird sein Epigramm also im Osten dem C. Caesar vielleicht persönlich vor- 
getragen haben, und ist es kaum anzunehmen, daß Kunde davon so rasch nach Rom gelangte, daß 
Ovid es hätte berücksichtigen können, wahrend umgekehrt die Ars zu dieser Zeit wohl noch nicht 
bis in den Nahen Osten vorgedrungen war. 
Vgl. GAUNSKY( 1969) 100. 



MI 



74 



Das erste Kapitel der Liebeslehre 



Liebeskünstler mitten in das öffentliche Leben zu stellen und jeden Konflikt mit der 
herrschenden Macht zu vermeiden. Dieser Unterschied zwischen dem 'elegisch' Lie- 
benden und dem Liebeskünstler tritt noch klarer hervor, wenn man vergleicht, wie Pro- 
perz und Ovid sich den zukünftigen Triumph ausmalen: * 

Das Außenseiterdasein des 'elegisch 5 Liebenden findet seinen sprachlichen Ausdruck 
in einer Figur, die man „konzessive Antithese" nennen könnte: Meist in asyndetischer 
Form stellt der Liebende sich einer anderen Gruppe, seltener einer einzelnen Person 
gegenüber und räumt ein, daß diese ruhig nach ihren Vorstellungen handeln möge; er 
selbst aber habe andere Interessen. Oft wird dieser Gegensatz durch emphatische Pro- 
nomina unterstrichen. 159 So konfrontiert Properz seine Lebenswahl mit den Zielen 
kriegerischer Menschen (Prop. 3,5,47 f.): 

exitus hie vitae superest mihi : vos. qttibus arma 
grata magis, Crassi sigrta referie domum. 

Auch bei der Beschreibung des Triumphes in der vorherigen Elegie (Prop. 3,4,11-22) 
sondert sich Properz von den anderen ab. In den Armen seines Mädchens wird er das 
Geschehen aus der Distanz beobachten (15-18); 160 er gehört nicht zu dem gemeinen 
Volk (vulgus), von dessen beifälligem Gedränge der Wagen des Triumphators aufge- 
halten wird (13 f.). Und wenn er selbst applaudiert, so setzt er sich doch durch eine 
konzessive Antithese von der Gefolgschaft des Prinzeps ab (Prop. 3,4,21 f.): 

praeda sit haec Ulis, quorum meruere labores: 
rne sat erit Sacra plaudere posse Via. 

Entsprechend hätte Ovid seine Lehren zum Triumph formulieren und z. B. sagen 
können: „C, Caesar soll triumphieren; du aber suche dir ein Mädchen." Doch da er den 
schmerzlichen Gegensatz zwischen dem Liebendem und seiner Umwelt gerade zu 
überbrücken sucht, kommen solche Antithesen in der Ars nicht vor. Im Gegenteil: 
Triumphator, "Publikum und Liebeskünstler bilden eine harmonierende Gruppe. Der 
Triumph beginnt mit einem auch erotisch reizvollen Bild. Ein wunderschöner junger 
Mann wird, ganz in Gold gekleidet, auf einem Wagenfähren, vor den vier schnee- 
weiße Pferde gespannt sind. Ihn und die gefangenen Könige umringt eine Menge, die 



Zu dieser Figur vgl. W. GÖRLER, Laudabunt alii ... - Zur Funkton einer wenig beachteten Rede- 
figur, in DELLA CORTE (1987) 25-46 und E. BREGUET, Le theme „alius ... ego" chez les poetes 
latins, REL 40 (1962) 128-36. Die Einräumung steht oft im konzessiven Konjunktiv (wie Prop. 
3,4,21); möglich sind aber auch ein Imperativ (Prop. 3,4,48), ein Futur oder der Indikativ Präsens 
(z. B. Prop. 2,1,43-5: navita de ventis, de tmiris narrat arator, / enumerat miles vulnera, pastor 
ovis; / nos contra angusto versamus proelia lecto). Das letzte Beispiel zeigt, daß diese Figur mit 
der Priamel verwandt ist. Im Gegensatz zur Priamel werden aber erstens bei der konzessiven 
Antithese nur ausnahmsweise mehrere Gegenbeispiele angeführt; zweitens stellt der Dichter 
immer sich selbst irgendwelchen änderen Personen gegenüber. 

Auch hier wurde Properz möglicherweise von Gallus angeregt. Gallus hofft, die Inschriften auf 
den Tempeln lesen zu können (legam), Properz die üiuli des Triumphzuges (Prop. 3,4,16: et titu- 
lis oppida capta legam). Vgl. STROH (1983) 233. 



2.5 Der Liebeskünstler und die Aussenpolitik (Ars 1,171-228) 



75 



Ovid nicht etwa mit dem abfälligen Wort vulgus bezeichnet. Es handelt sich vielmehr 
um ausgelassene junge Männer und Frauen, im richtigen Alter und in der richtigen 
Stimmung für die Liebe (Ars 1,217): l > 

speetahunt laeti iuvenes mixtaeque puellae, 

Dank der Siege des C. Caesar wird der Schüler also bereits im Diesseits Freuden er- 
leben, wie sie sich Tibull erst nach dem Tode erhofft, wenn Venus ihn in das Elysium 
der Liebenden versetzt hat (Tib. 1,3,63 f.): 

ac iuven um series teneris* immixta puellis 
ludit, et adsidue proelia miscet Amor. 

Und während für Properz Liebe und Triumph nichts miteinander zu tun haben, er 
einerseits von seinem Mädchen umarmt wird, andererseits den Festzug betrachtet, 
macht in der Ars der Triumph eine Liebesbeziehung erst möglich. Nur wegen des 
Triumphes trifft der Schüler eine Dame und kommt mit ihr ins Gespräch, wie schon 
LABATE bemerkt: Es besteht kein Gegensatz zwischen der staatlichen und der privaten 
Sphäre; die feierliche, offizielle Freude wird nicht getrennt von dem privaten, Ver- 
gnügen des Liebenden; dieser nimmt an dem Triumph teil, weil er Liebe sucht, nicht 
obwohl er Liebe sucht. 161 

Dagegen meinen andere Autoren, Ovid mache sich über das „augusteische Pathos in 
der Behandlung außenpolitisch-kriegerischer Themen" lustig, und zwar gerade da- 
durch, daß er in der Ars den Triumph zur Gelegenheit für Damenbekanntschaften 



Vgl. LABATE (1984) 50 f.: „I due mondi non sono ora fra loro contrastanti, inconciliabili; ci viene 
suggerito un aecordo fra essi, un rapporto di solidarietä: Funo non e senza Paltro, sono anzi due 
Iati della stessa realta. ... Famante parteeipa non piü nonostante che sia amante, ma proprio in 
quantö amante, perche in esse puö trovare Foccasione migliore di incontro, di approccio. La gioia 
pubblica solenne non e separata dalla gioia frivola privata"; 48; „Ovidio ... si presentava come il 
portatore di una adesione entusiasta alla civiltä in cui era radicata la sua pratica di poesia e 
alFordine sociale e politice che la garantiva." - LABATE schränkt diese Thesen allerdings in der 
zweiten Hälfte seines Buches ein (121 ff.): Ovid erlaube dem Liebenden Verhaltensweisen, die 
herrschenden Moralvorstellungen widersprechen, und richte seine Lehre allein auf den prakti- 
schen Nutzen aus. Das bedeutet aber, daß der Liebende doch nicht vollkommen integriert ist; er 
beansprucht vielmehr einen moralfreien Raum, den - so LABATE - die Gesellschaft verliebten 
jungen Männern schon immer gewährt habe (33-35, 43-46, 225 f.). Nach LABATE existieren ero- 
tische und öffentliche Welt also nicht miteinander, sondern nur nebeneinander zur selben Zeit am 
selben Ort (78): „II mondo della relazione galante e dunque destinato a condividere spazio c 
tempo con Fufficialitä della vita civile." Indes hoffe ich zeigen zu können, daß Ovid in der Ars die 
Liebe weder als „frivole" Beschäftigung darstellt noch seinen Schüler zu einem gewissenlosen, 
nur auf seinen Vorteil bedachten Menschen erzieht. - LABATE (bes. S. 65 ff.) meint ferner, ge- 
nauso wie in der Ars suche Ovid auch in den Amores die Liebe mit der augusteischen Gesell- 
schaft in Einklang zu bringen. Dies ist jedoch nicht zutreffend. So findet sich in den Amores keine 
Panegyrik, die dem Propemptikon für C. Caesar vergleichbar wäre; vgl. außerdem 5.3.2 zur 
unterschiedlichen Auffassung von militia amoris in der Ars und in Amores 1,9. 



1 



76 



Das erste Kapitel der Liebeslehre 



herabwürdige. 162 Indes ist Ovid nicht der einzige, der in einem solchen Fest einen 
Anlaß für erotische Abenteuer sieht: So beschreibt etwa Horaz, wie ganz Rom 
Augustus' triumphale Rückkehr aus Spanien mit einer supplicatio feiert, er selbst aber 
möchte den Festtag bei einem Gelage mit seinem Mädchen verbringen, - sofern der 
lästige Türsteher keine Schwierigkeiten macht (Hör. Carm. 3,14, bes. 21-24). 



163 



MEYER (1961) 86. MEYER wird zu dieser Interpretation vor allem durch die Verse Ars 1,223-228 
veranlaßt, in denen Ovid demonstriert, wie der Schüler die Schaubilder des Triumphs erklären 
kann, selbst wenn er nicht genau weiß, um was es sich jeweils handelt: „Er (sc. Ovid) sagt aus- 
drücklich, daß auf die Namen nichts ankomme, und gibt damit seinen Versen einen frivolen Ak- 
zent zum gleichen Thema, das er vorher ernsthaft nahm." Indes empfiehlt Ovid, möglichst die 
richtigen Namen zu nennen und wenigstens passende zu erfinden, wenn man die richtigen 
Namen nicht weiß (227 f.). Außerdem kehrt dasselbe Motiv in den Tristien wieder, und zwar sehr 
wahrscheinlich ohne- ironischen Hintersinn (Ov. Trist. 4,2,25 ff.); vgl. GALINSKY (1969) 102 f., 
der seinerseits die Anrede pulcherrime rentm (Ars 1,213) und die Beschreibung des Publikums 
(217) fiir unangemessen hält. Man vergleiche aber den Triumph des Augustus in der Aeneis 
(Verg. A> 8,717): laetitia htdisque viae plaasuque fremebcmt Zwar nennt in den Heroides 
Phaedra den Hippolyfos pulcherrime rerum (Ov. Ep. 4,125), doch vgl. auch hier Vergil (G. 
2,534): scilicet et rerum facta est pulcherrima Roma. - Überhaupt soll der Schüler in der Ars 
nichts tun, was nicht jeder andere Zuschauer auch täte; Prbperz dagegen liegt in den Armen 
seines Mädchens! 

HUBBARD (1974) 105-107 vergleicht diese Ode mit Prop. 3,4 und kommt zu dem Ergebnis, daß 
Horaz - anders als Properz - sein privates Erleben und die offizielle Feier nicht zueinander in 
Gegensatz bringt. LEFEVRE (1988) 179 f. sieht die typische Haltung des Horaz in „der dankbaren 
Feststellung, daß die pax Augusta ihm persönliche Sicherheit bringe ... Auf diesen privaten 
Aspekt reduziert sich im Grunde das weltpolitische Geschehen". Ähnlich interpretiert WE- 
STRAND (1977) 8 ff., der ebenfalls einen Vergleich zwischen Hör. Carm. 3,14 und Prop. 3,4 
durchfuhrt. Dagegen meint R. HERZOG, Augusteische Erfüllung zwischen Vergangenheit und 
Gegenwart, in BINDER (1988) 334, in der Ode 3,14 werde „die politische Panegyrik ... durch- 
kreuzt". - Weitere Arbeiten über den politischen Gehalt der Ode 3,14 diskutiert C. KLODT, 
Weder verderbt noch verdorben: Iam virum expertae (Hör. Carm. 3,14,11), in: DIES., Hrsg., 
Satura Lanx. FS Werner A. Krenkei; Hildesheim u. a. 1996, 301-320, bes. 305-308. KLODT 
selbst hat den Eindruck, „Horaz begrüße die Herrschaft des Augustus zwar ehrlich aber nicht 
enthusiastisch" (314), denn er empfinde „seine Außenseiterrolle und seine relative Einsamkeit in 
der von Augustus geschaffenen Welt" (316). Was aber die anderen betreffe, sei auffällig, daß 
„ein persönlicher Bezug zwischen Prinzeps und Bürgern hergestellt" werde (317). 



2.6 Weinrausch und Liebesrausch (Ars 1,229-252) 



77 



2.6 Weinrausch und Liebesrausch (Ars 1,229-252) 

Auch beim Gastmahl kann sich der Schüler einer Dame nähern (Ars 1,229 f.), Aller- 
dings erfährt er hier noch nicht, wie man das macht, 164 sondern wird erst einmal auf 
die Gefahren, die dort lauern, hingewiesen: Amor und Bacchus verstärken gegenseitig 
ihre berauschende Wirkung (23 1-236), und schon manch ein erhitzter Zecher wurde 
beim Wein die Beute einer Frau (237-244). Daher trifft der Liebeskünstler erst danach, 
bei Tageslicht seine Wahl (245-252). 

In diesem letzten größeren Stück zum Thema „Wie finde ich eine Frau?" wird der 
Schüler noch nachdrücklicher als bisher vor unkontrollierter Liebe gewarnt (vgl. 2.3). 
Zum ersten Mal sagt Ovid ganz offen, was er an den früheren Stellen nur durckblicken 
ließ: Sich unkontrolliert zu verlieben, sei nicht wünschenswert; selbst ein leichter An- 
flug solcher Verliebtheit schade (Ars 1,236): 

et spargi pectus Amore nocet. 

Das macht Ovid auch mit poetischen Mitteln deutlich: Unkontrollierte, leidenschaft- 
liche Liebe gleicht einem Rausch; der Liebende ist nicht mehr Herr seiner selbst und 
vergißt, wie die Juristen auf dem Forum, was er gelernt hat; alles verkehrt sich für ihn 
ins Gegenteil. Wie ein Betrunkener kann er nicht mehr richtig sprechen und weiß 
nicht, wer oder wo er ist (Prop. 1,5,17 f.): 165 

et quaecumque volesfugient tibi verba querenti, 
necpoteris, quis sis aut tibi, nosse, miserf 

Daß ein solcher Zustand sehr unangenehm ist, soll der Schüler erleben, wenn er die 
Lehren zum Gastmahl liest. Bewußt spricht Ovid in Rätseln und führt den Leser in die 
Ine. Schon der Hinweis, beim Gastmahl gebe es „etwas außer Wein" zu finden, ist 
zweideutig. Zunächst versteht man den Satz so, als ob das Gastmahl neben dem Wein 
auch schöne Frauen zu bieten habe; liest man darin aber weiter, regt sich der Verdacht, 
Ovid meine, man solle sich dort zwar etwas nehmen, aber nur ja keinen Wein. 166 Auch 
die folgende Allegorie ist überaus dunkel (Ars 1,23 1-234): 167 



164 
165 



Vgl. dazu Ars 1,565 ff. 

Vgl. 2.3 und bes. Ars 1,85: desunt sua verba diserlo. - KENNEY (1959) 245 f. bringt Belege fiir 
die Vorstellung von „love ... as a poison" und „Iove as a fluid distilled into the heart" 
Ars 1,230: est aliquid praeter vina, quod inde petas. - Zu praeter i. S. v. „zusätzlich zu" vgl. 
OLD s. v. Nr. 4 (so verstehen das Wort BRANDT [1902], VON ALBRECHT [19°2J und HOLZBIiRG 
[1992]), i. S. v. „mit Ausnahme von, ausgenommen" OLD s. v. Nrn. 5 und 6. : 
Vgl. KÜPPERS (1981) 2544: Ovid wechsele „abrupt den Stil. Karge Schlichtheit wird abgelöst 
durch eine Reihe schwer zu enträtselnder Bilder". Daß Ovid sich hier mit Absicht dunkel aus- 
drückt, meinen auch HOLLIS (1977) und PIANEZZOLA (1993). Während PIANÜZZOLA (1993) 216 
in Ovid einen Wegbereiter späterer poetischer Techniken sieht, vermutet HOLLIS (1977) 83 f. 
einen Einfluß besonders des Properz: „Propertius* images often shift alarmingly and producc no 



78 Das erste Kapitel der Liebeslehre 

saepe illicposiü teneris adducta lacerüs 

pitrpureus Bacchi cornua pressit Amor, 
vinaque cum bibulas sparsere Cupidinis alas, 

permanel et capto stat gravis ille loco. 

Die verschlungene Wortstellung im ersten Distichon läßt den Leser schwindeln. 168 Der 
zwischen Metonymie und Personifikation schillernde Ausdruck positi ... Bacchi, 169 das 
Oxymoron teneris ... lacertis ]1 ° und die Purpurfarbe Amors, 171 die mindestens ebenso- 
gut dem Bacchus zukäme, erwecken den Eindruck, die Welt sei aus den Fugen geraten. 
Der Leser fühlt sich benebelt und kann nicht mehr klar zwischen den Dingen unter- 
scheiden. 172 Sachlich ist die Allegorie ebenfalls kaum zu begreifen: Anscheinend 
ringen Amor und Bacchus miteinander, und Amor hat die Oberhand, da er den 
Bacchus an den Hörnern niederdrückt. Doch im nächsten Distichon tränkt Bacchus' 
Wein Cupidos Flügel, und der vermeintliche Sieger ist selbst gefangen, weil er nicht 
wegfliegen kann. Und was soll das Ganze bedeuten? Will Ovid zeigen, daß Wein und 
Liebe sich in ihrer berauschenden Wirkung gegenseitig verstärken? Dann drückt Amor 
vielleicht den vom Weingenuß schweren Kopf des Zechers noch tiefer herab, während 
umgekehrt Bacchus dafür sorgt, daß Amor noch schwerer auf dem Herzen des Verlieb- 
ten lastet. 173 Aber sobald man sich mit dieser Lösung zufriedengegeben hat, verwirrt 



coherent picture ... it may be significant that similar difficulties have been feit in Propertius ii. 
12, an allegorical account of the attributes of Cupid " Vgl. auch DÜNN (1985) 250-253: Properz 
widerspreche sich selbst und lasse den Leser darüber im Unklaren, ob er eine Tatsache beschreibt 
oder nur etwas, das er sich einbildet; „... his contradictory Statements have been left unrecon- 
ciled, the reader rriust infer the emotional confusion which this represents" (253). Zu 
Properz als Dichter eines rationaler Analyse verschlossenen „stream of conciousness" vgl. bes. 
D. T. BENEDIKTSON, Propertius. Modernist Poet of Antiquity, Carbondale u. a. 1989. 
a (positi) - b (teneris) - c (adducta) - B (lacerüs) - d (purpureus) - A ßacchi) - C (cornua) - D 
(Amor). Erschwert wird das Verständnis auch dadurch, daß sämtliche Attribute (positi, teneris, 
adducta, purpureus, Bacchi) jeweils vor dem Bezugswort stehen, was zugleich eine besonders 
weite Sperrung zur Folge hat. 

Vgl. KENNEY (1959) 244, KÜPPERS (1981) 2545 und HOLLIS (1977) 83: „Part of the obscurity is 
due to constant playing on two levels . . . Bachus may be a horned god at one moment, and at the 
next simply wine, by metonymy - or even both at once (see on 231 'positi'). Cupid appears first 
as a winged boy, then as love in the heart of a young man (236)." 
Brandt ( 1 902) und HOLLIS ( 1 977) ad loc. 

Purpur ist die Farbe der Weinbeere und des Weins (OLD s. v. purpureus Nrn. 2.a und 2.c). - 
BRANDT (1902) sieht darin einen Hinweis auf „von Wein und Liebe gerötete Wangen", HOLLIS 
(1977) und PlANEZZOLA (1993) auf jugendliche Frische. 

Vgl. KÜPPERS (1981) 2545, der allerdings meint, daß Ovid den Eindruck erwecken wollte, er 
selbst sei betrunken. Wohl aus 'diesem Grunde meint KÜPPERS auch (2544 f.), bereits das 
Wort aliquid in Vers 230 sei doppeldeutig und könne a) auf schöne Mädchen oder b) auf dio- 
nysische Dichterinspiration hinweisen. Doch ist von Dichtung in dieser Passage überhaupt nicht 
die Rede. - Zu aliquid vgl ferner BRANDT (1902). 

Zur Mehrdeutigkeit des Wortes gravis („von Feuchtigkeit schwer", „weinschwer" und 
belastend, bedrückend") vgl. KENNEY (1959) 245 Anm. 1 und HOLLIS (1977) ad loc. 



r 



169 



170 
171 



172 



2.6 Weinrausch und Liebesrausch (Ars 1,229-252) 



79 



einen der Dichter von neuem: Kann Amor etwa doch wegfliegen, und wird damit das 
Herz des Gastes wieder leicht und unbeschwert? (Ars 1,235) 174 

ille qiridem pennas velociter e x c u t i t udas t ... 

Nein, offenbar nicht! Denn nun schadet gerade der Flügelschlag, mit dem Amor sich 
befreit; dabei wird nämlich die Brust des Gastes mit Liebe - oder mit Wein? oder mit 
beidem? 175 - besprengt (Ars 1,236): 

... sed tarnen et spargi pectus Amore nocet. 

Spätestens jetzt brummt selbst dem scharfsinnigsten Leser der Kopf, Man muß die Un- 
sicherheit hinnehmen; die Allegorie läßt sich nicht schlüssig deuten. 176 

Auch in den folgenden Versen sagt der Liebeslehrer nicht klar, was er meint, und sorgt 
weiter dafür, daß sein Schüler beim Lesen keinen festen Boden unter die Füße be- 
kommt. Gerade noch glaubt man, den Sinn eines Verses erfaßt zu haben, da wirbelt 
Ovid mit dem nächsten Wort schon wieder durcheinander, was man sich im Geiste so 
ordentlich zurechtgelegt hat. Er beginnt mit einem Hinweis auf die erhitzende Wirkung 
des Weines (Ars 1,237): 



Diese Bedeutung hat das Wegfliegen bei Properz (2, 12, 15 f.): evolat heu nostro quoniam de pec~ 
tore nusquam / assiduusque meo sanguine bella geht. 
Zum Problem vgl. TRÄNKLB ( 1 972) 394 f. 

So befriedigt denn auch keine der vorgeschlagenen Lösungen: Während man früher die schwie- 
rigen Verse athetieren wollte (vgl KENNEY [1959] 244), übergeht BRANDT (1902) 23 das Pro- 
blem und spricht nur von einer ,jnnige[nj Gemeinschaft des Bacchus und Amor", - KENNEY 
(1959) 244-6 versucht, den drei Distichen einen vernünftigen Sinn zu entlocken: Es werde ein 
Ringkampf zwischen den beiden Göttern dargestellt; „... the powers of love and wine contcnd for 
mastery"; Amor gehe als Sieger hervor, und zwar a) über Bacchus (Ars 1,23 1 f.) und b) über den 
Liebenden, in dessen Herz er sich festsetze (Ars 1,233 f.). Nach KENNEYs Interpretation wirkt 
die Liebe demnach stärker auf den Zecher als der Wein. Zugleich verstärke der Wein dadurch, 
daß er Amors Flügel tränke, die Kraft der Liebe; „... wine prepares the heart for love and makes 
it stay there." Das letzte Distichon 235 f. sei dann so zu verstehen, daß der von Liebe benetzte 
Wein aus Amors Flügeln zwar nur eine vorübergehende Leidenschaft hervorrufe, aber „even the 
transitory passion inspired by wine cannot evaporate without leaving some mark behind". - LENZ 
(1969) 178 und TRÄNKLE (1972) 393-396 sind zwar mit KENNEYs Interpretation der Verse 231- 
234 einverstanden, nicht aber mit der des letzten Distichons 235 f.: LENZ meint, Amor schüttele 
den Wein ab, weil man sich im Rausch zwar leicht verliebe, Liebe dieser Art aber nicht wün- 
schenswert sei. Amor könne sich befreien, nicht jedoch der Mensch, den die Tropfen aus Amors 
Gefieder treffen. TRÄNKLE will das Distichon athetieren, da ihm „der gedankliche Zusammen- 
halt" fehle: „Amor hat sich doch in der Seele festgesetzt und 'bleibt' in ihr; daneben ist es ziem- 
lich belanglos, daß sie von ihm auch noch besprengt wird." - Auch HOLLIS (1977) 85, der sich 
im übrigen KENNEY anschließt, sieht einen Widerspruch: Wenn der Dichter in Vers 235 meint, 
daß die Liebe nur so lange anhält, bis der Rausch verflogen ist, „would this not contradict line 
234 (permanet and capto ... loco)T - Darüber hinaus erklärt KENNEY erstens nicht, warum 
Amors Sieg wie eine Niederlage dargestellt wird; anscheinend will er ja wegfliegen, also gar keine 
Verliebtheit hervorrufen. Zweitens bleibt unklar, warum Amor überhaupt mit Bacchus einen 
Ringkampf beginnt, wenn der Wein für Liebe empfänglich macht; der Weingott ist ja dann kein 
Gegner des Liebesgottes, sondern ein Verbündeter. Gemeinsamer Gegner beider ist vielmehr der 
Zecher beim Gastmahl. 



80 



Das erste Kapitel der Liebeslehre 



)önaparcmt cmimos faciuntque cgloribus aptos; ... 
„Aha!", denkt der Leser, „der Wein öffnet also die Herzen für die Liebe, vor der ich 
soeben gewarnt wurde." Doch da hebt Ovid pötzlich zu einem Lob des Weines an, wie 
man es auch von Hpraz hören könnte. 177 Wein vertreibt die Sorgen, Lachen stellt sich 
ein, der Arme faßt Mut (Ars 1,238-242): 

. . . curafugit multo diluiturque mero. 
tum veniunt Visits, hmpaupercornua. sumit, 

tum dolor et curgerugaquejrgnti.s abit. 
tum gperitmentes aevo rarissima nostro 

simplicitas, artes excutiente deo. 

Doch lobt Ovid den Wein wirklich? Schon die Wortwahl läßt aufhorchen: Der Arme 
bekommt „Hörner" - aber gerade eben hat Amor die Hörner des Bacchus niederge- 
drückt! Was ist die simplicitas, die in „unserer Zeit so selten" geworden ist? Bedeutet 
das Wort etwa „Ehrlichkeit", wie man in einem solchen Kontext erwarten würde? Die 
Junktur mit den artes, die dem Trinker gewaltsam entrissen werden und die ja nicht 
nur „Schliche", sondern auch „Kunst und Geschick" bedeuten können, läßt eher ver- 
muten, daß mit simplicitas die primitive Schlichtheit und Einfalt gemeint ist, die z. B. 
die Soldaten des Romulus kennzeichnet. 178 Solche kunstlose Einfalt ist aber schon 
längst aus der Mode gekommen und sicher nicht wünschenswert, zumal in einem Lehr- 
gedicht, das die ars amandi zum Gegenstand hat. Und welcher Gott „schlägt die 
Künste weg"? Ist es Bacchus? Oder Amor, der zuvor seine nassen Flügel mit raschem 
Schlag getrocknet hat? Man sieht: Ovid, ein Dichter, der sonst für die Luzidität seines 
Stils gerühmt wird, richtet im Kopf seines Lesers ein heilloses Durcheinander an, und 
das offenbar mit Absicht. 

Doch schließlich führt er den in Vers 237 begonnenen Gedanken zu Ende und macht 
eine eindeutige Aussage. Wein erhitzt die Gemüter und bereitet sie auf die Liebe vor; 
so kann es geschehen, daß einem ein Mädchen den Verstand raubt (Ars 1,243 f.): 

illic saepe cmimos iuvenum rapuere pugllae, 
ei Venus in vinis ignis in ignefiät 

Der letzte Vers faßt alle Lehren des Abschnittes zusammen: Die Paronomasie Venus- 
vinis und das Polyptoton ignis-igne gehen einem über die Lippen wie das Stammeln 



177 Vgl PlANEZZOLA (1993) ad loa tind z. B. Hör. Carm. 4,12,19 f. (<sc. cadus> spes donare 
novas largns amaraque / curgrum.eluere efficax); S. 1,4,89 (condita cum verax gperit^rge- 
cordia Liber); S. 2,2, 125 (explicuit vino contrgm^ßß.rigfrgntis)^ Vor allem die Ode 3,21 dürfte 
Ovid (angeregt haben (HOLLIS [1977] 86), bes. w. 11-18: narratur et prisci Catonis / saepe 
mergcgluisse virtus. / tu <sc. pia testa> lern tormentum ingenio admoves / plerumque duro; tu 
sapientium/ curas et arcanum iocoso / consilium retegis Lyaeo; / tu sperrt reducis mentibus 
anxiis, /virisque et addis comug.pmpm »■ 

178 Vgl. bes. Ars 1,105 f.: illic quas tulerant nemorosa Palatia frondes / simpliciter positae 
scaena sine arte fix.it. 



2.6 Weinrausch und Liebesrausch (Ars 1,229-252) 



81 



eines Betrunkenen und spiegeln zugleich die Wechselwirkung von Liebe und Wein. 
Liebes- und Weinrausch ähneln sich wie die Wörter Venus und vinis; beide verur- 
sachen das gleiche Feuer und die gleiche unangenehme Verwirrung. 

Den jungen Männern, die sich von Mädchen den Verstand rauben lassen, stellt Ovid 
seinen Schüler gegenüber. 179 Dieser soll sich weder vom Wein noch von den Frauen 
berauschen lassen. Nach der schwindelerregenden Desorientierung, in die er in den 
vorangegangenen Versen geraten ist, wird der junge Mann die nun folgenden klaren 
Vorschriften gerne beherzigen. Er ist jetzt bereit, auf romantische Träume von einer 
großen Liebe 'auf den ersten Blick' zu verzichten, und offen für die Alternative, die 
Ovid ihm zu bieten hat. Die Anweisung ist einfach: Man soll sich eine geeignete Frau 
bei Tageslicht auswählen, weil sonst etwaige Mängel übersehen werden. Als lobens- 
wertes Beispiel stellt der Liebeslehrer den Paris vor. Der Schüler darf sich nicht macht- 
los der Venus ausliefern, sondern muß in die Rolle eines distanzierten, nüchternen 
Schönheitsrichters schlüpfen, die auch sein Lehrer gerne einnimmt (Ars 1,98): 

copia Judicium saepe morata meum est. 

Wie Paris wird der angehende Liebeskünstler dann selbst Macht über Venus gewinnen 
(Ars 1,247 f.): 

luce deas caetoque Paris spectavit apetio, 
cum dixit Veneri „ Vincis utramque, Venus ". 

Anstatt verwirrt etwas über Venus und Wein zu lallen (Venus in vinis), wird der 
Schüler mit kühler Gewißheit seiner „Venus" den Sieg zusprechen (vincis utramque, 
Venus). no Über ihn trägt kein Mädchen den Sieg davon. Im Gegenteil: Es liegt an ihm, 
ob er sie mit seiner Gunst auszeichnen will. Dankbar wird sie es aufnehmen, wenn er 
später beim ersten Rendezvous sein „Parisurteil" verkündet (Ars 1,623-626): 

delectant etiam castas praeconiaformae; 

virginibus curae grataque forma sua est. 
nam cur in Phrygiis hmonem et Pallada silvis 

nunc quoque Judicium non tenuisse pttdet? 

In den Remedia amoris empfiehlt Ovid dem unglücklich Verliebten, sich die Mängel 
der Geliebten vorzuhalten; das werde zu einer raschen Heilung fuhren (Rem. 315 f.). 
Doch damit es erst gar nicht so weit kommt, daß der Schüler einer Therapie bedarf, 
soll er bereits jetzt, bei der Suche vor allem auf Mängel ein scharfes Auge haben. So 
wird seine Leidenschaft selbst angesichts einer außergewöhnlichen Schönheit nicht 



Ars 1,243: illic saepe animos iuvenum - 245: hie tu ... - Zu demselben Verfahren in Ars 1,89 
vgl. S. 50 mit Anm. 80. l 

Durch das offene „a" in utramque, durch die in diesem Wort enthaltenen harten Verschlußlaute 
„t" und „k" und durch die Sinnpause vor dem Vokativ hat dieser Satz einen ganz anderen Klang 
und Rythmus als die Junktur Venus in vinis. Er wirkt klar, ruhig und überlegt. 



82 



Das erste Kapitel der Liebeslehre 



allzu heftig entflammen. Die Frau ist für ihn nur ein Wertohjekt, das er mit Kenner- 
blick daraufhin abschätzt,- ob er es besitzen will, wie einen Edelstein oder einen kost- 
baren Stoff (Ars l,249-252). 181 

Diese kühle Haltung bewahrt den Liebeskünstler vor dem Unglück, das dem 'elegisch' 
Liebenden widerfahrt (vgl. 2.1). Gerade noch glaubte Properz, er sei frei und habe mit 
der Liebe nichts mehr zu schaffen; da überwältigt ihn der Anblick einer Frau, die ihm 
überirdisch schön erscheint (Prop. 2,2), so schön, daß neben ihr sogar die Göttinnen, 
über die einst Paris richtete, verblassen (Prop. 2,2,13 f.): 

cedite, iam, divae, quas pastor viderat olim 
Idaeis iunicas ponere verticibus! 



Diesen Eindruck verstärkt Ovid dadurch, daß er leblose Gegenstände wie die Lampe (Ars 1,245: 
fallaci ... hicemae) und den Tag (252: consule ... diem) personifiziert. Als Betrüger bzw. Rat- 
geber erscheinen diese Dinge menschlicher als die zu beurteilenden Frauen. 



83 



3. Das zweite Kapitel der Liebeslehre: 
Wie erobert man eine Frau? (Ars 1,263-772) 



Die Unterstufe der Liebesschule ist bestanden und eine geeignete Dame entdeckt 
Diese muß der Schüler nun kunstgerecht erobern (Ars 1,263-268). „Glaube an deinen 
Erfolg!", ruft Ovid ihn auf. Kein weibliches Wesen könne den zärtlichen Avancen 
eines jungen Mannes widerstehen. Pasiphae (289-326) und viele weitere Heroinen be- 
legten die zügellose Geilheit des anderen Geschlechts. Eine Abfuhr sei also nicht zu 
befürchten (269-350). Für den Anfang empfiehlt Ovid die Zusammenarbeit mit einer 
Sklavin, die das Vertrauen der Dame genießt, erörtert, wie diese im Sinne des Liebes- 
künstlers auf ihre Herrin einwirken sollte, und prüft, ob ein Verhältnis auch mit der 
Sklavin selbst zweckmäßig ist (351-398). Nach einer Warnung vor den Schlichen raff- 
gieriger Huren (399-436) werden der Liebesbrief und mögliche Reaktionen der Emp- 
fängerin diskutiert (437-486) und gelehrt, wie man derweil in der Öffentlichkeit das 
Interesse der Dame auf sich zieht (487-504). 

Bisher hat der junge Mann sie nur aus der Distanz umworben. Jetzt führt ihn der Lie- 
beslehrer unmittelbar in ihre Nähe. Damit der Schüler auch dann noch einen guten Ein- 
druck macht, erklärt Ovid ihm vorab, wie der Mann von Welt sich kleidet und pflegt 
(505-524). Bacchus, der seinerseits die schöne Ariadne erfolgreich eroberte (525-564), 
wird helfen, die Werbung beim Gastmahl ein gutes Stück voranzutreiben (565-606). 
Wenn dann der Schüler zum ersten Mal mit seiner Geliebten allein ist, heißt es, forsch 
zur Sache kommen (607-722) wie einst Achill, der an Deidamia seine Männlichkeit 
bewies (681-706). Mit Vorschriften, die für alle Stadien der Eroberung gelten, klingt 
das erste Buch aus (723-770): Man muß liebeskrank erscheinen (723-738), sich vor 
Freunden hüten, die einem das Mädchen ausspannen wollen (739-754), und sein Ver- 
halten dem Charakter der Umworbenen anpassen (755-770). 

Wie das erste Kapitel, hat auch das zweite Kapitel der Liebeslehre eine klare, symme- 
trische Struktur. Zwei Teile „Werbung aus der Distanz" und „Werbung aus der Nähe" 
bilden das Grundgerüst. Jeder beginnt mit einer Einleitung (a), gefolgt von je zwei 
Themenkomplexen mit vom ersten zum zweiten Teil korrespondierenden Motiven 
(b: ancilla/convivium, c: littera/coüoqiäum). Sowohl bei der Zusammenarbeit mit der 
Sklavin als auch beim Gastmahl umwirbt der Schüler neben seiner Dame noch eine 
weitere Person: die Sklavin bzw. den Gatten der Geliebten; diese beiden sind wieder- 
um Rivalen der Dame bzw. des Schülers. Mit seinen Briefen und beim ersten Rendez- 
vous versucht der Liebeskünstler, die Dame durch Schmeichelei, Versprechen und 
Bitten gefugig zu machen (vgl. S. 136). Jedem Teil ist ein Anhang (d) angegliedert, in 
dem der Schüler erfährt, was er in der Zwischenzeit zu tun und zu beachten hat, wäh- 
rend die in den Abschnitten (b) und (c) gelehrte Werbung vorangeht. 



84 



Das zweite Kapitel der Liebeslehre 



Ferner strukturiert Ovid beide Teile durch je zwei thematisch verwandte Exkurse: Im 
ersten Teil erfährt der Schüler etwas über die Natur der Frau, im zweiten wird er durch 
das Vorbild siegreicher Eroberer angespornt. 1 Auch von einem Teil zum anderen sind 
Parallelen zwischen den Exkursen erkennbar: Im ersten Teil warnt Ovid vor der 
Gefahr, von der Geliebten ausgebeutet zu werden (399-436), 2 in der Erzählung von 
Bacchus und Ariadne im zweiten Teil vor den Gefahren übermäßigen Weingenusses; 
und sowohl am Mythos von Pasiphae als auch an der Achill-Deidamia-Episode lernt 
der Schüler etwas über die Sexualität der Frau bzw. des Mannes. 



1. Teil: Werbung aus der Distanz 
269-350 '(a) psychische Vorbereitung: Selbstvertrauen 

289-236 Exkurs: Natur der Frau (I); Geilheit der Pasiphae 

351-398 (b) ancilla (Dreiecksverhältnis: Schüler, Geliebte, Sklavin) 
399-436 Exkurs: Natur der Frau (II); Raubgier der Frauen 

437-486 (c) littera (Schmeichelei, Bitten und Versprechen) 
487-504 (d) Anhang: in der Zwischenzeit Annäherung in der Öffentlichkeit 

2. Teil: Werbung aus der Nähe 

505-524 (a) physische Vorbereitung: Toilette 

525-564 Exkurs: erfolgreiche Eroberung (I); Bacchus/Ariadne 
565-606 (b) convivium (Dreiecksverhältnis: Schüler, Geliebte, Gatte) 
607-722 (c) colloquium (Schmeichelei, Versprechen und Bitten) 
659-706 Exkurs: erfolgreiche Eroberung (II); Achill/Deidamia 
723-770 (d) Anhang: Vorschriften für alle Stadien der Werbung 



weibliche Sexualität 



gefährliche Hurenkünste 



Gefahr der Trunkenheit 
_► männliche Sexualität 



Ovid präsentiert seine Lehren in einer didaktisch sinnvollen, weitgehend chronologi- 
schen Reihenfolge, wobei die Nähe zwischen dem Schüler und der Dame allmählich 
zunimmt: Am Anfang wirbt der junge Mann nur über die Sklavin; durch seine Briefe 



Mit den Exkursen des zweiten Teils (Bacchus; Achill) korrespondieren die beiden Exkurse im 
ersten Kapitel der Liebeslehre (Raub der Sabinerinnen; Propemptikon für C. Caesar), in denen 
ebenfalls Eroberer die Hauptpersonen sind. 

Die Verse Ars l,399-436"enthalten zwar keine Mythenerzählung; dennoch meine ich, daß man sie 
als Exkurs auffassen sollte, da das Stück die chronologisch angeordneten Vorschriften unter- 
bricht: In den Versen 419 ff. beschreibt Ovid eine Situation, in die der Schüler geraten wird, wenn 
die Dame bereits seine Geliebte ist. Das wird vorbereitet durch eine Warnung vor gefahrlichen 
Tagen (399-418), die an dieser Stelle ebenfalls aus dem Rahmen fällt. Man fragt sich nämlich, 
welche Handlung Ovid wohl meint, wenn er verbietet, an bestimmten Tagen mit der Werbung zu 
beginnen. Einerseits hat' der Schüler mit der Werbung bereits begonnen, andererseits kommt 
er, solange er mit Hilfe der Sklavin und durch Briefe auf die Dame einwirkt, nicht in ihre Nähe 
und damit auch nicht in die Reichweite ihrer gefährlichen Verfuhrungskünste. Der Abschnitt ist 
also ein exkursartiger Ausblick auf eine spätere Phase der Liebesbeziehung. 
Daß die Erzählung von Achill und Deidamia ein Lehrstück über männliche Sexualität ist, wird 
unten ausfuhrlich begründet (3.7.2). - In der Nachfolge BRANDTS (1902) gliedern die meisten 
Interpreten die Verse Ars 1,263-772 nur nach einzelnen Vorschriften. WEISERT (1970) 3, LÜDE- 
RTTZ (1970) 8-17 und RAMBAUX (1986) 153 fassen die Lehren zum Selbstvertrauen (269-350) 
und den Anhang des zweiten Großteils (723-770) als Einleitung und Schluß zusammen; HOLLIS 
(1977) unterscheidet „three long preliminary sections =fiducia, ancilla, tempora" (S. 90), einen 
Hauptteil (437 ff.) und die Verse 723 ff. als „afterthoughts" (S. 143). Zu 723-770 als Vor- 
schriften für alle Stadien der Werbung vgl. KLIMT (1913) 39 und RAMBAUX (1986) 153. 



Wie erobert man eine Frau? 



85 



spricht er bereits mit eigenen Worten zu der Dame; in der Öffentlichkeit kann er sie 
sehen und versteckte Botschaften unmittelbar an sie richten, während des Gastmahls 
sie sogar heimlich berühren; beim ersten Rendezvous sind schließlich alle Schranken 
gefallen. Da die Vorschriften so die Fortschritte des angehenden Liebeskünstlers be- 
gleiten, kann er sie nacheinander ausfuhren und sich jedesmal, wenn er eine Lektion in 
die Praxis umgesetzt hat, über seinen Erfolg freuen. 4 

Denn als guter Pädagoge weiß Ovid, wie sehr Elfolgserlebnisse beflügeln, und gibt 
sich daher Mühe, seinem Schüler möglichst viele zu verschaffen: Bereits im ersten 
Kapitel, das eigentlich nur das Finden einer Frau zum Gegenstand hatte, lehrte Ovid, 
wie man die Damen umwirbt, wobei er diese Lehren nahtlos in den Kontext einfugte 
(S. 26 f.). Er hätte also das Suchen und das Erobern in einem Kapitel zusammenfassen 
können, um Wiederholungen zu vermeiden und den Schüler nicht zweimal in die Por- 
tiken, ins Theater und zum Gastmahl schicken zu müssen. 5 Doch aus didaktischen 
Gründen entschied sich Ovid dagegen. Weil er nämlich das Suchen zu einer selb- 
ständigen Aufgabe erklärt, verbucht der junge Mann es schon als Erfolg, daß er über- 
haupt eine schöne Frau gefunden hat, und wird mit derart gestärktem Selbstvertrauen 
das Erobern der Dame beherzter in Angriff nehmen. Denselben Effekt erzielt der Lie- 
beslehrer dadurch, daß er zwischen der Ersteroberung (Ars 1,263 ff.) und dem Halten 
der eroberten Frau, das im zweiten Buch der Ars gelehrt wird, unterscheidet. Der 
Schüler soll zunächst einmal Freude und Stolz über das Erreichte empfinden, bevor er 
vor eine neue, noch schwierigere Aufgabe gestellt wird, 

Das Gegenteil beobachtet man in der Liebeselegie: Tibull erscheint von Anfang an 
leidvoll gebunden, 6 aber immer noch werbend. Ob er je erhört wurde, kann der Leser 
nur erahnen. 7 Properz (1,1,1 ff.) beschreibt zwar, wie er sich verliebt hat, stellt aber 



WELLMANN-BRETZIGHEIMER (1981) 8 f. ist der Ansicht, ein Lehrbuch müsse systematisch nach 
Ober- und Unterbegriffen strukturiert sein, und meint, Ovid unterlaufe diese in der Partitio ange- 
deutete Systematik (Finden, Erobern, Halten) durch eine poetisch-erzählende chronologische 
Ordnung. Allerdings fragt man sich, wie Ovid das chronologische (!) Gerüst „Finden, Erobern, 
Halten" nach „Ober- und Unterbegriffen" und nicht chronologisch hätte entwickeln sollen. - 
Unzutreffend ist auch das Urteil von KRAUS (1968) 96: „O.s Systematik löst die Lehre aus dem 
Zusammenhang des Erlebens;" vgl. z. B. noch F. JACOBY, Zur Entstehung der römischen Elegie, 
RhM 60 (1905) 48 f. Anm. 3 sowie KÜPPERS (1981) 2529. Die Lehre begründet vielmehr das 
Erleben des Schülers. Während in der Elegie das lyrische Ich des Dichters liebt, 'liebt' in der Ars 
der praeeeptor amoris durch und mit seinem Schüler, dessen erotischen Erfolg er sich am Ende 
selbst zurechnet: tantus amator ego (Ars 2,738). 

Portiken: Ars 1,67-74 und 491-496; Theater: Ars 1,89-134 und 497-504; Gastmahl: Ars 1,229- 
252 und 565-606. \ 

Tib. 1,1,55: me retinent vinetum formosae vincla puellae; 1,4,81: heu hdu, quam Marathus 
lentome torquet amore; 2,3,1: Nemesis istmea ... puella. 

In der Elegie 1,3 verabschiedet Delia den Geliebten unter Tränen und betet zu den Göttern um 
seine gesunde Heimkehr (v. 9 ff.); in der Elegie 1,5 bittet Tibull sie um Gnade per ... furtivi 
foedera lecti, /per venerem ... compositumque caput (7 f.); aus Tibulls Worten in der Elegie 



86 



DAS ZWEITE KAPITEL DER LIEBESLEHRE 



dieses Ereignis sofort als Beginn eines Jahres enttäuschter Liebe hin, so als hätte 
Cynthia ihn stets abgewiesen. 9 Das gegenwärtige Leid überschattet und verdrängt die 
Erinnerung an das frühere Glück. Nur in den Amores wird eine Entwicklung nachge- 
zeichnet: Amor trifft Ovid mit einem Pfeil (Am. 1,1,21 ff.). Der nunmehr Liebende 
fugt sich in das Unvermeidliche (Am. 1,2). Sein Antrag (Am. 1,3) trifft auf offene 
Ohren; Corinna gewährt ihm ein Schäferstündchen (Am. 1,5). Aber bevor er dieses 
schöne Erlebnis schildert, zeigt auch Ovid erst einmal, wie eifersüchtig er später war, 
als er beim Gastmahl die Geliebte mit ihrem Mann beobachten mußte (Am. 1,4). In * 
der Elegie wird also die Reihenfolge der Ereignisse umgekehrt und verwischt, um den 
Liebenden möglichst unglücklich erscheinen zu lassen; in der Ars dagegen ermutigt 
Ovid seinen Schüler durch eine chronologische Gliederung. 

Wie wichtig es ist, daß der Liebeslehrer seine Kunst als einen Prozeß in der Zeit auf- 
faßt, diesen Prozeß in verschiedene Phasen unterteilt und jeder Phase jeweils andere 
Methoden zuordnet, belegt ein Vergleich mit der Elegie 1,4 des Tibull, 11 in der Priap 
zur Eroberung schöner Knaben folgendes empfiehlt: Man solle Geduld haben, wenn 
ein Knabe sich zunächst sträubt (Tib. 1,4,15-20), ohne Skrupel falsche Eide schwören 
(21-26), sich beeilen, da die Schönheit des Knaben schnell dahinschwinde (27-38), 
und ihm zu Willen sein, um seinen Widerstand durch obsequium zu brechen (39-52). 
Dann lasse er sich Küsse rauben und gebe sie bald sogar freiwillig (53-56). Priap be- 
klagt die Habgier der Schönen, mahnt sie, wenigstens bei den Dichtern eine Ausnahme 
zu machen, und verflucht diejenigen, die seine Mahnung mißachten (57-70). Denn es 
sei Venus' Wille, daß die Tränen, Schmeicheleien und demütigen Klagen der Unglück- 
lichen erhört werden (71 f.). 

Schon auf den ersten Blick fällt die planlose Abfolge der Vorschriften auf; man hat 
den Eindruck, Priap sage, ohne vorher nachzudenken, was ihm gerade in den Sinn 
kommt. 12 Wollte jemand seine Ratschläge befolgen, würde ihm das schwerfallen. Soll 



1,9,1 ff. geht hervor, daß Marathus ihm Treue geschworen hat. Was Nemesis betrifft, findet sich 
kein entsprechender Hinweis. 

Vgl. etwa FEDELI (1980) 59 f. und BARBER/BUTLER (1933) 153: „Propertius has enjoyed 
Cynthia's favour, but his happiness has not Iasted long." 

Vgl. bes. Prop. 1,1,8-18 (Cynthia ist spröde und abweisend wie Atalante; Amor hilft Properz 
nicht) und 33: noctes ... amaras. 

Daß Ovid zu diesem Zeitpunkt seine domina bereits erobert hat, ergibt sich aus Am. 1,4,64: quod 
mihi dasfiirtim, iure coacta dabis <sc. viro tuo>. 

Einen Vergleich zwischen Tib. 1,4 und der Ars fuhren durch: F. WILHELM, Zu Tibull I 4, Satura 
Viadrina, Breslau 1896, 48-58 und KÜPPERS (1981) 2520 ff. - Zu dem Gegensatz zwischen Tib. 
1,4,9 ff. und dem ersten Kapitel der Liebeslehre vgl. S. 29. 

Dies hat F. RTTSCHL (Über Tibull's vierte Elegie des ersten Buches, in: DERS., Opuscula philo- 
logica III, Leipzig [1877] 616-636, bes. 620 f.) bewogen, den überlieferten Text der Elegie 
umzustellen, um ihn in eine vernünftige Ordnung zu bringen. Daß aber Priaps praecepta keines- 
wegs willkürlich angeordnet sind, sondern in 'elegischer' Manier die schwankenden Stimmungen 
des Dichters widerspiegeln, zeigen WlMMEL (1968) bes. 30, 42 und KÜPPERS a.a.O. 



Wie erobert man eine Frau? 



87 



der Liebhaber geduldig abwarten, bis der Knabe auf das Werben reagiert, oder sich be- 
eilen, wie ihn Priap wenig später anweist? Soll der Liebhaber nachgiebig sein oder sich 
mit Gewalt nehmen, was er begehrt? Welchen Inhalt haben die Meineide, dieiihm die 
Götter so großzügig erlauben? Und was kann er daraus lernen, daß der Gartengott hab- 
gierige Knaben verflucht? 13 Offensichtlich ist Priaps Vortrag nicht als praktische Le- 
benshilfe gedacht. Vielmehr versucht Tibull, seinen eigenen Liebling, den schönen 
Marathus, umzustimmen, indem er einem 'objektiven 5 Dritten Worte der Paränese in 
den Mund legt und seine werbende Rede als ars amandi tarnt. Die Elegie wendet sich 
nicht an ratlose Liebhaber von Knaben, sondern an Marathus. Dieser soll seine Jugend 
nicht ungenutzt verstreichen lassen (Tib. 1,4,27-38) und von dem Dichter Tibull keine 
Geschenke fordern (57 ff.). Allerdings läßt sich der Knabe von einer so plumpen Finte 
nicht beeindrucken, und am Ende hat Tibull weder eine erfolgreich werbende Elegie 
noch eine brauchbare Liebeslehre zustande gebracht (Tib. 1,4,81 f.): !4 

heu heu, quam Marathus lento me iorquet amorej 
deflchmt artes, deficvunique doli 

Alles, was Priap den Tibull 'lehrt', kann man, wenn auch abgewandelt und der hetero- 
sexuellen Liebe angepaßt, in der Ars wiederfinden. Dabei ist bemerkenswert, daß Ovid 
stets nur einzelne Motive herausgreift und diese in anderer Reihenfolge auf alle drei 
Bücher verteilt. An den paränetischen Schlußteil der Priap-Rede erinnert in den Lehren 
für Männer der Abschnitt Ars 1,399-436, der nicht als erregter Fluch, sondern als 
durchaus sinnvolle Warnung gestaltet ist. 15 Vor allem aber wendet sich Ovid im dritten 
Buch, wo er als Lehrer und Parteigänger der Frauen auftritt (7.3), direkt an die Damen, 
um sie zu Entgegenkommen und Anspruchslosigkeit zu überreden. 16 Das verspricht 
mehr Erfolg als Priaps hilfloser, völlig deplazierter Ausbruch der Entrüstung, 

Die praktischen Anweisungen aus Tibulls 'Liebeskunst' fließen vor allem in die 
Lehren der ersten beiden Bücher ein. Der Schüler soll sie jedoch nicht gleichzeitig aus- 
fuhren, sondern immer dann, wenn sie die größte Wirkung entfalten. So ist etwa wäh- 
rend des Briefwechsels Geduld angebracht; 17 beim ersten Rendezvous aber wäre sie 
ein Fehler. Hier muß man alle Register ziehen, schmeicheln, bitten, weinen, eitle Ver- 



ls 

16 
17 



Vgl. MUTSCHLER (1985) 82: „Daß einer, der die Kunst lehren soll, wie man Knaben erobert, 
schließlich ... die Knaben selbst apostrophiert, um sie zum rechten Verhalten in der Liebe zu 
bewegen, spricht nicht dafür, daß er von der Wirksamkeit der von ihm vermittelten Kunst ganz 
überzeugt ist." - Widersprüche in den Lehren des Priap bemerkt schon E. HÜBNER, Die Priapos- 
elegie des Tibullus, Hermes 14(1 879) 311. 

Auch dieses 'Versagen' ist vom Dichter beabsichtigt, vgl. KÜPPERS (1981) 2522: „... gerade 
das, was Ovid zu lehren verspricht: die Meisterung der Liebe durch Berechnung, dezidierte Rat- 
schläge, Ergründung psychologischer Mechanismen ist es, was Tibull hier ad absurdum fuhrt." 
Vgl. noch Ars 2,273 ff. und zu der Rechtfertigungsfunktion beider Stellen 3.3 sowie 5.4.4. 
Vgl. Ars 3,49-82; 533-552; 7 V 4.2. 
Zu Tib. 1,4,15-20 vgl. Ars 1,469-78; 2,177-184. 



8 8 Das zweite Kapitel der Liebeslehre 

sprechen mit falschen Eiden beschwören, und selbst vor Gewalt darf man nicht zu- 
rückschrecken. 18 

Es fällt auf, daß die Lehren zur Werbung aus der Nähe besonders dynamisch gestaltet 
sind. Um sie nicht zu unterbrechen, setzt Ovid die beiden Exkurse an den Anfang und 
das Ende des eigentlichen Lehrtextes. Ja, er erklärt noch nicht einmal, wie das Rendez- 
vous zustandekommt, so daß der Schüler vom Gastmahl scheinbar in einem Zuge bis 
zum Koitus gelangt. 19 Denn in den beiden letzten Stadien der Eroberung ist ein for- 
sches, selbstbewußtes Auftreten geboten. Der Schüler dar nicht an sich zweifeln und 
muß ohne Zögern jede Gelegenheit nutzen. Der Gedanke an mögliche Hindernisse 
würde seinen Elan nur bremsen. Daher lernt er hier noch nicht, wie man sich mit dem 
Pförtner einigt oder verschlossene Türen überwindet. 20 Auch Schüchternheit und gar 
Demut kann sich der junge Mann beim ersten Tete-ä-tete nicht erlauben. Nachgeben 
und Diensteifer (Tib. 1,4,39-52) sind zur Eroberung ungeeignet und werden erst im 
zweiten Buch der Ars gelehrt. 21 So kann Ovid dadurch, daß er seine Vorschriften chro- 
nologisch ordnet und mit fest umrissenen Phasen und Situationen verknüpft, die an 
sich nützlichen Ratschläge Priaps übernehmen, ohne sich in Widersprüche zu ver- 
stricken. Anders als der Gartengott fuhrt er seine eigenen Lehren nicht ad absurdum. 



20 



An folgenden Stellen in der Lehre für Männer kehren die Motive von Tib. 1,4,71 f. wieder: 
a) Schmeichelei: Ars 1,439 f.; 1,611-30; 2,273-286; 2,295-314; b) Bitten: Ars 1,440-42; 707-22; 
c) Tränen (ggf. falsche!): Ars 1,659-62. - Zu Tib. 1,4,21-26 (Meineid) vgl. Ars 1,443-54; 631- 
58; zu Tib. 1,4,53-56 (Küsse rauben) vgl. Ars 1,663-706. 

Aus diesem Grund übersehen viele Autoren den Einschnitt nach Ars 1,606 und halten mit 
BRANDT (1902) 52 die Verse 603-630 für „Anweisungen zu geschicktem Vorgehen, wenn das 
convivium beendet ist", z. B. TOLKIEHN (1903) 332, LENZ (1969), HOIXIS (1977), KÜPPERS 
(1981) 2502 Anm. 111, WELLMANN-BRETZIGHEIMER (1981) 10 f. Anm. 22, RAMBAUX (1986) 

153, von Albrecht (1992), Holzberg (1992), Pianezzola (1993) und Kenney (1994). Wie 
bereits TOLKIEHN anmerkt, bleibt dann aber offen, bei welcher Gelegenheit der Beischlaf voll- 
zogen wird. Außerdem könnte man sich fragen, warum der Schüler jetzt mit der Dame reden 
kann, während er beim Gastmahl nur geheime Zeichen geben durfte; der störende Gatte wird sich 
ja auch nach dem Gelage nicht einfach in Luft auflösen. Diese sachlichen Probleme gibt es nicht, 
wenn man mit KLIMT (1913) 33 ff. nach Vers 606 einen Szenenwechsel annimmt: Die Dame hat 
sich erweichen lassen und mit dem Schüler ein Treffen unter vier Augen vereinbart; zu diesem 
colloquiiim (Ars 1,607) haben sich nun beide eingefunden. 

Für das Täuschen des Gatten und der Bewacher sind ohnehin vor allem die Damen zuständig (Ars 
3,611-658). Die Männer werden zu diesen Fragen im zweiten Buch belehrt (Ars 2,243-250; 259 
f.; 521-532). 

Ars 2,177 ff. - Wie Priap mahnt übrigens auch Properz seinen frisch verliebten Freund Gallus 
zuerst und vor allem zu unterwürfiger Nachgiebigkeit (Prop. 1,10,21 ff.). 



Wie erobert man eine Frau? 



89 



3.1 Selbstvertrauen (Ars 1,269-350) 

Weil der Mann in der Liebe die Rolle des aktiv Werbenden zu spielen hat 22 und dies 
gerade den unerfahrenen Neuling einige Überwindung kostet, muß Övid dem Schüler 
zuerst einmal Mut machen. Und was könnte ermutigender sein als das Vertrauen auf 
den eigenen Erfolg? Jede Frau, versichert der Liebeslehrer, ist zu haben (Ars 1,269 f.): 

prima tuae menti veniat flducia, ciincias 
posse capi: capies, tu modo tende piagas. 

Es genügt aber nicht, den Erfolg nur zu versprechen; Ovid muß seinen Schüler auch 
davon überzeugen. Diesem Zweck dienen die Verse Ars l,271-350. 23 

Der Liebeslehrer zeigt dem erstaunten jungen Manne, daß in Wirklichkeit nicht er et- 
was von der umworbenen Dame will, sondern umgekehrt sie etwas von ihm. Nach und 
nach gewöhnt Ovid den Schüler an diesen Gedanken und entlarvt in einer Klimax 24 die 
Zurückhaltung der Frau als Maske, hinter der sich rasende Leidenschaft verbirgt; 
Keine, Dame wird sich schmeichelnder Werbung widersetzen; selbst diejenige, die 
nicht zu wollen scheint, ist willig (Ars 1,274): 

haec quoque, quam poteris credere nolle, volei . 

Genau genommen ist sie mehr als willig; denn heimliche Lust bereitet ihr dieselbe 
Freude wie dem Manne. Nur kann e r sich schlecht verstellen, sie verhehlt ihr Be- 
gehren (Ars 1,275 f.): 

uique virofurtiva Venus, sie grata pueltae; 
vir male dissimulat, tectius illa cupit 

Die passive Rolle der Frau ist eine Konvention, die nur Bestand hat, solange die 
Männer sich auf das Spiel einlassen; sollten diese sich darauf einigen, nicht mehr den 
ersten Schritt zu tun, würden die Damen sofort aktiv um sie werben, wie es der Frau 
von Natur aus zukommt. Auch Kühe und Stuten werben muhend und wiehernd um die 
Aufmerksamkeit der männlichen Tiere (277-280). 25 Die weibliche Brunst ist demnach 
heftiger als die Libido des Mannes; ja, sie ist so rasend, daß Gesetz und Moral sie 
nicht zügeln können, geschweige denn unverbindliche Konventionen (Ars 1,281 f.): 



22 
23 
24 



partes rogantis agere (Ars 1,278) 

Vgl. WEBER (1983) 36 f. 

Schon WEBER (1983) 21 bemerkt die Klimax (non repugnat) - volet - gratq - cupit - (admugitf 

adhinnit) -fithosa libido. 

Vor allem der Geschlechtstrieb rossiger Stuten war berüchtigt; vgl. z. B. Verg. G. 3,266 ff.: sei- 

licet ante omnis fitror est insignis equarum; Hör. Carm. 1,25,13 f:.flagrans amor ei libido, / 

quae solet matres fithare equorum; Tib. 2,1,67 f.: ipse quoque inier agros inierque armenta 

Cupido fnatus et indomitas dicitur inier equas. 



90 DAS ZWEITE KAPITEL DER LIEBESLEHRE 

parcior in nobis nee tant furiosa libido; 
legitimum fmem flammet virüis habet. 

Der Schüler braucht also nicht zu furchten, daß eine Frau ihn abweist. Unter dem 
Drang ihres unersättlichen Sexualtriebes kann sie seine Liebeserklärung kaum er- 
warten. Insgeheim wird sie ihm sogar dankbar sein, daß er ihr die Peinlichkeit erspart, 
selbst um ihn werben zu müssen. 

Nun dürften aber diese Behauptungen nicht jedem Leser unmittelbar einleuchten. Man 
könnte beispielsweise einwenden, daß die Leidenschaft von Tierweibchen und Frauen 
nicht notwendig gleich stark sein muß. Und selbst angenommen, die Frauen seien so 
lüstern, wie Ovid vorgibt, dann folgt daraus zweitens noch nicht, daß sie von allen 
Männern ausgerechnet seinen Schüler wollen. Solchen Zweifeln begegnet Ovid mit 
einer langen Reihe mythologischer Exempel: 26 Zahllose Heroinen durchbrachen aus 
Geilheit die Schranken von Gesetz und Sitte. Selbst von Männern, die ihnen die Natur 
oder das Recht versagten, mochten sie nicht lassen. Trotz der gräßlichen Folgen, die 
ihr Ehebruch mit dem Schwager Thyest nach sich ziehen würde, konnte Aerope nicht 
einmal auf diesen einen einzigen Mann verzichten (Ars 1,327-330): 

Cressa Thyesteo si se abstinuisset amore 

(et quemtum est unoposse carere viro?) 
non medium rupisset Her curruque retorto 

Äuroram versis Phoebus adisset equis. 

Da ist leicht zu ermessen, wieviele sie sonst noch gehabt hat! Es zeigt sich, daß 
Frauen selbst dann nicht zu halten sind, wenn der Verkehr mit dem betreffenden Mann 
ihnen verboten oder gar widernatürlich ist. Erst recht werden sie also die Werbung der- 
jenigen, denen sie sich, straflos hingeben können, freudig begrüßen. 

3.1.1 Pasiphae (Ars 1,289-326) 

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für die unersättliche, tierische Libido der Frau 
ist Pasiphae. An dieser Heroine enthüllt der Liebeslehrer die wahre Natur weiblicher 
Sexualität, die sonst von den Damen so geschickt verborgen wird. 
Bereits Vergil erzählt in den Eklogen (6,45-60) von Pasiphae, und Ovid hat sich von 
diesem Stück anregen lassen. Ein Vergleich beider Fassungen läßt die didaktischen 



26 



Ars 1 283-342 - Die Gleichsetzung von menschlichem und tierischem Sexualtrieb bereitet Ovid 
sprachlich vor; statt z. B. vir und mulier zu sagen, wählt er die Ausdrücke mores (Ars 1 277) und 
femina (278-280) die sowohl bei Menschen als auch bei Tieren passen. In Vers 282 aber wo er 
die männliche Sexualität von der weiblichen unterscheidet, nimmt er das nur bei Menschen ge- 
bräuchliche Adjektiv virilis. Außerdem stellt Ovid sich und seine Geschlechtsgenossen (281: 
nobis) der im distanzierten, synekdochischen Singular zusammengefaßten „Frau" gegenüber. 
Der Wortlaut des Verses 328 ist allerdings umstritten, vgl. F. W. LENZ, Ovidiana, WS 80 (1967) 
190 ff. sowie RAMIREZ DE VERGER (1993) 325. 



3.1 Selbstvertrauen (Ars 1,269-350) 



91 



Absichten des Liebeslehrers hervortreten. 28 Beide Dichter stellen das Geschehen aus 
der Sicht der Heroine dar; die Struktur der zwei Versionen ist ebenfalls ähnlich: 29 



Verg. Ecl. 6 


Ov. Ars 1 


45 f.: Silen tröstet die unglückliche Pasiphae, die 
einen schneeweißen Stier liebt. 


I.Exposition (289-298): 
Der schneeweiße Stier, begehrt von allen Kühen 
- und von Pasiphae: Pasiphae fieri gaudebat 
adidtera tauri; / invida formosas oderat üla 
boves (295 f.); Beglaubigung 


47-52: Apostrophe an Pasiphae 


2. Pasiphae als adultera tauri (299-3 10): 

a) Erzählung (299-302) 

b) Apostrophe an Pasiphae (303-3 10) 


52: tu nunc in montibus erras 

53-55: Der Stier ruht oder verfolgt eine Kuh. 
55-60: In direkter Rede bittet Pasiphae die 
Nymphen, den Stier von den Bergweiden zu 
treiben, und hofft, daß irgendwelche Kühe ihn zu 
den Ställen von Gortyn (d. h. zu ihr) locken. 


3. Eifersucht der Pasiphae - invida formosas 
oderat illa boves (3 1 1-322): 

a) Rückkehr auf die Erzählebene: Pasiphae 
treibt es in die Wälder und Bergweiden (3 1 1 f.). 

b) Sie ist eifersüchtig auf die Kühe (313-316) 

c) und opfert ihre vermeintlichen Rivalinnen den 
Göttern (3 17-322). 

(b und c mit direkter Rede der Pasiphae) 




4. Lösung (323-326): 


Pasiphae wird zur Kuh 



Sowohl Vergil als auch Ovid verschweigen die Vorgeschichte des Mythos und damit 
den traditionellen Grund für Pasiphaes Perversion, wie er z. B. Euripides* Kretern zu 
entnehmen war: Minos hatte Poseidon beleidigt, und dieser weckte zur Strafe in Pasi- 
phae das Verlangen nach dem Stier. 30 Dieser Verzicht auf das Motiv der Götterstrafe 
erlaubt es VergÜ und Ovid, die Rolle der Pasiphae neu zu deuten und zu bewerten. So 
sieht Silen, der Sänger in Vergils sechster Ekloge, in ihrer Leidenschaft eine Form von 
rätselhaftem Wahnsinn, den er sich nicht erklären kann; er hat Mitleid mit der unglück- 
lichen Jungfrau (Verg. Ecl. 6,47): 

a, virgo infelix, quae le dementia cepitl 



Solch einen Vergleich hat bereits McLAUGHLIN (1975) 35 ff. durchgerührt. Er meint, Ovid ent- 
wickele das, was Vergil nur andeute, bis zur Übertreibung, um einen komischen Effekt zu erzie- 
len und den ernsten, pathetischen Ton der übrigen Exempel (Ars 1,283-288, 327-340) zu unter- 
graben, - CASALI (1995) 203 ff. glaubt, daß schon die Erwähnung der Thalia (Ars 1,263 f ) an 
Vergils Ekloge (6, 1) erinnern soll. 

McLAUGHLIN (1975) 36 ff. gliedert die ^-Version in drei Abschnitte, die jeweils durch die in 
beide Richtungen weisenden Distichen 297 f. und 311 f. miteinander verbunden seien. Weniger 
überzeugend ist die Gliederung von WEBER (1983) 31: „A- (Exposition)" f 289-96, „B. Ein- 
schub des Dichters" - 297 f., „C. Pasiphaes Leidenschaft" - 298-326. 

Pergam. Berol. 13217, 20 ff. - GLP III S. 70 ff., Eur. frg. 1 1 = frg, 472a+2 in G. A. SliKCK 
(Hrsg.), Euripides Fragmente. Der Kyklop. Rhesos, Darmstadt 1981; vgl. a. BÖMER (1977) 51 
zu Ov. Met. 8,131 ff., McLAUGHLIN (1975) 34 f., FRECAUT(1982) 21 f. 



92 



Das zweite Kapitel der Liebeslehre 



Ovid dagegen bedauert Pasiphae nicht, wundert sich nicht darüber, daß sie einen Stier 
begehrt, und nennt sie auch nicht wahnsinnig. Denn wie Properz hält er Pasiphaes 
Geilheit nur für einen extremen Fall der furiosa libido (Ars 1,281), die alle Frauen 
erfaßt, sobald sie Scham und Konvention abgestreift haben (Prop. 3, 19, 1-4; 1 1 f.): 

obicitur totiens a te mihi nostra libido; 

crede mihi, vobis imperat ista magis. 
vos, itbi contempti rupistis frena pudoris, 

nesciiis captae mentis habere modum. 

tesiis, Cretaei fastus quae passa htvenci 
induit abiegnae cornua falsa bovi<s>. 

Warum also sollte man die Kreterin bemitleiden, da sie doch nur ihren natürlichen 
Trieben folgte und am Ende auch bekam, was sie begehrte? 

Vergils Version ist beherrscht von dem Gegensatz zwischen Mensch und Tier, den der 
Dichter dadurch hervorhebt, daß er die Heroine mit den Töchtern des Proetus ver- 
gleicht. Diese dachten, sie seien Kühe, und griffen sich oft an die glatte Stirn, um nach 
ihren nicht vorhandenen Hörnern zu fühlen. Dennoch gingen sie in ihrem Wahn nicht 
so weit, das schändliche Beilager eines Bullen zu erstreben (Verg. Ecl. 6,48-51). Wäh- 
rend in den menschlichen Körpern der Proetiden das Bewußtsein einer Kuh wohnte, 
hatte Io umgekehrt den Körper einer Kuh und das Bewußtsein eines Menschen. Auch 
an diese Sage erinnert Vergil, indem er zweimal auf die Io des Calvus anspielt (Serv. 
Dan. zu Verg. Ecl. 6,47 = frg. 9 MOREL): 

a virgo infelix, herbis pasceris amarisl 

Pasiphae aber behält ihre menschliche Gestalt und ihre menschliche Seele: Sie emp- 
findet nicht libido, sondern amor (Verg. Ecl. 6,46), wie eine Frau zu einem Mann. Sie 
gleicht einem unglücklich verliebten Hirtenmädchen, 32 der Stier scheint für sie nur ein 
besonders schönes fexemplar ihrer Herde zu sein. 33 Die Distanz zwischen Mensch und 
Tier läßt sich nicht überbrücken. Eine Vereinigung beider wäre so monströs, daß Pasi- 



Daß in der Ars das Motiv des Mitleides fehlt, bemerken LEACH (1964) 143 und FRECAUT (1972) 
140 Anm. 18. FRECAUT stellt fest, daß Ovid die „monströse Leidenschaft" der Pasiphae als Tat- 
sache hinnimmt und daraus „die logischen Konsequenzen zieht". 

Verg. Ecl. 6,47 erinnert an den Ausruf des verliebten Corydon (Verg. Ecl. 2,69): a, Corydon, 
Corydon, quae te dementia cepit! Das ziellose Umherirren (Ecl. 6,52) „is a Symptom of passion 
in Hellenistic poetry" (W. CLAUSEN, A Commentary on Vergil, Eclogues, Oxford 1994, 196, 
308). Vgl. etwa Theoc. 1,82-85 über das Mädchen, das den spröden Daphnis liebt: ä öe rv Ktibpa 
/ jtäaaQ dvä Kpdvaq, Ttdvx' äXaea Jtoaai (popEixai I ... I tßx&io'. 

Pasiphae humanisiert den Stier nicht; sie weiß, daß man ihn zu ihr treiben muß, daß ihn nur safti- 
ge Gräser oder eine Kuh anlocken können (Ecl. 6,55-60). In der Ars dagegen umwirbt Pasiphae 
den Stier so, als handele es sich um einen Menschen, und während sie eifersüchtig auf die Kühe 
ist, die das Interesse des Stieres auf sich ziehen, empfindet Vergils Pasiphae keine Eifersucht; vgl. 
FRECAUT (1982) 23. 



3.1 Selbstvertrauen (Ars 1,269-350) 



93 



phae ihren Wunsch nicht einmal auszusprechen wagt und Silen nicht erzählt, welches 
Ende die Geschichte nahm. 34 

In der Ars aber handelt die Erzählung vom Gegensatz der zwei Antriebe weiblichen 
Verhaltens, die in den Versen zuvor diskutiert wurden (vgl. 3.1): Es widerstreiten der 
tierhafte Sexualtrieb der Frau und die ihn hemmenden menschlichen Konventionen. 
Ovid zeigt, wie Pasiphae allmählich diese Konventionen ablegt, ihren Trieben freien 
Lauf läßt und so die Kluft zwischen Mensch und Tier überbrückt, bis es schließlich zur 
Vereinigung kommt. 35 

Schon in der Exposition nimmt der Liebeslehrer den Gedanken auf, daß weibliche 
Sexualität bei Mensch und Tier dieselbe sei. Die Schönheit des Stieres, der sich 
schneeweiß von der schattigen Landschaft und seiner Herde abhebt, spricht auch einen 
Menschen an; diese Reize wirken ebenfalls auf die durch wohlklingende Herkunftsbe- 
zeichnungen humanisierten Kühe (Ars 1,289-293). Doch ihr Verlangen ist schlicht und 
tierisch; sie wollen bestiegen werden (Ars 1,293 f.): 36 

illum Cnosiadesqne Cydoneaeque iuvenCae 
opiarunt tergo stistinuisse suo. 

Das will auch Pasiphae, doch sind ihre Wünsche durch menschliche Vorstellungen 
verzerrt: Sie möchte Ehebruch begehen und ist eifersüchtig auf die schönen Kühe 
(295 f.). Der Gedanke an Ehe und Treue ist den Tieren fremd; den Begriff der Schön- 
heit kennen sie nicht 37 Zunächst unterscheidet sich Pasiphaes Werben nicht von den 
Zärtlichkeiten, mit denen ein Mensch sein Lieblingstier verwöhnt. Sie füttert den 
Bullen mit ausgesuchten Gräsern und begleitet ihn wie eine Hirtin die Herde. Aller- 
dings hat sie damit bereits die Grenzen des Anstands durchbrochen, denn weder ihre 



Anders interpretiert E. W. LEACH, The Unity of Eclogue 6, Latomus 27 (1968) 20 f.: LEACH ist 
zwar der Ansicht, daß „Pasiphae is a human being consciously seeking a closer bond with nature 
and frustrated by the distance between". Zugleich aber glaubt sie, Pasiphae sei „compelled by 
animal instincts and restrained by her human form". 

WEBER (1983) 74 bestreitet, daß der Gegensatz zwischen Mensch und Tier aufgehoben wird. 
WEBER will seinerseits eine Entwicklung erkennen, und zwar die Klimax: „Liebe (< Raserei) < 
Eifersucht (< Mord) < Ehebruch (< Minotaurus)" (32). Indes stellen diese Begriffe schon an sich 
keine Klimax dar, ganz abgesehen davon, daß man das Opfern einer Kuh nicht als 'Mord' be- 
zeichnen würde und "daß Ovid der Pasiphae, deren Lüsternheit er an keiner Stelle 'Liebe' nennt, 
einen Ehebruch sogar empfiehlt. 

MCLAUGHLIN (1975) 36 weist daraufhin, daß Ovid hier von Vergils Version abweicht. Im Lied 
des Silen verfolgt der Stier die Kühe, in der Ars verfolgen die Kühe den Stier. Denn nach Ovids 
Darstellung ist auch bei den Rindern das Begehren des Weibchens heftiger als das des männlichen 
Tieres (vgl. Ars 1,279). - MCLAUGHLIN erkennt übrigens ebenfalls „an intentional blurring of 
distinetions between human and animal passions" (37). 

Daher wird der Stier in der Exposition nicht als schön bezeichnet, sondern nur so beschrieben, 
daß er einem Menschen schön erscheint. - WEBER (1983) 33 bemerkt zwar den Unterschied 
zwischen dem Verlangen der Kühe und dem der Pasiphae, meint jedoch, daß er durch die „inhalt- 
liche" und „stilistische Parallelität" der beiden Distichen aufgehoben werde. 



94 



DAS ZWEITE KAPITEL DER LIEBESLEHRE 



Pflichten als Ehefrau noch ihr königlicher Rang halten sie davon ab, dem Stier zu fol- 
gen. 38 Ein neues Stadium dst erreicht, als Pasiphae versucht, das Tier durch wertvolle 
Roben und eine aufwendige Frisur zu beeindrucken. Da wendet sich Ovid in einer er- 
regten Apostrophe direkt an die Königin (Ars 1,303-3 10): 

quo tibi, Pasiphae, preüosas swnere vestes? 

ille iims nuttas sentit adulter opes. 
quid tibi cum speculo moniana armenta petenti? 

quid totiens positasßngis, inepta. comas? 
crede tarnen speculo, quod te negat esse iuvencam: 

quam cuperes fionii cornua nata titae! 
sive placet Minos, nullus quaeratur adulter; 

sive virum mavis /allere, falle viro. 

Anders als man erwarten würde, und anders als Silen, 39 tadelt Ovid Pasiphae nicht aus 
moralischen Gründen. Er zeigt keine Abscheu vor den sodomistischen Neigungen der 
Königin, verurteilt nicht ihre Lüsternheit und empfiehlt ihr sogar, den Minos mit einem 
anderen Mann zu betrügen. Denn der Liebeslehrer akzeptiert Pasiphaes heftige Libido 
als etwas, das bei einer Frau ganz natürlich ist. Nur die Sinnlosigkeit ihres Verhaltens 
tadelt er. 40 Ihre kosmetischen Bemühungen fuhren zu nichts; sie haben auf ein Tier 
keine Wirkung. Ihr Verlangen ist tierisch, ihr Gebaren aber menschlich. Solange sie 
eine Frau ist, muß Pasiphae sich mit Männern begnügen. Nur als Kuh könnte sie den 
Stier gewinnen. Und in der Tat: So als ob sie Ovids Mahnung gehört hätte, wünscht 
sich Pasiphae nun Hörner! 41 

Es wäre aber nicht genug, wenn Pasiphae nur äußerlich zur Kuh würde; sie muß auch 
denken und fühlen wie eine Kuh. Und das kann sie noch nicht. Sie überträgt weiter 
menschliche Maßstäbe auf die Tierwelt, nennt den Stier ihren dominus und sieht in 
einer Färse, die vor ihm herumspringt, eine eitel kokettierende Rivalin 42 Doch durch 
ihre Eifersucht ist sie bereits mehr Tier als die Pasiphae bei Vergil: 43 Vergils „un- 
glückliche Jungfrau" ist nicht eifersüchtig und hofft sogar, daß die Kühe den Stier her- 



38 
39 



42 
43 



Ars 1,299-302. - Als Königin ist Pasiphae nicht gewöhnt, Gras zu schneiden (Ars 1,300). 
Verg.*Ecl. 6,48-51: turpes concubitus; vgl. Verg. A. 6,26: Venus nefimda; Ov. Met. 8,155 f.: 
creverot obprobrium generis, foedumque patebat / matris adultehum monstri novitate biformis. 
Vgl. schon MCLAUGHLIN (1975) 39: „Ovid shows himself upset with something eise entirely, 
Pasiphae' s silly behaviour. Bad enough that what she does is horrible, but it is inept, too!" 
MCLAUGHLIN übersieht allerdings, daß Ovid das Verhalten der Pasiphae an keiner Stelle 
„horrible" nennt; auch aus den Versen 309 f. läßt sich diese Wertung nicht ableiten. 
Hörner zu haben, ist auch für die Proetiden bei Vergil ein wesentliches Merkmal ihres vermeint- 
lichen Kuhseins (Ecl. 6,5 1): et saepe in levi quaesisset cornua fronte. 
Ars 1,313-316, vgl. WEBER (1983) 35. 

Mit dem Distichon Ars 1,3 1 1 f. (i n nemus et saltus thalamo regina relicto / fertur ...) 
erinnert Ovid möglicherweise an eine Stelle, wo Vergil eine brünstige Kuh auf der Suche nach 
einem Stier beschreibt (Verg. Ecl, 8,85-88): qualis cum fessa iuvencum /per nemora 
atque altos quaerendo bucula l u c o s / propter aquae rivum viridi procumbit m ulva / 
perdita, nee serae meminit decedere nocti. 



3.1 Selbstvertrauen (Ars 1,269-350) 



95 



beilocken (Verg. Ecl. 6,58-60). Ovids Pasiphae aher stellt sich mit den Kühen auf eine 
Stufe; sie wird zum Teil der Herde, die in ihren Augen einer menschlichen Gesell- 
schaft gleicht und in der sie die Herrscherin, der Stier aber der Herrscher ist, und straft 
die wehrlosen 'Sklavinnen', die sich ihr 'königlicher Gemahl' zu 'Konkubinen' auser- 
sehen hat. 44 Dabei gibt sie dabei ihren Trieben immer hemmungsloser nach: Sie wird 
davongerissen wie eine rasende Bacchantin (Ars 1,311 f.), brennt voll Ungeduld auf 
Rache (317: iamdudum) und wühlt triumphierend in den Eingeweiden der getöteten 
Kühe (3 19-322). Nun, da die rohe Leidenschaft die Oberhand gewinnt, hat ihr Handeln 
bereits Auswirkungen, allerdings noch nicht die gewünschten. Erst als Pasiphae die 
letzten Konventionen abstreift und endlich erkennt, daß sie sich (wie Io) in eine Kuh 
verwandeln und ganz zum Vieh werden muß, daß sie keinen Gatten oder Liebhaber, 
sondern einen Zuchtbullen (wie den Stier der Europa) 45 braucht, wird ihr tierisches 
Verlangen erfüllt (Ars l,323-326): 46 

et modo se Europen fieri, modo postulat Io, 

altera quod bos est, altera vecta bovel 
hanc tarnen implevit vacca deeeptus acerna 

duxgregis ... 

So lernt der Schüler am Beispiel der Pasiphae, daß man sich von dem stolzen Getue 
der Damen nicht einschüchtern lassen sollte. Mögen diese eultissimae feminae auch er- 
haben auf einer Sänfte über die Menge gleiten und in prachtvollen Gewändern, umge- 
ben von Dienerscharen einherziehen wie Königinnen; 47 wie in der kretischen Königin 
wohnt auch in ihnen ein geiles Tier, das im Grunde nur einen Wunsch hat: besprungen 
zu werden. 

3:1.2 contemnite amantes 

Nun wird sich mancher Leser fragen, ob Ovid nicht übertreibt. Ein oder zwei diskret 
angedeutete Mythen hätten doch genügt, um die sexuelle Bereitschaft der Frau zu er- 
weisen und dem Schüler Mut zu machen! Besteht nicht die Gefahr, daß Ovid dem 
jungen Manne mit dieser Erzählung und der langen Liste inzestuöser, frevelhafter 



Ovid imitiert hier eine^Elegie des Properz (3,15, bes. 13 ff.), in der erzählt wird, wie Dirke aus 
Eifersucht ihre unschuldige Sklavin Antiope mißhandelt, vgl. HOLLIS (1977) ad loc. 
Es ist allerdings unklar, ob Zeus der Europa als Stier oder in menschlicher Form bewohnte; vgl. 
ESCHER, RE VI (1909) 1296 s. v. Europa. Und in den Metamorphosen (3,1 f.), wo Ovid den 
Zeugungsakt mit Schweigen übergeht, scheint sich Jupiter zuerst zurückvcrwandelt zu haben. 
Doch war Europa das nächstliegende Vorbild für das, was Pasiphae wollte, und da der Mythos 
keine eindeutigen Angaben macht, ist zumindest möglich, daß Pasiphae an eine Vereinigung zwi- 
schen Frau und Stier dachte. Mit altera vecta bove vgl. a. Ars 3,777: parva vehatur equo. 
Man beachte, daß Pasiphae in Vers 325 nur noch als Objekt erscheint. Da sie nicht mehr mensch- 
lich ist, kann Ovid auch nicht mehr aus ihrer Perspektive erzählen. 
Vgl. etwa Ars 1,487; Prop. 3,14,27-30. 



L 



96 



Das zweite Kapitel der Liebeslehre 



Heroinen Verachtung gegenüber dem anderen Geschlecht einflößt? 48 Tatsächlich ist 
eben dies das Ziel des Liebeslehrers: Es ist besser, der Schüler verachtet die Dame, der 
er sich aufdrängen muß, als daß er sie wie ein 'elegisch' Liebender in unerreichbare 
Höhen erhebt. 

Zwar galten Frauen in der Antike als seelisch schwächer und entsprechend anfälliger 
für die Lockungen des Fleisches. 49 Doch der 'elegisch' Liebende hat eine ganz andere 
Vorstellung von seiner domina. Er hält es für schlechthin unmöglich, daß sie ihn lieben 
könnte, während er selbst ihr in rasender Leidenschaft ffuror) 50 hilflos ausgeliefert ist: 
Tibull kennt eine Zauberin, die - wie er mit eigenen Augen gesehen hat - Sterne vom 
Himmel zieht , den Lauf von. Flüssen.umkehrt, Tote zum Leben erweckt, nach Lust und 
Laune das Wetter bestimmt und als einzige Medeas Kräuter und die Hunde der Hekate 
beherrscht (Tib. 1,2,45-54). Diese allmächtige Zauberin hat er gebeten, ihn von seiner 
unglücklichen Liebe zu befreien oder in Delia Gegenliebe zu wecken; aber weder das 
eine noch das andere ist ihr gelungen (Tib. 1,2,61-66). Auch Properz bittet Hexen, die 
Geliebte bei seinem Anblick ein wenig mehr erbleichen zu lassen; wenn sie das ver- 
möchten, würde er ihnen auch zutrauen, den Lauf von Sternen und Flüssen _ zu ändern 
(Prop. l,l,19-24). 51 Daß seine Herrin ihn liebte, käme dem 'elegisch 5 Liebenden also 
einem Wunder gleich. Ja, es wäre in seinen Augen geradezu widernatürlich, wenn sie 
ihn begehrte. 

Und ebenso widernatürlich wäre es, wenn er selbst nichts mehr für sie empfände. 
Daher gebraucht er Adynata, in denen Motive aus dem Hexenzauber wiederkehren, um 
seine unverbrüchliche Liebe zu beschwören. Eher verdunkelt sich die Sonne und 



48 



50 
51 



FRECAUT (1982) 27 meint, der Schüler werde eher eingeschüchtert als ermutigt. SCHUBERT 
(1992) 188 bemerkt, Ovid entwerfe in den Exempeln nicht gerade das „Wunschbild einer Frau", 
und folgert, „daß die Beweisführung nicht ganz ernst genommen werden darf*. WELLMANN- 
BRETZIGHEIMER (1981) 21 f. ist der Ansicht, Ovid vermittele durch diese abschreckenden Bei- 
spiele indirekt das Ideal einer zivilisierten Menschheit: „... an den Beginn der ars capiendi" setze 
Ovid „ein apotreptisches Mahnmai, das vor der Abscheulichkeit unbeherrschter cupido warnt und 
die Notwendigkeit einer Bändigung und rationalen Lenkung des Affekts evident macht." Mit der 
„unbeherrschten cupido" des Mannes beschäftigt sich Ovid aber erst im letzten Kapitel der 
Liebeslehre (vgl. 6.5). 

So glaubte man, die Frau empfinde beim Verkehr (neunmal) größere Lust (Hes. frg. 275 MER- 
KELBACH/WEST; Ov. Met. 3,316 ff.), sei leidenschaftlicher als der Mann und dabei ganz rück- 
sichtslos (A. Ch. 596-601; E. Hipp. 966-70; Petr. 110,6 f.; Juv. 11,168-70); der Mann könne 
sich beherrschen, eine Frau nicht (Anaxandr. frg. 60 KOCK: ptjSe jtote SovXov tfSovrjg aavrdv 
xoter / Xäyvnq yvvaiKÖg eoriv, oök ävöpdg töSe; Men. Sam. 349 f.); obwohl ihre Leidenschaft 
größer sei, könne die Frau sie besser verbergen (E. Andr. 220 f.: Kairoi %dpov' äpoevcov vöaov / 
ravrrjv vooovfiev, äXXä xpovarrjftev kolAoöq; AP 10,120, dem Nonnos zugeschrieben: JJaoa 
yuvr} (piUei jcXeov ävipog, aiöopevtj öä / KeuOet fcevrpov Spcorog ipcofitaveovoa Kai aöTtj); nur 
sexuelles Verlangen könne eine Frau zu Verbrechen anstacheln (Rhet Her. 4,23). - Vgl. ferner 
z. B. K. J. DOVER, Greek Populär Morality in the Time of Plato and Aristotle, Berkeley/Los 
Angeles 1974, 101 f.; FEDELI (1985) 570 f.; PARKER (1992) 99; EDWARDS (1993) 81-84. 
Prop. 1,1,7; vgl. dazu STROH (1983) 222. 
Vgl. STEIDLE (1962) 114. 



3.1 SELBSTVERTRAUEN (ARS 1,269-350) 



97 



strömen Flüsse zu Jtoer^QueJte zurück, als daß Properzens rasende Liebe ein Maß und 
Ende findet (Prop. 2,15,29-36): 52 

errat, qui finem vesani quaerit amoris : 

verits amor null um novit habere modum. 
terra prius falso partu deludet arantis, 

et citius nigros Sol agitabit equos. 
flu. mjngque. ad caput iwipMnUwocgreJiquores, 

aridus et sicco gttrgite piscis erit t 
quam possim nostros alio transferre dolores: 

huius ero vivus, mortuus huius ero. 

Auch mit Beispielen aus der Fauna illustriert er seinen furor. Ein Fisch kann nicht auf 
dem trockenen Strand leben, ein Eber nicht im Meer und Properz nicht ohne Cynthia 
(Prop. 2,3,5-8): 

quaerebam, sicca si posset piscis harena 

nee solitusponto vivere torvus aper, 
aut ego si possem studiis vigilare severis: 

differtar, numquam tollitur ullus amor. 

Diesen ^'elegischen' Vorurteilen widerspricht der Liebeslehrer. Der Schüler der Ars 
darf überzeugt sein, daß seine Dame ihn ebenfalls begehrt; ja, es wäre widernatürlich, 
wenn sie sich ihm verweigerte, wie Ovid - ebenfalls mit Adynata aus der Tierwelt - 
unterstreicht. Eher schweigen Vögel und Zikaden, eher flieht der Hund vor dem 
Hasen, als daß eine Frau zärtlichem Werben widerstrebt (Ars 1,271-273): 

vere prius volucres taceant, aestate cicadae, 

Maenalius lepori det sua terga canis, 
femina quam iuveni blande temptata repugtiel 

Denn sie wird von rasender Leidenschaft getrieben, während das Verlangen des 
Schülers, im Gegensatz zu dem Liebesrasen des Properz, Grenzen hat (Ars 1,281 f.): 



Außerdem Prop. 1,15,29-31: yaM9,l9beniur_flumim..PWX9j / annus ei inversas duxerit ante 
vices. / quam tua sub nostro mutetur pectore cura\ Tib. 1,9,35 f.; Ov. Am. 2,17,31-34. Vgl. 
ferner den Meineid der Neaera (Hör. Epod. 15,7-10): dum pecori luptts et nautis infestus Orion / 
turbaret hibermtm mare / intonsosque agitaret Apollinis aura capillos, / fore hunc amorem 
muiuum. In dieser Epode rinden sich übrigens zahlreiche Parallelen zur Uebeselcgie, vor allem 
zur Monobiblos des Properz. Die Situation des Eides erinnert z B. an Prop, 1,13,15-20); vgl. 
ferner Epod. 15,11 - Prop. 1,15,27 (doli(ura); Epod. 15,20 (tibique Pactolus flucti) -. Prop. 
1,14,11: (tum mihi Pactoli veniunt sub tecto liquores); Epod. 15,23 (iranslatos ... amores) - 
Prop. 1,12,17 f. (mittare calores; tramlato ... servilio). Manche dieser Parallelen bemerken 
schon V. GRASSMANN (Die erotischen Epoden des Horaz. Literarischer Hintergrund und sprach- 
liche Tradition, München 1966, 34 ff.) und P. FEDELI (Nox erat et caelo fulgebat luna sereno. 
Tra elegia e giambo, RCCM 29 [1977] 373-381). Sie erklären den Befund damit, daß Horaz und 
die Elegiker dieselben Quellen, besonders das hellenistische Epigramm, benutzt hätten. Ange- 
sichts der wörtlichen Anklänge scheint mir dies jedoch wenig wahrscheinlich. Warum sollte 
Properz nicht direkt von Horaz (oder, was weniger wahrscheinlich ist, Horaz von Properz) beein- 
flußt worden sein? Abwegig ist GRASSMANNs Behauptung (43): „,.. die ernste Auffassung des 
gegebenen Liebeseides in epod. 15" sei „nicht elegisch." 



98 Das zweite Kapitel der Liebeslehre 

parcior in nobis nee tarn furiosa libido ; 
legitimum finem flammet virilis habet. 

Warum also sollte der Liebeskünstler Scheu vor seiner natürlichen Beute empfinden? 
Der 'elegisch' Liebende aber wagt es kaum, sich seiner Herrin zu erklären. Schüchtern 
spricht er sie nicht direkt an,' sondern äußert seinen Wunsch als Gebet an Venus: Die 
Frau, deren Beute er vor kurzem geworden ist, möge ihn lieben oder ihm wenigstens 
einen Grund geben, daß er sie liebe. Doch, nein!, das wäre zu vermessen; wenn sie 
sich nur von ihm lieben läßt, ist dies der Gnade genug (Ov. Am, 1,3, 1-4): 

iusta precor: quae me nuper praedata puella est, 

aut amet aittfaciat, cur ego semper amem. 
a, nimium volui: tantum patiatur amari, 

audierit nostras tot Cytherea preces. 

Warum der 'elegisch' Liebende sich nicht vorstellen kann, daß das Mädchen seine 
Liebe erwidert, und warum er sie so schüchtern und ohne Zuversicht umwirbt, sagt 
keiner der drei Elegiker. Ausgesprochen wird die Antwort jedoch in einem Gedicht 
([Verg.] 54 Cat. 4), das unter dem Einfluß der römischen Liebeselegie, besonders des 



Vgl. STROH (1971) 1J28 f., ferner Ov. Am. 3,2,55 ff.; [Tib.] 3,1,19 f. (die Erwartungen des Dich- 
ters werden immer bescheidener): illa mihi referet, si nostri mutua cura est, /an minor, an toto 
pectore deeiderim. - Da Tibull und Properz sich von Anfang an in eine Beziehung verstrickt dar- 
stellen (vgl. S. 85 f.), findet man in ihren Elegien auch keine Liebeserklärung. Vgl. aber noch 
Valerius Aedituus frg. 1 MOREL: Dicere cum conor curam tibi, Pamphila, cordis, / quid mi abs 
te quaeram, verba labris abeunt, /perpectus manat subito <subido> mihi sudor: /sie tacitus, 
subidus, dum pudeo, pereo. 

Einige Autoren meinen, daß diese Elegie von Vergil selbst stamme; vgl. J. RICHMOND, Recent 
Work on the 'Appendix Vörgiliana' (1950-1975), ANRW II 31,2 (1981) 1147 sowie J. und M. 
GÖTTL, Vergil, Landleben, Catalepton, Bucolica, 5. Aufl. München/Zürich 1987, 308. - Zu 
diesem Urteil gibt wohl weniger die poetische Qualität der Elegie Anlaß als vielmehr die Person 
des angesprochenen Musa. K. E. H. WESTENDORP BOERMA (P. Vergili Maronis Catalepton I, 
Assen 1949, 74-81), der sich für die Verfasserschaft Vergils ausspricht, stellt verschiedene uns 
bekannte Personen dieses Namens Vor. WESTENDORP BOERMA nimmt an, bei dem Musa in Cat. 
4 und dem in Cat. 1 1 betrauerten Historiker Octavius handele es sich um dieselbe Person und 
dieser 'Octavius Musa' sei wiederum derselbe Octavius, den sich Horaz als Kritiker wünscht 
(Hör. S. 1,10,82), und identisch mit dem Octavius Musa, der nach Servius (ad Buc. 9,7) im Auf- 
trag des Octavian 41 v. Chr. Enteignungen in Mantua durchführte. - Mehrere Gründe sprechen 
gegen diese Annahmen: Erstens ist die Identifikation der in den drei Gedichten (Cat. 4, Cat. 1 1 
und Hör. S. 1,10) erwähnten Personen an sich schon unsicher und gründet sich neben der (nur 
teilweisen!) Namensgleichheit allein auf den Umstand, daß alle drei als Literaten charakterisiert 
werden. Zweitens erwähnt Servius nicht, daß der Landvermesser Octavius Musa als Historiker 
oder sonst irgendwie literarisch tätig war, und berichtet sogar drittens, daß dieser Mann die Man- 
tuaner ungerecht behandelte, weil sie einmal sein Vieh auf einer öffentlichen Weide festgehalten 
hatten. Warum aber sollte Vergil ausgerechnet jemanden loben, der seiner Vaterstadt ein Leid an- 
tat? Viertens kann der von Servius erwähnte Octavius Musa kaum jünger gewesen sein als Ver- 
gil; in Cat. 4 spricht aber ein älterer Mann zu einem jüngeren Freund, denn es wäre merkwürdig, 
wenn ein junger Mann einem anderen jungen Manne zugute hielte, daß dieser schon als Jüngling, 
d. h. obwohl er noch ein Jüngling ist (WESTENDORP BOERMA ad v. 5), mit allen Gaben des Phoe- 
bus ausgestattet wurde. Fünftens wird Musa in Cat. 4 nicht als Historiker gepriesen, sondern als 
Redner, vgl. bes. loquitur (9 f.). Tatsächlich kennen wir einen Redner Musa, den der jüngere 



3.1 Selbstvertrauen (Ars 1,269-350) 



99 



Properz entstanden sein dürfte: 55 Der Dichter erklärt einem gewissen Musa seine 
Liebe. Wohin es ihn auch verschlagen mag, keiner wird ihm je teurer seift als Musa. 
Denn die Götter haben diesen Jüngling mit so reichen Gaben ausgestattet, daß er 
liebenswerter, talentierter, gebildeter und eloquenter ist als alle anderen Menschen 
([Verg.] Cat 4,1-10): 

Quocitmque ireferunt variae nos iempora vitae, 

längere quas terras, qttosque videre homines, 
dispeream, si tefuerit mihi carior alter 

(alter enim qui te dulcior esse potest?) 
5 cid iuveni ante alios divi divumquesorores 

euneta, neqtie indigno, Musa, dedere bona, 
euneta, quibus gaudet Phoebi chortts ipseque Phoebus; 

doctior o quis te, Musa, fuisse potest? 
o quis te in terris loquitur iueundior uno? 
10 (Clio tarn certe Candida non loquitur!) 

Wie ein 'elegisch' Liebender überhöht der Sprecher den Musa. Er stellt ihn als beson- 
deren Liebling der Götter dar, mit dem sich nicht einmal die Muse Clio, geschweige 
denn ein normaler Sterblicher messen könne. 57 Und weil Musa so übermenschliche 
Vorzüge hat, wird der Sprecher diesen gottgleichen Jüngling ewig und mehr lieben als 
irgendjemand anderen. Umgekehrt ist gerade die erhabene Natur des Musa auch der 



Seneca und seine Brüder gerne hörten (Sen. Con. 10 pr. 9). Wenn der Adressat von Cat. 4 über- 
haupt zu identifizieren ist, so dürfte es sich um diesen Mann gehandelt haben, der Anfang des 1, 
Jh. n. Chr. wirkte. Dann kann aber Vergil nicht der Verfasser von Cat. 4 sein. 
Die Verse 1-4 sind eine 'elegische' Liebeserklärung (vgl. S. 31 Anm. 21), allerdings so abgewan- 
delt, daß sie zu einer Männerfreundschaft paßt: Immer und unter allen Umstanden wird der Jüng- 
ling dem Sprecher der Liebste sein, vgl. mit Cat. 4,1 etwa Prop. 2,21,19 f.: nos quocumque 
loco, nos omni tempore tecum / sive aegra pariter sive valente sumus. Den unerfüllten 
Wunsch nach amor mutuus (v. 12) äußert auch Tibull (1,2,65; 1,6,76; vgl. in nicht erotischem 
Kontext z. B. Cic. Farn. 12,17,3). Besonders zahlreich sind die motivischen und sprachlichen 
Parallelen zu Properz; vgl. zu den Motiven 'Überhöhung' und 'Göttergaben' vor allem Prop. 
1,2,27-30: cum tibi praesertim Phoebus sua carmina donet / Aoniamque libens Calliopea 
lyram, / unica nee desit iueundis gratia verbis, / omnia quaeque Venus, quaeque 
Minerva probat; Prop. 2,2,3: cur haec in terris facies httmana moratur?\ Prop. 2,3,23- 
28: non tibi nascenti primis, mea vita, diebus / candidus argutum sternuit omen Amor? / haec 
tibi contulerunt caelestia rnunera divi, /haec tibi ne matrem forte de d i s s e putes. /non 
non humani partus sunt talia dona; / ista decem menses non peperere bona. - Auch einzelne 
Wendungen scheinen von Properz angeregt zu sein, z. B. Prop. 2,21,9: dispeream, si .; 2,24,15: a 
peream, si ... ; 2,9,2: carior alter (vgl. aber auch Verg. A. 12,639); Prop. 2,1,1 und bes. 2,7,13; 
itnde mihi. Mehrere Elegien der Monobiblos schließen wie Cat. 4 mit einem Distichon, das mit 
dem Wort quare beginnt und gleichsam die Lehre ausspricht, die man aus den vorangegangenen 
Versen ziehen soll (Prop. 1,5,31 f.; 1,9,33 f.; 1,19,25 f., vgl. a. 2,16,7 f. und 55 f.; 2,24,9 f.). 
Ich übernehme die Konjektur von CASAUBON anstelle des überlieferten nam. Die Eloge schließt 
dann passend mit einer Hyperbel: „So sicher/treffend (wie du) redet nicht einmal Clio!" - Zur 
Junktur certa loqui vgl. Prop. 3,13,61: certa loquor, sed nulla fides; Ov. Met. 5J296: linguae 
tarn certa loquentes; Mart. 14,76, 1 . - Eine ähnliche Hyperbel findet man Prop. 2,2, 13 f. 
Vgl. WlLDBERGER (1998). 



100 



Das zweite Kapitel der Liebeslehre 



Grund dafür, daß der Sprecher niemals mehr von ihm erbitten würde, als nur, daß er 
sich lieben läßt; auf Gegenliebe wagt er nicht einmal zu hoffen ([Verg.] Cat. 4, 1 1 £): 

quare illudsatis est, si tepermitiis amari: 
nam contra ut sit amor mutuus, unde mihi? 

Aus demselben Grunde, weil er seine Geliebte überhöht, ist auch der 'elegisch' Lie- 
bende unfähig, sie entschlossen und zuversichtlich zu erobern. Er glaubt von vornher- 
ein nicht an seinen Erfolg: Wie könnte dieses überirdische Geschöpf ihn, einen ein- 
fachen Sterblichen, wiederlieben oder gar begehren?! - Wer so denkt^ braucht sich 
nicht zu wundern, wenn er auch wirklich abgewiesen wird. Damit das dem Schüler der 
Ars nicht passiert, zeichnet Ovid die Lüsternheit der Frauen in so derben, drastischen 
Farben, daß der junge Mann seine Geliebte gewiß nicht vergöttert, sondern ihr mit der 
Geringschätzung begegnet, die in diesem Stadium des Werbens von Vorteil ist. 

Daß Geringschätzung zu einem erotischen Erfolg fuhren kann, begreift auch Properz; 
jetzt, da er der Geliebten gegenüber gleichgültig geworden ist, schenkt Cynthia ihm 
unermeßliche Freuden (Prop. 2,14,19): 58 

hoc sensi prodesse magis: contemniie, amantesl 

Doch als er demütig um ihre Gunst flehte, galt er ihr weniger als ein ausgetrockneter 
Brunnen (Prop. 2,14,11 f.): 

ctt dum demissis supplex cervicibus ibam, 
dicebar sicco vilior esse lacit. 

Aber trotzdem kann Properz seine neue Einsicht nicht mehr dazu nutzen, eine glück- 
liche Liebesbeziehung zu entwickeln, wie es der Schüler der ^4r.y tun wird. 59 Während 
nämlich dieser seiner Damezunächst gleichgültig begegnet und mit der Zeit eine tiefe 
Zuneigung zu ihr faßt (vgl. 6.6.2), überhöht Properz die Geliebte von Anfang an; erst 
viel später, als seine Gefühle erkalten und er entschlossen ist, sich von seiner unguten 
Liebe zu befreien, 60 wird ihm bewußt, daß Cynthia weder so überirdisch schön (Prop. 
3,24,1 ff.) noch so kühl und unnahbar ist, wie er einst glaubte. Mit Adynata, also mit 
der Stilfigur, mit der er früher seine eigene Leidenschaft zum Ausdruck brachte, be- 
schreibt er jetzt die brennende Geilheit der Frauen (Prop. 3,19,5-10): 61 



60 
6t 



Im Kontext dieser Elegie meint Properz zwar besonders, daß man sich gleichgültig zeigen sollte, 

wenn die Geliebte ein Treffen absagt (vgl. a. Prop. 2,18,1 ff.). Da er den Gedanken jedoch sehr 

allgemein formuliert ist, scheint es zulässig, ihn auch in allgemeinerem Sinne zu interpretieren. 

Dies deutet Properz in der Elegie 2,14,15 f. selbst an: atque utinam non tarn sero mihi nota 

ßtisset / conditio! einen nunc medicina datur. 

Der Wendepunkt ist der Bacchus-Hymnos Prop. 3,17. 

Vgl. schon Prop. 2,32,49-51: tu prius etfluetus^pptemsiccaremarinos, / altaque mortali de- 

li gere antra manu. / quam facere, ut nostrae nolint peccare puellae. Dort ist aber vor allem 

Habgier das Motiv der Ausschweifungen (vgl. 41 f.). - Nachdem Marathus den Tibull mit einem 

häßlichen, aber reichen Mann betrogen hat, schämt sich der Dichter, ihn gepriesen zu haben (Tib. 



3.1 Selbstvertrauen (Ars 1,269-350) 101 

flammaper incensas ciüus sedetur aristas, 

flxmimqueadjonMsmirMHWM capui ; 

etplacidum Syrtes portum et bona litora nautis 
praebeat hospitio saeva Malea suo, 

quam possit vestros quisquam reprehendere cursus 
et rabidae slimulos frangere nequiüae. 

Es folgt ein Katalog von Heroinen, die hemmungslos ihren Trieben nachgaben. Diesen 
Katalog übernimmt Ovid in die Ars und beruft sich damit implizit auf die Autorität des 
älteren Elegikers. Allerdings ordnet er die Mythen neu, ergänzt sie nach didaktischen 
Gesichtspunkten und streicht das Exempel der Tyro,, das im Kontext der Ars gestört 
hätte. 62 

Ovid beginnt mit Beispielen sexueller Perversion und stimmt den Schüler durch das 
noch recht harmlose unerfüllte Inzestbegehren der Byblis auf das Folgende ein. 

Schlimmer ist schon das Vergehen der 
Myrrha, die mit ihrem Vater tatsächlich 
verkehrte. Die Sodomie der Pasiphae 
illustriert das Paradoxon, daß die unge- 
hemmten, natürlichen Triebe der Frau 
sogar widernatürliche Folgen haben 
können. Diesen Gedanken, der an die 
Liebes-Adynata der Elegie erinnert, ent- 
wickelt Ovid in den nächsten Beispielen 
weiter: Aeropes Ehebruch führte dazu, 
daß die Sonne ihren jLauf umkhitte. 
Während Properz die Version der Scylla-Geschichte erzählt, in der die Tochter des 
Nisus vom Schiff des Minos zu Tode geschleppt wird, schließt sich Ovid dem Vergil 



1,9,47-52) und traut ihm sogar Sodomie zu (Tib. 1,9,75 f.): huic tarnen acettbuit noster puer: 
hunc ego credam/ cum trueibus venerem jüngere posseferis. Auch hier handelt der Knabe aus 
Habgier. 

Bei Properz fugt sich das Exempel gut in den Tenor der Elegie, denn er verweist auf eine Stelle 
im ersten Buch, an der die heftige Leidenschaft eines Mannes beschrieben wurde (Prop. 
1,13,21 f.): non sie Haemonio Salmonida mixtus Enipeo / Taenarius facili pressit amore deus. 
Nun kehrt Properz das Exempel um und zeigt, daß die Frau noch heftiger empfindet. - Anderer- 
seits dienen auch die von Ovid neu hinzugefügten Exempel nicht nur dazu, den Katalog zu ver- 
längern: Byblis bereitet die Liste immer monströseren Perversionen vor. Das Beispiel der Aerope 
kommt den oben beschriebenen Hexenzaubern und Adynata der Liebeselegie besonders nahe. Und 
die drei Stiefmütter am Schluß machen den Leser glauben, daß diese Form der Unzucht eine weit 
verbreitete Erscheinung sei, wenn sie schon im Mythos mehr als einmal belegt ist. - Zur Struktur 
des Kataloges in der Ars vgl. a. McLAUGHUN (1975) 30-32, WEBER (1983) 25-29. - Noch in 
einer weiteren Elegie (3,15) wirft der allmählich ernüchterte Properz seiner Geliebten rasende 
Leidenschaft vor, wie er sie früher selbst für sie empfand. Cynthia ist eifersüchtig auf die Sklavin 
Lycinna, was Properz zum Anlaß nimmt, die Grausamkeit eifersüchtiger Frauen am Beispiel der 
Dirke, die ihre unschuldige Dienerin Antiope mißhandelte, zu illustrieren. Auf diese 1 Elegie spielt 
Ovid in der Erzählung von Pasiphae an (vgl. Anm. 44). 



Prop. 3,19 


Ov. Ars 1 


11 f.: Pasiphae 
13f.:Tyro 
15 f.: Myrrha 


(neu) 283 f.: Byblis 
285-288: Myrrha 
(entfällt) 
289-326: Pasiphae 


17f.:Medea 


(neu) 237-330: Aerope 
331 f.: Scylla 


19 f.: Clytaemnestra 


333 f.: Clytaemnestra 


21-28: Scylla 


335 f.: Medea 




(neu) 337-340: lüsterne 
Stiefmütter, u. a. Phaedra 



L 



102 



Das zweite Kapitel der Liebeslehre 



an (Ecl. 6,74 ff.) und identifiziert diese Scylla mit der Tochter des Phorcys, die in eine 
widernatürliche Erscheinung, in ein Meerungeheuer verwandelt wurde. Clytaemnestra 
und Medea haben beide Morde an denen begangen, die sie eigentlich lieben sollten; sie 
verstießen also gegen Gesetze der Natur und der Menschen. Das Recht brechen auch 
die letzten drei Heroinen. Mit ihnen kehrt Ovid zu dem Ausgangspunkt des Exkurses, 
zu der Behauptung, daß der Liebeskünstler jede Frau haben könne, zurück. Denn alle 
drei begehrten ihre Stiefsöhne, also junge Männer wie den Schüler. 

3.1.3 Keine Angst vor der Abfuhr! (Ars 1,343-350) 

Am Anfang des Abschnittes forderte Ovid von dem jungen Mann Zuversicht; jede 
Frau, so hieß es, könne erobert werden (Ars 1,269 f.): 

prima Htae menti veniet fiducia, cunctas 
posse capi : capies, tu modo tende piagas. 

Nun, da er den Schüler zuversichtlich gestimmt hat, schränkt der Liebeslehrer diese 
Aussage ein, wobei er die Einschränkung allerdings geschickt in einem aufmunternden 
Zuspruch verbirgt. 63 Man darf darauf hoffen, jede zu erobern; kaum eine unter vielen 
wird einen zurückweisen (Ars 1,343 f.); 

ergo age, ne dubita cunctas sperare puellas: 
vix erit e multis, quae neget, una, tibi. 

Diese Einschränkung ist didaktisch sinnvoll. Erstens verleiht sie Ovids Lehren zur 
Libido der Frau größere Überzeugungskraft. Da ihm ohnehin niemand abnehmen wür- 
de, daß wirklich alle Damen so mannstoll sind wie die genannten Heroinen, sieht der 
Liebeslehrer schon von sich aus die eine oder andere Ausnahme vor. Und gerade diese 
Ausnahmen geben ihm zweitens Gelegenheit, noch weitere ermutigende Gründe anzu- 
führen, deretwegen man sich nicht scheuen sollte, es bei jeder Frau zu versuchen, die 
man begehrt (345-348). Vor allem aber darf der junge Mann drittens auch nicht z u 
selbstsicher sein. Er soll zwar anleinen Erfolg glauben, jedoch nicht meinen, er 
brauche die Dame gar nicht erst zu umwerben, da sie sich ihm ja ohnehin sofort in die 
Arme werfen werde. Nur wenn er auch eine Abfuhr für möglich hält, wird der Schüler 
bereit sein, die folgenden Vorschriften zu beachten und die von Ovid empfohlene lang- 
wierige, bisweilen recht mühsame Eroberungsstrategie in die Tat umzusetzen. 



Weber (1983) 23 



3.2 Die Sklavin (Ars 1,351-398) 



103 



3.2 Die Sklavin (Ars 1,351-398) 

Bevor der Schüler persönlich an die auserwählte Dame herantritt, soll er eine ihr eng 
vertraute und zugleich diskrete Sklavin, z. B. ihre Friseuse, für sich einnehmen. Wenn 
diese den Weg bahne, könne er leicht an das Ziel seiner Wünsche gelangen (Ars 1,351- 
356). Auch in der Elegie werden Vermittler eingeschaltet, und man möchte meinen, 
daß Ovid hier nichts Neues sagt. Indes macht der 'elegisch' Liebende Fehler, die der 
junge Liebeskünstler zu vermeiden lernt: 

So irren Properz und Tibull bei der Auswahl der Vermittler. Properz erfährt von einem 
puer, daß die Geliebte ein Treffen abgesagt hat (Prop. 2,22b,49 f.); nach einem Streit 
soll der Sklave Lygdamus die Stimmung in Cynthias Hause erkunden und Properzens 
Liebesschwur überbringen (Prop. 3,6). Solche männlichen Vermittler können nur 
Botschaften hin- und hertragen. Dagegen ist die Sklavin, mit der der Liebeskünstler 
zusammenarbeitet, in die Gedanken und Pläne der Geliebten eingeweiht 64 und leistet 
mehr. Wie die ornatrix Nape in den Amores, wirbt sie selbständig für den Schüler. 65 
Benötigt Tibull jemanden, der in dieser Weise auf die Geliebte einwirkt, so bittet er 
Delias Mutter um Hilfe. 66 Doch Angehörige sind als Verbündete nicht geeignet, eben- 
sowenig wie eine Kupplerin, 67 die einem das Mädchen zwar zuführt, jedoch nur, um 
den Liebhaber selbst ausbeuten zu können. Da ist es allemal billiger 68 und sicherer, 
eine Sklavin zu bestechen. Sie steht der Geliebten einerseits so nahe, daß sie Einfluß 
auf sie hat; andererseits ist sie nicht so eng mit ihrer Herrin verbunden, daß sie nur an 
deren Interessen dächte. Wenn also der Schüler Ovids Empfehlung folgt, Wird er ge- 
wissermaßen ein trojanisches Pferd (Ars 1,363 f.) im Hause der Geliebten haben: Die 
Dame glaubt, ihre Zofe sei ihr treu ergeben; doch ist diese in Wirklichkeit für den Lie- 
beskünstler tätig. 

Ferner macht sich der 'elegisch' Liebende von den Botensklaven in demütigender 
Weise abhängig und hat das Gefühl, daß diese ihr Spiel mit ihm treiben. Properz fürch- 
tet, Lygdamus könne ihm etwas vormachen (Prop. 3,6,3 f.). An anderer Stelle beklagt 
er, daß er als freier Mann einen Sklaven beschenken muß, nur damit dieser seiner 
Herrin eine Nachricht zu bringen verspricht (Prop. 2,23,3 f.): 

ingenuus quisquam alterius dat munera servo, 
ut promissa suae verbaferat dominae ? 



64 
65 
66 



67 
68 



Ars 1,353: proxima consiliis dominae; 397 f. und - sofern man das Distichon halten will - 395 f. 

Ov. Am. l,llund 1,12; vgl. bes. 1,11,5: saepe venire ad me ditbilcmtem hortata Cörinnam. 

Tib. 1,6,57 f. und 67: sit modo casta doce. - Bei Nemesis beruft er sich auf die verstorbene 

Schwester: Sie soll der Geliebten im Traum erscheinen! (Tib. 2,6,29-40) - Vgl. a(>er auch Tib. 

1,2,96: amillam medio detinuisseforo. 

Ob Delias 'Mutter' in Wahrheit eine Kupplerin ist, erörtert MURGATROYD (1980) 200 f. 

Vgl. Ars 2,251 ff. 



104 



Das zweite Kapitel der Liebeslehre 



Wegen seiner heftigen Leidenschaft, weil er sich der Geliebten um jeden Preis nähern 
will, ist der 'elegisch' Liebende dem Boten ausgeliefert; die Standesunterschiede 
scheinen aufgehoben, beide dienen derselben Herrin. 

Noch in anderer Hinsicht gefährdet allzu heftige Leidenschaft den Erfolg: Der Lieben- 
de in Amores 1,11 hat sich nicht in der Gewalt und schadet damit der eigenen Sache. 
Sein drängendes Verlangen duldet keinen Aufschub, und so gibt er der Briefbotin 
widersinnige Anweisungen, die sie beim besten Willen nicht ausfuhren kann. Nape soll 
seinen Brief erst dann übergeben, wenn die Geliebte in der richtigen Stimmung ist, 
aber dennoch dafür sorgen, daß sie ihn sofort liest (Am. 1,11,15 f.). Dabei soll die 
Sklavin aus der Miene der Herrin erraten, wie diese wohl reagieren wird (17 f.), und 
ihr zugleich befehlen (!), auf der Stelle mit einem langen Brief zu, antworten. Obwohl, 
was soll das Mädchen sich die Finger müde schreiben? Es genügt, ihr ein einziges 
Wort zu diktieren: „Komm!" (19-24). 70 Wer diese 'Instruktionen' gelesen hat, wundert 
sich nicht mehr darüber, daß die erhoffte Einladung ausbleibt (Am. 1,12). 

Dagegen wird der Schüler fer Ars mit kühler Überlegung zum Erfolg gelangen. Einer 
Person, die im Range weit unter ihm steht, liefert er sich nicht aus. Anstatt - wie 
Properz - einen Sklaven für bloße Versprechen zu bezahlen, verspricht er zu zahlen 
(Ars 1,355): 

harte tu pollicitis t hanc tu corrumpe rogando. 
Er verwirrt seine Helferin nicht mit sinnlosen Aufträgen, sondern läßt ihr freie Hand, 
kontrolliert aber fachkundig ihre Arbeit. Die Sklavin darf selbst den richtigen Zeit- 
punkt für die Werbung auswählen (357 f.), z. B. wenn die Herrin heiter gestimmt ist 
(359-364). Das formuliert Ovid in gnomischen Aussagesätzen; denn auch der Schüler 
soll wissen und verstehen, was die Sklavin tut. Der zweite günstige Zeitpunkt, wenn 



71 



Man beachte den doppeldeutigen Ausdruck sitae ... dominae in Prop. 2,23,4. Vgl. femer Prop. 
3,6,2; 2,23,23 f.: libertas quoniam nulli iam restat amanti, / nullus über erit, si quis amare 
volet; Ov. Am. 1,6,74: duraque comervae ligna, valete,fores. 

MCKEOWN (1989) 317: „In his haste and excitement, Ovid gives Nape contradictory instruc- 
tions." Wie MCKEOWN (308)' darlegt, hat Ovid sich wahrscheinlich von einem Epigramm des 
Meleager anregen lassen, wo der Liebende auch nicht weiß, was er will (AP 5,182): "AyyeiAov 
Täöe, AopKdg- iöov, jtäXi öevrepov avxfj / Kai xpixov äyyeiXov, Aopicdg, oJtavta' tpe^' ' 
utiKin ueXXe, xerov ... ßpa X ö uot, ßpa X 6, AopKÖs;, &xio%e^ I AopKag, JtoT axeöSaig, xptv ob 
jtdvxa padetv; I jtpöodeq ö', otq mptiica xdXm ... päXXov St ... xi Xtjpcö; / ptjSev öXcog euttfQ, 
äXX' oxi . .. Jtdvxa Xäye ■ / pt} (peiöov fxä icdvxa Xeyef. Kaixoi xi oe, Aoptcäq, / iKXepxco, oi)v aol 
KaörÖQ, tSou, jtpodycov; - Man beachte ferner die 'arkadischen' Namen Nape und Dorkas. 
Da 'elegische' dominae ihren Verehrern fast immer einen Korb geben, kann man nicht mit Ge- 
wißheit behaupten, die unsachgemäßen Anweisungen des Sprechers von Am. 1,11 seien der 
Grund für die Absage in der nächsten Elegie. Allerdings fällt auf, daß Ovid beide Stücke nicht 
nur thematisch zueinander in Beziehung setzt, sondern eindeutig demselben Vorgang zuordnet, 
vgl. J. T. DAVIS, Dramatic Pairings in the Elegies of Propertius and Ovid, Bern/Stuttgart 1977, 
79 ff. Es liegt daher nahe, aus der zeitlichen Folge auf einen kausalen Zusammenhang zwischen 
dem Verhalten des Liebenden in Am. 1,1 1 und der Abfuhr in Am. 1,12 zu schließen. 



3.2 Die Sklavin (Ars 1,351-398) 



105 



die Dame von ihrem Mann betrogen wurde und überredet werden kann, Gleiches mit 
Gleichem zu vergelten, wird mit einem Gerundivum empfohlen, das ebenfalls an keine 
bestimmte Person gerichtet ist; die Rache selbst vollzieht der Schüler (Ars 1,365 f.): s 

tum quoque temptanda est, cum paelice laesa dolebit; 
tumfacies opera, ne sit imtlta, tua. 

Im jussiven Konjunktiv beschreibt Ovid, wie die Zofe bei der Morgentoilette ihrer 
Herrin raten muß, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, wie sie von dem Schüler er- 
zählen (367-372) und schwören soll, daß er vor wahnsinniger Liebe schon dem Tode 
nahe sei (Ars 1,372). Da der Liebeslehrer nicht direkt zu der Sklavin spricht, sind diese 
Konjunktive nur sinnvoll, wenn man annimmt, daß sie jetzt den Anweisungen des 
Schülers folgt, der seinerseits von Ovid lernt, was er ihr aufzutragen hat. Am Ende ist 
der junge Liebeskünstler selbst der Handelnde: Er muß sich beeilen, damit nicht der 
eifersüchtige Zorn der Geliebten ungenutzt verfliegt (Ars 1,373 f.) ; Wie es ihrem 
niederen Rang entspricht, ist die Sklavin in der Ars also nicht mehr als ein Werkzeug. 
Und anders als der Liebende in den Amores gibt der Liebeskünstler keine widersprüch- 
lichen Instruktionen; er kann warten, bis die Dame in der richtigen Stimmung ist, und 
wird nur "dann zur Eile antreiben, wenn die Sachlage Eile erfordert. 

So kann der Schüler aber nur handeln, wenn er einen kühlen Kopf und eine überlegene 
Distanz gegenüber beiden Frauen bewahrt; er darf sich nicht von seinem Verlangen 
hinreißen lassen. Das lernt er in der zweiten Hälfte des Abschnittes (Ars 1,375-398): 
Sollte der Schüler ein romantischer Mensch sein und bei der Lektüre des Verses 372 
geglaubt haben, nun beginne die große Liebe, wird er unsanft aus seinen Träumen ge- 
rissen. Sofort stellt Övid klar, daß seine Komplizin einen Meineid leistet, wenn sie 
schwört, der junge Mann sterbe vor Liebe. Dazu weist ihm der Liebeslehrer die Rolle 
eines fiktiven Interlokutors zu und gibt vor, der Schüler habe ihn gefragt, ob es zweck- 
dienlich sei, auch die Sklavin selbst zu schänden (Ars 1,375): 

quaeris, an hanc ipsam prosit violare minisiram? 

Das hat der Schüler sich bestimmt nicht gefragt. Doch da Ovid diese Frage mit 
scheinbar größter Selbstverständlichkeit von ihm erwartet, wird er nicht über die Ge- 
fühlskalte des Meisters entsetzt sein. Vielmehr schämt er sich seiner eigenen Naivität, 
daß er an etwas so Naheliegendes nicht selbst gedacht hat. Für die folgenden, durchaus 
unromantischen Lehren ist er nun bereit. 

Ovid unterscheidet zwei Gründe für den geschlechtlichen Umgang mit der Sklavin: 
Sollte sich der Schüler davon nur erhoffen, daß sie noch fleißiger für ihn wirbt, rät der 
Liebeslehrer ab. Es sei gut möglich, daß man genau das Gegenteil erreicht und die 
Sklavin in ihren Diensten nachläßt, weil sie den jungen Mann für sich selbst behalten 
will (Ars 1,375-382). Wenn aber nicht nur der Eifer, sondern auch der Körper der 



r 



106 



Das zweite Kapitel der Liebeslehre 



Sklavin Gefallen erregt, so soll man sie ruhig verfuhren, aber erst nach der Herrin (Ars 
1,383-386). Auch hier muß der Liebeskünstler sich also beherrschen und warten 
können. Bemerkenswert ist ferner der verächtliche Ton, in dem Ovid über die Sklavin 
spricht. Der Schüler soll sie „schänden" (375); er hat mit ihr keine Affäre, sondern 
vollzieht den Beischlaf (377); er liebt sie nicht, sondern sie gefällt ihm im Hinblick auf 
ihren Körper (384). Nach der ersten Annäherung muß er die Sache unbedingt zu Ende 
bringen und das Mädchen so lange bedrängen, bis er sie gehabt hat (Ars 1,394): 

perprime temptatam nee nisi Victor abi. 
So betont.Ovid, wie tief die Sklavin im Rang unter dem Liebeskünstler steht. Sie ist 
nur eine Dreingabe zur Herrin (385 f.). Der Schüler sucht in ihr keine Geliebte, 
sondern ein williges Werkzeug und Sexualobjekt. x, 

Zugleich aber sind die Lehren zur Verfuhrung der Sklavin ein Vorgeschmack auf den 
„Sieg" 73 über die Herrin, das eigentliche Objekt der Begierde. Denn beide Frauen 
werden ähnlich behandelt: Genauso wie die Geliebte gleicht auch die Sklavin einem 
gejagten Tier (Ars 1,391-393), und die erste Annäherung heißt in beiden Fällen 
temptare. 14 Zu Ars 1,384 (corpore ... placet) wird man sich erinnern, wie Ovid im 
ersten Kapitel der Liebeslehre empfahl, den Körper der prospektiven Geliebten bei 
Tageslicht einer genauen Prüfung zu unterziehen. 75 Auch darf man nicht vergessen, 
daß als materia amoris nicht gerade Damen aus den besten Familien vorgesehen sind 
(Ars 1,31-34) und daß so manche herrische Schönheit vor kurzem vielleicht selbst 
noch Locken brennen mußte. 76 Während also der 'elegisch' Liebende zusammen mit 
seiner vergötterten domina deren Sklaven überhöht, zieht der Liebeskünstler die Ge- 
liebte auf die Stufe ihrer Sklavin herab. Über beide behauptet er seine Überlegenheit. 



72 
73 



75 
76 



Zum obszönen Nebensinn vonpremere vgl. OLD s. v. Nr. 2.b). 

Vgl. bes. Ars 1,665 f.: pugnabit primo, fortassis et „improbe" dicet; / pugnando vinci se 

tarnen Uta volet; 699 f.: viribus illa quidem vieta est ... , / sed voluit vinci viribus illa 

tarnen. 

Ars 1,365, 389, 394. - Zum ersten Mal erscheint das Wort Ars 1,273 (femina ... iuveni blande 

temptata)] später erneut beim Liebesbrief (Ars 1,437: cera vadum temptet, 456: ... temptetiter). 

In den Lehren für Männer kommt temptare sonst nur noch einmal, in anderem Sinne vor (Ars 

2 37)- caelo temptabimus ire. - Zu Vers 389 (auf non temptasses) vgl. E, COURTNEY, Two 

Cruces in the Ars Amatoria, CR 20 (1970) 10, der non <rem> temptes lesen will, und L. FERRE- 

RES iNon temptarisl Ars Amatoria I 389, Helmantica 29 (1978) 61-64. W. S. WATT, Ovidiana, 

MH 42 (1985) 59 schlägt aut non tempta<nda> est vor. HOLLIS (1977) und KENNEY (1994) 

setzen Cruces, während PlANEZZOLA (1993) und STROH (1976) 563 f. den überlieferten Text zu 

Recht beibehalten. 

Ars 1,245 ff., bes. 252: consule de fade corporibusque diem. 

Ars 3,615: te .... modo quam vindieta redemit 



3.3 Gefährliche Zeiten (Ars 1,399-436) 



107 



3.3 Gefährliche Zeiten (Ars 1,399-436) 

Doch scheint diesem Lehrziel ein Motiv zu widersprechen, das Ovid schon bei den Ex- 
empeln zur weiblichen Libido anklingen läßt und im folgenden entwickelt, nämlich das 
Motiv der Gefahr: Pasiphae ist lüstern, aber auch sehr grausam. Ihre Grausamkeit rich- 
tet sich nur gegen Kühe, aber durch die Exzesse der Heroinen, die Ovid danach auf- 
zählt, kommen Menschen zu Schaden. Aeropes Ehebruch fuhrt zu einer Serie schreck- 
licher Morde; Scylla verschuldet den Untergang ihres Vaters Nisus; Clytaemnestra 
tötet ihren Gatten Agamemnon, Medea ihre Rivalin €reusa und sogar ihre eigenen 
Kinder; drei Heroinen erzwangen den Tod oder die Verstümmelung ihrer Stiefsöhne. 
Zwar versichert Ovid dem Schüler, daß man einer Dame gefahrlos seine Liebe erklären 
könne, doch weist er auf andere Risiken hin. Ein großes Wagnis sei der Versuch, die 
Hilfsbereitschaft der Sklavin durch Beischlaf zu steigern; davon rate er ab, denn er 
wolle seine Schüler auf sicherem Wege zum Ziel zu fuhren (Ars 1,376, 379-81): 

talibus admissis aleagrandis inest 

casus in eveniu est: licet hie indulgeat ausis, 

consilium tarnen est abstinuisse meum. 
non ego per praeeeps et acuta cacumina vadam ... 

Und wer die Sklavin um ihrer selbst willen begehrt, muß ebenfalls vorsichtig sein, 
wenn er den Worten des Meisters überhaupt irgendeine Bedeutung zumißt (387 f.). 

Mit noch größerem Nachdruck warnt Ovid im nächsten Abschnitt vor den Gefahren 
der Liebe (Ars 1^399-436). In der ersten Hälfte (399-418) führt er die Lehren in einem 
großen Spannungsbogen bis zu der entscheidenden Mahnung: Wie ein Bauer oder See- 
mann muß auch der Liebeskünstler zur rechten Zeit ans Werk gehen; denn nicht immer 
kann man gefahrlos Mädchen jagen (399-404). Warum das so ist, bleibt noch unklar; 78 
doch einen Hinweis findet der Schüler in der folgenden Liste von ungeeigneten Tagen, 
an denen es Brauch ist, den Damen - nicht gerade billige - Geschenke zu machen (405- 
408). Dann muß der junge Mann sein Vorhaben verschieben; andernfalls wird er wie 
ein Schiffbrüchiger kaum mit dem nackten Leben davonkommen (Ars 1,409-412): 

differ opus: tunc tristis hiems, tum Pliades instant, 

tunc tener aeqorea mergitur Haedus aqua; 
tunc bene desinitur; tunc siquis crediiur atio, 

vix tenuit lacerae naufraga membra raus. 



77 
78 



Ars. 1,346: tuta repulsa tua est. 

Daß es um materielle Verluste geht, ist allerdings bereits durch die Wahl der Exempcl angedeutet; 
vgl. besonders Tib. 1,9,7-11: lucra petens habili tauros adiungit aratro / et durum terrae rusti- 
cus urget opus, / lucra petituras freta per parentia ventis / dueunt instabiles sidera certa rates. 
/muneribus meus est captus puer. 



108 



Das zweite Kapitel der Liebeslehre 



Aber erst nachdem Ovid noch zwei geeignete Tage erwähnt 79 und erneut vor dem Ge- 
burtstag der Geliebten gewarnt hat, nennt er die Gefahr beim Namen: Man muß etwas 
schenken! (Ars 1,418) 

quaque aliquid dandum est, illa sitatra dies. 
Wie bei den Lehren zur weiblichen Libido könnte man sich auch hier tragen, ob Ovid 
nicht übertreibt. 80 Sollte der Schüler gegen den Rat des Meisters zu früh ein Verhältnis 
mit der Zofe eingehen, so droht ihm doch nur der größere Fisch, die Herrin, aus dem 
Netz zu schlüpfen; das wäre zwar ein Mißerfolg, aber nicht das Ende, da der junge 
Mann die Dame nicht liebt und eine andere finden kann. Solange er seelisch unab- 
hängig ist, muß der Schüler auch um sein Hab und Gut nicht fürchten. Entweder ist er 
reich und bereit, sich seine Lust etwas kosten zu lassen, oder er wird auf die betref- 
fende Dame verzichten und sich eine weniger anspruchsvolle Frau suchen. Warum 
also beschreibt Ovid diese Unannehmlichkeiten so dramatisch als Sturz in einen steilen 
Abgrund (Ars 1,381) oder als Schiffbruch auf rauher See? 

Der besorgte Ton des Liebeslehrers wird verständlich, wenn man die Seefahrtsmeta- 
phern in der Elegie betrachtet. Denn der Vergleich mit einem Schiffbrüchigen war „a 
favourite image of love-elegy and epigram: those whom love ruined were said to be 
'shipwrecked on the sea of Venus'". 81 Allerdings beziehen die römischen Liebes- 
elegiker solche Bilder nie auf einen finanziellen Ruin. Vielmehr vergleichen sie mit 
den Risiken der Schiffahrt die seelischen Gefahren der Liebe, 82 und diesen Ge- 



Nicht überzeugend ist der Vorschlag von G. GlARDINA, Ovid. Ars I 413-16, Museum Criticum 
25-28 (1990-1993) 333 f., in Vers 413 als erstes Wort nee oder non zu lesen. Ob man aber im 
Hinblick auf die Anapher vontunc in den vorangegangenen Distichen tum (Aco) bzw. tum (rys) 
lesen sollte oder aber tu (ROY) als Antithese zu siquis in Vers 411, vermag ich nicht zu ent- 
scheiden. * 

Vgl. S. 95 f. - Es wurde vorgeschlagen, diesen Abschnitt als Parodie traditioneller Lehrgedichte, 
besonders der Werke und Tage des Hesiod, zu interpretieren, z. B. von KENNEY (1958) 207, 
HOLLIS (1973) 97 ff., STEUDEL(1992) 33 ff, 96 ff., 141 ff. 

HOLLIS (1977) 107 unter Hinweis auf ein allerdings erst spätantikes Fragment des Publilius Por- 
fyrius Optatianus (frg. 1 MOREL): nudus, egens, Veneris naufragus in pelago. Vgl. außerdem 
z. B. PI. As. 134 f. und AP 5,161 (Asklepiades oder Hedylos): Eöypöo Kai ©atq Kai BoiStov, ai 
ÄtofitföouQ, / rpaTat, vavKXfjpcov öXKdöeq elicöaopot, / *Ayiv Kai KXeotpcövra Kai 'Avrayöprjv, 
eV iKdoTtj, / yvpvovq, vavnyäv ffoaovaq, i&ßaXov. / äXXä ai)v avtatg vnuai rd Xr\oxpma 
tijg 'A<ppoÖtrri<; / pEÖyere ■ Zeiprjvayv aYöz yäp iyppoxepai 

In diese Richtung hat anscheinend vor allem Meleager das Motiv weiterentwickelt, z. B. AP 
5,190; 12,156; 12,167. Vgl. allerdings schon Kerkidas frg. 2 LIVREA = 5 POWELL = III KNOX, 
der seinerseits Euripides zitiert. Bemerkungen zur Metapher vom Liebesschiff finden sich u. a. 
bei: P. MURGATROYD, The Sea of Love, CQ 45 (1995) 9-25; E. BURCK, Amor bei Plautus und 
Properz (Trinummus 223-275; Properz 11,12), in: FS E. Linkomies = Arctos 1 (1954) 50; 
COPLEY (1956) 20; ENK (1962) 211 f.; GEISLER (1969) 74-76; NlSBETH/HUBBARD (1970) 79; 
TARAN (1979) 108-1 13; E. LlVREA, Studi Cercidei (P.Oxy. 1082), Bonn 1986, 78 f. 



3.3 Gefährliche Zeiten (Ars 1,399-436) 



109 



fahren ist der Liebeskünstler genauso ausgesetzt. Auch er kann in tödliche Abhängig- 
keit von einer Unwürdigen geraten. 83 

Zu Wasser und zu Lande, meint Properz, furchtet der Krieger stets den Tod; doch ge- 
wiß ist der Tod allein dem Liebenden (Prop. 2,27,5-8; 11 f.): 84 

seit pedihus Parthos sequimur, seu classe Britannos, 
ei maris et terrae caeca pericla viae; 

rttrsus et obiectum ?fletis caput esse tumultu, 

cum Mavor s dtibias miscet utrimque manus; 

sohts amans novit quando periturus et a qua 

morte, neque hie Boreaeflabra neque arma timet 

In der ,4™ lernt der Schüler, daß auch dem Agamemnon, der den Gefahren des Krieges 
und des Meeres heil entkam, eine Frau zum Verhängnis wurde (Ars 1,333 f.): 85 

qui Martern terra, Neptunum effugit in undis, 
coniugis Airides victima dirafuit. 

Ein Spötter (vgl. 2.3) wirft dem Properz seine Schwäche vor; ihm hält der Dichter ent- 
gegen, er selbst sei in seiner Jugend auch so stolz und leichtsinnig gewesen, habe dann 
aber erfahren müssen, daß Liebe nicht weniger gefährlich ist als der Krieg und die tod- 
bringende 86 Seefahrt (Prop. 3, 1 1, 1-8); 

quidmirare, meam si versaifemina vi tarn 
et trahit addictum sub sua iura virum, 
criminaque igtiavi capitis mihi iurpiaflngis, 
^ quod nequeam fracto rumpere vincla iugo? 

5 venturam melius praesagii navita mortem, 

vidneribus didicit miles habere metum. 
ista ego praeierita iaetavi verba iuventa: 
tu nunc exemplo disce timere meo. 



Die Remedia amoris schreibt Ovid für Schüler der Ars (Rem. 43 f.), die von ihrer Liebe in jeder 
Hinsicht enttäuscht wurden (41 f.). Wer glücklich liebt, soll mit dem Wind segeln; wer aber unter 
dem grausamen Regiment seiner Herrin zugrunde zu gehen droht, dem will Ovid helfen (Rem. 13- 
1 8): si quis amat, quod amare iuvat, feliciter ardens / gaudeat et venfo naviget Ute suo; / at si 
quis malefert indignae regna puellae, /nepereat, nosirae seniiat arüs opem. 
Prop. 2,1,43 ff. vergleicht sich Properz u. a. mit einem Seemann, der von den Stürmen spricht, 
und einem Soldaten, der seine Wunden zählt, und ruft aus: laus in amore mori (v. 47). Höllen- 
qualen muß er erleiden, bis er endlich den Liebestod gestorben ist; dann wird Maecenas an seinem 
Grabe sagen: Huic miserofaium dura puella fitit (v. 78), 

Scylla wird in ein Meer ungeheuer verwandelt (Ars 1,33 1 f.). Nicht jeder denkt an dieser Stelle 
sofort an das Motiv des Liebesschiffes, vgl. aber Meleagers Epigramm AP 5,190: Ktlpa to 
xiKpöv "Epcorog äKoipnroi re xveovreq / C,rjXot Kai Kcöpcov %Eip&piov xäXayoq, I JtoT (pipopat; 
jidvttj öe (ppEVcöv oYaKEQ ätpcivTat. / rj jcdXi rffv rpvfeprfv ZKÖXXav äxot/töpefta;, 
Der überlieferte Text in Vers 5 (venturam ... mortem) wird von manchen Autoren als verderbt 
angesehen (vgl. FEDEU [1985] 361 f.), obwohl er - schon im Hinblick auf Prop. 2,27 - leicht zu 
verstehen ist: Während der ahnungslose Spötter nicht daran denkt, daß auch er aus Liebe zugrun- 
de gehen könnte, weiß der Seemann besser um seine Zukunft Bescheid und ahnt den kommenden 
Tod voraus, wie der Soldat, der an seinen Wunden die Gefahr, im Kampf zu sterben, erkennt. 



110 



Das zweite Kapitel der Liebeslehre 



Oft hat der 'elegisch' Liebende den Eindruck, Gewalten ausgeliefert zu sein, die er 
nicht kontrollieren kann (vgl 2. 1). Wie ein Schiff von Wind und Wellen, wird er durch 
seine eigenen Gefühle oder die Eskapaden seiner Herrin hin und her geschleudert. Am 
Anfang der Elegie 2,14, in der er nach langer Krise endlich eine Liebesnacht mit Cyn- 
thia feiern darf, fühlt sich Properz wie ein von zehnjähriger Irrfahrt über alle Meere 
heimgekehrter Ulixes; und am Ende derselben Elegie hofft er, daß sein Schiff durch 
Cynthias Gunst jetzt die rettende Küste erreicht. Oder ist es nur auf eine Untiefe ge- 
laufen? 87 Während Properz und Tibull vor allem von den Launen des Liebesglücks 
sprechen und damit die Launen der Geliebten meinen, 88 interessiert den Dichter der 
Ämores der Sturm in seinem eigenen Herzen. Schon oft glaubte er, den sicheren Hafen 
der Seelenruhe erreicht zu haben, doch immer wieder trieb ihn der unstete Wind des 
Cupido zurück auf das offene Meer (Ov. Am. 2,9,3 1-33): 

ui subitus prope iamprensa tellure carinam 

tangentem portas ventus in alta rapit, 
sie me saepe refert incerta Cupidinis aura ... 

Denn er kann sich nicht beherrschen und wird von seiner Leidenschaft davongetragen 
wie ein Boot vom reißenden Strom (Ov. Am. 2,4,7 f.): 

> nam desunt vires ad me mihi htsque regendum; 

auferor, ut rapida con cita puppis aqua. 

Vor solchen Gefahren und nicht nur vor finanziellen Verlusten schützt Liebeskunst 

(Arsl;3f): 

arte citae veloque rates remoque moventw, 
arte leves currus: arte regendus amor. 

Dem Schüler soll es nicht ergehen wie dem jungen Properz, der sich naiv und unvor- 
sichtig der Liebe überließ und nun das Joch einer Frau zu tragen hat, die sein Leben 
und die natürlichen Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern auf den Kopf 



Prop. 2,14,2, f.: nee sie errore exaeto laetatus Ulixes, /cum tetigit carae litora Dulichiae; 29 f.: 
nunc ad te, mea lux, veniet mea litore navis / servata; an mediis sidat onusta vadis? - Zu den 
sprachlichen Problemen des letzten Distichons vgl. ENK (1962) und CAMPS (1967) ad loc. Ich 
folge in meiner Paraphrase der Interpretation von ENK. 

Vgl Tib 1 5,75 f. (in liquida nat tibi Unter aqua); (Tib. 2,4,9 f.). - Properz verwendet die eroti- 
sche Seefahrts-Metapher überwiegend im zweiten Buch. Eine Ausnahme ist die Elegie 1,17: Den 
dort beschriebenen Schiffbruch auf einer stürmischen Insel könnte man mit SOLMSEN als Allego- 
rie der gescheiterten oder zumindest bedrohten Liebe zu Cynthia interpretieren (F. SOLMSEN, 
Three Elegies of Propertius' First Book, CPh 57 [1962] 78 ff.). Vgl. ferner Prop 2,4,19 f. (tran- 
quillo tuta descendis flumine cumba: /quid tibi tarn parvi Worts unda nocet?); Prop. 2,5, jt. ; 
2,12,7 f.; 2,22a,41; 2,25,21-28; 3,24,15-18 sowie unten 4.1 zu Bildern, mit denen die Elegiker 
das unsichere Glück des Liebenden beschreiben. 
Vgl. außerdem Ov. Am. 2,10,9 f. ; 3,11,29 f. und 51 f. 



3.3 Gefährliche Zeiten (Ars 1,399-436) 



in 



stellt. Dazu muß der angehende Liebeskünstler ein gesundes Mißtrauen gegenüber 
den Damen entwickeln und erst recht die eigenen Gefühle im Zaume halten. Denn sie 
sind der wahre Grund seiner Hilflosigkeit, wie Ovid bereits in den Amores zeigt, Wenn 1 
der Schüler mit der Verfuhrung der Sklavin nicht warten kann, wird er selbst zum 
Objekt und zur Beute; die Sklavin ergreift von ihm Besitz, egal ob sie ihn behält oder 
ihrer Herrin schenkt (Ars l,378): 91 

haec dominae mtinus te parat, illa sibl 

Der Selbstbeherrschte dagegen wird sich sowohl der Herrin als auch der Sklavin be- 
mächtigen (Ars 1,385): 

fac domina potiare prhts, comes illa sequatur. 

Nun ist es aber wenig sinnvoll, heftige Leidenschaft einfach zu verbieten; und hätte 
Ovid die seelischen Gefahren der Liebe ausdrücklich benannt, wäre dem Schüler viel- 
leicht die Lust vergangen, sich auf dieses Abenteuer einzulassen. Daher spricht der 
Liebeslehrer offen nur von weniger gefährlichen Dingen, schüchtert jedoch durch 
einen drohenden Ton und die Darstellung grausamer, monströser Frauen den jungen 
Mann so weit ein, daß dieser die Lehren des Meisters gewiß nicht in den Wind schreibt 
(Ars 1,388). 92 Und anstatt dem Schüler Leidenschaft zu verbieten, charakterisiert Ovid 
die Damen in einer Weise, die solche Gefühle gar nicht erst aufkommen läßt. Wie in 
der ersten Hälfte des Buches lehrt er also auch hier auf zwei Ebenen und verbirgt 
hinter praktischen Regeln die viel wichtigere Schulung der Seele. Während der junge 
Mann den Eindruck hat, er lerne ein munteres Spiel, eine Art sportlichen Wettkampfes, 
bei dem der Geschicktere den erotischen Sieg erringt, 93 wappnet ihn Ovid unbemerkt 
gegen die wirklichen Risiken des Liebeslebens. 



Vgl. Prop. 3,11,1 ff. (oben zitiert), besonders die antithetisch gesetzten Wörter femina (v. 1) - 
virum (v. 2). - Ein ähnliches Schicksal erwartet übrigens den unerfahrenen Knaben in der Pyrrha- 
Ode des Horaz (Hör. Carm. 1,5,5-12): heu quotiens fldem / mutatosque deosßebit et aspera / 
nigris aequora ventis / emirabitur insolens, / qui nunc te fruitur creäulus aurea, / qui semper 
vacuam, semper amabilem / sperat, nescius aurae /faltacisi 

Vgl. Ars 1,382: nee iuvenum quisquam me duce captus erit - Man beachte, daß in Vers 378 der 
Schüler selbst dann Objekt der Handlung ist, wenn die Sklavin ihn ihrer Herrin zufuhrt, - Mit den 
bereits zitierten Versen Ars 1,376 und 381 scheint Ovid auf ein Epigramm des Philodem (oder 
des Meleager?) anzuspielen (AP 5,25). Auch bei diesem Epigramm hat man den Eindruck, daß 
der Dichter eine größere Gefahr meint als nur einen finanziellen Verlust: 'Ocrcrdtci KvÖfXXtjg vjlo- 
KÖhcioo,, eYte Kar' tjpap / eiY äjtoroXpijaag ffXudov ecutäptoc, / olS', ort xäp Kptjpvov 
repvco jcöpov, olS', ori putxco / Jtdvra KÖßov KetpaXijc aläv 
üjtEpOev ipfjQ. / äXXä ri pot xXeov eox'; rj yäp {tpavöc tfö', orav eXtctj, / Jtdvror' "Epcoc; 
äpxi}v oöö' övap oföe yößou. , 

Daß hinter Ovids Warnungen mehr steckt als nur die Sorge, der Schüler könne sein Geld ver- 
lieren, meint - aus anderen Gründen - auch MYEROWTTZ (1985) 1 19: „Erotic fears are translatcd 
into financial terms; a sexual threat is contused with an economic threat. In outwitting fcmalc 
avarice, the male eultor may confront his own erotic fears objeetified." 
Vgl. etwa die Interpretation von ROMANO (1972). 



112 



Das zweite Kapitel der Liebeslehre 



Zu diesem Zweck geht der Meister im folgenden (Ars 1,419-436) sogar so weit, die 
Wirksamkeit der eigenen Kunst in Frage zu stellen. Nachdem er dem Schüler gezeigt 
hat, wie es vermeidet, Geschenke machen zu müssen, blickt er voraus auf eine spätere 
Phase, in der die Liebesbeziehung schon zustande gekommen ist. Selbst wenn der 
junge Mann alle Vorschriften genau befolgt, wird die Dame ihn dann schließlich doch 
berauben; auch sie verfugt über eine Kunst, mit der sie Liebhaber zu schröpfen weiß 
(Ars 1,419 f.): 

cum berte vitaris, tarnen auferet; invenit artem 
femina, qua cupidi carpat amantis opes. 

Und obwohl Ovid vor dem Geburtstag der Geliebten sogar zweimal warnt (405; 417), 
wird sich der Schüler diesem gefährlichsten aller Tage nicht durch Fernbleiben entzie- 
hen können; denn da die Dame geboren ist, wann und sooft es ihr nötig erscheint (429 
f.), weiß er nicht, um welchen Tag es sich handelt. Jeder Tag kann ihr Geburtstag sein. 

Dennoch ist dieser Abschnitt kein didaktisch unkluges oder selbstironisches Einge- 
ständnis des praeceptor amoris, daß er seine Schüler im Grunde nichts lehren könne. 94 
Denn der junge Liebeskünstler wird sich einer habsüchtigen und verschlagenen Frau 
besser erwehren, wenn ihm ihre Techniken, die Ovid ausführlich beschreibt (421-434), 
bekannt sind und wenn er außerdem weiß, daß ihr Opfer besonders der cupidus amans 
(420), der erregt und leidenschaftlich Liebende ist. Ferner hat Ovid so Gelegenheit, die 
Damen als verlogen und raubgierig darzustellen und damit einerseits dafür zu sorgen, 
daß die verhängnisvolle Leidenschaft in dem Schüler gar nicht erst aufkommt. Ande- 
rerseits bereitet er auf diese Weise die folgenden Lehren zum Liebesbrief vor: 

Der 'elegisch' Liebende überhöht seine Herrin nicht nur, er neigt auch dazu, sich Illu- 
sionen über ihren Charakter hinzugeben. Nachdem Cynthia darauf verzichtet hat, einen 
reichen Liebhaber in die Provinz Illyrien zu begleiten, glaubt Properz, sie habe ihm die 
Wahrheit gesagt, als sie schwor, Geld bedeute ihr nichts. Niemals, davon ist er über- 
zeugt, wird ihm ein Rivale die Geliebte wegnehmen (Prop. 1,8,44 f.). Doch schon bald 
(Prop. 1,11) muß er erkennen, daß er sich in ihr getäuscht hat 95 - wie Ovid, dem die 
Geliebte vor kurzem noch schöner erschien als Helena, so daß er fürchtete, ein Gott 
könnte sie ihm rauben. Jetzt aber wird ihm klar, daß sie nur eine billige Hure ist (Ov. 
Am. 1,10,9-12). 96 Doch selbst wenn der 'elegisch' Liebende die Habgier der Geliebten 



Anderer Ansicht ist MYEROWITZ (1985) 120: „The high comedy of the passage turns, in fact, on 
the praeceptor 's rueful acknowledgement of the female as fully the equal of his male Student ..." 
Gerade erst hat Cynthia dem Properz eine Nacht geschenkt (Prop. 2,14 und 2,15) und ihn damit 
in höchste Euphorie versetzt. Da passiert das Unerwartete: Plötzlich sperrt sie ihn wieder aus, 
und das ausgerechnet wegen desselben, mittlerweile aus Illyrien zurückgekehrten, reichen Neben- 
buhlers (2,16), den sie in der Monobiblos (1,8) endgültig abgewiesen zu haben schien. 
Zu dem paränetischen Zweck dieser Elegie vgl. L. C. CURRAN, Ovid Amores 1.10, Phoenix 8 
(1964)314-319. 



i 



3.3 Gefährliche Zeiten (Ars 1,399-436) 



113 



nicht mehr übersehen kann, versucht er oft, ihre Schuld zu verharmlosen und auf 
andere Personen zu übertragen. Vor allem Tibull meint, sein Mädchen sei nicht 
schlecht; nur übten böse Kreaturen schlechten Einfluß auf sie aus, vor allem die Kupp- 
lerin (Tib. 2,6,44): 97 

lena nocet nobis, ipsapueüa bona est 

Oder ein reicher Rivale ist schuld an dem Unglück des Liebenden (Tib. 1,5,47 f.): 98 

haec nocuere mihi: quod adest huic dives amator, 
venu in exitium callida lena meum. 

Zu spät wird dem 'elegisch' Liebenden die wahre Natur seiner Herrin bewußt. Ihre 
Habgier und ihre Skrupellosigkeit sieht er erst, wenn er „gefangen", d. h. ihr so ver- 
fallen ist, daß er sich nicht mehr von ihr lösen kann. Der Schüler der Ars dagegen ist 
durch Ovids Vorgriff auf die Zeit nach dem ersten Kennenlernen rechtzeitig gewarnt 
und deswegen in der Lage, sich guten Gewissens gegen ihre Ansprüche zu wehren. 
Selbst wenn ihm die Dame zunächst entgegenkommen sollte (wie es erfahrene Kupple- 
rinnen empfehlen), 99 glaubt der Liebeskünstler nicht, sie sei harmlos. Er hält sie für 
eine gerissene Verführerin, die es nur auf sein Geld abgesehen hat und der man ihre 
Tricks mit gleicher Münze zurückzahlen muß. 



Vgl. a. Prop. 4,5,5-20 und Ov. Am. 1,8,19 f., 35, wo die Geliebte ebenfalls als unschuldiges 
Opfer einer teuflischen Kupplerin hingestellt wird. 

Vgl. zu Tibull F. CAIRNS, Tibullus: A Hellenistic Poet at Rome, Cambridge 1979, 180 f.; 185 f.; 
MlJRGATROYD (1980) 177 f., 183; MUTSCHLER (1985)^94; FAUTH (1980) 275: „Aber die anony- 
me venefica <sc. die Kupplerin in Tib. 1,5> steht im Grunde stellvertretend für die Furie des dä- 
monischen Weibes schlechthin, die den Mann quält und erniedrigt; sie ist also, wenn man so will, 
die Negativfigur Delias, ein Surrogat, an dessen Adresse sich nun ungehemmte Verwünschungen 
richten können." Ähnliches beobachtet A. ROMANO, Translatio adfectus in the Roman Elegists: 
A Stuay of Metonymie Affectivity, AUMLA 69 (1988) 88-97. - Wie schon COPLEY (1956) 39 f. 
bemerkt, gibt der Liebende oft der Tür die Schuld, wenn er von der Geliebten ausgesperrt wurde, 
z. B. Tib. 1,2,7 ff; Prop. 1,16,35 ff.; Ovid beschuldigt den Türsteher (Ov. Am. 1,6,15 ff), da- 
gegen das Mädchen selbst in Am. 1,9,19, wo er als beobachtender Dritter spricht. - Man kann 
allerdings nicht immer sicher unterscheiden, ob der Liebhaber sagt, was er empfindet, oder ob er 
von der Schuld der Geliebten nur ablenkt, weil er sie mit seiner schmeichelnden Rede umstimmen 
und nicht vor den Kopfstoßen will. Das zweite scheint mir z. B. in der Elegie 1,11 des Properz 
der Fall zu sein, das erste dagegen in Amores 1,12, wo Ovid die Briefbotin Nape und seine 
Schreibtäfelchen beschimpft, weil die Geliebte ihn nicht eingeladen hat. Bemerkenswert ist vor 
allem der Fluch, mit dem er die Täfelchen belegt. Sie sollen gleichsam vom Alter runzlig und grau 
werden, wie sortst die untreue, hochmütig abweisende Geliebte (Ov. Am. 1,12,29 f.): quid precer 
iratus, nisi vos cariosa seneclus / rodat, et immtmdo cera sit alba situ. 

Vgl. Ov. Am. 1,8,69 f. (parcius exigito preihim, dum retia tendis, / ne fitgiani; capios legibus 
ure tuis) mit dem Kommentar von McKEOWN (1989). 



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114 



Das zweite Kapitel der Liebeslehre 



3.4 Der Liebesbrief und die Werbung in der Öffentlichkeit (Ars 1,437-504) 

Besonders heikel ist die Lage eines Mannes, dessen kauflustige Geliebte einen Händler 
eingeladen hat, sein Sortiment vorzustellen (Ars 1,421 ff.). Drängt sie dann ihren Lieb- 
haber, ihr doch eine Kleinigkeit zu schenken, und behauptet der arme Mann in seiner 
Not, er sei gerade nicht flüssig, verlangt sie von ihm einen Schuldschein, so daß er sich 
wünscht, er hätte nie schreiben gelernt (Ars 1,427 f.): 

si non esse domi, quos des, causabere nummos, 
litter a poscetur, ne didicisse luvet 

Da ist es nur billig, daß der Schüler seinerseits die Dame mit etwas Geschriebenem 
täuscht und als Antwort auf die „frevelhaften Künste der Huren" 100 die „guten Künste" 
lernt. Wenn man sich mit Eloquenz vor Gericht und in der Politik durchsetzen kann, 
dann gelingt das auch bei einem Mädchen (Ars 1,455-462): 

ergo eai et blandis peraretur litter a verbis, 

exploreique animos primaque temptet iter: 
littera Cydippen pomo perlata fefellit, 

insciaque est verbis capta puella suis, 
disce bonasqrtes, moneo, Romana iuventus, 

non tantam trepidos ui tueare reos: 
quam populus iudexque gravis lectusque senaius, 

tarn dabit eloquio vicia puella manus. 

Acontius nutzte seine intellektuelle Überlegenheit und eroberte die ahnungslose, un- 
wissende Cydippe mit ihren eigenen Worten; nicht weniger geschickt wird der Liebes- 
künstler die Waffen der Frau gegen sie selbst kehren und sie in ihrer eigenen Kunst, 
der Kunst schmeichelnder Verfuhrung, übertreffen. 

In sachgemäßer und didaktisch sinnvoller Reihenfolge legt Ovid dar, wie man eine 
Dame schriftlich umwirbt. Zunächst erörtert er den Brief selbst (Ars 1,437-468) und 
behandelt - wie die Rhetoriklehrer - .erst den Inhalt, die inventio (437-454), dann den 
richtigen Stil, die elocutio (455-468). 101 Denn bevor man sich überlegt, aufweiche 
Weise man etwas sagt, sollte man wissen, was man überhaupt sagen will. Im zweiten 



100« 
101 



Ars 1,435: sacrih^gsMerMKif^M.-.-.-.Mrtes_ 

Die beiden Abschnitte beginnen jeweils mit einem Distichon, das einerseits die Funktion des Lie- 
besbriefes umreißt (Ars 1,437: vadum temptet; 456: exploretque animos ... temptet iter), ande- 
rerseits das jeweilige Thema andeutet, und zwar in Vers 438 den Inhalt des Briefes (tuae ... con- 
scia mentis) und in Vers 455 den Stil (blandis verbis; vgl. 467 f.: sit tibi credibilis sermo con- 
suetaque verba, /blanda tarnen), - Daß die Lehren zum Stil erst mit Vers 459 beginnen, meinen 
dagegen z. B. KLIMT (1913) 29, BORNEQUE (1961), LENZ (1969), LÜDERITZ (1970) 17, HOLLIS 
(1977) 111, Kettemann (1979) 59, Wellmann-Bretzigheimer (1981) 11 Anm. 22, Holz- 
berg (1992) und PlANEZZOLA (1993). Wie hier vorgeschlagen, gliedern VON ALBRECHT (1992) 
und KENNEY (1994). - Zu Gemeinsamkeiten zwischen der Ars und Rhetoriklehrbüchern vgl. S. 1 
Anm. 1. 



3 .4 Der Liebesbrief; Werben in der Öffentlichkeit (Ars 1 ,437-504) 1 1 5 

Teil der Lehren zum Liebesbrief bespricht Ovid mögliche Reaktionen der Adressatin 
(469-486), was also zu tun ist, wenn die Dame das Schreiben ungelesen zurückschickt 
(469-478), es zwar liest, aber nicht antwortet (479-482) oder mit der Bitte antwortet, 
sie nicht weiter zu belästigen (483-486). Der Fall, daß die Geliebte im Sinne des Schü- 
lers reagiert, ist unproblematisch und braucht daher nicht besprochen zu werden, eben- 
so wenig wie die Frage, wie der Brief zur Geliebten gelangt; denn daß dafür die mit 
dem jungen Mann verbündete Sklavin zuständig ist, hat Ovid bereits gesagt (383). 

3.4.1 inventio und elocutio (Ars 1,437-468) 

Die Dame, die den Händler hat kommen lassen, fragt ihren Liebhaber schmeichelnd 
nach seinem sachverständigen Rat, beweist ihm mit Küssen, wie sehr sie ihn liebt, und 
bittet ihn, ihr doch etwas zu kaufen (Ars 1,424 f.). Dieselben Techniken wird der Lie- 
beskünstler anwenden. Er wird der Dame schmeicheln, seine Liebe beteuern und sich 
sogar dazu herablassen, sie mit inständigen Bitten zu bestürmen (Ars 1,439 f.): 102 

Ji blanditias /erat illa Utas imitataque amantum 

s verba, nee exigitas, quisquis es, adde preces. 

Um ihren Liebhaber auszuplündern, belügt ihn die habgierige Frau. Sie schwört, das 
Geschenk, das er ihr kaufen soll, werde sie für viele Jahre zufriedenstellen (Ars 1,425): 

hoc fore conieniam multos iurabit in annos. 

Kann man einer solchen Frau gegenüber ehrlich sein? Wäre es nicht töricht, ihr so 
schlicht und offen zu begegnen, wie der Liebende in Amores 1,3 seiner neuen Herrin? 
Kaum hat er ihr seine sklavische Ergebenheit beteuert, gesteht er, wie arm er ist (7 ff.). 
Statt mit Geschenken will er die Schöne mit Gedichten, Liebe, Treue, Schamgefühl 
und seiner nuda simplicitas (14) für sich einnehmen. 103 

So dumm ist der Schüler der Ars nicht. Er schlägt die Frau mit ihren eigenen Waffen 
und verspricht ihr das Blaue vom Himmel herunter. Dann glaubt sie, er sei reich, und 
läßt sich in der Hoffnung, später ein Geschenk von ihm zu bekommen, lange Zeit hin- 
halten (Ars 1,443-446): 



Interessant ist, daß Ovid ein mythologisches Exempel neben ein Gleichnis stellt: Götter lassen 
sich ebenfalls durch Bitten besänftigen. Will der Liebeslehrer etwa an das bekannte, dem Hcsiod 
zugeschriebene Sprichwort öä>pa üeoög xeföet erinnern (PI. R. 390e = Hes. frg. 3(S1 MERKliL- 
BACH/WEST; vgl. a. Ars 3,654) und dadurch, daß er diesem alten Satz widerspricht, andeuten, 
bei den Mädchen könne man - wie bei den Göttern - auch ohne Geschenke auskommen? 
Diese schillernde Junktur ist kaum zu übersetzen: nudus bedeutet „ungekünstelt, ohne Ver- 
stellung", aber auch „nackt und arm"; simplicitas ist zugleich „Ehrlichkeit" und die „Einfalt", die 
eine gerissene Frau ausnutzen kann. - Manche Interpreten, z. B. DAVIS (1989) 70^ meinen mit 
einiger Berechtigung, Ovid lasse seine Persona in Amores 1,3 nur eine Rolle spielen, Doch selbst 
wenn der Liebende seine wahren Gefühle verhehlt und sich nur naiv gibt, ist das Geständnis, 
mittellos zu sein, kein kluger Schachzug. 



116 



Das zweite Kapitel der Liebeslehre 



promittas facito, quid enim promittere laedit? 

pollicitis dives quilibet esse potest. 
Spes tenet in tempus, semel est si credita, longum; 

illa quidem fallax, sed tarnen apta dea est 

Denn hat der Schüler die Dame erst einmal beschenkt, wird sie damit keineswegs tur 
viele Jahre zufrieden sein. Im Gegenteil! Er muß fürchten, daß sie ihn aus kühler Be- 
rechnung verläßt, um sich einem reicheren Manne zuzuwenden, wie es die 'elegischen' 
dominae tun (Ars 1,447 f.): 104 

si dederis aliquid, poteris ratione relinqiti: 
praeteritwn tulerit, perdideritqite nihil 

Doch auch der Liebeskünstler kann nüchtern kalkulieren und eine Rechnung in seinem 
Sinne aufstellen (Ars 1,449, 454): 

at quod non dederis, semper videare daturus 
ne dederit gratis, quae dedit, usque dabit. 
Die Dame versteht sich auf die Kunst, das Vermögen eines leidenschaftlichen Lieb- 
habers zu „ernten" (Ars 1,419 f.): 

... invenit artem 
femina, qua cupidi carpat amantis opes. 

Bei einem, der die ars amandi beherrscht, wird sie jedoch eine Enttäuschung erleben, 
wie der Bauer, den der unfruchtbare Acker um seine Ernte betrügt (450), oder wie der 
Spieler, den seine Habgier dazu treibt, immer mehr zu verlieren (Ars 1,451 f.): 

sie, ne perdiderii, non cessat per der e lusor, 
etrevocat cupidas alea saepe manus. 

Damit die Geliebte sein leidenschaftliches Verlangen nicht ausnutzt und er nicht die 
ausgebrachte Saat verliert (399-401; vgl. auch 376), wird der Schüler sie selbst bei 
ihrer Leidenschaft packen: dem heftigen Verlangen nach Geschenken. 

Wer aber zugibt, daß er arm ist, der klopft vergeblich mit leeren Händen an die ver- 
schlossene Tür der Geliebten. 105 Das muß auch Tibull erfahren, und die Frustration ist 
so schmerzhaft, daß er sieh den Tod wünscht; nur die Hoffnung hält ihn noch am 



Man beachte auch das doppeldeutig gebrauchte Wort dare (vgl. HOLLIS [1977] 112): Für eine 
meretrix ist der Liebesakt nur eine materielle Leistung, für die sie bezahlt werden will. 
Tib. 1,5,67 f: t heu canimus frustra nee verbis vieta patescit / ianua, sed pleno est percutienda 
manu;Tih. 2,4,21 f.; Ov. Am. 3,8,5 ff. - Zur Armut des Liebenden vgl. unten 5.1.4. - Properz 
beschenkt seine Cynthia (Prop. 2,8,11 ff.; 2,24,11 ff.); anscheinend gibt er aber zu wenig, da die 
Geliebte einen reichen Prätor vorzieht. Übrigens empfiehlt Properz ihr in bitterer Ironie, mit 
diesem Manne so zu verfahren, wie es nach Ovids Analyse in der Ars die hurenhaften Damen ver- 
suchen (Prop. 2,16,7-10): quare, si sapis, oblatas ne desere messis / et stolidum pleno 
vettere carpe pecus; / deinde, ubi comumpto restabit munere pauper, / die alias iterttm 
naviget Illyriasi 



3.4 Der Liebesbrief; Werben in der Öffentlichkeit (Ars 1,437-504) 



117 



Leben. Hoffnung treibt den Bauern zur Aussaat, Hoffnung lockt Vögel und Fische ins 
Netz, Hoffnung tröstet den gefesselten Sklaven, und Tibull hofft, daß Nemesis sich 
doch noch wird erweichen lassen (Tib. 2,6, 19-27): \ 



20 



25 



iam malafmissem leto, sed credida vitam 

Spesfovet etfore cras semper ait melius. 
Spes alit agricolas, Spes sitlcis credit aratis 

semina, quae magno faenore reddat ager: 
haec laqueo volucres, haec captat harimdine pisces, 

cum tenues hamos abdidit ante eibus: 
Spes etiam valida solatur compedß vinetum: 

crura sonani ferro, sed canit inier opus: 
Spesfacilem Nemesim spondet mihi ... 



Will der Schüler nicht um die Früchte seines Werbens betrogen werden und wie der 
arme Liebessklave bei Tibull ein trauriges Dasein in seelischen Ketten fristen, gleich 
einem Fisch am Haken seiner Herrin zappelnd, 106 so muß er der Dame zuvorkommen 
und selbst die Macht der Hoffnung für seine Zwecke nutzen. Leicht gerät man in 
solche Abhängigkeit, und nur schwer kann man sich wieder daraus befreien. Um die 
Kontrolle t zu behalten und seines Mädchens sicher zu sein, muß der Schüler die erste 
Liebesnacht unbedingt ohne Gegenleistung vollziehen (Ars 1,453): 

] hoc opus, hie labor e s t , primo sine munere hmgL 

Vor einer ähnlichen Gefahr warnt die Seherin Sibylle, als Aeneas sie bittet, ihn zu sei- 
nem verstorbenen Vater Anchises zu fuhren: Leicht sei es, in die Unterwelt hinabzu- 
steigen, schwer aber, ihr wieder zu entrinnen! (Verg, A. 6,126-129) 

. . . facilis descemus A verno: 
nocies atque dies patet atri ianua Ditis; 
sedrevocare gradum superasqiw evadere adauras, 
hoc opus, hie labor est. 

Manche Interpreten meinen nun, in Vers 453 werde Vergil humorvoll oder gar burlesk 
parodiert. 107 Doch wenn man bedenkt, daß enttäuschte Liebhaber wie der Sprecher von 
Tibulls Elegie 2,6 manchmal sogar Selbstmord begehen und noch nach ihrem Tode in 



Vgl. a. Prop. 4,1,135 ff.: Properz ist es beschieden, Liebeselcgien zu dichten, und er wird bei 
diesem Werk in seiner Hoffnung getäuscht wie die Dame in der Ars (Prop. 4, 1 , 1 35 : fallax opus; 
Ars 1,445 f.: spes ... fallax ... dea). Denn jeden (erotischen) Erfolg, den er (durch werbendes 
Dichten) erringt, wird ihm sein Mädchen trickreich zunichte machen; wie einen Fisch hat sie ihn 
an der Angel (Prop. 4,1,139-142): nam tibi victrices quascumqite labore parasü, / eludit palmas 
unapuella tuas: / et berse mtmflxum mento disemseris uneum, / nil erit hoc: rostro te premet 
ansa tuo. - Die Interpretation dieser Verse, insbesondere des Ausdruckes fallax opus ist aller- 
dings umstritten. Auf einer poetologischen Ebene versteht ihn FEDELI (1965) 72 f. ähnlich, wie 
hier vorgeschlagen: Wenn Properz dem Rat des Horos folgt, wird er um die Möglichkeit betrogen, 
seine Dichterkraft vollkommen zu entfalten. 
KENNET (1958) 201, MYEROWITZ (1985) 214 Anm. 36, STEUDEL (1992) 1 17 f. 



i 



118 



Das zweite Kapitel der Liebeslehre 



den Lugentes campi ihr Unglück beweinen, 108 daß ferner Properz die Leiden der Lie- 
benden mit den Qualen der Unterweltssünder vergleicht, 109 dann scheint es gar nicht 
mehr so unangemessen, wie Ovid seiner Warnung durch dieses Vergil-Zitat Nachdruck 
verleiht. 

Wer täuschen will, muß überzeugen können. Daher empfiehlt Ovid dringend das Stu- 
dium der Rhetorik. Allerdings lernt der junge Mann in der Schule nur die große Rede 
vor Volk, Richter und Senat (Ars 1,461), die Cicero contenüo nennt 
und von dem sermo unterscheidet, der in privater Runde oder beim Gastmahl gepflegt 
werde (Cic. Off. 1,132): 

Et quoniam magna vis orationis est eaque duplex, altera contention is, altera 
sermon is, contenüo disceptationibus tribuatur iudiciorum, conti onum, 
senatus, sermo in circidis, disputationibtts, congressionibas familiarmm ver- 
setur, sequatur etiam convivia. 

Die contenüo, fährt Cicero fort, kann man von den Rhetoren lernen, nicht jedoch den 
sermo. Diesem Mangel hilft er im folgenden ab und schließt einige Vorschriften an, 
auf daß sein Sohn sich im Gespräch als kultivierter Mann erweise (Off. 1,133-135). Da 
die Redelehrer auch nichts zum Liebesbrief sagen, 110 muß Ovid das rhetorische Curri- 
culum ebenfalls ergänzen (Ars 1,463-468), und seine Anweisungen gleichen den 
Regeln, die Cicero aufstellt: Cicero betont, daß sich Rede und Gespräch grundsätzlich 
unterscheiden. Im Gespräch solle die Stimme mild und sanft klingen; gelassen müsse 



108 Verg. A. 6,440-444: nee procul hinc partem fiisi monstrantur in omnem /Lugentes campi; sie 
illos nomine dicimt. / hie quos durus amor cnideli tabe peredit, / secreii celant calles et myrtea 
circum / Silva tegit. Vgl. auch Prop. 2,34,91 f. und zum Selbstmord unglücklich Verliebter, den 
Ovid auch in den Remedia (17 ff.) diskutiert, F. NAVARRO ANTOLIN, El suieidio como motivo 
literario en los elegiacos latinos, Emerita 65 (1997) 41-55. 

109 Vgl. S. 12 Anm. 33. - SOLODOW (1977) 109 vergleicht den Schluß des letzten Abschnitts (Ars 
1,435 f.; non mihi, sacrilegas meretricum ut persequar artes, / cum totidem Unguis sint satis 
ora decem) mit dem, was die Sibyllcüber die große Zahl der Unterweltssünder sagt (Verg. A. 
6,625-627): non, mihi si linguae centum sint oraque centum, /ferreavox, omnis scelerum com- 
prendere formas, / omnia poenantm percurrere nomina possim. Diese Formel ist zwar schon in 
der IHas und auch bei anderen Dichtern zu finden (vgl. PlANEZZOLA [1993] ad loc), doch weisen 
die zitierten Stellen zumindest sachlich die größte Gemeinsamkeit auf. Jedenfalls ist kaum anzu- 
nehmen, daß Ovid Verg. G. 2,42 ff, parodiert, wie HOLLIS (1977) ad loc. vermutet. 

110 Allerdings gab es offenbar Vorschriften für Briefe nicht erotischen Inhalts. HOLLIS (1977) ad loc. 
verweist auf die Stillehre des griechischen Rhetors Demetrios (Demetr. Eloc. 223 ff.; zur Identität 
des Verfassers und zur Datierung wahrscheinlich vor Ovid vgl jetzt P. CHIRON, Demetrios: Du 
style, Paris 1993, XIII ff.), und Cicero selbst äußert sich in einem Brief an L. Papirius Paetus zu 
diesem Thema (Cic. Farn. 9,21,1): quid enim simile habet epistula auf iudicio auf conüoni? 
quin ipsa iudicia non solemus omnia traetare uno modo, privatas causas et eas tenuis agimus 
subtilius, capitis autfamae scilicet ornatius. epistulas vero cottidianis verbis texere solemus. - 
Inwieweit sich Ovid generell an rhetorische Prinzipien anlehnt, untersuchen STROH (1979a) 
119 f. und TOOHEY (1997) 200 ff. Besonders wichtig erscheint STROH „das rhetorische Prinzip 
der dissimulatio arlis", das Ovid auch in anderem Zusammenhang herausstellt (Ars 2,295 ff.; 
3,209 f.; vgl. 5.4.3). - Zu der Frage, ob Ciceros Ausführungen zum sermo (Off. 1,132 ff.) auf 
Panaitio's zurückgehen, vgl. DYCK ( 1 996) 309 f. 



3.4 Der Liebesbrief; Werben in der Öffentlichkeit (Ars 1,437-504) 



119 



man wirken und heiter, keinesfalls aber angespannt oder rechthaberisch. 111 Auch Ovid 
unterscheidet zwei Arten der Rede. Da der angehende Liebeskünstler dazu neigen 
wird, seine Eloquenz so herauszukehren, wie er es in der Schule übt, verbietet der 
Meister vor allem das Deklamieren. So etwas stößt die Damen nur ab und läßt den Ab- 
sender des Briefes - und damit auch seine falschen Versprechen - unglaubwürdig er- 
scheinen. Deswegen meide man allzu gesuchte Wörter und wähle gewöhnliche, aber 
schmeichelnde Ausdrücke, Ovids abschließender Rat zu dem Stil, dessen ein Liebes- 
künstler sich befleißigen sollte, kann geradezu als Hinweis auf Ciceros Vorarbeit gele- 
sen werden. So als ob er in Gegenwart der Dame mit ihr spräche, muß der junge Mann 
schreiben (Ars l,465-468): 112 

quis nisi menüs inops tenerae declamai amicae? 

saepe Valens odii liitera causa flüt. 
sit tibi credibilis sermo consuetaque verba, 

blanda tarnen, praesens ut videare loqui. 

Doch selbst wenn man den Vers 468 nicht als Verweis auf das Werk des älteren Di- 
daktikers interpretieren möchte, zeigt der Blick auf De officiis, daß Ovid nicht der erste 
ist, der es für sinnvoll hielt, im Rahmen einer Lehrschrift mit Verhaltensregeln auch 
Anweisungen zum richtigen Stil zu geben. Ferner wird deutlich, daß der Liebeslehrer 
sich mit seinen Ratschlägen durchaus im Rahmen gängiger Theorien bewegt. 



Off. 1,133: suavis, dulcis; 134: sit ergo hie sermo ... lenis minimeque pertinax, insit in eo lepos. 
- Vgl. auch Ars 2,283 f.: carmina lector / commendet dulei qualiacumque sono. 
Vgl. aber schon Demetr. Eloc. 223: 'Apräfiwv ... <ptiotv, ort Set &v r<p aörcp rpöjtcp ötdAoyöv re 
ypätpeiv Kai exioroXäq- eIvüi yäp rr}v äjctoroX^v otov rö etepov pepog roü ötaXöyou. Doch ist 
Demetrios selbst nicht dieser Ansicht (224 ff.). So müsse ein Brief z. B. deswegen kunstvoller ge- 
staltet werden als ein Gespräch, weil er eine Art Geschenk sei. 

Auch im folgenden erweist es sich oft als hilfreich, Passagen aus Ciceros De officiis heranzu- 
ziehen. Deswegen soll hier kurz zu der Frage nach dem Verhältnis der beiden Lehrschriften Stel- 
lung genommen werden. Dafür, daß Ovid sich von Ciceros Werk hat anregen lassen, spricht sich 
z. B. K. AT/JiRT aus (M. Tullii Ciceronis De officiis, 3. Aufl. Leipzig 1958, XXXIV f.). Die von 
ATZERT vermuteten wörtlichen Parallelen sind jedoch sehr zweifelhaft und zwischen 
einer Prosaschrift und einem Lehrgedicht auch gar nicht zu erwarten. Nicht von der Hand zu wei- 
sen sind aber zahlreiche sachliche Parallelen, anhand derer D'EUA (1961) und LABATE 
(1984) 121 ff. nachzuweisen versuchen, daß die Ars unter dem Einfluß von Ciceros Pflichtcnlchre 
entstanden sei. Diesen beiden Autoren widerspricht ausfuhrlich I. FRINGS in ihrer noch nicht ver- 
öffentlichten Kölner Habilitationsschrift über die Wirkungsgeschichte von De officiis, und das 
insofern mit einigem Recht, als LABATE weniger einzelne Stellen, sondern eher allgemeine Ten- 
denzen („das Ideal der Sanftheit" und „das Ideal der Flexibilität") vergleicht, sich also für ein 
sicheres Urteil zu sehr im Abstrakten bewegt, - ganz abgesehen davon, daß man die von ihm 
postulierten Tendenzen durchaus bestreiten könnte. Nichtsdestoweniger nennen D'ElLIA und LA- 
BATE konkrete Stellen, an denen Gedanken, die Cicero in De officiis äußert, in dcrArs wieder- 
kehren, und die Liste dieser Stellen wird in der vorliegenden Arbeit nicht nur durch die hier disku- 
tierte Parallele erweitert. - Für diesen Befund gibt es im Prinzip zwei Erklärungen: Erstens könn- 
ten solche Parallelen zufällig und eine Folge davon sein, daß Ovids Lehren dem entsprechen, was 
jeder vernünftige Mensch raten würde, und daß beide Autoren generell anerkannte Werte oder all- 
gemeine Lebenswahrheiten wiedergeben, es also hier z. B. in der Natur der Sache liegt, die offi- 



8L 



120 



Das zweite Kapitel der Liebeslehre 



3.4.2 Reaktionen der Dame und Werbung in der Öffentlichkeit (Ars 1,469-504) 

Doch was hilft ein kunstvoll ausgefeilter Brief, wenn die Dame ihn gar nicht liest? 
Nicht immer wird auf das Schreiben des Schülers sofort eine freundliche Antwort 
folgen. 114 Damit der junge Mann in diesem Falle nicht den Mut verliert, bespricht der 
Liebeslehrer mögliche Reaktionen der Adressatin (Ars 1,469-486). Wie wichtig das ist, 
kann man am Empfinden des * elegisch' Liebenden ermessen: Diesen stürzt eine Ab- 
sage in tiefste Verzweiflung. 115 So ist der Liebende, der in den Ämores (1,11) die Skla- 
vin Nape mit einem Brief zu Corinna gesandt hat, furchtbar enttäuscht, als die ersehnte 
Einladung ausbleibt. Alle Welt soll sein Schicksal beweinen (Am. 1,12,1 f.). Ganz 
außer sich beschuldigt er die brave Botin der Trunksucht (3-6) und überhäuft seine 
Brieftäfelchen mit giftigen Flüchen (7-30). Den Leser der Elegie mag diese Tirade 
zwar amüsieren, doch ist sie zugleich ein Ausdruck der Hilflosigkeit, mit der der ge- 
kränkte Liebhaber auf eine Abfuhr reagiert. 

Die Enttäuschung des 'elegisch' Liebenden ist nicht zuletzt deswegen so groß, weil er 
die unerfreuliche Reaktion nicht erwartet. Dagegen weiß der junge Liebeskünstler von 
Anfang an, daß er nicht sofort mit Entgegenkommen rechnen darf. Denn schon in dem 
Abschnitt zuvor macht ihm Ovid klar, daß der Brief den Erfolg nur vorbereiten, aber 
noch nicht herbeiführen soll. Mit Briefen sondiert man die Lage und bahnt den Weg 
für Weiteres (Ars 1,437; 456): 

cera vadum temptet ... 

exploretque animos primaque temptet iter. 

Direkt nach den Vorschriften zum Stil bespricht Ovid ohne irgendeine Überleitung den 
Fall, daß die Dame den Brief ungelesen zurückschickt, wodurch der Eindruck entsteht, 
diese Reaktion sei ganz normal. Der Schüler wird daher glauben, so verhalte sich fast 
jede Frau. Wenn aber jede Frau ihre Verehrer zunächst schroff abweist, dann muß es 
auch möglich sein, kie Empfängerin irgendwann umzustimmen. Und daß dem in der 



zielte Rede vom privaten Gespräch oder Brief abzugrenzen (vgl. Demetr. Eloc. 229). Andererseits 
unterscheiden nur Cicero und Ovid zwei Kategorien {sermo und contentio bzw. declamano), 
während Demetrios den Brief sowohl vom Gespräch als auch von der großen Rede abhebt (224 
ff), und nur in De offwiis und in der Ars werden drei Zuhörergruppen (Richter, Volk, Senat) ins 
Auge gefaßt. Vor allem aber im Hinblick auf die große Zahl der sachlichen Parallelen und auch 
im Hinblick darauf, daß man die Lehren 'der Ars bisweilen besser und genauer versteht, wenn man 
De officiis heranzieht, scheint mir die zweite mögliche Erklärung plausibler, daß nämlich Ovid 
seine Leser durch bewußte Anspielung an Ciceros Werk erinnern wollte. - Für meine Interpreta- 
tion ist es jedoch nicht entscheidend, welche der beiden Erklärungen man vorzieht; denn in jedem 
Falle gilt folgendes: Gedankliche Übereinstimmungen zwischen Ars und De officiis zeigen, in 
welchem Maße Ovid seine Liebeskunst in der auch von Cicero vorausgesetzten Welt konventio- 
neller Werte und nicht etwa in einer erotischen Sonderwelt ansiedelt. 

Im dritten Buch der Ars empfiehlt Ovid den Damen sogar, den Absender erst eine Weile auf die 
Folter zu spannen (Ars 3,473 ff.). 

Vgl. ferner Prop. 2,17,1 ff. und 2,22b, wo die Abfuhr allerdings noch schmerzlicher ist, weil die 
Geliebte vorher zugesagt hatte. 



.114 



3.4 Der Liebesbrief; Werben in der Öffentlichkeit (Ars 1,437-504) 121 

Tat so ist, belegt Ovid mit Naturvergleichen, die an Sprichwörter erinnern und deshalb 
besonders überzeugend wirken. Beharrliches Werben kann die Barrieren einer jeden 
Frau überwinden. Eisen wird abgerieben, weiches Wasser höhlt selbst harten Stein; 
und sogar eine Penelope wird auf Dauer nicht widerstehen (Ars 1,473-477): U6 

ferreus assidtio conswnitur amdus usu, 

interit assidua vomer aduncus humo, 
quidmagis est saxo durum, qitidmollius unda? 

dura tarnen molli saxa cavantur aqua. 
Penelopen ipsam, persta modo, tempore vinces ... 

Die Vergleiche mit Eisen und Stein zeigen außerdem, daß man auf diese Weise selbst 
eine der berüchtigten „hartherzigen Herrinnen" der Liebeselegie erweichen kann. 117 
Und warum sollte dem jungen Mann nicht dasselbe gelingen wie der bösen Kupplerin, 
die Properzens Geliebte zur Untreue verführte? Diese Alte hätte selbst Penelope zur 
Ehe mit Antinoos gezwungen und verstand es, mit sanften Worten den Widerstand 
ihrer 'Schülerin' zu durchbrechen, wie steter Tropfen den Fels (Prop. 4,5,7 f., 19 f.): 118 

Penelopen quoque neglecto rumore maritl 
* mtbere lascivo cogeret Antinoo 

r! exorabat opus verbis, ceu blanda perurit 

\ saxosumque forat sedula gutta viam. 

Auch hier also kann sich der Liebeskünstler der „Hurenkünste" (Ars 1,435) bedienen 
und aus gutem Grunde hoffen, daß die Dame seine Briefe irgendwann lesen wird, 
wenn er ihr nur immer weiter schreibt (Ars 1,469 f.): 

si non accipiet scriptum iilectumque remittet, 
lecturam spera propositumque tene. 

Die oben zitierten Naturvergleiche lehren den Schüler noch ein Drittes: Das Nach- 
geben der Dame, die zunehmend mehr auf seine Briefe reagiert, ist ein natürlicher, sich 
gesetzmäßig entwickelnder Prozeß (Ars 1,482): 119 



117 
118 



Der nächste Vers (Ars 1,478: capta vides sero Pergama, capta (amen) soll den Schüler vielleicht 
daran erinnern, daß er den Erfolg schon längst vorbereitet hat, indem er sein „trojanisches Pferd", 
die Sklavin, in die „Festung" seiner Geliebten brachte (vgl. S, 103). 
Zu den durae dominae der Liebeselegic vgl. unten 5.2.2, bes. Anm. 90. 

Vers 19 gilt als unheilbar verderbt, vgl. FEDEU (1984). Liest man jedoch perurit statt dem über- 
lieferten perure, ergibt sich ein sinnvoller Vergleich: „wie der Tropfen schmeichelnd sich durch- 
brennt und fleißig einen Weg in den Stein gräbt". Zu perurere i. S. v. „durch Korrosion durch- 
löchern" vgl. OLD s. v. I.b) unter Hinweis auf Plin. Nat. 34,165: vasa e phimbo ... si in aquam 
addantur calculus vel aureus quadrans peruri. Die epische Konjunktion ceu läßt sich als An- 
spielung auf Lukrez erklären. Denn in De rerum natura findet sie sich mehrfach bei Naturver- 
gleichen, wenn auch nicht an der Stelle, die Properz hier zitiert (Lucr. 4,1284 ff.). 
Vgl. Ov. Met. 7,125 f.: utque hominis speciem matema sumit in alvo / perque saos intus nume- 
ros componitur in/ans ... ; die Junktur numeri sui bezeichnet bei Ovid oft das einer Sache inne- 
wohnende, natürliche Maß und wird deswegen auch mit „Vollendung" übersetzt, vgl. z. B. 



122 



Das zweite Kapitel der Liebeslehre 



per numeros veniuni ista gradusque sttos. 
Mit der Zeit wird die Dame die Briefe lesen, jedoch noch nicht selbst schreiben. Und 
wenn sie wenig später antwortet, braucht man auf ihr „Nein!" nichts zu geben; es ist in 
Wirklichkeit eine Bitte, sie weiter zu bedrängen. Erhält also der Schüler einen Brief, in 
dem er das liest, was den Sprecher von Amores 1,12 so unglücklich macht, kann er 
sich freuen; denn jetzt ist er schon fast am Ziel (Ars 1,485 f.): 

quodrogat illa, timet; quodnon rogat, optat, nt instes: 
insequere, et voti postmodo compos eris. 

Spätestens an dieser Stelle werden dem Schüler Ovids Lehren zum Thema „Selbst- 
vertrauen" in den Sinn kommen: Frauen zieren sich und verbergen ihre wahren Ge- 
fühle. 120 Der angehende Liebeskünstler begreift nun, was vor sich geht. Dadurch, daß 
er seine Dame geduldig mit Briefen bestürmt, schwächt er bei ihr die Barrieren kon- 
ventioneller Scham, so daß nach und nach die angeborene, natürliche feminea libido 
die Oberhand gewinnt. 

Auch Priap empfiehlt dem Päderasten, bei einer Abfuhr nicht sofort aufzugeben. Man 
müsse auf die Macht der Zeit vertrauen; die Bändigung des Knaben sei ein natürlicher 
Prozeß, der lange dauern könne (Tib. 1,4,15-20): 

sed ne ie capiant, primo si forte negabit, 

taedia: paulatim sub iuga colla dabit. 
longa dies homini docuitparere leoms, 

longa dies molli saxa peredit aqua; 
annus in apricis maturat collibus uvas, 

annus agit certa lucida signa vice. 

Anders als Ovid schildert Priap aber nicht, wie der Prozeß ablaufen wird und wie der 
Liebhaber nach und nach Fortschritte macht. Statt dessen widerruft Priap plötzlich 
seine Lehren und mahnt zur Eile! (Tib. 1,4,27 ff.) In der Ars dagegen lernt der junge 
Liebeskünstler systematisch, wie man den Faktor Zeit bei der Werbung berücksichtigt. 



Zeitpunkte: 

357 ff. günstig: Die Dame ist heiter oder 

eifersüchtig. •=> Werben 
385 ff. ungüstig: Die Sklavin erst nach der Herrin 

erobern. ■=> Abwarten 

399 ff. ungünstige Festtage ■=> Abwarten 
günstige Unglückstage "=t> Werben 



Zeitdauer: 

443 ff. die Geliebte hinhalten; 

in ihr falsche Hoffnungen wecken 

469 ff sich selbst hinhalten lassen; 
berechtigte Hoffnungen hegen 



120 



G. LUCK, P. Ovidius Naso, Tristia, Band. II: Kommentar, Heidelberg 1977, 73 zu Trist. 1,8,48, 
ferner Am. 2,6,40; Am. 3,7,18; Trist, 4,4,4. 
Vgl WEBER (1983) 73. 



3.4 Der Liebesbrief; Werben in der Öffentlichkeit (Ars 1,437-504) 123 

So weiß er am Ende genau, was er wann zu tun hat, wann er zögern muß und wann 
rasch handeln. Ovid unterscheidet nicht nur Zeitpunkte, die für die Werbung günstig 
bzw. ungünstig sind, sondern stellt dem Schüler den Faktor Zeit auch in seiner Dauer 
vor: Der Liebeskünstler wird falsche Hoffnungen wecken, damit sich die Dame ihm 
hingibt, ohne daß er ihr etwas zu schenken braucht. Andererseits wird er selbst sie un- 
ablässig umwerben, obwohl sie seine Briefe nicht beantwortet; denn es gibt Anlaß zu 
der Hoffnung, daß sie bald nachgibt. Während die Geliebte dem Schüler zu Willen ist, 
ohne dafür etwas zu bekommen, und ihre Zärtlichkeiten - in ihren Augen sinnlos - ver- 
geudet (Ars 1,448, 451: perdideril\ vergeudet der Schüler nach ihrem Willen seine 
Zeit (Ars 1,504): 

arbiirio dominae tempora perde tuae. 

Doch seine Zeit ist nicht wirklich vertan: Der 'elegisch' Liebende leidet unter 
einer Abfuhr nicht nur deswegen so sehr, weil er sie nicht erwartet hat; es quält ihn 
auch seine Hilflosigkeit. Er hat keine Ahnung, was er gegen die schroffe Abfuhr unter- 
nehmen soll; n ihm fällt nichts Besseres ein, als zu schimpfen oder zu klagen. Der 
Liebeskünstler dagegen arbeitet ununterbrochen an seinem Erfolg, schreibt einen Brief 
nach dem anderen und hat dabei stets den Weg vor Augen, auf dem er Schritt für 
Schritt ans^iel gelangt. 

Damit der Schüler auch in der Zwischenzeit, wenn er seine Briefe geschrieben hat und 
auf eine Antwort wartet, nicht bang und untätig zu Hause sitzen muß, vervollständigt 
Ovid nun, was er im ersten Kapitel der Liebeslehre zur Werbung in der Öffentlichkeit 
gesagt hat. Dort erfuhr der Schüler, wie man sich auf dem Forum (als Anwalt oder 
Rechtsberater), im Circus Maximus, bei Gladiatorenkämpfen und bei einem Triumph 
den Damen nähert. Hier (Ars 1,487 ff.) lernt der junge Liebeskünstler, was bei einem 
Spaziergang zu tun ist und was bei der Werbung im Theater, wozu der Schüler bisher 
nur die unzeitgemäße antike Methode des Frauenraubes kennengelernt und erfahren 
hat, daß man sich durch Zeichen verständigen könne (137 f.); Ovid verzichtete aber 
darauf, dies näher zu erläutern. Außerdem behauptete er, daß die Damen ins Theater 
gehen, um gesehen zu werden (Ars 1,99): 

spectatum venitmt, veniunt spectentur ui ipsae. 

Jetzt lernt der Schüler die vorher erwähnte Zeichensprache (500-504) und wird ange- 
wiesen, den Wünschen seiner Dame, die gesehen werden will, zu entsprechen. Wäh- 
rend des Schauspiels wird er sie unentwegt betrachten und so seiner Bewunderung 
schmeichelnd Ausdruck verleihen (Ars l,497-499): 121 



Vgl. a, Ars 1,89 (cttrvis ... thealris) und 109 (respiciunt). - Die Wendung lateri continuasse 
latus (496) erinnert an die Lehren zum Circus (140): hinge tanm lateri, qua potes usque latus. 



i. 



1 24 Das zweite Kapitel der Liebeslehre 

nee sine te curvo sedeai speciosa theatro: 

quod spectes, ameris äff er et illa suis, 
iltam respicias, illam mirere licebit, ... 

Es ist schwer, sich in einem großen Theater vom Parkett aus mit einer Dame, die in 
den obersten Rängen sitzt, zu verständigen, und man wundert sich nicht, warum Ovid 
seinem Schüler dabei hilft. Erstaunlicher ist schon, daß es sogar für die Annäherung an 
eine Dame in der Sänfte oder beim Spaziergang Vorschriften gibt (487-496). Doch be- 
hebt der Liebeslehrer hier eine Aporie des 'elegisch' Liebenden. Properz klagt näm- 
lich, daß man an die Damen nicht herankomme, wenn sie sich mit ihrem Gefolge in 
der Öffentlichkeit zeigen (Prop. 3, 14,29-32): 122 

at nostra ingenti vadit circumdatq turba, 

nee digitum angusia est inseniisse via. 
nee quae sintfacies nee quae sint verba rogandi 

invenias: caecum versat amator Her. 

Da weiß der Liebeslehrer Rat! Unauffällig kann man sich der Sänfte nähern und seine 
Werbung durch zweideutige Ausdrücke vor den Wächtern geheim halten (Ars 1,489 
f.). Und wenn die Dame beim Spaziergang so dicht umdrängt ist, daß er „nicht einmal 
einen Finger zu ihr hindurchstecken" kann, wird der kluge Liebeskünstler durch seinen 
Gang ihre Aufmerksamkeit erregen. Man gehe nur bald vor ihr, bald hinter ihr, bald 
schnell, bald langsam, bald etwas weiter enfernt und bald in ihrer Nähe (491-496). 
Irgendwann wird sie einen schon bemerken. 

Doch nicht nur die Dame freundet sich so allmählich mit dem Gedanken an, dieser 
aufmerksame, charmante junge Mann könnte ihr Liebhaber werden; auch der junge 
Mann selbst, der sich ja dauernd mit ihr beschäftigt, sich in ihrer Nähe aufhält und ihr 
auf Schritt und Tritt folgt, gewinnt nach und nach den Eindruck, im Grunde seien sie 
schon ein Paar, er der Kavalier und sie die Geliebte und Herrin, nach deren Willen er 
seine Zeit vertut (Ars 1,504): 

r 

arbitrio dominae tempora perde tuete.^ 



122 



Vgl dazu Hör S. 1,2,96-98: si interdieta petes, vallo circumdata. (™m te/hoefaeit insanum), 
multae tibi tum ofßcient res, / custodes, lectica, ciniflones, parasitae ... - Vielleicht kann man 
vor diesem Hintergrund auch den schwierigen Vers Prop. 3,8,13 (custodum gregibus circa se 
stipat euntem) interpretieren: Die Eifersüchtige schmollt und gibt sich 'unnahbar , um es ihrem 
Liebhaber, von dem sie sich betrogen fiihlt, heimzuzahlen. 



3.5 Die Toilette des Mannes (Ars 1,505-524) 



125 



3.5 Die Toilette des Mannes (Ars 1,505-524) 

Die Werbung aus der Distanz ist nun abgeschlossen; bald wird der Schüler seine 
Geliebte zum ersten Mal berühren. Da ist Körperpflege dringend geboten. Wie würde 
es der Dame gefallen, einen Mann mit belegter Zunge, kariösen Zähnen oder üblem 
Mundgeruch zu küssen? 123 Doch Ovid beschränkt sich nicht darauf, seinen Schüler in 
den Grundbegriffen der Hygiene zu unterweisen; er warnt auch vor übertriebener, un- 
männlicher Kosmetik. Denn dazu neigt der 'elegisch' Liebende. Nicht nur der schöne 
Marathus legt sein weiches, nach Salböl duftendes Haar in immer neue Frisuren, trägt 
Make-up auf und wechselt dauernd die Gewänder. 124 Auch Properz parfümiert seine 
Haare und geht gemessenen, schwebenden Schrittes einher - vergeblich, wie er fest- 
stellen muß (Prop. 2,4,5 f.): 

neqtäquam perfusa meis ungiienta capillis, 
i bat et expenso plantamoraia gradu. 

Sogar Tibull, der Freund des einfachen Lebens, trägt eine weit wallende Toga - eben- 
falls umsonst (Tib. 2,3,78); 



Ars 1,521: nee male odorati sit tristis anhelitus oris; 515: lingua ne rigeat, careant rubigine 
dentes. - Mit den Worten lingua ne rigeat, die KENNEY (1994) für unheilbar verderbt hält, wird 
der Schüler anscheinend aufgefordert, sich häßlichen Belag von der Zunge zu schaben, wie es 
auch heute manche Zahnärzte empfehlen. Diesen Belag stellt sich Ovid entweder als verhärtete 
Schicht vor (OLD s. v. rigeo Nr. l.b) oder als etwas, das zottig von der glatten Oberfläche ab- 
steht (OLD s. v. Nr. 3.b). Weil aber in dem Vers zuvor die Toga und in dem folgenden Penta- 
meter die Schuhe diskutiert werden, meint HOLLIS (1977) ad loa, lingua bezeichne die Lasche 
am Schuh, die sonst lingida genannt wird. Und da es merkwürdig wäre, wenn Ovid in einem 
Atemzug von Zähnen und Schuhwerk spräche, erklärt HOLLIS die im selben Vers genannten 
dentes als zahnförmige Metallzapfen, z. B. an einer Schnalle („shoe-buckle"). Wie RAMiREZ DE 
VERGER (1993) 323 übernimmt PlANEZZOLA (1993) Palmers Konjektur lingida und merkt an, 
die dentes könnten Haken aus Metall („ganci") sein. Doch gibt es für solche Ösen oder Haken 
aus leicht rostendem Metall, soweit mir bekannt ist, keine archäologischen Zeugnisse. Ein Schuh- 
machermeister, der in seiner Freizeit antike Schuhe nachbildet, erklärte mir außerdem, daß eiser- 
ner Schmuck das Leder zerfressen hätte und daher wohl kaum Verwendung gefunden haben dürf- 
te. Und eine Schnalle statt der üblichen Schnürsenkel wäre eher an einem Damenschuh zu erwar- 
ten. Der Kontext und die Wortwahl in der Ars deuten ferner darauf hin, daß Ovid an den traditio- 
nellen Halbschuh, den calceus eines römischen Bürgers dachte. Wenn nämlich „der Fuß in dem 
weiten Leder schwimmt" (Ars 1,516: in laxa pes tibi pelle natet\ so ist er davon ganz bedeckt 
(vgl. a. Hör. S. 1,3,3 1 l; et male laxus / in pede calceus haeret). Dagegen trägt der Lustknabe 
Marathus (Tib. 1,8,14: ansaque compressos colligat arta pedes) wahrscheinlich eine oben offene 
griechische crepida, bei der das Leder an den Seiten des Fußes Löcher (ansäe; vgl. Plin. Nat. 
35,85) hatte, durch die Riemen über den Fußspann gezogen wurden. Für die daktylische Prosodie 
des Wortes lingua gibt es bei Ovid zwar keine Paralle, doch nutzt der Dichter bei anderen Wör- 
tern durchaus die Möglichkeiten der Vokaldihärese, vgl. M. PLATNAUER, Latin Elegiac Verse. A 
Study of the Metrical Usages of Tibullus, Propertius & Ovid, Hamden 1971, 70 f. 
Tib. 1,8,9 ff.: quid tibi nunc molles prodesi coluisse capillos / saepeque mutatas disposuisse 
comas, / quidfueo splendente genas ornare, quid ungues / artifwis doeta subseeuisse manu? / 
frustra iam vestes, frustra mutantur amictus / ansaque compressos colligat arta pedes. Vgl. 
J. BOOTH, Tibullus 1.8 and 9: A Tale in Two Poems?, MH 53 (1996) 232 ff. 



126 



Das zweite Kapitel der Liebeslehre 



heumiserum, laxam quid iuvat esse togam? 
Auch der Liebeslehrer empfiehlt fließende Gewänder und einen schwebenden Gang, 
allerdings den Damen (Ars 3,301 f.): 125 

haec movet arte latus tunicisque fluentibus auras 
accipit, extensos fertque super ba pedes. 

Für seine männlichen Schüler bevorzugt Ovid einen zwar gepflegten aber schlichten 
Habitus. Das Haar des Liebeskünstlers ist gut geschnitten (Ars 1,517 f.), doch nicht 
aufwendig frisiert (505, 510), Statt sich zu schminken, bräunt er sich beim Sport auf 
dem Marsfeld; und seine Toga ist weit genug, wenn sie gut sitzt (Ars 1,513 f.): 

munditie placeant, fuscentur corpora Campo; 
sit bene conveniens et sine labe t o g a . 

Diese Aufmachung verspricht nicht nur größeren Erfolg bei den Damen, wie Ovid am 
Beispiel mythischer Heroen belegt (509-512), 126 sie ist auch die einzig denkbare für ei- 
nen kultivierten Bürger Roms. Denn anders als der 'elegisch' Liebende richtet sich der 

127 

Liebeskünstler bei seiner Toilette nach den gesellschaftlich anerkannten Normen. 



125 Im Hinblick auf Prop. 2,4,6 konjizierte BURMAN in Vers 302 expensos, was CRISTANTE (1993) 
und KENNEY (1994) übernehmen. - Zum allzu femininen Gang vgl. CRISTANTE (1993) ad. loc. 
und ENK (1962) 80, zu anrüchig weiten oder losen Gewändern vgl. Ars 1,421 (institor ... dis- 
cinctus) und MURGATROYD (1994) 120, (1980) 197 sowie z. B. Sullas berühmten Ausspruch 
über Cäsar (Suet. Jul. 45,3: ut male praecincüim puerum caverent) oder Ciceros Beschreibung 
von Catilinas 'Lieblingen' (Cat. 2,22): quos pexo capillo, nitidos, aut imberbis auf bene barba- 
tos videtis, manicatis et talaribus iunicis, velis amictos, non togis. Weitere Belege zu Schön- 
heitsmitteln, die bei Männern als weichlich galten, z. B. Partum, gibt EDWARDS (1993) 68 ff. 

126 Eine ähnliche Vorschrift findet sich in dem in Kapitel 8.1.2 ausführlicher vorgestellten Philainis- 
Papyrus POxy. 2891, Col. II, 2-5: bei roivvv rdv jtEtpcö[v/ra äKaXAcojttorov [l]£y[ai 1 Kai 
äKtivtarov, ÖJtfcog. I äv rff yvvaiK<i> pij [boKfi / &repyo<; elvat ... Die Bedeutung von &tepyog 
ist umstritten: CATAUDELLA (1973) 258 f. und TSANTSANOGLOU (1973) 188 f. interpretieren das 
Wort unter Hinweis auf Ars 1,509 i. S. v. „allzu aufwendig zurechtgemacht". Dann würden die 
Verse 4 f. die Vorschrift (w. 2-4) nur wiederholen, aber nicht erklären. Daher bevorzuge ich mit 
LOBEL (1972) 53 die Interpretation „engaged in a performance/bei der Arbeit". Der Werbende 
soll entweder nicht erkennen lassen, daß er auf der Suche nach einer Frau ist, oder - wahrschein- 
licher - nicht den Eindruck erwecken, er sei ein professioneller Verführer, wie die Herren, vor de- 
nen Ovid im dritten Buch der Ars warnt (433 ff.: sed vi täte viros cultum formamque professos). 
Für diese Deutung spricht auch eine Stelle bei Petron, wo eine Frau die Zeichen auflistet, an 
denen sie einen Gigolo erkennt (126,2): quo enim spectant flexae pectine comae, quo fades 
medicamine attrita .?; quo incessus arte compositus et m vestigia quidem pedum extra mensu- 
ram aberrantia, nisi quodformam prostihiis ut vendas? - Auch bei den Damen konnte ein lässi- 
ger Habitus verführerisch wirken (vgl. Ars 3,153 f.; Tib, 1,8,15 f.; Hör. Carm. 1,5,5). 

127 M. ROSTOVTZEFF (Römische Bleitesserae. Ein Beitrag zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der 
römischen Kaiserzeit, Aalen 1903, 62 ff.) legt dar, daß Augustus die in der späten Republik 
„ausser Übung gekommene ... exercitatio campestris" auf dem Marsfeld neu belebt habe, um die 
Jugend auf diese Weise auf den Militärdienst vorzubereiten. Ovids Anweisung, sich beim Sport 
zu bräunen, ist somit ganz im Sinne des Kaisers, zumal anscheinend manche verliebte junge Män- 

^ ner aus Liebe dem Marsfeld fernblieben, wie Sybaris bei Horaz (Carm. 1,8,1-6): Lydia, die, per 
omnis / te deos oro, Sybarin cur properes amando / perdere? cur apricum / oderit Campum pa- 
tiens pulveris atque solis? / cur neque militaris / inter aequalis equitet ... ? Vgl. E. W. LEACH, 



3.5 Die Toilette des Mannes (Ars 1,505-524) 



127 



Daher ist es kein Wunder, daß Ovids Lehren denen gleichen, die Cicero in De offleiis 
zur Körperpflege erteilt Ovid unterscheidet zwischen dem, was einen Mann ziert, und 
Schönheitsmitteln, die nur zu Frauen oder Lustknaben passen (Ars 1,505-508; 523 f|); 
Cicero definiert ebenfalls zwei Arten von Schönheit: weibliche venustas und männ- 
liche dignitas. Wie der Liebeslehrer verbietet er aufwendige Kleidung und jede Art fe- 
mininen Schmuckes; statt dessen rät er zu sportlicher Bräune und schlichter Sauberkeit 
(Off. 1,130): 128 

Ergo et a forma removeatur omnis viro non dignus ornaius ... Formae autem 
dignitas coloris bonitate tuenda est, color exercitationibus corporis. Adhibenda 
praeterea munditia est non odiosa neque exquisita nimis, tantum qttae fugiat 
agrestem et inhumanam neglegentiam. Eadem ratio est habenda vestitus, in 
quo, sicut inplerisque rebus, medioeritas optima est. 

Ja, Ovid läßt seine Lehren sogar noch strenger erscheinen! 129 Während Cicero bäuri- 
sche Nachlässigkeit tadelt, stellt der Liebeslehrer den Naturburschen Adonis als Vor- 
bild hin (Ars 1,512) und lobt Nachlässigkeit bei der Toilette (Ars 1,509): 

n forma viros negle et a decet. 

Denn der Schüler soll auf keinen Fall glauben, der Liebeskünstler sei ein verweichlich- 
ter, zur Selbsterniedrigung neigender Mensch, der sich wie die entmannten, heulenden 
Kybelepriester die Locken verdreht und mit scharfem Bimsstein die Haare von den 
Beinen schabt (Ars 1,505-508): 13 ° 

sed tibi nee ferro placeat torquere capillos, 

nee tua mordaci pumice crura teras, 
ista iubefaciant, quorum Cybeleia mater 

concinitur Phrygiis exululaia modis. 

Bei der Werbung in der Öffentlichkeit erwies sich der Liebeskünstler noch als zärt- 
licher Kavalier und folgte seiner Herrin auf Schritt und Tritt; jetzt aber muß er Härte 
zeigen und männlich zupacken. 131 



Horace Carmen 1.8: Achilles, the Campus Martius, and the Articulation of Gender Roles in 

Augustan Rome, CPh 89 (1994) 337 f. 

Zu den Parallelen zwischen Ars 1,505 ff. und Off. 1,130 vgl. z. B. PlANEZZOLA (1993) 244 und 

LABATE (1984) 135 mit Anm. 34. HOLLIS (1977) 117 verweist außerdem auf Quintilian, der dem 

Redner einen „glänzenden und männlichen", aber maßvollen Habitus anrät (Inst, 11,3,137); 

Cultus ... sit ... splendidus et virilis: nam et toga et calceus et capillus tarn nimia cura quam 

neglegentia sunt reprendenda. 

In der Sache entsprechen Ovids Vorschriften zur Hygiene natürlich Ciceros Verbot der agrestis 

et inhumana neglegentia. 

Vgl. HOLLIS (1977): Jorquere: 'twist', but also with the implication of Horturing'thc hair into 

unnatural curls"; außerdem S. 29 Anm. 13 zu Prop. 2,22,13 ff 

Man beachte, daß Ovid die Lehren zur Toilette mit dem Wort sed einleitet. Schon HOLLIS (1977) 

1 17 bemerkt zu Ars 1,505 ff: „At this point Ovid is in danger of recommending toö dandified a 

mode of behaviour, and so he hastens to redress the balance by insisting on a morc masculine 

ideal." 



128 



Das zweite Kapitel der Liebeslehre 



3.6 Das Gastmahl (Ars 1,525-606) 

Die erste Gelegenheit dazu bietet das Gastmahl, das sich der Schüler bereits bei der 
Suche nach einer Frau zunutze machen konnte (Ars 1,229 ff.). Im ersten Kapitel der 
Liebeslehre erfuhr der junge Mann allerdings nur, wie man unter dem Angebot eine 
kritische Auswahl trifft; dringend wurde ihm nahegelegt, die endgültige Entscheidung 
auf den nächsten Tag zu verschieben. Da der Schüler noch zögern sollte, wäre es in 
diesem Zusammenhang unsinnig gewesen, ihn auch darüber zu belehren, wie man sich 
einer Dame beim Gelage nähert. Was Ovid an der früheren Stelle aus guten Gründen 
ausließ, wird nun nachgetragen und der Schüler in der Kunst, eine Dame beim Wein zu 
erobern, unterrichtet. 

3.6.1 Bacchus und Ariadne (Ars 1,525-564) 

Dabei darf der junge Mann auf die Unterstützung des Bacchus hoffen, eines Gottes, 
der sich - wie Ovid ausführlich erzählt - bei Ariadne ebenfalls als zupackender Erobe- 
rer erwies (Ars 1,525-564). Doch da der Liebeslehrer gerade erst vor den Gefahren des 
Weines gewarnt hat (Ars 1,229 ff.), mag sich der Schüler fragen, warum der Meister 
ihm ausgerechnet diesen Gott als Helfer empfiehlt. Um dem Vorwurf zu entgehen, 
seine Lehren seien widersprüchlich, läßt sich Ovid daher von Bacchus selbst zu den 
folgenden Vorschriften inspirieren 132 und erklärt das Interesse des Gottes mit dessen 
eigener Erfahrung (Ars 1,525 f.): 

ecce, suum vatem Liber vocai: hie quoque amantes 
adiuvat etflammae, qua calet ipse, favet 

Bacchus macht nicht nur für Liebe empfänglich, er fühlt sie auch selbst. Daher hilft er 
anderen, denen es genauso ergeht. 

Die Erzählung von Ariadne auf Naxos ist also ein Aition für den erotischen Nutzen des 
Weins; 133 doch zugleich ist sie eine Allegorie auf die folgende Eroberung beim Gast- 



132 Vgl. WEBER (1983) 40: Das Erscheinen des Bacchus rechtfertige den von WEBER angenommen 
„stilistischen Bruch" zwischen den Lehren zur männlichen Toilette und dem Folgenden. WEBER 
(41) erkennt im übrigen keinen sachlichen Widerspruch zwischen den Versen Ars 1,229 ff. und 
525 f., ebensowenig wieXENZ (1969) 13, der seinerseits daraufhinweist, daß Ovid so „auf feier- 
liche Weise" zu den Lehren für das Gastmahl anhebt. Dies entspricht der Bedeutung des Gegen- 
standes, da der Schüler beim Gastmahl und beim ersten Rendezvous die letzten, entscheidenen 
Schritte zum Erfolg tut. 

133 Vgl. KLIMT (1913) 32 und WEBER (1983) 41: „Ovid beweist ... eine Volksweisheit auf der Ebe- 
ne der Mythologie " - Zweifel äußert dagegen McLAUGHLlN (1975) 54, der allerdings nicht be- 
rücksichtigt, daß es ein beliebtes Motiv erotischer Dichtung ist, Götter, die man um einen Gefal- 
len bittet, auf ihre eigenen Liebeserlebnisse hinzuweisen, vgl. z. B. Ars 1,636; Prop. 1,17,25 ff.; 

% 2,26,45 ff.; Ov. Am. 3,6,23 ff. (flumina debebant iuvenes in amore iuvare; /flumina senserunt 
ipsa quid esset amor) sowie HOLUS (1977) 121. 



3.6 Das Gastmahl (Ars 1,525-606) 



129 



mahl. 34 HOLLIS bemerkt, daß Ovid den Mythos in einer ungewöhnlichen Form dar- 
stellt: „The important point to recognize is that a treatment of the Ariadne legend 
would almost invariably contain a long monologue by the abandoned girl . . . Ovid nöw 
takes up quite a different position. He is not concerned to give Ariadne's words at 
length, nor even to move our sympathy for her plight - quite the reverse, Indeed she 
protests and indeed she weeps (533), but this only makes her look prettier." 135 Wie die 
Sabinerinnen, die von Romulus' Soldaten geraubt wurden, ist Ariadne vor allem ein 
reizvolles Objekt der Begierde (Ars 1,533 f.): 

clamabat flebatque simul, sed utrumque decebal : 
non facta est lacrimis turpior illa suis. 

Anders als die Sabinerinnen und genauso wie die Dame, die der Schüler gleich beim 
Gastmahl umwerben wird, hat sie jedoch bereits einen Mann, nämlich Theseus. Und 
von Theseus spricht sie in den wenigen Worten, die Ovid ihr in den Mund legt: „Der 
Treulose ist fort; was wird jetzt aus mir?" (Ars 1,536 f.) 136 

„perfidus ille abiit: quid mihi fiet " aii; 
„quid mihi ftet" ait. 

Die Heroine quält anscheinend mehr die Sorge um ihr zukünftiges Schicksal als der 
Verlust^des geliebten Mannes, den sie nur drei Worten widmet. In den Heroides da- 
gegen beklagt Ariadne zwar ebenfalls ihre aussichtlose Lage (Ov. Ep. 10,59 ff.), doch 
ihre Gedanken kreisen vor allem um den Geliebten. Könnte er sie doch nur sehen und 
ihr Anblick ihn rühren (133 ff)! Sie schließt ihren Brief mit der Bitte, Theseus möge 
zu ihr zurückkehren, selbst wenn er dann nur noch ihren Leichnam vorfinde (151 f.). 
Seine Liebe bedeutet ihr also mehr als ihr eigenes Leben. Und während die Ariadne in 
den Heroides sicher ist, daß sie sterben muß, 137 scheint die Ariadne in der Ars noch 



Als Allegorie in anderem Sinne versteht WELLMANN-BRETZIGIIEIMER (1981) 21 das Excmpcl: 
„Was Ariadna widerfährt - nicht von ungefähr konzentriert sich die Gestaltung der Sage (etwa im 
Unterschied zu CatuIIs Darstellung carm. 64,52-264) ganz auf die Wirkung des Bacchus -, läßt 
sich allegorisch als Berauschung verstehen." Indes verbietet Ovid auch den Damen, beim Gast- 
mahl zu viel zu trinken (Ars 3,763-766). 

HOLLIS (1977) 121 f., vgl. WEBER (1983) 47 und McLAUGHLlN (1975) 48, der allerdings meint, 
Ovid wecke die Sympathie des Lesers gerade dadurch, daß er Ariadne wenig sagen läßt. 
Vgl. außerdem Ars 1,531: Thesea cntdelem surdas clamabat ad tmdas. 

Davon ist auch die Ariadne bei Catull überzeugt (Cat. 64,186 f.). Sie beschäftigt vor allem die 
Treulosigkeit des Theseus, den sie in den letzten Worten ihres Monologes verflucht (Cat. 64, 1 89- 
201). - Ausführlich vergleicht WEBER (1983) 49-56 die ^--Version mit dem Epylhon des Catull 
und mit Ovids Heroiden-Bnel WEBER kommt zu dem Ergebnis, daß die Ariadne der Ars „in der 
Mitte" stehe: „Mit den Heroides verbindet sie das anfängliche Festklammern an Theseus, mit der 
Catullfassung das Sichlösen von Theseus" (55). - Eine Synopse verschiedener Versionen des 
Mythos legt auch F. SPOTH vor (Ovids Ariadne-Brief [Her. 10] und die römische ; Liebcselegic, 
WJA 19 [1993] 239-260), Als (kritische) Catullparodie mit dem Mittel der Übertreibung inter- 
pretiert den zehnten Heroidenbrief F. VERDUCCI, Ovid's Toyshop of the Heart. Epjstulae Hcroi- 
dum, Princeton 1985, 237 ff.: „... pitturesce description ad absurdum ... rhetorical amplification 
ad stttltitiam" (261). Doch ist VERDUCCIs Interpretation geprägt von modernen Vorstellungen 



130 



Das zweite Kapitel der Liebeslehre 



Hoffnung zu haben. Sie ist ein hilfloses, verlassenes Mädchen, das auf seinen Retter 
wartet, - der dann auch kommt. 138 Theseus ist nicht weiter von Bedeutung; beun An- 
blick des Bacchus vergißt Ariadne ihn sofort (Ars 1,551): 

et color et Theseus et vox abiere puellae. 
Wie dieser unbedeutende Theseus soll dem Schüler beim Gastmahl der Mann erschei- 
nen mit dem er seine Dame teilen muß. Der Liebeskünstler empfindet kerne Eifer- 
sucht; denn das Beispiel der Ariadne zeigt ihm, daß die Schönen sich danach sehnen, 
von einem charmanten jungen Liebhaber aus ihrer tristen Lage erlöst zu werden. So- 
bald ein geschulter Galan um sie wirbt, ist der Mann, mit dem sie ihren Alltag teilen, 
vergessen. Außerdem weiß der Schüler, daß das Neue und Fremde verlockender ist als 
das was man besitzt (Ars 1,347 f.), und daß die Dame ohnehin nur auf eine Gelegen- 
heit wartet, ihrem Gatten, der sie - wie der treulose Theseus - mit einer anderen Frau 
betrügt, das erlittene Umecht heimzuzahlen (Ars 1,365 ff.). 

Noch in einer dritten Hinsicht interessieren Ovid die Gefühle der Ariadne; sie spiegeln 
die Überlegenheit des männlichen Eroberers, mit dessen Augen der Leser das Mädchen 
sieht genauso wie im ersten Kapitel der Liebeslehre die Panik der Sabinerinnen. Die 
Sabinerinnen wechseln die Farbe (Ars 1,120), einige bleiben besinnungslos sitzen, 
manche schweigen, andere fliehen (122 ff.). Auch Ariadne verliert aus Angst die Be- 
sinnung, verstummt und erbleicht, als sie den Thiasos hört (539 f.). So reagiert Ariadne 
sogar zweimal. Beim Anblick des Gottes verliert sie erneut Farbe und Stimme und ver- 
sucht vergeblich zu fliehen; ihre Furcht läßt sie zittern wie Halme im Wind (551 ff.). 
Die Sabinerin, die ein Römer davonträgt, leistet heftigen Widerstand (Ars 1, 127 f.): 



darüber, wie eine Frau -echtes' Leid empfinden und ausdrücken würde. Ob der antike Leser den 
Brief genauso albern fand wie VERDUCCI, ist zumindest fraglich. 
138 Man beachte, daß Äriadnes direkte Rede bis in das nächste Distichon (537 f ) Wnemreicht Ihr 
zweiter Ruf wird dadurch zu einem Teil der nächsten Erzähleinheit, in der Ovid die : Anfamft vo* 
Bacchus' Tinasos schildert Durch dieses 'Gedanken-Enjambement ^J^f^^ 
Gottes auch stilistisch zur Antwort auf Äriadnes verzweifelte Frage. - McLAUGl^ (1975) 48 ^ 
weist auf eine Parallele zu Ep. 10,21-24 hin: Dort ruft Ariadne den Namen jles Theseus und de 
Felsen hallen wider, so als ob sie ihr helfen wollen. In te^J^toZy^tol^ 
die Rufe der Ariadne. - Auffällig ist auch, daß Ariadne in der ^ statt des Vokaüvs den _Nomina- 
Sv perfidus gebraucht und durch das Pronomen ///. andeutet, daß Theseus seta , wei .von ihr 
entfernt ist. In den Heroides spricht Ariadne den Ttaeus dagegen direkt an (10 58. perfide) 
Anders als hier vorausgesetzt ziehen McLAUGHLIN (1973) 46 f. die Verse » 7 ^ «*™ 
(1983) 45 die Verse 535-548 als Einheit zusammen. WEBER nimmt emen Einschnitt n adT Vers 
534 an weil Ovid vom Imperfekt zum Perfekt wechsele und den Vers 535 wie den Auftritt de« 
Bacctelt dem Adverb iam einleite. Doch gebraucht Ovid bereits m Vers 534 das Perfett und 
macht durch Herum deutlieh, daß es sich auch bei Äriadnes Klage ™« **^££ 
sagen imperfektische Tätigkeit handelt. S^olle^ 

jeweils neu hinzukommenden Personen in drei Abschnitte zu gl. ^em (527-5 ^^037 
548- Ariadne und der Thiasos; 549-566: Bacchus, Ariadne und der Thiasos) wobei im zweiten 
und d^tten Ibsehnitt jeweils zunächst die Ankunft beschrieben wird, dann Anadnes Reaktion 
und schließlich das 'Liebes werben' des Silen bzw. des Bacchus. 
139 Vgl. LENZ (1969) 14, McLAUGHLIN (1975) 52, WEBER (1983) 49. 



3.6 Das Gastmahl (Ars 1,525-606) 



131 



siqua repugnarat nimium comitemque negarat, 
sttblatam cupido vir t u l i t ipse sinu. 

Ariadne aber kann sich noch nicht einmal wehren, als Bacchus sie in die Arme nimmt 
(Ars 1,561 f.): 140 

implicitamque sinu, neque enim pugnare vatebat, ^ 
abstulit ... 

So ist Bacchus ein noch größerer Eroberer als die Mannen des Romulus. Der Schüler 
aber soll sich mit dem Gott identifizieren, dadurch Mut fassen und seine Dame beim 
Gastmahl genauso entschlossen erobern. 141 

Indes ist das für einen Menschen nicht ganz so einfach wie für einen Gott (Ars 1,562): 

... infacili est omniaposse deo. 
Denn der Wein birgt auch Gefahren, die zu einem vollkommenen Mißerfolg führen 
können. 2 Während Ovid bei der Erzählung vom Raub der Sabinerinnen die Römer als 
vorbildliche, aber nicht vollkommene Eroberer darstellte und ihre primitive Technik 
mit leiser Ironie kritisierte (S. 55), verteilt er hier die Rollen des Vorbilds und des ab- 
schreckenden Beispiels auf zwei verschiedene Personen. Dem übermächtigen Bacchus 
stellt er den betrunkenen Silen, eine Karikatur des Gottes, gegenüber: 143 

Bacchus begehrt Ariadne, deren krokosfarbenes Haar nicht zurückgebunden ist (Ars 
1,530), Silen die Mänaden, deren Haar lose über den Rücken fällt (541). Silen reitet 



Übrigens hatte bereits Theseus sie entführen können, eine Parallele, die Ovid durch Enjambement 
an derselben Versstelle betont (Ars 1,509 f.): Minoida Theseus / abstulit So entsteht der Ein- 
druck, dies sei das normale Verfahren und die Damen eine leichte, willige Beute. 
Vgl. WEBER (1983) 57, der aber das Exempel auch als Rat versteht, den Wein zu trinken, 
um sich Mut zu machen. - BLODGETT (1972/3) 325 meint umgekehrt, Ovid stelle die Eroberung 
der Ariadne gerade nicht als vorbildhaft dar: „The distance between the figures of Bacchus and 
Ariadne are [sie!] aesthetically shocking. His presence empties her both of attributes (551) and of 
substance: she Stands under the wind as 'sterilis aristas' and 'levis canncC. This is rape .,.".- Je- 
doch sieht MCLAUGHLIN (1975) 52 gerade in dem, was BLODGETT schockiert, Anzeichen begin- 
nender Liebe - und kann dafür gute Belege vorweisen. 

Eine andere Interpretation dieses Verses schlägt WELLMANN-BRETZIGHEIMER (1981) 20 vor: 
Durch die Erzählungen vom Raub der Sabinerinnen und von Ariadne definiere Ovid die Position 
des Liebeskünstlers zwischen „Subkulturellem" und „Übermenschlichem"; „... gegenüber der 
göttlichen Allgewalt ..., die in psychischen Bann schlägt," bedürfe der Mensch der aries „als 
Kompensierung eines Mangels, den der Mensch durch das Aufbieten einer ganzen Skala von Be- 
zauberungskünsten wettmachen muß." 

McLAUGHLIN (1975) 50 ff. interpretiert Silen dagegen als „counter-weight or foil to the tragic 
Ariadne" (so auch WEBER [1983] 57), das Selbstvertrauen des Bacchus als „foil tö Ariadne's 
helplessness". Allerdings versteht MCLAUGHLIN (54 f ) die Darstellung des Silen auch als Bei- 
spiel, wie man sich nicht verhalten sollte, und sieht in der Warnung vor Trunkenheit, die er ver- 
körpert, die eigentliche Funktion des Exkurses. Vgl. a. SCHUBERT (1992) 203. 



132 



Das zweite Kapitel der Liebeslehre 



unsicher auf einem langohrigen (547: aurito) Eselchen und hält die Mähne „kunstvoll" 
umklammert (Ars 1,543 f.): 

ebrius, ecce, senex pando Silenus QSßUü 
vix sedet et pressas continet arte iubas. 

Das Wort arte, das man natürlich ironisch verstehen muß, 145 erinnert an eine andere 
Kunst, in der Silen auch nicht besonders geschickt ist (Ars 1,3 f.): 

arte citae veloque rates remoque moventur, 
arte leves currus : arte regendus amor. 

Ein besserer Lenker ist Bacchus, der mit lockerem Griff an goldenen Zügeln die Tiger 
rührt, die vor seinen traubengeschmückten Wagen gespannt sind (Ars 1,549 f.): 

iam deus in curru. quem summum texerat uvis, 
tigribus adiunctis aurea lora dabat. 

Er beherrscht diese Tiere so sicher wie Ovid im Proömium den Amor und der Liebes- 
künstler später seine Geliebte. 146 Silen dagegen macht sich zum Gespött. Während er 
nach den Mänaden hascht, treiben diese mit ihm ihr Spiel. Abwechselnd fliehen und 
verfolgen sie ihn (Ars 1,545): 

dum sequitur Bacchas, Bacchae fugiuntque petuntque. 
Auch Ariadne versucht dreimal, vor Bacchus zu fliehen, doch die Furcht hält sie zu- 
rück (Ars 1,552): 

terque fugam petiit terque retenia metu est 
Schließlich fällt Silen, der „schlechte Reiter" (546), von seinem Esel und schlägt mit 
dem Kopf auf, was die Satyrn.mit munteren Rufen kommentieren (Ars 1,547 f.): 1 

in caput aurito cecidit delapsus asello : 

* clamarunt Satyri „ surge age, surge, pqter. " 

Bacchus aber springt aus seinem Wagen und landet auf den Füßen, wobei der Sand 
unter seinem göttlichen Gewicht nachgibt (Ars 1,559 f.): 1 



145 

146 



148 



Das entscheidende Merkmal des Silen - ebrius - steht betont an der ersten Stelle, sogar noch vor 
der Interjektion ecce, die in dem Distichon davor den Vers jeweils anaphorisch einleitet, vgl. 
MCLAUGHLIN(1975)49f. 
HOLLIS (1977), PIANEZZOLA (1993) ad loa 

Vgl. Ars 1,20: frenaque magnanimi dente teruntur equi\ 1,472: tempore lenta pati frena docen- 
tur equi; 2,183: obsequium tigresque domat Numidasque leones. 

SCHUBERT (1992) 203 Anm. 503 vermutet in dem Herabgleiten und in dem Ruf surge eine An- 
spielung auf Impotenz als Folge von Weingenuß. Auch den Ausdruck malus eques kann man in 
obszönem Sinne verstehen, vgl. VORBERG (1965) 160. 

MCLAUGHLIN (1975) 53 hält den Hinweis auf Bacchus' schweren Schritt für eine Parodie der 
Verse II. 1,528-530, wo Homer das Nicken des Zeus beschreibt. Tatsächlich illustriert das Detail 
die Macht des Bacchus, so wie die Erschütterung des Olymp die Macht des Zeus. Denn Götter 



3.6 Das Gastmahl (Ars 1,525-606) 133 

dixit et e curru. ne tigres illa timeret, 
desilit (imposito cessit harena pede). 

Und als er Ariadne davonträgt, stimmt sein Gefolge die Hochzeitsrufe an (Ars 1,563): 
pars „Hymenaee" canunt, pars clamant „Euhioneuhoe". 

Der Schüler hat also die Wahl, ob er sich wie Silen betrinken und auf die Nase fallen 
will oder nüchtern bleiben und mit Bacchus' Hilfe sein Mädchen davontragen. Wenn 
er klug ist, wird er den „Vater Nyctelius" anflehen, ihm den Wein nicht zu Kopfe 
steigen zu lassen. Denn daß dieser unheimliche Gott der Nacht einen leicht überwäl- 
tigt, zeigt seine Wirkung auf Silen und Ariadne. 149 

3.6.2 Beim Wein (Ars 1,565-606) 

Wenn der Schüler mit seiner Dame zu Tische liegt und Bacchus ihm gewogen ist, kann 
der junge Mann sich ihr durch Zeichen erklären und sie scheinbar zufällig berühren 
(Ars 1,569-578). Doch auch um die Sympathie ihres Gatten soll er werben. In diesem 
Zusammenhang ist Trunkenheit besonders gefährlich. Man hat sich nicht mehr in der 
Gewalt und fängt leicht Streit an. Der kluge Liebhaber wird daher wenig trinken, aus- 
gelassen scherzen und mit seinen Talenten sowohl der Geliebten als auch ihrem Mann 
zu gefallen suchen (579-596). Umgekehrt ist ein vorgetäuschter Rausch von Nutzen, 
weil dann alles, was man tut, dem Wein zugerechnet wird und nicht etwa böser Ab- 
sicht (Ars 1,597-600): 

ebrietas ut vera nocet, sicfwta iuvabit: 

fac titubetblaeso subdola Iingitasqno, 
ut, quicquid facias dicasve protervius aequo, 

credatur nimium causa fuisse merttm. 

Selbst der sonst so eifersüchtige Properz verzeiht seinem Freund Lynceus, daß dieser 
sich im Rausch an Cynthia herangemacht hat (Prop. 2,34,21 f.): 

una tarnen causa est, cur crimina tanta remitto, 
errabant multo quod tua yerba meto. 

Wie der Schüler seine Narrenfreiheit ausnutzen, was er Unverschämtes sagen oder tun 
kann, erläutert Ovid in den nächsten Versen (Ars 1,601-606): Der junge Liebeskünstler 
wird anzügliche Bemerkungen machen 150 und sich beim Abschied, im Gedränge vor 



unterscheiden sich von normalen Sterblichen durch ein hohes Körpergewicht, wie man schon der 
Ilias entnehmen kann (Hom. II. 5,837-839); vgl. außerdem Luc. 1,56 f.; Stat. Theo. 7,750 f. 
Weitere Belege nennen BÖMER (1969) 282 f. zu Ov. Met. 2, 162 und HUBERT CA^CIK, Untersu- 
chungen zur lyrischen Kunst des P. Papinius Statius, Hildesheim 1965, 93 ff. 
Zu Ars 1,567 f. (Nycteliumque patrem nocinrnaque sacra precare, / ne iubeant capiti vina 
nocere tuo) vgl. 547 f. (in caput ... / ... pater). An seine frühere Warnung erinnert Ovid mit den 
Worten positi ... munera Bacchi (Ars 1,565; vgl. 231 f.: positi ... /Bacchi). 
Ars 1,601: et bene die dominae, bene, cum quo dormiat illa; vgl. HOLLIS (1977) 129. 



L 



134 



DAS ZWEITE KAPITEL DER LIEBESLEHRE 



dem Ausgang, an die Dame schmiegen und sie heimlich betasten. Sollte man ihn trotz- 
dem entdecken, gilt er ja als betrunken! 

Eine ähnliche Szene beschreibt Ovid in dm Amores (1,4). 151 Doch zeigt ein Vergleich 
mit dieser Elegie, daß er in der Ars seinen Schüler zu einer Haltung erzieht, die es dem 
jungen Liebeskünstler erlaubt, Schwierigkeiten, an denen der 'elegisch' Liebende zu 
scheitern droht, souverän zu meistern: So erklärt der Liebende in der Elegie seiner 
Herrin, wie sie sich zu verhalten hat, und vereinbart mit ihr geheime Zeichen. Wenn 
sie ihm böse ist, soll sie sich z. B. ans Ohr fassen; wenn ihr gefällt, was er tut, soll sie 
den Ring am Finger drehen (Ov. Am. 1,4,21 ff.). All diese Zeichen müssen vorher 
abgesprochen werden und sind deshalb für eine spontane Werbung ungeeignet. Der 
Schüler der Ars dagegen wird zweideutige Worte sprechen, Zärtlichkeiten in den 
verschütteten Wein schreiben, die Geliebte vielsagend anblicken, seine Lippen genau 
da an den Becher legen, wo auch sie getrunken hat, und zur selben Zeit nach denselben 
Speisen langen, um dabei über ihre Hand zu streichen (Ars 1,569-578). Diese Signale 
versteht eine Dame auch ohne vorherige Absprache. Vor allem aber bittet der Liebende 
in den Amores seine Geliebte, daß s i e ihm Zeichen gebe. Während der Schüler der 
Ars selbst handelt und von sich aus sein Vergnügen herbeifuhrt, ist der 'elegisch' Lie- 
bende nicht Herr der Lage; ob der Abend ein Erfolg wird, hängt davon ab, daß die Ge- 
liebte seinen Wünschen entgegenkommt. - Und dessen ist er keineswegs sicher, denn 
sonst würde er ihr nicht mit handfestem Protest für den Fall drohen, daß sie ihren 
Gatten küßt (Am. 1,4,39 f.). 

Auch das Verhältnis zu diesem Mann ist in den Amores nicht das gleiche wie in der 
Ars. Der Liebeskünstler wird den Gatten aus nüchterner Überlegung umwerben (Ars 
1,579 f.). 152 Zwar wünscht er ihm alles Schlechte an den Hals (602), doch kann er sich 



152 



Vgl. außerdem Tib. 1,2,21 f.; 1,6,17 ff.; Ov. Am. 2,5, wo Ovid sich in der Rolle des betrogenen 
Gatten präsentiert; ferner das nach der Ars verfaßte Briefpaar Paris - Helena Ov. Ep. 16,241 ff. 
und 17,74 ff. - Die Motive im einzelnen vergleichen HOLLIS (1977) <und PIANEZZOLA (1993). 
Dalzell (1996) 142 f. nennt dieses Stück - wie schon die Lehren zum Circus (vgl. S. 58 Anm. 
110) - als Beispiel dafür, daß Ovid in der Ars den Stoff der Amores in eine didaktische Form 
gieße: Aus einem komischen Drama werde „a series of scheming directives". 
LENZ (1969) und PIANEZZOLA (1993) schreiben auch die Verse Ars 1,585-588 dem Ovid zu. 
Doch dürfte es sich um ein Interpolation handeln, die wahrscheinlich aus derselben Feder stammt 
wie Ars 2,669-674 und vielleicht 2,465 f.; vgl. S. 286 Anm. 68. Denn erstens trägt der Tadel 
falscher Freunde und eigennütziger Verwalter nichts zur Lehre bei und zweitens wäre es wider- 
sinnig wenn Ovid seinem Schüler ein bestimmtes Vorgehen zuerst empfehlen, dann aber auf- 
grund* moralischer Bedenken plötzlich davon abraten würde. Drittens stören die Verse die aus- 
gewogene Symmetrie des Abschnittes: Je fünf Distichen, in denen sich der Schüler vor allem um 
die Dame bemüht (569-578; 597-606) rahmen einen mit sieben Distichen etwas längeren Ab- 
schnitt, in dem das Verhältnis zum Gatten besprochen wird (579-596; man beachte vor allem die 
Responsion von placuisse in Vers 579 und placere, place in Vers 596). Nachdem der 
Liebeslehrer gezeigt hat, wie man die Dame und den Gatten jeweils für sich umwirbt, zeigt er im 
dritten, letzten Abschnitt, wie man einer Dame in Anwesenheit ihres Gatten den Hof macht. - Eme 
konzentrische Struktur der Lehren nimmt KETTEMANN (1979) 62 an: „1. Kontakt durch lokale 



3.6 Das Gastmahl (Ars 1,525-606) 



135 



beherrschen und wird keinen Streit beginnen. Anders verhält sich der 'elegisch' Lie- 
bende. Er verflucht den Gatten nicht nur, sondern malt sich in selbstquälerischer 
Eifersucht aus, was dieser mit der Geliebten alles treiben wird, während er selbst sie 
nicht einmal berühren darf (Am. l,4,l-6): 153 

vir tuus est epalas nobis aditurus easdem: 

ultima cena tao sitprecor illa viro. 
ergo ego dilectam tantum conviva puellam 

aspiciam ? tangi quem luvet, alter erit, 
alteriusque sinus apte subiecta fovebis? 

iniciet collo, cum volet, Ute mamim? 

Kaum kann er sich beherrschen und möchte sich am liebsten wie einer der Kentauren 
bei Hippodamias Hochzeit mit dem Manne prügeln (Am. 1,4,7-10). 154 Ovids Schüler 
dagegen ist nicht so töricht wie einst der Kentaur Eurytion, der den Tod fand, als er 
beim Gelage Hand an die schöne Braut des Peirithous legte (Ars 1,591-3). Schließlich 
hat der Liebeskünstler dazu auch überhaupt keinen Grund, wird er doch seine Dame 
nicht nur ansehen, sondern auch berühren! Und gerade der Abschied gibt ihm dazu 
reichlich Gelegenheit (603-606). Diese Gelegenheit nutzt zwar auch der *elegisch' Lie- 
bende - besser gesagt: er bittet seine Herrin, daß sie die Gelegenheit nutze, ihn zu 
berühren -, docITanstatt den Augenblick zu genießen, quält er sich schon mit Gedanken 
an das, was sie wenig später zu Hause mit ihrem Mann tut (Am. 1,4,55 ff): 

cum surges abitura domum, surgemus et omnes, 

in medium turbaefac memor agmen eas: 
agmine me invenies aut invenieris in illo; 

quicquid ibi poieris tangere, fange, mei. 
me miserumi monui, paucas quod prosit in horas; 

separor a domina nocte iubente mea. 
nocte virincludet ... 

Der Liebeskünstler dagegen hat keine Zeit, sich über solche Dinge zu grämen; denn 
sofort wird er von seinem Lehrer zum ersten Stelldichein geführt (Ars 1,607): 

colloquii iam iempus adesti 



Gegebenheiten [Anm. d. Verf.: 565-568], 2. Annäherung über (versteckte) Worte [569-574], 3. 
intensiver Kontakt [575-578], 4. Konzessionen an den Ehemann [579-584], 4/ Warnung vor 
Streit [589-594], 3.' placere (auf jede Weise) [595 f.], 2.' verstellte Worte [597-602], 1/ Kon- 
takt durch lokale Gegebenheiten [603-606]." KETTRMANNs Gliederung zeigt, daß Ovid Motive 
des ersten Abschnitts im dritten Abschnitt wieder aufnimmt. Allerdings kann man KEITEMANN 
im einzelnen nicht folgen, insbesondere weil der Abschnitt „3.*" als einziger nur cih Distichon 
umfaßt und zudem im ersten Teil keine inhaltliche Entsprechung findet. 

Es fällt auf, daß der Sprecher sich auch hier die Geliebte zunächst als den aktiven Partner vor- 
stellt: Der Gatte wird berührt (tangi), während sie ihm die Brust wärmt (fovebis). 
Vgl. a. Am. 1,4,35 ff., wo der Liebende sich erneut eifersüchtigen Phantasien hingibt und mit 
Handgreiflichkeiten droht. 



L 






136 



DAS ZWEITE KAPITEL DER LIEBESLEHRE 



3.7 Das erste Rendezvous (Ars 1,607-722) 

Wenn der Schüler zum ersten Mal mit seiner Dame alleine ist, muß er alles wagen und 

das Mädchen entschlossen nehmen (Ars 1,607 f.): 

fuge rusiice lange 
hinc Pudor: aitdentem Forsque Venusque iuvai. 

Zwar wird er zunächst auf die Dame einreden (609-658), doch dann auf Worte Taten 
folgen lassen (659-706), sie mit falschen Tränen rühren, ihr erste Küsse rauben und 
schließlich - notfalls mit Gewalt - noch „das übrige" (669). Daß Gewalt den Damen 
nicht unlieb ist, zeigt ja schon das Beispiel der Deidamia, die sich gern von Achill 
überwältigen ließ (681-706). Dennoch könnte der Schüler Bedenken haben. Daher gibt 
Ovid ihm nicht nur praktische Anweisungen, sondern gestaltet seine Lehren auch so, 
daß sie etwaige Skrupel zerstreuen und den jungen Mann auf eine stürmische Erobe- 
rung einstimmen. 



3.7.1 Werbung mit Worten (Ars 1,609-658) 

So fällt auf, daß Ovid in den Vorschriften zum Gespräch dieselben Themen behandelt 
wie in den Lehren zum Liebesbrief: den korrekten Stil und den Inhalt der Worte, d. h. 

Schmeicheleien, falsche Versprechen und 



littera 

Inhalt 

-blanditiae{439l) 
preces (440-442) 
promissa (443-454) 

Sül (455-468) 



colloquium 

StU (609 f.) 

Inhalt 

-blanditiae (611-630) 

-promissa (631-658) 

-preces (707-722) 



Bitten - allerdings die Bitten nicht zu- 
sammen mit den anderen Inhalten des Ge- 
sprächs, sondern erst in den Versen 707- 
722, nachdem er beschrieben hat, wie 
der Liebeskünstler zum Höhepunkt vor- 
dringt. Der Sinn dieser ungewöhnlichen Dispositio leuchtet unmittelbar ein, wenn man 
sich klarmacht, daß der junge Mann seine Dame aggressiv bedrängen soll; das Ethos 
eines demütigen Bittstellers ist dazu denkbar ungeeignet. Außerdem will der Liebes- 
lehrer auch den Fall besprechen, daß die Bitten nicht zum Erfolg fuhren, und der Ge- 
danke an ein Versagen könnte den Elan des Schülers bremsen. 

Der Liebeslehrer erörtert zwar dieselben Themen wie in den Versen 439-468, vermei- 
det aber unnötige Wiederholungen. Zum Stil gibt es nichts grundsätzlich Neues zu 
sagen, und so beschränkt sich Ovid auf einen allgemeinen, eher anfeuernden als beleh- 
renden Hinweis. Er will den Redefluß nicht durch Vorschriften hemmen; der junge 
Mann soll einfach sagen, was die Leidenschaft ihm eingibt (Ars 1,609 f.): 155 



155 



Daß sich dieses Distichon auf den Stil, die elocutio, und nicht auf dem Inhalt, die mventio be- 
zieht ergibt sich aus dem Kontext. Denn zum Inhalt gibt Ovid dem Schüler im folgenden Hin- 
weise. Zu dem Ausdruck sponte disertus vergleiche man ferner die Mahnung (Ars 1,463): nee sis 



3.7 Das erste Rendezvous (Ars 1,607-722) 137 

non tua sub nostras veniat faeundia leges; 
fac tanium cupias, sponte disertus eris. 

Falsch wäre es aber, wenn der Schüler glaubte, er müsse die Dame nun leidenschaft- 
lich lieben. Um hier Klarheit zu schaffen, verwendet Ovid den merkwürdigen Aus- 
druck „sieh' zu, daß du sie begehrst", so als koste das Überwindung. 156 ! Damit der 
junge Mann auch ja begreift, daß er einen Verliebten nur nachahmen, aber nicht wirk- 
lich verliebt sein soll, wiederholt Ovid sogar ausnahmsweise eine Vorschrift aus den 
Lehren zum Liebesbrief (Ars 1,439 f., 61 1): 

blanditias ferat illa tuas imitatäque am an tum 
verba .„ 

est tibi agendus am ans imitandaque vulnera verbis 

Durch diese^Wiederholung am Anfang des Abschnittes nimmt Ovid Bezug auf die 
früheren Lehren und macht so deutlich, daß er die im Zusammenhang mit dem Brief 
erörterten Themen aufgreift und weiterentwickelt. Was damals gesagt wurde, gilt im 
Prinzip auch für das Gespräch. Allerdings wird die Vorschrift der neuen Situation an- 
gepaßt. Da der Schüler die Dame leibhaftig vor sich hat, muß er Liebe wie ein Schau- 
spieler darstellen (agendus)^ 1 auch muß er sich nun leidenschaftlicher geben und 
nicht nur Liebe, sondern Liebes quälen (vulnera) vortäuschen. Ferner wird der 
Schüler auf die Gefahren solcher Schauspielerei hingewiesen. Wer den Liebenden 
spielt, kann sich leicht wirklich verlieben. 158 

Wie man einen Liebenden mimt, hat Ovid bisher nicht erklärt. Bei der Besprechung 
des Briefes erfuhr der Schüler nur, daß er der Dame schmeicheln muß. Jetzt lernt er, 
welchen Inhalt diese Schmeicheleien haben sollten: Man preise die Schönheit der 
Dame. 159 Ausfuhrlich diskutiert der Liebeslehrer die Wirkung solcher praeconia for- 
mae (623) und deutet dabei an, wie weit der Schüler mittlerweile vorangekommen ist. 
Seine Briefe sollten den Widerstand der Adressatin brechen, wie Tropfen weichen 
Wassers den harten Stein höhlen; wenn er aber beim ersten Rendezvous mit Schmei- 
cheleien unbemerkt in ihr Herz dringt, ähnelt er einem Fluß, der das überhängende 
Ufer untergräbt (Ars 1,619 f.): 



156 
157 
158 



in fronte disertus. Da der Briefstil so wirken sollte, als ob man mit der Dame persönlich spräche, 

können die dort aufgestellten Regeln problemlos auf das Rendezvous übertragen werden. 

Vgl. schon Ars 1,35: quodamore velis und dazu S. 31. 

Vielleicht spielt Ovid hier auf den Vortrag einer Rede, die actio an, vgl. TOOHEY (1997) 200 rT. 

Ars 1,615 f.: saepe tarnen vere coepit Simulator amare; / saepe, qaod ineipiens finxerat esse, 

fuit - Durch die Anapher von saepe erinnert Ovid an die warnende Formel saepe ///... aus dem 

ersten Kapitel der Liebeslehre, vgl. 2.3. 

Der Zusammenhang zwischen vorgetäuschter Liebe und Komplimenten über die Schönheit der 

Dame wird deutlich, wenn man z. B. den Anfang der Elegie Prop. 2,2 liest: Liber efam et vacuo 

meditabar vivere lecto: / at me composita pacefefellit Amor. / cur haec in terrisfacies humana 

moratur? ... Die Schönheit einer Frau ist der Grund, weswegen man sie liebt, vgl. a. 7.4.3. 



138 Das zweite Kapitel der Liebeslehre 

blanditiis animum furtim deprendere nunc sit, 
ut pendens liqiuda ripa subestur aqua. 

Der junge Mann hat es jetzt also viel leichter; die Dame ist ihm bereits gewogen, und 
es genügt ein kleiner Anstoß, um die letzten Barrieren konventioneller Scham zum 
Einsturz zu bringen. 160 Ermutigend wirkt auch das mythologische Exempel, mit dem 
Ovid die Macht der Schmeichelei belegt (623-626). Wenn sich sogar sittsame Matro- 
nen wie Juno und unberührte Jungfrauen wie Minerva 161 dem Zauber der praeconia 
formae nicht entziehen können, dann darf der Schüler, der es mit einer weniger sitt- 
samen Dame zu tun hat (Ars 1,3 1-34), erst recht seines Erfolges gewiß sein. 

Während Ovid Stil, Schmeichelei und Bitten jeweils nur an einer Stelle ausführlich 
diskutiert, widmet er den falschen Versprechen an beiden Stellen einen längeren Ab- 
schnitt. Das ist schon deswegen sinnvoll, weil der Schüler, wenn er in diesem Punkte 
versagt, die erste Liebesnacht nicht ohne Bezahlung erhält. Und hat er erst bezahlt, lebt 
er stets in der Sorge, die Dame könnte ihn plötzlich verlassen (S. 116 ff.). Außerdem 
lehrt Ovid an der früheren Stelle zwar, was man der Dame vorschwindeln soll, näm- 
lich daß man sie liebt und mit Geschenken überhäufen will. 162 Doch wie man die 
falschen Versprechen bekräftigt, weiß der Schüler noch nicht 163 Zu diesem Zwecke 
empfiehlt Ovid nun den Meineid; Jupiter, der ja selbst der Juno schon oft Falsches 
schwor, läßt solche Eide ungestraft (Ars 1,63 1-636): 



162 



Diese Interpretation wird bestätigt durch ein Epigramm des Kallimachos, das Ovid in Vers 620 
mit großer Wahrscheinlichkeit imitiert (Call. AP 12,139 - Epigr. 44 PFEIFFER; vgl B. AXELSON, 
Ein weggefallener Buchstabe im Text der Ars Amatoria [1,618], Hermes 86 [1958] 127 f.): 
"Eon ri, vai röv Ilava, KeKpvuuevov. Uort ri ravttj, I vai pä Aicbvvoov, Jtup find rff axodifl- / 
oödapoeco.firjöiiticxepiJtAcKe-jtoXAäKt Äijdei / xoi%ov öitorptiycov $ov- 
Xiog jtorapög. /rcpKaivvv öeiöoma, Meve&ve, pfj pe jtapeiaöüg / ovroq 6 aiyepxrjg elq 
röv gpa>ra ßäXfl. So wie der Dichter des Epigramms für die Liebe empfänglich ist, weil in seinem 
Herzen bereits ein Feuer glimmt, begehrt auch die Frau in der Ars den Schüler mehr, als sie 
zugeben will. Sie ist bereit, erobert zu werden (pendens ripa), - Einen ähnlichen Gedanken 
äußert Properz, wobei er anscheinend von Kallimachos die Metapher <von dem unter der Asche 
schwelenden Feuer übernimmt (vgl. dazu auch Ars 2,439 ff.): Der Dichter Ponticus ist bereits 
verliebt, doch richtig ist seine Leidenschaft noch nicht entflammt (Prop. 1,9,17 f.): necdum etiam 
palles, vero nee langem igni: / haec est venturi prima favilla mall Aber gerade durch ihre an- 
fängliche Bereitschaft wird die Geliebte unbemerkt in sein Herz vordringen (25 f.:) nee te de- 
cipiat, quod sit satis illa parata: / acrius illa sttbit, Pontice, si qua tua est Daher mahnt Properz 
den Freund (30); quisquis es, assiduas, a, fitge blanditias! Die 'elegische' domina unterwirft 
ihren Liebhaber durch schmeichelnde Zärtlichkeit; der Liebeskünstler aber wird selbst dieses Mit- 
tel einsetzen, um sich sein Mädchen gefugig zu machen. 

Wie J. SOUBIRAN (Delie et Thetis: motifs erotiques dans la poesie latine, Pallas 7 [1971] 62) be- 
merkt, sind auch die praktischen Beispiele dem Geschmack solcher Damen angepaßt: Der Schüler 
soll das Gesicht, die Haare, die Finger und die Füße loben (Ars 1,621 f.), also nur Körperteile, 
die auch bei einer anständig bekleideten Frau zu sehen sind. Vgl. dagegen Ov. Am. 3,2,27 ff, wo 
der Liebhaber die Schenkel der Schönen preist. 

Vgl. neben Ars 1,439 f. (imitata ... amantum / verba) den Meineid der Sklavin (Ars 1,372): 
insano iuret amore mori; zu Geschenken vgl. bes. Ars 1 ,444: pollicitis dives quilibet esse potest 
\yie man Lügen stilistisch überzeugend vorträgt, hat der Schüler schon gelernt (Ars 1,455-468). 



3 .7 Das erste Rendezvous (Ars 1 ,607-722) 



139 



nee timide promitte: trahunt promissa piiellas; 

pollicito festes quoslibet adde deos. 
luppiter ex altoperiuria ridet amantum 

et iubet Aeolios irritaferre Notos. 
per Styga Iunonifalsum iurare solebat 

luppiter: exemplo nunefavet ipse suo. 

Daß Liebesschwüre in den Wind geredet sind, ist spätestens seit Hesiod ein Gemein- 
platz, und man fragt sich, warum Ovid Jupiters Toleranz in diesen Dingen überhaupt 
so ausführlich darlegt. 

Eine Erklärung folgt aus der Natur der 'elegischen' Liebe: Im Gegensatz zu anderen 
Leuten glaubt nämlich der 'elegisch' Liebende keineswegs, daß erotische Eide nicht 
binden. Da er sich dem Ideal der fldes verpflichtet fühlt, würde er seine domina nie 
belügen. Und wenn sie ihn trotz ihrer Schwüre hintergeht, erwartet er, daß die Götter 
sie bestrafen. 165 Das veranlaßt auch Tibull, in seine Schule der Knabenliebe eine 
Rechtfertigung falscher Schwüre aufzunehmen, wobei er - wie Ovid in den Lehren zur 
Schmeichelei (Ars 1,623-626) - als Argumentum a fortiori mit Diana und Minerva 
zwei besonders keusche, aber verzeihende Gottheiten anführt' (Tib. 1,4,2 1-26): 166 

nee iurare time: Veneris periuria venti 
v „ irritaper terras etfreta summa ferunt. 

J gratia magna lovi: vetuitpater ipse valere, 

iurasset cupide quiequid ineptus amor, 
perque suas impune sinit Dietynna sagittas 
affirmes, crines perque Minerva suas. 

Doch Ovid geht in der Ars noch weiter als Tibull. Er gibt sich obendrein als gläubiger 
Mensch zu erkennen und mahnt den Schüler, die Götter zu fürchen und ohne Frevel zu 
leben; man müsse Anvertrautes zurückgeben, Verträge erfüllen und sich von Betrug 
und Bluttaten fernhalten. Nur bei Frauen sei Ehrlichkeit schimpflicher als ein Betrug 
(Ars 1,637-644): 

expedit esse deos et, ut expedii, esse putemus; 

dentur in antiquos iura merumque focos. 
nee secura quies illos similisque sopori 

detinet: innocue vivite, numen adesi, 
reddite deposi tu m ; pietas suafoedera servei; 

fraus absit; vacuas caedis habete mamts. 
ludite, si sapitis, sotas impune puellas: 

hac magis est unafraude pudenda fldes. 



165 



Vgl. Hes. fig. 124 MERKELBACH-WEST, die von BRANDT (1902), HOLLIS (1977) und PlANEZ- 

ZOLA (1993) ad loc. gesammelten Belege sowie SCAFFAI (1988) 124 ff. i 

Vgl z. B. GAULY (1990) 189 ff. - Allerdings vertritt Ovid bereits in den Amores eine andere 

Position: Er schwört selbst falsch (Am. 2,7; 2,8) und gestattet dies auch seiner Geliebten (Am. 

3,3). - Zu fldes in der Elegie vgl. unten 6.1. 

Vgl.WlMMEL(1968)26. 



140 



Das zweite Kapitel der Liebeslehre 



Während manche Autoren diese Verse als humorvollen Spott über altväterliche Fröm- 
migkeit oder eine versteckte Kritik an der augusteischen Religionspolitik interpre- 
tieren, 167 zeigt STROH, daß Ovids Glaubensbekenntnis durchaus mit den Vorstellungen 
konservativer Köpfe vereinbar war; zu Recht bemerkt er: „Ovid hätte an sich die Ab- 
sicherung des 'Expedit esse deos' gar nicht nötig gehabt". 168 Daraus folgert Stroh, 
Ovid habe in anderer Weise provozieren wollen: „Eben durch diese scheinbare Absi- 
cherung - auf die kein Leser rechnen konnte - will er die Aufmerksamkeit der Zeitge- 
nossen darauf richten, daß im Raum der freien Liebe der Ars amatoria die gewöhn- 
lichen Regeln von Religion und Moral nicht gelten." 169 In der Tat ist der Umstand, daß 
Ovid den Meineid überhaupt nicht zu rechtfertigen brauchte, ein Schlüssel zum Ver- 
ständnis dieses Abschnittes. Jedoch bezweckt der Liebeslehrer genau das Gegenteil 
von dem, was STROH vermutet: Während Tibull in konventioneller Weise andeutet, 
daß die Götter dem Liebenden seine Meineide nachsichtig verzeihen, weil er leiden- 
schaftlich erregt und töricht, also seiner selbst nicht Herr und damit unzurechnungs- 
fähig ist, 170 zeigt Ovid, daß „die gewöhnlichen Regeln von Religion und Moral" 
auch in der Liebe gelten. Der Schüler soll gerade nicht glauben, Liebe sei ein rechts- 
freier Raum, in dem sich Wahnsinnige und gewissenlose Hedonisten tummeln. 171 



169 



OTIS (1938) 209-21 1 beanstandet weniger den Inhalt als vielmehr den respektlosen Ton, mit dem 
Ovid seine theologia raiionalis vorbringe: „Ovid blurts out what is in effect the fact behind the 
Augustan religiosity" Auf diese Weise entlarve er den Utilitarismus, auf dem die augusteische 
Religionspolitik beruhe. Ähnlich ist die Position von SCAFFAI (1988): Zwar seien Ovids Ansich- 
ten keineswegs ungewöhnlich, doch behandele er den ernsten Gegenstand in so sarkastischer 
Weise, daß auch dieser Abschnitt ein Beleg für seine „scherzosa irreverenza" (S. 132) sei; vgl. a. 
WlLKINSON (1955) 191. - FräNKEL (1945) 89-93 glaubt dagegen in Ovids Worten echten, tief 
empfundenen Agnostizismus erkennen zu können. 

So schon FRÄNKEL (1945) 217 Anm. 52; vgl. a. GRIGGS (1971) 121 f. und HOLLIS (1977) 132: 
„To me the surprising point is rather that he thought fit to insert a weighty passage in such a 
frivolous context; one might häve imagined the lover's oath to be so well-worn a topic as to need 
neither explanation nor apology. 4 * 

W. STROH, Expedit esse deos, in: E. und W, STROH (Hrsgg.), Von Kanzel und Katheder. Ge- 
mischte Grüße an Hans Stroh zu seinem siebzigsten Geburtstag, o. O. 1978, 67-72, zitiert wurde 
aus den Seiten 71 f. 

Tib. 1 ,4,24: iurasset cupide quicquid ineptus amor. - Liebende werden also wie Kinder, Besesse- 
ne oder Geisteskranke angesehen; man kann sie nicht für ihre Worte und Taten verantwortlich 
machen, vgl. z. B. Prop. 2,12,1-4 (Amor werde als Kind dargestellt, weil Liebende sich wie Kin- 
der betragen; bes. v. 3: sine sensu vivere amantis) und zur Auffassung der Liebe als Geistes- 
krankheit z. B. PI, Phdr. 231 d: Kai yäp aöroi <sc. oi e , pcövreg> öpoXoyovat vooeiv päXXöv ff 
aaxppovetv, Kai eiSivai, ort KaKcöq fpovovoiv, dXX' ov Svvaa&at avrcöv KpateTv. - Da die 
Narrenfreiheit der Liebenden eine allgemein anerkannte Konvention war und das eindrucksvollste 
Beispiel hierfür der äypoStotoq b'pKoq, bestreitet LABATE (1984) 1 12-1 14, 215, daß Ovid provo- 
zieren wollte. Im übrigen folgt er jedoch STROHs Interpretation: Liebe bewege sich in einem 
„spaziocui ... il «omos concedeva una sospensione benevola della morale sociale" (S. 215). 
Vgl. WEBER (1983) 61: „Ovid will sicherlich seine Leser nicht provozieren oder schockieren, im 
Gegenteil. Der Leser soll schmunzeln bei diesem Spiel mit den drei voneinander abgegrenzten 
Theologien ... Auch will Ovid nicht als gewissenloser Lehrer erscheinen, der seine Schüler zu un- 
glaubwürdigen Menschen erzieht, die sich nicht an ihre Verpflichtungen halten." - WEBER unter- 



3.7 Das erste Rendezvous (Ars 1,607-722) 



141 



Dies belegt eindrucksvoll der Hinweis auf Jupiter. Während Jupiter bei Tibull den Lie- 
besmeineid nur verzeiht (1,4,23 f.), schwört er in der Ars (635 f.) auch selbst regel- 
mäßig falsche Eide. Daß aber der göttliche Sachwalter der Gerechtigkeit von Sinnen 
sein und unrecht handeln könnte, wird man doch wohl nicht ohne weiteres glauben 
wollen. 172 Außerdem schwört Jupiter bei der Sryx, so daß es gar nicht mehr in seiner 
Macht steht, ob er den Eid gelten läßt oder nicht. 173 Demnach ist es sogar eine höhere 
Instanz als Jupiter, die den erotischen Meineid erlaubt. 

Ja, der Liebeslehrer ist noch nicht einmal mit einem Glaubensbekenntnis zufrieden; er 
überprüft die volkstümliche Gnome „Amantis iusiurandum poenam non habet " m 
nicht nur unter religiösen, sondern darüber hinaus unter ethischen Gesichtspunkten 
(645-658), und man fragt sich, was ihn veranlaßt haben könnte, etwas, von dem ohne- 
hin jeder überzeugt war, sogar mit einer doppelten Argumentation zu bekräftigen, 

Einen Hinweis gibt der schwierige Vers 644, über den sich schon einige Interpreten 
den Kopf zerbrochen haben. 175 Was meint Ovid mit dem Satz, allein gegenüber den 
Frauen müsse man sich der Ehrlichkeit mehr schämen als des Betruges? Diesen selt- 
samen Gedanken kann man nachvollziehen, wenn man ihn mit dem vergleicht, was 



173 
174 



scheidet allerdings nicht zwischen erotischer Moral und Moral außerhalb des erotischen Bereichs 
und erklärt auch nicht, wie humorvolles Spiel mit verschiedenen theologischen Theorien und ein 
ernsthaftes sittliches Anliegen zusammengehen sollen. Ein Widerspruch ist es auch, wenn WEBER 
(1983) 70 dem Exempel von Busiris und Thrasius einerseits eine „psychagogische Funktion" zu- 
weist („Der Leser fühlt sich in der Liebe nicht nur zu waghalsigen Verspechen berechtigt, son- 
dern ... geradezu gezwungen ../"), andererseits aber eine „parodistisch-zeitkritische" („In der 
freien Liebe ... sollen die Regeln von Religion nicht gelten."). Ist der Liebeskünstlcr nun ein an- 
ständiges Mitglied der augusteischen Gesellschaft oder ein Außenseiter, für den die herrschende 
Moral keine Bedeutung hat? 

Dagegen sieht STEUDEL (1992) 159 f., wie schon WATSON (1983) 121, in dem Exempel eine 
„auch im zeitpolitischen Sinne provozierend wirkende Rollenkombination von oberstem Gott und 
schamlosem Ehebrecher". Davon, daß Jupiter ein „schamloser Ehebrecher" sei, ist aber gar nicht 
die Rede, zumal Ovid gar nicht sagt, w a s er Juno Falsches schwört. In diesem Zusammenhang 
ist bemerkenswert, daß Ovid auch in den Metamorphosen von keinem solchen Schwur erzählt und 
bei dem Mythos von Io (Met. 1,610 ff.) von Hesiods Version abweicht. Dieser soll nämlich in den 
Ehoien erzählt haben, wie Zeus der Hera schwor, er habe Io nicht angerührt; so habe Zeus die 
Straflosigkeit des Liebesmeineides eingeführt (Hes. frg. 124 MERKELBACH-WEST = Apollod. 
2,1,3: <pcopadeiq Se v<p' "Hpaq rtjq pev KÖpng ät/fdpevoQ el$ ßoOv pETepöpycoaE XevKifv, dutcopö- 
oaxo ob raörtf pij ovveX&eTv Stö <pqaiv 'HoioSoq oök btioxaoöai tt)v fato rdöv dccöv öpyüv 
rovq yivopevoug opicovq vjtep "Epcorog. 
Vgl. z. B. Ov. Met. 2,101; 3,289 ff. 

Pub. Sent. A 38 (MEYER); vgl. a. PI. Smp. 183 b: 8 Se ÖEivörarov, üjq ye Xevovotv oi jtoXXoi 
ort Kai ößvvvrt pövco (wyyvojptj xapä i%cov EKßdvn twv o P kcov - aypoSknov yäp S'pKOV ov 
mwv elvai; Hsch. <x 8771: Jtapotuta ... 'AypoSiotoq öpKoq oö SaKvet; Call. AP 5,6 - 25 
PFEIFFER w. 3 f: äXXä XEyouatv äXnMa, rovq ev Zpcon / öpKovq pi) ööveiv ovat' £q aftavdrwv. 
GOOLD (1965) 41, HOLLIS (1977) ad loc. und KENNEY (1994) halten den Vers in seiner überlie- 
ferten Form für verderbt und bevorzugen eine korrigierte Version: hac minu s (a<;) est una 
fraude tuende* (NAUGKRRJS) >/<?.?. Dagegen zeigt STROH (1976) 564 f., daß der Vers auch 
ohne solche Korrekturen einen vernünftigen Sinn ergibt. Als Parallele kann STROM auf Ov. Ep. 
5,44 verweisen: praetehto magis est iste pudendus amor. Vgl. a. REHKMANS (1973) 370 f. 



L 



142 



Das zweite Kapitel der Liebeslehre 



Cicero zu demselben Thema sagt. 176 Dieser untersucht im dritten Buch von De officiis 
das Verhältnis von Ehrenhaftigkeit (honestas) und Nutzen (utilitas). Eines seiner Er- 
gebnisse ist folgendes: Eine Tat, die normalerweise moralisch geboten ist, kann in 
Ausnahmefällen sogar verwerflich sein, etwa wenn einer jemandem eine hinterlegte 
Summe zurückgibt, obwohl er weiß, daß der Betreffende mit dem Geld gegen das 
Vaterland rüsten wird. So werde manches, das von Natur aus ehrenhaft zu sein scheint, 
z. B. ein Versprechen einzulösen, einen Vertrag zu erfüllen oder Anvertrautes zurück- 
zugeben, durch die besonderen Umstände unehrenhaft (Off. 3,95): 

Sic mutta, qttae honesta natura videntur esse, temporibus flunt non honesta. 

Facere promissa, siare convenüs, re ädere deposita commutata utilitate 

flimt non honesta. 
Nicht nur in diesem Punkte stimmen Ovids Lehren in der Ars (vgl. bes. 641) mit dem 
überein, was Cicero in De officiis zu erlaubten Verstößen gegen ethische Gebote vor- 
trägt. Cicero will vor allem dem Irrtum begegnen, es gebe Fälle, in denen diese Gebote 
tatsächlich ihre Gültigkeit verlören, in denen also das utile höher zu bewerten sei als 
das honestum. Zu diesem Zwecke unterzieht er einzelne von der Vulgärmoral erteilte 
Lizenzen einer philosophischen Prüfung und erörtert, ob sie auch für einen vir bonus 
akzeptabel sind, z. B. ob man tatsächlich einem Eidbrüchigen gegenüber eidbrüchig 
werden dürfe (Off. 3,102 ff.). Sowohl in der ,4ns als auch in De officiis werden also ge- 
meinhin anerkannte Maximen nicht einfach als zutreffend hingenommen, sondern auf 
ihre Richtigkeit hin untersucht. Und genauso wie später Ovid begründet schon Cicero 
seine Ansichten zum Meineid auf zwei Ebenen, einer theologischen (Off. 3,104) und 
einer ethisch-philosophischen (Off. 3,105 ff.). 

Ferner orientiert sich Cicero an einer grundlegenden Formel (Off. 3,20: formula), mit 
der er den scheinbaren Widerspruch von persönlichem Nutzen und dem, was sittlich 
geboten ist, aufzuheben hofft: Wer einem anderen Mitglied der menschlichen Gemein- 
schaft gegen das Gebot der Sittlichkeit schadet, hat davon keinen Nutzen; denn er stört 
diese für alle förderliche Gemeinschaft und schadet somit auch sich selbst. Seine Tat 
ist also weder ehrenhaft noch nutzt sie ihm (Off 3,21 ff.). Diese Formel erlaubt es 
Cicero, einige populäre Ansichten zu übernehmen und sonst unrechtes Verhalten für 
recht zu erklären, ohne die unbedingte Gültigkeit des honestum zu gefährden. So sind 
falsche Eide zwar grundsätzlich verboten, erlaubt aber bei Piraten; denn diese seien 
keine Mitglieder, sondern Feinde der menschlichen Gemeinschaft (Off. 3, 107): 



Die im folgenden dargestellten Zusammenhänge wurden, soweit ich sehen kann, bisher nicht be- 
merkt Nur D'ELIA (1961) 137 f. beobachtet einige sachliche Parallelen zwischen dem Abschnitt 
Ars 1,629 ff. und der Diskussion des Meineides in Off. 3,104-107. Darüber hinaus findet D'ELIA 
Entsprechendes zu dem Gedanken fallite fallenies im zweiten Buch von De officiis, wo Cicero 
lehrt, daß Tyrannen diejenigen furchten müssen, denen sie selbst Furcht einflößen (Off. 2,24): et- 
enim qui se metui volent, a quibus metuenlur, eosdem metucmt ipsi necesse est. 



3 . 7 Das erste Rendezvous (Ars 1 , 607-722) 1 43 

... si praedonibus pactum pro capite pretium non atiuleris, nullafraus est, ne si 
iuratus quidem id non feceris. Nam pirata ... est ... communis hostis omnium; 
cum hoc necfides debet nee hts iurandum esse commune. 

Der Weise, lehrt Cicero, darf keinem Mitglied der menschlichen Gemeinschaft etwas 
wegnehmen, selbst dann nicht, wenn es um sein eigenes Leben geht und der andere ein 
nutzloser und so reicher Mensch ist, daß ihn der Verlust nicht treffen würde (Off. 
3,29). Einem Tyrannen dagegen, wie Phalaris einer war, würde der Weise ohne Be- 
denken den Mantel wegnehmen, um nicht selbst zu erfrieren. Denn ein Tyrann ist kein 
Mitglied der menschlichen Gemeinschaft; ihn zu töten wäre sogar ehrenhaft. Dieses 
verderbenbringende und gottlose Geschlecht muß aus der Gemeinschaft der Menschen 
ausgestoßen werden (Off. 3,32): 

... hoc omne genus pestiferum atque impium ex hominum commimitate 
exterminandum est. 

Nach einem ähnlichen Verfahren begründet Ovid in der Ars die Straflosigkeit des 
aphrodisischen Eides: Man betrüge die Betrüger; Frauen sind größtenteils ein gottloses 
Volk; in die^ Fallen, die sie einem stellen, sollen sie selbst geraten. Gerecht handelte 
Busiris, als er den Thrasius 177 opferte, um den Zorn des Jupiter mit dem Blut eines 
Gastes zu besänftigen, wie es der Fremde selbst vorgeschlagen hatte; zu Recht hat Pha- 
laris den Perillus, den Erfinder des glühenden Stiers, in seinem eigenen Werk zu Tode 
gefoltert. So soll auch die Frau die Schmerzen, die sie anderen zufugt, selbst erleiden 
(Ars 1,645-658): 

645 fallite fallenies; ex magna parte p r ofa num 

sunt genus: in laqueos, quos posuere, cadant. 
dicitur Aegyptos caruisse iuvantibus arva 

imbribus atque annos sicca fuisse novem, 
cum Thrasius Busirin adit monstratque piari 
650 hospitis affuso sanguine posse Iovem. 

Uli Busiris „fies Iovis hostiaprimus " 

inquit „ etAegypto tu dabis hospes aquam. " 
et Phalaris tauro violenti membra Perilli 
torruit; infelix imbuit auetor opus. 
655 iustus uterquefuit, neque enim lex aequior ulla est 

quam necis artifices arte perire sua. 
ergo, utperiuras merilo periuria fallant, 
exemplo doleatfemina laesa suo. 

Wie Cicero die Piraten und die Tyrannen, so erklärt Ovid die Frauen zu einem schäd- 
lichen und „gottlosen Geschlecht", das er von der übrigen Menschheit ausgrenzt. Und 
wie Cicero legt Ovid seinen Argumenten eine Formel zugrunde, eine Art 'Verursacher- 
prinzip': Wer Unrecht in die Welt setzt, muß dieses Unrecht selbst erleiden. Seine 



KENNEY liest in seiner neuen Ausgabe (1994) Phrasius. Vgl. dazu DERS., A Prophet Without 
Honour?,CQ39(1989)274f. 



Li 



144 



Das zweite Kapitel der Liebeslehre 



Formel definiert der Liebeslehrer zwar nicht wie ein Philosoph, bringt sie aber, wie es 
sich für einen Dichter gehört, mit poetischen Mitteln umso deutlicher zum Ausdruck: 
Durch die Polyptota fallite fallentes, artifices arte und periuras ... periuria zeigt er, 
daß die Verbrechen der Frauen notwendig auf sie selbst zurückfallen müssen. Das 
Prinzip der Verantwortung des Verursachers für das, was er hervorbringt, unterstreicht 
auch die Junktur auctor opus. Komplexer, aber klar zu erkennen sind die Responsio- 
nen in dem Thrasius-Exempel. 178 Noch wichtiger ist aber, daß der Liebeslehrer mit 
seiner Formel denselben Zweck verfolgt wie Cicero. Auch Ovid will die allgemeine 
Gültigkeit sittlicher Gebote bewahren - selbst in der Liebe; Liebe schafft keine amo- 
ralische Ausnahmesituation. Im Gegenteil: Der Liebeskünstler ist ein vir bonus, der 
überlegt und nach ehrenhaften Grundsätzen handelt. Wenn er vor seinem Mädchen 
einen falschen Eid ablegt, so tut er dies nicht um des schnöden Vorteils willen; nach 
dem Gesetz der Talion vollzieht er vielmehr an einer Frevlerin die gerechte Strafe. 1 

Nun wird mancher Leser einwenden, daß Ovid seine Exempel nicht gerade glücklich 
gewählt habe. Mußte er unbedingt zwei Tyrannen als Vorbilder gerechten Handelns 
hinstellen? 180 Doch erstens ist es eine Eigentümlichkeit moralphilosophischer Argu- 
mentation, paradoxe, ja geradezu absurde Beispiele zu wählen, um eine herkömmliche 
Meinung als falsch zu entlarven und die eigenen ethischen Prinzipien umso deutlicher 
hervortreten zu lassen. Berühmt sind die Paradoxa Stoicorum; m und auch in De 
offwiis findet sich Vergleichbares. So diskutiert etwa Cicero, ob der Weise einem nutz- 
losen, reichen Menschen ein Brot wegnehmen darf (Off. 3,29) oder ob der Weise auf 
dem Forum tanzen soll, wenn er das versprochen hat, um eine Millionen-Erbschaft zu 



179 



180 



181 



Vgl. z. B. hospitis - hospes und Ioyem - lovis. - Ausführlich zeigt WEBER (1983) 69, wie Ovid in 
diesem Exempel durch Iteratio „die Umkehrung ... von Opfer und Schlingenleger" vollzieht. Man 
beachte ferner den Pleonasmus doleaf ... laesa sowie bereits in dem Abschnitt 63 1-636; promitte 
... promissa; luppiter ... periuria -falsum htrare ... Iuppiter. Die Wendung exemplo ... suo 
(636) kehrt wieder in Vers 658. Nachdem zunächst Jupiter, dem Volksglauben entsprechend, als 
Begründer des Liebesmeineides vorgestellt wurde, führt Ovid solche perfidia nun auf ihre 
eigentlichen Urheber, die Frauen, zurück. 

Ich kann GREEN (1996) 256 nicht folgen, wenn sie meint: „Surely we do considerable violence 
even to the superficial construct of the poem and its thematic ideas if we read the words 'those 
who set out snares' without thinking of ... Ovid's pupils." GREEN vermutet weiter, Ovid deute 
hier an, daß sich die männlichen Liebeskünstler in ihren eigenen Fallstricken verfangen werden. 
Von beiden Tyrannen hat anscheinend schon Kallimachos in den Aitia erzählt und dabei ihr Ver- 
halten vielleicht ähnlich bewertet wie Ovid in der Ars (vgl. HOLLIS [1977] App. IV). Das würde 
bedeuten, daß die Exempel dem gebildeten Schüler nicht besonders ungewöhnlich und über- 
raschend erschienen wären; der Liebeslehrer hätte dann nur die Ansichten eines anderen Dichters 
übernommen. Doch reichen die erhaltenen Bruchstücke (firgg. 44-46 PFEIFFER) nicht aus, um sich 
ein Bild zu machen. Auch die von HOLLIS erwähnten neuen Fragmente geben nichts her, vgl. C. 
MEILLIER, Nouveaux fragments de Callimaque (P. Sorbonne Inv. 2248), REG 89 (1976) 74-79. 
Vgl. M. V. RONNICK, Cicero*s „Paradoxa Stoicorum". A Commentary, an Interpretation and a 
Study of Its Influence, Frankfurt am Main u. a. 1991, bes. 18 ff. zu der Funktion solcher Para- 
doxa „to arouse groups of listeners to re-examine their cherished and traditional beliefs" 



3.7 Das erste Rendezvous (Ars 1 ,607-722) 



145 



erhalten (Off. 3,93). 182 Zweitens lobt Ovid die beiden Tyrannen jeweils nur für die Be- 
strafung der necis artifices, nicht etwa für die Greueltaten, die sie später begingen, 183 
und betont drittens, in welcher Notlage sich Busiris befand. Seit neun Jahren war 
Ägypten ohne Wasser; der Himmelsgott Jupiter muß also voller Zorn gewesen sein. Da 
kommt ein Fremder und rät dem Tyrannen, den Gott dadurch zu besänftigen, daß er 
ihm einen Gastfreund opfert, und „zeigt" 184 so dem Busiris einen Weg, den Jupiter 
gnädig zu stimmen: Wenn Busiris den Thrasius tötet, bestraft er einen Frevler gegen 
das Gastrecht und erfreut somit Jupiter, der zugleich Schützer des Gastrechtes und 
Gott des Regens ist. 

Ferner sind die Beispiele gut geeignet, die Situation des Schülers zu beleuchten, eines 
jungen Mannes, dem die Gefahren 'elegischer' Liebe drohen. Besonders einer, der an 
'elegische' Ideale glaubt und einen Sinn für Romantik hat, dürfte sich wie ein Frevler, 
wie ein Busiris oder Phalaris, vorkommen, wenn er die Dame mit Lügen, falschen 
Eiden und schließlich gar mit Gewalt seinem Willen unterwirft. Doch gerade einem so 
empfindsamen Manne kann es leicht passieren, daß er selbst der tyrannischen Herr- 
schaft einer Frau unterliegt. Sie wird ihn ausrauben und Mangel leiden lassen, wie ihn 
das dürstende Ägypten litt, als der Regen ausblieb. Und gleicht nicht das brennende, 
treulos enttäuschte Verlangen des 'elegisch' Liebenden dem Durst des Tantalus? 185 
Perillus r wurde in dem ehernen Stier geröstet (Ars 1,653 f.): 

et Phalaris tauro violenti membra Per Uli 
torruit ... 

Nicht weniger quält die Liebe zu einer Unwürdigen den 'elegisch' Liebenden. Properz 
hatte das Gefühl, in einem ehernen Gefäß geröstet zu werden, solange er noch in der 
Liebe zu Cynthia gefangen war (Prop. 3,24,13): 186 

correptus saevo Veneris torrebar aeno. 
Ja, oft hätte er den Stier des Perillus sogar vorgezogen! (Prop. 2,25, 1 1 f.) 

norme fiiit saiins dato servire tyranno 

et gemere in tauro, saeve Perille,tuo. 



182 
183 

184 
185 
186 



Er darf, wenn er mit dem Geld sein Vaterland retten kann. 

Der Liebeskünstler ändert sein Verhalten, sobald er in seiner Dame Gegenliebe erweckt und sie 

dazu gebracht hat, keine teuren Geschenke mehr von ihr zu verlangen (vgl bes. 6.6.2 und 6.6.3). 

Ars 1,649: monstrat, anstatt z. B. dicit. 

Vgl. Prop. 2,17,5 f. und dazu oben S. 12 f. mit Anm. 33. 

Daß Properz an dieser Stelle auf den Stier des Phalaris anspielt, glauben SMYTH (1940) 123 und, 

ihm folgend, FEDELI (1985). An anderer Stelle ist Properz bereit, sich aus Liebe zu Cynthia in 

Medeas Kessel kochen zu lassen (Prop. 2,1,53 f.; ... sive / Colchis lolciacis <sc. mih\> urat 

aenafocis), sofern hier an einen Zauber wie die Verjüngung des Aison zu denken ist (vgl. ENK 

[1962] und CAMPS [1967] ad loc.) und nicht an das Brauen eines Zaubertrankes. 



146 



DAS ZWEITE KAPITEL DER LIEBESLEHRE 



Sein Leid kann den unglücklichen Liebhaber in den Tod treiben (S. 117 f.); dann er- 
weist sich die Frau in der Tat als necis artifex. Ovid befiehlt seinen Schülern, ihre 
Hände nicht mit Blut zu beflecken (Ars 1,642): 

vacuas caedis habete manus. 
Doch so manche Dame, die den Liebenden mit Lügen und Versprechen hinhält, be- 
fleckt ihre Hände ohne irgendwelche Skrupel (Prop. 2,17,1 f.): 

mentiri noctem, promissis ducere amantem, 

hocerii infectas sanguine habere manus! 

Um sich vor solchem Leid zu schützen, muß der Schüler die bösen Werke der Frauen 
auf sie selbst zurückfallen lassen und Dinge tun, die sonst ein Frevel wären; nicht er ist 
schlecht, sondern die Frau, die ihn dazu zwingt. Ohne Thrasius gäbe es keinen Busiris, 
ohne Perillus kernen Phalaris. 

Nun könnte man allerdings immer noch einwenden, daß nicht jede Frau frevelhaft und 
grausam ist, 187 weswegen Ovids Urteil über die Damen überraschend und unmotiviert 
erscheine. Jedoch wurde dieses Urteil von langer Hand vorbereitet. Bereits die Exem- 
pel lüsterner Heroinen zu Beginn dieses Kapitels der Liebeslehre zeigten, daß Frauen 
vor Bluttaten nicht zurückscheuen: Voll Freude wühlte Pasiphae in den Eingeweiden 
ihrer 'Rivalinnen'; Agamemnon wurde das grausige Schlachtopfer seiner Gattin; Me- 
dea ließ Creusa qualvoll verbrennen und war überströmt vom Blut ihrer Söhne. 
Furchtbar litten Phoenix, Hippolytus und die Söhne des Phineus (337-340). Diese 
Frauen sind wahrhaft impiae und verstoßen gegen göttliches und menschliches Recht. 
Sie verhöhnen die frommen Kulte, da sie (wie Clytaemnestra) ihre Gatten zu Opfer- 
tieren machen oder (wie Pasiphae) ihre eifersüchtige Mordlust durch falsche Riten be- 
friedigen. 189 Auch heute noch ist der Frau nichts heilig; hundert Zungen würden nicht 
ausreichen, um die gottlosen Künste der Huren aufzuzählen (Ars 1,435 f.): 

non mihi, sacrilegas meretricum utpersequar artes, 
cum totidem Unguis sint satis ora decem. 

Nicht nur, daß ihnen jeder Meineid glatt über die Lippen geht (425), durch ihre Hab- 
gier verkehren sie auch die religiöse Ordnung der Zeit: Glückstage verheißen dem 
Schüler nur noch Unglück; und wenn andere die bösen Omen scheuen, muß der 
Liebende ans Werk gehen. Der feierliche natalis wird zum schnöden Gelderwerb miß- 
braucht (405 ff ; 429 f.). 190 



187 
188 



189 
190 



Vgl. etwa WEBER (1983) 64 ff. 

Ars 1,320: et temtit laetapaelicis exta manu; 334: coniugis Ätrides victima dirafiit; 335 f.: cui 

non defleta est Ephyraeae flammet Creusae / et nece natorum sanguimdenta parens. 

Ars 1,319 ff., bes. commentaque sacra. 

Möglicherweise deutet Ovid in Vers 430 auch an, daß sich die Frau durch ihren Egoismus selbst 

aus der Gemeinschaft der Menschen ausschließt. Jedenfalls merkt HOLLIS (1977) 110 an, „that 



3.7 Das erste Rendezvous (Ars 1,607-722) 



147 



Auch durch ihre Eitelkeit zwingen Frauen den Liebenden zur Lüge. Ihnen ist es nicht 
genug, wenn man ihnen sagt: „Ich mag dich!" - Nein, vor Liebe soll der Mann sterben 
(Ars 1,372) und Wunden in seinem Herzen tragen (611-614). Wie Junos Vogel, der 
Pfau, sind auch die Damen nur dann bereit, ihre Reize zu zeigen, wenn man sie über- 
schwenglich lobt (Ars 1,627 f.): 191 

laudatas ostendit avis hmonia pinnas; 
si tacitus spectes, illa recondit opes. 

Und zeigt nicht ihr Groll über das Parisurteil, daß die Herrin des Pfaus genauso eitel ist 
und vielleicht nicht ganz so anständig, wie sie sich gibt? Bestimmt hatte schon Jupiter 
gute Gründe, weswegen er ihr bei der Styx die Unwahrheit schwor. 192 



3.7.2 Werbung mit Taten (Ars 1,659-706) 

Der Schüler braucht also kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn er das stählerne 
Herz seiner Dame mit falschen Tränen zu erweichen sucht, 193 ja, er darf sich sogar mit 
Gewalt nehmen, was er will, seien es nun Küsse (Ars 1,663-668) oder mehr (669 ff.). 
Diese Aufforderung zur Notzucht schockiert nicht nur den modernen Leser; der Lie- 
beslehrer erwartet, daß auch sein Schüler vor solcher Brutalität zurückscheut, und ist 
daher bemüht, dem jungen Manne seine Hemmungen zu nehmen. 

Schon die Lehren zum Meineid, in denen Ovid die Grausamkeit der Frauen betont, 
geben dem Schüler das Gefühl, daß er seine Dame auch einmal etwas härter anfassen 
kann, wenn sie ihn durch ihren Widerstand dazu zwingt, 194 - zumal er nur sanfte Ge- 
walt gebrauchen und sie sehr zärtlich küssen wird (667 f.). Ferner unterstreicht Ovid, 
daß sich eins wie von selbst aus dem anderen ergibt. Selbstverständlich wird ein weiser 
Mann Küsse unter seine schmeichelnden Worte mischen (Ars 1,663): 

quis sapiens blandis non misceat oscula verbis? 

Der Schüler handelt also nicht unbeherrscht, sondern genau so, wie es die Situation 
erfordert; geraubte Küsse gehören nun einmal zum Liebesspiel. 195 Und hat man erst 



'nascitur illa sibi' alludes to Plato's dictum that each man was not born for himsclf alone (Epist, 
9. 358a, cf. Cicero, de Finibus ii. 45 'non sibi se soll natum meminerit, sed patriae, sed suis')". 
Zum Pfau als Sinnbild der Eitelkeit vgl. K. HfiLDMANN, Ovid über den Pfau - Zum Lobe der 
Schönheit, Hermes 1 10 (1982) 375-380. 

Wahrscheinlich um die Vorstellung von der Frau als Feindin des Männergeschlechts vorzube- 
reiten, verzichtet Ovid auf das von Tibull entwickelte Argumentum a fortiori, daß die weiblichen 
Gottheiten Diana und Minerva den Liebesmeineid dulden (Tib. 1,4,25 f., oben zitiert). 
Ars 1,659-662, bes. 659: lacrimis adamanta movebis. 
Vgl. WEBER (1983) 76. 

Vgl. etwa Tib. 1,4,53-56: tum tibi mitis erit, rapias tum cara licebit / oscula: p\{gnabit ) sed 
tarnen apta dabit / rapta dabit primo, post adferet ipse roganti, / post etiam collo se impli- 
cuisse velit\ Hör. Carm. 2, 12,25-28: cum jlagrantia detorquet <sc. Licymnia> ad oscula / cer- 



193 
194 
195 



148 



Das zweite Kapitel der Liebeslehre 



Küsse bekommen, ist das Ziel doch schon so gut wie erreicht! Warum soll man da 
nicht auch noch den letzten Schritt tun? Darauf zu verzichten, wäre eine Dummheit. 
Derjenige, der seine bäurische Scham nicht ablegt, wie es der Meister zu Beginn des 
Abschnittes befohlen hat, ist ein Versager, den man nur bemitleiden kann (Ars 1,672): 

ei mihi rusticitas, nonpudor illefuit! 
Es gilt hier also Ähnliches wie beim Meineid: Wenn man es mit einer Frau zu tun hat, 
ist Ehrlichkeit anstößiger als ein Betrug und Gewalt weiser als schamhafte Zurückhal- 
tung. 

Denn - und das legt Ovid besonders ausführlich dar - die Frauen verlangen es so. Die 
Dame wehrt sich zwar, will aber im Kampfe besiegt werden (Ars 1,665 f.): 

pugnabit primo, fortassis et „ improbe " dicet; 
pugnando vjn£L se tarnen illa vqA&L- 

Der Schüler mag es ruhig 'Gewalt' nennen; die Mädchen freuen sich über diese Art 
von Gewalt (Ars 1,673): 

vim licet appelles: grata est vis istapuellis. 
Tatsächlich scheinen die antiken Gepflogenheiten in diesem Punkt von den modernen 
Sexualpraktiken abzuweichen. 197 Selbst eine Frau wie Corinna, die in eindeutiger Ab- 
sicht, nur mit einem Neglige bekleidet, zu ihrem Liebhaber kommt, wehrt sich, wenn 
er ihr die dünne Tunica abstreifen will, allerdings so, daß es ihm keine Mühe bereitet, 
den Sieg davonzutragen (Ov. Am. 1,5,13-16): 

deripui tunicam; nee multum rara nocebat, 

pugnabat tunica sed tarnen illa tegi t 
cumqueita pugnaret, tamquam quae v i n c e r e nollet, 

vieta est non aegre prodiiione sua. 

Ähnlich verhält sich' Cynthia, obwohl sie die gemeinsame Nacht offenbar genießt 
(Prop. 2,15,5-8). Es galt als unschicklich, wenn eine Frau sich allzu lüstern gab. Des- 
wegen läßt Ovid die Helena wünschen, daß Paris ihr Gewalt antut; „she wants to ap- 



196 



197 



vicem autfacili saevitia mgat, / quae poscente magis gaudeat eripi, / interdum rapere oecupet 
- Sowohl Tibull als auch Horaz gehen davon aus, daß der passive Partner schließlich die Initia- 
tive übernimmt. In der Ars behält dagegen der Schüler die Kontrolle und spielt weiter den Part 
des aktiv Drängenden. Auf diese Weise kann er auch mehr erreichen, als nur Küsse und harmlose 
Umarmungen. 

Die Interpunktion v o r fortassis empfiehlt W. A. SCHRÖDER, Zu Ovid's 'Ars amatoria' 1,665, 
Hermes 118 (1990) 242-247. SCHRÖDER m\ fortassis als Adverb zu dicet auf und betont zu 
Recht, daß Ovid den Widerstand der Frau ja gerade als etwas Selbstverständliches hinstellt. Auch 
wenn sie bereit ist, wird sie sich in jedem Falle (nicht nur „vielleicht") wehren, 
sofern man dem Zeugnis der zitierten männlichen Autoren glauben darf. 



3 . 7 Das erste Rendezvous (Ars 1 , 607-722) 



149 



pear unwilling, not only to others but to Paris himself, thus keeping up the appearance 
ofconventional virtue." 198 (Ov. Ep. 17,185-188) 

quod male persuades, utinam bene cogere posses! 

vi mea rusticitas excutienda fuit 
utilis interdum est ipsis iniuria passis. 

sie certefelix esse coaetaforem. 

Der Widerstand der Dame ist nur konventionelles Rollenverhalten; sie möchte wider- 
willig erscheinen, obwohl sie willig ist (Ars 1,674; 705 f.): 

quod iuvat, invitae saepe dedisse volunt 

scilicet, ut pttdor est quaedam coepisse priorem, 
sie alio gra tum est ineipiente pati. 

Dieser Gedanke dürfte den Schüler kaum überraschen; aus den Lehren zum Thema 
'Selbstvertrauen' weiß er, daß Frauen in der Liebe den passiven Part übernehmen und 
ihre rasende Leidenschaft geschickt verbergen (Ars 1,274-276): 



haec quoque, quam poteris credere ho 1 1 e , 
utque virofurtiva Venus, sie grata puellae; 
vir male dissimulat, tectius illa cupit. 



vole t . 



Wer r älso aus Scham sein Begehren nicht aktiv durchsetzt, verhält er sich wie ein 
Tölpel vom Lande und zeigt, daß er keine Ahnung von den Regeln kultivierter Erotik 
hat. 199 

Damit der junge Mann sicher sein kann, daß der Meister ihm nichts vormacht, nur um 
ihn zu ermutigen, gibt ihm Ovid außerdem ein 'objektives' Kriterium in die Hand: 
Zum ersten und einzigen Mal innerhalb der Lehre für Männer 200 spricht er die Damen 
in einer Apostrophe direkt an. Sie sollen freundlich zu denen sein, die ihnen Liebe vor- 
täuschen; denn aus falscher werde bald echte Liebe (Ars 1,617 f.): 

quo magis, o, faciles imitaniibus este, puellae: 
fiet amor verus, qui modofalsus erat, 

Ovid hofft keineswegs, mit diesem einen Distichon widerspenstige Frauen umstimmen 
zu können; vielmehr verfolgt er eine andere Absicht. Durch die Apostrophe an die 
weibliche Leserschaft stellt er klar, daß die Frauen seine Lehren für Männer kennen. 
Die Dame, die den Schüler zum Rendezvous bittet, weiß also, was ihr bevorsteht. 
Auch sie hat Ovids Vorschriften gelesen, und ist in das Spiel eingeweiht Sie erwartet 
geradezu, daß der junge Mann über sie herfällt, sobald er mit ihr alleine ist Wenn sie 



199 
200 



BELFIORE (1980/81) 141. Vgl. ferner NlSBETH/HUBBARD (1970) zu Hör. Carm. 1,9,21 f.; 

MCLAUGHLIN (1975) 55 mit Anm. 48; MlJRGATROYD (1980) zu Tib. 1,4,53-56; GlANGRANDR 

(1991) 82 f. 

Vgl. Weber (1983) 72. 

In den Versen Ars 1,3 1 f. wendet sich Ovid an vittae und instita, also nicht direkt an die Damen. 



150 



Das zweite Kapitel der Liebeslehre 



das nicht wollte, würde sie sich gar nicht erst mit ihm verabreden. Ihre Einladung zum 
Tete-ä-tete zeigt dem Schüler, daß sie dasselbe begehrt wie er. 

Um auch noch den letzten Zweifel aus dem Wege zu räumen, belegt Ovid seine These 
von der „willkommenen Gewalt" zusätzlich mit zwei mythologischen Exempeln. Phoe- 
be und ihre Schwester Hilaera genossen es, von Castor und Pollux überwältigt zu wer- 
den (Ars 1,679 f.), und nicht anders fühlte Deidamia (681-704). Wie es sich für ein an- 
ständiges Mädchen gehört, wurde sie von Achill gewaltsam bezwungen; doch war sie 
gern unterlegen (Ars 1,699 f.): 

viribus illa quidem victa est (ita credere oportet), 
sed voluit vinci viribus illa tarnen. 

Sonst hätte sie den jungen Helden, als dieser nach Troja absegeln wollte, nicht immer 
wieder zum Bleiben aufgefordert (701-704). 

Da der Schüler schon längst davon überzeugt sein dürfte, daß Notzucht das einzig an- 
gemessene Mittel ist, um ans Ziel zu gelangen, fragt man sich, warum Ovid diesem 
Thema zusätzlich zu dem bereits Gesagten noch eine längere Erzählung widmet. Zwar 
fuhrt er darin den neuen Gedanken ein, daß die Dame - wie Deidamia - auch nach dem 
Akt noch Zuneigung für den jungen Mann empfinden und ihn sich auf Dauer zum 
Liebhaber wünschen wird. Doch wichtiger ist die Funktion des Achill. Wie Achill muß 
der junge Liebeskünstler sich jetzt zum ersten Mal als Mann erweisen; das Exempel 
lehrt den Schüler Ovids Grundlegendes über seine eigene Sexualität. 

Achill, der Schüler des Chiron (Ars 1,11-18), ist herangewachsen und soll nun mit den 
anderen Helden vor Troja kämpfen (681-688). 201 Aber noch fugt er sich dem Willen 
seiner Mutter und verbirgt seine Männlichkeit unter einem Frauenkleid (Ars 1,689 f.): 

turpe, nisi hoc mairis precibus tribuisset, Achilles 
t veste v i r u m longa dissimulatus erat. 

Dieser Verstoß gegen die eigene Natur entrüstet Ovid so sehr, daß er sich - wie in der 
Erzählung von Pasiphae 202 - in erregter Apostrophe direkt an den Jüngling wendet 
(691-696). Wie Pasiphae muß auch Achill seine wahre Natur begreifen. Was hat der 



201 Ovid erzählt sozusagen ab ovo die Vorgeschichte des trojanischen Krieges und folgt darin viel- 
leicht dem 'Ejtt&aXäpioc, 'AxiMicog Kai AtjiSapefag ([Bion] 2), wo der Hirte sein Lied mit dem 
Raub der Helena beginnt (zu den Parallelen zwischen beiden Stücken vgl. die Kommentare von 
BRANDT [1902], HOLLIS [1977] und PlANEZZOLA [1993]). - Allerdings greift Ovid sogar noch 
weiter zurück und nutzt die lange Vorgeschichte, um die Aufmerksamkeit des Schülers allmählich 
von seiner Geliebten und den Heroinen (Phoebe, Hilaera, Deidamia) weg- und auf Achill, das 
Vorbild des jungen Liebeskünstlers, hinzulenken. In Vers 682 nennt er die Deidamia vor Achill 
und beschreibt in den beiden folgenden Distichen weibliche Protagonisten: die Göttinnen des 
Parisurteils (683 f.) und Helena (685 f.); in Vers 685 erscheint Priamus; von Vers 687 an stehen 
Männer im Mittelpunkt: die verschworenen Griechen (687 f.) und schließlich Achill (689 ff.). 

202 Ars 1,303 ff. - Zu der Funktion dieser Apostrophe, Selbsterkenntnis und damit eine Wende in der 
Erzählung herbeizuführen, vgl. S. 94. 



3.7 Das erste Rendezvous (Ars 1,607-722) 



151 



Enkel des Aeacus, was ein geborener Krieger mit Wollkörbchen zu schaffen? Die 
Spindeln soll er wegwerfen, ruft der Liebeslehrer ihm zu, und mit starker Hand die 
Lanze seines Vaters Peleus schwingen! (Ars 1, 696) l > 

quassanda est ista Pelias hasta manu. 

So als hätte er die Mahnung gehört, beginnt Achill tatsächlich, seine Lanze 203 zu 
schwingen (Ars 1,697 f.): 

forte erat in thalamo virgo regalis eodem; 
haec illum stupro comperit esse vir um . 

Durch den gewaltsam erzwungenen Geschlechtsakt reift der junge Held endgültig zum 
Mann. Er löst sich von seiner Mutter und übernimmt nach dem Vorbild seines Vaters 
Peleus die Rolle, die ihm zukommt. 204 Es bedarf nun keines weiteren Anstoßes mehr, 
daß er den Rocken weglegt und zu den Waffen des Kriegers greift. Das trägt Ovid nur 
in einem Nebensatz nach, 205 denn mit der Vergewaltigung der Deidamia hat Achill den 
entscheidenden Schritt zur Mannbarkeit bereits getan. 206 



Zum obszönen Nebensinn von hasta vgl. MCLAUGHLIN (1975) 58 f.; VORBERG (1965) 217 s. v. 
Vgl. Ars -1,130: „ quod matri pater est, hoc tibi " dixit „ ero ". \ 

Ars 1,702: fortia nam posito sumpserat arma colo. - Anders interpretiert MCLAUGHLIN (1975) 
59 diesen Vers: Der Spinnrocken (coius) symbolisiere wie Peleus' Lanze die sexuellen Erlebnisse 
des Achill; nachdem dieser von Deidamia bekommen habe, was er wollte, sei er abgereist, - Die 
Gleichsetzung von Krieger und Liebhaber bereitet Ovid auch dadurch vor, daß er, anders als 
Pseudo-Bion, den trojanischen Krieg allein mit erotischen Motiven begründet: Wegen des Parisur- 
teils kommt Helena nach Troja, und alle schwören dem betrogenen Ehemann Treue, weil sie 
seinen Schmerz teilen. - Während Pseudo-Bion den mädchenhaften Liebreiz des Achill hervorhebt 
([Bionj 2,17 ff.; in Vers 7 wird er sogar JtaTg genannt), schweigt Ovid davon. Er erzählt auch 
nicht, wie Odysseus den Achill mit Waffen verlocken mußte, seine Tarnung aufzugeben, da man 
den Jüngling in Frauenkleidern nicht von den anderen Hofdamen unterscheiden konnte (vgl. da- 
gegen Ov. Met. 13,162 ff.). 

Diesen Zusammenhang deutet Ovid bereits im Promythion an (Ars 1,682): Scyrias Haemonio 
iuncta puella vi ro . - Auch in anderen Versionen werden Achills kriegerische Natur und seine 
Liebe zu Deidamia als gleichwertige Zeichen der Mannbarkeit dargestellt, z. B. [Bion] 2,21: 
Övpdv 6' "ApEoq (codd.; LENNEP: ävepog) eIxe Kai ävepoq elxev Ppcora. Statius' Achilleis liest 
sich an manchen Stellen geradezu wie eine Interpretation der Ars (Stat. Ach. 56 1 f.): Aeaciden 
fiirto iam noverat ima latenti / Deidamia virum. Nachdem sich Achill schon eine Weile wie ein 
gut geschulter Liebeskünstler der Prinzessin genähert hat (Stat. Ach. 566 ff.), verliert der junge 
Held bei einem Bacchanal endgültig die Geduld und besinnt sich seiner Männlichkeit, In einer 
Passage mit rhetorischen Fragen, die Ovids Apostrophe in der Ars gleicht, macht Achill sich 
selbst Vorwürfe (624 ff.): Quonam timidae commenta parentis / ttsque /eres? primumque im- 
belli carcere perdes / florem animi? non tela licet Mavorda dextra, / non trepidas agifare 
feras? Er selbst sollte die Waffen fuhren, die nun dem Patroklos überlassen sind. Statt dessen hat 
er bereits das Spinnen erlernt! (632-36) Selbst seine Liebe zu Deidamia wagt er nicht zu zeigen. 
Wird er sich nicht wenigstens in der Liebe als Mann erweisen? teqae marem - pudet heul - nee 
amore probabis? (639) Nachdem er sich solcherart seiner Natur besonnen hat, erfüllt Achill mit 
Gewalt sein Begehren: vi potitur votis (642). - Nicht nachvollziehen kann ich die Bemerkung von 
O. A. W. DlLKE (Statius, Achilleid, ed. with Intr., App. Crit. and Notes, Cambridge 1954, 1 1), 
bei der Erzählung in der Ars handele es sich um „a passagc whosc brutality Statius is careful to 
avoid, although he imitates much of its language". Dagegen meint G. ROSA'11, Stazio, Achillcidc, 



152 



Das zweite Kapitel der Liebeslehre 



Gewalt erlaubt also nicht nur den Damen, ihre Leidenschaft unter einer Maske kon- 
ventioneller Scham zu verborgen zu halten; sie ist auch das einem Manne angemessene 
Sexualverhalten. Als der Stärkere und als Krieger beweist der Mann mit vis seine 
Virilität 207 



intr., trad. e note, Mailand 1994, 35: „... assumere apertamente il ruolo di vir serve ad Achille 
per confermare la sua identita sessuale e psicologico-culturale ... Teros sancisce l'ingresso del 
puer Achille nel mondo degli adulti." Vgl. a. S. KOSTER, Liebe und Krieg in der 'Achilleis' des 
Statins, WJA 5 (1979) 189-208. ,. 

Man beachte vor allem die Paronomasie virum / viribus (Ars 1,698 f.). - Anders als hier vorge- 
schlagen deutet MYEROWITZ (1985) 68 ff. das Exempel. Es diene Ovid oazu „to explore the ten- 
sion between public and military cultus [den Ovid ablehne, Anm. d. Verf.], private and erotic 
cultus [den Ovid fiir wünschenswert halte], and the nature of the vis which characterizes each" 
(68). Achill sei durch die Vergewaltigung der Deidamia zwar zum Mann und Liebhaber gereift, 
dann aber als Mann und Krieger abgereist. Er werde also zum Anhänger des „military cultus 11 
und scheitere deswegen auf dem Gebiet des „erotic cultus". Indes scheitert Achill als Liebhaber 
nicht, da Deidamia ihn zum Bleiben auffordert. Zweitens läßt sich am Text der Ars nicht belegen, 
daß Ovid das Griechenlager vor Troja für eine „exclusively masculine arena of war" (72) hielt. 
Im Gegenteil: In diesem Lager spielen zahlreiche Mythen, die Ovid für die Liebeslehre heranzieht, 
u. a. der Mythos von Achill und Briseis (Ars 2,71 1 ff). Vor allem aber werden in der Ars kon- 
ventionelle, kriegerische Werte weder abgelehnt noch von einer erotischen Sonderwelt, einem 
„erotic cultus" abgegrenzt. Dies belegt nicht zuletzt das Exempel des Achill, in dem Krieger und 
Liebhaber eins sind. - Ganz abwegig erscheint mir die These von S. J. HEYWORTH, Ars Mora- 
toria (Ovid, A. A. 1.681-704), LCM 17 (1992) 59-61, gefolgt von HOLZBERG (1997) 18 f., in 
den Versen 701-704 deute Ovid an, daß Achill sich beim Verkehr nicht genug Zeit gelassen habe; 
so mahne der Liebeslehrer seine Schüler, die Ejakulation hinauszuzögern. Warum sollte Ovid hier 
nur andeuten, was er später ausdrücklich lehrt (Ars 2,725 ff.)? 



3.8 Erste Schwierigkeiten (Ars 1,707-770) 



153 



3.8 Erste Schwierigkeiten (Ars 1,707-770) 

Nun, da der Schüler mit großer Wahrscheinlichkeit seinen ersten erotischen Sieg da- 
vongetragen hat, ist es an der Zeit, von weniger erfreulichen Dingen zu sprechen und 
ihn so auf den schwierigeren Stoff des zweiten Buches vorzubereiten. In einer Anti- 
klimax macht Ovid den jungen Mann mit dem Gedanken vertraut, daß Liebeskunst 
auch ihre Schattenseiten hat. 

Zunächst spricht er noch recht ermutigend über die Rolle des Mannes als Bittsteller. 
Nach allem, was der Schüler bisher gelernt hat, versteht es sich von selbst, daß er als 
erster auf die Dame zugehen muß. Er braucht sie nur zu fragen, denn sie wartet schon 
sehnsüchtig auf diese Gelegenheit, sich ihm hinzugeben (707-712). Diese Behauptung 
erinnert au das, was Ovid seinem Schüler zu Anfang des Kapitels versprochen hat. 
Voller Selbstvertrauen sollte der junge Mann mit dem Werben beginnen; keine Frau 
werde sich sträuben (271-273). Doch darf der Schüler nun nicht mehr ganz so zuver- 
sichtlich sein. Zuerst konnte er gar nicht genug Selbstvertrauen haben (Ars 1,269 f.): 

prima luae menti venial fiducia cuncias 
posse capi ... 

Jetzt darf er nicht allzu großes Vertrauen auf seine Schönheit setzen (Ars 1,707 f. ): 208 

a, nimia est iuveni propriae fi du cia formae, 
expectai si quis, dam prior illa rogetl 

An der früheren Stelle meinte Ovid, die Frauen würden die Männer sogar selbst um- 
werben, wenn diese nicht mehr den ersten Schritt täten (277 f.). Jetzt erscheint dieser 
Gedanke absurd; wer könnte über demütiges Bitten erhaben sein, wenn selbst Jupiter 
seine Mädchen um ihre Gunst anflehen mußte (Ars 1,713 f ): 209 

Iuppiter ad veteres supplex heroidas ibat; 
corrttpit magnum nullapuella fovem. 

Und es kommt sogar vor, daß eine Dame den Bittenden mit hochmütigen Dünkel von 
sich weist, so daß man sich zunächst zurückziehen muß (715-718). Ja, schlimmer 
noch, bisweilen kann man seinen Wunsch nicht einmal äußern, sondern muß ein sitten- 



Vgl. außerdem tecttus illa cupit (Ars 1,276) mit tantum cupit illa rogari (Ars 1,71 1). Die 
Frau begehrt jetzt nicht mehr den Mann, sondern nur noch sein Werben. - Ungenau ist die Inter- 
pretation von WEBER (1983) 72, der meint, in den Versen Ars 1,707 ff. werde die Aussage der 
Verse 1,277 ff. „dementiert". An der früheren Stelle habe Ovid die „angeborene Passivität" des 
weniger leidenschaftlichen Mannes beschrieben, in den Versen 705 ff. aber lehre er seinen 
Schüler die aktive Rolle, die dem Manne - entgegen seiner Natur - in der kultivierten Gesellschaft 
zukomme. 

Schon im Zusammenhang mit dem Liebesbrief wurde die Dame mit einer zürnenden Gottheit ver- 
glichen (Ars 1,442): flectitur iratus voce rogante deus. Hier aber wird sie sogar über den höch- 
sten Gott erhoben. 



154 



Das zweite Kapitel der Liebeslehre 



strenges Mädchen keusch verehren, in der Hoffnung irgendwann mehr als nur ein An- 
beter (cultor) dieser Dame zu sein (719-722). 

Auch die Lehren zum Habitus des Mannes schränkt Ovid nun ein. Man soll sich zwar 
beim Sport auf dem Marsfeld eine gute Farbe zulegen (Ars 1,513), jedoch nicht auf- 
treten wie ein kraftstrotzender Athlet. Nein, siech und bleich soll der Liebende aus- 
sehen (Ars 1,729): 210 

palleat omnis amans: hie est color aptus amanti. 
Der Schüler muß abmagern und darf sich nicht schämen, wie ein Kranker sein Haupt 
mit einem Kopftuch zu bedecken (733 f.). Wer sich in der Liebeskunst bewähren will, 
sollte einen geradezu kläglichen Eindruck machen (Ars 1,737): 

miserabilis esto. 
Doch selbst damit hat man noch lange nicht gewonnen: Mögen auch die stolzen und 
die strengen Damen umzustimmen sein, so lauern immer noch Gefahren dort, wo man 
sie am wenigsten vermutet. Nicht nur die Frauen verstoßen aus Geilheit gegen gött- 
liches und menschliches Recht (S. 146); es gibt auch Männer, die einem um der schnö- 
den voluptas willen Schmerzen zufügen (749) und zu jedem Frevel bereit sind. Fides 
ist ein leeres Wort, klagt Ovid. Wehe, man erzählt einem Freund von dem Mädchen, 
das einem gefällt! (Ars 1,739-742) 

conquerar an moneam mixtum fas omne nefasque? 

nomen amicitia est, nomen inanefldes. 
ei mihi, non lutttm est, quodames, laudare sodali: 

cum tibi laudanii credidit, ipse subit. 

Es wäre widernatürlich, wenneine Frau den Schüler nicht begehrte (S. 97); aber eben- 
so widernatürlich wäre es, wenn ein lieber Kamerad, ja selbst der eigene Bruder (753 
f.), die Finger von der gerade eroberten Dame ließe. Eher könnte man Äpfel von Ta- 
marisken ernten oder Honig aus, einem Fluß schöpfen (747 f.). 

Verwirrt wird der junge Mann sich fragen, was er von diesen Ratschlägen halten soll. 
Beunruhigend sind auch die Lehren, mit denen das erste Buch der Ars endet. Nicht alle 
Frauen sind gleich, jede hat einen anderen Charakter; nicht jeder Boden bringt dieselbe 
Frucht hervor. Dieser tausendfachen Vielfalt, muß der Liebeskünstler mit einer ebenso 
großen Vielfalt an Methoden begegnen (Ars 1,755-760): 



Der Widerspruch zu den früheren Lehren ist allerdings nicht ganz so groß, wie HOLLIS (1977) ad 
loc. meint (vgl. schon LABATE [1984] 96 Anm. 70). Der Schüler soll seine Haut nicht von der 
Sonne fernhalten, damit sie schneeweiß bleibt, sondern sich eine fahle, bleiche Farbe zulegen. So 
verfärben sich auch Männer, die wie Hippolytus und Adonis (Ars 1,51 1 f.) in der freien Natur 
leben. Ovid selbst nennt als Beispiel einen mythischen Jäger und einen Hirten, also gewiß gut 
gebräunte und sportliche junge Männer (Ars 1,731 f.): pallidus in Side silvis errabat Orion; / 
pallidus in lenta Naide Daphnis erat 



3.8 Erste Schwierigkeiten (Ars 1,707-770) 



155 



flniturus eram, sedsunt diversa puellis 

pectora; mille animos excipe mille modis. 
nee telhts eadem parit omnia: vitibus illa ( 

convenit, haec oleis, hie benefarra virent 
pectoribas mores tot sunt, quot in oreßgurae: 

qui sapii, innumeris moribus aptus erit. 

Das große Angebot an Frauen, die sich in Rom so zahlreich tummeln wie Ähren in 
Gargara wachsen und Reben in Methymna, 211 hat also auch seine Nachteile. Denn jede 
dieser Schönheiten muß anders behandelt werden; und sollte der Schüler nicht ge- 
schickt genug vorgehen, kann es sogar passieren, daß am Ende der schlechtere Mann 
das Mädchen bekommt (769 f.). 

Bisher waren die Lehren des Meisters eindeutig und klar; leicht konnte man jede Vor- 
schrift nachvollziehen, und der Erfolg schien gewiß. Jetzt aber muß der Schüler er- 
kennen, daß Ovid ihm nur einen Leitfaden geben konnte, an dem er sich auf seiner 
Reise durch eine viel kompliziertere erotische Welt orientieren kann. Der Liebeskünst- 
ler darf siclvnicht auf eine einzige Rolle festlegen; wie ein Proteus (761 f.) muß er be- 
reit sein, sein Ethos und sein Verhalten jeder neuen Situation anzupassen. Denn auch 
die Liebeskunst ist, wie die Interpretation des zweiten Buches zeigen wird, Wand- 
lungen unterworfen. 



Neben dem Gleichnis erinnern auch die Wörter tot und quot (759) an die frühere Stelle, bes. 1,59: 
quot caeium Stellas, tot habet tua Roma puellas. In den Versen dazwischen findet sich keines der 
beiden Pronomina. Vgl. außerdem hi iaculo pisces (763) - aequore quot pisces (58), hirtus aper 
(762) - frendens ... aper (46) sowie die Jagdgleichnisse in den Versen 45 ff. (c e rv i s tibi 
retia tendat ... qui sustinet hämo s) und 763 f., 766 (... Uli capiuntur ab h a m i s , / 
hos cava contento retia ßwe trahunt. / ... / longius insidias c e rv a videbit onus). 



157 



4. Die Einleitung des zweiten Buches (Ars 2,1-98) 

Im zweiten Buch der Ars lernt der Schüler, wie er sich die Liebe seiner Dame dauer- 
haft erhalten kann. Nach einer umfangreichen Einleitung (Ars 2,1-98) behandelt Ovid 
zunächst Methoden, die junge Liebe zu festigen (99-336), und erörtert dann die reife 
Beziehung (337-732). Mit einer Sphragis und dem Versprechen, auch für die Damen 
etwas zu schreiben (733-748), beschließt er die Lehren für Männer. 1 

Der Weg zu einer dauerhaften Liebesbeziehung ist dornig. Der Schüler muß sich an- 
strengen, erniedrigen und Unerfreuliches, etwa die Seitensprünge der Geliebten, ge- 
duldig ertragen. Das Finden einer Frau und deren Eroberung sind im Vergleich dazu 
ein Kinderspiel, wenn man sich die Sache nicht durch mangelndes Selbstbewußtsein 
unnötig schwer macht. Deswegen stimmte Ovid im ersten Buch den angehenden Lie- 
beskünstler zuversichtlich; dieser sollte glauben, er könne mit Entschlossenheit sein 
Ziel mühelos erreichen. Doch will der junge Mann sich die Liebe seiner Dame er- 
halten, muß er dieses Ethos eines erfolgsgewissen Eroberers und Jägers jetzt ablegen; 
wer allzu stolz ist, wird als 'elegischer' Liebhaber auf Dauer versagen. 

Auf diese neuen Anforderungen bereitet Ovid den Schüler sorgfältig vor; anstatt gleich 
mit praktischen Ratschlägen zu beginnen, weckt er in dem jungen Manne zunächst ein- 
mal Gefühle der Sorge und der Demut. 2 



Über den Einschnitt nach Vers 336 ist man sich allgemein einig. KLING (1970) 22 und WELL- 
MANN-BRETZIGHEIMER (1981) 8 sehen jedoch in den Versen 337-348 ein „Gelcnkstück" bzw. 
„Scharnier". LENZ (1969) 14 möchte die Erzählung von Daedalus und Icarus nicht zur Einleitung 
rechnen. Indes ist sie sowohl durch ihr Thema („Festhalten eines geflügelten Wesens") als auch 
formal als Exempel mit dem Proömium verknüpft (vgl. 2,17-20; 97 f.). Man beachte ferner die 
Wiederholung des Verbs paro. Es leitet die Themenstellung ein (17: magna paro) und steht 
auch am Ende, wo die neue Aufgabe ein zweites Mal umschrieben wird (98: deum volucrem de- 
tinuisse paro). Eine Einleitung bis Vers 98 nimmt z. B. HEINZE (1919) 362 an, ebenso KLING 
(1970) 18 ff. und PRIDIK(1970) 46 ff. 

Einen Wandel gegenüber der Methode, die der Liebeskünstler im ersten Buch dar Ars anwenden 
sollte, erkennt auch WEBER (1983) 113 ff; Ovid rate im zweiten Buch nicht mehr zu „Gewalt 
und Forschheit" sondern zu „Milde". WEBERs Beschreibung ist jedoch ungenau. Zum einen ist 
die Werbung im ersten Buch mit „Gewalt" nicht ausreichend gekennzeichnet, zum anderen erfor- 
dert die Werbung im zweiten Buch mehr als nur „Milde". 



158 



Die Einleitung des zweiten Buches 



4.1 Das Proömium (Ars 2,1-20) 

Man sollte sich vor Augen halten, daß der junge Mann die Dame gerade erobert und 
mit ihr ein erstes Schäferstündchen verbracht, vielleicht sogar überhaupt zum ersten 
Mal sexuelle Erfüllung erlebt hat. Da ist es nur natürlich, wenn er begeistert ist und 
sich für den Größten hält. Ganz allein konnte er eine schöne Frau für sich einnehmen! 
Ein vergleichbares Triumphgefuhl stellt Ovid in den Ämores dar (2,12,1-4 und 16): 

ite triumphales circum mea tempora laurus: 

vicimus; in nostro est ecce Corinna sinu, 
quam vir, quam custos, quam ianuaflrma (toi hostesl) 

servabant, ne quaposset ab arte capi. 

huc aäes, o cura parte triumphe mea! 
Angeregt 3 wurde diese Elegie wahrscheinlich durch ein Gedicht, in dem Properz - tota 
nocte receptus amans (2,14,28) - seinen Sieg in der Liebe mit bedeutenden militäri- 
schen Erfolgen vergleicht (Prop. 2,14,1 f. und 23 f.): 

non Ha Dardanio gavisus Airida iriumpho est, 
cum caderent magnae Laomedontis opes; 

haec mihi devictis potior vicioria Parthis, 

haec spolia, haec reges, haec mihi currus erunt 

Überhaupt neigt der 'elegisch' Liebende zu Ausbrüchen euphorischer Freude, wenn 
Amor ihm einmal gewogen ist (Prop. 2,15,1 f.): 

o mefelicem! o nox mihi Candida! et o tu 
lectule deliciisfacie beate meis! 

Schenkt die Geliebte ihm ihre Gunst, fühlt er sich reich wie ein König und unsterblich 
wie ein Gott. 4 Doch weist sie ihn ab, schlägt das himmelhoch jauchzende Glück in 



Vgl, E. REITZENSTEIN, Wirklichkeitsbüd und Gefuhlsentwicklung bei Properz, Philologus Suppl. 
29,2 (1936) 91; BOOTH (1991) 64, 154. - GALINSKY (1969) 94, der Prop. 2,14 nicht bespricht, 
nimmt an, die Elegie Ov. Am. 2,12 habe ihr Vorbild in dem Distichon Prop. 4,7,15 f. (Cynthia 
klettert aus dem Fenster). - PIANEZZOLA (1987) 131-42 bemerkt Parallelen zwischen dem 
Triumphlied des Sklaven Chrysalus in Plaut. Bac. 925 ff. und Prop. 2,14,1 f. + 23 f. sowie Ov. 
Am. 2, 12. Der Triumph des Liebenden sei ein Beispiel für die Übertragung eines Topos von einer 
Gattung (Komödie) in die andere (Elegie). 

Prop. 1,14,11-13: tum mihi Päctoli veniunt sub tecta liquores / et legitur Rubris gemma sub 
aequoribus; / tum mihi cessuros spondent mea gaudia reges; 23 f.: ... quae <sc. Venus> mihi 
dum placata aderit, non uüa verebor / regna vel Alcinoi munera despicere; Prop. 1,8,43 f. 
(Cynthia hat sich überreden lassen, bei Properz zu bleiben): nunc mihi summa licet contingere 
sidera planus: / sive dies seu nox venerit, illa mea est!; Prop. 2,13,15 f.: quae si forte bonas ad 
pacem verterit auris, /possum inimicitias tum egoferre Iovis; Prop. 2,14,10: immortalis ero, si 
altera talis <sc. nox> erit; Prop. 2,15,37-40: quod mihi si secum (P ; co: tecum, HOUSMAN: 
interdum) talis concedere noctes / illa velit, vitae longus et annus erit. / si dabit multas, fiam 



4. 1 Das Proömium (Ars 2, 1 -20) 



159 



tiefste Enttäuschung um. Je größer zuvor die Freude war, desto heftiger ist danach der 
Schmerz: Cynthia, bei der Properz gerade erst eine berauschende Liebesnacht verbrin- 
gen durfte (2,14 und 2,15), entpuppt sich plötzlich als geldgierige Hure und gibt sich 
einem primitiven, aber reichen Liebhaber hin (2,16). Properzens Versuch, dieser Situa- 
tion mit Sarkasmus zu begegnen (bes. 2,16,7-10), scheitert. Es bleibt ihm nichts ande- 
res übrig, als jämmerlich zu klagen (2,17,3 ff.). Verlassen und gebrochen durchleidet 
er bittere Nächte. Nichts ist schlimmer als Liebe, nicht einmal die Qualen von Tantalus 
und Sisyphus in der Unterwelt. Zutiefst enttäuscht denkt Properz an Selbstmord. Von 
einem Felsen will er sich stürzen, Gift trinken 5 oder - wie er es bereits vorausgeahnt 
hat - tot vor Cynthias Türe liegen (Prop. 2, 14,3 1 f.): 

quod si forte aliqua nobis matabere culpa, 
vestibulum iaceam mortuus ante tuuml 

Ein größerer Gegensatz zu der kurz zuvor geäußerten Hoffnung, durch die Liebe der 
Herrin unsterblich zu werden (Prop. 2,14,10), läßt sich kaum denken. Erschüttert steht 
Properz vor den Ruinen seines Glücks (Prop. 2, 17, 1 1 f.): 

quem modofelicem invidia admirante ferebant, 
nunc decimo admittor vix ego quoqtie die. 

Er kann es nicht fassen, von dem einen auf den anderen Tag in Ungnade gefallen zu 
sein (Prop. 2,24,1 9-22): 6 

una aut altera nox nondum est in amore peracta, 
* et dicor lecto iam gravis esse tuo! 

me modo laudabas et carmina nostra legebas: 
ille tuuspennas tarn cito vertit Amor? 

So muß der 'elegisch' Liebende erkennen, daß der Sieg, den er eben noch bejubelte, im 
Grunde eine Niederlage war. In Wirklichkeit triumphiert Amor und setzt seinen uner- 



immortalis in Ulis: / nocte una quivis vel deus esse potest. In den Elegien des stets frustrierten 
Tibull rinden sich keine entsprechenden Belege. 

Prop. 2,17,13 f.: nunc iacere eduro corpus iuvat, impia, saxo, / sumere et in nostras trita vene- 
na manus. 

Dieses enttäuschte Staunen findet man schon in der Elegie Prop. 1,12,7-12: otim gratus eram: 
non illo tempore cuiquam / contigit ut simili posset amarefide. / invidiae fiümtts: num me deus 
obruit? an quae /tecta Prometheis dividit herba iugis? /non sum ego, qui fiieram: mutat via 
longa puellas. / quantus in exiguo tempore fitgit amor! - Ähnliche Stimmungsumschwünge von 
Liebesglück zu Todesahnung finden sich auch zwischen der euphorischen Elegie Prop. 1,14 (wo 
der Liebende sich für den reichsten und glücklichsten Menschen auf der Welt hält, solange Venus 
ihm hold ist) und Prop. 1,15 (wo der Dichter im Angesicht des Todes an Cynthias Treue zweifelt) 
sowie innerhalb der Elegie Prop. 2,I(vgl. dazu PLESSIS [1884] 117: der jähe Stimmungswechsel 
sei ein gestalterisches Prinzip und kein Grund, die Elegie zu teilen). In der zweiten Hälfte dieses 
Gedichts erklärt Properz, er werde gerne für Cynthia tödliche Zaubertränke schlürfen (2, 1,5 1 ff.), 
also eine der beiden Todesarten erleiden, die er in der Elegie 2, 17 erwägt; außerdem ibehauptet er 
(2,1,65-68), daß einer, der ihn von seiner Liebe befreien könnte, auch die Sünder der Unterwelt 
von ihren Qualen zu erlösen vermöchte, darunter Tantalus, mit dem er sich 2, 1 7,5 f. vergleicht. 



k 



160 



Die Einleitung des zweiten Buches 



bittlichen Fuß auf den Nacken des Besiegten. 7 Aus Erfahrung klug geworden, mahnt 
der verstoßene Liebhaber seinen stolzgeschwellten Rivalen: 8 Man hüte sich, den trüge- 
rischen Winden der Liebe zu trauen oder beim Wagenrennen den Preis einzufordern, 
bevor die Ziellinie überquert ist. Je später das Unglück über einen hereinbricht, desto 
tiefer ist der Sturz (Prop. 2,25,2 1-28): 9 

tu quoque, qui pleno fastus assumis amore, 

credule, nullet diu femina pondus habet, 
anquisquam in mediis persolvit vota p r o c e 1 1 i s , 

cum saepe in portu fraeta carina natet? 
aut prius infecto deposcit praemia cursu, 

septima quam metam triverii ante rota? 
mendaces ludunt flatus in amore seeundi: 

si qua venit sero, magna ruina venit. 

Im Proömium zum zweiten Buch der Ars spricht Ovid eine ähnliche Warnung aus. Die 
Fahrt auf dem Meer der Liebe sei noch nicht zu Ende (Ars 2,9 f.): 



Vgl bes. Prop. 2,8,39 f.: inferior multo cum sim vel matre vel armis <sc, quam Achilles>, / 
mirum, si de me iure triumphat Amor?; Prop. 1,1,4; 2,30,7-10. - Ovid unterwirft sich in den 
Amores gleich von Anfang an dem triumphierenden Gott, um nicht noch heftiger gequält zu 
werden (Am. 1,2, bes. 9-18). Vgl. noch Ov. Am. 2,9a,15 f. und 2,18,17 f. 
Es ist umstritten, ob der Angeredete Properzens Rivale ist. Entschieden dagegen wendet sich 
HUBBARD (1974) 64 (ohne Begründung); unentschieden sind die Kommentatoren BARBER und 
BUTLER (1933) sowie CAMPS (1967); dafür spricht sich ENK (1962) aus. Es muß sich um den 
Rivalen handeln, da erstens die Anrede an die betreffende Person sich bis Vers 38 erstreckt und 
das Distichon 35 f. (at si saecla forent anüquis grata puellis, / essem ego, quod nunc tu) be- 
stimmt an einen Nebenbuhler gerichtet ist; zweitens bezieht sich das emphatische Pronomen illa 
in Vers 29 auf Cynthia, da vorher von keiner anderen Frau die Rede war; drittens erinnert Vers 
21 an eine Beschreibung des Rivalen in der vorherigen Elegie (Prop. 2,24,31: qui nunc se in tu- 
midum iaetando venit honorem). - Es befremdet natürlich, daß Properz ausgerechnet seinem Ri- 
valen Ratschläge gibt, weswegen ROTHSTEIN (1920) annimmt, der Dichter wolle nur Mißtrauen 
zwischen Cynthia und dem Neuen säen. Eine andere Erklärung scheint mir plausibler: Properz 
glaubt, daß auch der Rivale bereits in Amors Falle geraten ist und die Warnung ihm nichts mehr 
nützen wird. Sie ist vielmehr ein Ausdruck der Schadenfreude und zugleich Selbsttröstung. Liebe 
ist wie ein Glücksrad, das einmal den einen, einmal den anderen emporhebt (Prop. 2,8,7-10; 
2,9, 1 f.). Ändern kann man daran nichts. 

Diese Stelle ist übrigens die einzige, an der Properz die Liebe in demselben Kontext sowohl mit 
einer Seefahrt als auch mit einem Wagenrennen vergleicht. - Zur Bedeutung von ruina vgl. Ov. 
Trist. 4,8,35 f. (neeproeul ametis, quas paene tenere videbar, / curriculo gravis est facta ruina 
meo) sowie ENK (1962) ad loc. 

Dem Vergleich mit einem Wagenlenker, der sein Ziel noch nicht erreicht hat (Prop. 2,25,25 f.), 
entspricht das Exemplum von Pelops und Hippodamia (Ars 2,7 f., vgl. besonders rotis resp. rota 
am Pentameterschluß). - Der Umstand, daß Ovid sich von Properz hat anregen lassen, hilft auch, 
den schwierigen Satz „quid properas, iuvenis?" zu erklären. Denn nimmt man im Hinblick auf 
das folgende Bild vom Schiff auf hoher See an, daß properare eine räumliche Bewegung bezeich- 
ne, ist Ovids Einwurf unverständlich. Warum tadelt er das „Eilen" des Schülers? Auf hoher See 
ist' es doch das beste, möglichst schnell dem Hafen zuzustreben? Eine andere Deutung legt ein 
Vergleich mit Prop. 2,25,21-28 nahe. Dort bejubelt der Rivale voreilig seinen Erfolg, und in die- 
sem Sinne muß man auch den Satz in der Ars verstehen: „Warum hast du es so eilig (demen Sieg 
zu feiern)?" 



4. 1 Das Proömium (Ars 2, 1-20) 



161 



quid properas iuvenis? m e d i i s tuapinus in undis 
navigat, et longe, quem peto, portus abest. 

Anders als der 'elegisch' Liebende soll der junge Mann rechtzeitig erkennen, daß sein 
Glück noch ungewiß ist. Er muß von Anfang an seine Begeisterung so zügeln, daß eine 
Enttäuschung ihn nicht niederschmettert. Damit er nicht plötzlich erstaunt feststellt, 
daß die Geliebte ihn verlassen hat, 11 darf er das Lehrbuch nicht voreilig weglegen, nur 
weil er einen ersten Erfolg errungen hat. Auch weiterhin gilt es, auf den Rat des 
Meisters zu hören. 

Anstatt aber den Schüler sofort für seinen Übermut zu tadeln, versetzt sich Ovid als 
verständnisvoller Pädagoge erst einmal in die Lage des Jüngeren und freut sich mit 
ihm. Alle Welt soll in den Jubel einstimmen und den Sieg mit dem Ruf io paean 
feiern. Ovid übernimmt das Bild des militärisch-erotischen Sieges aus der Liebesele- 
gie, verwandelt jedoch den römischen Triumph in einen griechischen Paian 13 und sieh 
auch davon ab, den Schüler mit echten Feldherren zu vergleichen. Solche Zurückhal- 
tung übt der 'elegisch' Liebende nicht. Der Liebeskünstler aber lebt im Einklang mit 
Staat und Gesellschaft und zollt dem Triumph, der großartigsten militärischen Zeremo- 
nie, die Rom kannte, den gebührenden Respekt. 14 Außerdem ergänzt Ovid das militäri- 



Ars 2,1 1 1: ul dominam teneas nee te mirere relictum 

Dicite richtet sich an keinen bestimmten Personenkreis. Gleichsam die ganze Welt wird aufgefor- 
dert, an der Freude des Schülers teilzuhaben. Oder es ist an einen Festzug gedacht, in dem die 
Umstehenden dem siegreichen Liebhaber applaudieren. STEUDEL (1992) 137 nimmt dagegen an, 
Ovid fordere seine Schüler auf „ihrer Freude ... Ausdruck zu verleihen". Der Liebeslehrer wendet 
sich aber im Proömium durchweg an nur einen Schüler. 

Die an den Ruf io triumphe anklingende Verbindung io paean ist hier erstmals belegt. Der Paian 
als Ausdruck eines militärischen Sieges findet sich z. B. Verg. A. 10,738 {conclamant socii lae- 
tum paeana secuti; zurückgehend auf Hom. II. 22,391 f.) oder auch Prop. 3,15,41 f. (victorqite 
canebat /paeana Amphion); beides, Triumph und Paian, stellt Ovid in den Metamorphosen in 
einem erotischen Kontext nebeneinander (Met. 14,718-20): vincis, Anaxarete ... / ... laetos moli- 
re friumphos/ et paeana voca nitidaque incingere lauro! An einen Triumph erinnert auch die 
Junktur curru Victore (Ars 2,7), mit der Ovid Trist. 4,2,47 den Wagen eines Triumphators be- 
zeichnet. - In zweiter Linie erinnert Ovid den Leser auch an den Hochzeitspaian (JfANKA [1997] 
41) sowie an Apollo als Gott der Jagd (BRANDT [1902] 69, 221) und der Dichter (BALDO [1993] 
272). 

Vgl. Liv. 30,15,12: neque magnificentins quiequam triumpho apud Romanos ... esse sowie GA- 
LINSKY (1969) 75-77. - In den oben zitierten Beispielen (und auch in anderen Elegien) feiern 
Properz und Ovid ihre Erfolge in der Liebe wie einen Triumph und wagen es sogar, ihre eigene 
Leistung über militärische Siege zu stellen. Der Liebende vergleicht sich mit Agamemnon (Prop. 
2,14,1 f., Ov. Am. 2,12,9 f.) und (indirekt) mit Augustus (Prop. 2,14,23 f.), und das keineswegs 
zum Vorteil des jeweiligen Feldherren. - Zum Triumph in der Liebeselegie vgl. PlANIiZZOLA 
(1987) 131-142 sowie GALINSKY (1969), dessen Ansichten sich STEUDEL (1992) 180 ff. an- 
schließt. GALINSKY beschreibt Properzens Haltung gegenüber dem Triumph wie folgt: „Proper- 
tius deliberately was drawing on the triumphal theme to express the contrast betwccii res publica 
and res privata" (S. 80); „The most hallowed Roman custom becomes the most characteristic 
symbol of the Gegenwelt which Propertius refuses to aeeept and which has no reality for him . . . " 
(82). Allerdings verlange Properz in späteren Gedichten wie 3,11 nur noch ebensoviel Anerken- 
nung, wie sie den Erfolgreichen in Militär und Politik zuteil werde (91). - In der Tat muß man 



162 



Die Einleitung des zweiten Buches 



sehe Bild mit einer Metapher aus dem Bereich der Jagd: Die ersehnte Beute ist in seine 
Netze gegangen (Ars 2,2). Begeistert verleiht der Liebende dem Meister, dessen Werk 
ihm mehr bedeutet als alles, was Homer und Hesiod je geschrieben haben, die palma 
der griechischen Agone - nicht den Lorbeer des Triumphators (3 f.). 15 Gleiche Freude 
empfanden Paris und Pelops, als sie ihre „Eroberungen" davonfuhrten (Ars 2,5-8): 

talis ab armiferis Priameius hospes Amyclis 

Candida cum rapta coniuge veia dedit; 
talis erat, qui te curru Victore ferebat, 

vecta peregrinis Hippodamia rotis. 

Ovid stößt den euphorischen Jüngling also nicht gleich mit strenger Ermahnung vor 
den Kopf, sondern empfindet dessen Freude nach. Doch zugleich setzt er Signale, mit 
denen er die folgende Warnung vorbereitet. Im ersten Distichon identifiziert er sich 
noch mit dem Schüler: Er selbst ruft zum Feiern auf ; in seine Netze 16 ist die ersehn- 
te Beute geraten. Doch schon im zweiten Distichon entfernt Ovid sich von dem Jünge- 
ren: Der Schüler - nicht der Lehrer! - verschmäht in seiner Begeisterung die Werke der 
großen Griechen, die für ihn nur alte Herren sind und daher seiner Meinung nach von 
Liebe, der Domäne der Jugend, nichts wissen. 17 Zu einer solchen Hybris würde sich 
Ovid selbst nicht versteigen. 18 Er nimmt nun die Position eines kritischen Beobachters 



davon ausgehen, daß der Triumph auch für Properz der größte denkbare Erfolg im öffentlichen 
Leben war, denn nur unter dieser Voraussetzung kann er ihn zum Vergleich heranziehen, wenn er 
einen besonderen Erfolg in der Liebe feiern will. Indes beurteilt der Dichter anscheinend die tat- 
sächlichen oder geplanten Triumphe des Augustus skeptisch. Es ist in diesem Zusammen- 
hang bemerkenswert, daß Properz nur von Triumphen anläßlich der Siege im Bürgerkrieg spricht, 
die entweder als Brudermord (2,15,45 f.) oder wegen der Minderwertigkeit der Gegnerin Kleo- 
patra (4,6,65 f.) fragwürdig sind, oder aber von einem bevorstehenden Triumph über die Parther 
bzw. Inder, der jahrzehntelang angekündigt, aber nie gefeiert wurde (vgl. z. B. 2,10,13 ff. und 
dazu GALINSKY, S. 84: „... Propertius in fact may have played the advocatus diaboli. The impli- 
cation is that Propertius is as serious about writing epic poetry as Augustus is about making an 
expedition against India or Ethiopia, i. e. not at all."). 

Zur palma vgl. etwa Plut. Mor. 723b ff. über die Frage, xt ötfxoxe xcöv üytivcov oxeyavov aXXoq 
äXXov exet, xdv öe yoivwa Koivff Jtävxeq; Ars 1,727 spricht Ovid von einer Palladia Corona als 
Siegespreis. - Zum Lorbeer vgl. *W. EHLERS RE II 7, 1 (1939) 505 f. s. v. Triumphus. 
Ars 2,2: cetsses ... meos. Im Hinblick auf diesen Ausdruck streiten sich manche Gelehrten, ob 
Ovid hier seinen eigenen oder den Erfolg des Schülers feiere, vgl. SOLODOW (1977) 125 f. 
Die Gegenbegriffe viridi und seni umrahmen das Urteil des Schülers. - Die grüne Farbe ist ein 
Symbol der Jugend; vgl. Ars 3,557 (viridemque iuventam) sowie OLD s. v. Nr. 5. 
Daß Ovid die Werke Homers in Ehren hält, belegt z. B. Ars 2,279 f.: Wenn selbst der große 
Homer mit seinen Gedichten bei den Damen nichts erreichen könnte, dann kann es keiner. Ovid 
stimmt also noch nicht einmal mit dem Urteil des Properz überein (1,9,11): plus in amore valet 
Mimnermi versus Homero. In den Amores (1,15,9 ff.) führen Homer und Hesiod die Reihe der 
Dichter an, die unsterblichen Ruhm erlangt haben und unter die Ovid aufgenommen zu werden 
hofft. Er ist ferner der Ansicht, daß auch ein Epos Raum für erotische Dichtung bietet (Am. 
2,18,35-40). Wer die Geschichte von Paris und Helena geschrieben hat, muß etwas von Liebe 
verstehen. - Daß Ovid bzw. seine Persona selbst die großen Dichter abschätzig bewerte, meinen z. 
B. PRIDIK (1970) 47, STEUDEL (1992) 129 Anm. 25, 137, TOOHEY (1997) 203 und JANKA 
(1997) 44 ff., der außerdem eine Anspielung auf Verg. G. 3,8,12 f. bemerkt. 



4. 1 Das Proömium (Ars 2, 1 -20) 



163 



ein und vergleicht den Schüler mit Paris und Pelops. Dabei läßt er mit Absicht offen, 
worin die Ähnlichkeit besteht. Denn die beiden Heroen empfanden nicht nur die glei- 
che Freude wie der junge Liebeskünstler, sondern beider Triumph hatte auch großes 
Unheil zur Folge: 19 Mit der Wettfahrt des Pelops beginnt der unaufhaltsame Fall des 
Pelopidenhauses. 20 Paris entfuhrt als Gastfreund (hospes) eine Ehefrau. 21 Dieser Bruch 
des Gastrechtes läßt Strafe erwarten; der Gastgeber aber ist gut gerüstet (armiferis) und 
somit in der Lage, die Vergeltung zu üben, von der Ovid kurz zuvor (Ars 1,681 ff.) er- 
zählt hat. 

Nun, da der übereifrige junge Mann vielleicht schon etwas nachdenklicher geworden 
ist, folgt auf die verborgene Warnung die offene: Der Schüler möge innehalten und 
sich besinnen; der sichere Hafen sei noch nicht erreicht (Ars 2,9 f.). Doch diese War- 
nung allein genügt Ovid nicht Neben der Metapher von der Seefahrt für den Fort- 
schritt der Liebesbeziehung, die auf das Exempel des Paris zurückverweist, nimmt er 
auch das Siegesmotiv vom Anfang des Buches auf und stellt klar, daß die entscheiden- 
de Schlacht erst noch geschlagen werden muß (Ars 2,1 1-14): 22 

non satis est venisse tibi me va te puellam : 
arte mea capta est, arte tenenda mea est. 



Bereits BRANDT (1902) 69 bemerkt, daß Paris und Pelops „dem Dichter als mythologische Bei- 
spiele solcher Liebenden gelten, denen die Erfüllung ihrer Wünsche zu teil ward, ohne dass damit 
das Ende ihrer Mühsale gekommen wäre". Vgl. zu Paris auch SCHtJBERT (1992) 191; AHERN 
(1989) 280 stellt fest, das Glück des Schülers werde „somewhat ominously" mit dem des Paris 
und des Pelops verglichen; MYEROWITZ (1985) spricht von „'joyrides' which ended in tragedy 
for the lovers". - BALDO (1993) 272 meint, abgesehen von ihren erotischen Erfolgen, glichen die 
beiden Heroen dem Schüler auch darin, daß sie sich mit Betrug („frode") durchgesetzt hätten. 
Vgl. Soph. El 504-5 15: w ITeXojtog ä xpöadev / JtoXvjtovog fjtJtefa, / cbg fpoXeq alavijg / xq.de 
yä. / eure yäp 6 jcovxtoöeig / MvpxtXog iKotpd&tj, / Jtayxpvaoov öttppcov / övaxdvotg alKefaig / 
Jcpöppi r oq äKpupdefg, / oü xi jtco / UXatev &k xoöö' oikov / JtoXöjtovog afKeta. Um das Rennen 
gegen Hippodamias Vater Oenomaus zu gewinnen, mußte Pelops Myrtilus, den Wagenlenker 
seines Gegners, für sich gewinnen. Myrtilus befestigte die Rader am Wagen des Oenomaus nicht 
richtig, so daß dieser stürzte und zu Tode kam (Apollod. Epit. 2,7; Hyg. Fab. 84,4). Später wur- 
de Myrtilus von Pelops in das nach ihm benannte myrtoische Meer geworfen, entweder weil der 
Wagenlenker sich selbst der Hippodamia zu bemächtigen suchte (Apollod. Epit, 2,8) oder weil 
Pelops ihm nicht die versprochene Hälfte des Königreiches überlassen wollte (Hyg, Fab. 84,5). 
Hermes rächte den Tod seines Sohnes Myrtilus und sandte das goldene Lamm, um dessen Besitz 
zwischen Atreus und Thyest ein mörderischer Zwist entbrannte (E. Or. 995 ff.). 
Ovid läßt auch offen, ob Helena als coniunx des Menelaos oder als coniunx des Paris zu gelten 
hat; so klingt schon in diesem einen Wort der Streit an, der zum trojanischen Krieg führte. 
Aus dem militärischen Vokabular stammen capta, tenenda, parta tueri. In Vers 13 zitiert Ovid 
ein Sprichwort über die Pflicht, sich mühsam erkämpfte politische oder militärische Macht auch 
zu erhalten (OTTO [1890] Nr. 1341; BRANDT [1902] und JANKA [1997] ad loc). Erstmals belegt 
ist der Gedanke bei Thukydides 2,62,3 (aYoxtov Se Uxovxojq äpatpe&ijvat # Kxcopevovq äxvxfj- 
aat), aufweiche Stelle Sallust anspielt (lug. 31,17: maius dedecus est parta amittere quam 
omnino non paravisse), vgl. etwa A. W. GOMMK, A Historical Commentary on Thucydides, Vol. 
II, Oxford 1962, 171. - Im Krieg galt auch der Zufall als besonders entscheidend; vgl. OTTO 
(1890) Nr. 700: fortuna ... plus quam consilium valet; Caes. Gal. 6,30; Liv. 9,17,3. 



j| 



1 64 Die Einleitung des zweiten Buches 

nee minor est virtus, quam quaerere, parta tueri: 
casus inest illic, hoc erit ariis opus. 

Außerdem darf der Schüler nicht glauben, er könne die neue Aufgabe ohne seinen 
Meister bewältigen. Der Sprecher der oben zu Anfang dieses Kapitels zitierten Elegie 
Amores 2,12 brüstet sich voll Stolz, sein Mädchen ganz alleine, ohne Armee und ohne 
die Hilfe des Zufalls erobert zu haben (Am. 2,12,9-16): 

Pergama cum caderent hello superata bilustri, 

ex tot in Atridispars quota laudis erat? 
at mea seposita est et ab omni milite dissors 

gloria, nee titulum muneris alter habet: 
me duce adhanc votifmem, me milite veni ; 

ipse eques, ipsepedes, signifer ipsefui. 
nee casum fortuna meis immiseuit actis: 

huc ades, o cura parte iriumphe mea. 

So darf der junge Liebeskünstler sich auf keinen Fall selbst überschätzen. Deshalb be- 
hauptet Ovid in der Ars, die Eroberung der Dame sei mehr oder weniger nur Glücks- 
sache gewesen. Ferner sei der bisherige Erfolg allein ihm, dem Liebeslehrer, zu ver- 
danken. Wie sich nun herausstellt, ist die Geliebte wirklich in dessen Netze gegangen. 
Zu dem passiven Schüler ist sie wie von selbst gekommen; der junge Mann brauchte 
scheinbar nur darauf zu warten, daß sein Lehrer ihm das Mädchen zuführt. 23 Durch 
Ovids Kunst wurde die Dame erobert, Ovids Kunst muß sie auch halten. 

Doch selbst der Liebeslehrer bedarf göttlichen Beistandes. Jetzt, wenn überhaupt ein- 
mal, müssen ihm Amor, Venus und die nach Amor benannte Muse Erato 24 beistehen 



Vgl. a. Tib. 1,9,43:* saepe insperanti venit tibi munere nostro. - Dagegen ist der Sprecher von 
Am. 2,12 durch eigene ars (v. 4) ans Ziel seiner Wünsche gelangt. Trotz des Anklanges an Hör. 
S. 2,5,6 (te vate; vgl. femer Hör. Epod. 16,66: vate me und die von JANKA (1997] 52 gesammel- 
ten Belege) ist davon auszugehen, daß Ovid hier an Am. 2,12,13 erinnern wollte. 
Vgl. zu dieser Etymologie schon PI. Phdr. 259d. Als Muse der Liebesdichtung ruft sie Apollonios 
Rhodios an (3,1 ff.; vgl. Athenaios 13,555b). Plutarchs Vorstellung vom Wirken der Erato ähnelt 
in erstaunlicher Weise dem Lehrziel der Ars (Plut. Mor. 746t): xaig öe Jtepi ouvovoiav oxovSaiq 
A 'Eparcb jtapovaa perä Jtei&ovg fdbqj Xöyov i X oöcftiQ Kai Kaipöv e^aipet teoi Karaoßevvvai to 
pavtKÖv rijg tföovfjg Kai otorpcööeg, eig yiXiav Kai Jtiattv ov X üßpiv ovo' dKoÄamav reAevrco- 
ong. - DÖPP (1968) 101 f. zeigt, daß Ovid sich derselben Technik bedient wie Vergil zu Beginn 
des siebten Buches der Aeneis, wo ebenfalls Erato angerufen wird (A. 7,37). Der Dichter fuhrt 
zunächst an das neue Thema heran und läßt erst danach die Anrufung folgen. So werde die Größe 
des neuen Stoffes hervorgehoben. Auch mit der Ankündigung magna paro (Ars 2,17; vgl. schon 
Ars 1,29) zitiert Ovid den Vergil (A. 7,43 f.: maior rerum mihi nascitur ordo, / maius opus 
moveo; vgl. DÖPP 102). Der Mitte seines Lehrwerkes für junge Männer und dem neuen Thema 
verleiht der Liebeslehrer also dadurch Gewicht, daß er einen Musenanruf zitiert, der die zweite, 
erhabenere Hälfte des bedeutensten römischen Epos einleitet. DÖPPs Beobachtungen ergänzt 
CASALI (1995) 199 ff. Er ist der Ansicht, Ovid habe zugleich und vor allem an Vergils Modell, 
die Einleitung der zweiten Werkhälfte von Apollonios Rhodios' Argonautika (3,1-5), erinnern 
wollen. 



4. 1 Das Proömium (Ars 2, 1 -20) 



165 



(Ars 2,15 f.). Großes hat er vor: Amor selbst, einen geflügelten Herumtreiber, 25 einen 
leichten und leichtfertigen (levis), obendrein mit göttlicher Macht ausgestatteten 
Knaben, gilt es festzuhalten (17-20). Soll dieses Werk gelingen, muß der Schüler seine 
eigene Unwissenheit und Schwäche erkennen und sich bescheiden in die Hände des 
erfahrenen Meisters begeben, dessen Erfahrung nicht zuletzt darin besteht, selbst seine 
Grenzen zu kennen. Der praeeeptor amoris weiß, daß er ohne Amors Hilfe in der 
Liebe nichts ausrichten kann. 

Der neuen, bescheideneren Haltung von Lehrer und Schüler entspricht eine veränderte 
Rolle des Liebesgottes. Dem Leser wird der Widerspruch nicht entgangen sein, daß 
Ovid ausgerechnet Amor, den erklärten Gegner des ersten Buches (Ars 1,9 ff.), nun als 
ersten anruft (Ars 2,15) und auch die Muse Erato wegen ihrer engen Verbindung zu 
ihm auswählt 26 Dieser Widerspruch kann jedoch überwunden werden: Sowohl im er- 
sten als auch im zweiten Proömium deutet Ovid die Attribute des Liebesgottes allego- 
risch. 27 Eine solche Deutung findet sich schon bei Properz. Er sieht in den Flügeln ein 
Zeichen der Unbeständigkeit Zu Recht habe ein Künstler den Gott mit Flügeln darge- 
stellt, denn Amor sei ein windiger Geselle, der in den Herzen der Liebenden wild 
herumflattere und ihr Seelenschiff auf dem Meer der Liebe hin- und herschleudere 
(Prop.2,12,5-8): 28 

idem nonfrustra ventosas addidit alas, 

fecit et humano corde volare deum: 
scilicet alter na quoniam iaetamur in unda 

nostraque non ullis permanet aura locis. 

An der Verbindung des Flügelmotivs mit der Metapher vom Schiff der Liebe kann man 
erkennen, was Properz meint. Er denkt an die rasch umschlagenden Stimmungen des 
Liebenden, der bald selig in den Wolken schwebt, bald aber erschüttert am Boden 



Passend zu der feierlichen Ankündigung läßt sich Ovid ein neues Adjektiv einfallen: Amor ist 
nicht nur vagus, sondern pervagus; vgl. BALDO (1993) 274. 

Einen Widerspruch bemerkt z. B. PRIDIK (1970) 47 Anm. 13, der meint, man solle „die Aussagen 
hier nicht pressen". STEUDEL (1992) 137 Anm. 88 erklärt den Widerspuch mit dem „topischen 
Charakter" von Götteranrufungen. - LENZ (1969) 195 und BALDO (1993) 274 weisen daraufhin, 
daß Ovid nun eine Muse um Unterstützung bittet, obwohl er die Hilfe der Musen im Proömium 
des ersten Buches von sich gewiesen habe. 

Verbindend wirkt auch das Motiv des Knaben: Ars 1,9-18 kommt das Wort puer dreimal vor; 
Ars 2,15 und 18 wird Amor ebenfalls als puer bezeichnet. Während jedoch im Proömium des 
ersten Buches die Jugend des Amor (und damit auch des Schülers der Ars\) die Lehre vereinfacht 
(1,10: aetas mollis et apta regi), erschwert sie Ovid im zweiten Buch seine Aufgabe, sind doch 
Knaben leviores^ d. h. unvernünftiger und unbeherrschter als Erwachsene. 
CAMPS (1967) ad loc. deutet humano corde als Ablativ des örtlichen Ausgangspunktes. Der 
Gebrauch dieses Ablatives ohne Präposition ist in der Dichtung nicht ungewöhnlich. Allerdings 
muß sich dann die Bedeutung „Woher?" klar aus dem Kontext ergeben. Das ist auch in allen von 
KÜHNER/STEGMANN (1976) Bd. II 1, 361 f. zitierten Beispielen der Fall, nicht jedoch in diesem 
Vers. Zu Recht als Ablativus loci interpretiert den Ausdruck humano corde ENK (1962), auf des- 
sen ausfuhrliche Diskussion der Stelle verwiesen wird. 



166 



Die Einleitung des zweiten Buches 



liegt, je nachdem ob seine Herrin ihm gewogen ist oder nicht, zugleich aber auch an 
die Launen der Geliebten, die ihn bald erhört, bald verschmäht. 29 Diese Interpretation 
wird durch den Umstand bestätigt, daß sich Properz hier selbst zitiert. Schon in der 
Monobiblos prophezeit er seinem frisch verliebten Freund Ponticus ein Wechselbad 
der Gefühle mit einem Bild, das an unser Sprichwort „im siebten Himmel schweben" 
erinnert. 30 Wenn Ponticus erst das wahre Feuer der Liebe empfindet (1,9,17), dann 
wird er zur selben Zeit Freude und Leid erfahren. Denn keinem gewährt Amor un- 
beschwerte Flügel des Glücks; bald erhebt er den Liebenden, bald drückt er den 
Schwebenden wieder herab (Prop. 1,9,23 f.): 

nullusAmor cuiquam facilis itapraebuit alas, 
utnon alt er na presserit ille manu. 

Das Fehlen der Flügel ist auch ein Symbol für (nicht immer wünschenswerte) Bestän- 
digkeit (Prop. 2,12,14). Aus seinem Herzen, klagt Properz, fliegt Amor niemals fort; 
nie kann er die Geliebte und seinen Kummer vergessen (Prop. 2,12,15 f.): 

evolat heu nostro quoniam depectore nusquam, 
assiduusque meo sanguine hella gerit. 

Aber Cynthias Liebe verfliegt in Windeseile (Prop. 2,24,22): 

ille tuuspennas tarn cito vertitAmor? 
Bei Properz stehen Amors Flügel also zum einen für die Liebe (2,12,15 f.) und das 
flüchtige Glück (1,9,23 f.) des Mannes, zum anderen aber auch für die wechselhafte 
Gegenliebe der Frau (2,24,22). Ebenso verhält es sich in der Ars: Im ersten Buch 
mußte Ovid verhindern, daß sein Schüler die heftigen romantischen Gefühle eines 'ele- 
gisch' Liebenden entwickelt; andernfalls hätte der junge Mann mit seinem Werben 
scheitern oder gar in qualvolle seelische Abhängigkeit geraten können. Ferner galt es, 
die Frau, die solche Gefühle auszunutzen versucht, rücksichtslos unter Kontrolle zu 
bringen. Symbolisiert wurden diese^ Lehrziele durch den Kampf gegen einen feind- 
lichen, bewaffneten Amor. 32 Im zweiten Buch aber muß Amor nicht mehr unerbittlich 



Vgl. oben 3.3, JANKA [1997] 56 und Ovids Interpretation von Amors Flügeln (Am. 2,9,49 f.): tu 

<sc, Amor> levis es miiltoque Ulis ventosior alis / gaudiaque ambigita dasque negasque flde. 

Die Mädchen nennt er in dieser Elegie nimhim voga turba (v. 53). 

Dem entspricht lateinisch „im Himmel schweben" (in caelo esse bzw. caelum attingere; vgl. 

OTTO [1890] Nrn. 288 und 289). Vgl. a. SMYTH (1949) 119 f. zu dem „metaphorical use of 

pinnae to express unbounded confidence". SMYTH vermutet in dem Distichon Prop. 1,9,23 f. 

übrigens eine Anspielung auf den Mythos von Daedalus und Icarus. 

Vgl. Ovids Aufforderung (Am. 2,9,51 f.): si tarnen exaudis, pulchra cum maire, Cupido, finde- 

serta meo pectore regna gere. An anderer Stelle (Prop. 2,30,1-6) beschreibt Properz den Amor 

als windschnellen Verfolger, dem man selbst auf Flügeln nicht entkommen könne. 

In der Elegie 2,12 verbindet anscheinend auch Properz die Waffen Amors vor allem mit dem 

ersten Sichverlieben im Gegensatz zur dauernden Liebe (vgl. Prop. 2,12,1 1 f.: anieferit quoniam 



4. 1 Das Proömium (Ars 2, 1-20) 



167 



bekämpft werden. Nicht als bewaffneter Feind, sondern als geflügelter Knabe re- 
präsentiert er nun das Glück und die Liebe des Mannes sowie die Gegenliebe der Frau. 
Und diese Gefühle sind jetzt wünschenswert. Denn nur wenn der Schüler seine Ge- 
liebte mag und ihre Gegenwart ihn beglückt, wird er bereit sein, sich eine lange Zeit 
um sie zu bemühen. Allerdings muß Ovid der Liebe des jungen Mannes, selbst wenn 
es schwer ist, auch weiterhin ein Maß setzen (Ars 2,20): 33 

difflcile est Ulis imposuisse modum. 

Umgekehrt sollte der Schüler bei seiner Dame nach und nach Gefühle wecken, die 
mehr sind als das triebhafte Verlangen einer Pasiphae (3.1.1) oder Hurendienste in der 
Hoffnung auf große Geschenke (3.4.1). Doch erwartet Ovid von ihr auch keine bedin- 
gungslose Treue bis zum Tode. Er ist nicht so vermessen, den Amor in Ketten schlagen 
zu wollen; nur ein wenig verweilen soll der geflügelte Gott. 34 



33 

34 



tuti quam cernimus hostem, /nee quisquam ex Mo vulnere sanus abit). Dagegen stellt er sich in 
der Elegie 1,9 den Liebenden unter dauerndem Beschuß' vor (Prop. 1,9,21). 
Zur maßlosen Leidenschaft des 'elegisch' Liebenden vgl. oben 3.1.2. 

Ars 2,98: ipse deum volucrem detinuisse paro; vgl. a. Rem. 701: nee nos purpureas pueri rese- 
cabimus alas. - Anders interpretieren SCHUBERT (1992) 168: „... im Grunde soll sich der Gott 
dem Dichter freiwillig unterwerfen." und JANKA (1997) 40: „Diese Fixierung heißt aber, dem 
geflügelten Gott Gewalt anzutun." - Zum Wunsch des 'elegisch' Liebenden nach ewig währender 
Liebe vgl. S. 14 und z. B. Prop. 2,15,25 f.: atque utinam haerentis sie nos vincire catena / 
velles, ut numquam solveret ulla dies! 



i 



168 



Die Einleitung des zweiten Buches 



4.2 Daedalus und Icarus (Ars 2,21-98) 

Auf den Gedanken, daß es schwer sei, Amors Flügeln ein Maß zu setzen, folgt die 
ausführliche Erzählung von Daedalus und Icarus. 35 Ein Distchon gibt den Inhalt an. 
Minos hatte seinem Gastfreund Daedalus die Flucht versperrt; trotzdem fand dieser auf 
Schwingen einen Ausweg (Ars 2,21 f.): 

hospitis effugio praestruxerat omnia Minos ; 
audacem pinnis repperit ille viam. 

Am Schluß steht der Kommentar des Liebeslehrers. Minos habe es nicht vermocht, die 
Schwingen eines Menschen zu bändigen, er selbst aber wolle einen geflügelten Gott 
aufhalten (Ars 2,97 f.): 

non potuit Minos hominis compescere pinnas, 
ipse deum volucrem detinuisse paro. 



4.2.1 Wer ist Daedalus? 

Mögen auch die Motive des Fliegens und Einschließens an die Verse Ars 2,17-20 an- 
knüpfen, so überrascht doch dieses Epimythion. Hat Ovid die lange Geschichte nur er- 
zählt, um eine offenkundige Tatsache zu illustrieren? Denn wer würde bezweifeln, daß 
ein geflügelter Gott schwer festzuhalten ist? Oder wollte der Dichter etwa zeigen, daß 
er nicht in der Lage ist, seine Aufgabe zu erfüllen, weil dasselbe dem Minos bei einem 
Menschen mißlang? 36 Stellt der Liebeslehrer also seine Kompetenz in Frage, und ist 
der Exkurs demnach didaktisch wertlos? Wie soll man ferner in der Gleichung 

Minos = Ovid; Daedalus = Amor 

den Icarus unterbringen, mit dessen Charakter und Verhältnis zu Daedalus sich Ovid, 
wie MCLAUGHLIN 37 befremdet feststellt, so eingehen befaßt, während Minos bald in 
den Hintergrund tritt. Was hat dann der Tod des Icarus zu bedeuten? 38 Überhaupt fällt 



36 
37 
38 



MCLAUGHLIN (1975) 61 gliedert die Erzählung in drei etwa gleich große Abschnitte 23-48; 49- 
74 und 75-96. Im ersten Abschnitt steht Daedalus im Vordergrund; im zweiten Abschnitt belehrt 
Daedalus den Icarus; im dritten Abschnitt rückt Icarus in den Mittelpunkt. Auch inhaltlich ist 
diese Gliederung sinnvoll: In den Versen 23-48 wird erzählt, wie es zum Bau des Fluggerätes 
kam; danach (49-74) erfährt man, wie Daedalus seinen Sohn unterweist und mit ihm die Reise 
antritt; ab Vers 75 werden Flug und Sturz des Icarus geschildert. Anders gliedern VON ALB- 
RECHT (1977) 73 und JANKA (1997) 61. 

Daß dies angedeutet werde, vermuten MYEROWTTZ (1985) 153 und HOLZBERG (1990) 143. 
(1975) 70 f. 

AHERN (1989) 275. AHERN findet es auch unpassend, daß ausgerechnet der Versager Minos mit 
Ovid verglichen werde. Minos sei „the cuckold of a bull ..., the step-father to a monster, ... and 
father-in-law to his worst enemy ... Can so unhappy a figure really represent the Professor of 
Love?" 



i 



4.2 Daedalus und Icarus (Ars 2,21-98) 



169 



die Erzählung aus dem Rahmen: Sie ist ungewöhnlich ernst und handelt als einzige in 
der ,4™ nicht von einem erotischen Stoff. 39 

Solche Schwierigkeiten führten zu der Annahme, Ovid habe sich von seiner Lust am 
Erzählen hinreißen lassen. 40 Dagegen bezweifeln andere Interpreten, daß er sich ausge- 
rechnet an dieser zentralen Stelle einen derart plumpen Kunstfehler erlaubt hätte. 41 Sie 
sehen in dem unbefriedigenden Epimythion vielmehr eine Aufforderung, die Geschich- 
te auch anders zu deuten, als Ovid es vorgibt. 42 In diesem Sinne kann man die Erzäh- 
lung von Daedalus und Icarus zu den Vergleichen rechnen, die WILLIAMS mit dem 
Terminus „over-adequacy" beschreibt: „Over-adequacy" ist nach WILLIAMS ein Indiz 
dafür, daß der betreffende Vergleich weit über eine Illustration hinauszielt. 43 

Als Beispiel für diese Technik sei die Elegie 1,15 des Properz angeführt. Dort beklagt 
sich der schwer erkrankte Sprecher, Cynthia habe sich, als er sie zu sich rief, in aller 
Ruhe schön gemacht, anstatt sofort herbeizueilen. Läge ihr wirklich etwas an ihm, 
hätte sie sich nicht so aufwendig frisiert. Denn Calypso, Alphesiboea und andere He- 
roinen, die jhre Männer verloren, verschwendeten an ihr Äußeres keinen Gedanken 
(Prop. 1,15,9-22). Da es selbstverständlich war, daß Frauen in Trauer ihr Haar aufge- 



MCLAUGHLIN (1975) 70 f. - Allerdings ist die Erzählung erotisch gefärbt: Aus den drei Sternbil- 
dern Großer Bär, Orion und Bootes (Ars 2,55 f.) macht Ovid das Paar Calüsto und Orion, indem 
er Orion und Bootes durch die Wendung comesque Booiae zusammenfaßt, obwohl die beiden 
Sternbilder am Himmel nicht nebeneinanderstehen und die beiden Heroen nie etwas miteinander 
zu tun hatten (vgl. SHARROCK [1994] 149 ff., JANKA [1997] 80 ff., der deswegen comesque Bo- 
otes /ensiger Orionque lesen möchte; dadurch entstünde jedoch eine Elision über die Mittcldihä- 
rese hinweg, wofür JANKA aus den Werken Ovids keine Parallele nennen kann). Auf Callistos 
Vergewaltigung durch Jupiter anspielend, nennt Ovid außerdem den Großen Bär virgo Tegeaea. 
In der Daedalus-Erzählung der Metamorphosen heißt der Große Bär Heiice (8,207), und alle drei 
Sternbilder sind nebeneinander aufgeführt. - Auch der Inselkatalog (Ars 2,79-82) hat erotische 
Obertöne, die in den Metamorphosen (8,221 f.) fehlen. Delos wird von Apollo geliebt (Ciario 
Delus amata deo), und die Junktur Ciario Delits soll vielleicht daran erinnern, wie Tibull darauf 
kam, seine Freundin Plania 'Delia' zu nennen (SHARROCK [1994] 157 f., bes. Anm. 123; Quelle 
für den Namen Plania ist Apul. Apol. 10; zu dem Wortspiel planus-öijAog vgl. DlSSEN [1835] 
XVII). Astypale war von Neptun die Mutter des Ancaeus. Möglicherweise spielt Ovid auf diese 
Vereinigung mit dem Meergott an: cineta piscosis Asypalaea vadis. Ancaeus widerum soll 
Samia, nach der die Insel Samos benannt ist, geheiratet haben (SHARROCK [ 1 994] 1 89), 
Vgl. die Doxographie bei AHERN (1989) 273 Anm. 3. 
WEBER (1983) 123, KENNEY (1993) 462, SHARROCK (1994) 90 

KENNEY (1993) 462 merkt an, Ovid habe seinen 'Fehler' genau dort begangen, wo er auffallen 
mußte; SHARROCK (1994) 193 meint: «... by displaying itself as blaiant sclf-induigencc ... the 
story questions the criteria being used against it." Vgl. a. MYEROWTTZ (1985) 154. 
WILLIAMS (1980)52 und 37 Anm. 18: „I use the word 'over-adequacy' ... to indicate a rcader's 
sense that an illustration or comparison goes beyond what the immediate context needs or can ab- 
sorb." Zu Prop. 1,15 bemerkt WILLIAMS 65: „... the myths are over-adequate and not Iegitimatcd 
by the context until the reader has read beyond them." - WILLIAMS* Terminologie ist zwar um- 
stritten und auch nicht besonders präzise (vgl. etwa J. G. FlTCH, CPh 78 [1983] 175-7 und P. H, 
SCHRIJVERS, Mnemosyne 38 [1985] 229-31). Dennoch sind seine Einzelbeobachtungen wertvoll, 
unabhängig davon, wie er das Beobachtete nennt (L. DURET, RPh 56 [1982] 346-49). 



170 



Die Einleitung des zweiten Buches 



löst trugen, bedurfte es eigentlich keines Beleges, um die Entrüstung des Kranken zu 
erklären, geschweige denn eines sieben Distichen langen Heroinenkataloges. Properz 
scheint im Laufe der Aufzählung selbst aus den Augen zu verlieren, was die Exempel 
illustrieren sollen. Denn im Grunde interessiert ihn nicht die Frisur der Cynthia; er 
möchte ihr vielmehr zeigen, welche Selbstvergessenheit und Hingabe eine wahrhaft 
liebende Frau empfindet. Wie Alphesiboea verliert sie mit dem Geliebten ihre Familie, 
wie Hypsipyle ihre Fähigkeit zu lieben und wie Euadne am Ende auch ihr Leben. 
Diese Seelengröße sollte sich Cynthia zum Vorbild nehmen (23 f.) 44 Man kann sogar 
noch weiter gehen: Der Heroinenkatalog zeigt nicht nur, welche Haltung der Sprecher 
von Cynthia erwartet; er läßt auch erkennen, welche Gefühle ihn selbst bewegen. E r 
fühlt sich verlassen und liebt dennoch, wie Calypso den Ulixes und Hypsipyle den 
Iason; ihn trifft der Verlust von Cynthias Liebe so tief, wie Alphesiboea und 
Euadne der Verlust ihrer Männer. 45 

Auch Ovid erzählt in der Ars mehr, als notwendig wäre, um die Aussage, Amor könne 
man nur schwer ein Maß setzen, zu beweisen, und es ist wahrscheinlich, daß er damit 
vergleichbare poetische Ziele verfolgt wie Properz. 46 Man wird also trotz des Epimy- 
thions (Ars 2,97 f.) nach einem anderen Zusammenhang zwischen Lehre und Exempel 
fragen dürfen. Zumal der Liebeslehrer das Erzählte erst am Schluß deutet, so daß der 
Schüler beim Lesen zunächst eine eigene Interpretation entwickeln kann. 

Weitgehend übereinstimmend identifizieren Autoren, die diesen Weg gegangen sind, 
Daedalus mit Ovid 48 Beide sind Künstler, die eine nova ars geschaffen haben. 49 Wäh- 



46 



47 



48 



Vgl. R. WHUAKER, Myth and Personal Experience in Roman Love-Elegy, Göttingen 1983, 107- 
109 WHTTAKER untersucht die mythologischen Exempel in der Liebeselegie und kommt dabei zu 
ähnlichen Ergebnissen wie WILLIAMS (1980) 62-94, der solche Vergleiche bei Tibull und Properz 
bespricht Auch in den Amores findet WHTTAKER 157 ff. Exempel wie das hier diskutierte Zu 
Properz vgl. außerdem KÖLMEL (1957) 108-129, M. V. ALBRECHT, Zur Funktion mythologi- 
scher Gleichnisse in augusteischer Dichtung, Lampas 17 (1984) 187 ff., DÜNN (1985) 233-259. 
Vgl a WILLIAMS (1980) 65: „... the myths enforce what is never said: the poet is senously ül 
and' (in his own estimation) likely to die." - Unterstützt wird die hier vorgeschlagene Interpreta- 
tion durch einen Vergleich mit der Kalypso-Episode in der Odyssee. Dort sitzt namhch O d y s - 
s e u s am Strand und weint (Hom. Od. 5,82-84): aXV ö y> ejc' äKttjg KXaTe Kadtjpevog, SvOa 
jtäpa Jtep, I öäKpuai Kat orovaxfiai Kai äXyeai dvpov epe X &cov. / xovrov ex ärpvyerov öep- 
Keomxo ödKpva Xefßcov. Vgl. noch Od. 5,151-158 und 215-224. 

AHERN (1989) 276 f. weist daraufhin, daß eine ähnliche Technik bei epischen Gleichnissen zu 
beobachten ist: „Similes, - and exempla may be thought of as extended similes - will sometunes 
outgrow their stated limits, so as to end up saying more than they started out to say." 
, Deutende Promythien finden sich z. B. Ars 1,101 f. und Ars 2,123 f. - McLAUGHLIN (1975) 60 
und AHERN (1989) 274 konstatieren einen Rahmen, bestehend aus 2,19-22 und dem ^rauf zu- 
rückverweisenden Distichon 2,97 f. Dieser „Rahmen" wird aber erst im nachhinein kenntlich^ Un- 
zutreffend ist die Behauptung von W. SCHUBERT, Explizite und implizite Mythendeutung (Ovids 
Daedalus-Icarus-Erzählung Met. 8,183-235), Eirene 28 (1992) 31, Ovid deute den Mythos in der 
Ars durch Pro- und Epimythien. Ein deutendes Promythion gibt es mcht. 

FYLER (1971) 203, MCLAUGHLIN (1975) 76, SCHLUETER (1975) 29 f., WEBER (1983) 121 f 
MYEROWTTZ (1985) 150-167, AHERN (1989), KENNEY (1993) 464, SHARROCK (1994) 87-195, 



4.2 DAEDALUS UND ICARUS (ARS 2,21-98) 



171 



rend Daedalus eine Lösung in scheinbar auswegloser Situation fand, steht Ovid eine 
fast unlösbare Aufgabe noch bevor. Ovid beschreibt den Fortschritt der Lehre mit Bil- 
dern aus der Seefahrt, Daedalus das Fliegen als Segeln durch die Luft. 50 Wie ein See- 
mann müssen sowohl der Liebes- als auch der Flugkünstler vorsichtig sein. 51 Beide un- 
terrichten einen Jüngeren in der von ihnen erfundenen, gefährlichen Kunst. Daedalus' 
Rolle als praeceptor wird hervorgehoben. Er belehrt seinen Sohn in einer vierzehn 
Verse langen Rede; in den Metamorphosen, wo Ovid den Mythos ein zweites Mal er- 
zählt (8,183-235), genügen dagegen sechs Hexameter (203-208). 52 Es gibt auch wört- 
liche und sachliche Parallelen zwischen den Lehren der beiden Meister: 



Daedalus 

umeris arma parata suis (2,50) 
me pirmis sectare datis (2,57) 

inveniis aera rumpe meis (2,54) 



Ovid 

arma dedi vobis; dederat Vulcamts Achilli;/ 
vincite mtmeribus, vicit ut Ute, datis (2,741 f.) 

inventis plus place t ille meis (2,164) 



JANKA (1997) 57-106. - Die Autoren sind übrigens teilweise unabhängig voneinander zu diesem 
Ergebnis gekommen. McLAUGHLIN, WEBER und SHARROCK (kurze Doxographie S. 91, ohne 
KENNEY) haben die jeweils früheren Arbeiten berücksichtigt, KENNEY diskutiert nur die Arbeit 
von Myerowttz. 

Daedalus war als artifex sprichwörtlich; vgl. OTTO (1890) Nr. 498, AHERN (1989) 275 sowie 
SHARROCK (1994) 91-96 auch zur Auffassung der verschiedenen Handwerke und Künste als 
Aspekte einer 'Kunst' an sich. FRONTISI-DUCROUX (1975) legt dagegen Wert auf die handwerk- 
lich-praktisphe Natur von Daedalus' Kunst. - Zum Motiv der nova ars (Ars 2,48) vgl, AHERN 
(1989) 278 f. und JANKA (1997) 76, 88, der darauf hinweist, daß Ovid diesem Motiv in den 
Metamorphosen weniger Beachtung schenkt. 

Ars 2,51: carinis\ 45: remigium volucrum; 64: vela secunda dato; vgl. MYEROWTTZ (1985) 163, 
AHERN (1989) 277 f., JANKA (1997) 74 f. 78. - Zwar muß Ovid schon wegen des Mangels an 
Wörtern für künstliche Fluggeräte Metaphern aus dem Bereich der Seefahrt heranziehen (FRON- 
TISI-DUCROUX [1975] 158 Anm. 41), doch fällt auf, daß in den Metamorphosen nur ein einziger 
Beleg für nautische Sprache zu finden ist (Met. 8,228): remigioqae carens. 
Vgl. vor allem WEBER (1983) 122: Icarus scheitert, weil er unvorsichtig ist (83: incautis ... 
annis); Ovid bezeichnet seine Kunst als ars cauta (2,196; außerdem 2,167: paaper amet caute 
und 2,386: cautis viris). Zum Motiv der Gefahr im ersten Buch vgl, 3.3. 

Gerade die Ähnlichkeit beider Fassungen regt dazu an, aus etwaigen Unterschieden Hinweise auf 
die spezifische Darsteüungsabsicht in der Ars zu gewinnen (umgekehrt geht M. HOEFMANS 
[1994] vor). Angeregt durch die These von HEINZE (1919), Ovids elegische Erzählung sei von 
dem Streben nach eXeeivöv geprägt, die epische dagegen unterstreiche das Setvöv (spez. zum Dae- 
dalus-Mythos vgl. S. 362 f.) suchen RENZ (1935) 4-16, VON ALBRECHT (1977) 63-79 und SHAR- 
ROCK (1994) 173-183f nach gattungstypischen Abweichungen. Keine derartigen Unterschiede 
sehen LÜNEBURG (1888) 73 ff., MARCHESI (1918) 43 f., BÖMER (1977) 69 f. und A. S, HOLLIS, 
Ovid: Metamorphoses Book 8, Oxford 1980, 58. BÖMER meint, Ovid habe den Mythos mehr 
oder weniger lustlos als „Repertoire-Erzählung" in die Metamorphosen übernommen, inhaltliche, 
nicht allein durch die jeweilige Gattung zu begründende Unterschiede beobachten McLAUGHLIN 
(1975) 60-70, SCHLUETER (1975) 33 ff., MYEROWTTZ (1985) 161-4, SHARROCK (1994) 183-188 
und JANKA (1997) 57 ff. (vgl. zu den Lehren des Daedalus 77 f.). 

MYEROWTTZ (1985) 163. - SHARROCK (1994) 146-155 zeigt Merkmale auf, die Daedalus 1 Rede 
als Lehrdichtung charakterisieren. So sei z. B. sit tua citra (2,58) eine didaktische Formel. Auch 
Sternbilder (2,55 f.) seien ein traditioneller Stoff derartiger Werke. 



172 



Die Einleitung des zweiten Buches 



me duce tutus eris (2,58) 



nunc mihi, si quando, ... / nunc (2,15 f.) 



nee iuvenum quisquam me duce captus erit 
(1,382) 54 

quaqueferent aurae, vela seeunda dato (2,64) . . . non semper eodem / impositos vento panda 

carina vehit. / nam modo Threicio Borea, 
modo currimus Euro; / saepe tument Zephyro 
lintea, saepe Noto. (2,429-432) 55 

Man vergleiche außerdem: 

nunc, nunc t oDaedale ... (2,33) 

da veniam coepto. Iuppiter alte, meo (2,38) vera canam, coeptis. mater Amoris, ades 

(1,30) 56 

Während die Gleichsetzung von Daedalus und Ovid wenig Probleme bereitet, herrscht 
keine Einigkeit darüber, in welcher Funktion Ovid dem Daedalus gleicht. So sieht Fy- 
LER in der Erzählung ein dekonstruktivistisches Manifest: Daedalus/Ovid sei der Dich- 
ter, der versuche, Icarus/seinen Stoff zu kontrollieren, aber an der allzu menschlichen 
Ungeduld des Knaben/an der unkontrollierbaren Natur seines Stoffes, scheitere. „Poe- 
try itself as a human construet, has difficulty in establishing a stable strueture." Eine 
ähnliche These vertritt MYEROWITZ. Ovid benutze den Mythos von Daedalus, um die 
Grenzen von Kunst aufzuzeigen, sei es nun die Kunst des Dichters oder die des Lie- 
beslehrers. Wenn Kunst sich Gewalt über die Natur zu verschaffen suche, müsse sie 
scheitern. 58 In ihrer umfangreichen, rezeptionsästhetisch orientierten Interpretation 
kommt SHARROCK 59 zu dem Ergebnis, Daedalus repräsentiere Ovid als Dichter der 
Ars. Daedalus bringe Mischwesen wie den Minotaurus und einen Vogel-Menschen 
hervor, Ovid kreuze aus der Liebeselegie und dem Lehrgedicht eine neue Gattung, in 
der man nach kallimacheischem Vorbild einen Mittelweg zwischen genus grande und 
genus humile einhalten müsse. Icarus aber sei der Dichter, der sich ganz auf das genus 
grande einlasse, damit notwendig scheitere, aber gerade durch sein Scheitern ewigen 
Ruhm erlange. 60 Auch Icarus könne also mit dem Dichter Ovid identifiziert werden; 
die Entscheidung bleibe dem Leser überlassen. 



54 
55 



57 
58 
59 
60 



FYLER (1971) 203, JANKA (1997) 83. Zu Ars 2,1 1: me vate, Am. 2,12,13: me duce vgl. S, 163 f. 

In den Metamorphosen sagt Daedalus zu den Winden nichts, vgl. JANKA (1997) 86, der vermutet, 

hier werde der Schüler, wie im Proömium, „vor übertriebener Hast" gewarnt. WEBER (1983) 122 

sieht eine Parallele zwischen Ars 2,63 und 2,337 f. In beiden Fällen sei die Liebe so unbeständig 

wie die Winde. 

AHERN (1989) 279 - Zu vergleichen wäre noch Verg. G. 1,40-42: da facilem cttrsum atque 

audaeibus adnue coeptis, /isnarosque viae mecum miseratus agrestis / ingredere ... 

FYLER (1971) 203 

MYEROWITZ (1985) 150-167 

(1994) 87-195 

Die ikarische See wird nach ihm benannt (Ars 2,96). - Es ist allerdings zweifelhaft, ob Ovid der 

Ansicht war daß Icarus dadurch berühmter wurde als Daedalus. Man sollte auch bedenken, daß 



4.2 Daedalus und Icarus (Ars 2,21-98) 



173 



Während FYLER seine These, die auf eine generelle Bestimmung von Ovids poeti- 
schem Credo hinausläuft, auf nur wenigen Seiten entwickelt und daher ohnehin nicht 
so belegt, wie man das bei einem derartigen Gegenstand erwarten sollte, interpretiert 
MYEROWITZ den Mythos an sich, nicht aber die Erzählung in der Ars^ 1 Zu Recht 
wendet Kenney ein, daß es erstens befremdlich wäre, wenn Ovid das Scheitern seiner 
Kunst diskutierte, bevor er die Lehre zu Ende gebracht hat, und daß zweitens Daedalus 
gar nicht scheitert: „It is going beyond anything that can be extracted from Ovid's 
words to conclude that 'Daedalus sueeeeds as an artifex but fails utterly as a teacher 
and father.' It is Icarus, the pupil, who fails, because he does not do as he is told." 62 
Einwendungen müssen auch gegen SHARROCKs Interpretation erhoben werden. Mit 
einer Vielzahl von Belegen möchte SHARROCK nachweisen, daß man die Erzählung als 
symbolischen Diskurs über Dichtkunst verstehen könne. So habe schon Pindar das 
Verb SaiödkXco im Sinne von „dichten" gebraucht und sein Schaffen mit einem Flug 
oder Weg verglichen. 63 Ferner hätten Vergil (A. 6, 14-33), Horaz in den Oden 1,3, 2,20 
und 4,2 und auch Ovid selbst in seiner Exilpoesie denselben Mythos herangezogen, um 
über Poetik und Dichterruhm zu sprechen. 64 Hiergegen ist folgendes zu bedenken: 

Erstens ist es überhaupt ein Kernproblem poetologischer Allegorese, daß Dichter ihre 
Kunst mit ganz unterschiedlichen Metaphern und sehr allgemeinen Begriffen beschrei- 
ben. Allein das Wiederkehren dieser Ausdrücke ist daher kein hinreichender Beleg 



das Lehrgedicht im Mittelalter - mit einiger Berechtigung - dem genus medium zugerechnet 
wurde. 

So interpretiert MYEROWITZ (1985) 159 etwa den Vers 42 (sunt mihi naturae iura novanda 
meae) nach dem Wortlaut in den Metamorphosen (8,189: naturamque novat) als „to innovate 
upon an impersonal law of nature", ohne zu berücksichtigen, daß ein anderer Wortlaut einen an- 
deren Sinn zur Folge haben kann. Vgl. dagegen etwa BALDO (1993) und JANKA (1997) ad loc. - 
Zu Deutungen des Mythos als Lehrstück über den Gegensatz von Natur und Kunst vgl. etwa 
RUDD (1988) 34 f. und B. HEBEL, Vidit et obstipuit. Ein Interpretationsversuch zu Daedalus und 
Ikarus in Text und Bild, AU 15,1 (1972) 89, die eine solche Interpretation - allerdings unter Ein- 
beziehung der Ars~Version - für die Metamorphosen ablehnt. Auch HOEFMANS (1994) kommt zu 
dem Ergebnis, daß Ovid sich in den Metamorphosen nicht den Gegensatz zwischen der Hybris 
„moderner" Technik und dem natürlichen Dasein des goldenen Zeitalters zum Thema gewählt 
habe. Vielmehr reflektiere und kommentiere Ovid Lehren des Lukrez. 

KENNEY (1993) 462 f., gefolgt von JANKA (1997) 60, - Zitiert wurde MYEROWITZ (1985) 161. 
SHARROCK (1994) 94, 96-102 

SHARROCK (1994) 103-111 (Vergil); 112-126 (Horaz), 168-173: (Exüpoesie Ovids). - Ein- 
deutig auf Dichtung beziehen sich allerdings nur Hör. Carm. 2,20,9 ff. und Hör. Carm. 
4,2,1-4. In der Elegie Trist. 3,4 ist allgemein vom Ruhm, gleich welcher Art, die Rede: Wer hoch 
steht, kann tief fallen. In diesem Zusammenhang erwähnt Ovid Daedalus und Icarus (21-4: qui 
fuit, ut tutas agitaret Daedalus alas, /Icarus immensas nomine signet aquas? / nempe quod hie 
alte, demissius ille votabat; / nam pennas ambo non habuere suas). In dieser Elegie läßt Ovid 
auch Ars 2,95 f. anklingen (Trist. 4,3,45 f.): Nasonisque tui, quod adhuc non exulat unum, / 
nomen ama: Scythicus cetera Pontus habet. 

Folgende Metaphern für gute bzw. schlechte Dichter und Gedichte finden sich z. B. in dem 
Apollo-Hymnos (105-1 12) und dem Prolog der Aitia des Kallimachos: Quelle, Fluß, Meer; Biene, 
Zikade, Kranich, Esel, bogenschießende Barbaren und mythische Giftzwerge. Bedeutsam für die 



62 
63 
64 



Üb 



174 



Die Einleitung des zweiten Buches 



dafür, daß der Dichter gerade einen literaturtheoretischen Gedanken entwickelt. An- 
dernfalls könnte ein findiger Leser fast jeden Vers als Poesie über Dichtung auslegen. 66 
Daß der Daedalus-Mythos in anderen Werken eine poetologische Bedeutung hat, 
zwingt zweitens nicht dazu, ihn auch in der Ars so zu interpretieren. 67 Drittens ist nicht 
recht ersichtlich, weswegen Ovid hier in Rätseln sprechen sollte, wo er doch an ande- 
rer Stelle Fragen der Dichtkunst unverschlüsselt erörtert, z. B. in den Remedia (361 ff,) 
das Verhältnis von Gattung, Stil und Stoff. Viertens geht SHARROCK anscheinend da- 
von aus, daß man Fragen der Stilhöhe unabhängig vom Stoff behandeln könne. Das gilt 
aber zumindest für den Ovid der Amores und der Remedia nicht. Ovid charakterisiert 
epische Dichtung, indem er den entsprechenden Stoff benennt; Aussagen über den epi- 
schen Stil finden sich nur im Anschluß an eine solche Beschreibung der materia. Um- 
gekehrt gibt sich Ovid als Liebender, wählt also einen erotischen Stoff, um Elegien 
schreiben zu können. Stil und Stoff sind untrennbar miteinander verbunden. 68 Es 
widerspricht fünftens der Aussage von Amores 1,15, wenn man annimmt, Ovid ver- 
bindeRuhm zwangsläufig mit dem genus grcmde des Epos. Dichter aller Gattun- 
gen werden dort ohne Unterschied in die Galerie unsterblicher Vorgänger eingereiht 
(Am. 1,15,9-30), und auch der Ruhm Vergils gründet sich nicht nur auf sein großes 
Epos (25 f J. Ovid seinerseits schreibt nicht etwa Elegien, weil es ihm an Talent zu 
'Höherem' fehlt (Am. 2,1,12). Deswegen kann er für seine elegischen Werke den glei- 
chen Ruhm beanspruchen, wie Vergil für die Aeneis (Rem. 395 f.). 



67 



'elegische' Poetologie sind z. B. die Antithesen: „hoch-tief 4 , „groß-klein" und „hart-weich Zur 
poetologischen Bildersprache vgl. jetzt auch M. AsPER, Onomata allotria. Zur Genese, Struktur 
und Funktion poetologischer Metaphern bei Kallimachos, Stuttgart 1997. 
Es geht hier nicht um die Legitimität eines solchen Verfahrens, die man schwerlich wird wider- 
legen können. Nur sei an eine Bemerkung N. RUDDs (Themes in Roman Satire London 1986, 
XI) erinnert- . while every work no doubt embodies (more, or less, satisfactonly) the creator s 
view of the art which he is practising, it is merely confusing to say that every statue is really 
about sculpture' and every poem Ms really about poetry' " 

Vgl JANKA (1997) 61, (1995) 127, der auch begründete Einwände dagegen erhebt, das Fliegen 
und den Bau eines Flu^gerätes als poetologische Metapher zu interpretieren ([1995] 126 ff.). 
Dies ist übrigens das Ergebnis der Diskussion in den Remedia (361 ff.). Zu epischer Dichtung 
vgl etwa Am 2 111 f.: [Stoff:] ausus eram, memini, caelestia dicere bella / cenhmanumque 
Gygen, [Stil:] et'satis oris erat - oder Am. 1,1,1 f.: [Stoff:] Ärma gravi numero violentaque 
bella parabam federe [Stil:] materia conveniente modis. - Gerade die Elegie Am 1,1 zeigt deut- 
lich daß es für Ovid einen Stil ohne Stoff gar nicht gibt. Cupido nimmt dem Epiker einen Vers- 
fuß weg (Am. 1,1,3 f.). Damit ist Ovid aber noch kein Elegiker, sondern ein Epiker, der im fal- 
schen Stil schreibt (17 f.). Also muß er sich einen anderen Stoff suchen, der zu dem neuen Stil 
paßt (19 f • nee mihi materia est numeris levioribus apta, / auf puer aut longas compta pueüa 
comas). Es genügt also nicht, das Versmaß zu ändern. Cupido muß Ovid außerdem mit seinen 
Pfeilen treffen und ihm so die richtige materia verschaffen (2 1 ff.). 

Etwas vorsichtiger als SHARROCK interpretiert AHERN (1989). Er versteht die Erzählung als Pa- 
rabel über die Ars amatoria als Liebeslehre (S. 277) und als Gedicht (S. 293)^ Das Scheitern 
des Icarus bzw. des Schülers erklärt AHERN auf der poetologischen Ebene damit, daß der Schuler 
die Liebe tatsächlich lebe, Ovid sie aber nur poetisch darstelle (292 f) Allerdmgs kann AHERN 
keinen konkreten Beleg aus dem Text dafür vorweisen, daß der Liebeslehrer kernen praktischen 



4.2 Daedalus und Icarus (Ars2,21-98) 



175 



Da also eine Identifikation des Daedalus mit dem Dichter Ovid zu wenig überzeugen- 
den Ergebnissen fuhrt, sollte man die Erzählung auf die Lehren der Ars und besonders 
auf das vorausgegangene Proömium beziehen. Dann liegt es nahe, Daedalus mit dem 
Liebeslehrer Ovid und Icarus mit dem Schüler gleichzusetzen. 70 Icarus und der Schüler 
sind beide jung und unerfahren und lernen von einem Älteren eine neue Kunst. 71 Beide 
müssen zunächst ihre Scheu überwinden, werden dann aber leichtsinnig. 72 Wie Dae- 
dalus und Icarus haben auch Ovid und sein Schüler ihr Ziel noch nicht erreicht. 73 Ak- 
zeptiert man die Gleichung 

Daedalus = Ovid; Icarus = Schüler, 

liegt auf der Hand, welchem didaktischen Zweck das Exempel dient. Es unterstreicht 
die Lehren des Proömiums, daß eine überaus schwierige und zugleich gefahrliche Auf- 
gabe bevorstehe, weswegen der Schüler seinen Übermut bremsen und sich bescheiden 
dem Meister unterordnen müsse. 74 Daedalus schärft seinem Sohn vor allem ein, sich 
nicht selbst an den Sternen zu orientieren, sondern dem Vater genau zu folgen (55- 
58). Wie der Schüler verliert Icarus unter der Führung des .Älteren allmählich seine 
Angst; vom Erfolg ermutigt, übt er sich freudig in der kühnen Kunst (Ars 2,75 f ( ): 

iamque novum delectat Her, positoque timore 
Icarus audaci fortius arte volat 

Solches Selbstvertrauen ist wünschenswert 76 - auch in der Liebe. Um dem Minos zu 
entrinnen, muß Daedalus eine kühne Flucht, eine audax via (22), wagen; der 
Schüler mußte kühn sein, um sein Mädchen zu erobern (Ars 1,608): 

aitdenlem Forsque Vemtsque iuvat 



Anteil an seiner Kunst hat. Im Gegenteil: Daedalus fliegt doch auch! AHERN muß für seine 
Deutung Daedalus als Dichter, Icarus aber als Stoff des Dichters aufTassen und damit den Flug 
des Daedalus als Flug in der Phantasie eines Dichters, den Flug des Icarus hingegen als reales 
Erlebnis. Derselbe Vorgang, das Fliegen, hätte demnach zwei verschiedene Bedeutungen. 
SCHLUETER (1975) 29 ff., AHERN (1989) 279 f., JANKA (1997) 60. 

Vgl. nescius (2,50) mit artem non novit (1,1), wie von WEBER (1983) 122 gegenübergestellt. 
WEBER (1983) 122, AHERN (1989) 279 - Ovid ist im ersten Buch bemüht, dem Schüler fiducia 
einzuflößen, und mahnt ihn, übertriebenen pudor abzulegen (Ars 1,269 ff., 607 f., 672). 
WEBER (1983) 122 

Vgl. McLAUGHUN (1975) 76 f., WEBER (1983) 122, AHERN (1989) 283. 
Vgl. JANKA (1997) 83, der daraufhinweist, daß diesen vier Versen in den Metamorphosen nur 
vier Wörter entsprechen (8,208): me duce carpe viam. - Nach den drei Sternbildern großer Bär, 
Bootes und Orion pflegten Seeleute, wie z. B. Odysseus (Hom. Od. 5,272-4), ihren ;Kurs zu be- 
stimmen; vgl. FRONTISI-DUCROUX (1975) 156 f., SHARROCK (1994) 149 ff., JANKA (1997) 80. 
Ovid hat also nicht aus Unkenntnis eine bestimmte Richtung falsch bezeichnet, wie B. SONDER- 
EGGER (Die Flügel des Daedalus. Zur Rezeption einer schwierigen Ovidstelle, Gymnasium 93 
[1986] 530 f.) meint, sondern Daedalus verbietet dem Icarus ganz allgemein, selbständig zu navi- 
gieren. 
Anderer Ansicht ist JANKA (1997) 90 f. 



70 
71 
72 

73 
74 
75 



L 



176 



Die Einleitung des zweiten Buches 



Die Erfolge von Lehrer und Schüler könnten einem Unkundigen so erstaunlich er- 
scheinen, daß er seine Versuche, sich ein Mädchen zu angeln, fallen läßt, wie der ver- 
blüffte Fischer, der Daedalus und Icarus fliegen sieht, seine Rute (77 f.). 
Die Flugkunst ist wie die Liebeskunst zwar mit Risiken verbunden, führt aber unter 
kundiger Anleitung sicher zum Ziel. Solange der Schüler dem Lehrer folgt, wie Icarus 
dem Vater braucht er nichts zu fürchten. 78 Erst nachdem schon ein beachtliches Stück 
des Weges ohne Zwischenfall zurückgelegt ist - die ersten beiden Kapitel der Liebes- 
lehre bzw die Strecke von Kreta bis kurz vor Samos (79-82) -, kommt es zur Katastro- 
phe. Aus gesundem Selbstvertrauen wird jugendlicher Leichtsinn; Icarus wagt sich zu 
hoch hinaus und verläßt den Vater (Ars 2,83 f.): 

cumpuer incautis nitnium temerarius annis 
altius egit Her deseruitque patrem. 

Nur weil er sich nicht an die Anweisungen gehalten hat, stürzt Icarus ins Meer. In 
grauenerregender „Zeitlupe" läßt Ovid seinen Schüler den Sturz des orientierungslosen 
Knaben miterleben. 7 ' Der Leser spürt, wie seine Flügel plötzlich den Halt verlieren 
(86) und blickt aus schwindelnder Höhe rief hinab (87 f.). In panischer Angst schlagt 
er mit den bloßen Armen, sucht eine Stütze und findet nichts (89 f.). So schnell fällt er, 
daß er kaum einen letzten Hilferuf ausstoßen kann. Schon hat ihn das Meer ver- 
schlungen (91 f.). Mit allen Mitteln wirkt der Liebeslehrer auf die Gefühle seines 
Schülers ein und gestaltet das warnende Beispiel möglichst abschreckend, damit nicht 
aus dem zweimaligen Jubel io paear, (Ars 2,1) 80 ein zweimaliger Hilfeschrei pater o 
pater (91) und der dreimalige Ruf Icare des unglücklichen Vaters wird (93-95). 



Der bisherige Gebrauch der Metapher vom Fischfang für „eme Frau 8P™J£h m f ,£ 
1 393- 1 763 f ) stutzt die hier vorgeschlagene Interpretation ebenso wie ein Vergleich mit den 
MmmorpLer, 8217-220). Dort werden neben dem Fischer ein Hirte und eui Bauer aufge- 
fflhrtketaer der drei läßt sein Werkzeug fallen. - SHARROCK (1994) 156 s.eht » dem F.scher den 
gescheiterten Liebeskünstler selbst; vgl. dagegen JANKA (1997) 92. , 

Vgl Ars 2 58 und 1,382. - McLAUOHLIN (1975) 65 f. we.st darauf hm, daß in der ^ der Tod 
des Ieams im voran nicht angedeutet wird, anders als in den Metamorphosen (8,195 f.) puer 
^"stZeUgnaru* suc se traCare pericla; 211 f.: ** oscula nato / non Uerum 
repetenda suo\ 215: äamnosas enidit artes. ^u rVin u Kp 

Vri VON ALBRECHT (1977) 74. - In ten Metamorphosen wird der Sturz weniger austuhrhch be- 
Ihrieben (^225-230) Ferner fehlt dort - wie auch JANKA (1997) 91 bemerkt -die zweistufige 
££ zlverS zu Übermut Die entscheidende Aussage, Icarus habe seinen Fuhrer 
kZ en leht m der Ars gegen die sachliche Logik betont am Ende, in den Metanvrphonntor 

Cbeachte auch die Steigerung von dicite (Ars 2,1) ^elamaßa)t <^*«£^ 
daß Ovid am Anfang mit dicere ein Verbum gebraucht, ^s m Verbindung rmt dem gesungenen 
Paian nur hier belegt ist. Zu dicere i. S. v. canere vgl. JANKA (1997) ad loc. 



4.2 Daedalus und Icarus (Ars 2,21-98) 



177 



Jugendliche Verachtung für die Ratschläge der Älteren rächt sich bitter. Der grüne 
Knabe, der nicht auf den greisen Vater hören wollte, ertrinkt in dem grünen Wasser. 82 
Man sieht: Ovid verleiht seiner Warnung dadurch Nachdruck, daß er den Jubel der An- 
fangsverse (1-4) systematisch umkehrt. 83 

4.2.2 Flugkunst und Liebeskunst 

Nun, da gezeigt wurde, aufweiche Weise das Exempel von Daedalus und Icarus gene- 
rell die Lehren des Proömiums unterstützt, möchte ich mich ein wenig weiter vorwa- 
gen und überprüfen, ob sich Aufgaben und Methoden von Flug- und Liebeskünstler 
auch im einzelnen gleichen - wohl wissend, daß eine pedantische Suche nach Tertia 
comparationis nicht im Sinne des Liebeslehrers ist. Denn gerade als in sich geschlosse- 
ne, an die Seele rührende Erzählung entfaltet das Exempel seine psychagogische Kraft. 
Beeindruckt von dem traurigen Schicksal der beiden Heroen wird der Schüler aus sei- 
ner Euphorie gerissen und in eine nachdenkliche Stimmung versetzt. Seine bisherigen 
Versuche in der Liebeskunst erscheinen ihm nun in einem anderen Licht, auch wenn er 
nicht sagen könnte, was sich geändert hat Und im folgenden wird manche Vorschrift 
ihn an Icarus erinnern, vielleicht ohne daß er weiß, warum. Eben dieses 'Warum?' 
muß indes den Interpreten beschäftigen: 

Sowohl Icarus als auch der Schüler sollen den Älteren gehorchen, weil ihre Aufgabe 
für sie allein zu schwer ist. Worin aber besteht die Schwierigkeit? Daedalus erklärt sei- 
nem Sohn, was zu beachten ist. Man darf nicht zu hoch fliegen, aber auch nicht zu tief 
(Ars 2,59-63). Daß man nicht zu tief fliegen soll, damit einen die vom Meerwasser be- 
schwerten Flügel nicht herabziehen, ist ein Gedanke, den Ovid dem Mythos wahr- 
scheinlich neu hinzugefugt hat. 84 Denn auch in der Liebe muß man einen Mittelweg 



Vgl. Ars 2,3 f. (laetus amans donat vi ri di mea carmina palma / praelata Ascraeo Maeo- 
nioque seni) mit 2,92 (clauserunt virides ora loqueniis aquae), ferner 1,402 (viridi ... 
aquae), wo schon einmal von den Gefahren der Liebe die Rede war. Den Altersunterschied zwi- 
schen dem senex Daedalus und dem puer Icarus hebt Ovid ausdrücklich hervor (2,29 f.). Er 
selbst formuliert seine Mahnung im Proömium als senex (2,9): Quid properas, iuvenis ? - 
N. RUDD (1988) 24 meint, Ovid dramatisiere „the generation-gap"; vgl. a. FRONTISI-DUCROUX 
(1975) 158. 

Auf den Anfang des zweiten Buches weist auch das Verbum deeidit (Ars 2,2 und 91) zurück. 
Wenn der Schüler nicht aufpaßt, wird e r abstürzen bzw. gefangen werden und nicht sein Mäd- 
chen. In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, daß die Verbindung in casses deeidere nur 
hier belegt ist. Ausweislich des Thesaurus (TLL V 1, 165, 27 ff.; vgl. JANKA [1997] ad loc.) wird 
deeidere i. S. v. ineidere, „in eine Falle geraten" vor Ovid (und weitgehend auch nach Ovid) nur 
dann gebraucht, wenn das Opfer von oben nach unten fällt, z. B. Hör. Ars 458 f.: merulis inten- 
tus deeidit aueeps / in puteum foveamve. Sen. Ben. 7,4,1 (volo videre, quomodo exhis laqueis, 
in quos tuet sponte deeidisti, expliceris) geht möglicherweise auf Ov. Rem. 501 f. zurück (deeep- 
ium risi, qui se simulabai atnare, /in laqueos aueeps deeideratque suos). 
Vgl. SHARROCK (1994) 134, JANKA (1997) 85. Diodor (4,77,9) und Lukian behaupten sogar ge- 
nau das Gegenteil: Daedalus sei besonders tief geflogen, um seine Flügel zum Schutz gegen die 



178 



Die Einleitung des zweiten Buches 



zwischen Extremen einhalten, einen schmalen Pfad, der leicht verfehlt werden kann. 
So soll der junge Mann sich pflegen, aber auch nicht wie ein Kinäde herausputzen. 
Ovid gibt ihm hierzu genaue Anweisungen und zeichnet so die Grenze vor, die es ein- 
zuhalten gilt (1,505-524). Beim Gastmahl soll der Schüler Trunkenheit meiden, darf 
aber ruhig den Berauschten spielen (1,589-602). Der Liebeslehrer definiert das richtige 
Maß beim Weingenuß (Ars 1,589 f.): 

certa tibi a nohis dabitur mensura bibendi: 
officium praestent mensque pedesque suum. 

Küsse sind dem Mädchen notfalls mit Gewalt zu entlocken, aber der Schüler muß auf- 
passen, daß er dabei nicht zu roh vorgeht (1,663-668). Während diese Vorschriften 
leicht nachzuvollziehen sind, wird es im zweiten Buch schwieriger, das richtige Maß 
zu bestimmen. Man muß die Psyche der Frau durchschauen und ihre Gefühle berück- 
sichtigen. Ovid empfiehlt, die Dame, wenn sie krank ist, zu umsorgen. Doch Dienste, 
die sie erzürnen könnten, muß man unterlassen. Maßhalten ist wichtig (Ars 2,333 f.): 

nee tarnen offleiis odhim qtiaeratur ab aegra; 
sit suus in Wandet sedtditate modus . 

Hat sich die Liebe verfestigt, kann eine Trennung sinnvoll sein. Doch darf man auch 
nicht zu lange wegbleiben, sonst wird die Dame einen anderen Mann finden (2,349- 
372). Im allgemeinen muß man seine Seitensprünge verbergen (2,373 ff.), sie biswei- 
len aber auch aufdecken, denn der kluge Liebeskünstler richtet sich nach den Stimmun- 
gen seiner Dame wie der Seemann nach den Winden (2,427 ff). Generell ist Nach- 
geben gefordert (2,145 ff.), doch gibt es Frauen, bei denen ein Zuviel davon schadet 
(2,435). Freundliches Entgegenkommen und Diensteifer dürfen auch nicht zu maßloser 
Unterwürfigkeit ausarten (2,193-196). Der Schüler wäre überfordert, sollte er selbst 
ohne jeden Rat entscheiden, wie er sich zu verhalten hat. Er benötigt Anleitung durch 
einen erfahrenen Liebhaber. 

Daß Fliegen gefährlich ist, wird jedem unmittelbar einleuchten. Ovid stellt klar, daß 
Daedalus nicht verantwortungslos handelt und nur aus äußerster Not sich und seinen 
Sohn den Risiken der Flucht aussetzt. 85 Ihm steht kein anderer Weg offen (Ars 2,40): 



Sonnenhitze mit Meerwasser anzufeuchten (Gall. 23): öoot bk Karä tov AaiSaXov m Jtavv 
perecopa pnöe öijtqXä etppövnaav äXXä Jtpöoyeia, wq voTi&oOai iviore rf\ äXutj rov Knpov , co<; 
tö xoXv ofcoi äo<paXcö$ Si&trtjoav (vgl. a. Im. 21). - G. KNAACK, Zur Sage von Daidalos und 
Ikarus, Hermes 37 (1902) 598-607 nimmt dagegen an, daß dieses Motiv auf eine verlorene 
Version des Kallimachos zurückgeht; von diesem habe es Apollodor (Epit. 1,12) übernommen. - 
Das Motiv des Mittelweges kehrt in der Beschreibung des Abflugplatzes wieder (Ars 2,71): mon- 
te minor collis, campis erat altior aequis, vgl. JANKA (1997) 89. Bemerkenswert ist ferner, daß 
Daedalus den Minos bittet, dem Exil ein Maß zu setzen (Ars 2,25: sit modus exilw), 
während der Liebeslehrer plant, dem geflügelten Amor ein Maß zu setzen (Ars 2,20). 
MCLAUGHLIN(1975)65 



4.2 Daedalus und Icarus (Ars 2,21-98) 



179 



quafitgiam dominum, nulla nisi ista via est. 

Seine Not macht ihn erfinderisch. 86 Nur auf dem Luftweg kann er sich von dem Tyran- 
nen befreien, der ihn auf Kreta eingeschlossen hat (51-54). Worin aber besteht die 1 
Notlage des Liebeskünstlers? Und warum ist sein Unterfangen ebenfalls mit Gefahren 
verbunden? 

Im ersten Kapitel seiner Lehre warnt Ovid wiederholt vor der Gefahr, sich heftig und 
unkontrolliert zu verlieben (2.3). Drastisch zeigt Properz, was die Folge eines solchen 
Erlebnisses ist. Unerbittlich wirft Amor den Liebenden nieder (Prop. 1, 1,3 f.): 

tum mihi coristantis deiecit lumina fastus 
et caput impositis pressit Amor pedibus. 

Einmal in der Gewalt des Gottes, kann er seine Augen nie mehr vom Boden erheben 
(Prop. 2,30,9 f.): 87 

exeubat ille acer custos et tollere numquam 
te paiieiur humo lumina capta semeL 

Doch solche Gefahren sind selbst nach der ersten Begegnung noch nicht ausgestanden. 
Liebe kann sich auch einschleichen, besonders wenn die Dame entgegenkommend ist. 
Properzens frisch verliebten Freund Ponticus hat das Feuer wahrer Liebe noch nicht 
berührt (Prop. 1,9,17 f.): 

needum etiampalles, vero nee tangeris igni: 
haec est venturi prima favilla mali. 

Das wird sich aber schnell ändern, und der Betroffene merkt es erst, wenn Amors 
Faust bis zu seinen Knochen vorgedrungen ist (25-30). Den schmeichelnden Zärtlich- 
keiten ihrer Geliebten müssen selbst Männer mit Herzen so hart wie Fels und Eichen- 
holz 88 nachgeben. Was sollte da ein so leichter Windhauch wie Ponticus ausrichten 
können? (Prop. 1,9,31 f): 89 

^ Ulis et silices etpossint cedere quercus, 
nedum iupossis, spiritus iste levis. 



87 



88 

89 



Ars 2,43: ingenhim mala saepe movent. - MYEROWTTZ (1985) 161 meint, der Satz sei doppel- 
deutig, da man zunächst ingenium als Subjekt und mala als Objekt auffasse. Vgl. dagegen schon 
MCLAUGHLIN (1975) 64 f. 

Vgl. a. Prop. 1,10,27 (at quo sis h um i li s magis et subieetas Amori) mit Ars 2,61 (sive 
hu m i le s propiore freto iaetabimus aias). Der von Liebe Überwältigte wird also als einer 
gedacht, der eine (zu) tiefe Position einnimmt oder am Boden liegt (Prop. 1,9,3; ecce iaces ... ; 
Ov. Am. 1,9,30). Zum Motiv des Liegens vgl. a. VEREMANS (1983) 432 f. ,. 

Vgl. FEDELI ( 1 980) ad loc. 

Vgl. a. Ars 1,615 f.: saepe (amen vere coepit Simulator amare; /saepe, quod ineipiens fmxerat 
esse, fiät Auch Tibull kennt diese Form heimlich sich verfestigender Liebe. Das Zusammensein 
mit Pholoe hat Marathus den Verstand geraubt (Tib. 1,8,25 f.): sed corpus tetigisse nocet, sed 
longa dedisse / oscula, sedfemori conseruisse femur. 



180 



Die Einleitung des zweiten Buches 



Gerade das momentane Liebesglück des Schülers droht ihm also zum Verhängnis zu 
werden. Denn die Folge solcher Leidenschaft liegt auf der Hand: Man wird in die 
grausamen Ketten des serviüum amoris gelegt und steht fortan unter der Herrschaft 
einer schönen Frau. Während Daedalus seinem dominus Minos zu entkommen sucht, 
möchte Ovid seinen Schüler davor bewahren, der Sklave einer 'elegischen' domina zu 
werden. 90 

Dazu genügt es nicht, einfach auf Liebe zu verzichten, denn einerseits ist Liebe eine 
Römertugend, die ausgeübt werden sollte; zum anderen lassen Amor und Venus es 
nicht zu, daß man sich so ihrem Wirken entzieht (vgl. 2.3). Es bleibt nur die Flucht 
nach vorn: Der Schüler sollte bewußt eine Liebesbeziehung anstreben und dann ver- 
suchen, diese ebenso bewußt unter Kontrolle zu halten. Vorsichtig muß er die Balance 
sowohl zwischen völliger Gleichgültigkeit und heftiger Leidenschaft wahren als auch 
zwischen demütiger Selbstaufgabe und dem hochmütigen Glauben, totale Freiheit sei 
möglich, obwohl man eine Geliebte hat. 91 Wer sich der Liebe ganz verschließt, wird 
wie die Venusverächter im ersten Buch der Ars von Amor überrascht und kann sich ge- 
gen den plötzlich entflammten Affekt nicht wehren. Doch ebenso gefährlich ist der 
Glaube des 'elegisch' Liebenden, wahre Liebe müsse maßlos sein (Prop. 2,15,29 f.): 

errat, quifmem vesani quaerit amoris: 
vertts amor nullum novit habere modum . 

Daedalus warnt seinen Sohn vor der Glut der Sonne, die Icarus' Flügel schmelzen läßt; 
Ovid warnt seinen Schüler vor allzu hitziger Liebe. Wer dem glühenden Gott zu nahe 
kommt, wird von „wahrem Feuer berührt" (Prop. 1,9,17), verliert die Kontrolle und 
seine Freiheit 92 und geht schließlich zugrunde. 93 Deshalb darf der Schüler nur ein 



90 



92 
93 



MCLAUGHLIN (1975) 75, gefolgt von WEBER (1983) 122, sieht dagegen in Minos den erfolglosen 
Liebhaber der die Geliebte mit,Gewalt zu halten versuche, während der erfolgreiche Daedalus 
wisse, daß dies nur mit Kunst möglich sei. - AHERN (1989) 280-283 interpretiert Minos als 
Symbol für „the social reality of Roman life" (281). Minos verkörpere *the tyranny of conserva- 
tive social custom" (281). Indes ist Ovid, wie die bisherigen Ausruhrungen gezeigt haben, be- 
müht, den Gegensatz zwischen gesellschaftlichen Werten und dem Leben des Liebenden auszu- 
gleichen oder zumindest zu vertuschen. Warum sollte er dann hier diesen Gegensatz hervorheben? 
Das etwas verwirrende, doppelte Beziehungsgeflecht mag eine Übersicht veranschaulichen: 
Zu hoch fliegen/Sonne/Hitze: a) 'elegische' Liebe b) zu großes Selbstbewußtsein/Freiheit 

(Gallus, Schüler im ersten Buch) 

Zu tief fliegen/Meer/Kälte: a) gar keine Liebe b) 'elegische' Unterwürfigkeit 

(Venusverächter) 
Ars 2,92: clauserunt ... ora loquentis aquae; vgl. dazu AHERN (1989) 292 
Vgl AHERN (1989) 286 f. und vor allem 289-291. - AHERN 290 f. weist daraufhin, daß Ovid die 
Sonne Ars 2 85 nur mit deus bezeichnet, und denkt deshalb an den Liebesgott Amor: „the heat of 
passion will invalidate the device of art". Man vergleiche mit Ars 2,85 (cera deo propiore lique- 
scit) auch die Leander-Epistel Ov. Ep. 18,177 (quo propius nunc es, flamma propiore calesco) 
und Met 3 372 über die sich verliebende Echo: flamma propiore calescit (JANKA [1997] 97). Zu 
Ars 2 59- vicino sole weist JANKA (1997) 84 auf Am. 1,2,46 hin, wo Amor die Zuschauer seines 



4.2 Daedalus und Icarus (Ars 2,21-98) 



181 



mäßiges Feuer in seinem Herzen unterhalten. 94 In den Fluten des Liebesmeeres ertrinkt 
aber auch derjenige, der sich wie der 'elegisch' Liebende von Anfang an seiner Herrin 
so unterwirft, daß er sich nicht mehr erheben kann. Ähnliches erleidet ein Frauenheld 
wie Properzens Freund Gallus, der sich überhaupt nicht unterwerfen will, sondern 
hochmütig und voller Verachtung für das andere Geschlecht eine Trophäe nach der 
anderen sammelt. Am Ende trifft auch ihn die gerechten Strafe, und er vergeht in Liebe 
zu einer einzigen Frau. 95 

Abschließend muß geklärt werden, warum Ovid selbst die Erzählung nicht ebenso deu- 
tet, wie es hier vorgeschlagen wurde: Schon der durch die Interpretation herausgear- 
beitete ernste Gehalt des Exempels spricht dagegen, daß er mit dem Leser ein necki- 
sches Spiel treibt 96 oder seine Persona und den fiktiven Schüler selbstironisch verspot- 
tet. 97 Und gewiß hätte Ovid sich für solche Scherze einen passenderen, weniger trau- 
rigen Stoff wählen können. 

Wie bereits dargelegt wurde (S. 169 f.), sind über ihren scheinbaren Beweiszweck hin- 
auswachsende Exempel keine Erfindung Ovids. AHERN bemerkt dazu: „This power of 
growth is one of the reasons why they weigh more heavily in a reader's perception." 98 



Triumphzuges verliebt macht: fervida vicino flamma vapore nocet. - MCLAUGHLIN (1975) 77, 
WEBER (1983) 122 f. , KENNEY (1983) 464 f. und JANKA (1997) 60 schlagen dagegen vor, Icarus 
mit Amor zu identifizieren, wobei MCLAUGHLIN eine spaßhafte Drohung an den anthropo- 
morphen Gott zu erkennen glaubt, während KENNEY zugleich an eine Aussage über das Abstrak- 
tum Liebe denkt: Wenn Amor seinem Lehrer Ovid (Ars 1,7 ff.) nicht gehorche, scheitere amor. 
Dann kann er sich im Zweifelsfalle auch leichter wieder davon befreien, vgl. Rem. 79 f.: dum 
licet et m od i ci tangunt praecordia motus, / si piget, in primo limine siste pedem. In den 
Amores wünscht sich Ovid, daß Venus ihn maßvoller brenne (Am, 2,17,3): dum me mode - 
ratius urai, - Das Fluggerät des Daedalus wird mit kontrolliertem Feuer angefertigt (Ars 
2,47). Unkontrolliertes Feuer zerstört es. 

Prop. 1,13,5-10: dum tibi deeeptis augetur fama puellis, / certus (=fldus vgl. FEDELI [1980]) et 
in nullo quaeris amore moram, / perditus in quadam tardis pallescere curis / incipis t et primo 
lapsus abire gradu. /haec erit illarum contempti poena doloris: / multarum miseras exiget una 
vices. - Wie der Schüler im ersten Buch der Ars, täuscht (deeeptis) Gallus die Mädchen und ver- 
achtet sie (contempti); dem Motiv des Rulims (augetur fama) entspricht der Triumph des Liebes- 
künstlers (Ars 2,1). Der Schüler steht nun vor der Wahl, zur nächsten Eroberung überzugehen 
oder bei der Dame, die er gerade erobert hat, zu bleiben. Entscheidet er sich wie Gallus, wird er 
vom rechten Wege abkommen und stürzen (primo lapsus abire gradu). 

Dies vermutet MCLAUGHLIN (1975) 76: Ovid habe scherzhaft die Erwartungen des Lesers ent- 
täuschen wollen. „The expeetation is that Ovid will vividly elaborate on how difficult it is to keep 
love from going astray and therefore how difficult it is for the teacher of love to pass that skill on 
to his students ... In tact, Ovid is vividly illustrating something eise entircly ..." - Indes steuert 
Ovid am Anfang die Erwartung des Lesers gerade nicht (vgl S. 170). Überraschend ist die Deu- 
tung am Schluß (Ars 2,97 f.). 

Das nimmt AHERN (1989) 295 f. an: Es werde die Naivität des Schülers verspottet.. Der Lehrer 
teste scheinbar dessen Fähigkeit, unter die Oberfläche zu schauen. In einem tieferen Sinne werde 
dabei auch Ovids eigene „overly sophisticated posture as the master of love" mit subtilem Humor 
untergraben. 
AHERN (1989) 276 



1. 



182 



Die Einleitung des zweiten Buches 



WILLIAMS meint, daß Vergleiche Gedanken des Kontextes nicht immer unterstreichen 
müssen, sondern sie sogar ersetzen können. Sie verleihen dann den betreffenden Ge- 
danken Tiefe." WILLIAMS unterscheidet ferner eine „primäre" und eine „sekundäre" 
Sprache. In „sekundärer" Sprache werde etwas anderes gemeint, als der Dichter aus- 
drücklich in „primärer" Sprache sage. Bei dem in „sekundärer" Sprache Gemeinten 
handele es sich um Dinge, die man nicht offen aussprechen könne oder wolle. 

In der Tat scheint es Gründe zu geben, deretwegen Ovid die Lehren der Erzählung 
nicht deutlicher formuliert. Einer wurde bereits genannt: die psychagogische Funktion 
des Exempels (S. 177). Ferner weist der Liebeslehrer auf Stoff voraus, der noch nicht 
behandelt wurde. Der Schüler soll erst einmal in eine Stimmung versetzt werden, die 
es ihm ermöglicht, das Folgende aufzunehmen. Außerdem könnte pädagogisches Takt- 
gefühl Ovid veranlaßt haben, durch die Blume zu sprechen. Hätte er dem Schüler ge- 
radeheraus gesagt, daß dieser jung und unwissend sei und sich brav nach dem Meister 
zu richten habe, wäre er sicher auf Ablehnung gestoßen, zumal bei einem stolz- 
geschwellten jungen Mann im Hochgefühl seines ersten erotischen Triumphes. Der 
Mythos ermöglicht es dem Lehrer, eine unangenehme Wahrheit auf angenehme Weise 
zu vermitteln, fast wie eine Fabel, die ihre didaktische Wirkung daraus gewinnt, daß 
sich der Leser selbst seinen Reim auf das Erzählte machen muß. 101 Die - doch recht 
naheliegende - Deutung bleibt dem Schüler überlassen. Seiner eigenen Interpretation 
wird er mehr Glauben schenken als einer schulmeisterlichen Ermahnung. 

Noch aus einem weiteren Grunde wählt Ovid dieses taktvolle, indirekte Ausdrucks- 
mittel. Ähnlich wie Properz in dem oben vorgestellten Heroinenkatalog (Prop. 1,15,9 
ff), läßt er nämlich auch seine eigenen Gefühle gegenüber dem jungen Liebeskünstler 
erkennen. Es fällt auf, daß der Daedalus der Ars im Gegensatz zu dem Daedalus in den 



99 

100 

101 



WILLIAMS (1980) 29-31 

A.a.O. 34 ff.; als Beispiel nennt WILLIAMS u. a. Prop. 1,15,9-22. 

Erklärende Epimythien waren in der archaischen Fabel selten, vgl. N. HOLZBERG, Die antike 
Fabel. Eine Einführung, Darmstadt 1993, 24 sowie 27 f. zur Funktion der Promythien als „Über- 
schriften" und Ersatz eines „Stichwortregisters". Daraus folgt, daß man die Lehre einer Fabel 
ursprünglich selbst erkennen mußte, vgl. DORNSEIFF (1927) 207 f., L. KOEP, RAC 7, 132 s. v. 
und die von R. DrTHMAR (Die Fabel, 3. Auflage Paderborn 1974, 121 ff.) referierte Auffassung 
neuzeitlicher Dichtungstheoretiker, das Epimythion sei überflüssig: „Denn die Erzählung muß als 
Kleid oder Maske so beschaffen sein, daß der Leser die verborgene Lehre mühelos entdecken 
kann. Auf keinen Fall aber darf die Lehre am Anfang der Fabel stehen, allenfalls am Ende, damit 
der Leser seine eigene Entdeckung bestätigt findet." K. MEULI (Herkunft und Wesen der Fabel, 
Basel 1954, 17 ff.) vermutet, die Fabel sei entstanden als ein Mittel „aktuelle Wahrheiten, Rat- 
schläge und Kritik in der Hülle einer Geschichte vorzubringen und so eindrücklicher und schonen- 
der zugleich zu wirken" (23). B. E. PERRY (Fable, Studium Generale 12 [1959] 23 ff.) kritisiert 
zwar MEULIs Behauptung, die Fabel sei als Ausdrucksmittel der Schwachen gegenüber den Herr- 
schenden anfänglich ein Vehikel der Sozialkritik gewesen, nicht jedoch die These, daß die Fabel 
dazu diene, unliebsame Lehren zu vermitteln. 



4.2 DAEDALUS UND ICARUS (ARS 2,21-98) 



183 



Metamorphosen ein frommer und anständiger Mann ist; 102 Ovid vermeidet jeden 
Hinweis auf etwaige Verfehlungen des Künstlers 103 und stellt klar, daß Pasiphae die 
Geburt des Minotaurus selbst verschuldete. 104 Erst nachdem Daedalus dieses gefährli- 
che Wesen eingeschlossen und damit seine Pflicht getan hat, bittet er um die Erlaubnis 
heimzukehren. 105 Überhaupt ist Daedalus in jeder Hinsicht pius: 

Er liebt seine Heimat (Ars 2,25-28), und er achtet die Götter, die er bittet, ihm sein an 
Hybris grenzendes Unterfangen nachzusehen (3 8-42). l06 Auch Ovid muß eine Kunst 
anwenden, die als Hybris aufgefaßt werden könnte. Und während der Flieger Daedalus 
sich an den Himmelsgott Jupiter wendet, bittet der Erotiker Ovid die Liebesgottheiten 
um Hilfe (15 f.). Vor allem aber liebt Daedalus seinen Sohn. Bereits Daedalus' Bitt- 
rede läßt erkennen, wie eng die beiden miteinander verbunden sind. Wer den einen 
schont, schont auch den anderen (Ars 2,29 f.): 107 

da reditum puero, senis est si gratia vilis; 
si non vis puero parcere, parce seni. 



102 
103 



104 
105 



Vgl. dazu MCLAUGHUN(1975) 63 und Sl-IARROCK(1994) 183-188, 

Man muß berücksichtigen, daß die Metamorphosen noch nicht erschienen waren und daß Ovid 
einen Stoff vor sich hatte, der sich durch eine „verwirrende Mannigfaltigkeit der einzelnen Züge 
und Motivierungen" auszeichnete (BÖMER [1977] 69). Ein antiker Leser Aar Ars erwartete daher 
nicht unbedingt, Daedalus als Frevler dargestellt zu finden. 
Ars 2,23: conceptum crimine matris 

Auch der Grund des Exils, die Ermordung des Perdix (Met. 8,236 ff.), wird geflissentlich ver- 
schwiegen. - Man könnte zwar einwenden, daß Daedalus als geschickter Redner sich selbst so be- 
mitleidenswert und unschuldig wie möglich zeichne. Indes entspricht sein Charakter in den Er- 
zählpartien dem Ethos seiner Reden. Daedalus* Selbstdarstellung wird also 'objektiv' bestätigt, 
vgl. MCLAUGHLIN(1975) 63 f., SHARROCK(1994) 183-188, JANKA(1997) 62, 64, 66. 
Zu Umecht sieht MYEROWTTZ (1985) 161 in dem Angebot, auch die Styx zu durchqueren, ein 
Zeichen der Hybris. Es ist vielmehr Ausdruck der Verzweiflung. Daedalus erwägt eine Flucht auf 
jedem denkbaren Wege: zu Wasser oder zu Lande, durch die Unterwelt oder durch den Himmel. 
Nur die letzte Möglichkeit steht ihm offen. Wenn die Götter es ihm erlaubten, durch die Unterwelt 
zu reisen, würde er in seiner Not sogar diesen Weg beschreiten. - Anders verhält sich Daedalus in 
den Metamorphosen. Ohne zu zögern, beschließt er, durch die Luft zu fliehen, wobei er auch kei- 
nen Zweifel daran hegt, daß ihm das gelingen wird (Met. 8,185 f.): 'terras licet' inquit 'et undas 
/ obstrual, ai caelum certe palet; ibimus illacl' In der Ars ist Daedalus weniger zuversichtlich: 
caelo temptabimas ire (Ars 2,37); vgl. HOEFMANS (1994) 141. 

McLAUGHLIN (1975) 62 versteht dieses Distichon so, als ob Daedalus dem Minos anbiete, ent- 
weder ihn selbst oder Icarus in Kreta zu behalten. Gemeint ist jedoch, daß Minos entweder um 
des unschuldigen Knaben willen oder dem verdienten Greis zuliebe beide heimkehren lassen 
soll. Vgl. JANKA (1997) 66 f. sowie Phaedras Bitte, Hippolytus möge ihre Liebe erwidern (Ov. 
Ep. 4, 162): mihi si non vis parcere, parce meis. Eine ähnlicher Gedanke liegt 
Ovids Gebet um Corinnas Genesung zugrunde (Am. 2,13,15 f.): huc adhibe vultus et i n u na 
parce duobus: / nam vitam dominae tu <sc. Isis> dabis, illa mihi. Vgl. a. Prop. 
2,28,41 f.: si non imius, quaeso, miserere diwrum! / vivam, si vivet; si cadet illa, cadam; Ov, 
Ep. 11,60; [Tib.] 3,10,19 f.; Met. 10,38 f.; Met. 11,388 sowie BÖMER (1977) ad loc. 
E. BREGUET (In una parce duobus. Theme et cliches, in: Hommages ä Leon Herrmann, Brüssel 
1960, 205-214) fuhrt für dieses Motiv auch Belege an, die sich nicht auf Liebende bezichen. 



i i 1 



L 



184 



Die Einleitung des zweiten Buches 



Wie eine Vogelmutter, das klassische Beispiel der Elternliebe, 108 unterrichtet Daedalus 
sein Kind in der Flugkunst 65 f.). Beim Abschied treibt rührende Sorge ihm Tränen in 
die Augen (69 f.), und auch während des Fluges gilt seine ganze Aufmerksamkeit dem 
Sohne. Immer wieder schaut er zurück und fliegt langsam, damit der Kleine ihm folgen 
kann (73 f.). 109 

Nicht anders empfindet Ovid: Auch er hegt für seinen Schüler väterliche Gefühle 110 
und sorgt sich liebevoll um dessen Wohlergehen. Das Scheitern des jungen Liebes- 
künstlers würde auch den Lehrer tief betrüben. So etwas offen auszusprechen, wäre 
aber aufdringlich und könnte mißverstanden werden. Daher verbirgt es Ovid in einer 
Mythenerzählung. 



109 



BRANDT (1902) ad loa Vgl. etwa Prop. 4,5,9 f. (illa velit, poterit magnes noti äucere ferrum / et 
volucris nidis esse noverca suis) und schon Hom. Od. 16,216 ff. 

Cursus sustimre in Vers 74 wird unterschiedlich gedeutet. Während etwa LENZ (1969), PlANEZ- 
ZOLA (1993) und SHARROCK (1994) 160 f. mit „seinen Kurs halten" übersetzen (auch VON ALB- 
RECHT [1977] 293 Anm. 24 hält diese Deutung für möglich), geben VON ALBRECHT (1992) und 
HOLZBERG (1992) das Verb mit „bremsen, hemmen" wieder. Vgl. dazu JANKA (1997) 90 und 
z. B. Fast. 3,652 (sustinuit amnis ... aquas); Fast. 5,662 (leves cursum sustinuistis aquae), Ars 
2,690. ' ' c t , 

Vgl schon SCHLUETER (1975) 32 f.: „... Ovid likely suggests at least some fatherly Cancern in 
the disposition of ihe praeceptor amoris« - Daß Väter ihre Söhne mit einem literanschen Werk 
belehren war nicht ungewöhnlich. Man denke etwa an den älteren Cato oder Cicero. „In the Latin 
didactic'tradition authors frequently present themselves as fathers giving their educational 
treatises to their sons or composing fictive dialogues in which they act as the teacher and the son 
as the pupil. The dedications and dialogues reflected historical practice and reinforced patterns ot 
paternal and fiUal behavior through literary example. Father-son dedications and dialogues serve 
formal literary ends. They help the author speak in a more intimate, yet authontative voice and 
create a sens^of reciprocal Obligation between composer and reader" (F. '■**« *^ 
Gifts- Father-Son Dedications and Dialogues in Roman Didactic Literature, ICS 16 [1WI\ [ JJ i /). 
Der Prototyp des belehrenden Vaters ist Nestor, der in der Ilias (23,307 ff) seinem Sohn Antilo- 
chos Anweisungen fiir das bevorstehende Wagenrennen gibt. Wie gezeigt ™rde (S. 2), spielt 
Ovid im Proömium des ersten Buches auf Nestors Lehren an. - Ein Beispiel dafür daß gerade der 
Mythos von Daedalus und Icarus als Exempel für ein enges Lehrer-Schüler-Verhaltms herange- 
zogen werden konnte, findet sich Auson. Ep. 23 (II 84 WHTTE). Paulmus von Nola, der Schuler 
des etwa 40 Jahre älteren Ausonius, den er an anderer Stelle patrone, praeceptor, pater nennt 
(Auson Ep 31 96 = II 130 WHITE - Paul. Nol. Carm. 10,96), hat über Icarus und Daedalus 
Verse verfaßt (Äudax Icario qui fielt nomina ponto / et qui Chalcidicas moderate enavit ad 
arces). Ausonius deutet diese Hexameter wie folgt: Paulinus, der Schüler, vergleiche seme erha- 
bene Lebhaftigkeit" mit dem Leichtsinn des Sohnes Icarus und Ausonius, den väterlichen Lehrer, 
mit dem durch heilsame, nachahmenswerte Weisheit ausgezeichneten Daedalus (me vero, et con- 
sultum et quem ßlius debeat imitari, salutari prudentia praeditum dwas). 



185 



5. Das dritte Kapitel der Liebeslehre: 
Wie verfestigt man die junge Liebe? (Ars 2,99-336) 

Nur durch erotischen Gehorsam (obsequium amoris) wird der wahre Liebeskünstler 
seine Dame auf Dauer an sich binden. So lautet ein Kernsatz des Kapitels der Liebes- 
lehre, das die Verfestigung der jungen Liebe zum Thema hat. Allerdings dürfte diesem 
Satz nicht jeder sofort zustimmen, auch nicht der Schüler der Ars. Deswegen bereitet 
Ovid den jungen Mann im ersten Teil des Kapitels (Ars 2,99-176) auf die Lehre vom 
obsequium zunächst einmal vor, indem er andere Mittel, eine Frau zu halten, als unge- 
eignet (Zauberei), unzureichend (Schönheit und Redegabe) oder unzulässig (Reichtum) 
ausschließt. Nachdem der Schüler so einsehen mußte, daß man in der Tat ohne obse- 
quium nicht auskommt, legt Ovid im zweiten Teil (177-250) erst die Prinzipien dieser 
Form des Liebeswerbens dar und empfiehlt dann immer anstrengendere und gefahrli- 
chere Dienste, wie sie auch der 'elegisch' Liebende für seine Herrin verrichten würde. 

Den Einstieg in die neue Lehre erleichtert Ovid dem jungen Mann auch dadurch, daß 
er schon im Zusammenhang mit dem Reichtum eine weniger schwer zu bewältigende 
Form des obsequium, die zärtliche Nachgiebigkeit (indulgentia), diskutiert. In demsel- 
ben Abschnitt (145-176) wird aber auch festgestellt, daß Geld eine Frau sehr wohl zum 
Bleiben bewegt. Zwar ergibt die Diskussion, daß ein Liebeskünstler sich dieser primiti- 
ven Methode nicht bedient; es bleibt an dieser Stelle aber noch offen, was man der vol- 
len Börse eines reichen Rivalen entgegensetzt. Dieser Frage widmet sich Ovid im drit- 
ten Teil des Kapitels (251 bzw. 261-336), wobei er Techniken lehrt, die der 'elegisch' 
Liebende nicht anwenden wollte oder könnte. Der Schüler muß nämlich nicht nur die 
Sklaven und die Geliebte selbst mit kleinen Gaben, die Herrin auch mit zarten Versen 
überraschen. Damit solche Aufmerksamkeiten ihre Wirkung nicht verfehlen, muß er 
außerdem den Eindruck erwecken, er besitze mehr, als er in Wahrheit hat, und sei auch 
bereit, seinen vermeintlichen Reichtum mit der Dame zu teilen. Zu diesem Zwecke 
wird er den unsterblich Verliebten spielen und so tun, als ob er ihrer überwältigenden 
Schönheit mit Haut und Haar verfallen sei. Abschließend faßt Ovid den Lehrstoff des 
Kapitels am Beispiel der Krankenpflege (315-336) zusammen:* Hier kann der Schüler 
Liebe demonstrieren und sowohl durch niedere Dienste als auch durch kleine Ausga- 
ben (wie das Bestellen einer Kräuterhexe) für sich werben. 1 



JANKA (1997) 253 

Der besseren Übersicht halber habe ich Ergebnisse der detaillierten Interpretation in einer glie- 
dernden Paraphrase kurz vorweggenommen, obwohl die Struktur dieses Kapitels der Licbeslehre 
besonders schwer zu erfassen ist und umfangreicher Erläuterung bedarf, wie sie eben nur in der 
folgenden Interpretation gegeben werden kann (vgl. bes. S. 224 Anm. 128 und 5.4.3). So beruht 
etwa die Einheit des dritten Teils auf einem inhaltlichen Gesichtspunkt, den Ovid mit Absicht 



186 



Das dritte Kapitel der Liebeslehre 



A. Ungeeignete Methoden 
werden ausgesondert: 

3. geeignet: indulgentia; 

im Prinzip geeignet, aber 

unzulässig: Reichtum 

(145-176) 
2. unzureichend: 

Redegabe und Schönheit 

(108-144) 
1. völlig ungeeignet: Zauberei 

(99-107) 



, B. Die hohe Schule des Liebesdienstes 

{pbsequium und militia amoris) 

Die Prinzipien des obsequium (177-196) 
Einzelne Vorschriften zu immer schwereren 
und gefährlicheren Diensten 

a) Nachgeben (197-208) 

b) GeMigkeitenX209-222]| , 

c) Gänge (223-236) 

d) am/im Haus der Geliebten (237-250) 



Überleitung: Werben um die Sklaven der Geliebten 
- u. a. mit kleinen Geschenken (251-260) 

▼ 
C. Geschenke vermeiden 

(Ersatzgaben und das Vortäuschen von Liebe) 

1. Einzelne Vorschriften: 

a) Bluff mit kleinen Geschenken (261-272) 

b) Liebesgedichte statt Geschenke .(273-286) 

c) Laß 7 sie die Herrin spielen! (287-294) 

d) Vorgeben, man sei von ihrer Schönheit über- 
wältigt (295-314) 

2. Zusammenfassung: die Krankenpflege als Bei- 
spiel, in dem alle Methoden des Abschnitts, 
auch das obsequium, wiederkehren (315-336) 



von Geschenken die Rede ist, dem Schüler unnötige Ausgaben ersparen sollen (vgl. JANKA [1997] 
235 f.) dürfen die Damen, die das Buch ebenfalls lesen, nicht merken. Unter anderem aus diesem 
Grunde verwischt Ovid ferner die Abschnittsgrenzen und erweckt durch fließende Übergänge den 
Eindruck einer assoziativen Reihung (z. B. 107 f ; 197 f.). Auch die Lehren zum obsequium _ sind 
so in den Kontext eingebunden: Der Umgang mit Sklaven (251-260) ist ermedngend wie die Skla- 
vendienste die der obsequens für sein Mädchen leisten muß; und indulgentia (145-176) ist eme 
Vorstufe des obsequium. - Deswegen wird der Abschnitt 145-176 oft schon zumo^ ge- 
rechnet (z B WELLMANN-BRETZIGHEIMERI1981] 12 Anm. 22, RAMBAUX [1986] 54). Man- 
che Autoren trennen ein Stück „militia amoris" ab (223 bzw. 233-250) oder einen besonderen 
Abschnitt über Gedichte (273-286). RAMBAUXs Grobgliederung (145-250: „Cote negatif Ld. h 
Verbote]' 251-336: „Cöte positif [d. h. Befehle]) wird dem Inhalt der Lehren mcht gerecht und 
beruht auf unzutreffenden Kriterien;. schließlich finden sich in beiden Passagen sowohl Verbote 
als auch Befehle. Gewollt erscheint die Einteilung von WEISERT (1970) 3 in: „1. Charakter des 
Mannes (107-250), 2. Geschenke (251-286), 3. Dienende Liebe (287-336)«. Es ist mcht ersicht- 
lich inwiefern das obsequium im ersten Abschnitt sich von der „dienenden Liebe im dritten Ab- 
schnitt unterscheidet. - JANKA (1997) 143 faßt die Verse 145-336 unter der Ub^schrift jm*d- 
gentia als Erfolgs rezept" zusammen und gliedert in einen „allgemeinen Teil (145-196) und einen 
besonderen Teil" (197-336), der durch Ringkomposition in sich geschlossen sei, da am Aniang 
(197-222) und Ende (315-336) das servitium amoris gelehrt werde. Indes wird auch dazwischen 
gelehrt, was dem 'elegischen' servitium entspricht, und nicht indulgentia, sondern obsequium is 
der ,Schlüsselbegriff < (JANKA 144) des zweiten Kapitels der Liebeslehre, denn der Schuler soll 
nicht nur nachgeben, sondern auch aktiv dienen. Ferner sind die Lehren zum obsequium dadurch 
als eigener Abschnitt gekennzeichnet und von den Vorschriften zu indulgentia abgegrenzt daß 
am Anfang (Milanion), in der Mitte (Hercules) und am Ende (Apollo) berühmte Beispiele elegi- 
scher' Liebesknechtschaft stehen (S. 215). Und das Gleichnis vom Durchschwimmen eines Flus- 
ses in der Einleitung des Abschnitts (181 f.: obsequio tranantur aquae) erinnert an das 
abschließende Leander-Exempel (250): tranabas, animum nosset ut üla tuum). 



5.1 Unzureichende Mittel des Liebeswerbens (Ars 2,99-176) 



5.1 Unzureichende Mittel des Liebeswerbens (Ars 2,99-176) 

Erfolgversprechende Werbung um die dauernde Gunst der Dame und eine den Idealen 
der römischen Liebeselegie verpflichtete Erotik sind ohne das mühsame, erniedrigende 
obsequium undenkbar. Der Schüler dürfte jedoch nicht ohne weiteres bereit sein, diese 
Last auf sich zu nehmen. Ovid muß ihn also dazu motivieren. Daß eine schwere Auf- 
gabe bevorsteht und alle Anweisungen genau befolgt werden müssen, hat er dem 
jungen Manne bereits nahegebracht. Nun muß der Liebeslehrer dem Irrtum vorbeugen, 
es gebe irgendwelche Wundermittel, mit denen man dasselbe Ziel bequemer erreichen 
könnte. 2 Denn der Schüler wird sich dem obsequium amoris nur unterziehen, wenn er 
kerne andere Möglichkeit sieht, die Geliebte zu halten. 



5.1.1 Zauberei (Ars 2,99-107) 

Ein durchaus naheliegendes Mittel, eine Frau ohne Mühe an sich zu binden, war für 
einen Zeitgenossen Ovids die Zauberei. Daß diese tatsächlich eifrig praktiziert wurde, 
belegen Zauberpapyri und literarische Darstellungen, die ihren Gegenstand zwar ver- 
fremden, aber doch einen realen Hintergrund voraussetzen. 3 In der Liebeselegie ist 
Zauberei allgegenwärtig. 4 Immer wieder betont der Liebende, daß sie in seinem Falle 
nicht wirkt, und unterstreicht auf diese Weise, wie überwältigend die Gefühle sind, die 
seine Herrin in ihm weckt (vgl. 3.1.2). Der 'elegisch' Liebende glaubt also an die 
Macht der Magie; denn wenn Zauberei ohnehin keine Wirkung hätte, dann wäre es 
auch nicht wundersam, daß sie bei ihm nichts auszurichten vermag. 5 Da aber der junge 



Vgl RAMBAUX (1986) 155: „... on passe du secour inutile - Ia magie - ä celui qui est insuffisant 
- la beaute - et ä celui qui est le plus efficace: la 'dexiera indulgentia '"; BALDO ( 1 993) 28 1 . 
Besonders umfassend behandelt die Zauberei TUPET (1976). Zauberpapyri hat G. LUCK zusam- 
mengetragen (Magie und andere Geheimlehren in der Antike, Stuttgart 1990). Unter den von 
LUCK vorgestellten Quellen finden sich auch Liebeszauber (PGM IV 295 ff. - LUCK S. 111-115; 
PGM IV 1495 ff. = S. 120 f.; PGM IV 2944 ff. und 1871 ff. = S. 129-31). Der betreffende Pa- 
pyrus stammt zwar aus dem 4. Jh. n. Chr., jedoch meint LUCK, daß er älteres Material enthält. - 
Bekannte literarische Darstellungen der Zauberei sind Theoc. Id. 2, imitiert von Vergil in Ecl. 8 
(möglicherweise auch von Ovid in Am. 1,6), sowie Hör. S. 1,8, Epod. 5 und Epod. 17. Übersich- 
ten geben TUPET (1976), LUCK (1962) und S. ElTREM, La magie comme motif litteraire chez lcs 
Grecs et les Romains, SO 21 (1941) 39-83. Vgl. ferner BRUNS (1901) und FAUTH (1980). 
Tibull: 1,2,43-66; 1,5,11-16, 41 f., 59 f.; 1,8,5 f., 17-24; (1,9,35 f.); 2,4,55-60; Properz: 1,1,19- 
24; 1,5,3-6; 1,12-9 f.; 1,18,9; 2,1,51-56; 2,4,7 f., 15 f.; 2,28,35-38; 3,3,49 f.; 3,6,25-30; 3,11,9- 
12; 3,24,10; 4,4,51 f.; 4,5,9-18; 4,7,35-38, 72; Ovid Amores: 1,8,5-18; 1,14,39-42; 2,1,21-28; 
3,7,27-36, 79 f. - Vgl. auch SHARROCK (1994) 57 ff. sowie DAY (1938) 96 ff. DAY glaubt, die 
römischen Elegiker hätten das Motiv aus der neuen Komödie übernommen, räumt aber ein: „ . . . it 
may be thought unnecessary to find a source for a practice common enough in cvcry age" (96). 
Vgl. LUCK (1962) 39, SHARROCK (1994) 56, JANKA (1997) 107 f. sowie FAUTH (1980) 269 ff. 
FAUTH meint allerdings, daß „das Gespür dafür durchdringt, daß ideale Licbeserfullung und ma- 
gischer Hokuspokus einander ausschließen ...". Zauberpraktiken seien „gewissermaßen ... Meta- 
phern für das irrationale Moment der erotischen Überwältigung", ohne daß der Dichter an deren 
Wirksamkeit glaube. - Zweifel an der Zauberei äußert der 'elegisch' Liebende aber nur, wenn er 
erkennt, daß sie bei ihm selbst nicht wirkt (Prop. 1,1,19 ff.:fallacia; Tib. 1,2,61 ff.). Vgl. a. 



188 



Das dritte Kapitel der Liebeslehre 



Liebeskünstler, anders als der * elegisch* Liebende, von keinem überwältigenden Affekt 
ergriffen ist, bestünde kein Grund, weswegen in seinem Falle ein Zauberspruch oder 
-trank nicht helfen sollte, nimmt man erst einmal an, daß solche Dinge normalerweise 
zum gewünschten Erfolg fuhren. Deswegen muß Ovid in Betracht ziehen, daß sein 
Schüler sich der Zauberei zu bedienen gedenkt, und diese Möglichkeit ausschließen: 

Der junge Mann täuscht sich, wenn er glaubt, es gebe ein einfaches Wundermittel (Ars 
2,99 ff.). Hippomanes, Zauberkräuter und magische Gesänge können keine Liebe her- 
vorrufen. Sonst hätte das Medea bei Iason und Circe bei Ulixes gelingen müssen 
(103 f.). Es gibt keinen Spruch, mit dem man Liebe am Leben erhalten kann; Zauber- 
gesänge sind ganz und gar wirkungslos. Doch anders verhält es sich mit Liebestränken 
(philtra). Sie haben die Kraft, Wahnsinn zu erregen (Ars 2,105 f.): 7 

nee data profuerint pattentia philtra puellis; 

philtra nocent animis vimque furoris habent. 

Auch Plutarch glaubt an die Wirksamkeit fax philtra und verbietet in den Fajutfcä utap- 
ayyEÄfiara der jungen Braut Eurydike, von ihnen Gebrauch zu machen (Mor. 139a): 



BRUNS (1901) 342, der zu Recht vor der Annahme warnt, gebildete Männer hätten solchen Prak- 
tiken vollkommen gleichgültig gegenübergestanden. 

Genau umgekehrt sieht SCHLUETER (1975) 15 ff. in der/Tatsache, daß Ovid die Zauberei verbie- 
tet, einen Beleg für die Fiktionalität der Liebeslehre. Die Ars sei kein praktisches Handbuch, das 
sich an der realen Lebenspraxis orientiere, zu der auch die Zauberei gehört habe, sondern Ovid 
interessiere sich nur für „literary and artistic values" (19). - Bei der Belehrung der Damen muß 
Ovid magische Praktiken übrigens nicht mehr erörtern, da er sie bereits in den Medicamina faciei 
femineae, deren Lektüre er ausdrücklich anordnet (Ars 3,205-208), verboten hat. Die Damen 
sollen sich eifrig um die Pflege und den Schmuck ihres Körpers bemühen, denn so könne man die 
Liebe der Männer eher erwecken als mit Zaubertränken (Med. 35-42). Zu Wortlaut und Sinn 
dieser Stelle vgl. zuletzt L. RlVERO GARCIA, On a Passage of Ovid (Med. 37-36), Mnemosyne 48 
(1995)285-291. '** 

SHARROCK (1994), die übrigen;? den Abschnitt poetologisch als Anspielung auf die Zaubermacht 
der Dichtung (carmen) interpretiert (S. 61 ff.), meint (S. 75), daß der Vers 105 zweideutig sei, da 
mm puellis sowohl auf data als auch auf profuerint beziehen könne. Da dann aber in einem Vers 
drei Wörter (data pallentia philtra) einem einzelnen Wort (puellis) gegenüberstünden, muß man 
data auf puellis beziehen. - Das Rezept für einen solchen Trank, gestaltet von dem Dichter 
Laevius (frg. 27 MOREL), hat uns Apuleius in ter Apologie (30) erhalten: Philtra omnia undique 
eruunt: / antipathes illud quaeritur, / trochisci, iunges, taeniae, / radiculae, herbae, surculi, / 
saurae inlices bicodulae, hin- / nientium dulcedines. - Zu Text, Ausrüstung und Ingredienzien 
vgl. TUPET (1976) 212-219, 58 f. 

Vor allem das Beispiel der Circe veranlaßt zu der Frage, ob Ovid und Plutarch eine gemeinsame 
Quelle benutzt haben. Dies scheint zwar nicht zwingend, denn bei der Diskussion magischer 
Praktiken liegt es nahe, eine so bekannte Zauberin zu erwähnen (vgl. OTTO [1890] Nr. 84). 
Außerdem sagt Plutarch selbst (Mor. 138c), daß er nur vortragen werde, was den Empfängern 
aus allerlei gebildeten Gesprächen bereits vertraut sei; demnach dürfte es sich um eine Sammlung 
praktischer Lebensweisheiten handeln, mögen diese auch teilweise aus philosophischen Schriften 
zusammengetragen sein. (L. GOESSLER, Plutarchs Gedanken über die Ehe, Diss. Basel 1962, 
nimmt an, daß Plutarch keine bestimmte Quelle benutzte, meint aber, er habe sich durch stoische 
Pflichtenlehren [60 f.] und die Neue Komödie [67] anregen lassen; ähnlich äußert sich C. PAT- 
TERSON, Plutarch's * Advice on Marriage': Traditional Wisdom through a Philosophie Lens, 



5 . 1 UNZUREICHENDE MITTEL DES LlEBESWERBENS (ARS 2,99- 1 76) 1 89 

tj öiä rcöv (papfxaKOJv dtjpa ra%v piv aipet Kai Xa/xßdvei paÖicog töv l%^uv, aßpco- 
rov öe jcoid Kai (pavXov oirccoq ai <piXrpa rtvä Kai yonrdaq exiTEXVcbpevai toTq 
dvSpäai Kai x^povftevai dt' rjöovijq a&tovq ifijtXtjfctoiq Kai öte<pdapfievot<z ov(X- 
ßiovaiv. ovSe yäp rrjv KipKnv covrjoav ol Kara<pap(xaKevdevC£x;, ovÖ' exprjoato 
jtpdq ovöev autotq vai Kai Övotq yevo^tevoiq, röv Ö* "OÖvaaca vovv exovta Kai 
avvövta (ppovipwq vxepnyajtfjaev. 

Offenbar dachten selbst gebildete Leute, daß philtra demjenigen, der sie einnimmt, den 
Verstand rauben und ihn in ein lüsternes Tier verwandeln. Der Schüler hätte mit ihnen 
also durchaus sein Mädchen gefugig machen können. 9 Daher ist es bemerkenswert, 
daß Ovid ihm trotzdem verbietet, solche Tränke zu verabreichen. Und während Plu- 
tarch sein Verbot ausführlich begründet und erklärt, die Frau hätte von ihrem Liebes- 
zauber selbst keinen Nutzen, behauptet Ovid zwar ebenfalls, daß philtra nicht helfen, 
erklärt aber nicht, warum das so ist. Denn er lehnt Liebestränke nicht aus praktischen 



ANRW II 33,6 11992] 4709-4723.) - Dennoch gibt es zwei weitere Gründe, weswegen sowohl 
Ovids als auch Plutarchs Vorschriften zumindest indirekt auf eine stoische Pflichtenlehre zurück- 
gehen könnten: Erstens interpretiert Horaz den Mythos von Circe in der stoisch gefärbten Epistel 
1,2 ähnlich wie Plutarch und Ovid (vgl. a. Rem. 265 f.). Circe weckt mit ihren Zaubern nur un- 
vernünftige, triebhafte Raserei; auf den vernunftbeherrschten Ulixes hat sie damit keinen Einfluß 
(Hör. Ep. 1,2,23-26): Sirenum voces et Circae pocula nosti; / quae si cum soeiis stultus cupi- 
dusque bibisset, / sub domina meretrice fitisset turpis et exeors, / vixisset canis immundus vel 
amica luto sus. Die Epen des Homer waren ein beliebter Gegenstand stoischer Mythenallegorese, 
und um die Zeitenwende verfaßte ein gewisser Herakleitos eine solche Schrift (REINHARD, RE 8 
[1913] 508 f. s. v. Herakleitos Nr. 12). Vielleicht ist dieser Herakleitos identisch mit dem gleich- 
namigen Mythographen, der die Circe als besonders verführerische Hetäre auffaßt {Flepi 
äxfaxcov frg. 16 FESTA; GOSSEN, RE 8 [1913] 510 f. s. v. Nr. 15). Horaz selbst deutet an, daß 
er eine philosophische Quelle benutzt (Hör. Ep. 1,2,3 f.): qui quid sit pulchrum, quid turpe, quid 
utile,, quid non, / planius ac melius Chrysippo et Crantore dicit. Zwar war nur Chrysipp ein 
Stoiker, Krantor aber ein Vertreter der Alten Akademie, doch ist die Terminologie stoisch. Und 
gerade die Begriffe pulchrum (= decorum), turpe und utile würde man in einer Pflichtcnlehre 
erwarten. - Zweitens erinnert der Vers Ars 2,107 (ut ameris, amabilis esto) an ein Sprichwort 
(OTTO [1890] Nr. 75), das zum ersten Mal bei dem Stoiker Hekaton belegt ist, und zwar eben- 
falls in Verbindung mit dem Motiv des Liebestrankes (frg. 27 FOWLER, 14 GOMOLL). Senecas 
Übersetzung lautet (Ep. 9,6): ego tibi monstrabo amatorium sine medicamento, sine herba, sine 
ullius venefleae carmine: si vis amari, ama. Hekaton hat eine Pflichtenlehre geschrieben, und 
diesem Traktat flepi KadtJKovroq rechnet GOMOLL das hier zitierte Fragment zu (H. GOMOLL, 
Der stoische Philosoph Hekaton. Seine Begriffswelt und Nachwirkung unter Beigabc seiner 
Fragmente, Diss. Bonn 1933, 71). 

Vgl. z. B. die bei Plutarch (Luc. 43,2) überlieferte Nachricht des Cornelius Nepos, Lucullus sei 
von einem Liebestrank, den ihm sein freigelassener Lustknabe verabreicht habe, so wahnsinnig 
geworden, daß er entmündigt werden mußte. Der Naturwissenschaftler (!) Aelian erläutert die in 
Ars 2,100 angeführte Variante des Hippomanes, bei der es sich wahrscheinlich um einen Blut- 
oder Gewebeklumpen aus der Fruchtblase handelte, wie folgt (NA 14,18): öoxte. b' &v Kaxd xiva 
ejttßovXrjv ävtjp iKEtvov yevarjxat rov aapKtov, Upoaxt Kai udXa ye äicpatcT auväxetat Kai &k- 
(pptiyEXai Kai ßoq,, Kai äKaxaaxixooq öppq. Kai exi xatdiKa aYaxioxa Kai &xi yvvatKa a<pr\XiKa 
Kai äxpöacoxov, Kai papxvpexat xfjv vöaov, Kai ro/"c e'vxuxovaiv oxcog i^otoxpatat Xiyti, Kai 
Xetßexat ptv xo acöpa Kai (pdtvei, iXavvexai Se xi}v tpuxr}v BpcoxtKfj pavia. Auch Juvenal hegt 
keinen Zweifel, daß Frauen ihre Gatten mit solchen Tränken in den Wahnsinn treiben können 
(Juv. 6,6 10-14): hie magicos adfert cantus, hie Thessala vendit /philtra, quibus valeat <sc. mu- 
lier> mentem vexare mariii / et solea pulsare nates: quod desipis, inde est, / indeanimi caligo 
et magna oblivio rerum, / quas modo gessisti. 



3L 



190 



Das dritte Kapitel der Liebeslehre 



Gründen ab, sondern aus moralischen. Er fragt nicht, ob sie dem Schüler 
nutzen, sondern prüft, ob sie sittlich vertretbar sind. Und das ist seiner Meinung nach 
nicht der Fall: Zauberei ist ein Frevel und widerspricht der erotischen Ethik, 10 Ein auf 
solche Mittel gegründetes Verhältnis darf sich nicht 'Liebe' nennen. Wer geliebt wer- 
den will, muß sich diese Liebe verdienen (Ars 2, 107). 

Daß Ovid die Zauberei aus ethischen Gründen ablehnt, ist etwas Neues, Der Liebes- 
lehrer war zwar auch bisher stets darauf bedacht, seine Vorschriften zu rechtfertigen; 
die Auswahl der Methoden geschah aber im ersten Buch allein nach praktischen Ge- 
sichtspunkten. 11 Was nutzte, wurde empfohlen. Ovid riet, die Dame mit Gewalt (v i s) 
zu nehmen, und begüßte ihre tierische Leidenschaft, ihre furiosa libido. Der Schüler, 
hieß es, brauche sich nicht zu scheuen, jeder beliebigen Frau einen Antrag zu machen, 
weil der weibliche Geschlechtstrieb viel stärker sei als der des Mannes (Ars 1,342): 

acrior est nostra phisque fnroris habet. 
Nun aber, da mit den ersten Erfolgen eine gute Grundlage geschaffen ist, kann Ovid 
den jungen Mann allmählich mit dem erotischen Ehrenkodex vertraut machen. Eine 
Frau wie Pasiphae mag zwar leicht zu erobern sein, doch ein echter Liebeskünstler 
wird nicht wünschen, sie als Freundin zu behalten, 

5.1.2 Schönheit und 'innere' Werte (Ars 2,108-120) 

Wer geliebt werden will, muß liebenswert sein. Aber was kann einen Menschen so be- 
zaubern wie ein Liebestrank? Der 'elegisch' Liebende würde antworten: „Schönheit!". 
Durch sie übertrifft seine Herrin jeden Zauber und hat ihn, ihren Sklaven, fest in der 
Gewalt. 13 Doch auf Schönheit soll sich der Liebeskünstler ebenfalls nicht verlassen, 
und das nicht etwa, weil sie bei der Werbung nichts nutzt. Sie stellt für die Damen 
durchaus einen Anreiz dar: Der zarthäutige Marathus trägt den Lohn für Pholoes Gunst 
in sich selbst, 14 und der junge, hübsche Verehrer kann sich gegenüber seiner Geliebten 



n 

12 



Wahrscheinlich wählt Ovid deshalb in Vers 100 (datque quod a teneri fronte revellit equi) von 
den drei Formen des Hippomanes (vgl SHARROCK [1994] 73) gerade diejenige aus, die besonders 
grausam erscheinen mochte, hatte sie doch den Tod des zarten Fohlens zur Folge. Man beachte 
auch den Gegensatz von lebendiger Liebe (101: ut vivat amor) und todesbleich machenden 
Tränken (paüentia philtra). - Abzulehnen ist jANKAs These (1997) 107 f., Ovid tadele Zauberei 
als „Ausfluß von rusticitas". Anders als z. B. Ars 1,672 ist hier von bäurischem, unkultivierten 
Verhalten überhaupt nicht die Rede. 

Vgl. z. B. die Regeln zur Verführung der cmcilla (Ars 1,375 ff.). 

Vgl. zu dem Anklang an Ars 2,106 sowie zum Motiv der Gewalt SHARROCK (1994) 77. SHAR- 
ROCK behauptet, daßfiiror generell ein Merkmal der Liebe sei. Dies gilt jedoch nicht für die Art 
von Liebe, die Ovid in der Ars lehrt. Vgl. dagegen schon JANKA (1997) 1 14. 
Vgl. Tib. 1,5,41 ff. - Beeinflußt wurden die Stücke Ov. Ars 2,99 ff. und Med. 35 ff vor allem 
von Tib. 1,8,17-24. Dort erklärt Tibull (v. 24): forma nihil magicis utitur auxiliis. 
Tib. 1,8,29 ff, bes. 3 1 f.: carior est auro iuvenis, cui levia fulgent / ora nee amplexus aspera 
barbaterit. Leider ist Pholoe dieser Lohn zu gering. - Vgl. a. Plinius' Beschreibung des Minicius 



5. 1 Unzureichende Mittel des Liebeswerbens (Ars 2,99-176) 



191 



viel größere Freiheiten herausnehmen als ein älterer Herr (Ars 3,555-576); ja, Ovid 
muß sogar vor professionellen Verführern warnen, deren Schönheit die Damen teuer 
zu stehen kommt (Ars 3,433-452). Durch ein gefälliges Äußeres kann man also die 
Liebe einer Frau gewinnen. Es gibt keinen praktischen Grund, es nicht einzusetzen. 

Doch es widerspräche dem Ehrenkodex 'elegischer' Liebe, auf so einfache Weise sein 
Ziel zu erreichen. Daher versucht der Liebeslehrer, dem Schüler ein allzu großes Ver- 
trauen in seine körperlichen Reize auszureden. 15 Ovids Argumente sind sachlich wenig 
überzeugend: Schönheit sei vergänglich, denn sie verzehre sich mit der Zeit gleichsam 
selbst (Ars 2,113 f.); an dieses brüchige Gut müsse ein kultivierter Geist, eine feste 
Stütze bis zum Grab, angebaut werden (119 f.). - Es mag ja sein, daß der Körper im 
Alter seine Anziehungskraft verliert; doch der höchstens zwanzigjährige Schüler ist da- 
von noch weit entfernt. Zu Recht bemerkt SHARROCK: „The rhetoric is highly con- 
ventional." Ebenso konventionell, aber didaktisch sehr wirksam, sind die Bilder und 
Exempel, mit denen Ovid seine Argumente unterstreicht: 16 

Selbst wenn der Schüler schöner sein sollte als der von Homer geliebte Nireus oder der 
zarte Hylas, den die Quellnymphen raubten (109 f.), wird er doch dahinwelken wie 
Veilchen, Lilien und Rosen (Ars 2,115-118): 

nee violae semper nee hiantia liliaflorent, 
et riget amissa spina relicta rosa: 



Acilianus, den er als Bräutigam vorschlägt (Plin. Ep. 1,14,8): est Uli fades Überaus, multo 
sanguine multo rubore suffusa, est ingenua totius corporis pidchriiudo et quidam senatorius 
decör. quae ego nequaquam arbitror neglegenda; debet enim hoc castitati pttellarum quasi 
praemium dari. 

Vgl. schon Ars 1,707: nimia ... ßducia formae. Wie JANKA (1997) 1 16 bemerkt, bestreitet Ovid 
den Nutzen von Schönheit nicht völlig: Liebenswert wird man nicht allein durch sie 
(2,108), und der Schüler soll sich nur mit Vorsicht auf dieses Gut verlassen (2, 143). 
Die hier vorgetragene Interpretation stützt sich auf die Beobachtungen von SHARROCK (1994) 
32 ff. (zitiert wurde S. 47). SHARROCK weist anhand zahlreicher Belege nach, daß Ovid seinem 
Schüler Züge eines Lustknaben verleiht. Vgl. a. BALDO (1993) 284: „La citazione di amori omo- 
sessuali vale probabilmente qui come allusione ironica alla dubbia viriltta della beltezza maschi- 
le." - Nicht überzeugend ist allerdings SHARROCKs These (bes. 30-32), der Liebesichrer stilisiere 
sich selbst zum Päderasten nach dem Modell der klassischen griechischen Knabenliebe, wobei er 
als der Ältere die Rolle des Erziehers übernehme. Die Päderastie hat man in Rom nicht in diesem 
Sinne verstanden. Für den passiven Partner war ein solches Verhältnis eine Schande, weswegen 
„der Vorwurf homosexueller Beziehungen in der politischen und forensischen Polemik sehr be- 
liebt" war (K. HOHEISEL, RAC 16 [1994] 3 17 s. v. Homosexualität); einem freien jungen Manne 
Gewalt anzutun oder einen Schutzbefohlenen, etwa seinen Schüler, zu verführen, war strafbar 
(HOHEISEL a.a.O. 312-314, MEITE-DlTTMANN [1991] 40 f.). - Den Thesen von BALDO und 
SHARROCK widerspricht JANKA (1997) 115 f., der seinerseits eine „ironische Anspielung auf 
Männlichkeitsdefizite von Schönlingen" vermutet. Ferner stelle sich der Liebeslehrer hier in so- 
kratisch-platonische Tradition, wie die Parallelen in PI. Ale. 1,131c belegten. Dies scheint wenig 
wahrscheinlich. Unzutreffend ist auch JANKAs Folgerung, der Liebeskünstler werde zum „ge- 
schulten ipaartfg stilisiert"; es verblüht - auch bei Plato - die Schönheit des geliebten Knaben 
(ipcöfievog), nicht die seines Liebhabers. 



L 



192 Das dritte Kapitel der Liebeslehre 

et tibi iam venient cani, formose, capilli, 
iam venient rugae, quae tibi corpus arent. 

So spricht man zu Frauen - oder zu Lustknaben. Und in der Tat redet Ovid den jungen 
Liebeskünstler wie einen solchen Knaben mit dem Wort formose an. Hylas' Freund- 
schaft zu Hercules wurde in hellenistischer Zeit zu einem Liebesverhältnis umgedeutet, 
wie es Properz (1,20) beschreibt. Den Nireus bezeichnet Ovid ausdrücklich als Lieb- 
ling Homers. 17 Mit welkenden Blumen verglich man für gewöhnlich nicht erwachsene 
Männer, sondern Frauen oder pueri delicati}* Auch graue Haare und Runzeln sind vor 
allem ein Problem der Damen, weswegen Ovid ihnen in den Medicamina faciei femi- 
neae rät, ihre körperliche Vorzüge durch einen angenehmen Charakter zu ergänzen. 
Durch die Wahl der Beispiele erweckt der Liebeslehrer also den Eindruck, daß es un- 
männlich wäre, sich auf seine Schönheit zu verlassen. Das sollen die Mädchen tun 
oder (Ars 1,524)... 

... siquis male vir quaerit habere virum. 
Ein echter Mann, zumal wenn er - wie der Schüler - wegen seiner Jugend noch als 
Liebling von Männern in Frage kommt, wird solch ein anrüchiges Gut geringschätzen 
und statt dessen auf virilere Tugenden vertrauen. 



17 Vielleicht stützt er sich dabei auf eine hellenistische Erfindung, die von dem Wortlaut der Bas (II. 
2,671-5) ihren Ausgang nahm. Homer betont die Schwäche des Nireus, des Kindes von „strahlen- 
der Schönheit" (Aglaia) und „glänzendem Blick" (Charopos); emphatisch nennt er dreimal seinen 
Namen. Horaz (Carm. 3,20,15 f.) stellt Nireus neben Ganymed, den Prototyp aller Lustknaben 
(TARÄN [1979] 7-51). 

18 Ars 3,67 f. werden die Frauen mit Veilchen und Rosen verglichen: hos ego, qui canent, fru- 
tices violaria vidi; / hac mihi de Spina grata Corona data est. 

19 Med. 43-50: prima sit in vobis morum tutela, puellae; / ingenio facies conciliante placet. / cer- 
tus amor mortim est;]formam populabitur aetas, / et placitus rugis vultus aratus erit; 
/tempus erit, quo vos speculum yidisse pigebit / et veniet rugis altera causa dolor. / sußcit et 
longum probitas perdurat in aevum, 7 perque suos annos hinc bene pendet amor. - HELDMANN 
(1981) will diese Verse einem mittelalterlichen Moralisten zuschreiben, mit der Begründung, 
Ovid lobe sowohl in den Medicamina als auch in der Ars eine aufwendige Toilette und wende 
sich gegen das 'elegische' Ideal natürlicher, sittsamer Schönheit. Doch wird die Interpretation des 
dritten Buches ergeben, daß Ovid von den Damen in der Ars ebenfalls einen gepflegten und an- 
sprechenden Charakter verlangt. Damit meint er zwar nicht Treue und Schamhaftigkeit, aber die- 
se fordert er auch in der zitierten Passage aus den Medicamina nicht. Probitas ist etwas anderes 
als pudicitia. - Zum Thema 'Runzeln und graue Haare der Frau' vgl. z. B. noch Ars 3,73-76 und 
Prop. 3,25,1 1-14. - Wie der Altersverfall ist auch das an Frauen gerichtete Gebot, man- 
gelnde Schönheit durch 'innere* Werte auszugleichen, ein beliebter Topos; vgl. dazu die Belege, 
die LÜCKE (1982) 292 f. (zu Rem. 713), BALDO (1993) 284 und JANKA (1997) 119 gesammelt 
haben, sowie Trist. 3,7,31 ff., wo Ovid der Dichterin Perilla rät, weiter ihre Kunst zu pflegen, da 
Schönheit schnell vergehe. 

20 Nach den literarischen Belegen zu urteilen, bedienten sich auch des Liebeszaubers weniger die 
Männer, sondern vor allem die Frauen (zu möglichen Gründen vgl. Plut. Mor. 145c/d). Nur der 
'elegisch' Liebende greift zu diesen Mitteln, was entsprechend unmännlich gewirkt haben dürfte. 
In diesem Zusammenhang fällt auf, daß Ovid seine Lehren so formuliert, als ob der Mann selbst 
das Hippomanes beschafft (Ars 2,100: datque, quod ... revellit), also eine Arbeit verrichtet, die 



5. l Unzureichende Mittel des Liebeswerbens (Ars 2,99-176) 



193 



5.1.3 Redegabe - Ulixes und Calypso (Ars 2,121-144) 

Ovid fordert von dem angehenden Liebeskünstler eine gute Allgemeinbildung (Ars 
2,121 f.). Der wenig attraktive, aber eloquente Ulixes konnte die Herzen gleich zweier 
Göttinnen gewinnen (123 f.), was das Beispiel der Calypso belegt (125-144). In der 
Odyssee erzählt Homer, wie Kalypso den Odysseus auf ihrer Insel festhielt Endlich 
erbarmte sich Zeus des Helden und befahl der Kalypso, ihn gehen zu lassen. Sie ge- 
horchte, erlaubte Odysseus die Abreise und half ihm beim Bau eines Floßes. An dieser 
Stelle setzt Ovids Erzählung ein: Es schmerzt Calypso sehr, daß Ulixes sie verlassen 
will; daher behauptet sie, das Wetter sei für eine Seereise ungünstig, 21 und fragt den 
Geliebten immer wieder nach seinen Erlebnissen im trojanischen Krieg (125-128). 
Auch als Ulixes' Floß schon so gut wie fertig ist, 22 bittet ihn die Göttin, von Rhesus zu 
erzählen. Der Heros ist ihr zu Willen und zeichnet dabei einen Lageplan in den Sand 
(129-138). Plötzlich spült eine Welle Troja und Rhesus mitsamt Lager fort (139 f.). 
Das nimmt Calypso zum Anlaß, erneut auf die Gefahren der trügerischen See hinzu- 
weisen (Ars 2, 141 f.): 

tum dea „quas" inquit „fldas tibi credis ituro, 
perdiderint undae nomina quania, vides. " 

Deswegen, faßt Ovid die Lehre des Exempels zusammen, sollte man nur mit Vorsicht 
auf das trügerische Gut Schönheit bauen und mehr besitzen, als einen anziehenden 
Körper(Ars2,143f): 

ergo age,fallaci ümide confide figurae, 
i quisquis es, aut aliquid corpore pluris habe. 

Wie FRÄNKEL gezeigt hat, kann man den Schluß der Erzählung als Metapher für den 
Verlust körperlicher Reize lesen. Die Schönheit des Schülers schwindet wie die Skizze 



für gewöhnlich der Hexe oblag. Da der Liebeszauber eine Domäne der Frauen war, lag es auch 
nahe, diese - und nicht Männer - davon zu überzeugen, daß moralische Qualitäten größere Wir- 
kung entfalten, wie es Ovid in den Medicamina (35 ff.) ebenfalls tut. Vgl. ferner Men. frg. 646 
KOCK, 571 KÖRTE ßv bot' äAtj&eg <piXrpov, eöyveopcov rpöjtog' / rovtcp KaraKpareTv ävSpdg 
eiw&ev yuvtj) sowie Plut. Mor. 141b/c. 

Ein ähnliches Argument bringt Kalypso in der Odyssee vor. Wenn Odysseus wüßte, was er unter- 
wegs wird durchleiden müssen, würde er bei ihr bleiben (Od. 5,206-208): el fiäv elSefyg afjai 
(ppeoiv, öaaa rot aloa / KtjSe' dvaxXtfaai, Jtptv xaxptöa yatav iKeadat, / dv&döe k' au0i ftcvcov 
avv ißol rööe öcöpa (pvXäoooiQ. Der Heros läßt sich jedoch nicht abschrecken; selbst daß ein 
Gott auf See sein Floß versenkt, will er in Kauf nehmen (Od. 5,221 f.). 

Vgl. SHARROCK (1987) 408-410, die zeigt, wie genau Ovid seine Erzählung in den von Homer 
vorgegebenen Rahmen einpaßt. Binnen vier Tagen (Hom. Od. 5,262) baut Odysseus das Floß 
(Od. 5,228 ff.). Zuletzt flicht er eine Bordwand aus Weidenruten (256 f.: <ppä& 66 jxiv ßfaeooi 
ötapjrspSg oiavtvfjat). Da bringt ihm Kalypso Stoff für das Segel (257 f.). Abgesehen von der 
Abfahrt selbst (262 ff.) und der Szene, in der Kalypso dem Odysseus mitteilt, daß er heimfahren 
dürfe, ist das die einzige Gelegenheit, bei der die beiden zusammen am Strand stehen. Was Ovid 
ab dem Vers Ars 2,129 (litore constiterant) beschreibt, geschieht also zu diesem Zeitpunkt. Da 
Ulixes soeben noch mit Weidenruten gearbeitet hat, hält er „zufällig" eine solche virga in der 
Hand (Ars 2,13 1). - Skeptisch gegenüber dieser Deutung äußert sich JANKA (1997) 13 1, 134. 



1 



194 



DAS DRITTE KAPITEL DER LIEBESLEHRE 



im Sand 23 Und auch im Epimythion wiederholt Ovid die Lehren des letzten Abschnit- 
tes: Bleibende 'innere' Werte sind vergänglicher Schönheit vorzuziehen. 
Doch wollte der Liebeslehrer nur zeigen, daß Eloquenz die Damen mindestens genau- 
so bezaubern kann wie Schönheit, hätte das erste Distichon genügt (Ars 2,123 f.): 

nonformosus erat, sed erat facundus Ulixes, 
et tarnen aequoreas torsit amore deas. 

Jeder wußte, daß Ulixes nicht besonders schön, dafür aber ein großer Redner war und 
daß zwei Göttinnen ihn liebten. 24 Auch die implizite, allerdings nicht zwingende An- 
nahme, Ulixes habe die Göttinnen durch seine Redegabe für sich eingenommen, 
brauchte Ovid nicht ausführlich zu begründen. An anderer Stelle genügt es ihm jeden- 
falls, kurz auf eine Tat oder Eigenschaft eines mythischen Helden hinzuweisen und 
daiui zu behaupten, gerade dadurch habe der Held seine Geliebte erobert. Solch einen 
willkürlicher Schluß aus dem Zusammentreffen zweier Umstände auf eine Kausalität 
zwischen beiden findet man z, B. in den Lehren zur Toilette. Dort behauptet Ovid, daß 
den Mann ein lässiger Habitus ziere, und 'belegt' dies mit dem Exempel des unge- 
pflegten Hippolytus, den Phaedra geliebt habe, wie Ariadne den schlecht frisierten 
Theseus und Venus den Naturburschen Adonis (Ars 1,509-512), obwohl man doch 
ebenso gut hätte annehmen können, daß die Heroen trotz und nicht wegen ihres ru~ 



24 



FRÄNKEL (1945) 203 Anm. 28 - Möglicherweise wollte Ovid mit nomina quanta noch auf eine 
weitere Qualität anspielen, die seinen Schüler auszeichnen könnte: den Adel Denn es ist ein 
Topos der Elegie, daß in der Liebe große Namen nichts bedeuten, z. B. Prop 1,5,23 f.: nee tWi 
nobilitas poterit sucurrere amanti: / nescit Amor priscis cedere *^ Ä ^J^^/f^ 
2 16 11 f 2,24,37 f. + 49; 2;34,55 ff.; Ov. Am. 1,8,65 f.; Ov. Ep. 4,161. - LENZ (1969 199 
sieht in der verwischten Skizze ein „Symbol für die zu Ende gehende Liebe . FRECAUT (1983 
meint, Ovid wolle zeigen, daß es echte Liebe nur zwischen Menschen Uhxes und Penelope , zu 
der Ulixes zurückkenrt), nicht aber zwischen Menschen und Göttern (Ulixes und Calypso) geben 
könne. Denn Götter seien nicht fähig, wirklich zu leiden. Deswegen werde die Trauer der ■Ca ypso 
nur kurz angerissen. Diese Deutung widerspricht nicht nur dem Wortlaut der Ars -(bes. 124: torsit 
amore), sondern auch dem Zweck des Lehrgedichts, in dem das Leidefi der bebenden ja gerade 
verringert werden soll. - MYEROWTTZ (1985) 169 ff. meint, es werde der Gegensatz von Natur 
und Kunst angedeutet: „Calypso, following the traditional male/female orientation m which the 
female represents nature and the male represents culture, questions the permanence and effective- 
ness of what Odysseus the artifex makes« (173). Auch das Wörtern sei ambivalent ; und l be- 
zeichne einerseits künstlich geschaffene Bilder (ars), andererseits die naturgegebene Schonhert 
(natura). Gegen diese Interpretation ist einzuwenden, daß Ulixes als Verfertiger eines primitiven 
Floßes und leichner einer groben Skizze in Ovids Augen nicht unbedingt smart x sem muß 
und daß umgekehrt Schönheit durchaus durch Kunst gesteigert werden kann. Ob die cultissma 
femina der Ars für Ovid die „Natur" repräsentiert, ist ebenfalls mehr als fraglich. 
Vgl. JANKA (1997) 127. Nach Hygin (Fab. 125,16) war Calypso a"^ '/"*< f Uli ™ «&* 
vgl BALDO (1993) 286. - Zu Odysseus als Redner vgl. z. B. STANFORD (1954) 71 f. und 138 nut 
"id selbst hat in ^Metamorphosen den Streit um die Waffen des Achill nachgeh - 
det; vgl. bes. Met. 13,92 (facundus Ulixes); 127, 382 f. (quid facundia passet^ ^*£j££ 
aue viri tulit arma disertus) sowie die Interpretation des Redenpaares von M DlPPEL, Die Dar 
steHung des trojanischen Krieges in Ovids Metamorphosen (XII 1- XIII 622), Frankfurt am Main 
u. a. 1990, 71 ff 



5. 1 Unzureichende Mittel des Liebeswerbens (Ars 2,99-176) 



195 



stikalen Äußeren gefielen. Dennoch fuhrt Ovid das Beispiel von Ulixes breiter aus, 
und man erwartet, daß er uns zeigt, wie der Heros mit seinen Worten die Liebe einer 
der beiden Göttinnen gewinnt 

Indes läßt der Liebeslehrer seine Erzählung zu einem Zeitpunkt beginnen, der denkbar 
ungeeignet ist, einen Eindruck von Ulixes' verbaler Verführungskunst zu vermitteln. 
Da Ulixes sich gerade zur Abreise anschickt, hat er nämlich überhaupt kein Interesse 
mehr daran, die Liebe der Calypso zu gewinnen oder zu bewahren. Er wird sie also 
nicht mehr umwerben. Im Gegenteil! Die Göttin möchte, daß er bei ihr bleibt, 
und versucht, ihn zu halten. Dieser Umstand hat McLAUGHLIN zu folgender Deu- 
tung veranlaßt: Ovid zeige, wie Calypso die Abreise des Geliebten geschickt verzöge- 
re. Dabei mache sie sich Ulixes' Stolz auf seine rhetorische Begabung zunutze. „His 
talent as a wordsmith is also his weakness. So, he is thinking again of going home. Ca- 
lypso knows her man well enough to surmise that yet another appeal to the story-teller 
in him will put out of mind any thought of going off. . . . Imagine this going on year 
after year." 26 Das Exempel wäre demnach eine Mahnung, sich nicht allzuviel auf seine 
Talente einzubilden, da kluge Frauen ihre Liebhaber dadurch' verführen, daß sie deren 
Eitelkeit schmeicheln. 

MCLAUGHLINs Interpretation geht jedoch in zweierlei Hinsicht fehl. Erstens muß man 
nach dem bisher Beobachteten annehmen, daß Ovid seine Erzählung in den von der 
Odyssee vorgegebenen Handlungsrahmen einpaßt. Dieser sieht jedoch nicht vor, daß 
Calypso den Ulixes „Jahr für Jahr" durch schmeichelndes Zuhören fesselt. Weder Ho- 
mer noch Ovid; sagen an irgendeiner Stelle, daß der Heros bei der Göttin bleiben woll- 
te, was der Fall sein müßte, wenn MCLAUGHLINs Interpretation zuträfe. Homer erklärt 
sogar ausdrücklich, Odysseus sei der Kalypso überdrüssig geworden; nur weil er dazu 
gezwungen war, lag er des Nachts bei ihr. 27 Sobald das Eingreifen einer höheren 



Vgl. z. B. noch Ars 1,679 f.: vim passa est Phoebe, vis est allata sorori; / et gratus raptae rap- 
tor aterquefiiit Dieses Distichon soll die Aussage grata est vis ista puellis (673) belegen, und 
Ovid geht davon aus, daß die Zuneigung der Heroinen eine Folge der Gewalt war, die ihnen ange- 
tan wurde. Doch ebenso könnte man den Mythos als Exempel dafür anfuhren, daß Frauen bereit 
sind, Gewalt zu verzeihen, und annehmen, Phoebe und Helaira hätten den Kastor und den Pollux 
geliebt, nicht weil, sondern obwohl sie von diesen Männern vergewaltigt wurden. 
MCLAUGHLIN (1975) 81; vgl. a. SCHLUETER (1975) 38, MYEROWTTZ (1985) 172 f., SCHUBERT 
(1992) 209. Auch SHARROCK (1987) und (1994) 78-83 folgt der Interpretation von McLAUGH- 
LIN, geht jedoch noch weiter: Die Erzählung handele von der Ambivalenz des Verführers; Ca- 
lypso repräsentiere nicht nur di& puella, sondern auch Ovid und sein Werk; gleichzeitig sei sie die 
fallaxßgura, die das Meer wegspüle. Fallaxßgura stehe ferner für Eloquenz, über die auch Ca- 
lypso verfuge. „Secretly, Ovid wams us of the dangers of his subject" (83). i 
Vgl. Hom. Od. 1,13-15: Tdv S' otov, vöoxov icexpnptevov fjöä ywaucöc / vöfnptf störvt' Upvm 
KaXvtpm, Sta dedcov, / iv ojteooi yXa<pvpoiot, XtXaiofievtj xöoiv elvai; Od. 5,151-155 (Wie üb- 
lich sitzt Odysseus weinend am Strand und träumt von der Heimkehr ..,): oöSe jiot' Öooe / 
8a.Kpv6(pw tepoovro, Kareißero öe yXvKÖg atcbv / vöoxov dövpofxävqj, ibtei oÖKert ävöavc 
vvjjupn, I dXX' ij rot vöktclq pev laveaicev Kai dvdvKn / iv ojteooi yXatpvpoioi xap' oök &däXa>v 
i&eXouofj. 



196 



DAS DRITTE KAPITEL DER LIEBESLEHRE 



Macht ihm die Abreise ermöglichte, begann Odysseus mit dem Bau des Floßes, und 
kaum war dieses fertiggestellt, segelte er los. Calypso konnte Ulixes durch ihre interes- 
sierten Fragen also nicht halten. 

Zweitens ist das, was Calypso für ihre Zwecke auszunutzen versucht, nicht Ulixes' 
Freude an der eigenen Sprachbegabung. Vielmehr will sie ihn durch das Thema, 
nach dem sie ihn befragt, von seinem Vorhaben ablenken. Ein Vergleich mit der Do- 
lonie (Hom. IL 10,272-514) zeigt, daß Ulixes sich geschickt in das beste Licht rückt, 
ohne geradeheraus zu lügen (Ars 2,133-138): 

„ haec " inquit „ Troia est " (muros in Iitorefecit), 

„ hie tibi sit Simois; haec mea castra puta. 
campus erat" (campumquefacit), „quem caedeDolonis 

sparsimus, Haemonios dum vigil optat equos. 
illic Sithonii fuerant tentoria Rhesi; 

hac ego sum captis nocte revectus equis. " 

Man könnte meinen, Ulixes läge allein vor Troja: Er zeichnet die Stadt, den Simois 
und sein Lager (134). Er läßt es sich auch nicht nehmen, ein wenig zu übertreiben: 
Die ganze Ebene (!) wurde mit dem Mordblut des Dolon besprengt (135 f.). Da Ulixes 
den Diomedes, seinen Gefährten auf dem nächtlichen Spähgang, nicht erwähnt, scheint 
der Plural sparsimus als Pluralis maiestatis nur den Erzähler zu bezeichnen, obwohl in 
Wirklichkeit Diomedes den Dolon erschlug. Was genau im Lager des Rhesus geschah, 
- Diomedes tötete zwölf Feinde, Ulixes keinen einzigen - verschweigt der Heros. Daß 
er höchstpersönlich die Pferde fortbrachte, unterstreicht er durch ein Prädikat in der 
ersten Person Singular, begleitet von einem emphatischen ego. 

Da Ulixes sich von Calypso trennen möchte, hat er keinen Grund, sie mit seinen 
Heldentaten zu beeindrucken; das Eigenlob dient keinem praktischen Zweck. 29 Man 



SHARROCK (1987) 409 f. glaubt, daß Calypso wenigstens eine Nacht gewonnen habe, da Odys- 
seus das Floß am vierten Tage fertig hatte, aber erst am fünften Tage abreiste. Indes ist es üblich, 
eine längere Reise ausgeruht am Morgen anzutreten. - FRECAUT (1983)>288 f. denkt zwar auch, 
daß man Ulixes' Wunsch abzureisen bei der Interpretation berücksichtigen muß und daß Calypso 
ihn durch ihre Fragen aufzuhalten versucht, meint aber, dies gelinge ihr nicht. 
J. TOLKIEHN, Homer und die römische Poesie, Leipzig 1900, 200, nimmt an, Ulixes wolle vor 
seiner Geliebten eine besonders gute Figur machen. Allerdings ist zu bedenken, daß Ulixes sich 
doch gerade von Calypso trennt. - LABATE (1991) 59 Anm. 36 weist daraufhin, daß in den He- 
roides auch Penelope Ulixes' Anteil an den nächtlichen Taten übertreibt (Ov. Ep. 1,41-43): ausus 
es, - o nimium nimiumque obliie tuorum! - / Thracia nocturno tangere castra dolo / totque 
simul maetare viros, adiutus ab unof Hier ist die Übertreibung einerseits durch die Liebe der 
Gattin, andererseits aber auch dadurch gerechtfertigt, daß Penelope ihren Vorwurf, Ulixes habe 
zuviel gewagt und darüber seine Familie vergessen, unterstreichen möchte. - Einem praktischen 
Zweck dient der ähnlich einseitige Bericht in den Metamorphosen (Met. 13,238 ff.), denn Ulixes 
will mit seiner Rede die Griechen davon überzeugen, daß ihm, und nicht Ajax, die Achills Waffen 
zustehen: Ulixes erwähnt Diomedes zwar, doch nur, um zu betonen, daß dieser ihn selbst und 
nicht etwa den Ajax sich zum Gefährten wählte. Der nächtliche Spähgang wird dann so geschil- 
dert als habe Ulixes alles aHeine vollbracht; vgl. bes. 244 f.: Dolona / interimo; 250: inque suis 
ipsum castris comitesque peremi. Vgl. a. JANKA (1997) 136 ff. zum Eigenlob des Ulixes und zur 



' 5.1 Unzureichende Mittel des Liebeswerbens (Ars 2,99-176) 



197 



muß also annehmen, daß es ihm einfach gefällt, mit seinen Taten ein wenig zu prahlen. 
Der berühmte Pentameter (Ars 2, 128): 

die referre aliter saepe solebat idem, 

in dem manche Kommentatoren einen Hinweis auf Ovids künstlerisches Streben nach 
Variatio derselben Stoffe sehen, muß offenbar anders verstanden werden. 30 Die Beto- 
nung liegt nicht auf aliter, sondern auf idem. Der Heros kennt nur ein Thema: seine 
eigenen Großtaten. Und wie man in den Metamorphosen nachlesen kann, geht es nicht 
nur ihm so; auch die anderen homerischen Helden sprachen gerne über ihre Kriegser- 
lebnisse (Met. 12,159-162): 

sed noctem sermone trahtmt, virtusque loquendi 
materia est: pugnam referunt hostisque suamque, 
inque vices adiia atque exhausta pericula saepe 
commemorar e iuvat 

In dieser menschlichen Schwäche und nicht etwa in Ulixes' Lust am Erzählen sucht 
Calypso - vergeblich - eine Handhabe, um ihn an sich zu binden. 31 

Obwohl Ovid mit seiner Darstellung zu einem Zeitpunkt einsetzt, zu dem Ulixes 
keinen Grund mehr hatte, Calypso eloquent zu umwerben, gibt er uns eine Probe der 
'Erzählkunst' des redegewandten Helden, von dem er im Promythion (123 f.) behaup- 



Darstelhmg der Dolonie in der Aeneis (1,469-473; 12,346-352), wo umgekehrt jeweils nur von 
Diomedes die Rede ist. 

Vgl. etwa WlLKINSON (1955) 88; F. ÄRNALDI, II mondo poetico di Ovidio, StudRom 6 (1958) 
390; K. G. GALINSKY, Ovid's Metamorphoses - An Introduction to the Basic Aspects, Oxford 
1975, 4; SHARROCK (1987) 407 Anm. 4; SCHUBERT (1992) 208. - Gegen eine solche Interpreta- 
tion spricht auch die Junktur saepe solebat, die zwar nach H. DÖRRIE (Untersuchungen zur Über- 
lieferungsgeschichte von Ovids Epistulae Heroidum I, Nachr. d. Akad. Göttingen, Phü.-hist. 
Klasse 1960,5, 199 Anm. 1) „seit Verg. ecl. 1,20 nicht mehr als Tautologie aufgefaßt" wurde, 
aber doch eine vielfache Wiederholung anzeigt. Und selbst die kunstvollste Variatio desselben 
Themas dürfte spätestens nach dem dritten oder vierten Male langweilig werden. Auch FRECAUT 
(1983) ist skeptisch: „... on aurait tort de s'imaginer que sa <sc. Ovids> preoecupation essen- 
tielle - et son grand merite - ait ete de redire constamment les meines choses sans jamais sc repe- 
ter" (293). Ferner habe sich Ovid niemals vollständig mit einer Figur in seinen Erzählungen 
identifiziert (293 f.). JANKA (1997) 130 vermutet, Ovid habe Hom. Od. 12,452 f. „in witziger 
Manier" umkehren wollen. 

Man könnte einwenden, daß Calypso gar nicht nach den 'casus Ulixei ' frage, sondern nach den 
Troiae casus (Ars 2,127). Doch deutet Ovid durch die Konjunktion quoque (129) in Verbindung 
mit idem (128) daraufhin, daß Ulixes vor allem von seinen eigenen Taten vor Troja erzählt: 
Ulixes sagt immer dasselbe, und auch am Strand wollte Calypso vom Tod des Rhesus 
hören. Calypso hat also schon oft davon erzählt bekommen. - Daß Ovid in Vers 127 das Thema 
nicht genauer bestimmt, könnte zwei Gründe haben. Erstens spielt er vielleicht auf Vcrgils Aeneis 
an, wo Dido den Aeneas bittet, von Danaum casusque tuorum zu berichten (Verg. A. 1,754; vgl. 
a. 4,78 [Iliacosque ... labores] und dazu S. 199 f.). Zweitens unterstreicht Ovidlso, wie ge- 
schickt und taktvoll Calypso vorgeht. Sie fordert Ulixes nicht direkt zur Prahlerei auf und sagt 
nicht etwa: „Erzähle mir von deinen Heldentaten!"; vielmehr interessiert sie sich fiir ein scheinbar 
neutrales Thema (Troiae casus; Odrysüfata cruenta äucis), bei dem aber Ulixes ausführlich von 
seinen eigenen Leistungen sprechen kann. 



£, 



198 



DAS DRITTE KAPITEL DER LIEBESLEHRE 



tet, daß er trotz fehlender Schönheit zwei Göttinnen dazu brachte, sich in Liebe zu ihm 
zu' verzehren. Doch tragt man sich, ob Ulixes mit solchen Worten, wie wir sie in der 
Ars lesen, diese überwältigende Wirkung erzielt hat. Ulixes stellt zwar mit großem Ge- 
schick die eigene Leistung heraus, doch ist sein Bericht gewiß nicht so mitreißend, daß 
eine Frau beim Hören von glühender Leidenschaft ergriffen würde. Er erzählt weder 
anschaulich noch gefällig oder gar fesselnd. Im Grunde erzählt er überhaupt nicht; er 
zeichnet vielmehr eine Skizze, die er kurz erläutert. Als Calypso ihn nach Rhesus fragt, 
hebt er nicht an zu sprechen, sondern - zu zeichnen (Ars 2,132): 

quod rogat, in spisso litore pingit opus. 
Und als er von der Welle unterbrochen wird, ist er nicht im Begriff, weiteres zu erzäh- 
len, sondern er möchte noch mehr Einzelheiten skizzieren (Ars 2,139): 

pluraque pingebat ... 
Dabei sind seine verbalen Kommentare keineswegs von überragender stilistischer Qua- 
lität (Ars 2,133-138): 

„ haec " inquit „ Troia est" (muros in litore fecit), 

„hie tibi sit Simois; haec mea castraputa. 
campus erat" (campumque facti), „quem caede Dolonis 

sparsimus, Haemonios dum vigil optat equos. 
illic Sithonii fuerant tentoria Rhesi; 

hac ego sum captis nocte revectus equis. " 

Ulixes bildet einfache, kurze Sätze aus einem schlichten Vokabular und verwendet nur 
nur Verba propria. Viermal kehrt das Pronomen hie wieder, fünfmal ein mit einer 
Form von esse gebildetes Prädikat. Die Sätze folgen der usuellen Wortstellung. Nur in 
der zweiten Hälfte gibt es drei Hyperbata, bei denen schematisch das Attribut dem Be- 
zugswort vorangeht. Alle Sätze beginnen mit einem Hinweis auf das, was Ulixes ge- 
rade in den Sand zeichnet, wodurch Ovid den Vorrang der Skizze vor den Worten des 
Helden unterstreicht 32 Im Vergleich dazu drückt sich Calypso viel gewählter aus. 3 



Anders beurteilt McLAUGHLlN (1975) 81 die Erzählweise des Ulixes: „... Ulysses ""tially ca- 
sual speaking style bespeaks a weariness verging on boredom. But then the staccato of w. 133- 
135 evolves into the legato of w. 135-138 and once bare nouns reeeive the flounsh of adjeetives. 
Ulysses, despite himself, ist carried away by is own talk « - FRECAUT (1983) 288 meint Ulixes 
erscheine in der Ars nicht als Meister der Variato. Wie FRECAUT zutreffend anmerkt, bedeutet 
das jedoch keineswegs, daß Ovid den Ulixes grundsätzlich für einen schlechten Reaner geha ten 
habe und auch nicht, daß er den Helden in der Ars als rhetorischen Versager habe hinstellen 
wollen Denn Ulixes hat ja gar kein Interesse mehr daran, Calypso für sich einzunehmen, und 
braucht daher nicht alle Register zu ziehen (289: „ne desirant plus garder cette nymphe qu il avait 
conquise par ses talents de conteur, Ulysse renonce delibererement ä sa verve."). M^HESI 
(1918) 46 der die Erzählung als romantische Abschiedsszene interpretiert, bemerkt, Ulixes 
Redeweise wirke geradezu gelangweilt. Als höflicher Mann möchte Ulixes der Calypso ihre Bitte 
nicht rundweg abschlagen, faßt sich aber kurz. 

Ars 2 141 f ' quas " inquit „fidas tibi credis ituro, / perdiderint undae nomina quanta, vides. 
Dem Hauptsatz ist der Relativsatz vorangestellt, so daß dieser nicht im obliquen Konjunktiv 



5. l Unzureichende Mittel des Liebeswerbens (Ars 2,99-176) 



199 



Die leise Ironie, mit der sie die Striche im Sand den Berühmtheiten, die sie repräsentie- 
ren, gleichsetzt, deutet ebenfalls darauf hin, daß die Göttin von Ulixes' 'Erzählung* 
keineswegs überwältigt ist. 

Darauf legt Ulixes aber auch gar keinen Wert mehr. Er ist im Begriff abzureisen und 
wählt eine entsprechend knappe Form des Vortrags. Auf dieselbe Weise erzählen auch 
andere Veteranen von ihren Erlebnissen. 34 Tibull will sich geduldig anhören, wie die- 
jenigen, die an seiner Statt in den Krieg gezogen sind, ihre Taten in den Wein zeichnen 
(Tib. 1,10,31 f.): 

... ut mihi potanti possit sua dicere facta 
miles et in mensa pin ge r e castra mero. 

Penelope malt sich wehmütig aus, wie die heimgekehrten Trojakämpfer von ihren Fa- 
milien begrüßt und bewundert werden (Ov. Ep. 1,29-36): 

mirantur iustique senes trepidaeque puellae; 

narrantis coniunx pendet ab ore viri. 
atque aliquis posita monstrat fern proelia mensa, 

pingit et exiguo Pergama tota meror 
„ hac ibat Simois; haec est Sigeia telhts; 

hie steterat Priami regia celsa senis. 
illic Aiacides, illic tendebat Ulixes; 

hie lacer admissos terruit Hector equos. " 

Für solche Berichte begeistern sich im allgemeinen nur Personen, die von vornherein 
ein liebendes Interesse an dem Erzähler mitbringen. Daß Calypso sich das bereit- 
willig anhört, zeugt von ihrer großen Leidenschaft. 35 - Ähnlich verhält es sich übrigens 
bei Dido in dsr Aeneis. Erst nachdem Amor sein Werk getan hat (1,695 ff.), bittet sie 
Aeneas immer wieder, ihr vom trojanischen Krieg zu berichten (Verg. A. 4,78 f.): 36 



stehen muß, was seinem objektiven Charakter entspricht. Dabei wird - und das ist bei voran- 
gestellten Relativsätzen ungewöhnlich (KÜHNER/STEGMANN [1976] II 2, 310) - das Bezugswort 
undae nicht in den Relativsatz hineingezogen. Der in diesen Relativsatz verschränkte Ad ist 
elliptisch, da der Infinitiv Futur von esse weggelassen wurde. Außerdem ist er durch ein prädika- 
tives Partizip Futur im Dativ des Interesses ergänzt, was zwar mehrfach bei Ovid belegt ist (z. B, 
Ov. Ep. 18,212: triste nataturo nee querar esse fretum), aber doch sehr elegant wirkt. Denn 
Calypso kann so ein Minimum an Worten mit einem Maximum an Inhalt füllen. Ungewöhnlich ist 
auch die emphatische Stellung des Fragepronomens quanta. Von den ca. 150 Belegen, die sich 
bei Ovid für dieses Pronomen finden, steht es nur noch an drei anderen Stellen quarto toco (Ov. 
Fast. 1,24; Trist. 4,6,39; Pont. 3,3,6). Schließlich gebraucht Calypso die personifizierende Meta- 
phsr fidas und nicht das metrisch gleichwertige Verbum proprium tutas, um fein anzudeuten, daß 
sie selbst nicht so unzuverlässig sei wie die See, sondern den Ulixes treu liebe. 
Vgl. BALDO( 1993) 287. 

Vgl. JANKA (1997) 129 f. und 132: „Daß die 'schöne Nymphe* gerade die blutrünstige Geschich- 
te von der Ermordung des Rhesus ... hören will, untermalt ihre Verzweiflung, da sie sich aus Lie- 
be zu Odysseus gänzlich unerotische Themen 'wünscht', um den Geliebten mit der Möglichkeit 
erneuter Erzählung seiner kriegerischen Leistungen zu ködern." 

Zu der Anspielung in Ars 2,127 (haec Troiae casus iterumque iierumque rogabat) vgl. BRANDT 
(1902) sowie BALDO (1993) 286 f., der allerdings mit LABATE (1991) 57-59 eine Parodie epi- 



34 
35 



200 



Das dritte Kapitel der Liebeslehre 



Iliacosque Herum demens audire labores 
exposcit pendeique Herum narrantis ab ore. 

Durch das Prädikativum demens macht Vergil deutlich, daß ihr Wunsch, Aeneas wie- 
derholt dasselbe erzählen zu hören, ein Zeichen ihrer rasenden Liebe ist. Und obwohl 
Aeneas ohne graphische Hilfen auskommt, beeindrucken sie seine Berichte nicht so 
sehr durch ihre sprachliche Form, als vielmehr durch ihren Inhalt, der vom Charakter 
des Helden zeugt und Didos Mitgefühl weckt. Sie liebt den Mann, nicht nur seine 
Worte. 37 

Selbst wenn man von der wenig unterhaltsamen Form, die Ulixes seinem Bericht gibt, 
einmal absieht, sind derartige Themen ohnehin ungeeignet, um eine Frau zu bezau- 
bern. Wie der Schüler der Ars bereits gelernt hat, erobert ein Liebeskünstler seine 
Dame mit Bitten und Versprechen, mit Schmeichelei und süßen Worten, die von Liebe 
zeugen, 38 Properz rät verliebten Dichterkollegen, sich mit passenden Stoffen zu be- 
schäftigen, und weist den Ponticus an, sein Epos wegzulegen und die Geliebte nicht 
mit Kriegsberichten zu langweilen, sondern lieber etwas zu schreiben, das den Mäd- 
chen gefällt (vgl. S. 206 f.). Dabei könnte es sich z. B. um den Lobpreis ihrer Schön- 
heit handeln, den später Ovid als Thema zärtlicher Elegien empfiehlt (Ars 2,283-6). 39 
Auch Odysseus wußte sehr wohl, wie man sich die Gunst einer Dame erwirbt. So bat 
er Nausikaa mit folgenden Worten um Hilfe (Od. 6,149 ff.): Er flehe sie, die Herrin, 
demütig an und wisse nicht recht, ob sie eine Göttin oder eine Sterbliche sei, gleiche 
sie doch der Artemis bis aufs Haar. Dreifach selig seien Vater, Mutter und Bruder, 
denen das Herz aufgehe, wenn sie sehen, 'wie ein solcher Sproß zum Reigen daher- 



38 
39 



scher Ekphraseis vermutet; Ulixes' Bericht erinnere an Verg. A. 1,450 ff. und 2,29 f., wie schon 
D. POPESCU meint (Variations sur une structure-type de la poesie d'Ovide, in BARBU [1976] 503 
f.). - Eine Abweichung scheint mir besonders bemerkenswert: Dido möchte Aeneas' Erzählung 
wieder (Herum) hören und hän,gt wieder (Herum) an seinen Lippen. Calypso fragt wieder und 
wieder (Herumque iterumque) nach dem Schicksal Trojas, hängt aber nicht an den Lippen des 
Ulixes - anders als Dido und anders als die Ehefrau, die sich Penelope vorstellt (Ov. Ep. 1,30). 
Vgl. Verg. A. 4,3-5: multa viri virtus animo multusque recursat / gentis honos; haerent infixi 
pectore vultus /verbaque; 4, 13 ff. und schon 1,613 f.: obstipuit primo aspectu Sidonia Dido / 
casu deinde viri tanto. Ferner hat Aeneas auch körperliche Reize zu bieten und zeichnet sich im 
Gegensatz zu Ulixes durch apollinische Schönheit aus (4,141 ff). 
Vgl.Arsl,439ff.;611ff. 

Dagegen meint LABATE (1984) 96, Ovid habe am Beispiel des Ulixes zeigen wollen, daß sogar 
epische Stoffe eine Frau bezaubern können. Tatsächlich sind für Ovid Epos und Erotik nicht un- 
vereinbar. Der Epiker Macer wird in seinen Werken auch über Liebe dichten (Am. 2,18,35-40): 
nee tibi, qua tutum vati, Macer, arma canenti, /aureus in medio Marie taeeiur Amor: / et Paris 
est illic et adultera, nobile crimen, / et comes extineto Laodamia viro. / si bene te novi, non 
bella libentius istis / dicis, et a vestris in mea castra venis. Ovids Musterschülerin wird beim 
Gastmahl etwas aus der Argonautensage des Varro und der Aeneis des Vergil vortragen (Ars 
3,335-338). Doch denkt Ovid hier, wie auch in der Elegie Am. 2,18, an erotische Episoden inner- 
halb des Epos, also an die Liebesgeschichten von Iason und Medea oder von Dido und Aeneas. 
Eine Kampfschilderung an sich, mag sie auch noch so kunstvoll ausgeführt sein, rührt auch nach 
Ovids Darstellung (vgl. etwa Am. 2,1) das Herz einer Dame nicht. 



5.1 Unzureichende Mittel des Liebeswerbens (Ars 2,99-176) 



201 



tritt' (H. VOSS); aber seliger als alle anderen sei derjenige, der sie mit Gaben überhäu- 
fen und als Braut davonführen dürfe. Niemals zuvor habe er einen so schönen Men- 
schen gesehen, so rank, wie die junge Palme des Apollo zu Delos usw. usw. 40 

Wollte Ovid zeigen, wie Ulixes mit schmeichelner Rede eine Göttin bezaubert, hätte er 
also ohne weiteres einen früheren Zeitpunkt wählen und dem Heros nach dem Vorbild 
Homers Worte in den Mund legen können, wie sie Odysseus zu Nausikaa spricht. Statt 
dessen gestaltet er das Exempel so, daß es seinem Rahmen (Ars 2,123 f., 143 f.) gera- 
dezu widerspricht: Ulixes will die Calypso gar nicht halten; und was er sagt, ist wenig 
geeignet, in einer Frau Liebe zu wecken. Wie ist das zu erklären? 

Das Vorgehen des Liebeslehrers wird verständlich, wenn man nach der Funktion des 
Exkurses in seinem Kontext fragt. Ovid bereitet seinen Schüler auf die schwierige 
Lehre vom erotischen Gehorsam dadurch vor, daß er andere Mittel des Liebeswerbens 
als ungeeignet oder unzureichend erweist. Und solch ein unzureichendes Mittel ist die 
Eloquenz. Wollte sich der Liebeskünstler allein auf seine Redegabe verlassen, müßte 
er scheitern. Rhetorisch geschult zu sein, ist eine notwendige, aber keine hinreichende 
Bedingung für ein erfülltes Liebesleben. Offenbar neigten aber junge Männer dazu, 
ihrer Sprachkunst einen allzu hohen Wert beizumessen. Warum sonst hätte Ovid den 
Eloquenten wiederholt verbieten sollen, mit ihrer Gabe zu prunken? 41 Im Gegensatz zu 
Zauberkünsten und Schönheit ist jedoch Bildung erstrebenswert (Ars 1,459). Deswe- 
gen kann der Liebeslehrer dem jungen Manne nicht offen zugeben, daß rhetorische Fä- 
higkeiten an sich bei den Damen nicht viel zählen. Der Schüler darf nicht etwa glau- 
ben, er könne sich die Arbeit eines gründlichen Studiums sparen. Aus diesem Grunde 
begnügt sich der Liebeslehrer damit, Zweifel zu wecken, indem er einen Ulixes vor- 
führt, der von einer Göttin heiß geliebt wird, obwohl er ihr nur einen trockenen Kriegs- 
bericht abliefert. Der junge Mann soll den Verdacht hegen, daß der Heros nicht nur 
mit Worten, zumal solchen, zwei Göttinnen zur Raserei trieb. Ulixes mußte noch ir- 
gend etwas anderes zu bieten gehabt haben. 

Wenn der junge Mann sich daraufhin den Text genauer ansieht, wird er feststellen, daß 
Ovid im Epimythion (Ars 2,143 f.) nicht Eloquenz oder die zuvor empfohlene Allge- 
meinbildung, sondern ganz allgemein „mehr als körperliche Reize" fordert. 42 Und das 



Die Rede des Odysseus verfehlt ihre Wirkung nicht. Trotz seiner armseligen Erscheinung (er ist 
nackt und verhüllt sich nur notdürftig mit einem Zweig), begegnet ihm Nausikaa freundlich. Und 
nachdem er sich angekleidet und Athena ihn mit einem Glanz überzogen hat, bemerkt die Prin- 
zessin zu ihrem Gefolge (Od. 6,244): aT yap tyoi rotöaSe jtöotq KeKÄrjftevog ettj. 
Ars 1,463-6; Ars 2,507 f. - Man vergleiche z. B. Quintilians Kritik an Deklamationen (2,10,8: 
scaenica ostentatio; fitriosa voeiferatio) und seine Klage, selbst Prozesse, in denen j es um Leben 
und Tod gehe, dienten mehr der Selbstdarstellung des Redners als der Verteidigung des Beschul- 
digten (4,2,122; 4,3,2). 

Vgl. MCLAUGHLIN (1975) 78 f.: „the second part is much more general". Im übrigen sei Ulixes 
auch kein besonders gutes Beispiel für Zweisprachigkeit und eher als trickreicher Lügner be- 



202 



Das dritte Kapitel der Liebeslehre 



Studium der ingenuae artes sollte dem Schüler nicht nur rhetorisches Geschick verlei- 
hen. Mit der Konjunktion per machte Ovid deutlich, daß Bildung ein Mittel zum 
Zweck ist. Durch sie wird der junge Mann seinen Charakter formen und seinen Geist 
kultivieren (Ars 2,121 f.): 

nee levis ingenuas pectus coluisse per artes 
cura sii et linguas edidicisse duas. 

Der Leser dürfte sich ferner daran erinnern, daß schon Chiron mit musischer Bildung 
denselben Effekt erzielte (Ars 1,1 1 f.): 



Phillyrides piierum cithara perfecit Ächillem 
atque animos placida contudit arte 



feros. 



Auch die moralischen Vorzüge der Dichter, erklärt Ovid später den Damen, sind eine 

Folge ihrer „sanften Kunst" (Ars 3,545 f.): 43 

sei licet ingenium p l a c i d a mollitur ab arte 
et studio mores convenienter eunt 

Ähnlicher Ansicht scheint Odysseus gewesen zu sein. Einem jungen Phäaken hält er 
vor, manchmal „bekränze" ein Gott die Gestalt eines unansehnlichen Mannes „mit 
Worten", so daß dieser von allen hoch geachtet und mit Freude gesehen werde. Solch 
ein Mann zeichne sich aber nicht nur durch Wortgewalt aus, sondern zugleich durch 
Verstand und durch „sanfte Zurückhaltung". All das fehle dem zwar schönen, aber tö- 
richten und eitlen Phäaken (Hom. Od. 8,167-177): 

ovtcog oi) xavtea0i$eoi%api£.vta öiöovaiv 
ävöpäcnv, oike mvrfv oik' äp ippevag oik^ äyoprprvv. 
äXXoq pev yäp eiöoq üKiöv&tepoq xikx ävrjp, 
äXXä deoq pop<prjv ejteai arifpei, ot Si r ' ig a&rdv 
repJtöpevöi Xevaoovoiv, d S^äoyaXiax; äyopevei, 
aiöoT uediYtn. petä Se Jtpejtet äypopivoiotv, 
epxöpevov ö' ävä äotv dedv cog eloopöcootv. 
äXXog S* av eföog pev äXiyKiog ädavdtotoiv, 
äXX* oft oi%äptq. äp<pütepiaT£(perat ejtieoow, 
cbg Kai ooi eiSog fiev äputpejceg, ovÖi kev äXXcog 

OVÖE &£Og TEV&IE, VÖOV 6' O3t0(pd>Xl6g EOOL 

Für Odysseus bedeutet Redegabe mehr als stilistische Brillianz. Und auch ein Liebes- 
künstler wird man nicht nur durch Wissen oder technische Fertigkeiten; dazu bedarf es 
vor allem eines kultivierten Charakters. 



kannt SHARROCK (1994) 50 denkt bei linguas duas an die sprichwörtliche „Doppelzüngigkeit^ 
Warum aber sollte Ovid nicht das meinen, was er sagt, nämlich daß man Latein und Griechisch 
perfekt beherrschen muß? Vgl. a. JANKA (1997) 125. 

Später wird Ovid bemerken (Pont. 1,6,7 f.): artibus ingenuis ... / pectora mollescunt aspentas- 
queßtgit. Mit Bildung bekämpft man also genau die Unart asperitas, die der Schuler im folgen- 
den ablegen soll (Ars 2,146). Der Vers Pont. 1,6,8 wird übrigens im OLD (s. v. Nr. 4.a) als 
Beleg für pectus i. S. v. „the soul, mind, or personality of a human being (including lts emotional, 
moral, and rational aspects)" angeführt. 



5.1 Unzureichende Mittel des Liebeswerbens (Ars 2,99-176) 



203 



Dennoch könnte man sich fragen, warum Ovid das Exempel so ausführlich erzählt, 
wenn er nur zeigen wollte, daß Eloquenz in der Liebe zwar eine wichtige Funktion hat, 
aber allein nicht ausreicht. Hätte er das nicht kürzer fassen können? Indes hat die Er- 
zählung im weiteren Kontext ebenfalls eine wichtige Funktion: Ulixes ist i der erfolg- 
reichste mythische Liebhaber überhaupt. Während seine Gattin Penelope zwanzig 
Jahre auf ihn wartete, obwohl zahlreiche junge Rivalen sie belagerten, 44 raubte er sogar 
Göttinnen den Verstand, ohne den eigenen zu verlieren (Ars 2,124): 

... aequoreas torsit amore deas. 

Ulixes muß dem Liebeskünstler daher ein Vorbild sein. 45 Daß er so liebenswert war, 
wie es der Schüler noch werden muß, zeigt schon das Verhalten der Zauberin Circe 
(Ars 2,103 f.). Auch Calypso liebte den Ulixes und wollte ihn gar nicht mehr gehen 
lassen. Darüber hinaus ermöglicht es die Wahl der Abschiedsszene, einen Heroen vor- 
zustellen, der das Lehrziel dieses Kapitels (99-336) bereits erreicht hat: sich so unent- 



STANFORD (1954) 143 bemerkt, die Erzählung in der Ars „does foreshadow the favourite renais- 
sance and modern theme of Ulysses the Amorist". Inwieweit der Heros schon in der Antike als 
vorbildlicher Liebhaber angesehen wurde, ist schwer zu beurteilen, da man eine solche Sichtweise 
vor allem in der hellenistischen Literatur erwartet, von der nur wenig erhalten ist. E. ROHDE, Der 
griechische Roman und seine Vorläufer, 4. Aufl. Darmstadt 1960, 80 vermutet, daß z. B, Philetas 
in seinem Hermes Episoden der Odyssee mit erotischer Färbung nacherzählt und „nach moder- 
nem Geschmack romantisch ausgeschmückt" habe. Möglicherweise enthielt auch die Sirenocirca 
des Laevius solche Motive; jedenfalls wird dort Ulixes mit „hübscher Sohn des Laertes" ange- 
redet (frg. 20 MOREL: Laertie belle). Erfolgreicher, aber weniger edel als der 'elegisch' Liebende 
erscheint Ulixes dann bei Properz, z. B. in der Elegie 1,15, wo die verlassene Calypso dem 
Manne nachtrauert, mit dem sie so glücklich war (Prop. 1,15,9-14, vgl. ferner Prop. 2,21,13 f.; 
sie a Dulichio iuvene est elusa Calypso: / vidit amatorem pandere vela sttum; Ov. Am. 1,9,21- 
24; 2,17,15 f.; Apul. Met. 1,12,6: at ego scilicet Ulixi astu deserta vice Calypsonis aeternam 
solitudinem flebo). Auch für das Exempel in Prop. 1,15, das Ovid zu seiner Version in der Ars 
angeregt haben könnte, vermutet ROHDE (a.a.O. S. 111) eine hellenistische Quelle, ebenso FEDE- 
LI (1980) 341 f. Wenn Properz die Treue der Penelope preist und mit der Untreue der Gynthia 
vergleicht, wird damit auch indirekt Ulixes' Erfolg in der Liebe beleuchtet (Prop. 2,6,23: felix ... 
lectus Ulixis; Prop. 2,9,3-8 mit Anklang in Vers 7 fvisura et quamvis numquam speraret 
Ulixem] an 1,15,13 [et quamvis numquam post haec visuraj; Prop. 3,12), - Einen anderen 
Ulixes zeichnet das Phapeum 68, eine obszöne Homerparodie, wie sie auch im griechischen Epi- 
gramm beliebt war (vgl. V. BUCHHEIT, Studien zum Corpus Priapeum, München 1962, 102 ff.). 
In dem Priapeum 68 wird Ulixes neben anderen Heroen der Utas als überaus potenter Beschäler 
gepriesen (v. 19 ff.). Wahrscheinlich hat der Verfasser des Gedichtes den Ovid imitiert (vgl. C. 
GOLDBERG, Carmina Priapea. Einleitung, Übersetzung, Interpretation und Kommentar, Heidel- 
berg 1992, ad loc.) und von diesem möglicherweise auch den Gedanken, daß Penelope, als sie die 
Freier aufforderte, sich im Bogenschießen zu messen, nur deren Manneskraft erproben wollte 
(Priap. 68,33-36: nemo meo melius nervum tendebat Ulixe, / sive Uli taterum, sive erat artis 
opus, / qui quoniam periit, vos nunc intendite, qualem / esse virum sciero, vir sit ut ille mens; 
Ov. Am. 1,8,47 f.: Penelope iuvenum vires iemptabat in arcu; / qui latus arguerei corneus 
arcus erat). 

Es fällt auf, daß Ulixes in der Sphragis am Ende des zweiten Buches nicht unter den Helden er- 
scheint, mit deren hervorragenden Leistungen Ovid seine Erfolge in der Liebe vergleicht (Ars 
2,738: tantus amator ego). Als Vertreter der Redekunst wählt er vielmehr den Nestor (736); 
Ulixes, den einen Mann, der ihm den ersten Rang als amator abspenstig machen könnte, erwähnt 
Ovid dort nicht. 



204 



Das dritte Kapitel der Liebeslehre 



behrlich zu machen, daß man von seiner Geliebten vermißt wird, ohne selbst von ihr 
abhängig zu werden. 46 Und in der Tat, nachdem der Schüler ebenfalls an diesem Ziel 
angelangt ist, begegnet ihm Ulixes erneut als Meister der ars amandi. Auch Penelope 
verzehrte sich vor Sehnsucht nach ihm (Ars 2,355): 

Penelopen absens sollers torquebat Ulixes. 
Daß dies das Ziel der folgenden Lehren ist, kann der Schüler zwar noch nicht wissen. 
Je weiter er jedoch vorankommt, desto mehr wird er feststellen, daß der erfolgreiche 
Liebeskünstler ein Mann vom Schlage des Ulixes sein muß. 

Welche Eigenschaften den Ulixes zum vorbildlichen amator qualifizieren, läßt Ovid 
offen, um nichts vorwegzunehmen. Das ist aber auch nicht nötig, da die Typologie die- 
ses Helden zumindest in groben Zügen feststand: Der Liebeskünstler muß freundlich, 
aber zugleich scharfsinnig sein; genau dies schätzt Athene an Odysseus. 47 Der Umgang 
mit einer eigenwilligen 'elegischen' domina erfordert ein hohes Maß an Selbstbeherr- 
schung, einer Tugend, für die dieser Heros ein Beispiel war. Wie Plutarch (vgl. 5.1.1) 
lobt Horaz den Ulixes als einen Mann, der seine Begierden unter Kontrolle hat und 
sich von keiner Frau verfuhren läßt (Hör. Ep. 1,2,23-25): 8 

Sirenum voces et Circaepocula nosti; 

quae si cum sociis stultus cupidusque bibisset <sc. Ulixes>, 

sub domina meretrice fuisset turpis ei excors. 



46 



47 
48 



Ars 2,349 f.: cum tibi major erit flducia posse requiri, /cumprocul absenti curafiiturus eris ... 
- Als denjenigen, der bereits das Lehrziel erreicht hat, stellt Ovid den Ulixes auch in den Remedia 
vor: Dort erläutert er am Beispiel der Circe, daß man Liebeskummer nicht hinwegzaubern könne 
(Rem. 263-290). Circe hat also versagt; aber Ulixes, der als Mann dem männlichen Schüler ohne- 
hin näher steht, brachte es fertig, sich all ihren Lockungen zu widersetzen und sich ungerührt von 
ihr zu trennen. Das soll auch der Schüler der Remedia lernen; auch er soll sich von seiner Freun- 
din nicht mehr 'bezirzen* zu lassen. 

Hom. Od. 13,332: ovvek' ixrjT^iqai Kai äy%ivooq Kai ixeppcov. 

Es finden sich in der Ars mehrere Anklage an diese Epistel. An Ars 2,124 (torsit amore deas), 
355 (Penelopen ... torquebat Ulixes) sowie 136 (vigil optat equos) erinfiert Hör. Ep. 1,2,37: in- 
vidia vel amore vigil torquebere. Allerdings findet sich die Junktur amore torquere auch in der 
Elegie: Tib. 1,4,81; vgl. a. Ars 1,176, Prop. 3,6,39. - Deutlicher sind die Parallelen zum Pro- 
ömium der Ars: Horaz verlangt, daß man seiner Seele die Zügel anlege und meint, dies lerne man 
am besten schon als Knabe (68: puer\ wenn man - wie Maximus Lollius, der Adressat dieser 
Epistel - noch zart und formbar sei (Hör. Ep, 1,2,62-65): animum rege, qui nisi paretj 
imperat; hunc frenis, hunc tu compesce catena. /flngit equum tenera docilem cer- 
vice magist er / ire viam, qua monstret eques. Dasselbe meint Ovid von dem zarten 
Amor, der zugleich für den Schüler der Ars steht (Ars 1,4 ff.): arte regendus amor ... 
magist er ... me Venus artificem t e n e r o praefecit Amori ... sed puer est, aetas molhs 
et apta regi ... sed tarnen et tauri cervix oneratur aratro, / frenaque magnanimi 
dente teruntur equi ... vati parete perito. - Beide Dichter deuten den Ausbruch des troja- 
nischen Krieges als Folge erotischer Leidenschaft: fabula, qua Paridis propter narratur 
amorem /Graecia Barbariae lento collisa duello (Hör. Ep. 1,2,6 f. ) - fabula 
nota quidem ... / Graiaque in lliacis moenibus uxor erat (Ars 1,681, 686). - Vgl. 
ferner Ars 1,653 f., wo Ovid von den Qualen im Stier des Phalaris spricht, mit Hör. Ep. 1,2,58 f.: 
invidia Siculi non invenere tyranni / malus tormentum. - Siehe auch oben Anm. 8. 



5. 1 Unzureichende Mittel des Liebeswerbens (Ars 2,99-176) 



205 



Wie der pauper amator der Liebeselegie (vgl. unten), bemüht sich Odysseus wieder- 
holt um die Gunst einer Dame, der er als Schiffbrüchiger völlig mittellos begegnet - 
und das mit Erfolg. Der Heros ist außerdem xoXvrpojtoQ, also findig und wendig. 
Jeder Situation vermag er sich anzupassen; immer weiß er einen Ausweg, Anders als 
z. B. Ajax muß er nicht gegen jede Schwierigkeit anrennen, sondern kann sie auch ge- 
schickt umgehen oder, falls das nicht möglich ist, mit dem Unvermeidlichen sich ab- 
finden. In diesem Punkte unterscheiden sich der 'elegisch' Liebende und der Liebes- 
künstler wie die beiden Heroen. Während der 'elegisch' Liebende mit dem Kopf durch 
die Wand will und verzweifelt bemüht ist, seine unverbesserlich untreue und habgieri- 
ge Herrin in eine selbstlose, treue Gefährtin zu verwandeln, akzeptiert der Liebeskünst- 
ler den Charakter seiner Geliebten und paßt sein Verhalten den Gegebenheiten an. 49 
Odysseus ist ferner xoXmXaq, nicht nur weil er viel erduldet, sondern auch, weil er 
vieles auf sich nimmt, was andere Helden zu ertragen nicht gewillt wären; wenn sie 
nur zum Erfolg fuhren, verschmäht er weniger ehrenhafte Methoden nicht. 50 Darin un- 
terscheiden sich auch nach Ciceros Ansicht Ajax und Ulixes (Off. 1, 13 1): 51 

Quam multapassus est Ulixes in illo errore diuturno, cum et mulieribus. si Circe 
et Calypso midieres appellandae sunt, inserviret et in omni sermone omnibus 
affabilem et iocundum esse se velletl Domi vero etiam contumelias setvorum 
ancillarumque pertulit, ut ad id aliquando, quod cupiebat, veniret 

Kurz gesagt: Ulixes war ein Meister der indulgentia und des obsequium. 

5.1.4 Reichtum und 'elegische' Liebe (Ars 2,145-176) 

Die Erzählung von Ulixes und Calypso ließ den angehenden Liebeskünstler ahnen, daß 
er seiner Dame mehr als verbale Virtuosität und einen geschulten Intellekt bieten muß. 
Die bisher nur angedeutete Einheit von Sprache, Bildung und Charakter macht Ovid 
nun augenscheinlich am Beispiel der zärtlichen Nachsicht (indidgentia) . Hier wird der 



Zum Beispiel dadurch, daß er ihre Versuche, ihm sein Vermögen zu rauben, durch ähnliche Ver- 
fuhrungsloinste erwidert (vgl. 3.4.1) oder dadurch, daß er sich mit ihrer Untreue abfindet (Ars 
2,539 ff.). - Zu Odysseus und den anderen Heroen vgl. STANFORD (1954) 72; „When the typical 
hero found his path to fame and glory blocked, his instinet was to batter his own or someone 
eise's head against the obstacle until something broke ... Odysseus was no less determined to 
gain his purpose; but he was far less intransigent. He was prepared to untermine an obstacle or to 
look for another path." 

Dieser Charakterzug macht Ulixes auch zum geeigneten Schüler in Horazens Erbschleichcrsatire, 
auf die Ovid in den folgenden Lehren anspielt (siehe Appendix I). Kein anderer homerischer Held 
hätte diese Rolle besser übernehmen können. Vgl. bes. Hör. S. 2,5,20 f.: Da es nur diese eine 
Möglichkeit gibt, wieder zu Geld zu kommen, entschließt sich Ulixes, den demütigenden Weg der 
Erbschleicherei zu gehen (fortem hoc animum tolerare iubebo; /et quondam maiora tuli). 
Die Wörter et iocundum fehlen in der älteren Handschriftenfamilie £ (nach WINTERBOTTOM) »nd 
werden daher von vielen Herausgebern als Glosse athetiert. - D'ELIA (1961) 133 hält es für mög- 
lich, daß Ovid von dieser Stelle zu der Erzählung von Ulixes und Calypso angeregt Wurde. „Lo 
spunto per uno degli 'episodi' piü perfetti daWArs potrebbe dunque risalire al De oßeiis" Diese 
These muß natürlich Vermutung bleiben. 



206 



Das dritte Kapitel der Liebeslehre 



junge Mann zum ersten Mal 'innere' Werte zum Einsatz bringen: Mit Sanftheit, lehrt 
Ovid, gewinnt man die Sympathie seiner Mitmenschen; Gewalt erregt Abneigung (Ars 
2,145-150). Der Liebeskünstler hüte sich daher, seine Geliebte mit bösen Worten an- 
zugreifen. Streit sei nur in der Ehe erlaubt (151-160). Für reiche Männer, die sowieso 
ohne Liebeskunst auskämen, gelte diese Regel allerdings nicht (161-168). Dem Armen 
aber rate er, auch auf körperliche Angriffe zu verzichten. Mit seinem Mädchen müsse 
man Frieden halten (169-176). 

Daß man mit wütenden Schmähungen oder gar Ohrfeigen wohl kaum eine Dame wird 
umgarnen können, leuchtet unmittelbar ein. Sanfte Zärtlichkeit ist aber nicht nur 
zweckmäßig, sondern auch moralisch geboten. 52 Denn, wie sich zeigen wird, wider- 
sprechen erstens harte Worte dem guten 'elegischen' Ton, und zweitens ist Gewalt mit 
Liebe ganz und gar unvereinbar. 53 

Ein Kriegsbericht wie Ulixes' Erzählung (Ars 2,133-138) ist nicht der Stoff, den man 
einer Dame vorträgt. Properz warnt den Ponticus, Liebe könne auch einen Epiker tref- 
fen. Dann wird er sich vergeblich mühen, weiche Verse zu dichten (Prop. 1,7, 19): 54 

etfrustra cupies möllern componere versiim. 

Wenig später ist das Unglück geschehen, und Properz empfiehlt dem verliebten 
Freund, Elegien nach Art des Mimnermos zu verfassen (1,9,9 ff.). 55 Obwohl er Epiker 
sei, müsse Ponticus nun singen, was die Mädchen interessiert (Prop. 1,9,13 f.): 

/ qtiaeso et tristis istos compone libellos, 
et cane, quodquaevis nossepuella velit! 

In der Ars lehrt Ovid ebenfalls, die Geliebte mit süßen Worten anzureden (152) und sie 
immer hören zu lassen, was sie sich wünscht (Ars 2,156): 

audiat optatos semper amica sonos. 



54 
55 



Die apotropäische Formel este 'procul^ (Ars 2,151) erinnert an Ars 2,107 (sit procul omne 
nefas!), wo Ovid zum ersten Mal eine Praktik aus ethischen Gründen ablehnt. 
Das gilt allerdings nicht für Gewalt bei der Ersteroberung (vgl. 3.7.2). Wie bereits im Zusam- 
menhang mit den Lehren zur Zauberei (S. 190) festgestellt wurde, setzt Ovid in der frühen Phase 
der Liebeskunst weniger strenge Maßstäbe. JANKA (1997) 149 f., 158 meint, gerade Gewalt sei 
ein Merkmal 'elegischer* Liebe. Das gilt jedoch nur mit Einschränkungen: JANKA unterscheidet 
erstens nicht zwischen 'elegischer' und 'ländlicher' Liebe bei Tibull (vgl. S. 23 A. 57); handgreif- 
lich werden aber nur 'ländlich' Liebende (z. B. Tib. 1,10,59-66). Zweitens gebraucht vor allem 
die 'elegische' domina Gewalt (vgl. S. 216 f.) - was bisweilen sogar wünschenswert ist (Ars 
2,447 ff., 3,677 f.) - der 'elegisch' liebende Mann dagegen fast nie und wenn, dann aus brennen- 
der Eifersucht. Diese und die damit verbundene Aggression muß der Liebeskünstler unterdrücken 
(vgl. bes. 6.5.1.3). Drittens stellt der Liebeslehrer durch den Hinweis aufsein 'Erlebnis' in Am. 
1,7 (Ars 2,169 ff.) vorsorglich schon in diesem Abschnitt klar, daß er sich damals nicht wie ein 
vorbildlicher 'elegischer' Liebhaber, sondern nur wie ein Narr betragen hatte. 
Zur werbenden Funktion der Liebeselegie vgl. STROH (1971), zur recusatio S. 64 f. Anm. 126. 
Prop. 1,9,11: plus in amore valet Mimnermi versus Homero; vgl. dazu Hermesianax frg. 7,35 f. 
POWELL: Mifxveppoq öe, rövijSöv oq eüpero jtoXXov avarXäq i f ri%ov Kai paXaKov jtvevpa 
rö jievTaptETpov. 



5.1 Unzureichende Mittel des liebeswerbens (Ars 2,99-176) 



207 



Sanfte Schmeicheleien, die dem Ohr angenehm sind, soll der Schüler mitbringen, auf 
daß die Dame ihn freudig empfange (Ars 2, 159 f.): 

b landiti as molle s auremque iuvantia verba 
affer, ut adventu laeta sit illa tno. 

Das von diesen Vorschriften abweichende Verhalten beschreibt der Liebeslehrer mit 
kriegerischen Bildern und Metaphern 56 und erinnert so an das, was Properz in den bei- 
den Ponticus-Elegien diskutiert: 57 den Gegensatz zwischen harter, kriegerischer Epik 
und weichen, elegischen Zärtlichkeiten (blanditiae) . Weichheit und Schmeichelei sind 
so grundlegende Merkmale elegischer Sprache, daß ein ganzes Gedichtbuch mollis 
liber (Prop. 2,1,2) heißen und Properz sein Werk als blandum Carmen (1,8,40) charak- 
terisieren konnte. Auch für Ovid sind Schmeicheleien der Stoff und leichte elegische 
Distichen die Form seiner türerweichenden Dichtung (Am. 2,1,21 f.): 

blanditi as elegosque leves, mea tela, resumpsi: 
mollierunt dttras lenia verba fores. 

Wenn also der Liebeskünstler das Ohr seiner Freundin mit weichen, schmeichelnden 
Worten erfreut, überträgt er das elegische Stilideal auf den sermo cotidianus. 5 * Der 
Schüler soll so mit seiner Freundin sprechen, wie nach Properzens Ansicht ein Lieben- 
der für seine Herrin dichten muß. Die Redeweise, die der Liebeslehrer empfiehlt, ist 
nicht nur nützlich, sondern auch das Erkennungszeichen eines 'elegisch' Liebenden. 
Wer als kultivierter Liebeskünstler gelten will, muß sich des Tones befleißigen, der 
dieser Rolle angemessen ist. 

Doch die weiche 'elegische' Sprache entspringt keinem abstrakten ästhetischen Gebot. 
Sie ist vielmehr durch das Wesen der Liebe selbst begründet, wie schon Properz dem 
Ponticus vorhält. Der sanfte Amor fordert sanfte Gesänge (Prop. 1,9, 12): 59 



Ars 2,146: aspehtas odium saevaque bello movet; 147 f. odimus accipitrem, quia vivit semper 
in armis, / et pavidum solitos inpecus ire lupos\ 151: amarae proelia linguae; 153: Ute fugent 
nuptaeque viros; 175: proelia cum Parthis, cum culta pax sit amica. - Die beiden Gleichnisse 
(147 f.) erinnern außerdem an die Soldaten des Romulus (Ars 1,117 f.: ut fughmt aquilas, timi- 
dissima turba, columbae / utque fiigit visos agna novella lupos). So setzt er das zärtliche Wer- 
ben um die eroberte Dame von der forschen, ggf. auch gewaltsamen Ersteroberung ab (vgl. Anm. 
53). Nicht plausibel ist dagegen jANKAs (1997) 146 f. Vermutung, es werde über eine Anspie- 
lung auf Hör. Carm. 1,37,15-18 verstreckte Kritik an Augustus geäußert. - Bemerkenswert ist 
ferner, daß Ovid den Erfolg seines Schülers ebenfalls mit einer militärischen Metapher beschreibt 
capit mentes (145). Der Nachgiebige, Friedfertige wird der wahre Sieger sein (vgl. a. Ars 2,197). 
Zu diesen Elegien vgl. STROH (1971) 9-53, der mit Recht daraufhinweist, daß es - zumindest 
was die fiktive Situation betrifft - vor allem um den praktischen Nutzen von Elegie und Epos und 
erst in zweiter Linie um Ästhetik oder den Ruhm geht, der mit beiden Gattungen zu gewinnen ist. 
Vgl. schon die Vorschriften für den Liebesbrief (Ars 1,439 f.: blandi tias ferat illa iuas 
imitataque amantum /verba; 455: ergo eat et blandi s peraretur littera verbts; 467 f.: sit 
tibi credibilis sermo consuetaque verba, blanda tarnen). 

Mit FEDELI (1984) übernehme ich BARBERs Korrektur lenia für das überlieferte levia. Vgl. zum 
Textproblem zuletzt NEWMANN (1997) 497 f., der tenttia lesen will. 



208 



Das dritte Kapitel der Liebeslehre 



carmina mansuetus lenia quaerit Amor. 
Der Liebeskünstler muß also „süße Worte" und „weiche Zärtlichkeiten" (Ars 2,159) 
sagen, weil die Liehe selbst „weich" ist (Ars 2, 152): 

dulcibus est verbis mollis alendus amor. 
Und da die Liebe selbst weich ist, gibt es neben der in der Ars gelehrten 'elegischen' 
Liebe auch keine andere Form einer Liebesbeziehung, in der etwa harte Worte oder 
ungehemmte Aggression möglich wären. Das zeigt Ovid seinem Schüler am Gegenbild 
der Ehe: Für einen römischen Mann gab es drei Möglichkeiten, zu einer Frau eine ge- 
schlechtliche Beziehung zu unterhalten. 61 Er konnte erstens für eine längere Zeit mit 
einer (freien) Frau zusammen sein, mit der er nicht verheiratet war, also 'elegisch' 
lieben. Zweitens konnte er sich eine Prostituierte oder eine seiner Sklavinnen nehmen, 
was Properz quaerere viles nennt (Prop. 2,24,9). Solche Beziehungen waren kurz, und 
die Sexualpartnerinnen wurden oft gewechselt. Diese primitive Form der Sexualität 
braucht Ovid nicht zu behandeln, zumal sie in seinen Augen nicht auf Liebe, sondern 
auf Zwang beruht. 62 Liebe im Sinne der Ars amatoria, in der eine dauerhafte Bezie- 
hung zu einer einzelnen Frau gelehrt wird, ist sie jedenfalls nicht. Es bleibt als Drittes 
noch die Möglichkeit, eine Ehe einzugehen. Und tatsächlich dürfen sich Eheleute 
streiten, ja, Streit ist geradezu ein Merkmal der Ehe (Ars 2,153-155): 

litefugent nuptaeque viros nuptasque mariti 
inque vicem credant res sibi semper agi: 
hoc decet uxores, dos est uxoria Utes. 

Es fällt auf, daß Ovid die Zwistigkeiten der Eheleute mit juristischen Termini be- 
schreibt. Sie haben einen Rechtsstreit (lis) und glauben, ständig gegeneinander Pro- 
zesse führen zu müssen (res ... agi). Mit dos spielt der Liebeslehrer ferner auf den 



60 



62 



Vgl. Ov. Ep. 15,179 (mollis Amor) und Ars 2,565, wo Ovid erklärt, keine Göttin sei „weicher" 
als Venus, wobei dort das Adjektiv auch im Sinne von „für die Liebe empfänglich" gebraucht ist. 
In diesem Sinne erscheint es z. B. noch Ov. Ep. 15,79 und Prop. 2,22,13. - Zur „weichen" 
Sprache der Liebenden vgl. ferner Ov. Am. 1,12,22 sowie Ars 3,344. Bei Properz findet sich das 
Adjektiv mehrfach in poetologischem Kontext und charakterisiert dort die elegisch-erotische 
Dichtung im Gegensatz zu anderen Genres, z. B. Prop. 2,34,41 f.; Prop. 3,1,19 f.; Prop. 3,3,1 
und 18. - Vgl. ferner BALDO (1989) 42 Anm. 14 und FEDELI (1980) 198 sowie (1981) 69 f 
Vgl. die Ausführungen von LYNE (1980) 1-18, der unter anderen Gesichtspunkten zu einer ähn- 
lichen Dreiteilung gelangt: 1) Ehe, 2) „indulge passion with declassees" (18), d. h. Huren oder 
Unfreien; 3) „love affair with a demi-mondaine or a lady faisant fonction de demi-mondaine" 
(18), was der'elegischen' Liebe entspricht. Nur in einer solchen Beziehung habe ein Mann ro- 
mantische Liebe erleben können. 

Vgl. Am. 1,10,21-24 ( stat mereirix certo cuivis mercabilis aere / et miseras iusso corpore 
quaerit opes; /devovet imperium tarnen haec lenonis avari / et, quod vosfacitis sponte, coacta 
facit) und dazu Ars 2,157: legis iussu. 

Im Hinblick auf decet im letzten Vers ist man sich nicht ganz sicher, ob man die Konjunktive 
figent und credant als Coniunctivi concessivi verstehen soll oder nicht doch besser als echte 
Jussive. Dieser Effekt ist gewiß im Sinne des Liebeslehrers. 



5.1 Unzureichende Mittel des Liebeswerbens (Ars 2,99-176) 



209 



Ehevertrag an, in dem die Mitgift der Braut vereinbart wurde. Diese Metaphern unter- 
streichen den grundlegenden Unterschied zwischen einer ehelichen Beziehung und 
dem Verhältnis des 'elegisch' Liebenden zu seiner Freundin, Eheleute sind durch das 
Gesetz miteinander verbunden, der Liebeskünstler mit seiner Freundin durch Liebe 
(Ars 2,157 f.): 64 

non legis iussu lectum venistis in unum; 
fimgitur in vobis munere legis amor. 

Dadurch, daß er von der „gesetzlichen Anordnung" spricht, weist Ovid auf die augu- 
steischen Ehegesetze hin, durch die Unverheiratete mit Sanktionen belegt wurden; der 
Zwang, eine Ehe einzugehen, war also bittere Realität. 65 In der Elegie 2,7 freut sich 
Properz über die Aufhebung eines Vorläufers dieser Gesetze, der ihn und Cynthia aus- 
einanderzureißen drohte (Prop. 2,7, 1-3): 66 

gavisa est certe sublatam Cynthia legem, 

qua quondam ediciaßemus uterque diu, 
ni nos divideret 



Denn auch für Properz ist eine Ehe mit Liebe unvereinbar.' 
Liebhaber seiner Gattin sein. 



Ein Ehemann kann nicht 



65 

66 



Man könnte einen Widerspruch darin sehen, daß der Schüler sein Mädchen nicht liebt, zugleich 
aber durch Liebe mit ihr verbunden ist. Indes soll der Schüler nach dem Vorbild des Ulixes seine 
Geliebte amore torquere (Ars 2,124) und sich ihre Liebe erhalten, sie also durch amor an sich 
binden. Und, umgekehrt empfindet auch er selbst eine gewisse Zuneigung zu ihr und ist bereit, 
eine Beziehung nach den Idealen der 'elegischen' Liebe zu unterhalten. Er 'liebt' daher, selbst 
wenn heutzutage nicht jeder diese Bereitschaft „Liebe" nennen würde. Vgl. ferner 6.6. 
Zu Ovids Haltung gegenüber diesen Gesetzen vgl. ausführlich unten 6.5.2.3. 
FEDELI (1984) liest es statt est und faßt Cynthia als Vokativ auf. Es gibt jedoch auch andere Ele- 
gien, in denen Properz zunächst in der dritten Person über die Geliebte spricht und sie erst später 
direkt anredet (z. B. 2,9). 

Sowohl die Natur des von Properz erwähnten „Gesetzes" als auch, in welcher Weise es ein Hin- 
dernis für die Liebenden darstellte, ist heftig umstritten, vgl. METITi-DrrrMANN (1991) 16 f., 
weitere Literatur nennt FRIEDL (1996) 72 Anm. 18. - Fest steht jedoch, daß Properz hätte heiraten 
müssen und daß er - aus welchem Grunde auch immer - mit Cynthia keine Ehe eingehen konnte 
oder wollte. Im allgemeinen wird angenommen, daß Cynthia wegen ihres zweifelhaften Rufes 
(ENK [1962] 112) oder als Freigelassene keine geeignete Partie für den Ritter Properz gewesen 
wäre (z. B. CAMPS [1967] 96). Properz beschreibt die Folgen einer etwaigen Ehe, der er selbst- 
verständlich den Tod vorgezogen hätte, in den Versen 7-10: nam citius paterer caput hoc dis- 
cedere collo, /quam (1) possem nuptae perdere +more-\- faces (1), / aut (2) ego transirem tua 
limina clausa maritus, / respiciens udis prodita luminibus (2). Properz könnte also Cynthia 
nicht vergessen und würde weinend an ihrem Haus vorübergehen (2), oder er würde sein „Feuer" 
(faces) verlieren, entweder (la) weil er sich nun seiner Ehefrau zuwenden müßte, also einer 
weniger feurigen Liebe - dann wäre mit A amore zu lesen -, oder (lb) weil er überhaupt die 
Fähigkeit zur Liebe verlöre - dann wäre das überlieferte more vielleicht zu halten: Properz würde 
seelisch erkalten wie eine Ehefrau (zum Textproblem vgl. zuletzt A. ALLEN, Propertius 2,7 on 
Love and Marriage, AJPh 113 [1992] 69 f.; ALLEN liest honore; auch die Deutung von faces als 
Liebesfeuer, wie sie SHACKLETON-BAILEY [1956] 71 f. und ENK [1962] mit zahlreichen Belegen 
vertreten, ist nicht allgemein akzeptiert, z. B. denkt CAMPS [1967] an Hochzeitsfackeln). Doch in 
jedem Falle liebt nach Properzens Ansicht ein verheirateter Mann anscheinend entweder gar nicht, 



4 



210 



Das dritte Kapitel der Liebeslehre 



Warum das so ist, macht Ovid in der Ars deutlich: Die Ehe ist kein Bund, den Men- 
schen freiwillig eingehen, sondern das gesetzlich erzwungene Zusammenleben zweier 
Personen, die sich am liebsten sofort wieder voneinander trennen würden. Nur weil sie 
dazu verpflichtet ist, legt sich die Frau zu ihrem Mann. 68 Eine solche 'Zwangsgeliebte' 
wird sich der kultivierte Liebeskünstler aber ebensowenig wünschen wie eine durch 
Zaubertränke gefugig gemachte, ihrer Sinne nicht mehr mächtige Nymphomanin (Ars 
2,105-107). Es gilt hier dasselbe wie für die zweite Alternative zu 'elegischer' Liebe, 
den Besuch eines Bordells. Da die Frau sich dem Manne nicht aus freiem Willen hin- 
gibt, haben derartige Verbindungen mit Liebe nichts zu tun. Amor im eigentlichen 
Sinne des Wortes ist nur die 'elegische' Liebe. Wenn nun aber die einzige dauerhafte 
Beziehung zwischen Mann und Frau, in der Streit und Zank erlaubt sind, nämlich die 
Ehe, den Titel „amor" nicht verdient, muß ein Mann, der „amator" heißen möchte, 
seine Aggression unterdrücken und sich der indulgentia befleißigen. 
An dieser Stelle macht der Liebeslehrer plötzlich eine Bemerkung über reiche Männer. 
Diesen könne er nichts beibringen; ihr Geld sei seinen Künsten überlegen (Ars 2,161- 
164). Es wurde bereits festgestellt, daß Ovid, wenn er den Schüler zu erotischem Ge- 
horsam motivieren wollte, zunächst andere, weniger anstrengende Formen der Wer- 
bung ausschließen mußte. Man könnte sich daher wundern, warum er mit indulgentia 
eine Vorstufe des obsequium zu lehren beginnt, noch bevor er die einzige Methode be- 
sprochen hat, die nach seiner eigenen Aussage den beiden Techniken überlegen ist: das 
Zahlen. Hat er diesen Punkt etwa vergessen und trägt ihn nun schnell nach? Das ist 
kaum anzunehmen. Die scheinbar fehlerhafte, unsystematische Dispositio ist vielmehr 
sinnvoll Um nämlich den Reichen entgegentreten zu können, mußte Ovid zunächst 
darlegen, was Liebe ist und welche Tugenden sie erfordert. 

Der reiche Liebhaber (Tib. 1,5,47: dives amator) ist eine dem Schüler aus der Liebes- 
elegie vertraute Figur^ Bei Tibull findet man mehrere. Da ist zunächst der eisern 
gleichgültige Gatte der Delia, ein Feldherr, der aus Dummheit lieber Ruhm und Reich- 
tümer erwirbt, als bei seiner schönen Frau zu sein. 69 Von dem reichen Rivalen in der 
Elegie 1,5 erfahren wir nur, daß er mit einer gerissenen Kupplerin zusammenarbeitet 
(1,5,47 f.). Die Reichen in den Marathuselegien sind alt und häßlich; 70 außerdem ist 
der lüsterne Greis, der dem Tibull den schönen Knaben weggekauft hat, sehr dumm, 
denn er bemerkt nicht, daß seine eigene Frau ihn betrügt (Tib. 1,9,65 f.: stultissime). In 



68 
69 



zumindest nicht leidenschaftlich, oder er liebt eine andere Frau als seine Gattin. Selbst wenn er 

also Cynthia hätte heiraten dürfen, hätte Properz sie dann nicht mehr so lieben können wie bisher. 

Vgl schon Am. 1,4,64: quodmihi dasßtrtim, iure coacta dabis. 

Tib. 1,2,67 f.:ferreus ille fiät, qui, te cum posset habere, / maluerit praedas stultus et arma 

sequi. 

Tib. 1,8,29 f.: det munera canus amator, /utfoveat molli frigida membra sinu; Tib. 1,9,73-76: 

corpora foeda podagra / et senis amplexus culta puella jugit. / huic tarnen accubuit noster 

puer: nunc ego credam/cum trucibus venerem lungere posse feris. 



5.1 Unzureichende Mittel des Liebeswerbens (Ars 2,99-176) 



211 



der dritten Elegie des zweiten Buches weilt Nemesis mit einem reichen Mann auf dem 
Lande; wahrscheinlich handelt es sich um einen freigelassenen Emporkömmling. 71 An 
die Stelle dieser Vielfalt setzt Properz (Prop. 2, 16) einen fester umrissenen Typus, der 
dem miles glohosus der Komödie gleicht. 72 Da dieser Rivale immer nur in Feldlagern 
lebt, ist er ein unkultiviertes, „dummes Vieh". 73 

Auch in den Amores ist der reiche Liebhaber ein Mann, der als Soldat ein Vermögen 
gemacht hat (Am. 3,8,9 f.): 74 

ecce recens dives parto per vxdnera censu 
praefertar nobis sangttine pasius eques. 

Ovid arbeitet den Gegensatz zwischen sich selbst, dem feinsinnigen Künstler, und die- 
sem brutalen Barbaren ausfuhrlich heraus. Zu Properzens beutebeladenem Prätor fügt 
er liebevoll alle Mängel hinzu, die Tibull ersonnen hatte, um seine reichen Nebenbuh- 
ler zu schmähen. Das Ergebnis ist ein wirklich abstoßender Unmensch: Wie der Frei- 
gelassene, mit dem Nemesis sich abgibt, ist auch Ovids dives amator ein Parvenü, dem 
der spät erworbene Ritterring schlecht ansteht. 75 Der Unterschied zwischen einem sol- 
chen Mann und einem ehemaligen Sklaven ist winzig, denn beide stellen ihren Körper 
in den Dienst anderer Leute. 76 Da er sich vom einfachen Soldaten nach und nach bis 
zum Primipilus, dem ersten Zenturio einer Legion, hochgedient hat (Am. 3, $,27), ist er 
nicht mehr der Jüngste und selbstverständlich auch häßlich wie der alte Liebhaber des 
Marathus. Seine Haut ist von Narben überzogen, seine Hände von dem Blut befleckt, 
das ihn nährt. 77 Und einen solchen Mann möchte die Geliebte berühren, wo sie doch 
ein weiches, für die Liebe geschaffenes Herz hat! (Am. 3,8, 18) 



75 
76 



Vgl. Tib. 2,3,59 f.: nota loquor: regnum ipse t enet , quem saepe coegit / barbara 
gypsatos ferre catasta pedes. Es ist umstritten, ob sich diese allgemein gehaltene Klage auf den 
Rivalen bezieht, doch ist umgekehrt schwer vorzustellen, wen Tibull sonst meinen sollte, zumal 
schon Properz darüber klagt, daß der reiche Rivale plötzlich „seinen Thron innehabe" (Prop, 
2,16,28): subito felix nunc mea regna tenetl Vgl. a. MURGATROYD (1994) ad loa, der 
übrigens vota („Was ich da sage, sind eitle Träume . . . ") statt nota lesen will MURGATROYD ver- 
weist auf Prop. 4,5,51 f. undOv. Am. 1,8,63 f., wo jeweils eine Kupplerin empfiehlt, reiche Frei- 
gelassene als Liebhaber vorzuziehen. 

Der reiche Rivale in der Elegie Prop. 1,8 wird nicht näher beschrieben. Da er nach lllyrien reist, 
woher der Praetor (Prop. 2,16,1) zurückkehrt, dürfte es sich um denselben Mann handeln. 
Prop. 2,16,27: barbarus excussis agitat vestigia lumbis; 8: stolidum pecus, worauf Ovid mögli- 
cherweise wiXpastus in Am. 3,8,10 anspielt. Vgl. a. Tib. 1,9,76: Wer sich zu dem reichen Riva- 
len legt, könnte auch gleich mit einem Tier schlafen. 

Properz sagt zwar nicht ausdrücklich, daß sein Rivale auf diese Weise zu Geld gekommen ist. Da 
er aber Cynthia rät, ihn wieder in ein anderes lllyrien zurückzuschicken, wenn sie ihn geschröpft 
hat (Prop. 2,16,9 f.), muß sein gegenwärtiges Vermögen auch von dort stammen. 
Am. 3,8, 15: cui nunc serum male convenit aurum; vgl. a. 3,8,9. 

Am. 3,8,20: quaesitum est Uli corpore, quiequid habet. Vgl. a. Prop. 4,5,49-52: nee tibi dis- 
pliceat miles non /actus amori, / nauta nee attrita siferat aera manu, / aut quorum titulus per 
barbara colla pependit, / cretati medio cum saluereforo. 
Am. 3,8,10, 16 und 19; vgl. a. Prop. 2,16,24: Candida tamfoedo bracchia fitsa viro. 



212 



Das dritte Kapitel der Liebeslehre 



heu, ubi mollities pectoris illa tui?! 

Bei allen Unterschieden sind den divites amatores der Liebeselegie drei Dinge gemein- 
sam: Sie alle sind dumme, rohe Tiere und weder liebenswert noch selbst fähig zu zärt- 
lichen Gefühlen. Das gilt besonders bei dem „für die Liebe nicht geschaffenen Sol- 
daten" (Prop. 4,5,49), dessen Lebensbereich der Venus fremd ist. Reiche Liebhaber 
können nur zahlen und den Beischlaf vollziehen; ihren Mädchen bereiten sie keine 
Freude. 

Auf diese Typologie des dives amator greift Ovid in dtr Ars zurück, um seinen Schüler 
davon zu überzeugen, daß auch Reichtum kein geeignetes Mittel für den Liebeskünst- 
ler ist. Es genügen feine Andeutungen, und in dem Kopf des jungen Mannes entsteht 
das vollständige Bild eines blöden Barbaren (Ars 2,161-164): 78 

non ego diviübus venio praeceptor amandi; 

ml opus est Uli, qui dabit, arte mea. 
secum habet ingenium, qui, cum Übet, „accipe u dicit; 

cedimus, inventis plus placet ille meis. 

Erst nachdem Ovid gezeigt hat, daß ein Liebeskünstler sich durch Bildung, Kultur und 
Feingefühl auszeichnet, räumt er ein, daß der Reiche auf diese löblichen Tugenden 
ruhig verzichten kann. Dann ist er aber genau so ein unzivilisierter Rohling wie der 
dives amator der Liebeselegie. Während der Schüler einen steten Strom wohlklingen- 
der, weicher Worte 79 an seine Geliebte richtet, genügen dem, der Geld hat, drei harte 
Silben: accipe. Der Reiche benötigt keine 'inneren' Werte; er trägt seinen Geist im 
Geldbeutel mit sich herum (secum habet Ingenium). Der Reiche darf sich wie ein pri- 
mitiver Schläger aufführen, mit seinem Mädchen wütende Kämpfe austragen und sie 
sogar körperlich mißhandeln. Was kümmert es ihn, wenn ihn diese Ausfälle teuer zu 
stehen kommen? (169-174) 80 Überhaupt braucht er sich nicht um die Liebe seines 
Mädchens zu bemühen, denn dieses 'liebt' ja schon sein Geld. Nicht er selbst gefällt 
den Damen mehr als alle Künste Ovids, sondern seihe Geschenke. 

Daher ist es eine alte Tradition, daß Liebhaber mittellos sein sollten. Die Neue Komö- 
die mit ihren ewig in Geldnöten steckenden Jünglingen weiß davon ein Lied zu singen, 
und das hellenistische Epigramm 81 zeigt, daß zu wahrer Liebe leere Taschen gehören, 



79 



Deswegen kann Ovid auch darauf verzichten, den dives amator als Militär zu charakterisieren, 

womit er bei konservativen Zeitgenossen vielleicht Anstoß erregt hätte, was er ja auch sonst zu 

vermeiden sucht (vgl. bes. 2.4, 2.5 und 5.3). Außerdem gab es Reiche, die keine Soldaten waren. 

Man beachte die weichen Klänge in Ars 2,159 f.: blanditias molles auremque iuvantia verba / 

affer ... Solche weichen Klänge „bringt" (JANKA [1997] 154) der Liebeskünstler seiner Dame 

statt der materiellen Gaben des dives amator. 

Vgl. Am. 3,8,62: imperat ut captae, qui dare multapotest. 

Vgl. G. GlANGRANDE, Sympotic Literature and Epigram, in: L'epigramme grecque, Entretiens 

Fondation Hardt 14, Genf 1968, 135 ff. 



5.1 Unzureichende Mittel des Liebeswerbens (Ars 2,99-176) 



213 



und so gibt sich auch der 'elegisch' Liebende als pauper amator (Ov. Am. 1,8,66). 82 
Es ist also nicht nur wenig schmeichelhaft, sondern widerspricht auch der erotischen 
Ethik, ein reicher Liebhaber zu sein. Ja, es ist sogar unmöglich! Denn, wie Ovid bei 
der Besprechung von Zauberei und Ehe gezeigt hat, darf man nur das Verhältnis 
'Liebe' nennen, in dem die Frau dem Manne aus freien Stücken ihre Zuneigung entge- 
genbringt; und das ist bei einer gekauften Hure nicht der Fall Wer wie der dives ama- 
tor Ovids Vorschriften nicht befolgt, der liebt nicht; und wer nicht liebt, benötigt auch 
keine Liebeskunst 83 

Für den Schüler gibt es nur eine Konsequenz: Sollte er zu seiner Schande über größere 
Summen verfugen, tut er gut daran, dieses Geld nicht einzusetzen. Andernfalls wäre er 
unter all den römischen Liebeskünstlern ein Außenseiter, gebrandmarkt als unkultivier- 
ter, dummer Barbar. Der junge Mann wird sich lieber an das Vorbild seines Lehrers 
halten, der als pauper amator liebte (Ars 2, 165) - oder wenigstens vorgab, arm zu sein. 
Denn immerhin konnte er in einem Notfall seiner Geliebten eine teure Tunika 'erset- 
zen' (171 f.). 84 



Zur Armut des 'elegisch 1 Liebenden vgl. Tib. 1,1; 1,2,73 ff.; 1,5,61 ff,; Prop. 1,14; 2,13,19 ff.; 
2,24,37 f., 49; 2,34,55; 3,2,11 ff.; 4,5,53 ff.; Ov. Am. 1,3,9 f.; 1,8,57 f., 65 f.; 2,17,27; 3,8,55 
ff; [Tib] 3,3,23 f. und z. B. McKEOWN (1989) 66, JANKA (1997) 156. ! 

Einen ähnlichen Gedanken äußert Tibull (1,5,60): nam donis vincitur omnis amor - in bewußter 
Antithese zu Verg. Ecl. 10,69: omnia vincit amor: et nos cedamus amori (vgl, PUTNAM [1973] 
und MURGATROYD [1980] ad loc., auch zu den möglichen Bedeutungen des Verses; wie Ovid den 
Vers deutete, zeigt das Zitat in den Remedia [462]: successore novo vincitur omnis amor). Viel- 
leicht will Ovid auf die Antithese von Tib. 1,5,60 und Verg. Ecl. 10,69 anspielen, wenn er dem 
Reichen erklärt: cedimus (Ars 2,164). - Davon, daß er durch dieses Eingeständnis seine eigene 
Lehre untergrabe (so zuletzt SHARROCK [1994] 63 Anm. 65 und JANKA [1997] 158), kann jeden- 
falls keine Rede sein. Vgl. a. Anm. 53. 

Ars 2, 1 7 1 f: nee puto nee sensi tunicam laniasse, sed ipsa / dixerat, et pretio est Uta redempta 
meo. - Ovid berichtet hier über ein 'Erlebnis', das er in seiner Elegie Am. 1,7 gestaltet hat (vgl. a. 
Prop. 4,5,31 f.) und fugt mit dem Kauf der Tunika eine neue Wendung hinzu, die seine damalige 
Zerknirschung als simulatio und verba dare (Ars 2,166) entlarvt. DALZELL (1996) 144 glaubt, 
die Elegie Am. 1,7 sei gekennzeichnet durch „feelings of remorse and shame"; diese ersetze Ovid 
in der Ars durch das Motiv der Täuschung. Indes wurde längst gesehen, daß der Liebende in Am. 
1,7 selbst seine Reue wenn nicht vortäuscht, so doch zumindest aus taktischen Gründen theatra- 
lisch übersteigert, vgl. WlLDBERGER (1998) 57 f. - Vgl. a. Ov. Am. 1,10,63 f., wo der Sprecher 
sich bereit erklärt, die Geliebte zu beschenken, wenn sie nur aufhört, es von ihm zu verlangen. 
Auch Properz und Tibull, die übrigens wie Ovid aus vermögenden Ritterfamilien stammten (vgl, 
S. 10 Anm. 27), deuten an, daß ihr lyrisches Ich nicht ganz so mittellos ist, wie es zunächst 
scheint: Tibull kann sich eine großzügig geschnittene Toga leisten (Tib. 2,3,78), Properz ernährte 
Cynthia und ihren Haushalt und gab ihr obendrein große Geschenke - sofern man nicht annehmen 
will, daß er mit den Geschenken nur Elegien meint (Prop. 2,8,1 1-14): munera quanta dedi vel 
qualia carminafecii / ... /ergo iam multos nimium temerarius annos, / improba, qui tulerim (e- 
que tuamque domitm? Umstritten ist auch, wie in Vers 14 tulerim zu verstehen ist. ENK (1962) 
ad loc. interpretiert das Verb in der Nachfolge LACHMANNs i. S. v. „ertragen, die Launen und 
Ungerechtigkeiten hinnehmen"; CAMPS (1967) i. S. v. „aushalten, für den Unterhalt aufkommen". 
An anderer Stelle erklärt Properz, daß ihm die Kosten an sich nichts ausmachen, wenn Cynthia 
von ihm einen bestimmt nicht gerade billigen Fächer aus Pfauenfedern, eine Kugel aus wertvol- 
lem Kristall oder elfenbeinerne Würfel haben will (Prop. 2,24, 11 -14). 



214 



Das dritte Kapitel der Liebeslehre 



5.2 obsequium (Ars 2,177-250) 

Es entspricht den Grundsätzen der zärtlichen Nachgiebigkeit (indulgentia), daß der 
Schüler seine Wut zügelt, wie es sich für einen kultivierten Mann gegenüber einer 
feinen Dame gehört. Ovid warnt besonders den armen Liebhaber und fuhrt dabei einen 
neuen Gedanken ein. Der Arme hat Dinge zu ertragen, die ein Reicher nicht hinzuneh- 
men braucht (Ars 2, 167 f.): 

pauper amei caute, timeat maledicere pauper, 
multaque divitibits non patienda ferat. 

Worum es sich bei diesen Dingen handeln könnte, erklärt Tibull (Tib. 1,5,61-66): 

pauper erit praesto tibi semper: pauper adibit 

primus et in tenerofixus erit latere, 
pauper in angustofidus comes agmine turbae 

subicietque manus efficietque viam, 
pauper ad occultos furiim deducet amicos 

vinclaque de niveo detrahet ipse pede. 

Als armer Liebhaber muß der Schüler niedere Dienste verrichten; er ist zu erotischem 
Gehorsam (obsequium amoris) verpflichtet, das der Liebesknechtschaft, dem servitium 
amoris, der Elegie entspricht. Dieses obsequium wird der Schüler nun lernen. 

5.2.1 obsequium statt servitium amoris 

Erst die römischen Elegiker haben den Motivkreis vom servitium amoris zur vollen 
Entfaltung gebracht 86 und servitium neben fldes und militia amoris zu einem grundle- 
genden Konzept 'elegischer' Liebe erhoben. Will ein Mann 'elegische' Liebe erfahren 
und damit, wie Ovid gerade erst gezeigt hat, die einzig denkbare Form von Liebe über- 
haupt, muß er sich dem obsequium unterziehen. 

Um deutlich zu machen, daß das, was er obsequium (Ars 2,179) nennt, das servitium 
amoris der Elegie vertritt, betont der Liebeslehrer den sklavischen Charakter mancher 



LENZ/GALINSKY (1971) lesen nach dem Florilegium Bodleianum mpauper erit praesto semper, 
te pauper adibit Vgl. a. Ov. Am. 1,10,57: officium pauper mimeret studiumque fidemqae . In 
Am 1 3 verspricht der mittellose Verehrer (9 f.) seiner Herrin anstelle von Geschenken langjähri- 
ge Knechtschaft {5),fldes (6, 13 ff) und Gedichte (19 ff.). - Mangelndes Vermögen durch Treue 
auszugleichen (vgl. a. Tib. 1,5,63: fldus comes; Prop. 2,24,37 f., 49 f.), rät Ovid in der Ars nicht. 
Diese Ansicht vertritt selbst MURGATROYD (1981) 596, der großen Wert auf die Vorgeschichte 
des Motivkreises legt. - Weitere Arbeiten zum servitium amoris haben vorgelegt: CoPLEY (1947), 
LILJA (1965) 76-89, KÖLBLINGER (1971) 86-169 und LYNE (1979)/(1980) 296 Anm. 23. Die Be- 
lege bei Tibull diskutiert HENNIGES (1979) 54-65, STROH (1989) das obsequium amoris (vgl 
schon WHEELER [1911] 61 ff). Ovids Lehren in der ,4™ besprechen KÖLBLINGER (1971) 142- 
155, HOLZBERG (1981) 198 ff. und BALDO (1989). Vgl. a. W. D. MENEFEE, The Theme of 'Ser- 
vitium Amoris' in Greek and Latin Literature, Diss. Northwestern Univ. 1981. 



5.2 OBSEQUIUM (ARS 2, 177-250) 



215 



Dienste 87 und umrahmt die Vorschriften mit zwei Exempeln, mit denen Properz und 
Tibull das Sklavendasein des 'elegisch' Liebenden illustrieren. Properz klagt, vergeb- 
lich werbe er um Cynthia, dabei habe doch Milanion die Atalante durch Hingabe er- 
obern können (Prop. 1,1,9 ff.); dieses Exempel stellt Ovid an den Anfang der Lehren 
zum obsequium (Ars 2,185 ff.). Gegen Ende (239 f.) erwähnt er Apollo, der für Admet 
zum Hirten wurde, und zitiert aus der ersten Nemesis-Elegie (Tib. 2,3,11 ff.); dort be- 
schreibt Tibull die Liebesknechtschaft des Gottes, nach dessen Vorbild er selbst der 
Nemesis als Ackersklave dienen will. 88 

Das 'elegische' servitium ist schmerzhaft. Tibull möchte lieber versteinern als die Qua- 
len zu erleiden, die seine Herren Nemesis und Amor ihm zufügen (Tib. 2,4,7 f.): 

o ego ne possim tales sentire dolores, 

quam mallem in gelidis moniibus esse lapis! 

Auch Properz zöge es vor, unter dem Blick der Gorgo Medusa zu erstarren (Prop. 
2,25,13). Selbst der grausame Perillus wäre im Vergleich zu Cynthia ein gnädiger Herr 
(2,25,11 f.). Vor solchem Leid möchte Ovid seinen Schüler bewahren. Wie er das 
qualvolle servitium in ein erträgliches und vor allem erfolgreiches obsequium amoris 
verwandelt, soll nun untersucht werden. 



5.2.2 perfer et obdura (Ars 2,177-196) 

Ist die Geliebte nicht besonders nett und entgegenkommend, heißt es durchhalten (Ars 
2,177 f.). Mit obsequium, nicht aber mit Gewalt, bricht man jeden Widerstand und 
bändigt die wildesten Tiere (179-184). Selbst die herbe Atalante unterlag dem ver- 
dienstvollen Werben des Milanion (185-192). Und der Schüler wird es sogar noch 
leichterhaben! (193-196) 



Ars 2,216: ingenua ... manu; 228: pro servo; vgl. a. JANKA (1997) 186 ff. - KÖLBLINGER (1971) 
144 f. sieht eine Steigerung gegenüber den Vorschriften in Tib. 1,4,39-54: Priap empfehle, den 
„Wünschen" des Knaben zu willfahren, Ovid aber, den „Befehlen des Mädchens" zu gehorchen. - 
Anders als hier vorgeschlagen, meint STROH (1989) 30, Ovid lehre auch servitium lehre und 
führe den Schüler „Ieni ... et tacitu transitu" von indulgentia über obsequium zu servitium, 
BALDO (1993) 291 f. vermutet ebenfalls eine dreistufige Struktur: obsequium, servitium, militia. 
Dies ist übrigens das einzige mythologische Exempel, mit dem Tibull seine Knechtsschaft be- 
schreibt. Properz fuhrt außerdem den Melampus (2,3,51 ff) und den Perillus (2,25,11 f.) an. In 
der Elegie 3,1 1 nennt er neben anderen Frauen, die Macht über Männer hatten (Medca, Penthe- 
silea, Semiramis, Cleopatra), auch Omphale, dkdomina des Hercules (Prop. 3,11,16 ff; 2,24,25 
ff; vgl. dazu Ars 2,217 ff und 5.2.4.2). - Zu den Exempeln erotischer Sklaverei vgl. COPLEY 
(1947) 285 ff; zu dem Apollo-Vergleich in der Ars KÖLBLINGER (1971) 150 f., zu Milanion 
VVATSON (1983) 125 f. und STROH (1989) 28, 43 ff, 52 ff STROH versucht, aus Vcrgils zehnter 
Ekloge eine verlorene Elegie des Gallus zu rekonstruieren, in der Milanion bereits als Vorbild für 
'elegisches' obsequium eingeführt worden sei. 

Vgl. z. B. noch Prop. 3,24,13 f.: correptus saevo Veneris torrebar aeno; /vinetus eram versas 
in mea terga manus; 1,7,7: servire dolori; 2,17,17 f.: Trotz der zuvor geschilderten Höllenqualen 
will Properz der Geliebten treu dienen. 



216 



Das dritte Kapitel der Liebeslehre 



Obsequium ist vor allem dann zweckmäßig, wenn der Schüler an eine Dame vom 
Schlage der 'elegischen' domina gerät. Diese ist hartherzig (dura), 90 stolz abweisend 91 
und grausam (saeva) 92 Schnell gerät sie in Rage, und es kümmert sie nicht, ob ihre 
Wut berechtigt ist. Hemmungslos läßt sie ihre Drohungen auf den unschuldigen Lieb- 
haber niederprasseln. 93 Er seinerseits zittert schon beim kleinsten Anzeichen von Un- 
willen. 94 Wem Cynthia ihre Gunst schenkt, den erwartet ein einziges Heulen und 
Zähneklappern (Prop. 1,5,13-16): 



90 Die Junktur dura domina verwendet Properz (1,7,6); auch Atalante ist dura (Prop. 1,1,10). Öfter 
belegt ist durapuella (Prop. 1,17,16; 2,1,78; Tib. 2,6,28; vgl. a. Tib. 1,8,50; Ov. Ars 2,527; Ov. 
Am. 1,9,19: dura amica). Auch das Verhalten der Geliebten und Dinge in ihrer Umgebung sind 
„hart" (z. B. Prop. 1,15,1; 2,5,7; 2,22b,43; 2,24,47; Tib. 1,6,69), besonders ihre Tür (Prop. 
1,16,18; Tib. 1,1,56; Tib. 1,2,6; 1,8,76; 2,6,47; Ov. Am. 1,6,28, 62, 68, 74; 2,1,22; 3,1,53). 

91 Properz klagt in der Elegie 1,18 (w. 5 und 25) über den abweisenden Dünkel ffastus) der hoch- 
mütigen (superba) Geliebten und bittet später um Befreiung von dem servitium superbum (Prop. 
3,17,41). Vgl. ferner Prop. 3,17,3 ffastus der Venus); 2,8,16 (superba); Tib. 1,8,69, 75, 77 
ffastidia, fastus, superba); Tib. 1,9,80 (regna superba). - Vor allem Properz erklärt den Hoch- 
mut seiner Geliebten mit ihrer Schönheit, z. B. 3,8,35 f.: gaude, quod nulla est aeque formosa! 
doleres, / si qua foret: nunc sis iure superba licet; Prop. 2,1,8; 3,24,2; (Prop. 2,33,14) sowie 
Ov. Am. 2, 17,9: scilicet a speculi sumuniur imagine fastus. 

92 Properz 1,1,10; 1,3,18; 1,8,16 (Der Abreisenden wird der Dichter „crudelis!" nachrufen.); 
1,16,17 (übertragen auf die Tür); 2,25,12; (3,16,8); 4,8,55. - Bei Tibull wird die Geliebte selbst 
nur einmal saeva puella genannt (2,4,6; vgl. a. 1,8,62). Öfter sind bei ihm die Liebesgottheiten 
grausam (1,2,90, 99 f.; 1,5,58; 1,6,3 f.; 1,8,7; 2,4,1 ff.). - Ovids domina ist nicht mehr selbst 
grausam; er leidet unter den Angriffen des saevus Amor (Am. 1,1,5; 1,6,34; 2,10,19) und beklagt 
sich über die Grausamkeit der Tür der Geliebten (Am. 1,4,62; 1,6,73; der Wächter: 3,1,55; so 
schon Tib. 1,2,5 [custodia saeva]). 

93 Das gilt so allerdings nur für die Damen bei Properz, vgl. STROH (1989) 38 mit Anm. 32: Die 
zornige Cynthia zeichnet sich keineswegs durch frauliche Sanftheit aus: molliter irasci non solet 
illa tibi (1,5,8; vgl. ferner 1,4,19 ff.; 1,6,9; 1,9,22 [von der Geliebten des Ponticus gesagt]; 
2,9,35; 2,29,9; 3,8; 3,23,12; 4,8,5 1 ff.). Überhaupt ist die Frau nach Ansicht des Properz ein jäh- 
zorniges und nachtragendes Geschöpf: nescit vestra ruens ira referre pedem (3,15,44); nee me- 
minit iustas ponere laesa mjnas (1,10,26). Oft muß der Liebende auch ungerechte Vor- 
würfe und Mißhandlungen ertragen, vgl: 1,7,12: iniustas saepe tulisse minas;2,25,U; 
3,15, bes. v. 1 1: Dirce tarn vano (zum Text vgl. FEDELI [1985] ad loc.) trimine saeva; 2,3,49 f.: 
sie iuvenes trepidant in amore feroces, / dehinc domiti post haec aequa et iniqua ferunt; 2,4,3; 
2,5,14; 2,14,13; 2,16,31; 2,24,39; 3,25,7. - Tibulls Geliebte verhalten sich zwar grausam (s. vor- 
herige Anm.), zürnen aber nicht, ebensowenig wie die Liebesgottheiten. Die Grausamkeit äußerst 
sich vielmehr als S t r a f e , die von der Geliebten (z. B. 1,5,5 f.; vgl. a. Prop. 1,17, bes. v. 10) 
oder von Venus bzw. Amor (z. B. 1,3,21 f.; 2,6,5 f.) vollzogen wird. Die Strafe der Götter kann 
aber auch die Geliebte treffen: saevit et iniusta lege relicta Venus (1,5,58; vgl. Prop. 1,15,33 ff.; 
2,16,47 ff; 2,28,5 ff). Genauso wie Cynthias Zorn dem Properz, erscheint auch dem Tibull die 
Strafe nicht immer gerecht. So quält ihn Venus, obwohl er ihr immer treu gedient hat (1,2,99 f.). 
Selbst wenn er unschuldig ist, darf ihn die eifersüchtige Geliebte bestrafen (1,6,71 f.): et si quid 
pecasse putet, ducarque capillis / immerito pronas proripiarque vias. Amor und die Geliebte 
quälen ihren Sklaven, gleich ob er gefehlt hat oder nicht (2,4,5): et seu quid merui seu nilpecca- 
vimus, urit (der Text ist allerdings unsicher; vgl. LENZ/GALINSKY [1971]). - Ovids Mädchen 
zeigt nur die gewöhnliche Eifersucht (Am. 2,7, bes. 14; 2,8,15; als von der Kupplerin empfohlene 
Taktik: Am. 1,8,79 ff). 

94 Properz wagt es nicht, die schlafende Cynthia zu berühren (1,3,17 f.): non tarnen ausus eram do- 
minae turbare quietem / expertae metuens iurgia saevitiae. Tatsächlich macht ihm die Geliebte, 



5.2 OBSEQUIUM(ARS 2,177-250) 



217 



a! mea contemptus quotiens ad limina curres, 

cum tibi singultu fortia verba cadent, 
et tremulus maestis orietur fletibus horror 

et timor informem ducet in ore notam. 

Während der 'elegisch' Liebende den Launen und Ausfällen seiner Herrin schutzlos 
ausgeliefert ist und sie daher als überaus bedrohlich empfindet, spielt Ovid den Wider- 
stand der Dame herunter und beschreibt sie nur als nicht ganz so zärtlich, wie man sich 
das wünschen möchte. 96 Der junge Liebeskünstler steht vor einem zwar störenden, 
aber doch überwindbaren Hindernis. 

Trotzdem verspricht Ovid eine vorsichtige Kunst, eine ars cauta, zu lehren, und er- 
innert so an das Motiv der Gefahr, das in der Daedalus-Erzählung eine wichtige Rolle 
spielte. Dort wurde angedeutet, daß scheitern wird, wer allzu leidenschaftlich oder un- 
terwürfig liebt. 97 Das gilt auch jetzt: Man darf seine Brust nicht schutzlos Amors Pfei- 
len darbieten 98 und nicht alles für seine Geliebte tun (Ars 2,193-196): 

non te Maenalias armatum scandere Silvas 

nee iubeo collo reiiaferre tuo 
pectora nee missis iubeo praebere sagittis; 

artis erunt cauiae mollia iussa meae. 



nachdem sie aufgewacht ist, sofort Vorwürfe (35 ff.). Ihre Klagen wirken jedoch für einen objek- 
tiven Beobachter keineswegs furchteinflößend oder gar grausam. 

Properz spricht hier zu Gallus, der sich an Cynthia herangemacht hat, und übertreibt natürlich, 
um den Rivalen abzuschrecken. Doch ängstigt er sich auch selbst (Prop. 1,3,17 f., 1,18,25 f.: om- 
nia consuevi timidus perferre superbae / iussa ; 2,29,4: die von der Geliebte ausgesandten Ero- 
ten machten ihm Angst; 3,11,5-8: Jeder muß furchten, in die Gewalt einer Frau zu geraten; tu 
nunc exemplo disce timere meo). Vgl. a. Ov. Am. 3,3,31 t'.formosas superi metuunt offendere 
laesi/atque ultro, quae se non timuere, timent. 

Auch die Atalante d&rArs ist nicht so grimmig wie die des Properz. Sie ist nur barsch und wider- 
borstig (2,185: aspera; 186: trux) und springt nicht gerade sanft mit ihrem Liebhaber um (187: 
nee mitia facta puellae). Properzens Atalante ist dagegen hart und von wütender Grausamkeit 
(Prop. 1, 1, 10: saevitiam durae ... Iasidos). 

Vgl. S. 179 ff. - Wie schon im ersten Buch (bes. 399 ff., vgl. 3.3), deutet Ovid die seelischen Ge- 
fahren der Liebe nur an und spricht statt dessen im Zusammenhang mit den Lehren zu indulgen- 
tia von dem Risiko materieller Verluste, vgl. Ars 2,167: pauper amet caute , timeat maledi- 
cere pauper; 174: eulpae damna timete meae. - Wahrscheinlich befurchtet der Liebeslehrer, daß 
der junge Mann, wenn er sich der wahren Gefahren allzu bewußt wäre, seine souveräne Über- 
legenheit verlieren würde. Wenn er aber diese verlöre, würde er scheitern. 
Direkt vor der zitierten Stelle deutet der Liebeslehrer an, daß es zwei Arten von Pfeilen 
gibt (Ars 2,191 f.): sensit <sc. Milanion> et Hylaei contentum saucius arcum, / sed tarnen hoc 
arcu notior alter erat. Wenn Ovid daraufhin befiehlt sich von „Pfeilen" fernzuhalten! (195), so 
haben seine Worte einen doppelten Sinn: Gemeint sind nicht nur Pfeile, wie sie der Kentaur Hylas 
verschoß, sondern auch Amors Pfeile. Weder soll man sich physische Wunden zufügen lassen 
noch die psychischen Verletzungen einer allzu leidenschaftlichen Liebe. - So erklärt sich auch, 
warum die Ars von der Vorlage, wo Hylas eine Keule trägt, abweicht (Prop. 1,1,13 f.: Hylaei 
percussus vulnere rami) . Um nämlich dem Vers 195 den beschriebenen Doppelsinn zu geben, 
mußte Ovid den Kentauren mit Pfeil und Bogen bewaffnen. Vgl. a. unten Anm. 1 14. 



218 



Das dritte Kapitel der Liebeslehre 



Denn erfolgreiches obsequium ist nur dann möglich, wenn der Liebeskünstler - anders 
als der 'elegisch' Liebende - von der Dame unabhängig bleibt. 

Daß sich das servitium amoris der Elegie in diesem Punkt von dem obsequium fax Ars 
grundlegend unterscheidet, betont Ovid durch ein Catull-Zitat (Ars 2,177 f.): 

si nee blanda satis nee erit tibi comis amanti, 
p e rfe r et oh dura: posimodo mitis erit. 

Catull ermahnt sich in Carmen % mit den Worten „perfer, obdura!", hart zu sein und 
die Geliebte zuverlassen; der Schüler aber soll genau das Gegenteil tun. Er muß 
hart sein und standhaft bei der Geliebten bleiben." Wie Catull haben auch Pro- 
perz und Ovid in den Amores innere Monologe gestaltet, in denen der gekränkte Lieb- 
haber sich - vergebens - die Fehler seiner Geliebten vor Augen hält, um endlich die 
Kraft aufzubringen, die Unwürdige zu verlassen. 100 Dieses Motiv kehrt Ovid in der^r^ 
um: Das Verhalten der Geliebten, das dem 'elegisch' Liebenden ein Ansporn sein soll, 
sich von ihr zu trennen, darf den Schüler der Ars nicht daran hindern, auch weiterhin 
ihre Nähe zu erdulden. 101 Der Schüler wäre also ohne weiteres in der Lage, die Bezie- 
hung zu beenden; sonst müßte Ovid ihn ja nicht ermahnen, bei der Dame auszuharren. 

Das bedeutet, daß der Liebeskünstler sich f r e i w i 1 1 i g dem obsequium unterzieht, 
wie ja auch das Wort obsequium das freiwillige Unterordnen unter den Willen einer 
anderen Person bezeichnet, servitium aber das aufzwang beruhende Unterworfensein 
unter die Willkür eines Herrn. 102 Der 'elegische' Liebessklave sucht zwanghaft die 
Nähe seiner domina; seine Liebe kettet ihn an die Herrin wie den ianitor an die Tür. 



99 Cat. 8,11: sed obstinata mente perfer, obdura. - Die Umkehrung bemerken SOLODOW (1977) 
108, HOLZBERG (1981) 201 f. und BALDO (1993) 292; vgl. a. Hör. Sat. 2,5,39, allerdings nicht 
in erotischem Kontekt. 

100 Ov. Am. 3,ll,bes. 7f.: perfer et obdura: dolor hie tibi proderit olim: / saepe tulit 
lassis sueus amarus opem\ Prop. 2,5,9 ff: nunc est ira recens, nunc est discedere tempus ... 
dum licet, iniusto subtrahe colla iugo. Auch in den Remedia empfiehlt -Ovid diese Methode (299 
f.): saepe refer tecam sceleratae facta puellae / et pone ante ocalos omnia damna tuos. 

101 Eine ähnliche Umkehrung findet sich auch bei Properz gegen Ende des zweiten Buches. Da der 
Liebende einsehen muß, daß er sich von dem „ungerechten Joch" (Prop. 2,5,14) nicht befreien 
kann, erhebt er seine treue Knechtschaft zum Ideal, durch das er sich gegenüber reichen, aber un- 
treuen Liebhabern auszuzeichnen und die Gunst der Geliebten schließlich doch zu erringen hofft 
(Prop. 2,24,23 ff., bes. 39 f.: nil ego non patiar; numquam me injuria mutat: /ferre egofor- 
mosam mdlum onus esse puto\ Prop. 2,25,15-18: sed tarnen o b sistaml teritur robigine mucro / 
ferreus et parvo saepe liquore silex: / at nullus dominae teritur sub limine amator; / restat et 
immerita sustinet aure minas). Properz zitiert Catull zwar nicht wörtlich, doch die Beschreibung 
des Liebhabers, der härter ist als Eisen und Stein, erinnert an Catulls „obdura!". 

102 Vgl. STROH (1989) 30: Vor der Kaiserzeit habe man dieses Wort nicht auf Sklaven angewendet; 
im Gegensatz zu oboedire bedeute obsequi, freiwillig einem anderen etwas zuliebe zu tun: „sci- 
licet eum, qui oboedire cogitur, 'obsequi' dicere non licet; is 'obsequitur' qui sua sponte alteri 
morem gerens pro servo (ut Ovidii verbis utar) agit." 

103 Vgl. etwa Prop. 2,25,20: invitis ipse redit pedibus; Tib. 1,1,55 f.: me retinent vinetum formosae 
vincla puellae, / et sedeo duras ianitor ante fores. - Die Elegiker vergleichen den Liebenden wie- 



5.2 OBSEQUIUM {ARS 2,177-250) 



219 



Der Schüler der Ars dagegen soll selbst ungebunden und statt dessen bestrebt sein, in 
seinem Mädchen Liebe zu wecken, um s i e an sich zu binden. Ovid empfiehlt 
ihm nicht: 104 

si vis amari, ama i 
sondern (Ars 2,107): 

ut ameris, amabilis esto. 
Ziel des obsequium ist es, geliebt zu werden - nicht, selbst zu lieben; der Schüler soll 
sich so verhalten, daß die Dame ihn liebgewinnt, seinerseits aber keine leidenschaftli- 
chen Gefühle hegen. Denn wäre er von ihr seelisch abhängig, könnte aus freiwilligem 
obsequium leicht zwanghaftes servitium werden. 

Dagegen versucht Ovid Vorsorge zu treffen. Für den Fall, daß der junge Mann ein hef- 
tigeres Feuer in seiner Brust zu nähren beginnt, erinnert ihn der Meister wiederholt 
daran, daß das nicht wünschenswert ist. Der besseren Übersicht halber seien hier alle 
Belege aus diesem Kapitel der Liebeslehre zusammengestellt: 

Schon der vorbildliche amator Ulixes brachte Frauen dazu, sich in Liebe zu ihm zu 
verzehren, ohne selbst solche Qualen ertragen zu müssen. Durch den Zusatz des Ad- 
jektivs „geschickt" (dextera) stellt Ovid klar, daß die indulgentia des Schülers aus 
sachlichen Überlegungen erwächst und nicht etwa einem zärtlichen Affekt ent- 
springt. 105 Der gehorsame Liebhaber braucht sich nicht mit Amors Pfeilen beschießen 
zu lassen (195). Obsequium gleicht zwar einem Kriegsdienst in „weichen Heerlagern" 
(236), doch dieser Dienst bedeutet keine Unterwerfung unter die Macht des Liebes- 
gottes. Da ein Sklave wie ein Soldat bedingungslos gehorchen muß, beschreibt sich der 
'elegische' Liebessklave auch als Soldat unter dem Befehl seiner Herrin oder der Gott- 
heiten Amor und Venus. 106 Doch über das „weiche Feldlager" in der ,4™ gebietet kein 



derholt mit einem gefesselten Sklaven oder Gefangenen (Prop. 1,5,12; 2,3,51; [2,29,6 und 10: 
Properz wird von den Eroten gebunden und abgeführt.]; Prop. 3,11,4; 3,15,9 f.; 3,24,14; Tib. 
1,2,92; 1,8,5 f.; 2,4,3 f.; 2,6,25 f.; Ov. Am. 3,11,3). Bisweilen erklärt der Liebende auch'seine 
Bereitschaft, sich wie ein Sklave in Fesseln legen zu lassen, nur um in der Nähe der Geliebten zu 
sein (Tib. 1,6,37 f.; 2,3,79 f.; Ov. Am. 1,6,47). - Zum Motiv der Fesseln vgl LUJA (1965) 84 f., 
MURGATROYD(1981) 596 ff., zur Sklaverei als „emotional slavery" DAVIS (1989) 38 f. mit wei- 
terer Literatur. 

104 

Sen. ep. 9,6 = Hecaton frg. 14 GOMOLL, 27 FOWLER; vgl. S. 188 f. Anm. 8 und z, B. noch Mart. 
6,11,10: ut ameris, ama. - Auch SHARROCK (1994) 72 bemerkt den Unterschied: „Ovid's slight 
but significant deviation frorn the norm condenses the whole work into half a line: not %ve' but 
'be lovable 1 ." Vgl. ferner BALDO (1993) 283. - SHARROCKs Interpretation trifft so allerdings nur 
für das dritte Kapitel der Liebeslehre zu, nicht für „the whole work", vgl. 6.6. 
Ars 2,145; vgl. BALDO (1993) ad loc. Dagegen meint JANKA (1997) 144 f., das Adjektiv bedeute 
hier „passend, angemessen"; in den von ihm zitierten Belegen ist jedoch die Bedeutung „günstig, 
io6 glückverheißend" (vgl. OLD s. v. dexterNr. 2) naheliegender. 

Auch im ersten Buch wird kein Feldherr genannt (Ars 1,36): qui nova nunc primum miles in 
arma venis. - Als miles von Amor und Venus erscheint der 'elegisch' Liebende: Prop. 4,1,135 ff.; 



220 



DAS DRITTE KAPITEL DER LIEBESLEHRE 



General; denn der Schüler ist kein Sklave seiner Gefühle und soll es auch nicht sein. 
Im Gegenteil! Nur weil ihn Ovid dazu ermahnt, wird er seinen gleichgültigen Stolz 
(239: fastus), der sonst ein Kennzeichen der 'elegischen' domina ist, ablegen und nach 
dem Vorbild Leanders unter Lebensgefahr das Mädchen aufsuchen (243 ff.), obwohl 
er gut darauf verzichten könnte (Ars 2,249 f.): 

saepe tuapoteras, Leandre, carere puella: 
tranabas, animum nosset ut illa tuum. 

Der Liebeskünstler darf es auch nicht hochmütig von sich weisen, die Geliebte zu pfle- 
gen, wenn sie einmal krank ist. Ja, er muß sogar seinen Ekel überwinden und die Kran- 
ke küssen. 107 Ein 'elegisch' Liebender dagegen kann gar nicht anders; außer sich vor 
Sorge hastet er sofort zu seiner Herrin. 108 Das Mädchen soll glauben, der Schüler sei 
von ihrer Schönheit überwältigt (295 ff.); er selbst aber weiß, daß nur seine Künste als 
Simulator (3 1 1) gefordert sind. Kurzum: Bis zum Überdruß muß er sich in der Nähe 
der Geliebten aufhalten und sie so an sich gewöhnen. 109 

Anders als der Liebeskünstler, der sich aufgrund nüchternen Zweckdenkens freiwillig 
entschließt, seiner Geliebten zu gehorchen, unterliegt der servus amoris der Elegie 
dem Zwang der eigenen Gefühle. Seine Knechtschaft ist keine bewußt gewählte 
Methode der Werbung, sondern ein Zustand, in den er gegen seinen Willen gerät 



Tib. 2,3,33 f.; 2,6,5 f.; Ov. Am. 1,9,1 (und 44); 1,11,11 f. (?); 2,9,3 f.; 2,12,27 f.; 3,15,15 f. 
(hier sind die Liebesgötter eher 'Besatzer'), als miles der Geliebten: Prop. 2,7,15 f.; 2,25,5 ff.; 
Ov. Am. 1,9,5 ff., wo aber die Geliebte später mit einer Belagerten verglichen wird (19 f.). Ovid 
schwächt das Motiv in den Amores auch dadurch ab, daß er es auf den Kastraten Bagoas über- 
trägt (Am. 2,3,7 ff.). - Da der Liebende im Lager seiner domina dient, kann man einen Seiten- 
sprung auch castra movere nennen (vgl. Prop. 4,8,27 f.). - Das Motiv vom erotischen Feldlager 
und den sachlichen Zusammenhang mit dem servitium amoris haben SPIESS (1930) 60, 66 und 
MURGATROYD (1975) 67 ff. behandelt. 

Ars 2,325: nee taedeat oscula ferre; 323: nee tibi morosi veniant fastidia morbi. - Zu fastidia 
l S. v. fastus vgl. Tib. 1,8,69: oderunt, Pholoe, moneo, fastidia divi. 

Vgl. Ov. Am. 3,11,25: dieta erat aegra mihi: praeeeps amensque cueurri; daß Cynthia sich 
nicht so beeilt, wertet Properz (1,15) als sicheres Zeichen ihrer Lieblosigkeit. 
Ars 2,345 f.:fac tibi consuescat: nil assuetudine malus, / quam tu dum capias, taedia nulla 
fuge. Ovid übernimmt hier eine Vorschrift des Liebeslehrers Priap (Tib. 1,4,15 f.): sed ne te ca- 
piant, primo si forte negabit, / taedia. Doch das Zitat läßt den Gegensatz zwischen Liebeskunst 
und 'elegischer' Liebe nur noch deutlicher hervortreten. Während Priaps Schüler es vielleicht ir- 
gendwann satt hat, immer wieder abgewiesen zu werden, rechnet Ovid damit, daß dem jungen 
Liebeskünstler die ständigen Einladungen der Geliebten zuviel sein könnten. 
In den Arbeiten zum servitium amoris wird nicht immer ausdrücklich zwischen der Persona des 
'elegisch' Liebenden und dem Dichter der Elegien unterschieden. So könnten Thesen wie die von 
STROH (1971) 217 ff, LYNE (1979) 1 17, 127 ff. + (1980) 80 f. und HOLZBERG (1990) 1 1, das 
Konzept des servitium amoris habe dem Protest gegen konventionelle Werte gedient, mißverstan- 
den werden. Ein bewußt gewähltes Mittel des Protestes könnte das servitium amoris zwar für den 
Dichter gewesen sein, nicht aber für seine Persona, den 'elegisch' Liebenden. Dieser wird gegen 
seinen Willen zum Liebessklaven und erklärt bestenfalls im nachhinein diesen Zustand zum Ideal 
Nur der Dichter kann wählen, ob er sein lyrisches Ich als servus amoris beschreibt oder nicht. - 
Auch die Interpreten sind sich dieses Unterschiedes bewußt; so diskutiert etwa HOLZBERG (1981) 



109 



5.2 OBSEQUlühl (ARS 2,177-250) 



221 



Bilder und Metaphern, mit denen die Eiegiker diese Unterwerfung unter die Macht der 
Liebe beschreiben, kehrt Ovid in der Ars um: Oft wird der 'elegisch' Liebende mit 
einem Besiegten oder Kriegsgefangenen verglichen. 111 Der Liebeskünstler aber ist 
selbst ein Eroberer und trägt durch Nachgeben den Sieg davon (Ars 2, 197): 1 12 ; 

cede repugnanti: cedendo victor abibis. 
Der 'elegisch' Liebende, der sich trotz seines Sträubens dem servitium amoris nicht 
entziehen kann, gleicht einem Tier, das man bändigt und sich dienstbar macht, z. B ( 
einem Stier unter dem Joch des Pfluges. 113 Dagegen braucht der Liebeskünstler keine 
Last auf seinen Nacken zu laden; 114 er wird selbst sein Mädchen bändigen, so wie man 
Stiere, Löwen und Tiger zähmt (Ars 2,183 f.): 



199 f. die „negative moralische Beurteilung" des servitium durch (sc. die Persona des) Properz 
undLYNE(1979) 117 spricht von „the lover's State or senseof degradation". - Unklar bleibt, 
was HENNIGES (1979) 54 meint, wenn der sagt: „Der Eiegiker erfährt ... die Liebe als eine irra- 
tionale Macht, der er sich freiwillig unterwirft, obwohl er ihre Wirkung als Qual empfindet." Wie 
kann man sich „freiwillig", d. h. aufgrund rationaler Entscheidung, feiner irrationalen Macht 
unterwerfen", d. h. irrational handeln bzw. fühlen? 

Vgl. besonders Ov. Am. 1,2; Prop. 1,1,1. Bemerkenswert ist auch, daß Properz das Verbum ca- 
pere in den ersten drei Büchern nur entweder im militärischen Sinne („erobern, gefangen neh- 
men") oder sensu erotico gebraucht (= „die Sinne rauben"). Ebenso verfährt er mit den Wörtern 
praeda und praedare, z. B. 2, 1 ,55 : una meos quoniam praedata estfemina sensus. 
Ars 2,145: capit indulgentia mentes; 181: vincere; vgl. a. 2,346; capere war der Terminus tech- 
nicus, mit dem Ovid in der Nachfolge Tibulls (1,4,3) das Lehrziel des zweiten Kapitels der Lie- 
beslehre beschrieb (Ars 1,265; 2,12). - In Vers Ars 2,197 läßt Ovid Verg, Ecl. 10,69 (omnia 
vincit Amor: et nos cedamus Amori) anklingen und kehrt den dort geäußerten Gedanken um - wie 
schon im Proömium des ersten Buches (vgl. S. 21). Ähnliches lehrt Priap (Tib. 1,4,39 f.): tu 
puero quodeumque tuo temptare libebit, / cedas: obsequio plurima vincet Amor (vgl. MURGA- 
TROYD [1980]; Amor wird meist kleingeschrieben). Doch unterscheidet sich Ovids Formulierung 
in zwei wichtigen Punkten von der Tibulls: Anders als der Liebeslehrer schränkt Priap erstens das 
Erfolgsversprechen ein. Amor siegt nicht in allen Fällen, sondern nur in den meisten (plurima). 
Zweitens ist bei Tibull, nicht anders als in der Ekloge Vergils, Amor der Sieger, d. h. entweder 
der Gott oder der metonymisch durch seine Gefühle bezeichnete Liebende. Nur bei Ovid siegt ein- 
deutig der Schüler selbst; und dieser wird nicht als Liebender charakterisiert. 
Vgl. S. 17 ff. Im Zusammenhang mit dem servitium amoris erscheint das Motiv Prop. 1,5,12; 
1,9,6; 2,3,47 ff.; 2,5,14; 3,11,1 ff.; Tib. 1,5,6 und Ov. Am. 1,2,13 ff. Auf einen weiteren Beleg 
(Prop. 2,34,50: trux tarnen a nobis ante domandus eris) spielt Ovid mit Ars 2,186 an: 
suceubuit meritis trux tarnen illa v/n, vgl. JANKA (1997) 170. Das Gleichnis vom Pflug- 
stier (Ars 2,184) dient also nicht nur dazu, für „lehrdichtungstypisches Kolorit" zu sorgen, wie 
JANKA (1997) 167 meint. - Man beachte auch das Echo: Prop. 1,4,4 (assueto ... servitio) - Ars 
2,345 (fac tibi consuescat: nil assuetudine malus). 

Die Vorschrift nee iubeo collo retiaferre tuo (Ars 2,194) erinnert an den Nacken des 'elegisch' 
Liebenden; auf ihm lasten das Joch der Liebesknechtschaft (vgl. LUJA [1965] 85 sowie z. B. 
Prop. 2,5,14: iniusto subtrahe colla iugo), Ketten (Prop. 2,29,10; 3,15,9 f.: nee femina post te / 
ulla dedit collo dulcia vincla meo\ Tib. 1,2,92) oder Amor selbst (Prop. 2,30,8: [sc. Amor] gra- 
vis ipse super libera colla sedet). Auch hier (vgl. oben Anm. 98) weicht Ovid von seiner Quelle 
ab, um einen Doppelsinn zu erreichen: Er läßt den Milanion Netze tragen (Ars 2, 189), von denen 
bei Properz keine Rede ist (Prop. 1,1,9 ff.). - Properz meint ebenfalls, daß man eine Frau durch 
Wohltaten „zähmen" könne (1,1,15). Nur ist er selbst nicht in der Lage, dieses Kunststück bei 
Cynthia zu vollbringen (1,1,17). Vgl. außerdem Tib. 1,4,16: paulatim sub iuga colla dabit. 



222 Das dritte Kapitel der Liebeslehre 

obsequium tigresque domat Numidasque leones; 
rustica paidatim taurus aratra subit 

Und wie das Beispiel der sprichwörtlich herzlosen und gewalttätigen Löwen und Tiger 
zeigt, wirkt solcherart überlegt eingesetztes obsequium auch bei einer hartherzigen, 
grausamen und furchteinflößenden 'elegischen' domina. 

5.2.3 obsequium als Mittel zum Zweck 

Erotischer Gehorsam ist ein freiwillig gewähltes Mittel zum Zweck und kein Zustand, 
der von dem Liebessklaven als umso qualvoller empfunden wird, je abweisender sich 
seine Herrin verhält. Vielmehr gibt erst dieses abweisende Verhalten Anlaß zu obse- 
quium. Daraus ergeben sich zwei Konsequenzen: Erstens bemüht sich der Schüler um 
eine Dame nur dann und nur so lange, wie diese Technik Erfolg verspricht. Sollte er an 
eine Frau geraten sein., bei der er sich fruchtlos bemüht, wird er sich von ihr trennen 
und den 'Dienst' beenden. 116 Zweitens kann der Liebeskünstler unter den verschiede- 
nen Diensten und Gefälligkeiten eine kritische Auswahl treffen. Der Schüler wird auf 
bequemerem Wege nicht weniger erfolgreich sein als Milanion (Ars 2,193-196). 

So unterbindet Ovid alle masochistischen Exzesse. 118 Im Gegensatz zu Tibull wird sich 
der Schüler weder bei harter Feldarbeit Blasen holen 119 noch dulden, daß man ihn wie 



1 15 Zum Topos vom hartherzigen, grausamen Sproß einer Löwin vgl. SUTPHEN in den Nachträgen zu 
OTTO (1890) S. 219 f., TRÄNKLE (1990) 133 f. und G. LIEBERG, Puella divina. Die Gestalt der 
göttlichen Geliebten bei Catull im Zusammenhang mit der antiken Dichtung, Amsterdam 1962, 
275 ff. zu Catull c. 60. - Von diesem Vergleich bei Catull wurde wohl Tibull (1,4,17) angeregt: 
longa dies homini docidt parere leones. Bei Tibull ist jedoch das Motiv der Bändigung von dem 
des obsequium (Tib. 1,4,39 ff.) getrennt. Das bedeutet, daß der Liebende hilfloser wirkt, da er 
nur abwarten, die Unterwerfung des Knaben aber nicht aktiv bewirken kann (ganz abgesehen da- 
von, daß Jugendschönheit rasch verfliegt, weswegen man sich beeilen muß und gar nicht warten 
kann - Tib. 1,4,27 ff.). - Zum Gedanken, daß die Geliebte so schrecklich wie eine Tigerin ist, vgl. 
Prop. 1,9,19 (tum magis Armenias cupies decedere tigris), worauf Ovid in den Ämores (2,14,35: 
hoc neque in Armeniis tigres fecere latebris) anspielt, sofern er nicht direkt auf Vergil zurück- 
greift (Ecl. 5,27-30: Daphni, timm Poenos etiam ingemuisse leones / interitum montesque feri 
silvaeque loquuntur. / Daphnis et Armenias currti subiungere tigris / instituit). Eine „versteckte 
Kritik" an der Religionspolitik des Augustus, wie sie JANKA (1997) 166 vermutet, vermag ich 
nicht zu erkennen. 

116 Darin, daß „in deutlicher Antithese zur .yen>/tfwm-Konzeption der Liebeselegie der Erfolg in Aus- 
sicht gestellt" (201 f.) wird, sieht HOLZBERG (1981) den wesentlichen Unterschied zwischen dem 
obsequium der Ars und dem servitium der Elegie. Die Leiden des Schülers „verlieren ... dadurch 
erheblich an Schärfe, daß sie nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel zum Zweck gedacht sind" 
(203). - Vgl. a. BALDO (1989) 40: Das servitium amoris, das für den Liebenden „totale e sofferta 
dedizione amorosa" bedeute, verwandele Ovid „in puro strumento tattico". 

117 BALDO (1989) interpretiert diese Verse als Vergil-Parodie (G. 3,40 f.: interea Dryadum Silvas 
saltusqite sequamur / intactos, tua, Maecenas, haud mollia iussa) und meint, Ovid setze sich 
kritisch mit der Dichtungstheorie des Älteren auseinander. 

118 Besonders brutale Mißhandlung des Sklaven und das Fehlen jeglichen Widerstandes sind typisch 
für das servitium bei Tibull, vgl. LYNE (1979) 128 f., MURGATROYD (1981) 599, HOLZBERG 



5.2 OBSEQUIUM (ARS 2,177 '-250) 



223 



einen Sklaven auspeitscht und in Ketten legt. 120 Es versteht sich von selbst, daß auch 
der 'elegisch' Liebende das nicht wirklich tut. Vielmehr beschreibt er seine seelischen 
Qualen und erklärt der Herrin mit diesen romantischen Phantasien seine unbegrenzte 
Hingabe. 121 Doch ist gerade das wirkungslos: Die Dame erkennt, daß ihr der Liebende 
verfallen ist und sie mit ihm umspringen kann, wie sie will. Zugleich ist sie ihm in kei- 
ner Weise verpflichtet, denn er macht sich nicht wirklich um sie verdient. Außer Ab- 
sichtserklärungen und schönen Worten hat er ihr nichts geboten. 

Der Schüler der Ars dagegen - und dies ist das zweite Auswahlkriterium - wird nur 
Dinge tun, die einen praktischen Erfolg versprechen und seiner Dame gefallen (215). 
Eine kultivierte Großstädterin braucht aber keinen Netzträger und auch keinen Acker- 
knecht, sondern einen Kavalier. 122 Daher übernimmt Ovid von Tibull den Vorschlag, 
die Dame durch kleine Gefälligkeiten zu erfreuen, und erfindet weitere hinzu. 123 Wie 
Tibull wird auch der Liebeskünstler immer kommen, wenn er gerufen wird, und die 
Geliebte überallhin begleiten. 124 Doch an einer scheinbar geringfügigen Abweichung 
von der Vorlage kann man erkennen, wie sehr sich planlose, unterwürfige Knecht- 
schaft und gezielter, überlegter Gehorsam voneinander unterscheiden Tibull verspricht 
Delia, sie persönlich zu „geheimen Freunden", d. h. zu seinen Rivalen (!), zu fuhren. 125 
Auch Ovids Schüler soll als Begleiter-Sklave tätig werden, allerdings nur dann, wenn 
die Geliebte von einem Gastmahl heimkehrt (Ars 2,227 f.): 



(1981) 200. - In dem „Bemühen, die Liebe zwischen den Geschlechtern, so gut es geht, ihrer 
krankhaften und selbstzerstörerischen Züge zu entkleiden und sie statt dessen zu humanisieren " 

n9 sieht HOLZBERG (198 1) 204 ein grundlegendes Merkmal der Ars. 

Tib. 2,3,5 ff.; daher verkürzt Ovid in der Ars auch das Exempel von Apollo und Admet (2,239 f.) 

120 Und beschreibt nicht > welche niederen Arbeiten Apollo als Hirte verrichtet. 

Tib. 1,5,5 f.; 1,6,37 f.; 1,9,21 f.; 2,3,79 f. -Auch Properz wird geschlagen (3,16,10: in me man- 
suetas non habet illa manus\ allerdings in einer Elegie, die den Gedichten Tibulls nachempfiin- 
den ist, vgl. LYNE (1980) 135, FEDELI (1985) 501. - Zu Fesseln vgl. oben Anm. 103. 
Vgl. besonders CoPLEY(I947) 295 ff. 

122 

Vgl. STROH (1989) 35 zur Elegie 2,3 des Tibull: „(Sc. poeta) exhibere vult insani amatoris perso- 
nam, cuius obsequium progrediatur usque ad dolendi quoddam desiderium et voluptatem ... sie 
autem Carmen concludit (2,3,79 sq.): ducitel ad Imperium dominae sulcabimus agros; /non ego 
me vinclis verberibusque nego. ubi etiam magis delirat quam in initio. cur enim puella eum fiingi 
iubeat munere aratoris?" 

123 

124 AfS 2 ' 209 " 216 " V B ! - schon die Vorschriften zu Kavaliersdiensten beim Rennen (Ars 1,149-162), 
Vgl. Ars 2,223 ff sowie schon Ars 1,487-504 mit Tib. 1,5,61-65 und Tib. 1,4,39 ff Weitere Be- 
lege für diesen Topos vom treuen Begleiter (z. B. Prop. 2,26,29 ff; 3,16; Ov. Am. 2,16,15 ff; 
3,6) haben MCKEOWN (1989) 264 und besonders ausfuhrlich KÖLBLINGER (1971) 123-158 zu- 

i25 sammengestellt. KÖLBLINGER diskutiert auch das Motiv der Jagdbegleitung (87-122). 

Tib. 1,5,65: pauper ad oecultos furtium deducet amicos. Bejahend zu der Frage, ob es sich bei 
den „geheimen Freunden" wirklich um andere Liebhaber handelt, äußern sich z. B. MlJRGA- 
TROYD (1980) und STROH (1989) 32 f. Für eine solche Deutung spricht auch der Umstand, daß 
Tibull dem Marathus denselben Dienst leistet (Tib. 1,8; 1,9,41-4: o quoiiens, verbis ne quisquam 
conscius esset, / ipse comes multa lumina nocte tulü / saepe insperanti venii <sc, puella> tibi 
munere nostro /et latuit clausas post adoperfafores). Vgl. a. Ov. Am. 3,1 1,9-12. 



Ä 



224 Das dritte Kapitel der Liebeslehre 

nocte domum repetens epulis perfuncta redibit: 
tum quoquepro servo, si vocai illa, veni. 

Dann kann er nämlich hoffen, noch auf ein Schäferstündchen hereingebeten zu 
werden. Tibull dagegen muß draußen warten, während seine Herrin sich drinnen mit 
einem anderen Mann vergnügt. 

5.2.4 Erniedrigung und Mühen (Ars 2,197-250) 

Im Vergleich zu ihren Vorgängern haben die römischen Elegiker das servitium amoris 
besonders demütigend gestaltet. 127 Und auch der Liebeskünstler muß sich erniedrigen 
und abmühen, um an sein Ziel zu gelangen. Er hat sich den Launen der Dame zu fügen 
(197-208) und soll ihr Sklavendienste leisten (209-222). Auf ihren Befehl hin muß er 
anstrengende Gänge und Reisen (223-236), ihr zuliebe Unbequemlichkeiten und sogar 
Gefahren auf sich nehmen (237-250). 128 Wie motiviert Ovid den jungen Mann dazu? 



5.2.4.1 Verlust der Redefreiheit (Ars 2,145-160; 197-208) 

Für Properz bedeutet servitium amoris den Verlust aller Rechte eines freigeborenen 
römischen Bürgers. 129 Wie ein Sklave kann er nicht mehr frei über sein Leben bestim- 
men 130 und verliert sogar das Recht, darüber zu klagen. Properz würde sich brennen 



126 



127 
128 



129 
130 



Anders interpretiert KÖLBUNGER (1971) 146: Der Schüler habe es schwerer, denn er werde vom 
Gastmahl ausgeschlossen; Tibull aber könne an dem Gelage teilnehmen. 
Vgl. z. B. COPLEY(1947); LYNE(1979) 117 f., 121. 

Anders gliedert z. B. KÖLBLINGER (1971) 154 f. - Die hier vorgeschlagene Einteilung richtet sich 
nach sachlichen Gesichtspunkten: In der ersten Hälfte werden sanfte Techniken, nämlich (a) 
Nachgeben und (b) kleine Sklavendienste verlangt; in der zweiten Hälfte muß der Schüler Härte 
beweisen, und zwar (c) bei Gängen und Reisen und (d) am bzw. im Haus der Geliebten, wo er 
entweder'auf sie wartet oder zu ihr Vordringt. Außerdem entspricht diese Gliederung den jeweils 
vorherrschenden Lehrzielen und, was damit zusammenhängt, den jeweils- behandelten Formen und 
Problemen des 'elegischen' servitium: t 

(a) 197-208 1. Problem des 'elegisch' Liebenden: Verlust der (Redefreiheit; Lehrziel in der 

Ars: Der Liebeskünstler gibt nach, unterwirft sich aber nicht wirklich (5 .2.4. 1). 

(b) 209-222 2. Problem: Das servitium amoris ist anstrengend und mühsam; Lehrziel: Wenig 

anstrengende, aber demütigende Dienste motivieren den Schüler zu einer mannhafte- 
ren Form des erotischen Gehorsams (5.2.4.2); das Exempel des Hercules (217-222) 
vermittelt zwischen diesem Abschnitt und dem nächsten. 

(c) 223-236 3. Problem: Das servitium amoris ist demütigend, weil man niedere Dienste leisten 

muß; Lehrziel: Dienste, die männliche Tugenden erfordern, nehmen dem obsequium 
viel von seinem demütigenden Charakter (5.2.4.2). 

(d) 237-250 4. Problem: Das servitium amoris ist demütigend, weil die angebotenen Dienste 

verschmäht werden; Lehrziel: Der Liebeskünstler macht sein obsequium vom Ent- 
gegenkommen der Geliebten abhängig (5.2.4.3). 
Vgl. bes. LYNE (1979) 124 ff., aber auch LELJA (1965) 83. 

Vgl. z. B. Prop. 1,1,6; 3,11,1-4; 4,1,143. - Tibull muß auf das erträumte Landleben verzichten 
und für die Geliebte in'den Krieg ziehen, um Beute zu machen, vgl. z. B. STROH (1989) 36 f. 



5.2 obsequium (Ars 2 y W7 -250) 



225 



und schneiden lassen, wenn er wenigstens aussprechen dürfte, was ihm auf der Seele 
lastet (Prop. 1,1,27 f.): 

fortiter etferrum saevos patiemur et ignis, 
sit modo libertas, quae veiit ira, loquL 

Ja, noch nicht einmal weinen darf er! (Prop. 4,1,144) 131 

gutta quoque ex oculis non nisi iussa cadet. 

Auch der junge Liebeskünstler muß seine Zunge im Zaum halten und sollte, wie er 
schon im Abschnitt über indulgentia gelernt hat, der Dame immer nur das sagen, was 
sie hören will Als obsequens amator muß er seine Reden und Gefühlsäußerungen 
ihren Wünschen anpassen (Ars 2,199-202): 

arguet: arguito; quicquid probat illa, probaio; 

quoddicet, dicas; quodnegat illa, neges. 
riserit: arride; siflebit, flere memento: 

imponat leges vultibus illa tuis. 

Doch sorgt Ovid dafür, daß seinen Schüler die Notwendigkeit,* sich so zu verhalten, 
nicht in gleicher Weise bedrückt wie Properz. Was nämlich Properz aussprechen will 
und nicht sagen darf, sind Klagen und Worte gerechten Zornes. In der Ars hingegen 
steht das Verbot, mit der Dame zu streiten, vor den Anweisungen zum erotischen 
Gehorsam. Zu diesem Zeitpunkt war aber von einem unfreundlichen Betragen der Ge- 
liebten noch gar nicht die Rede, und der Schüler hat - im Gegensatz zu Properz - über- 
haupt keinen Grund, sich zu beschweren. Der Gedanke, mit seiner gepflegten Freundin 
zu zanken oder sie zu schlagen, erscheint daher widersinnig und geradezu barbarisch. 
Ihr immer nur sanft zu schmeicheln, bedeutet keine Einschränkung der persönlichen 
Freiheit, sondern entspricht dem Wesen der Liebe und den Geboten des gesunden 
Menschenverstandes. 

Ferner unterdrückt der 'elegisch' Liebende seine Klagen aus Furcht vor seiner grausa- 
men und übermächtigen Herrin; nur in der einsamen Natur kann er straflos sein Herz 
erleichtern (Prop. 1,18). 



Zum Verlust der Redefreiheit vgl. ferner Prop. 1,5,17; 1,9,2; 1,10,21-24; 1,18,3 f., 23 ff,; 2,4,1 
ff.: Der Liebende wird seinen Zorn nur dadurch äußern können, daß er sich auf die Nägel beißt 
und mit dem Fuß aufstampft; frei aussprechen darf er ihn nicht; 2,25,19 f.; Der Liebende wird 
Vergehen eingestehen, die er gar nicht begangen hat. - Außerdem kann der Liebende nicht mehr 
schlafen und nichts anderes mehr sehen als die Geliebte (Prop. 1,5,1 1); er verliert völlig die Be- 
sinnung (Prop. 1,5,18; 2,1,55). - In gewisser Weise ist es auch ein Verlust freier Rede, wenn der 
Liebende nur erotische Dichtung verfassen kann (vgl. bes. Prop. 1,7,5-8). - STROH (1989) 37 f. 
bemerkt: „Id peculiare est in Propertii obsequio, quod in verbis magis quam in factis positum 
est." - Properz hat uns die Folgen allzu freier Rede einmal vorgeführt: Nach den heftigen Vorwür- 
fen in der Elegie 1,15, wird er ausgesperrt (Prop. 1,16; vgl. STROH [1989] 38 f. sowie noch Prop. 
2,18,1: assiduae multis odium peperere querelae). 



226 



Das dritte Kapitel der Liebeslehre 



Der Liebeskünstler aber beschränkt sich freiwillig und ist seiner Geliebten überlegen. 
Dies besagt schon das recht unpoetische 132 Wort indulgentia, das „kindness, esp. on 
the part of a superior" (OLD s. v. Nr. 2) und oft die Nachsicht der Eltern gegenüber 
ihren Kindern bezeichnet. Bei den Lehren zum obsequium läßt Ovid ebenfalls durch- 
blicken, daß in Wahrheit der Mann die Frau beherrscht und nicht umgekehrt. Zu die- 
sem Zwecke ergänzt er die oben zitierten Vorschriften (199-202) durch eine weitere: 
Der Schüler soll seine Dame beim Spiel gewinnen lassen (203-208), wie es Priap emp- 
fiehlt, um einen schönen Knaben, also ein Kind, freundlich zu stimmen (Tib. 1,4,51 
f.). Der Machtanspruch der Dame erweist sich so als kindisches Geltungsbedürfnis, 
dem der Liebeskünstler im Bewußtsein seiner Überlegenheit wie ein gutmütiger Er- 
wachsener nachgibt. 

Es versteht sich daher von selbst - und das ist der dritte Punkt, in dem sich der Gehor- 
sam des Liebeskünstlers von Properzens Freiheitsverlust unterscheidet -, daß der Schü- 
ler sich nicht wirklich dem Willen einer Frau unterwirft. Er läßt sie nur die Rolle 
der Mächtigen spielen; ihr Einfluß beschränkt sich auf seine Gesichtszüge; die Herr- 
schaft über seine Gefühle hat er selbst. 



Das Wort ist einmal bei Vergil belegt (Verg. G. 2,345), bei Ovid noch zweimal (Ars 2,435; Am. 
2,19,35), nicht jedoch bei Catull, Horaz, Tibull und Properz. 

Ars 2,198: fac modo, quas partes illa iubebit, agas; 202: imponat leges vultibus illa tuis; 294: 
partes illapotentis agat; 31 1 f.; vgl. JANKA (1997) 178, 180. - Die Verse Ars 2,197-202 dürften 
eine Anspielung auf die Worte des Parasiten Gnatho sein, mit denen dieser seine Schmeichelkunst 
beschreibt (Ter. Eun. 248-253): est gemts hominum, qui esse primos se omnium verum volunt / 
nee sunt : hos consector; hisce'ego nonparo, me ut rideant, / sed eis tdtro adrideo et eorum in- 
genia admiror simul / quidquid dieunt, laudo; id rursum si negant, laudo id quoque; / negat 
quis: nego; ait: aio; postremo imperavi egomet mihi / omnia adsentari. is quaestu ' nunc est 
multo uberrimus; vgl MARCHESI (1918) 50, PlANEZZOLA (1987) 132 sowie BALDO (1993) ad 
loc. Ovid zitiert aus einer Theater-Rolle (Gnatho), die selbst wieder eine Rolle spielt (den ergebe- 
nen Freund), und unterstreicht so, daß auch das unterwürfige Verhalten des Schülers nur Theater 
ist. Daß der Liebeslehrer an diese Komödie gedacht hat, als er seine Lehren zum obsequium ver- 
faßte, ist auch deswegen wahrscheinlich, weil sich dort der erste lateinische Beleg für den Mythos 
von Hercules und Omphale als erotisches Exempel findet (Ter. Eun. 1025 ff.; vgl. COPLEY 
[1947] 288), eine Stelle, die zugleich ein Musterbeispiel für die assentatio des Gnatho ist. Indes 
stützt Ovid seine Lehren zum obsequium gewiß nicht in erster Linie auf den Typus des Kolax aus 
der Komödie, wie LABATE (1984) 194-21 1 nachzuweisen versucht. - Cicero zitiert Terenz (Eun. 
252 f.) in seiner Schrift über die Freundschaft (Lael. 93) und bezeichnet dort die assentatio ge- 
genüber der Volksversammlung als Theater (Lael. 97: scaena). Es ist möglich, daß auch Cicero 
den Ovid angeregt hat, und zwar mit seiner Beschreibung des servitium amoris in den Paradoxa 
Stoicorum (36; vgl. LYNE [1979] 123): An ille mihi Über, cui mulier imperat, cui leges 
imponit, praescribit iubet vetat, quod videtur, qui nihil imperanti negare potest, 
nihil recusare audet? poscit, dandum est; voca t, veni endum ; eiieit, abeundum; mina- 
tur, extimescendum. Ego vero istum non modo servum, sed nequissimum servum ... appellan- 
dumputo. Neben den stilistischen Parallelen zu Ars 2,199-202 vgl. noch Ars 2,198: iubebit; 202: 
imponat leges; 221; paruit imperio; 228: si vocat illa, venu Vgl. a. JANKA [1997] 176 f., der in 
der Ars eine Persiflage der Paradoxa Stoicorum vermutet und als weitere Beispiele für Assentatio 
Belege aus Am. 3,2 anfuhrt. 



5.2 OBSEQUIUM (Ars 2,177-250) 



227 



5.2.4.2 Weibische Dienste und männlicher Einsatz (Ars 2,209-236) 

Zwei weitere Nachteile des servitium amoris sind die Schmach, niedere Sklavendienste 
verrichten zu müssen, und die mit den Diensten verbundenen Mühen und Gefahren. 
Diese beiden Nachteile spielt Ovid so geschickt gegeneinander aus, daß der Schüler 
am Ende gerne seine Gesundheit riskiert und zugleich das obsequium amoris nicht 
mehr als ehrenrührig ansieht. 

Zunächst empfiehlt der Liebeslehrer kleine Gefälligkeiten. Man soll der Dame den 
Sonnenschirm halten, 134 ihr im Gedränge einen Weg bahnen, einen Schemel vor ihr 
Bett stellen und ihr die Schuhe an- oder ausziehen (Ars 2,209-212). Das ist dem Schü- 
ler bereits aus dem ersten Buch vertraut. Ähnliches sollte er ja im Circus tun (1,149- 
162). Doch beim Lesen der nächsten Vorschrift dürfte der junge Mann allmählich un- 
ruhig werden (Ars 2,213 f.): 

saepe etiam dominae, quamvis horrebis et ipse, 
algenti mamts est calfacienda sinu. 

„Warum", denkt er entrüstet, „sagt Ovid 'auch wenn du selbst Vor Kälte zitterst'? Hält 
er mich etwa für einen Weichling? Hat er deswegen mollia iussa angekündigt?" 
Diesen Unwillen nährt Ovid auch im nächsten Distichon und weist darauf hin, daß ein 
Liebeskünstler erniedrigende, sklavische und ganz unmännliche Dinge tut. Als sei er 
ihre Zofe, muß der Schüler der Geliebten den Spiegel halten! (Ars 2,215 f.) 

nee tibi ttirpe puta (quamvis sit turpe, placebit) 
ingenua speculum sustinuisse manu. 

„Wie lange soll ich mir dieses Gerede noch anhören?", fragt sich der junge Mann. 
„Der will mich ja nicht nur zum Sklaven, sondern sogar zur Dienstmagd herabsetzen!" 
Der Meister scheint zu spüren, was in seinem Schützling vorgeht, und hebt an, ihn zu 
beruhigen (Ars 2,217 f.): I34a 

ille,fatigatapraebendo monstra noverca 
qui meruit caelum, quod prior ipse Mit, ... 

„Aha", sagt sich der angehende Liebeskünstler, „der große Hercules! Jetzt kommt er 
zur Sache, Endlich darf ich etwas tun, das eines Mannes würdig ist." Vielleicht er- 
innert er sich auch, daß Properz seiner Cynthia versprach, furchtlos für sie Heldentaten 
zu vollbringen wie ein zweiter Hercules (Prop. 2,24,25-30): 135 



134a 
135 



Einen Sonnenschirm muß in den Fasti auch Hercules für Omphale halten (Ov. Fast. 2,311 f.): 
aurea pellebant tepidos umbracula soles, / quae tarnen Herculeae sustinuere manus: BRANDT 
(1902) zitiert ferner Mart. 1 1,73,6 und den Ovid-Imitator Claudian (18,464 f.): iam non umbra- 
cula gestant / virginibus, Latias ausi vibrare secures. 

Zur Interpunktion und zur Bedeutung des Ablatives fatigata ... noverca vgl. JANKA (1997) 190 f. 
Vgl. zu dieser Stelle und zur Leidensbereitschaft des 'elegisch' Liebenden KÖLBLINGRR (1971) 
159 ff.; außerdem schon Theoc. 29,37 f.: vvv fiev Kfaii rä xpöata fxaX' £ve/cev ae&ev / ßafyv Kai 



J. 



228 Das dritte Kapitel der Liebeslehre 

si libitum tibi erit, Lemaeas pugnet <sc. rivalis> adhydras 

et tibi ab Hesperio mala dracone /erat, 
taetra veneria libens et naufragus ebibat undas 

et numquam pro te deneget esse miser: 
(quos utinam in nobis, vita, experiare labores!) 

iam tibi de timidis iste protervus erit 

Doch weit gefehlt! In der Ars ist Hercules zwar ein Vorbild an Leidensbereitschaft, - 
aber gerade als Dienstmagd (Ars 2,219-222): 

... inter Ioniadas calaihum tenuisse puellas 

creditur et lanas excoluisse rüdes, 
paruit imperio dominae Tirynthius heros: 

i nunc et dubitaferre, quod ille tulit. 

Ovid verbindet also die Stelle, an der Properz seine Dienste für Cynthia mit den Taten 
des Hercules vergleicht, mit einer anderen, wo derselbe Dichter den Hercules als ser- 
vus amoris vorstellt (Pfop. 3,11,17-20): 

Omphale in tanium formae processit honorem, 

Lydia Gygaeo iinctapuella lacu, 
ut, quipacato statuisset in orbe columnas, 

tarn dura traheret molliapensa manu. 

Dieser Kunstgriff ermöglicht dem Liebeslehrer die Quadratur des Kreises. Während 
Hercules bei Properz als 'Magd' der Omphale seine heroische Größe verliert und um- 
gekehrt die Frau ungeheure Macht erhält, da sie denjenigen beherrscht, der den ganzen 
Weltkreis befriedet hat, erweist sich Hercules in der Ars durch seine gewaltigen labo- 
res und seinen Dienst bei Omphale gleichermaßen als Held. Beim Tragen des Him- 
melsgewölbes auf Anordnung seiner Stiefmutter Juno und beim Ertragen von Woll- 
arbeiten auf Befehl seiner domina Omphale zeigt er seine Größe. 136 Der Liebeslehrer 
verblüfft seinen Schüler und beruhigt ihn zugleich: Wolle zu spinnen oder einen Spie- 
gel zu halten, ist genauso viel wert wie jede andere mutige Tat. 

Dennoch darf der junge Liebeskünstler seine Dame nun auf eine etwas männlichere 
Art umwerben. Und der Schüler wird jetzt sogar froh sein, daß er Härte und Leidens- 
bereitschaft nicht nur als Dienstmagd beweisen muß. Vor dem Hintergrund dieser 
schmählichen Rolle erscheinen ihm die folgenden Mühen und Qualen geradezu erstre- 
benswert. Umgekehrt stellen diese männlichen Aufgaben auch die vorher gelehrten 



(p6XaKov vekucov XEÖä Kepßepov; PL Per. 1-6: qui amans egens ingressus est princeps in 
Amoris vias / superavit aerumnis suis aerumnas Hercul<e>i. / nam cum lenone, cum excetra, 
cum cervo, cum apro Aetolico, / cum avibus Stymphalicis, cum Antaeo deluctari mavelim / 
quam cum Amore: itafw miser quaerendo argento mutuo / nee quiequam nisi 'non est'sciunt 
mihi respondere, quos rogo. Es spricht der Sklave Toxilus, der in dieser Komödie zugleich der 
Liebhaber ist, also ein servus amoris im wahrsten Sinne des Wortes. Vgl. a. Prop. 2,23,7 f. 
136 Dies unterstreicht Ovid auch stilistisch: An Vers 218 (caelum, quod prior i p s e tulit) 
erinnert klanglich die Wendung calaihum tenuisse, grammatisch und inhaltlich der Ausduck 
ferre, quod ille tulit. 



5.2 OBSEQUIUM (ARS 2,177-250) 



229 



Zofendienste in ein heroisches Licht. Die Doppelnatur herkulischer Größe, die sich 
zugleich in tiefster Erniedrigung und in dem Aufstieg in himmlische Gefilde erfüllt, 
kennzeichnet auch den Liebeskünstler. 137 Auch er übernimmt eine niedrige Rolle, ohne 
seine Männlichkeit zu verlieren. Denn die nächsten Vorschriften (223 ff.) fordern den 
ganzen Mann: 

Wird der Schüler von seiner Geliebten auf das Forum beordert, z. B. um ihr in einem 
Prozeß beizustehen, muß er früher kommen als erwartet und so lange wie möglich 
bleiben. Auch sonst soll er, wenn er gerufen wird, sofort zu ihr eilen, und sie auf 
Wunsch nach Hause begleiten. Und noch heldenhaftere Aufgaben hat Ovid seinem 
Schüler zu bieten: Bei Wind und Wetter, notfalls auch zu Fuß, muß der junge Mann 
sich zur Geliebten durchschlagen. Trägheit und Angst darf es in der Liebe nicht geben; 
Schmerz und Mühen sind zu erdulden. Beruhigt stellt der Schüler nun fest, daß der 
Meister seine „weichen Befehle" (196: mollia iussd) nicht an Schwächlinge richtet; 
denn für diese ist in den „weichen Heerlagern" der Liebeskunst (236: mollibus his 
castris) kein Platz. So wird der junge Mann vor der Tür der Geliebten (237 ff.) dem 
Regen und der eisigen Kälte tapfer widerstehen - Ovid glaubt also durchaus, daß sein 
Schüler Kälte ertragen kann -, auf dem nackten Erdboden liegen oder sich, wie einst 
Phoebus Apollo, in einer Hütte verbergen, bis er sich in einer halsbrecherischen Klet- 
terpartie durch das Fenster oder über das nach innen offene Dach zur Geliebten herab- 
lassen kann. 138 

5.2.4.3 Schmähliche Abfuhr (Ars 2,237-250) 

Daß er für seine Herrin niedere Dienste verrichten muß, ist eine Schande, die der 'ele- 
gisch' Liebende ertragen kann; doch unerträglich entwürdigend ist es für ihn, trotz al- 
ler Hingabe von ihr abgewiesen zu werden. Schon in der ersten Elegie der Monobiblos 
beklagt sich Properz nicht nur über den Verlust seiner Freiheit, sondern auch darüber, 
daß Cynthia ihn nicht erhört. Wenig später stellt er Knechtschaft und Zurückweisung 
so eng nebeneinander, daß beides fast das gleiche zu sein scheint (Prop. 1,5,19 f.): 

tum grave servitium nostrae cogere puetlae 
discere et exclusum quidsit abire domum. 

Umgekehrt findet er seine Knechtschaft nicht hart und freut sich sogar über das Gerede 
der Leute, wenn die Geliebte ihn einläßt (Prop. 2,20, 19-24): I39 



Ulixes ist ebenfalls ein gefeierter Held, der Demütigungen ertragen mußte. Und Achill entdeckte 

im Frauengewand beim Spinnen seine wahre, männliche Natur (Ars 1 ,68 1 ff.). 

Neben dieser Klimax sieht KÖLBLINGER (1971) 153 noch eine andere: Zunächst befolge der 

Schüler nur Befehle, dann aber handele er freiwillig und auf eigene Faust. 

Vgl. Prop, 2,24,1 ff.: Wäre Cynthia gnädiger zu ihm, würde man Properz nicht nequitiae caput 

nennen; Tib. 1 ,2,3 1 -4: Wenn Delia ihn einläßt, machen Tibull die nächtlichen Mühen nichts aus. 



A 



230 Das dritte Kapitel der Liebeslehre 

quodsi nee nomen nee me tuet forma teneret, 

posset s er Vitium mite tenere tuum. 
septima iamplenae deduetiur orbita lunae, 

cum de me et de te compita nulla tacent: 
interea nobis non mtmquam ianua mollis, 

non numquam lecti copia facta tut 

Die Schmach des 'elegisch' Liebenden geht so weit, daß die angebotenen Dienste ab- 
gelehnt werden. Delia zieht dem armen Kavalier einen reichen Liebhaber vor (Tib. 
1,5,67 f.). Auch Nemesis will kostbare Geschenke (Tib. 2,3,49 ff.) und legt keinen 
Wert darauf, daß- Tibull sich vor ihren Augen als Ackerknecht hervortut. 
Dagegen setzen die Vorschriften zu indulgentia und obsequium stets voraus, daß der 
Schüler sich in der Nähe der Geliebten befindet. Nur dann kann er sanfte Worte zu ihr 
sprechen, mit ihr lachen, weinen und spielen oder ihr den Sonnenschirm tragen. Wenn 
er ihr einen Schemel vor das Bett stellt, die Schuhe auszieht oder ihr den Spiegel hält, 
dürfte er sich sogar in ihrem Schlafzimmer befinden. 140 Damit der Liebeskünstler seine 
Dame umwirbt, muß sie ihn also zu sich bestellen, was Ovid auch ausdrücklich hervor- 
hebt. 141 Wenn sie den jungen Mann nicht ruft, wird er auch nicht kommen. Denn im 
Gegensatz zum 'elegisch' Liebenden, der ohne seine Herrin nicht leben will, kann der 
Liebeskünstler auf die Gegenwart seines Mädchens verzichten (vgl. 5.2.2). 
Auch nächtliche Besuche wird er nur machen, wenn er eingeladen ist. In den Amores 
beklagt sich Ovid über den Undank der Corinna. Stets sei er ihr treuer Begleiter gewe- 
sen (Am. 3,11,17-20) und doch habe er, von der Geliebten ausgesperrt, auf dem harten 
Erdboden liegen und für den Rivalen wie ein Türsteher das Haus bewachen müssen 
(Ov. Am. 3,11,9-12): 

ergo ego sustinui, foribus tarn saepe repulsus, 
ingenuum dura ponere corpus humo? 

ergo ego nesciocui, quem tu complexa tenebas, 
excubui clausam servus ut ante domum. 

Auch der Liebeskünstler muß wie ein exclusus amator selbst beilegen und Kälte auf 
dem nackten Boden liegen (Ars 2,237 f.): 14 



Zu Ars 2 211 (nee dubita tereti scamnum producere lecto) vgl. Prop. 3,3,19 f.: ut tuus in scam- 
no iactetur saepe libellus, /quem legat exspeetans sola puella virum. Hier scheint der scamnus 
die Funktion eines Nachttischchens zu erfüllen. Im übrigen diente er dazu, bequemer auf das hohe 
Bett zu steigen, vgl. FEDELI (1985) ad loc. und JANKA (1997) 187 f., der auch darauf hinweist, 
daß man beim Gastmahl ebenfalls die Schuhe auszog. Nicht plausibel ist JANKAs Vermutung, es 
werde zugleich auf Tib. 1,5,65 angespielt. Vgl. dazu S. 223 f. 

Ars 2,223: iussus adesseforo; 225: oecurras aliquo tibi dixerit; 228: si vocat illa\ 229: rure ertt 
et dicet venias. ft 

BALDO (1993) bemerkt zu diesem Distichon: „E la situazione topica dell' exclusus amator . . 
Vgl z B Tib 1 2 3 1 f. (non mihi pigra nocent hibernae frigora noctis, /non mihi, cum multa 
deeidit imber aqua) sowie JANKA (1997) 203 f. (auch zu der Anspielung auf Am. 3,1 1,10). 



5.2 OBSEQüIUM (ARS 2,177-250) 



231 



saepe feres imbrem caelesti mibe soluium 
frigidus et nuda saepe iacebis humo . 

Doch leidet er nur vorübergehend. Apollo wohnt in einer einfachen Hütte, weil er als 
Hirte auf dem Lande lebt; der Schüler aber versteckt sich in einer Hütte, damit 
ihn keiner bemerkt, solange er auf Einlaß wartet. m Und dieser wird ihm auch gewährt! 
Tibull ist unglücklich, denn die Tür ist verschlossen (Tib. 1,2,6): 

clauditur et dura ianua flrma s e ra . 
Auf dasselbe Hindernis stößt der Liebeskünstler (Ars 2,244): 



Ovid zitiert aus der Erzählung Tibulls (2,3,1 1 ff.), allerdings nur den ersten und letzten Vers (Ars 
2,239 f.: Cynthius Admeti vaccas pavisse Pheraei / fertur et in parva delituisse casa; Tib. 
2,3,11 + 28: pavit et Admeti taitros formosus Apollo ... nempe Amor in parva te iubet esse 
casa). Alle anderen demütigenden Einzelheiten zwischen diesen beiden Versen verschweigt Ovid. 
- KÖLBLINGER (1971) 151 fällt auf, daß in der Ars statt des Verbs esse das Wort delituisse ge- 
braucht wird. Er sieht darin eine zusätzliche Erniedrigung: in der Ars müsse Apoll sogar „unter- 
kriechen". - Wenn man jedoch annimmt, delituisse bedeute hier, wie gewöhnlich, „sich ver- 
stecken" (so auch JANKA [1997] 205), dann ist die Stelle mit dem Kontext besser zu vereinbaren. 
Der Schüler könnte sich z. B. verstecken, weil der Gatte der Geliebten überraschend heimgekehrt 
ist (vgl. JANKA a.a.O. sowie Prop. 2,23,10: captus et immunda laepe latere casa; zum Vorgang 
Ars 3,606-608). - Da der junge Mann zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht eingelassen wurde (in 
dem Distichon 237 f. lernt er, vor dem Haus zu warten; in den Versen 243 ff. erfahrt er, wie man 
hineinkommt), scheint mir allerdings eine andere Deutung des Verbums delitescere plausibler: 
Verborgen wartet der Schüler ab, bis die Geliebte ihn einlassen kann, und entzieht sich derweil 
neugierigen Blicken (zur Sache vgl. Tib. 1,2,35 ff.; zur Bedeutung von delitescere außerdem Ov. 
Ep. 8,68: nee querar in plumis delituisse lovem). - Eine Anregung zu dieser Vorschrift könnte 
Cicero geliefert haben. In der zweiten Philippischen Rede (76 f.) wirft er dem Antonius vor, 
dieser sei aus der Provinz inkognito zurückgekehrt, um gleich bei seiner Ankunft „eine Dame" 
(seine Frau Fulvia) zu treffen. Da er noch bei Tage angekommen sei, habe er sich zunächst in 
einer Kneipe versteckt (77: de li tui t in quadam cauponula atque ibi se oecuttans perpota- 
vit ad vesperum); in der Nacht sei er dann mit einer Kapuze getarnt zu der Dame gegangen (77). 
Dieses merkwürdige Verhalten erklärt Cicero damit, daß Antonius draußen seinen Gläubigern 
entgehen, drinnen aber seine Frau überraschen wollte (78). Vgl. dazu J, J. HUGHES, (A „Para- 
klausithyron" in Cicero's Second Philippic, in: C. DEROUX [Hrsg.], Studies in Latin Literature 
and Roman History, Brüssel 1992, 215-227), der nachweist, daß Cicero den Antonius hier trotz 
der nicht ganz passenden Umstände mit Absicht als eine Art exclusus amator hinstellt. - Darauf, 
daß delitescere fast ein Terminus technicus für das Verstecken vor einem Rendezvous war, deutet 
die elliptische Ausdrucksweise des älteren Plinius hin. Er berichtet, es habe sich einmal ein Mann 
in die Venusstatue des Praxiteles in Knidos verliebt. (Sc. tagsüber, als der Venustempel noch für 
Besucher geöffnet war) habe dieser Mann sich verborgen und sich des Nachts an die Statue ge- 
schmiegt, wovon ein Fleck zurückgeblieben sei (Plin. NH 36,21,8): ^envn/ amore captum quen- 
dam, cum deli tuisset, noctu simulacro cohaesisse, eiusque cupiditatis esse indicem macu- 
lam. Der von Plinius nur angedeutete Vorgang wird klarer, wenn man Lukians Version dieser 
Anekdote in den EIkoveq vergleicht (Im. 2): cbg ipaa&ettj riq roü äydXfiaroq Kai Xa&cbv ÖJto- 
XeKpdek ev lepco ovyyevotro, d>q dvvaxdv dydXßart. - In der zweiten Philippischen Rede erzählt 
Cicero übrigens auch, daß Antonius in seiner Jugend zu seinem Liebhaber Curio über das Dach 
hinabgeklettert sei (45: cum tu tarnen nocte socia, hortante libidine, cogente mercede, per tegu- 
las demitterere), wie es auch der Liebeskünstler machen soll (Ars 2,245: at tu per praeeeps tecto 
delabere aperto). Während es für nächtliches 'Fensterin' bei Properz zwei Belege gibt (3,20,29; 
4,7,15-18; vgl. a. Ov. Fast. 6,577 f.), ist mir sonst keine Stelle bekannt, wo eine Annäherung 
über das Dach beschrieben würde. 



232 



Das dritte Kapitel der Liebeslehre 



atque erit opposita ianua fitlta sera. 
Die Tür von Tibulls Mädchen bleibt verschlossen; doch dem Liebeskünstler öffnet die 
Geliebte das Fenster. 144 Sie hat keinen Rivalen bei sich und wird ihn, weil er sich auf 
so gefahrvollem Wege Zugang verschafft hat, freudig empfangen (Ars -2,247): ! 5 

laeta erit 
Nun könnte man einwenden, daß Ovids Vorschriften unrealistisch seien. Der Schüler 
dürfe ja nicht davon ausgehen, daß gerade eine wenig umgängliche und hartherzige 
Dame ihn zu sich ruft. Dieser Einwand ist berechtigt. Indes liegt es nicht in der Macht 
des Liebeskünstlers, ob die Dame ihn einlädt oder nicht. Er kann nur nach allen Regeln 
der Kunst zärtliche Nachgiebigkeit üben und erotischen Gehorsam leisten, um so zu 
erreichen, daß sie seine Anwesenheit genießt und ihn wieder zu sich bittet, wenn er 
schon einmal bei ihr war. Da also der Schüler im Falle vollkommener Ablehnung 
nichts ausrichten kann, kann Ovid dazu auch nichts lehren. Wie beim ersten Rendez- 
vous mit einer allzu stolzen Frau, muß man in einem solchen Falle von seinen Be- 
mühungen ablassen (Ars 1,715 f.): 

si tarnen aprecibus tumidos decedere fastus 
senseris, ineeptoparce referque pedem. 

Und da der Schüler von seiner Dame nicht seelisch abhängig ist, sondern nur mäßige 
Gefühle für sie hegt, dürfte es ihm nicht schwer fallen, sich rechtzeitig von ihr zu 
trennen, wie es Ovid dem unglücklich Verliebten empfiehlt (Rem. 79 f.): 

dam licet et modici tangunt praecordia motus, 
sipiget, inprimo limine sisie pedem. 

Doch wird es wohl nicht oft dazu kommen. Denn zum einen genügt meist schon ein 
taktischer Rückzug (vgl. Prop. 2,14,19 f.; Ars 1,717 f.): 

quodrefugit, multae cupiunt, ödere, quodinstat: 
lenius instando taedia tolle tui. 

Zum anderen wirkt Ovid im dritten Buch der Ars so auf die Damen ein, daß sie sich 
dem willfährigen Werben der jungen Liebeskünstler nicht verschließen. 



144 Vgl. dagegen Prop. 3,20,29: neeflenti dominae patefiant nocte fenestrae. 

145 Vgl. schon Ars 2,160: ut adveniu laeta sit illa tuo. - JANKA (1997) 208 weist darauf hin, 
daß das Verb delabi (Ars 2,245) an „Epiphanieszenen im Epos erinnert". Der Schüler wird seiner 
Dame geradezu wie ein vom Himmel herabgeglittener Gott erscheinen (vgl. Tib. 1,3,90 und S. 30 
f.Anm. 19 zu Ars 1,43). 



53 MIUTIA AMORIS 



233 



5.3 militia amoris 

Liebe sei eine Art von Kriegsdienst, meint Ovid zu den Mühen, die der Schüler als ob- 
sequens amator ertragen muß (Ars 2,233): 

miliiiae species amor est. 

Der Liebeslehrer erinnert hier an das 'elegische' Konzept der militia amoris. 146 Es liegt 
nahe, die Liebe mit dem Krieg zu vergleichen. Amor schießt mit Pfeilen und „besiegt" 
so Menschen wie Götter; das verschlossene Haus der Freundin erscheint dem Lieben- 
den wie eine Festung; seine „Feinde" sind der Rivale und der Gatte, der die Geliebte 
mit „Wachen" abschirmt; auch miteinander streiten sich die Liebenden, wenn sie nicht 
gerade im Bett die „Kämpfe der Venus" austragen. 147 

5.3.1 Die Antithese von Liebe und Krieg in der Elegie 

Solche Topoi haben die römischen Elegiker weiterentwickelt. Sie gebrauchen Kriegs- 
metaphern nicht nur öfter als ihre Vorgänger; neu und ungewöhnlich ist vor allem, daß 
sie ihr Dasein als Liebeskrieger dem realen Krieg und dem wirklichen Soldatenleben 
antithetisch gegenüberstellen. Diese sehr zahlreichen 148 Antithesen erfüllen wichtige 
Funktionen: 

Mit ihnen unterstreicht der 'elegisch' Liebende erstens, daß in seinen Augen Liebe und 
Krieg sich ausschließen. Zweitens war die Armee eine Station auf dem Lebensweg, 
den ein jungen Römer aus gutem Hause zu gehen hatte. Dem 'elegisch' Liebenden, der 
eine andere Form des Militärdienstes ableisten muß, ist also ein normaler Werdegang 



148 



Dieser Motivkreis wurde oft untersucht. Belege haben SPIES (1930), LA PENNA (1951) 192 ff., 
LUJA (1965) 45 ff., 64 ff. und MURGATROYD (1975) gesammelt und diskutiert. Viel Material 
rindet man auch in dem Kommentar von McKEOWN (1989) zu Ov, Am. 1,9 (S. 257 ff.). Kurz, 
aber instruktiv sind die Bemerkungen von LYNE (1980) 67 ff, - PlANEZZOLA (1987) 135 f. Anm. 
1 1 schlägt eine Systematik vor, nach der man die einzelnen Motive untersuchen sollte. VERE- 
MANS (1983) bespricht das Motiv der vita iners, das mit militia amoris sachlich eng zusammen- 
hängt. - Speziell zu Properz vgl. BAKER (1968), zu Ovid THOMAS (1964) und J. A. BELLIDO, El 
motivo Iiterario de Ja militia amoris en Platuo y sa influencia en Ovidio, Ellas 31 (1988/9) 21-32, 
- Nicht nachvollziehen kann ich die Interpretation von L. CAHOON (The Bed as Battlefield: Erotic 
Conquest and Military Metaphor in Ovid's Amores, TAPhA 118 [1988] 293-307), Ovid habe 
durch das Konzept der militia amoris zeigen wollen, wie die gewaltsame Unterwerfung der Ge- 
liebten bewirke, daß auch die Frau ihre Humanität verliere. MARTIN (1994) 15 bemerkt zu Recht, 
daß CAHOON im Grunde nur das, was ihr an den Amores unmoralisch scheint, vom Dichter weg 
auf seine Persona schiebt , 

Zu Gemeinsamkeiten zwischen Liebe und Krieg vgl. bes. Ov. Am. 1,9, zu Amors Sieg Ov. Am. 
1,2, zum Streit mit der Geliebten z. B. Prop. 3,8,33 f. und Tib. 1,10,53 ff 
Ich zähle etwa 25 Belege, darunter ganze Elegien (Ov. Am. 1,9; 2,12). Nicht berücksichtigt sind 
dabei die recusationes, deren Thema der Gegensatz zwischen kriegerischer Epik und Liebesdich- 
tung ist. 



234 



Das dritte Kapitel der Liebeslehre 



versperrt. Ruhm kann er nur als Liebhaber erringen; allein die Liebe ist sein Lebensin- 
halt. 149 

Als miles amoris ist der 'elegisch' Liebende ein Außenseiter. Es ist ihm schmerzlich 
bewußt, daß seine Mitbürger ihn wegen seiner Nichtsnutzigkeit verachten. 150 Daher ge- 
braucht er drittens dieselben Bilder, die ihn als Außenseiter beschreiben, um sich zu 
rechtfertigen. Properz muß dem Tullus, der ihm einen Posten in der Provinz angeboten 
hat, absagen; der Liebende bittet seinen Freund um Verständnis: 151 Er könne Cynthia 
nicht alleine lassen, eine Reise ins Ausland sei ihm unmöglich (Prop. 1,6,1-18); sein 
Schicksal sei es, als nichtsnutziger Versager unter Amors Banner das Leben auszuhau- 
chen (25-30). Dabei deutet Properz zugleich an, daß der scheinbar tüchtigere, für den 
Kriegsdienst geborene Tullus (19-22) es in Wahrheit viel leichter haben wird als er 
selbst Properz hofft, daß die Mühen, die Amor ihm auferlegt, dem Freunde erspart 
bleiben (23 f.). Tullus wird in das „weiche Ionien" und in das wohlhabende 
Lydien ziehen (31 f.); Properz aber muß sterben (26, 27) und die Zeit, die ihm noch 
bleibt, unter einem „harten Unstern" (36) fristen. 

Wie dieses Beispiel zeigt, wird viertens aus der Rechtfertigung leicht ein Versuch, die 
eigene Lebensweise zu glorifizieren 152 und den Krieg sowie die damit verbundenen 
traditionellen Werte der römischen Gesellschaft dementsprechend herabzusetzen. 
Manchmal genügt es dem 'elegisch' Liebenden nicht, seine Lebensweise nur als ge- 



149 



150 
151 



Vgl. LYNE (1980) 73 ff., 75: „Offering their own kind and definition of war the elegists neatly de- 
monstrated the incompatibility of real war with the life of love." Ergänzend zu den von LYNE vor- 
gestellten Belegen für die Unvereinbarkeit von Liebe und Krieg könnte man noch folgende an- 
fuhren: Properz kann Cynthia nicht verlassen und daher auch keinen Feldzug unternehmen (Prop. 
1,6); Tibull hat sich von Delia getrennt, um Messalla zu folgen, erkrankte aber und mußte so fest- 
stellen, daß er invitö Amore (Tib. 1,3,21 f.) nicht hätte verreisen dürfen; Liebende beginnen keine 
Bürgerkriege (Prop. 2,15,41 ff.); nur Verächter der Venus führen Krieg (Tib. 1,2,67 ff.; 2,3,35 
ff.); Tibull kann sich kaum vorstellen, daß der zarte Amor dem Soldaten Macer ins Feldlager fol- 
gen wird (Tib. 2,6,1 ff.; vgl. a. Ov. Am. 1,10,19 f.); überhaupt will derXiebende mit Mars nichts 
zu schaffen haben (Ov. Am. 3,2,49 f.). - Miteinander vereinbar erscheinen Liebe und Krieg nur in 
mythologischen Exempeln bei Properz und Ovid (z. B. Prop. 3,8,29 ff; Ov. Am. 1,9,33 ff; die 
Frau als Kriegsgrund: Prop. 2,3,35 ff; 2,9,49 ff; Ov. Am. 1,10,1 f.; 2,12,17 ff). 
Vgl. BURCK (1952) 172 sowie oben S. 15. 

Bei Tullus handelt es sich wahrscheinlich um einen Neffen des L. Volcacius Tullus, der 30-29 v. 
Chr. Prokonsul der Provinz Asia war. Properzens Freund wird also dem Stab seines Onkels ange- 
hört haben; vgl. F. CAIRNS, Some Problems in Propertius 1.6, AJPh 95 (1974) 156-163; nicht 
zutreffen dürfte CAIRNS' Vermutung, Tullus, ein gleichaltriger, vertrauter Freund des kaum 
zwanzigjährigen Properz, habe bereits den Rang eines Prätors bekleidet. 

Während Properz in der Elegie 1,6 noch behauptet, er sei nicht dazu geschaffen, sich Ruhm zu 
erwerben (29: non ego sum laudi ), erklärt er später, er wolle den erotischen Heldentod ster- 
ben (2,1,47): laus in amore mori. - Vgl. ferner Tib. 1,1,75: In Liebeshändeln ist Tibull ein 
guter Soldat (hie ego äux milesque bonus). Wäre Cynthia wirklich eine Feldherrin, würde sich 
Properz als tapferer Held erweisen, denn schon als Liebender hat er sich einen großen Namen ge- 
macht (Prop. 2,7,15-18). Der Liebende ist leidensfähiger als ein Soldat, denn sein Kriegsdienst 
endet nie (Prop. 2,25,5 ff). 



5.3 MILITIA AMORIS 



235 



nauso ehrenwert wie die anderer Leute hinzustellen; dann behauptet er sogar, Liebende 
seien die besseren Menschen. 153 

Zu diesem Thema ist viel geschrieben worden. 154 Man hat vermutet, das Konzept der 
militia amoris sei ein Ausdruck des Pazifismus oder diene dem Protest gegen tradierte 
Werte und deren Vertreter, besonders Augustus. Diese Thesen können hier nicht im 
einzelnen diskutiert werden; nur soviel sei bemerkt: Sollte das Konzept der militia 
amoris ein Instrument des Protestes gewesen sein, dann nur für den Dichter selbst, 
nicht aber für seine Persona in den Elegien. Denn militia amoris ist immer mit dem 
zwanghaften servitium amoris verknüpft 155 und soll wie das servitium vor allem die 
Stimmungen und Gefühle des Liebenden poetisch faßbar machen. Und dieser ent- 



155 



Ein besonders eindeutiges Beispiel ist Prop. 2,15,41 ff. 

Allgemein zu den politischen Ansichten der augusteischen Dichter vgl. z. B. die nüchterne, eng 
an den Texten orientierte Darstellung mit umfangreicher Bibliographie von D, LnTLE, Politics in 
Augustan Poetry, ANRW II 30.1 (1982) 254-370. - Anders als LYNE (1979)/(1980) und HOLZ- 
BERG (1990) 12 ff vermutet LEFEVRE (1988) bei den Elegikern weniger eine Haltung des Prote- 
stes als vielmehr Gleichgültigkeit. Wenig Neues, dafür aber eine ausführliche Doxographie, bie- 
ten D. N. LEVTN, War and Peace in Early Roman Elegy, ANRW II 30.1 (1982) 418-538 und 
GLATT (1991), der seinerseits bei Properz und Tibull eine provokative Haltung als Folge der Bür- 
gerkriege, bei Ovid aber keine wirkliche Opposition, sondern nur respektloses Spiel mit traditio- 
nellen Werten sieht. - Besonderers umstritten ist, was Properz (vgl. 2.5.2) über Augustus, den 
Krieg und den Staat dachte. Literatur bis zum Jahre 1983 findet man bei P. FEDELI/ P. PlNOTTl, 
Bibliografia Properziana (1946-1983), Assisi 1985, bes. 42 f. Für einen Gegner des augustei- 
schen Staates hält Properz z. B. SULLIVAN (1976) 37 f., 54 ff Anti-augusteische Obertöne ent- 
decken bei Properz ferner PARATORE (1986) und B. FEICHTINGER, Properz, Vates oder Haru- 
spex? Zu seinem politischen und poetischen Selbstverständnis, C & M 43 (1991) 187-212, Auch 
BAKER (1968) und GALINSKY (1969) sehen in ihm einen Kritiker des „national life"; doch habe 
der Dichter mit der Zeit eine versöhnlichere Position eingenommen. Ähnlicher Ansicht ist H.-P. 
STAHL, Propertius: „Love" and „War". Individual and State under Augustus, Berkeley u. a, 
1985. Wie man die Frage, ob Properz eine Entwicklung zu größerer Versöhnlichkeit durchge- 
macht habe, beantwortet, hängt im wesentlichen davon ab, ob die Actium-EIegie (Prop. 4,6) ein 
echtes Loblied auf den Herrscher ist oder ob in ihr versteckte Kritik an Augustus nachgewiesen 
werden kann. Damit hat sich zuletzt KlERDORF (1995) befaßt, der seinerseits eine ernsthafte en- 
komiastische Absicht erkennen zu können glaubt. Aus künstlerischen Gründen habe Properz 
Dichtung einer höheren Gattung verfassen wollen, und diese habe nun einmal politisch sein 
müssen. Doch hat auch dieser poetologische Ansatz zu unterschiedlichen Ergebnissen geführt. So 
meint etwa M. VON ALBRECHT, Properz als augusteischer Dichter, WS 95 (1982) 23 1 = BINDER 
(1988) 372 f., Properz sei gewiß „kein augusteischer Propagandist" und wahre „im allgemeinen 
diejenige Zurückhaltung, die dem elegischen Dichter auf politischem Gebiet angemessen ist", 
während umgekehrt NEWMAN (1997) 5 den Properz zusammen mit Vergil und Horaz „at the 
centre of the Augustan, vatic assertion and confession" ansiedeln möchte. - Ein ausgewogenes 
Urteil zu Tibull findet sich in der Arbeit von HENNIGES (1979). - Literatur zur politischen Hal- 
tung Ovids (vgl. a. 8.3.1) hat SCHMITZER (1990) 1 ff. zusammengestellt und diskutiert. SCHMIT- 
ZER selbst hält Ovid nicht für einen Gegner des augusteischen Staates, auch wenn Ovid in ein- 
zelnen Punkten Ansichten vertrete, die von der offiziellen Linie abwichen. Zu Amores 1,15 vgl. 
neuerdings E. WOYTEK, Cedant carminibus reges ... - Am. 1,15 - ein Dokument ovidischen 
Selbstbewußtseins gegenüber Augustus, WS 110(1997) 105-131. 

Zur Verknüpfung von servitium und militia amoris vgl. S. 219 f. mit Anm. 106; zur Frage, ob 
der 'elegisch' Liebende als servus amoris gegen gesellschaftliche Konventionen rebelliere vgl. S. 
220 Anm. 110. 



jL 



236 



Das dritte Kapitel der Liebeslehre 



scheidet sich nicht bewußt gegen die Konvention; er ist vielmehr zu einem Leben, das 
seinen Wertvorstellungen nicht entspricht, gezwungen. 156 Wie sollte jemand, für den 
Liebe bedeutet, daß er „nach dem Belieben seiner Herrin Tag und Nacht sieht" (Prop. 
4,1,143), eine 'Lebenswahl' treffen? 157 Wählen kann nur der Dichter, ob er sein lyri- 
sches Ich so darstellt oder nicht. Für die vorliegende Untersuchung sind jedoch nicht 
die Ansichten der Elegiker selbst, sondern allein das Denken und Fühlen ihrer Persona, 
des 'elegisch' Liebenden, von Belang. Der 'elegisch' Liebende aber teilt im Grunde 
viele traditionelle Werte und idealisiert nur im nachhinein den schmachvollen 
Zustand, aus dem er sich nicht befreien kann. 

Sofern man aus der erregten Rede eines vor rasender Liebe fast wahnsinnigen, zutiefst 
gequälten und zugleich mit werbender Absicht sprechenden Menschen überhaupt eine 
durchdachte politische Haltung herauslesen kann, sind die Personae der Elegiker gewiß 
keine Pazifisten in dem Sinne, wie wir das Wort verstehen. Der 'elegisch' Liebende 
sagt nur, daß ein Soldatenleben für ihn persönlich nicht das Richtige ist. TibulF lehnt 
die Strapazen und Gefahren des Krieges ab. Die meisten Soldaten würden ihm da zu- 
stimmen; nur möchte nicht jeder auf das Ansehen und das Geld verzichten, das man 
auf diese Weise erwerben kann. Daß es Kriege gibt und daß man sie fuhren muß, er- 
scheint 'TibulP als gottgewolltes und damit auch notwendiges Übel seines eisernen 
Zeitalters. 158 Es fällt ihm nicht ein, den Kriegsdienst zu verweigern; 159 er ist stolz auf 
den Ruhm seines Patrons Messalla und stolz darauf, ihn auf dem Weg zu diesem 
Ruhm treu begleitet zu haben. 

'Properz' schwankt zwischen Anerkennung und Gleichgültigkeit gegenüber militäri- 
schen Erfolgen. Kritisch äußert er sich meist nur in Andeutungen, so daß man nie 
sicher sein kann, ob die Kritik nicht vielleicht nur der Phantasie des Lesers entspringt. 
Unklar bleibt auch, ob an solchen Stellen die Persona spricht oder ob der Dichter 
selbst eine versteckte Aussage macht, indem er seiner Persona zweideutige Worte in 
den Mund legt, deren Doppelsinn der Persona nicht 'bewußt' ist. Wo die Persona 'Pro- 
perz' den Krieg offen verurteilt, handelt es sich jedenfalls immer um Bürgerkriege, die 
auch der konservativste Römer nicht gutheißen mochte. 



157 
158 



159 
160 
161 



An der oben zitierten Stelle (Prop. 1,6,25 ff.) erwähnt Properz dreimal sein unglückliches Schick- 
sal (fortuna, fata, duro sidere). Der Liebende hat also keine Wahl, ob er so leben will oder nicht. 
Vgl. zum Motiv des Zwangs auch VEREMANS (1983) 430, 434 f. 
Vgl. dagegen z. B. BURCK (1981) und STEIDLE (1962). 

Tib. 1,3,49: nunc Iove sub domino caedes et vuinera semper; Tib. 2,5,9 f.: Zu Messallinus' 
Priesterweihe soll Apollo in dem Gewand kommen, in dem er einst Jupiters Sieg über Saturn be- 
sang. 'TibulF lehnt also sogar das eiserne Zeitalter nicht grundsätzlich ab. 
Wie soll man den Vers Tib. 1,10,13 (nunc ad bellet trahor ...) sonst verstehen? 
Tib. 1,7,9; 1,3,55 f. 

Prop. 1,21 und 22; 2,15,41 ff.; 2,16,37 ff - Umstritten ist die Bedeutung der Verse 2,30,19-22, 
worin einige (z. B. ENK [1962], CAMPS [1967]) eine Anspielung auf die Partherkriege sehen, an- 



5.3 MILITIAAMORJS 



237 



Auch in den Amores findet man keinen eindeutigen Beleg dafür, daß 'Ovid' den Krieg 
verurteilt. Nur will er selbst kein Soldat sein, weil er als kultivierter Dichter einer so 
rohen Beschäftigung nichts abgewinnen kann 162 und sich von seiner Poesie größeren 
Ruhm erhofft, als einem General je zuteil werden könnte (Am. 1,15). 

Zusammenfassend kann man feststellen, daß militia amoris ein wichtiges aber zugleich 
paradoxes Konzept der Elegie ist. Einerseits stempelt es den Liebenden zum Außen- 
seiter und Versager, andererseits entwickelt es sich als Mittel der Rechtfertigung zu 
einem Wertbegriff, der das Leben des servus amoris adelt. Als Lehrer 'elegischer' 
Liebe muß Ovid diesen grundlegenden Wertbegriff übernehmen; aber als Lehrer glück- 
licher Liebe darf er nicht zulassen, daß sein Schüler an den Rand der Gesellschaft ge- 
drängt wird. 

5.3.2 militia amoris in der Ars 

Wie schon bei der Interpretation des ersten Kapitels der Liebeslehre deutlich wurde, 
rückt Ovid seinen Schüler in den Mittelpunkt der Gesellschaft; Gegensätze zu konven- 
tionellen Lebensformen wurden aufgehoben oder doch wenigstens verwischt: Auch 
Advokaten und Rechtsgelehrte konnten sich Venus' Wirken nicht entziehen. Am Raub 
der Sabinerinnen sah man, wie Soldaten nach Liebe streben. Der Meister selbst interes- 
sierte sich sehr für das Bauprogramm und die Eroberungen des Prinzeps und lobte die 
Vorteile, die dessen Politik und Roms Siege dem Liebeskünstler verschaffen. Der 
junge Achill auf Skyros war ein Exempel dafür, daß der wahre Krieger seine Männ- 
lichkeit auch im Bett beweist. 

Für den Liebeskünstler schließen sich Liebe und Krieg nicht gegenseitig aus. Daher 
findet man in der Ars auch keine Antithesen wie in der Elegie. 163 Für den Liebeslehrer 
(wie für die Vorgänger der römischen Elegiker) ist der militärische Bereich vielmehr 



dere (z. B. BARBER/BUTLER [1933]) eine Anspielung sowohl auf Parther- (19 f.) als auch auf 
Bürgerkriege (21 f.). Der Wortlaut des Verses 2,30,21 (spargere et alterna communis caede 
Penatis) deutet jedoch klar auf einen Bürgerkrieg, während in dem Distichon 19 f. von Kämpfen 
überhaupt nicht die Rede ist. Es könnte also auch sein, daß Properz an Handelsreisen in ferne 
Länder denkt. - SULLIVAN (1976) 59 interpretiert Prop. 3,5,1 1-16 als allgemeine Kritik am Krie- 
ge; es geht aber an dieser Stelle nicht um die Frage, was moralisch geboten ist, sondern darum, ob 
ein Kriegerdasein den Einzelnen im Leben weiterbringt. 

Vgl. vor allem Ov. Am. 3,8. Da Ovid dort jedoch gegen seinen Rivalen, einen reichen Zenturio, 
vom Leder zieht, muß man mit einiger Übertreibung rechnen. 

Vgl. schon S. 74 f. - Eine Antithese stellen bestenfalls die Verse Ars 2,563 f. dar: Mars pater in- 
sano Veneris turbatus amore /de duce terribili /actus amator erat. Hier soll aber die Unterwer- 
fimg des Mars unter den Willen Amors dazu dienen, den Ehebruch des römischen Staatsgottes zu 
rechtfertigen, vgl. S, 3 13. - In dem Vers Ars 2,406 (victor erat praedae praeda pudenda sitae) 
konfrontiert Ovid zwar Krieg und Liebe, kritisiert aber das Verhalten des liebenden Agamemnon. 
Als Sieger und Feldherr hätte er seinen Liebesgefuhlen nicht unterliegen dürfen. - Zur Funktion 
militärischer Metaphern im dritten Buch vgl. 7.3. 



1 



238 



Das dritte Kapitel der Liebeslehre 



eine Quelle für anschauliche Bilder und treffende Ausdrücke, um einen erotischen 
Sachverhalt zu beschreiben. 164 Gern benutzt Ovid Wörter wie vincere oder (re)pug- 
nare 165 oder spricht von Amors Waffen und den Wunden, die der Gott einem zufügt. 
Beim Triumph hält sich der Liebeslehrer respektvoll zurück; nur ein einziges Mal zieht 
er ihn zum Vergleich heran, und das an einer Stelle, wo er eine besonders starke 
Metapher braucht. 167 Während der 'elegisch' Liebende ausdrücklich betont, daß seine 
Freunde, sein Patron oder der Prinzeps andere Ziele verfolgen als er selbst, 1 8 wählt 
Ovid einen mythischen Heros, wenn er seinen Schüler mit einem Soldaten vergleichen 
will; realen Zeitgenossen stellt er den jungen Mann nicht gegenüber. 

Obwohl der Liebeskünstler dem Ideal der militia amoris huldigt, ist er kein Außensei- 
ter, dessen Dasein sich grundlegend von der konventionellen Lebensweise seiner Mit- 
bürger unterscheidet. Daß Kriegsmetaphern in diesem Sinne programmatische Bedeu- 
tung erlangen, verhindert der Liebeslehrer schon dadurch, daß er ebenso oft aus ande- 
ren Bildbereichen schöpft, z. B. aus dem der Jagd. 170 Während die Liebe in helle- 
nistischer Dichtung gern mit der Jagd verglichen wird, 171 meiden die römischen Ele- 
giker diesen Motivkreis mit Bedacht. Jagd und Krieg sind einander ähnlich und beides 



165 
166 
167 



168 



Ars 1,36 (vgl. S. 14); 1,751 (hostis)\ 2,397: laesa Venus iusta arma movet telumque remittit - 
ein sprichwörtlicher Ausdruck (vgl. OTTO [1890] Nrn. 1566 und 1750); 2,406 (der Liebende als 
praeda seines Mädchens, vgl. schon 1,114 + 125; 2,2 bezeichnet praeäa die Jagdbeute); 2,413 
(Friede mit der Geliebten); 2,461 f. (die Geliebte als Feindin, mit der man einen Friedensvertrag - 
foedus - abschließt); 2,526 (fores obsidere); 2,625 (tituli, acta); 2,741 ff. (Ovid hat seine 
Schüler gegen die Amazonen bewaffnet); zu Ars 2, 145 ff. vgl. oben S. 207 Anm. 56. 
Z. B. Ars 1,273 +278; 1,665 f.; 2,197; 2,728. 
Vgl. oben 2.3 sowie Ars 1,21; 2,195; 2,520; 2,708. 

Zum Triumph in der Elegie vgl. S. 74 ff. und S. 161 f. Der einzige Beleg in den Lehren für Män- 
ner ist Ars 2,539 f.: Wer die schwierigste Aufgabe der Liebeskunst bewältigt und seinen Rivalen 
geduldig erträgt, der\wird triumphieren. 

Vgl. z. B. Prop. 1,6 (Tullus, oben vorgestellt); Prop. 2,14,23 f. (ein erotischer Triumph bedeutet 
Properz so viel wie ein Sieg über die Parther); Prop. 3,4 und 3,5 (Augustus und diejenigen, die 
mit ihm gegen die Parther ziehen); Tib. 1,1,53 ff. (Messalla); 1,3,1 ffiv(Messalla und seine co- 
hors); VEREMANS (1983) 427 f. - Wo Ovid in der Ars auf aktuelles Geschehen anspielt, stehen 
Krieg und Liebe ohne Antithese nebeneinander. Das gilt auch für den Vers Ars 2,175 (proelia 
cum Parthis, cum culta pax sit amica), in dem JANKA (1997) 161 eine provokante „Gleich- 
setzung von kriegerischem und erotischem Bereich" sieht. Ovid vergleicht seinen Schüler nicht 
mit anderen Zeitgenossen, sondern gewissermaßen mit sich selbst: Wenn der junge Mann gegen 
die Parther zieht, dann ist es richtig zu kämpfen; bei seinem Mädchen ist dasselbe Verhalten 
falsch. Properz dagegen kämpft mit seinem Mädchen (Prop. 3,5,1 f.), während andere 
gegen die Parther kämpfen (Prop. 3,5,47 f.). 

169 Mythische Soldaten und Kriege erwähnt Ovid z. B. Ars 1,363 f. und 478 (Troja); 1,593 f. (Ken- 
tauren und Lapithen); 1,681 ff. (Achill als Krieger im Bett und vor Troja); 2,709-716 (Hektor 
und Achill als Liebhaber); 2,743 und 3,1 ff. (Gefechte zwischen Griechen und Amazonen). 
So werden auch die Wörter capere und praeda nicht eindeutig dem kriegerischen Bereich zuge- 
wiesen, sondern Ovid gebraucht sie sowohl i. S. v. „erobern, gefangennehmen" (z. B. Ars 1,478: 
capta vides sero Pergama, capta tarnen) als auch i. S. v. „fangen, erjagen" (z. B. Ars 1,270: 
capies, tu modo tende piagas). Zu capere und praeda bei Properz vgl. S. 22 1 Anm. 111. 

171 Belege für hellenistische Jagdvergleiche hat MURGATROYD (1984) 363 ff. gesammelt. 



5.3 MILITIA AMORIS 



239 



angemessene Tätigkeiten für den jungen Mann von Stand. Während jedoch der Militär- 
dienst für ihn eine ernsthafte Aufgabe, sozusagen sein Beruf ist, vergnügt er sich bei 
der Jagd in seiner Freizeit Für den * elegisch' Liebenden ist aber die Liebe kein Hobby, 
sondern sein Lebensinhalt. Daher vergleicht er sich mit einem Soldaten, aber nie mit 
einem Jäger (S. 33). Dagegen ist Liebe in der Ars eine zwar ernsthafte, doch heitere 
Beschäftigung, die auch Raum für anderes läßt. Jagdmetaphern sind deswegen gut ge- 
eignet, den Liebeskünstler und sein Tun zu beschreiben. 

Durch die Antithese von Liebe und Krieg rechtfertigt und glorifiziert der 'elegisch' 
Liebende seine sklavische Unterwerfung unter den Willen einer Frau. In einer ähn- 
lichen Funktion fuhrt Ovid das Konzept der militia amoris ein, um seinem Schüler die 
niederen Dienste des erotischen Gehorsams erträglicher zu machen (5.2.4.2). Es ist 
keine Schande, seinem Mädchen zu gehorchen, denn was der junge Mann für sie lei- 
stet, erfordert soldatische Tugenden (Ars 2,233-236): 

müitiae species amor est: discedite, segnes; 

non sunt haec timidis signa tuenda viris. 
nox et hiems longaeque viae saevique dolores > 

mollibus his castris et labor omnis inest. 

In derselben Weise scheint sich Ovid schon in den Amores gegen den Vorwurf zu ver- 
wahren, der 'elegisch' Liebende sei ein schlaffer Nichtsnutz (Ov. Am. 1,9,1 f.): 

militai omnis amans, et habet sua castra Cupido; 
Atiice, crede mihi, militat omnis amans. 

Bei genauerem Hinsehen fällt jedoch auf, wie unterschiedlich militia amoris an beiden 
Stellen bewertet wird. Während Ovid in der Ars die tapfere Ausdauer von Soldat 
und Liebeskünstler betont, preist er in den Amores den Liebenden auf Kosten 
des Soldaten, mit dem Ergebnis, daß am Ende beide eine lächerliche Figur abgeben. In 
einer langen Comparatio stellt Ovid sie systematisch einander gegenüber: Sowohl der 
Soldat als auch der Liebende müssen jung sein (Am. 1,9,3-6); beide müssen Wache 
schieben (7 f.), beide lange, beschwerliche Reisen (9-14) und Unwetter (15 f.) ertra- 
gen; der Soldat hat ein Auge auf die Feinde, der Liebende aber auf den Rivalen (17 f.), 
Während der Soldat Städte bestürmt und Tore einrammt, belagert der Liebende die 
Schwelle der Geliebten und bricht durch ihre Tür (19 f.). Der Soldat metzelt schlafen- 
de Feinde nieder, wie einst Diomedes und Ulixes den Thraker Rhesus; der Liebende 
dagegen nutzt den Schlaf des Gatten und trägt im Bett seines Mädchens ein hitziges 
Gefecht aus (21-26). 

Schon diese Paraphrase eines Ausschnittes läßt erahnen, wie provozierend die Elegie 
Amores 1,9 auf einen konservativ denkenden Menschen gewirkt haben muß. Den an 
sich zutreffenden Gedanken, daß Soldat und Liebender manches gemeinsam haben, 
führt Ovid dadurch ad absurdum, daß er ihn bis in das kleinste Detail durchspielt. Nie- 
mand glaubt mehr allen Ernstes, es mache keinen Unterschied, ob man eine Stadt oder 



240 



Das dritte Kapitel der Liebeslehre 



seine Freundin „bestürmt". Auch ein nächtlicher Angriff auf das Lager des Feindes ist 
keineswegs dasselbe wie die Kämpfe, die der Liebhaber mit seiner Dame ausficht. 
Und der, Sprecher der Elegie erwartet auch Widerspruch: Er beginnt mit einem Pauken- 
schlag; sofort und noch ohne jede Begründung erklärt er, daß alle Liebenden Soldaten 
seien. Als handele es sich dabei um eine besonders gewagte These, wiederholt er den 
Satz gleich noch einmal und fügt beschwörend hinzu: „Glaube mir!" 

In den Amores provoziert Ovid; in der Ars aber spricht er in einem anderen Ton. 
Hier gewöhnt er den Leser erst an den Gedanken, daß Liebe und Krieg sich ähneln, be- 
vor er ihn ausspricht. Er erklärt, Amor hasse die Trägen (Ars 2,229), und befiehlt dem 
Schüler, Gänge für die Geliebte zu unternehmen, darunter weite Reisen bei jeder Wit- 
terung (229-232). Erst danach behauptet er, Liebe sei eine Art Militärdienst. Jetzt 
leuchtet dieser Gedanke jedem unmittelbar ein. Auch die einzelnen Parallelen be- 
schreibt der Liebeslehrer nicht in einer antithetisch formulierten Comparatio und be- 
schränkt sich außerdem auf unangenehme, anstrengende Dinge. Er erwähnt also nur 
das, das was Soldat und Liebhaber wirklich beide ertragen: 174 durchwachte 
Nächte, unbequeme Lager, Kälte und schlechtes Wetter, lange Reisen, Mühe und 
Schmerzen Alles, was nicht vergleichbar ist und entsprechend komisch gewirkt hätte, 
läßt er weg. 175 



172 



THOMAS (1964) 160 bemerkt zwar, daß das Motiv der Unvereinbarkeit von Liebe und Krieg 
auch in dieser Elegie gegenwärtig ist, ist aber der Ansicht, es handele sich nur um einen 
scheinbaren Gegensatz, den Ovid leicht auflöse. Auch McKEWON (1989) 259 meint: „Ovid 
equates, rather than contrasts, the lover's way of life with that of a solcher." - LYNE (1980) 251 f. 
vermutet, daß Ovid seine Vorgänger habe parodieren wollen. Hätten Tibull und Properz das 
Konzept der militia amoris zu wörtlich genommen, „humorous incongruity and striking paradox 
would have been the result" Eben das strebe Ovid an: „Ovid pursues possible implications to the 
comic extremities. \.. A suggestive and ultimately serious motif has become a conceit. An 
intention seriously if wittily to provoke is replaced by a desire almost entirely for wit, albeit 
irreverent." Eine solche übermütige Albernheit dürfte indes für einen vaterländisch denkenden 
Mann sogar eine noch größere Beleidigung gewesen sein. Wenn einer sein tief empfundenes 
Liebesleid durch militärische Metaphern ausdrückt, so erweist er dem Kriegshandwerk doch 
wenigstens eine gewisse Reverenz. 

Keinen wesentlichen Unterschied zwischen Am. 1,9 und der ^w-Fassung sehen SPlES (1930) 67 
(„in ähnlicher, nur viel kürzerer Weise") und MURGATROYD (1975) 59 („repeats the point"). Da- 
gegen meint JANKA( 1997) 197 f., inden^moreskämees Ovid „auf eine witzig-paradoxe refuta- 
tio der communis opinio eines qualitativen Kontrastes zwischen otium amoris und negotia mili- 
tis" an, während in der Ars „die Thematik ... ganz der 'didaktischen Zielsetzung'" untergeordnet 
sei, und zwar durch „sukzessive Präzisierung des Lehrstoffes" und „Einengung des Adressaten- 
kreises". Jedoch beziehen sich die Worte Amor odit inertes (Ars 2,229) nicht nur auf „die in der 
Liebe Trägen" (JANKA 199), sondern auf a 1 1 e trägen und feigen Männer (vgl. 5.3.3). 
Vgl. z. B. [Verg.] Cat. 9,41 ff. über die militärische Eignung der Messallae Publicolae: nam quid 
ego immensi memorem studia ista laboris, / horrida quid durae tempora militiae? ... immode- 
rata pati iamfrigora iamque calores? / sternere vel dura posse super silice? / saepe trucem ad- 
verso perlabi sidere pontum? /saepe mare audendo vincere, saepe hiemem? 
KÖLBLINGER (1971) 148 bemerkt, daß Am. 1,9 und Ars 2,233 ff. sich darin unterscheiden, daß 
Ovid in der Ars die Leiden und Mühen des Liebenden wesentlich schärfer zeichne. Man könne 



5.3 MILITIA AMORIS 



241 



Der Liebeslehrer behandelt das Kriegshandwerk mit Respekt. Das kommt auch in der 
Formulierung zum Ausdruck, die den Leser am meisten an die Elegie Amores 1,9 er- 
innert. Ovid behauptet eben nicht militat omnis amans, was soviel bedeutet wie 

militia amor est, 
sondern er sagt (Ars 2,233): 

militiae species amor est 

Liebe ist nur eine Art von Kriegsdienst. Trotz aller Leiden dient der Schüler doch 
in „weichen" Heerlagern, in denen es nicht so hart zugeht wie in einer echten Kaserne. 

5.3.3 Ängstliche Helden 

Dagegen glaubt der 'elegisch' Liebende, daß er ein mindestens ebenso großer Held ist 
wie jeder Soldat (Anm. 152). Und das fuhrt uns zu einem weiteren Punkt, der einen 
narbenbedeckten Veteranen beim Lesen von Amores 1,9 gewurmt hätte. Dort behaup- 
tet Ovid, Amor habe sogar die berühmtesten mythischen Krieger (Achill und Hektor), 
den berühmtesten Feldherren (Agamemnon) und keinen geringeren als den Kriegsgott 
Mars höchstpersönlich kampfunfähig gemacht (Am. 1,9,33-40); dann aber erklärt der 
Dichter, er selbst sei aus Liebe zu einem tüchtigen Soldaten geworden, obwohl er von 
Natur aus zu schlaffem Müßiggang neige (Am. 1,9,41-46): 

ipse ego segnis eram discinetaque in otia natus; 

mollierant animos leclits et umbra meos; 
impulit ignavumformosae curapueltae, 

iussit et in castris aera merere suis, 
inde vides agilem nocturnaque bella gerentem: 

qui noletfleri desidiosus, amet. 

„Ausgerechnet ein solcher Weichling spielt sich auf!", ärgert sich der Veteran. Und das 
zu Recht. Denn der 'elegisch' Liebende ist in der Tat ein ganz besonders ängstlicher 
und unkriegerischer Mensch. Bevor Amor ihm Mannhaftigkeit einflößte, fürchtete 
Ovid sogar Schatten und Gespenster (Am. 1,6,9- 14): m 

at quondam noctem simulacraque vana timebam; 

mirabar, tenebris quisquis iturus erat: 
m/7, ut attdirem, tenera cum matre Cupido 

et leviter „fies tu quoque fortis" ait. 



eine Klimax feststellen, die „von labor omnis zusammengefaßt und übertreffen" werde. Sowohl 
für diesen Ausdruck als auch für saevi dolores gebe es keine Entsprechnung in der Elegie ■ 
Properz wagt sich bei der Jagd an keine größeren Tiere als Hasen (Prop. 2,19,21-24). Auch An- 
tonius verlor, von Amor ergriffen, bei Actium seinen Mut (Prop. 2,16,39 f.). - Zur Angst vor der 
Geliebten vgl. S. 216 f - Vgl. a. MURGATROYD (1980) 146: „The elegiac lover is conventionally 
a weak and unmanly type" (mit Belegen). HENNIGES (1979) 64 f. diskutiert die „ausgeprägte 
Sensibilität" des 'elegischen' Menschen. 



242 Das dritte Kapitel der Liebeslehre 

nee mora, venit amor; non umbras nocte volantes, 
non timeo strietas in meafata manus. 

Properz, der von sich sagt, daß er nicht für den Dienst an der Waffe geboren sei 
(1,6,29), ist auch nicht mutiger. Seine Herrin hat ihn nach Tibur beordert, und voller 
Angst malt er sich aus, welche Gefahren im Dunkeln auf ihn lauern (Prop. 3,16,5 f.): 

quidfaciam? obduetis committam mene tenebris, 
ut timeam audaces in mea membra mgnus? 

Aber wenn er die Reise aus Furcht (timore) aufschiebt, wird er Strafen erleiden, die 
ihm noch schrecklicher scheinen. Seine Herrin wird weinen und ihn bestimmt für 
längere Zeit aus ihrer Nähe verbannen (7-9). Doch damit nicht genug! Sie wird ihn 
auch schlagen (Prop. 3,16,10): 

in me mansuetas non habet illa mgnus. 
So wählt er denn das kleinere Übel und tröstet sich mit einem Gedanken (11-14), den 
bereits Tibull entwickelt hat. Tibull würde am liebsten ein geruhsames Leben, eine vita 
iners (Tib. 1,1,5) führen und sich mit seinem Mädchen zu Hause im Bett verkriechen 
(1,1,45 ff.). Nur weil Amor ihn dazu zwingt, überwindet er Furcht und Bequemlichkeit 
(1,2,23 ff.). Aber er braucht sich ja gar nicht zu fürchten, steht er doch unter dem 
Schutz der mächtigen Venus (Tib. 1,2,27-30): 

nee sinit <sc. Venus> oecurrat quisquam, qui corpora ferro 

vulneret aut rapta praemia vestepetat. 
quisquis amore tenetur, eai tuiusque sacerque 

qualibet; insidias non timuisse decet. 

Das weiß auch auch Properz. Beruhigt kann er zu Cynthia eilen. Da Venus ihn be- 
gleitet, werden ihn unterwegs keine bösen Hunde beißen (Prop. 3,16,15-20). 

Der 'elegisch' Liebende ist also im Grunde ein erbärmlicher Feigling und verhält sich 
nur deshalb tapfer, weil er von Liebe besessen ist und obendrein glaubt, unter gött- 
lichem Schutze zu stehen. Triebe ihn kein rasender Affekt, würde er sich nicht einmal 
allein auf die Straße wagen. Der Schüler der Ars dagegen ist ein tüchtiger Mann, der 
alles Weibische verabscheut und lieber mutige Taten vollbringt (5.2.4.2). Und genau 
solche Männer fordert der Amor der Liebeskunst (Ars 2,229, 233 f.): 

Amor odii inertes ... 
... discedite, segnes 
non sunt haec timidis signa tuenda viris. 

Denn er haßt die Trägen und verlangt den Einsatz von Leib und Leben, ohne zum 
Ausgleich seinen speziellen Schutz anzubieten. 



KÖLBLINGER (1971) 148 bemerkt: „Eine kläre Feststellung wie hier (v. 234), Liebe sei nichts für 
Furchtsame, findet sich Am. 1,9 nicht." 




5.4 Wie spart man sich teure Geschenke? (Ars 2,25 1-336) 243 



5.4 Wie spart man sich teure Geschenke? (Ars 2,251-336) 

Die Dame wird sich über den Diensteifer ihres wohl geschulten Kavaliers bestimmt 
freuen. Doch genügt das? Tibull hat Delia liebevoll gesund gepflegt, aber jetzt liegt sie 
bei einem anderen Mann (Tib. 1,5,1-18). Alles wollte Tibull für sie tun, immer an ihrer 
Seite sein, sie sogar wie eine Zofe umsorgen (Tib. 1,5,61-66) - doch vergebens. Delias 
Tür öffnet sich nur, wenn man mit voller Hand daran klopft (Tib. 1,5,67 f.): 

heu, canimusfrustra, nee verbis vieta patescit 
ianua, sedplena est percutienda manu. 

Gegen den reichen Rivalen kann der arme Liebhaber nichts ausrichten (Tib. 1,5,47): 
haec nocuere mihi, quodadest huic dives amator. 

Nicht nur in der Elegie ist der dives amator übermächtig (S. 210 ff.); auch der Liebes- 
lehrer gab zu, daß Geld die Damen mehr beeindruckt als all seine Künste (Ars 2,161- 
164). Und am Schluß dieses Kapitels soll der Schüler aufpassen, daß er bei der Kran- 
kenpflege nicht einem Rivalen zuarbeitet (333-336), Der Liebeskünstler muß also 
ebenfalls mit vermögenden Nebenbuhlern rechnen. 

Doch braucht der Schüler deswegen nicht zu resignieren. Während nämlich der 'ele- 
gisch' Liebende nur mit sklavischer Hingabe und mit Gedichten - erfolglos - gegen den 
reichen Rivalen antritt, 178 lernt der junge Liebeskünstler neben obsequium und schmei- 
chelnder indulgentia weitere Techniken, über die der 'elegisch' Liebende nicht verfugt 
und mit denen man sogar reiche Rivalen ausstechen kann. 



5.4.1 Wie macht man sich bei den Sklaven beliebt? (Ars 2,251-260) 

Der korrekte Umgang mit den Sklaven der Geliebten (Ars 2,251-260) ist eine dieser 
Techniken. Schon in den Amores hat Ovid dem Konzept des servitium amoris eine 
weniger bedeutende Rolle zugewiesen als die beiden anderen Elegiker 179 und dafür et- 
was Neues entwickelt: den servilen Umgang mit Sklaven. Der Liebende verhandelt de- 
mütig mit dem Pförtner, dem Wächter oder der Lieblingssklavin seiner Herrin; dabei 
zieht er alle Register werbender Rede und versteigt sich zu Schmeicheleien, wie sie 



Vgl. bes. Tib. 1,5,61 ff. (oben S. 214 zitiert); ferner Tib. 2,3; 2,4,13 ff.; Prop. 2,17,17 f.; 2,24,21 
ff; 2,25,15 ff; Ov. Am. 3,8,1 ff; 3,11,9 ff 

Die Belege für servitium amoris sind in den Amores nicht nur seltener; Ovid hat auch wesentliche 
Punkte geändert: Nur in den Amores wird das Versprechen, der Geliebten auf ewig treu wie ein 
Sklave zu dienen, Bestandteil einer förmlichen Liebeserklärung (Ov. Am. 1,3,5 f.; 3,2,61 f.); man 
hat so den Eindruck, der Liebende sage das nur, um die Dame für sich zu gewinnen. In der Elegie 
Am. 2,17 zeigt der Sprecher deutlich, daß er sich seiner Geliebten nicht wirklich unterlegen fühlt, 
obwohl er sich als ihren Sklaven bezeichnet; vgl WlLDBERGER (1998) 58 ff Allein Amor be- 
herrscht den Liebenden (vgl. Ov. Am. 1,1; 1,2; 2,9; 3,11); welche Frau den überwältigenden 
Affekt hervorruft, ist nicht mehr so wichtig (vgl. bes. Ov. Am. 2,4). 



J 



244 



Das dritte Kapitel der Liebeslehre 



sonst nur eine 'elegische' domina tax hören bekommt. Die Sklavin Cypassis macht er 
sogar zu seiner Geliebten. 180 Vergleichbare Motive fehlen bei Tibull und sind bei Pro- 
perz die Ausnahme. 181 Daß Ovid sich statt des servitium amoris den usus servorum 
zum Thema wählte, lag jedoch nahe, weil der Umgang mit Sklaven als erniedrigend 
empfunden wurde, besonders wenn man ihnen als Bittsteller gegenübertreten mußte 
(vgl 3.2). 

Der Liebeslehrer erwartet, daß auch sein Schüler es als erniedrigend empfindet, sich 
mit den Sklaven gemein zu machen (Ars 2,25 1 f.): 

necpudor ancillas, ut quaeque erit ordine prima, 
nee tibi sit servos demeruisse pudor. , 

Daher beschränkt Ovid die Selbsterniedrigung auf das notwendige Mindestmaß. Der 
junge Mann braucht sich nicht durch servile Schmeichelei oder werbende Reden zu de- 
mütigen; es genügt die herablassende Freundlichkeit eines Höherstehenden gegenüber 
einem humilis (254). Warum soll man die kleinen Leute nicht namentlich grüßen? Es 
kostet ja nichts. Und die bescheidenen Geschenke an traditionellen Festtagen machen 
einen auch nicht arm (253-258). Der Liebeskünstler schenkt also nur zu bestimmten 
Anlässen und nicht etwa jedesmal, wenn er ins Haus gelassen werden oder seiner Ge- 
liebten eine Botschaft senden will, wie der Liebende bei Properz (2,23,3 f.). So muß er 
weniger ausgeben, und seine Großzügigkeit wird obendrein uneigennützig wirken, da 
er keine Gegenleistung verlangt. Die Vorteile solcher Maßnahmen liegen auf der 
Hand: Wer die Diener und Wächter der Geliebten für wenig Geld zu seinen Verbünde- 
ten macht, darf hoffen, ohne großen finanziellen Aufwand zu ihr selbst vordringen zu 
können. Es ist allemal billiger, die Sklaven zu kaufen, als die Herrin. 



180 Vgl. Ov. Am. 1,6 (Türsteher); \,\\ und 12 (Briefbotin Nape); 2,2 und 3 (Wächter Bagoas); 2,7 
und 8 (Geliebte Cypassis). - Es ist hier nicht der Raum, diese Gedichte im einzelnen zu unter- 
suchen. Zwei besonders auffällige Beispiele 'elegischer' Überhöhung müssen daher genügen: In 
Am. 1,6,13 ff. erklärt Ovid, daß er sich vor nichts furchte, aufler vor dem Pförtner der Geliebten 
(15 f.): \e nimium lentum timeo, tibi blandior uni: / tu, me quo possis perdere, fulmen 
habes. Dieser Blitz kehrt Am. 2,1,15 ff. wieder. Ovid schreibt an einer Gigantomachie und führt 
in Gedanken schon Jupiters Blitze; da schließt die Geliebte ihre Tür und schlägt dem Dichter so 
die Waffe aus der Hand. Jupiter kann nicht helfen (20): clausa tuo maius ianua fulmen 
habet. Der Pförter wird also mit Jupiter verglichen und mit derselben göttlichen Macht ausge- 
stattet wie die Geliebte. Die Friseuse Cypassis überhöht Ovid wie eine freie 'elegische' domina 
durch Deifikation (Am. 2,8,2: comere sedsolas digna Cypassi deas) und mit Exempeln aus dem 
Mythos (Am. 2,8,11-14). 

181 Bemerkenswert ist auch, daß Properz erst im dritten Buch, als seine Liebe schon zu erkalten be- 
ginnt, den Sklaven Lygdamus zwischen sich und Cynthia vermitteln läßt (Prop. 3,6) und das Ver- 
hältnis mit seiner Sklavin Lycinna erwähnt (Prop. 3,15). Möglicherweise sollte man sich aller- 
dings schon die Geliebte des Ponticus, die Properz als empta (Prop. 1,9,4) bezeichnet, als Skla- 
venmädchen vorstellen. Der verliebte Epiker wäre dann noch tiefer gesunken als der Elegiker; vgl. 
FEDEU[1980]adloc. 

182 Belege für dieses Verfahren in der Komödie stellt JANKA (1997) 212 vor. 



5.4 Wie spart man sich teure Geschenke? (Ars 2,251-336) 



245 



Damit hat Ovid die neue Aufgabe eingeführt. Als pauper amator muß der Schüler 
lernen, wie man der Habgier seiner Geliebten begegnet, und zu diesem Zweck Dinge 
tun, die einem rechtschaffenen Römer anstößig erscheinen könnten. Welche Praktiken 
das sind, warum sie den Schüler vor allzu hohen Ausgaben bewahren und wie sie Ovid 
mit dem Ehrgefühl des Liebeskünstlers in Einklang bringt, wird im folgenden gezeigt. 

5.4.2 Prinzip Hoffnung - est tibi agendus dives amans (Ars 2,261-336) 

Der reiche Rivale wird dem pauper amator vergezogen, weil er die Dame großzügig 
beschenkt. Der gehorsame Liebhaber mag noch so große Mühen auf sich nehmen; mit 
zärtlichen Diensten allein ist eine Frau nicht zufrieden. Da hat man geschuftet wie 
Hercules, klagt Properz, und doch will sie nur eines: Geschenke! (Prop. 2,23,7 f.) 

deinde ubi pertuleris, quos dicit fama, labores 
Herculis, utschbat: „Muneris ecqttid habes? '" 

Oberhaupt war eine Liebesbeziehung ohne Geschenke zu Ovids Zeit undenkbar. Nicht 
nur Huren und Hetären forderten eine Entschädigung; auch verheiratete und sogar 
wohlhabende Damen erwarteten handfesten Dank für ihre Gunst. 183 Eine Frau mit Ga- 
ben zu umwerben, galt als so selbstverständlich, daß dieses Motiv nicht einmal in 
Schilderungen einer anspruchslosen, ländlichen Frühzeit fehlt. 184 Es reicht also nicht, 



Die habgierige Dame in Prop. 2,23 ist eine verheiratete freie Frau, der Properz unfreie oder frei- 
gelassene Prostituierte gegenüberstellt (bes. 21 f.: et quas Euphrates et quas mihi misit Orontes, 
/me iuerint: nolim fitrta pudica fori). In der Elegie 2,32 behauptet Properz (41 f.), daß sich zahl- 
lose Frauen durch stupra bereichern. Zumindest im juristischen Sinne ist stuprum nur der Ver- 
kehr mit einer freien Jungfrau oder einer Matrone. Daß sich Matronen durch Geschenke korrum- 
pieren lassen, beklagt der Dichter an anderer Stelle (Prop. 3,13,9-12). Umgekehrt versichert Pro- 
perz dem Postumus, daß dessen Frau Galla sich nicht verkaufen wird (Prop. 3,12,15-20). Zwar 
ist das Lob fraulicher Treue ein Topos, und Properz wollte das Verhältnis dieses Paares gewiß 
nicht realistisch abbilden; doch seine Aussage, Galla werde sich nicht prostituieren, wäre kein 
Lob, sondern eine Unverschämtheit, wenn es nicht vorgekommen wäre, daß verheiratete ingenuae 
des Ritter- und Senatorenstandes materiellen Verlockungen erlagen, denn Galla dürfte zu diesen 
besseren Kreisen gehört haben. (Zu C. Propertius Postumus, einem Verwandten des Properz, der 
bis zum Prokonsulat aufstieg, und Aelia Galla, wahrscheinlich der Schwester eines praefectus 
Äegypti, vgl. FEDELI [1985] 397.) - Sueton berichtet, Julius Cäsar habe der hochadeligen Ser- 
vilia, der Mutter des Brutus, eine Perle für sechs Millionen Sesterzen und darüber hinaus ganze 
Landgüter geschenkt (Suet. Jul. 50,2): Sed ante alias dilexit Marci Bruti matrem Serviliam, cui 
et primo suo consulatu sexagiens sestertium margaritam mercatus est et bello civili super alias 
donationes amplissima praedia ex auetionibus hastae minimo addixit Wie Sueton weiter er- 
zählt, ging sogar das Gerücht, Servilia habe dem Cäsar auch ihre eigene Tochter gegen Entgelt 
zur Verfügung gestellt. - Vgl. ferner Sen, Con. 2,7, besonders § 6: Me miserum: maritus cum 
omni censu meo inter munera adulteri lateo; Sen. Ben, 2,14,4; 7,19,3 und 1,9,4: si quis mala se 
amicafecit insignem nee alienae uxori annuum praestat, hunc matronae humilem et sordidae 
libidinis et ancillariolum vocant; BOUCHER (1965) 449-45 1. 

Vgl. etwa Tib. 2,5,35 ff.; Prop. 3,13,25 ff. - Auch Lukrez kann sich durchaus vorstellen, daß der 
allererste Geschlechtsverkehr erkauft wurde (5,963-5): conciliabat enim vel mutua quamque 
cupido / ... /velpretium, glandes atque arbita velpira leeta. 



246 



Das dritte Kapitel der Liebeslehre 



die Sklaven der Geliebten zu bestechen; die Herrin selbst will ebenfalls beschenkt sein. 
Das bedeutet allerdings nicht, daß der Schüler ihr Kostbarkeiten zu Füßen legen soll 
(Ars 2,261 f.). Vielmehr rät Ovid zu preiswerten Gaben: Wie Männer es von alters her 
getan haben, kann man mit Feldfrüchten (263-8), einem Vöglein (269) oder einem 
Kranz (269) seine Zuneigung zum Ausdruck bringen 185 und anstelle eines kleinen Ge- 
schenkes eine selbstverfaßte Elegie vortragen (285 f.). 

Mit derartigen Zuwendungen ist zwar der Pflicht Genüge getan; doch gegenüber einem 
dives amator kann man so nicht bestehen. Der junge Liebeskünstler muß außerdem 
Methoden anwenden, die er schon im ersten Buch der Ars gelernt hat, wo er auch zum 
ersten Mal etwas über den Umgang mit den Sklaven der Geliebten erfuhr. Im An- 
schluß daran kam Ovid auf die Habgier der Frauen zu sprechen (399 ff.) und zeigte, 
wie man sich gegen solche Habgier zur Wehr setzt (437 ff.). In seinen Briefen sollte 
der Schüler der Dame großzügige Gaben versprechen. Solange man Geschenke nur an- 
kündigt, könne schließlich jeder ein reicher Mann sein (Ars 1,444): 

pollicitis dives quilibei esse polest 
Zusätzlich zu diesen Versprechen mußte der Schüler Liebe vortäuschen und dabei 
möglichst glaubwürdig wirken, was ihm Ovid in den Lehren zum ersten Rendezvous 
noch einmal nahelegte. Denn dort galt es ebenfalls, die Dame nicht nur mit falschen 
Versprechen zu betören, sondern auch mit schmeichelnden Worten, die von Liebe 
zeugten. Kurz, der Schüler mußte den Liebenden spielen (Ars 1,61 1): 18 

est tibi agendus amans . 
Auf diese Weise sollte der junge Mann eine erste Liebesnacht erringen, noch ohne da- 
für etwas zu schenken. Dann nämlich, so erklärte Ovid den Zweck der Vorschriften, 
werde die Dame in Erwartung des allfälligen Geschenkes dem Schüler auch weiter 
kostenlos zu Willen sein (Ars 1,453 f.): 

hoc opus, hie labor est, primo sine munere iungi: 
ne dederit gratis, quae dedit, usque dabit * 



186 
187 



Der Liebende soll nur eine Drossel, also einen preiswerten Vogel wie den passer des Carull (c. 2 
und 3) schenken, keinen teuren Papagei (Ov. Am. 2,6). Tränenbenetzte Kränze vom Gastmahl 
pflegte der exclusus amator an die Tür seiner Dame zu heften (vgl. z. B. Prop. 1,16,7; Ov. Am. 
1,6,67-70 und Ars 2,528 mit dem Kommentar von JANKA [1997] ad loc.). - Manche Autoren, 
z. B. KENNEY (1959) 25 und JANKA (1997) 223 f., verstehen die Wendung tiirdoque ... missa- 
que corona als Hendiadyoin, das einen Kranz von (toten) Drosseln als Leckerbissen bezeichne, 
da der Erbschleicher bei Horaz Drosseln zum Essen verschenkt (Hör. S. 2,5,10 f.): turdus / sive 
aliud privum dabitur tibi, devolet illuc / res ubi magna nitet domino sene. Obwohl die Drossel 
eine Delikatesse war, ist hier doch wohl eher an romantische Gaben, an einen Blütenkranz und an 
einen lebendigen Vogel, zu denken. Vgl. a. BALDO (1993) 303. 
Mit Ars 1,351 ff. vgl. bes. Ars 2,251: ancittas, utquaeque erit ordine prima. 
Die im Zusammenhang mit dem Liebesbrief und dem ersten Rendezvous gelehrten Bitten (preces) 
erübrigen sich jetzt, da die Dame den Schüler mittlerweile erhört hat. 



5.4 Wie spart man sich teure Geschenke? (Ars 2,251-336) 



247 



So könne man gerade habgierige Frauen lange hinhalten (Ars 1,445): 
Spes tenet in tempus, semel est si credita, longum. 

Nun gilt es, diese Hoffnung auf den großen Gewinn weiter zu nähren, bis der Schüler 
sich durch geschicktes obsequium so unentbehrlich gemacht hat, daß die Geliebte ihn 
schließlich gar nicht mehr gehen lassen will, selbst wenn sie - zu spät - erkennt, daß ihr 
diese Beziehung nicht viel einbringt. 

Zumal sie in den jungen Mann bereits 'investiert' hat, wird sich die Dame ihrerseits 
hüten, den Bogen zu überspannen, und zunächst noch nicht allzu viel fordern. Eine er- 
fahrene Hetäre preßt ihren Liebhaber erst dann gnadenlos aus, wenn sie sich seiner 
völlig sicher ist. So rät die Kupplerin in den Amores, die Verehrer am Anfang zu 
schonen, damit die Beute nicht wegläuft; sind aber die Männer erst einmal in die Netze 
gegangen, können sie nach Belieben mit überzogenen Ansprüchen gequält werden 
(Am. 1,8,69 f.): 

parcius exigito pretium, dum retia iendis, 
nefugiant; captos legibus ure titis. 

Gerade dieser heimtückische Angriff auf sein Hab und Gut ermöglicht dem Liebes- 
künstler eine wirksame Verteidigung, Er braucht seine Geliebte nur glauben zu lassen, 
sie sei auf dem besten Wege, eine fette Beute in ihre Netze zu locken. Zu diesem 
Zwecke wird er ihr den Eindruck vermitteln, er sei zahlungsfähig und, weil er sie über 
alle Maßen liebt, auch zahlungswillig. Die Dame soll denken, er sei vermögend und 
ihr, seiner Herrin, so verfallen, daß sie von ihm bekommen könne, was immer sie sich 
wünscht. So wird der junge Mann den reichen Liebhaber spielen, bis es ihm durch die 
'elegischen' Werbekünste indulgeniia und obsequium gelungen ist, sie in seine 
Netze zu locken. Das Lehrziel dieses Abschnitts könnte man also in Anlehnung an die 
Vorschriften zum Liebesbrief (1,444) und zum ersten Rendezvous (1,611) wie folgt 
formulieren: 

est tibi agendus dives amans. 

Mit Versprechen allein kann der Schüler jetzt nicht mehr arbeiten; er muß vielmehr 
etwas Handfestes bieten. Als Vorboten der großen Zuwendungen, die - das glaubt 
jedenfalls die Dame - später folgen sollen, wird der Liebeskünstler kleine, schlau aus- 
gewählte (262) Geschenke überreichen: Wenn er der Geliebten einen Obstkorb schickt, 
kann er dabei nicht vorhandenen Reichtum andeuten und behaupten, der Inhalt stamme 
vom eigenen Landgut (265 f.). 188 Die anderen Gegenstände, die Ovid vorschlägt, sind 



Vgl. LABATE (1984) 222; BALDO (1993) 302; Mart. 7,31. - Bemerkenswert ist hier ein Ab- 
weichung von Horazens Erbschleichersatire, auf die Ovid in diesem Abschnitt mehrfach anspielt 
(Appendix I). Auch der captator soll sein Opfer mit Feldfrüchten beschenken (Hör, S. 2,5,12- 
14): dulcia poma / et quoscumque feret eultus tibißmdus honores /ante Larem gustet venerabi- 
lior Lare dives. Der Erbschleicher besitzt tatsächlich eine Villa und muß sie nicht erfinden. - 



248 



Das dritte Kapitel der Liebeslehre 



typische Gaben verliebter Männer, mit denen auch ein echter dives amator die Reihe 
seiner Zuwendungen eröffnen würde. Außerdem zeigt der junge Mann so, daß er voll 
Zärtlichkeit an die Dame denkt (270). 189 Denn die Geschenke des Schülers müssen 
immer auch Liebesbeweise sein. Dasselbe gilt für Gedichte. Nicht jedes Gedicht ist als 
Geschenk geeignet, sondern nur eines auf die Dame selbst. Mit schmelzendem Ton 
wird der junge Mann zum Lobe ihrer Schönheit vortragen, was er in schlafloser Nacht 
ersonnen hat, als all sein Fühlen und Trachten nur bei ihr war (283-286). 

Scheinbar ganz der ergebene Sklave, wird der junge Mann dafür sorgen, daß die Dame 
Gelegenheit bekommt, sich als Herrin aufzuspielen: Der Liebeskünstler wird keinen 
seiner Sklaven mehr begnadigen oder freilassen, ohne daß dieser zuvor die Geliebte 
darum gebeten hat. Nebenbei kann man sich so für einen unfairen Trick revanchieren, 
den Ovid im ersten Buch als Musterbeispiel perfider Hurenkunst beschrieb. Damen 
'leihen' sich Gegenstände 'aus', die sie nie zurückgeben; den Verlust danken sie einem 
nicht (Ars 1,433 f.): 

multa rogant utenda dari, data reddere nohmt; 
per di s , et in damno gratia mala tuo. 

Hier ist es umgekehrt. Man verliert nichts; und die Geliebte muß auch noch dankbar 
sein (Ars 2,293 f.): 

uti Utas tua sit, titulus donetur amicae; 
perde nihil. 

Da Frauen vor allem durch Schönheit Liebe wecken und Männer in ihren Bann ziehen 
(7.4.3), muß der Schüler unbedingt so tun, als sei er beim Anblick der Geliebten wie 
vom Donner gerührt (Ars 2,295 ff.): 

sedte, cuicumque est retinendae curapueltae, 
. attonitum forma fac putet esse sua. 



JANKA (1997) 221 fällt auf, daß den Obstkorb ein Sklave überbringen «oll, während der Liebes- 
künstler die Sklaven der Geliebten persönlich beschenkt. Das ist sinnvoll: Die Sklaven fühlen sich 
geehrt, wenn der feine Herr ihnen eigenhändig das Geschenk überreicht; wenn man dagegen einer 
Dame als reicher Mann erscheinen will, darf man solche Botengänge nicht selbst unternehmen, 
damit sie nicht den Eindruck bekommt, der Liebeskünstler besitze nicht genügend Sklaven. 
Vgl. LABATE (1984) 222; BALDO (1993) 302. 

Das Gedicht sollte Lobpreis enthalten (laudetur per carmina), mit süßer Stimme (dulci sono) der 
Dame vorgelesen werden und natürlich zur Nachtzeit verfaßt sein (vigilatum Carmen). Vgl. zum 
letzten Punkt BRANDT (1902) und JANKA (1997) ad loc. Obwohl Ovid in der dritten Person von 
einem lector spricht, der das Gedicht vortragen soll, ist mit diesem lector kein professioneller 
Vorleser (vgl. JANKA ad loc.), sondern der junge Liebeskünstler selbst gemeint. Daß Ovid die 
dritte Person wählt, ist ein Zeichen seines Taktgefühls: Der Liebeslehrer deutet an, daß die selbst- 
gedichteten Poeme nicht immer von bester Qualität sind (qualiacumque), vermeidet es aber, bei 
dem Schüler durch direkte Anrede den Eindruck zu erwecken, dieser sei ein unfähiger Dilettant. - 
Zum Lobpreis der Geliebten als Mittel der Werbung („Verewigungstopik") vgl. STROH (1971). 
Im Unterschied zum liebenden Dichter kann der dilettierende Schüler seinem Mädchen allerdings 
keinen ewigen Ruhm versprechen. Anderer Ansicht ist JANKA (1997) 227. 



189 
190 



5.4 Wie spart man sich teure Geschenke? (Ars 2,251-336) 



249 



sive erit in Tyriis, Tyrios laudabis amictus; 

sive erit in Cois, Coa decere pitta. 
aurata est: ipso tibi sit preüosior aaro ...usw. usw. 

Solche Verzückung, wie sie der Liebeskünstler nur vortäuscht, empfindet der 'ele- 
gisch' Liebende wirklich. Wenn Properz seine Cynthia sieht, kann er gar nicht anders; 
er muß sie in Versen preisen (Prop. 2,1,5-14): 191 

5 sive illam Cois fulgentem incedere +cogis+, 

hoc totum e Coa veste volumen erit; 
seu vidi adfrontem sparsos errare capülos, 

gaudet landaus ire superba comis; 
sive lyrae Carmen digitis percussit eburnis, 
10 miramur facilis utpremat arte manus; 

sen compescentis somnum declinai ocellos 

invenio cansas mille poeta novas; 
seu mtda erepto mecum luctatur amiciu, 

tum vero longas condimus Iliadas; ... 

Allerdings ist Properz nicht immer so begeistert, wenn Cynthia Kleider aus koischer 
Seide trägt. Eine kostbare Toilette ist für ihn ein bedrohliches Indiz, daß die Geliebte 
auch anderen Männern gefallen will und sich verkauft, nur um ihre modischen An- 
sprüche zu befriedigen. Daher behauptet Properz, ohne Schmuck und so, wie die Natur 
sie geschaffen habe, sei sie viel schöner (Prop. 1,2,1 f.): 192 

quid iuvat ornaio procedere, vita, capillo 
et tenuis Coa veste movere sinus? 

So etwas darf der Schüler, der den reichen, zahlungswilligen Liebhaber mimt, auf kei- 
nen Fall sagen. Selbst wenn er ein überzeugter Anhänger natürlicher Schönheit sein 
sollte, wäre es trotzdem ein grober Fehler, die Geliebte in dieser Weise zu kritisieren. 
Denn sie könnte auf den Gedanken kommen, er sage das nur, weil er nicht bereit ist, 
ihr teure Kleider oder Schmuck zu schenken. Von einer erfahrenen Kupplerin wird 
Properz jedenfalls sofort durchschaut (Prop. 4,5,53-58): 



Zu dieser Parallele vgl. LABATE (1984) 181 ff. - Ovid übernimmt in derselben Reihenfolge fast 
alles, was den Properz inspiriert: Gelobt werden die Kleidung (Prop. 2,1,5 f. - Ars 2,297-302), 
die Frisur (Prop. 2,1,7 f. - Ars 2,303 f.), die musischen Darbietungen, d. h. Lyraspiel (Prop. 
2,1,9 f.) bzw. Gesang und Tanz (Ars 2,305 f.), und die Liebesnacht (Prop. 2,1,13 f. - Ars 2,307 
f.). Nur die sinnliche Beschreibung der schlafenden Geliebten (Prop. 2,1,1 1 f., vgl. a, Prop. 1,3) 
fehlt in der Ars - bezeichnenderweise: Wenn die Geliebte schläft, kann sie die Schmeicheleien des 
Schülers ja nicht hören. 

Vgl. 7.4.2 sowie z. B. noch Prop. 3,14; Prop. 2,18,23-8: nunc etiam infectos demens imitare 
Britannos, / ludis et externo tincta nitore caput? / ut natura dedit, sie omnis reetafigura est: / 
turpis Romano Belgicus ore color. - Der Gedanke, daß übertriebener Kleiderluxus ein Indiz für 
Untreue sei, ist z. B. noch Sen. Con. 2,7,3 zu finden: matrona, quae tuta esse adversus sollicita- 
toris laseiviam volet, prodeat in tantum ornata, quantum ne immunda sit. Vgl. a. Oy. Fast. 
4,307-3 10 über Claudia Quinta: costa quidem, sed non et credita: rumor iniquus / laeserat, et 
falsi chminis acta rea est. / eultus ei ornatis varie prodisse capillis / objuit. 



250 DAS DRITTE KAPITEL DER LIEBESLEHRE 

aarum spectato, non quae manus qfferat auruml 

versibus auditis quid nisi verbaferes? 
„Quid iuvat ornato procedere, vita, capillo 

et tenuis Coa veste movere sinus? " 
qui versus, Coae dederit nee munera vestis, 

istius tibi sit surda sine aere lyra. 

Moralpredigten muß der Schüler also tunlichst vermeiden. Auch wenn die Geliebte in 
imbezahlbare Gewänder aus Tyros und Kos gehüllt und mit dem Gold behängt ist, das 
seiner Zeit einen so unerfreulichen Stempel aufgedrückt hat (Ars 2,277 f.), wird der 
kluge Liebeskünstler sie vorbehaltlos bewundern. Dann darf er sogar leise andeuten, 
daß er die Dame auch ohne solchen Schmuck lieben würde, und erklären, sie selbst sei 
ihm viel teurer als all das Gold, das sie trägt (Ars 2,299): 

aurata est: ipso tibi sit pretiosior auro. 

Auch schadet es nicht, zärtliche Fürsorge zu zeigen und die Leichtbekleidete vor der 
Kälte zu warnen (302) oder, falls sie sich doch erkältet hat, die Kranke liebevoll zu 
pflegen (315-336). I92a Wie könnte der Schüler seine Hingabe besser beweisen als da- 
durch, daß er seinem Mädchen treu auch dann zur Seite steht, wenn er selbst davon 
keinen Nutzen hat? Wer außer einem wirklich Liebenden, den amor und pietas (321) 
an seine Herrin binden, würde sich das Nörgeln einer verschnupften, vom Fieber de- 
rangierten Schönheit anhören? Zeugt es nicht von vollkommener Selbstlosigkeit, wenn 
er sie auch dann mit eigener Hand umsorgt, berührt, küßt und ihre rissigen Lippen mit 
seinen heißen Tränen netzt? Der 'elegisch' Liebende rechnet sich so etwas hoch an 
und verspricht sich als Lohn die Gegenliebe seiner domina (Tib. 1,5,9-16). 193 Doch 
werden seine Hoffnungen enttäuscht; kaum gesundet, nimmt sich Delia den reichen Ri- 
valen (Tib. 1,5,17 f.): 

omnia persolvi: fruitur nunc alter amore, 
* et preeibus felix utiiur ille meis. 

Krankenpflege ist zwar eine besonders wirksame Form des Liebeswerbens, kann aber 
alleine nicht genügen. Vorsichtig warnt Ovid seinen Schüler. Man soll die Dame nicht 
aus Übereifer verärgern und nur das tun, was sie erlaubt (Ars 2,324) und was sie auch 



192 a 
193 



Zu dieser Anknüpfung vgl. JANKA (1997) 243. 

Vgl. a. Prop. 2,9,25 ff.; 2,21,19 f. - Die Belege zu Krankenpflege in der Liebeselegie hat J. C. 
YARDLEY gesammelt (Sick-Visiting in Roman Elegy, Phoenix 27 [1973] 283-288). YARDLEY 
meint, Krankenpflege solle demonstrieren, daß der Dichter durch seine Hingabe den Rivalen über- 
legen sei (283). Wenig überzeugend ist Yardley's These, der Topos stamme aus der epikurei- 
schen Freundschaftslehre und sei über die hellenistische Dichtung in die Elegie gelangt. Kranken- 
besuche waren ein Teil der Lebenspraxis und wurden auch von Personen abgestattet, die vorher 
kein philosophisches Lehrbuch konsultiert hatten; vgl. TRÄNKLE (1990) 278 f. - In einer weiteren 
Arbeit (The Roman Elegists, Sick Girls, and the Soteria, CQ 27 [1977] 394-401) wendet sich 
YARDLEY zu Recht gegen die Annahme von CAIRNS, den Gedichten Prop. 2,28; [Tib.] 3,10 und 
Ov. Am. 2,13 läge ein Genos „Soteria" zugrunde. YARDLEY erklärt die Gemeinsamkeiten der drei 
Elegien zutreffend durch Imitatio. 



5 . 4 Wie spart man sich teure Geschenke? (Ars 2,25 1 -3 3 6) 



251 



bemerkt (327). Außerdem muß der junge Mann immer damit rechnen, daß es einen 
Nebenbuhler gibt (Ars 2,333-336): 

nee tarnen offleiis odium quaeratur ab aegra; 

sit sims in blanda sedulitate modus: 
neve eiboprohibe nee amaripocula suci 

porrige; rivalis misceatilla tuus. 

Aber wenn er Ovids Vorschriften befolgt, braucht er sich deswegen keine Sorgen zu 
machen. Als geschulter Kavalier 'elegischen' Stils und zugleich perfektes Ebenbild 
eines dives amator hat ein Liebeskünstler seiner Dame mehr zu bieten als jeder andere. 

5.4.3 si tatet, arsprodest 

Gegen diese Interpretation könnte man einwenden, daß Ovid von den hier dargelegten 
Zusammenhängen überhaupt nicht spricht und nach Vers 294 Geschenke mit keinem 
Wort mehr erwähnt. Der Schüler wisse also gar nicht, was auf dem Spiel steht. Indes 
ist das auch nicht notwendig. Wenn er die Anweisungen nur genau befolgt, wird er den 
gewünschten Effekt erzielen. Viel wichtiger ist, daß die Damen, die Ovids Lehren 
für Männer ja auch lesen, 194 nicht erkennen, wie gegen ihre materiellen Interessen vor- 
gegangen wird. 

Ovid warnt seinen Schüler, sich bei Liebeserklärungen nicht selbst als Schauspieler zu 
entlarven. Kunst nützt nur, solange sie verborgen bleibt (Ars 2,3 13 f.): 195 

si latet, arsprodest; affert deprensa pudorem 
atque adimit meriio tempus in omneßdem. 

Das gilt genauso für Ovids eigene Lehre. Wie schon mehrfach festgestellt wurde, 196 
wirkt er im Verborgenen auf die Gefühle seines Schülers ein, versetzt den jungen 
Mann in Stimmungen und bringt ihn dazu, gegenüber seiner Geliebten die jeweils 
zweckmäßige Haltung einzunehmen. Wie sich nun zeigt, gibt der Liebeslehrer ihm bis- 
weilen sogar Verhaltensvorschriften, ohne den Sinn dieser Vorschriften zu erklären. So 
kann der Schüler seine Geliebte beeinflussen und weiß vielleicht nicht einmal selbst, 
warum er Erfolg hat. 

Mit allen Mitteln wiegt der Liebeslehrer habgierige Leserinnen der ersten beiden 
Bücher in Sicherheit: Sie kennen zwar die einzelnen Kunstgriffe, die Ovids männliche 
Schüler lernen, nicht jedoch die Wirkung, die diese Techniken im Zusammhang ent- 
falten. Und die Kenntnis der Techniken allein ist wertlos. Auch wenn eine Dame weiß, 



Im ersten Buch spricht Ovid die Damen direkt an (Ars 1,617 f.), und im dritten Buch rat er den 
Frauen, beim Gastmahl ein Stück aus den ersten beiden Büchern der Ars vorzutragen (34 1 f.). 
Vgl. STROH (1979a) 1 19 ff., JANKA (1997) 250 f. und schon Ars 1,463: sed lateant vires; 467: 
sit tibi credibilis sermo; 612: haec tibi quaeratur qualibet artefldes. 
Vgl. z. B. S. 28, 111. 



1 



252 



Das dritte Kapitel der Liebeslehre 



daß ein Liebesbrief falsche Versprechen enthalten kann oder daß das angebliche Land- 
gut ihres Galans möglicherweise gar nicht existiert, hilft ihr das nichts. Wie nämlich 
soll sie den echten dives amator von einem Liebhaber unterscheiden, der den dives 
amator nur spielt? 197 Trotzdem wird die Leserin das Gefühl haben, sie durchschaue 
nun das Spiel des Liebeslehrers und sei ihren von Ovid geschulten Verehrern über- 
legen. Denn die eigentliche 'Gefahr', daß die Frau ihrerseits von dem Manne seelisch 
abhängig wird, verschweigt Ovid. 

Damit die Damen diese 'Gefahr' auch wirklich unterschätzen und glauben, selbst ein 
geschickter Liebeskünstler könne ihnen nichts anhaben, betont Ovid mehr als einmal, 
daß seine Kunst in materiellen Dingen an ihre Grenzen gerate: Bevor er den männli- 
chen Schülern zeigt, wie sie sich kostenlos Zugang zum Liebeslager ihrer Damen ver- 
schaffen, lesen diese Damen das kleinlaute Eingeständnis, jeder Mann werde über kurz 
oder lang doch ausgebeutet (Ars 1,419 f.): 

cum bene vitaris, tarnen auferei; invenit artem 
femina, qua cupidi carpat amantis opes. 

Der reiche Rivale, heißt es im zweiten Buch, benötigt keine Liebeskunst (159 ff.). Und 
selbst der Meister mußte seinem Mädchen eine Tunika kaufen (172). Was da schon an- 
gedeutet wurde, spricht der enttäuschte Liebesdichter wenig später offen aus: Auch mit 
werbenden Elegien komme man nicht weit (273 ff.). 

Um habgierige Damen an der Nase heranzuführen und ungestört im Hintergrund seine 
Fäden zu ziehen, gibt sich Ovid nicht nur ratloser, als er in Wirklichkeit ist. Er gestal- 
tet auch das gesamte Kapitel in einer Form, die das zugrundeliegende Lehrziel ver- 
schleiert. Nur assoziativ scheint er seine Vorschriften aneinanderzureihen: Am Ende 
der Lehren zum erotischen Gehorsam erklärte er dem Schüler, was beim Hause der Ge- 
liebten zu tun ist (2,237-250). Da liegt es nahe, auch über die Sklaven in diesem Hause 
zu sprechen, vor allem über diejenigen, denen die Bewachung der Dame obliegt (251- 
260). Die Sklaven sollen Geschenke .erhalten. Im Anschluß daran ist es sinnvoll, die 
Gaben für die Herrin zu erörtern (261 ff), darunter auch selbstgedichtete Elegien (273 
ff). Eine Art Geschenk sind ferner die Gefälligkeiten, die der junge Mann vorgeblich 
seiner Dame erweist, in Wahrheit aber sich selbst (287 ff.). Auf diese Weise sollte der 
Schüler die Geliebte glauben lassen, sie sei die Herrin in seinem Hause. Dazu paßt gut 
die nächste Vorschrift über das Lob ihrer Schönheit, durch das der junge Mann zeigt, 
daß sie auch die Herrin in seinem Herzen ist (295 ff.). Die Regeln zur Krankenpflege 
(3 15 ff.) schließlich scheinen von einem Hinweis im Abschnitt davor angeregt zu sein. 
Dort sollte der Schüler sein Mädchen vor der Gefahr warnen, sich in einem dünnen 
Kleid zu erkälten. 



Übrigens lernen das die Damen auch im dritten Buch nicht, vgl. S. 370 f. 



5.4 Wie spart man sich teure Geschenke? (Ars 2,251-336) 



253 



Außerdem hat Ovid die Lehren zur Vermeidung von Geschenken so komponiert, daß 
sie die Lehren zu indulgenlia und obsequium spiegeln: Zärtliche Nachgiebigkeit be- 
stand vor allem darin, das elegische Stilideal des blandum Carmen in die Alltagsspra- 
che zu übertragen. Doch stellte der Liebeslehrer fest, daß der Reiche statt dessen auch 
zahlen könne (145 ff.). Beide Motive kehren nun wieder: Als Ersatz für ein teures Ge- 
schenk huldigt der Schüler seiner Geliebten mit einem elegischen Gedicht, und Ovid 
weist einschränkend darauf hin, daß die Damen Bares solchen geistigen Gaben vor- 
ziehen. Der obsequens amator sollte die Rolle spielen, die seine Geliebte von ihm ver- 
langt (198). Wenn er Ausgaben, die er in eigenem Interesse tätigt, als etwas hinstellt, 
das er nur tut, weil seine Herrin es ihm befohlen hat, überläßt der Liebeskünstler seiner 
Geliebten die Rolle einer 'elegischen' domina (294). Gehorsam soll der Schüler jede 
Laune seiner Dame mitmachen und ihr nach dem Munde reden. Dabei werden das 
Verhalten der Dame und die Reaktion des jungen Mannes in fast denselben Worten 
antithetisch einander gegenüber gestellt. In diesem Stil sind auch die Vorschläge ge- 
staltet, die Ovid zum Lob der Schönheit unterbreitet. Damit er nicht zahlen muß, wird 
der kluge Liebeskünstler jede beliebige Aufmachung mit verzückten Worten kommen- 
tieren. Der mit niederen Tätigkeiten verbundenen Krankenpflege aber entsprechen die 
Sklavendienste, die Ovid als eine Form von obsequium lehrt (209 ff.). 



A. indulgentia/obsequium I 
(145-222) 

1. 'elegisches' Sprechen (145 ff.) 
und reiche Liebhaber (161 ff.) 

IJac modo, quos partes Uta 
iubebit, agas (198) 

3. jede Laune mitmachen; 
antithetische Iteratio (199 ff.) 

4. Zofendienste (209 ff.) 



B. militia amoris (223-250) 



C. Geschenke (251-272) 



A'. indulgentia/obsequium II 

(273-336) 

1. 'elegisches' Dichten und die 
Habgier der Frauen (273 ff.) 

2,pa r i e s ülapotentis 
agat (287 ff, zitiert: 294) 

3. jede Aufmachung loben; 
antithetische Iteratio (295 ff.) 

4, diensteifrige Krankenpflege 

(315 ff.) 



Über der von mir beobachteten sachlichen Gliederung unter dem Gesichtspunkt der je- 
weiligen Lehrziele, liegt so gleichsam als Schleier eine andere Struktur, die den Ein- 
druck erweckt, von Vers 145 bis Vers 336 werde im Grunde nur Nachgeben und Ge- 
horsam gelehrt, während in der Mitte je ein Exkurs über militia amoris und über Ge- 
schenke eingeschoben sei. 198 Nach dem voller Skepsis vorgebrachten Rat, die Ansprü- 
che der Dame mit einer Elegie ein ganz klein wenig (286: exigui) zu besänftigen, ist zu 
Geschenken scheinbar schon alles gesagt, was zu sagen war. 



Zur Gliederung nach Lehrzielen vgl. S. 185 f. und speziell zu Ars 2,197-250 Anm. 128 auf S. 
224. - Die Verse 99-144 wirken durch die Iteratio des Stammes fall- und eines indefiniten Prono- 
minalausdrucks in sich geschlossen; vgl. Ars 2,99: fallitur , ... si quis mit 143 f.:falla- 
ci timide conflde figurae, / q u i s q u i s es und dazu JANKA ( 1997) 141. 



254 



Das dritte Kapitel der Liebeslehre 



5.4.4 Sind die vorgeschlagenen Methoden ehrbar? 

Schon im ersten Buch (S. 112 ff.) wurde deutlich, daß der Schüler mit der Habgier 
seiner skrupellosen Dame nur zurechtkommen kann, wenn er sich über ihren Charakter 
keine Illusionen macht. Es wäre töricht, wie der 'elegisch' Liebende zu glauben, eine 
Frau könne treu und uneigennützig sein. Mit wenigem gaben sich die Mädchen früher 
zufrieden (Ars 2,267 f.). Heutzutage fordern die Damen Gold! (277 f.) So tief ist das 
zarte Geschlecht gesunken, daß es selbst die heilige Gabe der Dichtkunst verachtet. 
Nicht einmal Homer in Begleitung der neun Musen würde ohne Bares eingelassen 
(279 f.). l " Nur weil die eitlen Damen gerne verherrlicht werden (Ars 1,6 1 1 ff.) und als 
kultivierte „gebildete Mädchen" (doctae puellae) 200 gelten wollen, kann ein Gedicht 
ein winziges Geschenk ersetzen (Ars 2,281 f.; 285 f.). In Wahrheit sind selbst die ge- 
bildeten Mädchen überhaupt nicht kultiviert (Ars 2,275 f.): 

carmina laudantur, sed munera magna petuntur: 
dummodo sit dives, barbarus ipse placet. 

Properz glaubte, Cynthia sei eine gebildete Frau und liebe ihn wegen seiner Ge- 
dichte; 201 doch dann muß er überrascht feststellen, daß sie seinen Versen den schnöden 
Mammon eines primitiven, aber reichen Rivalen vorzieht (Prop. 2,24,21 f.): 

me modo laudabas et carmina nostra legebas: 
ille tuuspennas tarn cito veriit amor? 

Daher warnt Ovid seinen Schüler, daß die Mädchen beides wollen, Gedichte und 
Geschenke. 'Elegische' Liebe scheitert an der Habsucht der Geliebten; 203 der junge 



199 Ovid steigert hier einen Gedanken, den er bereits in den Amores eingeführt hat (Am. 1,8,61; 
3,8,28). Nun entehren die Damen nicht mehr nur Homer, sondern mit ihm sogar die Musen. Vgl. 
a! 6v. Am. 3,1,57 f. (Elegia spricht): quid, cum me murnts natali mittis, at illa / rumpit et appo- 
sita barbara mergit aqua? 

200 Zum Ideal der docta puella vgl. z. B. LOJA (1965) 133 ff., FEDELI (1980) 194 zu Prop. 1,7,1 1, 
BALDO (1993) 304 und JANKA (1997) 232. 

201 Vgl. z. B. Prop. 1,7,11 f.; 1,8,39 ff.; 1,9,11 ff; 2,13,7 ff; Tib. 2,4,15-20 sowie STROH (1971). 

202 Daß Cynthia sich einem reichen Liebhaber zugewandt hat, ergibt sich aus Prop. 2,16 sowie aus 
dem Kontext: Properz vergleicht sich im Anschluß an diese Verse mit einem namentlich nicht ge- 
nannten Rivalen (dem Subjekt des Distichons 2,24,23 f.) und meint, Cynthia werde am Ende fest- 
stellen, daß der arme Dichter doch der wertvollere Liebhaber sei (38: quamvis non ita dives 
eras). Daher solle Cynthia ihn nicht mit Adeligen oder Wohlhabenden vergleichen, deren Treue 
sich mit seiner nicht wird messen können (49: noii nobilibus, noli conferre beatis). - Vgl. ferner 
Ov. Am. 3,8,1-8: et quisquam ingenuas etiam nunc sitspicit artes / aut tenerum dotes Carmen 
habere putat? / ingenium quondam Juerat pretiosius auro, /at nunc barbaria est grandis habe- 
re nihil / cum pulchre dominae nostri placuere libelli, / quo licuit libris, non licet ire mihi; / 
cum bene Iaudavit, laudato ianua clausa est: / turpiter huc illuc ingeniosus eo. 

203 Properz trennt sich von Cynthia. Doch schon vorher ist seine Verbitterung zu spüren, z. B. in der 
von Resignation und Sarkasmus gekennzeichneten Elegie 2,32 (41 f.): an quisquam in tanto 
siuprorum examine quaerit: / „Cur haec tarn dives? quis dedit? unde dedit?" Seit der Flut des 
Deucalion habe kein einziger Mensch mehr sich die Treue einer Frau bewahren können (43-60). 
Daher erteilt Properz der Cynthia zynisch die 'Absolution' (61 f.): quod si tu Graias es tuque 



5.4 Wie spart man sich teure Geschenke? (Ars 2,251-336) 



255 



Liebeskünstler aber sollte von Anfang an klar erkennen, mit wem er es zu tun hat (Ars 
1,399 ff.). Wie beim Abfassen des Liebesbriefes, darf, ja muß er der Dame auch jetzt 
auf ihr nüchternes Gewinnstreben in derselben Münze antworten. Vergeblich wird die 
Geliebte hoffen, ihn gleich einem Acker abzuernten (Ars 1,450): 

sie dominum sterüis saepe fefellit ager. 

Denn der Liebeskünstler wird selbst eine üppige Ernte einbringen (Ars 2,322): 

tum sere, quod plena posimodo falce metas. 

Wenn die Damen sich an der Liebe eines Mannes bereichern wollen, so ist es nur recht 
und billig, ein wenig zu bluffen und ihnen Liebe vorzutäuschen, um nicht arm zu wer- 
den. Schon im ersten Buch legte Ovid seinem skrupulösen Schüler ausführlich dar, daß 
man dieser gottlosen Brut Gleiches mit Gleichem vergelten müsse (Ars 1,645 f.): 

fallite fallentes; ex magna parte profanum 
sunt genus: inlaqueos, quos postiere, cadant. 

Zu spät erkennt Properz die Verworfenheit der modernen Frau. Einst, erzählt er, gab es 
eine Zeit, da glückliche junge Männer ihre Mädchen mit Obst,' Blumen und bunten 
Vöglein zufriedenstellen konnten (Prop. 3,13,25-34). Aber heute ist das anders! Die 
Tempel sind verlassen; vergessen sind Glaube, Treue, Recht und Scham. Nur dem Gol- 
de leistet man noch Götzendienst (Prop. 3, 13,47-50): 

at nunc desertis cessant sacraria lucis: 

aurum omnes vieta tarn pietate colunt 
auro pu/saßdes, auro venalia iura, 

aurum lex sequilur, mox sine lege pudor. 

Der Liebeslehrer aber sorgt dafür, daß sein Schüler die Damen von Anfang an durch- 
schaut, und betont, die gute alte Zeit, als Mädchen wie Amaryllis 204 sich mit ein paar 
Maronen noch reich beschenkt fühlten, sei längst vergangen (267 f.). Jetzt, bemerkt er, 
in bitterem Sarkasmus auf Properzens Elegie 3,13 anspielend, ist ein wahrhaft golde- 
nes Zeitalter angebrochen; jetzt kauft man Liebe mit Gold (Ars 2,277 f.): 



imitata Latinas, / semper vive meo libera iudicio. - Gegen Nemesis* Habgier kann Tibull mit sei- 
nen Elegien nichts ausrichten (Tib. 2,4,13 f.): nee prosunt elegi nee carminis auetor Apollo: / 
illa cava pretium flagitat usque manu. Alle Mahnungen sind fruchtlos (Tib. 2,4,51): vera qui- 
dem moneo, sed prosunt quid mihi vera? Tibull muß sich fugen, Haus und Hof verkaufen (53 f.) 
und den bitteren Trank der Liebe bis zur Neige ausschlürfen (55-60). Noch hält ihn die Hoffnung 
am Leben, aber Nemesis wird es so weit bringen, daß er auch diese verliert (Tib. 2,6,27 f.): Spes 
facilem Nemesim spondet mihi, sed negat illa; /ei mihi, ne vincas, dura puella, deam. 
Zu der Anspielung auf Verg. Ecl. 2,5 1 f. vgl. DÖPP (1968) 100, BALDO (1993) ad loc. und schon 
Prop. 2,34,71 f:.felix, qui vilis pomis mercaris amores! / hui c licet ingratae Tityrus ipse canat\ 
zu den Anklängen an Prop. 3,13 vgl. JANKA (1997) 218, 230. 

Man hat in diesem Distichon einen Seitenhieb auf augusteische Propaganda gesehen; vgl. zuletzt 
BALDO (1993) 303 f., JANKA (1997) 229 f. und SCHMTTZER (1990) 39 ff., der meint, Ovid mache 
sich sowohl in der Ars als auch in dm Metamorphosen „ziemlich unverhohlen" über die Vorstcl- 



256 DAS DRITTE KAPITEL DER LIEBESLEHRE 



aur e a sunt vere nunc saecula: plurimus aur o 
venit bonos, auro conciliaiur amor. 

Da sie Liebe und Kunst auf so schändliche Weise mißachten, ist es also kein Unrecht 
die Frauen zu täuschen. Doch ziemt sich knechtische Heuchelei für einen rechtschaffe- 
nen Mann? Sollte ein vir bonus das nicht von sich weisen, selbst wenn die geschädigte 
Person keine Schonung verdient? Ovid möchte, daß der Liebeskünstler ein vollwertiges 
Mitglied der traditionell denkenden Gesellschaft ist, und setzt sich daher auch mit 
diesen Einwänden auseinander: 

Damit der Schüler seinen moralischen Standpunkt bestimmen kann, stellt Ovid ihm 
den Politiker und den Erbschleicher zur Seite. Auf daß es dem jungen Mann nicht allzu 
schwer falle, sich den Sklaven der Geliebten anzubiedern, gebraucht der Liebeslehrer 
Metaphern aus dem Bereich der Politik und deutet an, auch Bewerber um ein Staats- 
amt müßten sich erniedrigen (Ars 2,253 f.; 259): 

nomine quemque suo (nulla est iactura) saluta; 

iunge tuis humiles ambitiöse manus; ... 
fac plebem, mihi crede t tuam ... 

Und in der Tat gleichen sich Liebeswerben und Stimmenfang. Im Commentariolum 
petitionis, worin Q. Tullius Cicero niedergeschrieben hat, wie er sich den Konsulats- 
wahlkampf seines berühmten Bruders vorstellt, 206 kann man über die popularis ratio, 
also die Methoden, mit denen man das gemeine Volk umwirbt, folgendes lesen (41 f.): 

Ea desiderat nomenclaiionem, blanditiam, assiduitatem, benignitatem, rumorem, 
speciem im in re publica. Primum id, quodfacis, ut homines noris, significa, ut 
appareat, et äuge, ut cottidie melius fiat; nihil mihi tarn populäre neque tarn 
gratum videtur. 



lung „lustig", unter Augustus' Herrschaft sei das goldene Zeitalter zurückgekehrt. Man muß je- 
doch bei der Interpretation berücksichtigen, daß Ovid - wie bereits BRANDT (1902) gesehen hat - 
einen Ausspruch seines Rhetoriklehrers Porcius Latro zitiert (Sen. Con. 2,7,7): o nos nimiumfe- 
lici et aureo, qaod ahmt, saeculo natös) Sic etiam qui impudicas quaerunt, pudicas honorant! - 
Außerdem tut Ovid hier nicht seine politische Überzeugung kund, sondern äußert sich im Hin- 
blick auf ein fest umrissenes Lehrziel. Daher ist es auch kein Widerspruch, wenn er im dritten 
Buch (113 ff.), wo er andere Ziele verfolgt, das „goldene Rom" lobt. 

Daß es sich um eine authentische Schrift des Q. Cicero handelt, meinen z. B. P. FEDELI, Quinto 
Tullio Cicerone, Manualetto di campagna elettorale (Commentariolum petitionis), Rom 1987; 
A. DlJPLÄ/G. FATÄS/F. PlNA, El manual del candidato de Quinto Cicerön (El commentariolum 
petitionis), Erandio 1990 und D. R. SHACKLETON-BAILY in seiner Teubner-Ausgabe, Stuttgart/ 
Leipzig 1991. - Auf eine Parallele zum Commentariolum -hat schon LABATE (1984) 225 f. hinge- 
wiesen: Sowohl in der Ars als auch in dieser Schrift (Comm. Pet. 42) werde eingeräumt, daß es 
im Leben Zeiten gebe, in denen man es mit den Regeln der Sozialmoral weniger genau nehmen 
dürfe. Vgl. a. BALDO (1993) 300 f. zur sahttatio bei Q. Cicero und in fax Ars. 
R. CUCCIONI MELLONI, Sulla popularis voluntas nel Commentariolum petitionis, in: Satura. 
Studi in memoria di Elio Pasoli, Bologna 1981, 9-22 möchte den überlieferten Wortlaut spem in 
re publica halten. 



5.4 Wie spart man sich teure Geschenke? (Ars 2,251-336) 



257 



Wie der Liebeskünstler die Sklaven, gewinnt der candidatus die plebs vor allem durch 
namentlichen Gruß. Doch die übrigen Wahlkampftechniken wendet der Liebeskünstler 
ebenfalls an: s 

Blanditiae sind das A und O bei Wahl- und Liebeswerbung. Der Politiker sucht ständig 
den Kontakt zum Volk (assiduitas), der Schüler der Ars ständig die Nähe seiner 
Dame. 208 Wie der Liebeskünstler muß der Amtsbewerber geradezu sklavischen Dienst- 
eifer an den Tag legen (Comm. Pet. 49): 

... studiose inservire negotiis acpericulis amicorum. 

Der Wahlkämpfer demonstriert benignitas, indem er Leute zum Essen einlädt und Tag 
und Nacht mit Rat und Tat zur Verfugung steht (Comm. Pet. 44). Der Liebeskünstler 
beschenkt sowohl Sklaven als auch Herrin, u. a. mit kleinen Leckereien, und ist auf 
Abruf bereit, wann immer die Dame seine Dienste benötigt. Der species in re publica, 
dem beeindruckenden öffentlichen Auftreten (Comm. Pet. 52), entspricht der ostenta- 
tive Diensteifer des Schülers, vor allem bei der Krankenpflege. 209 

Als vir bonus verabscheut M. Tullius Cicero die Schmeichelei; jetzt aber muß er seine 
edle Natur unterdrücken, sich verstellen und die Leute glauben machen, seine schmei- 
chelnden Worte entsprängen einem natürlichen Bedürfnis (Comm. Pet. 42): 



Deinde id, quod natura non habes, induc in animum ita simulandum 
ut natura facere videare ... 



esse, 



Auch der Schüler soll sich bei seinen Liebeserklärungen als perfekter Simulator erwei- 
sen. Er darf der Dame seine wahren Gefühle nicht preisgeben (Ars 2,31 1 f.) und muß 
so tun, als käme ihm das Lob ihrer Schönheit ganz unwillkürlich über die Lippen. 210 
Schmeichelei, fahrt Q. Cicero fort, sei zwar normalerweise verwerflich, bei einer 
Kandidatur aber dringend geboten. Man müsse sich in Gesichtsausdruck und Rede den 
Leuten anpassen, mit denen man gerade zusammen sei (Comm. Pet. 42): 2U 

<sc. blanditia> peiitori vero necessaria est, cuius eifrons et vultus et sermo 
adeorum, quoscumque convenerit, sensum et vohmtatem commutandus ei accom- 
modandus est. 



210 
211 



Vgl. Comm. Pet. 43: prodest ... vehementer nusquam discedere. Ähnlich äußert sich Ovid (Ars 
2,345 f.y.fac tibi consuescat: nil assuetudine maius, /quam tu, dum capias, taedia mdla fiige. 
Vgl. bes. Ars 2,321 ff. (tunc amor et pietas tua sit manifesta puellae ... et vi de at 
flentem ... multavove, sed cuncta palam ... omnibus his inerunt gratae vestigia 
curae ... blanda sedulitate) und dazu JANKA (1997) 256 f., 260, 262. 
Vgl. noch Ars 1,615 (Simulator) sowie Ars 1,339 f. und 61 1 ff. 

Überhaupt müsse sich der Kandidat freundlich und umgänglich zeigen (Comm, Pet. 44) und aller 
Leute Ohren mit schönen Worten füllen (49): ut quam plurimorum aures optimo sermone com- 
pleantur. Dasselbe tut der indulgens amator (Ars 2,159 f.): blanditias molles auremque iuvantia 
verba/qffer. 



258 



Das dritte Kapitel der Liebeslehre 



Die Parallelen zu den Vorschriften in der Ars 112 sind offensichtlich. Der Schüler muß 
ebenfalls der Geliebten nach dem Munde reden und seine Miene nach ihren Launen 
richten (Ars 2,202): 

imponat leges vultibus illa tuis. 
Und auch beim Bewundern ihrer Toilette, gilt es, den passenden Gesichtsausdruck auf- 
zulegen (Ars 2,3 1 1 f.): 

tantum, ne pateas verbis Simulator in Ulis, 
effice, nee vultu destrue dieta tuo. 

Der Liebeskünstler soll sich geschickt verstellen, damit die Dame ihn für einen ihr lei- 
denschaftlich ergebenen Mann hält, der nur auf einen passenden Anlaß wartet, sie mit 
Gaben zu überhäufen. Einen ähnlichen Eindruck muß der Wahlkämpfer erwecken. Un- 
ter dem Stichwort rumor rät Q. Cicero seinem Bruder, er möge dafür sorgen, daß man 
ihn für großzügig und freigebig hält (Comm. Pet. 50): 

... <sc. te> ut ... benignwn ac liberalem esse loquantur et existiment. 
Ja, sogar falsche Versprechen darf der aufstrebende Politiker machen, sagt Q. Cicero 
(Comm. Pet. 46-48). Zwar vertrete Marcus als Philosoph andere ethische Prinzipien, 
doch sei so etwas im Wahlkampf unabdingbar. Selbst der Zorn derer, die man später 
enttäusche, wiege geringer als der augenblickliche Vorteil. Mit allen Mitteln müsse der 
Bruder darauf hinwirken, daß viele auf seinen Beistand hoffen (Comm. Pet. 49): 

... ut multi sp e tuipraesidi ieneantur . 
Nichts anderes macht der Liebeskünstler; auch er nährt die Erwartungen, die er durch 
falsche Versprechen bei seiner Dame geweckt hat, und versucht, die Geliebte auf diese 
Weise möglichst lange hinzuhalten (Ars 1,445): 

Spes tenet in tempus, semel est si credita, longum. 
Wenn aber selbst Bewerber für das höchste Staatsamt sich solcher Taktiken bedienen, 
warum sollte der Liebeskünstler dann zögern, es ihnen gleichzutun? 

Nun könnte man allerdings einwenden, Ovid habe hier nur römische nobiles dem Spott 
preisgeben und zeigen wollen, daß sie nicht besser seien als die allseits verachteten 
Jünger der Venus. 2,2a Gegen diese Annahme sprechen jedoch drei Gründe: Erstens will 
der Liebeslehrer seinem stolzen Schüler durch den Vergleich mit einem Politiker den 
demütigenden Umgang mit Sklaven erträglicher machen und setzt somit voraus, daß 



Ars 2, 156: audiat optatos semper amica sonos; 197-202; 295-3 14. 

JANKA (1997) 217 vermutet, Ovid übe „mittels politischer 'Einfärbung' ... der vergleichsweise 
banalen Sympathiewerbung des eroberungsversessenen Jünglings beim Hauspersonal der Gelieb- 
ten unterschwellig Kritik an den anachronistisch anmutenden 'populistischen' Tendenzen im Rah- 
men der augusteischen Versöhnungspolitik unter den Schlagworten concordia ordinum vn&pater 
patriae." 



5 . 4 Wie spart man sich teure Geschenke? (Ars 2,25 1 -3 3 6) 



259 



der junge Mann politische Ambitionen für ehrenvoll hält. Zweitens äußert Ovid keine 
Kritik an dem Verhalten des candidatus. Vor allem aber stellt er drittens dem Liebes- 
künstler und dem Politiker mit dem Erbschleicher eine Person gegenüber, die er aus- 
drücklich verurteilt. Er betont, welche Erfolge solche captatores mit kleinen Geschen- 
ken erzielen, und verflucht zugleich diese niederträchtigen Menschen (Ars 2,271 f.): 

turpiter bis emitur spes mortis et orba senectus; 
a, pereant, per quos munera crimen habentl 

Beim Krankenbesuch kommt Ovid erneut auf Erbschleicher zu sprechen (331 f.). Fer- 
ner unterstreicht der Liebeslehrer die Gemeinsamkeiten zwischen amator und captator 
durch zahlreiche Anspielungen auf die Erbschleichersatire (2,5) des Horaz. 2 Der 
Erbschleicher geht genauso vor wie der Liebeskünstler und der Politiker, allerdings in 
schändlicher Absicht. Wie die habgierigen Frauen interessiert ihn nur das Gold. 214 

Durch diesen doppelten Vergleich sowohl mit einer angesehenen als auch mit einer 
verachtenswerten 'Profession' zeigt Ovid, daß er durchaus nicht der Ansicht ist, jeder 
Zweck heilige jedes Mittel. Nur für eine gute Sache darf man schmeicheln und heu- 
cheln. Dann aber ist es sogar moralisch geboten, diese Mittel einzusetzen. Soll sich der 
Schüler sein Mädchen etwa kaufen wie einer dieser widerlichen reichen Barbaren?! 
Das wäre ein Unrecht und ebenso falsch wie das Treiben skrupelloser Leute, die sich 
hohe Ämter durch Bestechung erschleichen (Ars 2,277 f.): 215 

aurea sunt vere nunc saecula: plurimus auro 
venit bonos, auro conciliaiur amor. 

In einer vom Gold regierten Zeit kann kein Staatsmann erwarten, wie einst Cincinnatus 
vom Pflug geholt zu werden, nur weil er der beste Mann für die anstehende Aufgabe 
ist. Ein einziger Weg steht ihm offen, um die ihm gebührende Ehre zu erlangen und 
seine Pflicht für das Vaterland zu tun: Er muß die reichen Gegenkanditaten durch Cha- 
risma, Schmeichelei und schöne Versprechen aus dem Rennen werfen. Und der Lie- 
beskünstler sollte ebenfalls nicht erwarten, daß die Damen von sich aus den würdig- 
sten Bewerber auswählen. Wenn es nach ihnen ginge, wäre Liebe nur ein Geschäft. 
Auf daß es also weiterhin Römer gebe, die wirklich zu lieben verstehen, muß auch der 
Liebeskünstler in dieser korrupten Welt zu weniger edlen Methoden greifen, um seine 
reichen, aber unwürdigen Konkurrenten aus dem Felde zu schlagen. 



214 
215 



Die Belege sind in Appendix I zusammengefaßt. - Auch Cicero stellt in den Paradoxa Stoicorum 
sklavisch Liebende (36, vgl. S. 226 Anm. 133) und sklavische Erbschleichende nebeneinander 
(Parad. 39): hereditatis spes quid iniquitatis in serviendo non suseipit? quem mttum locupeletis 
orbi senis non observat? loquitur ad voluntatem; quiequid denuntiaiumst facit; asseciatur, assi- 
det, muneratur: quid horum est liberi? quid denique servi non inertis? Zum Krankenbesuch 
(assidere), vgl. ferner Sen. Ben. 4,20,3; Plin. Ep. 2,20,2 ff. 
Vgl. BALDO (1993) 303. 

In den Amores äußert Ovid zwar einen ähnlichen Gedanken, spricht aber nur vom Senatoren- 
zensus, nicht von Ämterkauf (Am. 3,8,55): curia pauperibus clausa est, dat census honores. 



261 



6. Das vierte Kapitel der Liebeslehre: 
Die reife Beziehung (Ars 2,337-732) 

Der Seitenblick auf den Rivalen am Krankenbett (Ars 2,336) gibt den Einsatz' 8 für das 
vierte Kapitel der Liebeslehre, in dem der Schüler fldes lernt. Zunächst erklärt Ovid, 
wie sich eine Trennung auf die Geliebte auswirkt, und bemerkt dabei manches Grund- 
legende (Ars 2,337-372). Danach behandelt er die Eifersucht der Frau (373-492), bis 
Apollo den Dichter veranlaßt, die Perspektive zu wechseln (493-510): Der junge Mann 
muß auch selbst Zurückweisung verkraften (511-534) und die eigene Eifersucht über- 
winden (535-600). So wird er schließlich zum diskreten, liebevollen amator heran- 
reifen (601-702). Wenn dann zwei Liebende sich in Lust vereinen, ist das Lehrziel 
erreicht (703-732). * 



Gefühle der Frau 




Gefühle des Mannes 


Trennung (337-372) 




Schmerzen der Liebe, besonders 
Zurückweisung ... (511-534) 


Eifersucht... (373-492) 




... und Eifersucht, die durch Diskretion 


... mit Diskretion und Beischlaf 


Apollo greift ein 


überwunden wird (535-600) 


bekämpfen (373-424) 


(4öi3l0) 


A 
Venus als Göttin; der Scham (601-624) 


,.. durch Indiskretion wecken und 




V 


mit Beischlaf besänftigen (425-492) 


das Lehrziel (703 ff.) 


Diskretion und Liebe (625-702) 

; 


conscius ecce duos accepit lectiis amcmtes 



] 1 



Vgl. JANKA (1997) 263. 

WEISERT (1970) 3 faßt die Verse 493-640 zu einem Abschnitt „Selbstverleugnung" zusammen; 
RAMBAUX (1986) 154 f. löst die Epiphanie des Apollo (493-510) als „Transition" heraus und 
läßt ab Vers 601 ein neues Kapitel „Sacra Cythereae" beginnen. Ähnlich gliedert JANKA (1997) 
in zwei Teile: 337-600 = »amor novus tempore firmus erit: Stabilisierung der jungen Liebe durch 
Vorsicht (Anreize) und Rücksichtnahme (Diskretion und Toleranz)" und 601-746 = „Die 'Myste- 
rien' der Venus: Die körperliche Liebe als intimster Bereich der Liebeskunst". JANKA strukturiert 
den ersten dieser beiden Teile bis Vers 492 so, wie hier vorgeschlagen, faßt aber die Verse 439- 
534 als „'Zwischenruf des epiphanen Apoll ... und Ovids 'Antwort'" zusammen und trennt davon 
den Abschnitt 535-600 ab als „Herzstück der ARS: patientia des Mannes gegenüber einem Riva- 
len". Indes wird die Interpretation zeigen, daß die Lehren der Verse 601-624 einerseits das zuvor 
Gesagte (6.5.2.1) ergänzen und andererseits zu dem letzten Abschnitt der Lehren fiir Männer 
überleiten (6.6.1). Was die Gliederung der Verse 493-600 betrifft, so meint JANKA 378 selbst, 
nach Vers 510 sei „ein Einschnitt zu konstatieren"; umgekehrt berücksichtigt er den engen Zu- 
sammenhang zwischen den Abschnitten 511-534 und 535-600, wenn er bemerkt, der Schüler 
solle ab Vers 535 eine „Klimax des sapienter amare .. erklimmen", die der Liebeslehrer in zuneh- 
mend drängenderer Ungeduld ihm aufzeigt (511: ad propiora vocor .. , 535: quid moror in 
parvis?; vgl. dazu S. 301). 



262 DAS VIERTE KAPITEL DER LIEBESLEHRE 



6.1 fldes in der Elegie 

Gegen meine These, Ovid lehre fldes, könnte man einwenden, daß er diesen wichtigen 
'elegischen' Wertbegriff 2 doch offenbar ablehne, wenn er Promiskuität gestatte. In der 
Tat dürfen sich sowohl der Schüler als auch seine Geliebte Seitensprünge erlauben. 
Aber Treue besteht nicht allein darin, daß man keine anderen Sexualpartner hat; das 
Ideal ' elegischer' fldes verlangt vom Liebenden vielmehr dreierlei: 

Erstens muß er sich sein Leben lang an eine einzige Person binden (Prop. 1,12,20): 3 

Cynthia prima fuit, Cynthiaflnis erit. 

Eine dauernde Beziehung ist auch das Ziel der Liebeslehren. Allerdings denkt Ovid 
nicht gleich an ein Verhältnis bis zum Tode, sondern an ein langes Zusammensein, 
während dessen sich der Schüler um eine einzige Frau ernsthaft bemüht und mit ande- 
ren Damen nur vorübergehende Abenteuer erlebt. 4 Daher bezeichnet der Liebeslehrer 
diese Affären mit Wörtern wie furtum, culpa, peccatum und nequitia, 5 die sonst für 
den Fehltritt z. B. in einer Ehe gebraucht werden. 



Zu fides in der römischen Liebeselegie vgl. REITZENSTEIN (1912), LA PENNA (1951), BURCK 
(1952) 168 ff., LILJA (1965) 172 ff, Lyne (1980) 65 ff; m fides bei Properz BOUCHER (1965) 
85 ff Nichts Neues bietet die Arbeit von D. FASCIANO, La notion dt fides dans Catulle et les ele- 
giaques latins, RCCM 24 (1982) 15-25. In seinem Aufsatz „Fides" (in: R. HEINZE, Vom Geist 
des Römertums. Ausgewählte Aufsätze, hrsg. v. E. BURCK, 3. Aufl. Darmstadt 1960, 59-81 = 
Hermes 64 [1929] 140-166) äußert sich HEINZE nur am Rande zur Elegie (S. 78 f.); ausführ- 
licher behandelt FREYBURGER.(1986) 167 ff auch erotische Treue. - Zu fides im Zusammenhang 
mit servitium und militia amoris, vgl. z. B. Prop. 1,4,3 f.: quid me non pateris, vitae quodcum- 
que sequetur, /hocmagis assueto ducere servitio?; Prop. 2, 13,35 f.: qui nunc iacet horrida pul- 
vis, /unius hie quohdam servus amoris erat, Prop. 3,24,23 f.: quinque tibi potui servire fideliter 
annos: / ungue meam morso saepe querere fidem; Tibull bietet sich der Geliebten als fldus 
comes an (Tib. 1,5,63); Ovid verspricht in seinen Liebeserklärungen, der Herrin auf ewig treu zu 
dienen (Ov. Am. 1,3,5 f.; 3,2,61 f.); der miles amoris Properz will aus treuer Liebe furchtlos 
sterben (Prop. 1,6,27 ff; 2,1,47 ff). 

Vgl. BOUCHER (1965) 88, LYNE (1980) 65 ff, HOLZBERG (1990a) 10. - Nach FREYBURGER 
(1986) 168 ist dies vor allem die fides des Mannes; „L& fides de l'epoux consiste surtout ä pro- 
teger et, plus particulierement, ä ne pas abandonner sa compagne." Indes schwebt Properz ein 
männliches Gegenstück zum Ideal der univira vor, wenn er die lebenslange Liebe zu einer einzi- 
gen Frau für preiswürdig erklärt (vgl. Prop. 2,1,47 f.; 2,13,36 sowie HALLETT [1973] 111). 
Vgl. S. 14 mit Anm. 35, ferner FRÄNKEL (1945) 55, WlLKINSON (1955) 122, LlLJA (1965) 180 f. 
sowie Ars 2,701 f.: at Venerem, quicumque voles attingere seram, / si modo duraris, praemia 
dignaferes. Der Schüler muß durchhalten, um eine reife Dame genießen zu können. Das bedeu- 
tet, daß er so lange mit seiner Geliebten zusammen bleiben soll, bis diese das gewünschte Alter 
erreicht hat. 

Ars 2,389-392 (vgl. schon Ars 1,376: admissum; 390: crimen). - Aus dem Kontext ergibt sich, 
daß Ovid damit kein moralisches Werturteil ausspricht. Anders sieht das anscheinend WEBER 
(1983) 105: Der Schüler müsse seine Affären verschweigen, da es sich um eine „moralische 
Schuld (culpa, peccatum) handele". Im übrigen interpretiert WEBER den Abschnitt Ars 2,373 ff 
aber ähnlich, wie in dieser Arbeit (6.3) vorgeschlagen. 



6. 1 FIDES IN DER ELEGIE 



263 



Zweitens ist es ein Gebot 'elegischer' fldes, nur mit der geliebten Person zu verkehren 
und sonst treu Enthaltsamkeit (pudieiüa) tax üben. 6 Diese Form der fldes lehrt Ovid 
nicht. Man muß jedoch prüfen, ob er sie ganz aus der Liebeskunst streicht oder ob er 
statt dessen etwas Vergleichbares lehrt, wie zuvor obsequium anstelle von servitium. 

Der von allen drei Elegikern geäußerte Gedanke, man könne eine Frau zu pudieiüa 
nicht zwingen, 7 läßt vermuten, daß 'elegische' fldes ohne ein Drittes nicht vollkommen 
ist: die Liebe. Besonders Properz glaubt, die Gebote der fldes würden nicht allein da- 
durch erfüllt, daß man mechanisch bestimmte Verhaltensnormen befolgt; fldes ist für 
ihn auch eine Sache des Herzens. Obwohl Cynthia den Kranken besucht und sich wie 
eine treue Frau verhält, wirft er ihrperfldia vor, weil er den Eindruck hat, daß sie nicht 
so um ihn besorgt ist, wie sie es sein müßte, wenn sie ihn wirklich liebte. 8 Er selbst er- 
klärt, daß sein Körper und sein Fühlen allein Cynthia gehören. In der Waldeinsam- 
keit klagt er über ihre Härte. Argwöhnt sie einen Seitensprung? (Prop. 1, 18, 10) 

an nova tristitiae causa puella tuae? 
Guten Gewissens kann er schwören, daß keine andere Frau, ihren Fuß auf seine 
Schwelle gesetzt hat (11-16). Oder erscheint er ihr nicht liebesbleich genug? Zweifelt 
sie deswegen an seiner treuen Liebe? (Prop. 1, 18, 17 f) 9 



Diese Form der fides ist vor allem eine Tugend der Frau, vgl. etwa FREYBURGER (1986) 168 f.; 
daher bezeichnen pudieiüa und pudor in der Elegie die sexuelle Treue der Geliebten (vgl. a. Ars 
3,58, 614). Doch abweichend von der konventionellen Ethik, die dem Manne außerehelichen Ver- 
kehr erlaubte (LlLJA [1965] 176 f.; HALLETT [1973] 111), fühlt sich der 'elegisch' Liebende 
ebenfalls zu sexueller Treue verpflichtet. Dies wird aber nur ausnahmsweise einmal pudor ge- 
nannt (Ov. Am. 1,3,13 f.): etnulli cessura fides, sine crimine mores, / nudaque simplicitas pur- 
pureusque pudor (falls hier nicht jugendliche Unschuld gemeint ist, wie Prop. 3,15,3). - Der Be- 
griff pudicitia wird von den Elegikern wahrscheinlich deshalb nicht auf den Mann angewendet, 
weil er vor allem den Verzicht auf passiven Geschlechtsverkehr bezeichnet. Ein Mann ist 
also dann pudicus, wenn er keine anderen Männer gehabt hat. So behandelt etwa Sueton 
Cäsars angebliches Verhältnis mit Nikomedes unter der Überschrift pudicitiae fama iaesa (Jul. 
49,1), Cäsars Interesse an zahlreichen Damen aber unter dem Titel libidines (50,1). Catull wehrt 
sich in Carmen 16 gegen den Vorwurf, er sei parum pudicus (16,4) und kein richtiger Mann (13: 
male marem meputatis), mit Drohungen, die an seiner Virilität keinen Zweifel lassen sollen. 
Prop. 2,6,37 ff.; Tib. 1,6,75 f.; Ov. Am. 3,4,3 ff. - Der Topos ist nicht auf die Elegie beschränkt: 
vgl. etwa Eur. frg. 1061 NAUCK: po/ßoupev äXXcoq dfjXv (ppovpovvrec. yevog* / ifttg yäp aöri} 
pn jtepvKev gvötfcog, / xt SeT (pvXdaoetv; Seneca kommentiert Ov. Am. 3,4,3 ff. wie folgt (Ben. 
4,14,1): non dicam pudicam, quae amatorem ut incenderet reppulit, quae auf legem auf virum 
timuit; ut ait Ovidius: „Quae, quia non lieuit, non dedit, Uta dedit" [« Am. 3,4,4: quae, quia 
non liceat, nonfacit, illa facit]. Non immerito in numerum peccantium refertur, quae pudici- 
tiam timori praestitit, non sibi. Vgl. a. Sen. De matrimonio 53 HAASE. 

Vgl. bes. Prop. 1,15,1 f.: saepe ego multa tuae levitatis dura timebam, / hac tarnen excepta, 
Cynthia, perfidia. Dagegen hätten Frauen wie Euadne und Alphesiboea amor (16) und, pudicitia 
(22), also wahre, seelische und körperliche, Treue bewiesen. 

Zur Bedeutung dieses Distichons vgl. Fedeli (1980) ad loa; zur veränderten Gesichtsfarbe als 
Zeichen von Liebe vgl. z. B. Prop. 1,1,21 f.; Ars 1,723 ff. 



264 DAS VIERTE KAPITEL DER LIEBESLEHRE 

an quia parva damus mutato signa colore 
et non ulla meo clamat in orefldes? 

Die Bäume, in die er ihren Namen ritzt, und die Felsen, von denen „Cynthia" wider- 
hallt, sind Zeugen, daß er nur an sie denken kann (19-22; 3 1 f.). 

Nun könnte man meinen, daß Liebe und geschlechtliche Treue notwendig zusammen- 
gehören. Das ist jedoch nicht der Fall. In einer traditionellen Ehe kann es freiwillige 
pudicitia auch ohne amor geben; sofern nämlich Treue nur gefordert wird, um echt- 
bürtigen Nächwuchs zu sichern, ist es unerheblich, ob die Gattin aus Liebe oder aus 
Pflichtbewußtsein einen Ehebruch unterläßt. 11 Wenn Tibull die Delia bittet, ihm aus 
Liebe treu zu bleiben, ist das ein 'elegischer' Wunsch (Tib. 1,6,75 f.): 

nee saevo sis casta metu, sed mente fideli : 
mutuus absenti te mihi servet amor. 

Im Gegensatz zu einem Ehemann soll auch der Schüler der Ars die Beziehung zu 
seiner Dame auf die Liebe gründen, die er in ihr weckt (Ars 2, 107; 158).- Er selbst aber 
mußte sich bisher von bindenden Gefühlen weitgehend freihalten. Ob sich daran in der 
reifen Beziehung etwas ändert, ist ebenfalls zu prüfen. 



Die gleiche Spaltung des Oberbegriffes fides in zwei Unterbegriffe amor und pudicitia findet man 
in der Elegie Prop. 2,18, die nicht zuletzt deswegen oft in zwei Gedichte aufgeteilt wird (vgl. 
FEDELI [1984]). In der ersten Hälfte (1-22 = 2,18a) wirft Properz der Cynthia vor, daß sie ihn 
nicht liebt und schon jetzt verschmäht, wo er noch jung ist; in der zweiten Hälfte (23-38 ■= 2,18b) 
tadelt er Cynthias kosmetischen Eifer, der Zweifel an ihrer Sittsamkeit aufkommen läßt. 
Auch FREYBURGER (1986) 169 f., 176 unterscheidet zwischen körperlicher Treue und „fidelite 
... du cceur", die es auch in der Ehe gebe. Doch stammen seine Belege für eheliche „Treue des 
Herzens" aus Catull (64,182), Tibull (2,2,11) und Ovid (Trist. 4,3,13 ff; 5,14,41). An den oben 
zitierten Stellen bei Euripides und Seneca ist dagegen von Liebe keine Rede. Dort soll die Frau 
aus ethischen Gründen treu sein und „gerecht" handeln (UvöiKoq) bzw. ihre sittliche Inte- 
grität wahren (sibi). 



} 



6.2 Liebe als natürlicher Kreislauf (Ars 2,337-372) 265 



6.2 Liebe als natürlicher Kreislauf (Ars 2,337-372) 

Wenn sich die Dame an die ständige Nähe ihres willfährigen und charmanten Vereh- 
rers gewöhnt und eine tiefe Liebe zu ihm gefaßt hat (Ars 2,337-348), wenn der Schüler 
also erwarten kann, daß sie ihn vermissen wird, dann soll er eine Pause einlegen, um 
ihre Leidenschaft anzufachen (349-356). Doch empfiehlt Ovid, sich nur für kurze Zeit 
fernzuhalten (357 f.), da sonst - wie bei Menelaus und Helena - ein anderer Mann den 
Platz des Liebeskünstlers einnimmt (359-372). 

Daß Abwesenheit die Gefühle beleben kann, weiß auch Properz (2,33,43 f.): 

semper in absentis felicior aestus amantis: 
elevat assiduos copia longa viros. 

Die Kunst ist, den richtigen Zeitpunkt zu wählen und die Dauer der Abwesenheit kor- 
rekt zu bemessen. Darin versagt der 'elegisch' Liebende. Sehr lange fernzubleiben, ist 
allemal gefährlich; so etwas kann nur ein Meister wie Ulixes wagen. 12 Töricht handelt 
dagegen Tibull, der mit Messalla in den Osten fährt und hofft, Delia werde ihn Wolle 
spinnend zu Hause erwarten wie eine zweite Penelope (Tib. 1,3,83-86). In der Tat muß 
er nach seiner Rückkehr feststellen, daß Delia nun einen anderen Liebhaber hat und 
sich auch durch liebevolle Krankenpflege nicht mehr zurückerobern läßt (Tib. 1,5). 13 
Die Rolle eines verschmähten Hausmütterchens wird die moderne Frau bestenfalls für 
kurze Zeit spielen. 

Doch zu einem ungünstigen Zeitpunkt kann schon ein einziger Tag zu viel sein. 
Penelope wartete jahrelang auf Ulixes, Briseis liebte Achill über den Tod hinaus, 



Ars 2,355: Penelopen abseris sollers torquebat Ulixes. Vgl. a. WEBER (1983) 91: Wäre Ulixes 
nur ein wenig später gekommen, „.... hätte Penelope, die zwanzig Jahre auf Odysseus warten 
mußte, nicht länger den Verlockungen ihrer Freier widerstehen können: Penelopen tpsam, persta 
modo, tempore vinces ... " (Ars 1,477). 

Es ist möglich, daß Tibull in c. 1,3 auf die Odyssee anspielt; vgl. H. ElSENBERGER, Der innere 
Zusammenhang der Motive in Tibulls Gedicht 1.3, Hermes 88 (1960) 188-197, MURGATROYD 
(1980) 100. - Tibull sagt zwar nirgendwo, daß der Bruch in der Elegie 1,5 ein Ergebnis seiner 
Reise mit Messalla war; es liegt jedoch nahe, von der Anordnung der Elegien auf eine zeitliche 
und kausale Abfolge zu schließen. Außerdem bringt Tibull beide Gedichte durch Motivwieder- 
holung und -umkehr miteinander in Zusammenhang: In Elegie 1,3 ist Tibull erkrankt und Delia 
sorgt sich um sein Wohl, während in 1,5 umgekehrt von einer Krankheit der Delia und Tibulls 
Fürsorge die Rede ist; die Person, die sich jeweils um den anderen gesorgt hat, wird verlassen. 
Bereits in der Elegie 1,3 befürchtet Tibull, ein Rivale könne sich an die Geliebte heranmachen, 
und will solche Frevler in der Hölle leiden sehen (Tib. 1,3,81 f.); Delia aber soll von einer greisen 
Anstandsdame bewacht werden (1,3,84). In der Elegie 1,5 sind die Befürchtungen wahr gewor- 
den. Delia hat einen dives amator (1,5,47); und anstelle der Anstandsdame nimmt eine alte, geris- 
sene Kupplerin, der Tibull ebenfalls höllische Qualen wünscht (1,5,48 ff.), schädlichen Einfluß 
auf die Geliebte. Vgl. D. F. BRICHT, Haec mihi fingebam. Tibullus in his World, Leiden 1978, 
153 ff., der meint (S. 154): „In many ways, 1.5 should be compared with 1.3 ... If 1.3 was essen- 
tially the delineation of a symbolic world epitomizing the hopes and fears of the elegiac lover, 1,5 
on the other hand translates those Symbols into the semblance of experience." 



266 



Das vierte Kapitel der Liebeslehre 



während gleichzeitig Deidamia, die frühere Geliebte des Achill, im verwaisten Bette 
lag (Prop. 2,9,3-16); Cynthia aber konnte nicht einmal eine einzige Nacht ohne Lieb- 
haber bleiben (Prop. 2,9,19 f.): 

at tu non unapotuisti nocte vacare, 
impia, non unum sola manere dient! 

Und das, obwohl Properz doch eben erst an ihrem Krankenlager aus treuer Sorge 
Tränen vergossen hat! (25-28) Offenbar hielt er sich zur Unzeit fern, denn ein anderer 
Mann, der die Kunst des taktischen Rückzugs besser beherrschte, stand zur Verfugung 
(Prop. 2,9,23): 

hie eiiam petitur, qui teprius ipse reliquit. 
Denselben Fehler wie Properz beging Menelaus, als er seine Frau mit einem attrakti- 
ven Gastfreund alleine ließ (Ars 2,359-372). Nur wenn kein nennenswerter Rivale in 
der Nähe ist, wirkt eine Zeit der Trennung stimulierend. 

Denn der Liebeskünstler entfernt sich nicht, um die Treue seiner Geliebten auf die 
Probe zu stellen. Er will vielmehr Überdruß vermeiden, wie er ihn selbst zu empfinden 
beginnt (346), und das sexuelle Verlangen der Dame dadurch steigern, daß er ihr Be- 
friedigung versagt. Wenn er dann den Acker wieder bestellt, wird sie, nach der ge- 
wohnten Zuwendung dürstend, seine Zärtlichkeiten gierig aufnehmen, wie die trockene 
Erde den Regen (Ars 2,352): l4 

terraque caelestes arida sorbet aquas. 
Daß Ovid hier von einem körperlichen Begehren spricht, ergibt sich auch aus der um- 
gekehrten Vorschrift in den Remedia: Wenn eine Liebesnacht bevorsteht, soll der Pa- 
tient seinen Drang zunächst anderswo loswerden (Rem. 399 ff.). Zögert man nämlich 
die Befriedigung hinaus und wartet, bis das Verlangen sich anstaut, ist die Lust viel 
größer. Erst der Durst macht das Trinken zum Genuß (Rem. 405 f.): 15 

sttsteniaia Venus gratissima: frigore soles, ^ 
sole iuvant umbrae, grata fit unda siti . 



Der Schüler dürfte sich an den Vers Ars 2,326 (et sicco lacrimas combibat ore tuas) erinnert 
und daher sofort verstanden haben, was in dem Gleichnis den Mann und was die Frau repräsen- 
tiert. Das Saatfeld war eine Metapher für die Geschlechtsteile der Frau, vgl. BROWN (1987) 240 
f., 380 f. zu Lucr. 4,1107 (muliebria conserat arva) und 1272 f. 

hi seiner neuen Textausgabe (1994) athetiert KENNEY im Anschluß an BORNEQUE (1961) und 
A. A. R. HENDERSON (Notes on the Text of Ovid's Remedia Amoris, CQ 30 [1980] 169) das Di- 
stichon Rem. 405 f., weil es inhaltlich anstößig sei. HENDERSONs Argumente widerlegen LÜCKE 
(1982) 78 f. und PlNOTTI (1993) 209 f., wobei LÜCKE daraufhinweist, daß Ovid auch an anderer 
Stelle eine Verzögerung für stimulierend hält: Ars 3,473 f., Ars 3,752 (maxima lena mora est); 
vgl. ferner Prop. 4,5,30 (maior dilata nocte recurret amor). Auch die hier aufgezeigte, an- 
scheinend bisher nicht bemerkte Parallele spricht gegen eine Athetese. 



6.2 Liebe als natürlicher Kreislauf (Ars 2,337-372) 



267 



Die Sehnsucht der allein gelassenen Frau ist also eine Form von sexueller Erregung; 
die Libido der Dame steigt bei vorübergehenden Entzug an. Mit irgendwelchen morali- 
schen Prinzipien haben ihre Gefühle nichts zu tun. i 

Damit der Schüler das klar erkennt, belegt Ovid den aphrodisischen Effekt einer 
Trennung am Beispiel der Penelope und der Laodamia, zweier Heroinen, die sonst als 
Exempel ehelicher Treue galten 16 und gelobt wurden, weil sie trotz der Abwesen- 
heit ihrer Männer sich keinem anderen zuwenden wollten, obwohl sie die Hoffnung 
aufgegeben hatten, sie jemals wiederzusehen (Prop. 2,9,7 f.): 17 

visura et quamvis namquam speraret Utixem, 
illum exspeetando facta remansit anus, 

Ovid dagegen lehrt, daß diese Heroinen ihre Gatten gerade wegen deren Abwesen- 
heit über alle Maßen liebten. Wie die Geliebte des Schülers hofften sie durchaus, mit 
dem sehnsüchtig erwarteten Mann wieder Zusammensein zu können. Penelope und 
Laodamia folgten keinem ethischen Gebot; ihnen fehlte einfach ein geeigneter Liebha- 
ber, an dem sie ihre angestaute sexuelle Energie hätten entladen können. 

Wenn der 'elegisch' Liebende feststellt, daß seine Herrin sich einen anderen Mann ge- 
nommen hat, beschreibt er dies bisweilen mit dem Bild der rota amoris; im Kampf der 
Rivalen siegt bald der eine, bald der andere (Prop. 2,8,7-K)): 18 

omnia vertuntur: certe vertuntur amores; 

vinceris aut vincis, haec in amore rota est 
magni saepe duces, magni cecidere fyranni, 

et Thebae sieierani altaque Troiafuit. 

Das sprichwörtliche Rad des Schicksals, 19 auf das Properz hier anspielt, kann man in 
zweierlei Sinne verstehen: Der 'elegisch' Liebende denkt dabei an die unvorherseh- 



Ars 2,355 f. - Hygin nennt in seinen Fabulae (256,11) unter der Überschrift „ Quae castissimae 
foerunt" zuerst Penelope, dann Euadne und Laodamia; zu Penelope vgl. ferner OTTO (1890) Nr, 
1378. In der Ars fehlt Euadne, da sie - anders als Laodamia - wußte, daß ihr Mann tot war und 
nie mehr zu ihr zurückkommen würde. An ihre Stelle setzt Ovid die Phyllis (Ars 2,353 f.), die er 
in den Heroides als besonders schamhafte Braut dargestellt hat (Ov. Ep. 2, bes. 31-42, 57-60, 
115 f., 143). - Ein Beispiel ehelicher Treue ist für Properz vor allem Penelope (Prop. 2,6,23 f.; 
2,9,3 ff.; 3,12 passim; 3,13,24), aber auch Euadne (Prop. 1,15,21 f.; 3,13,24); Laodamia fehlt 
bei Properz. Ein Grund hierfür könnte sein, daß er bereits seine eigenen Gefühle mit der Liebe des 
Protesilaus vergleicht (Prop. 1,19,7-10). 

Vgl. Prop. 1,15,13 f. (von Calypso): et quamvis mtmquam post haec visura, dolebat / illa 
tarnen, longae conscia iaetitiae. WATSON (1983) 124 und STEUDEL (1992) 160 f. meinen, es 
wirke komisch, daß Ovid die Leidenschaft der Heroinen vor der Trennung herunterspiele, JANKA 
(1997) 277 dagegen, daß „durch die Kautel in V. 357f. implizit unterstellt wird, auch sie hätten 
u. U. - wie Helena - nach gewisser Zeit einem novus amor gegenüber schwach werden können." 
Zum Motiv des Rades vgl. LUJA (1965) 161. Ohne dieses Symbol rindet sich der Gedanke z. B. 
Prop. 2,9,1 f.: iste quodest, ego saepe jui: sedfors et in hora / hoc ipso eiecto carior alter erit; 
Prop. 2,12,7 f.; 2,18,21 f.: quin ego deminuo curam, quod saepe Cupido/huic malus esse sotet, 
cui bonus antefiiit? 



268 



Das vierte Kapitel der Liebeslehre 



baren Launen des Glücks, denen selbst große Herrscher und ganze Königreiche zum 
Opfer fallen. Wie Properz meint auch Ovid, daß es sowohl in der Liebe als auch im 
Krieg ein ständiges Auf und Ab gebe (Ov. Am. 1,9,29 f.): 

Mars dubius, nee certa Venus: victique resurgunt, 
quosque neges umquam posse iacere, cadunt 

Tibull betont die rasche Drehung des leichten Schicksalsrades (Tib. 1,5,69 f.): 2 

at tu, qui potior nunc es, meafurta timeto: 
versatur celeri Fors levis orbe rotae . 

Das Rad kann aber auch ein Symbol für den Kreislauf der Natur, für das Werden und 
Vergehen aller Dinge sein. 21 Einem solchen Kreislauf ist nach Ovids Darstellung in der 
Ars die Liebe unterworfen. Um die Liebe als einen natürlichen Wachstumsprozeß zu 
beschreiben, übernimmt er Bilder, mit denen er schon die Macht des obsequium illu- 
striert hat. Der gehorsame Liebhaber handelte wie einer, der einen Ast sanft umbiegt, 
einen Fluß mit der Strömung durchschwimmt oder allmählich einen Pflugstier bändigt 
(Ars 2,179-184): 

flecütur obsequio curvatus ab arbore ramus; 

frangis, si vires experiare tuas, 
obsequio tranantur aquae , nee vincere possis 

flumina, si contra, quam rapit unda, nates. 
obsequium tigresque domat Numidasque leones, 

rustica paidatim taurus aratrasubit 

Nun wird die Liebe anwachsen, wie das Kälbchen zum Stier, der Reiser zum Baum 
und das Rinnsal zum Strom (Ars 2,339-344): 



Vgl. ENK (1962) 122 zu Prop. 2,8,8; MURGATROYD (1980) 184 zu Tib. 1,5,69 f.; OTTO (1890) 
Nr. 695 und besonders D. M. ROBINSON, The Wheel of Fortune, CPh 41 (1946) 207-216. 
U. a. im Hinblick auf Prop. 2,9,1 f. übernehmen LENZ/GALINSKY (19'?1) MURETUS' Konjektur 
fata. Vgl. ferner MURGATROYD (1980) 312: Tibull betone doch ausdrücklich, daß er von Delia 
verschmäht werde. Daher meine der Dichter, die Geliebte werde den Rivalen verstoßen, wie zuvor 
ihn selbst, und sich noch einen anderen, dritten Mann nehmen. Warum aber soll man die von den 
Handschriften einhellig überlieferte Lesart fiirta nicht halten? Während jetzt Delia den Tibull mit 
dem Neuen hintergeht, kann es umgekehrt auch passieren, daß sie diesen mit Tibull betrügt. Dann 
hätte sich tatsächlich ein Kreis geschlossen (vgl. a. Ov. Am. 1,9,29: victique resurgunt). Folgte 
man dagegen der Interpretation von MURGATROYD, wäre eher an eine Kette zu denken. 
Vgl. etwa Arist. Pr. 17,3 = 916a; Ph. 4,16 = 223b sowie den Pythagoreer Hippodamos bei Sto- 
baios 4,34,71: xdvra pev cov rä dvatä St' äväyKav (pvaioq ev pexaßoXalq KaXtvSeTrat ... yevö- 
fieva yäp äe&rat rä Jtpdyßara, Kai äefy&evra äKpd&t, Kai dKp.daa.vra ynpdoKEt^Kai reXoq 
ü'orara (pOeiperar räpev vjtö (pvaioq yivöpeva St' aöräq räq (pvaioq iq rö äSrjXov avrtq reppa- 
rt^öpeva, Kai xdXtv &k reo dSrjXco iq rö öpardv ixtovvepxöpeva äpotßq. yeveatoq Kai ävraxo- 
ööaet (pÖopaq kvkXov avravraq ävajtoSt&t'oaq. Ähnliche Gedanken läßt Ovid den Pythagoras in 
den Metamorphosen äußern, vgl. bes. Met. 15,176 ff. - Von einem Kreislauf der Sitten spricht 
Tacitus (Ann. 3,55): nisi forte rebus eunetis inest quidam velut orbis, ut quem ad modum tem- 
porum vices ita morum vertantur. 



6.2 Liebe als natürlicher Kreislauf (Ars 2,337-372) 269 

dum novus errat amor, vires sibi colligat usu; 

si bene nutheris, tempore firmus erit 
quem taurum metuis, vitulum muleere solebas; 

sub qua nunc reeubas arbore, virgafuit; 
nascitur exiguus, sedopes acquirit eundo, 

quaque venu, multas aeeipit amnis aqu as . 

Obsequium bedeutete, der Natur des Mädchens nachzugeben und ihm so seinen Willen 
aufzuzwingen. 22 Diesen Gedanken entwickelt Ovid nun weiter: Jetzt muß der Schüler 
keinen Widerstand mehr überwinden, sondern fördert nur noch einen natürlichen Pro- 
zeß, der sich fast von selbst vollzieht. Die Krankenpflege beschrieb Ovid als Saat, die 
zu reicher Ernte aufgehen werde (Ars 2,322): 

tum sere, quod plena postmodo falce metas. 

Nun, da die Saat ausgebracht ist, braucht der Schüler nur abzuwarten. Läßt man den 
Acker ruhen, gibt er großzügig zurück, was ihm anvertraut wurde (Ars 2,35 1): 

da requiem: requietus ager bene credita reddit. 

Wenn der Liebeskünstler sich fernhält, tut er also nichts anderes, als auf künstliche 
Einwirkung zu verzichten, um der Natur ihren Lauf zu lassen. 

Die Gefühle der Dame können aber auch schwinden, wenn man sich zu lange fernhält. 
Diesen ebenso natürlichen Prozeß spiegeln die Verba incohativa lenteseunt und vane- 
seit (357 f.). Liebe vollzieht sich in einem Kreislauf, 23 den Ovid durch Iterationes un- 
terstreicht. Die neue Liebe wird durch ständige Anwesenheit des Mannes genährt 24 und 
verfestigt sich mit der Zeit (Ars 2,339 f.); 

dum novus errat amor. vires sibi colligat usu; 
si bene nutrieris, tempore firmus erit. 

Die verfestigte Liebe steigert sich zu sehnsuchtsvoller Leidenschaft (cura), wenn man 
der liebenden Frau den Mann entzieht (Ars 2,349 f.): 

cum tibi maior eritfiducia, posse requiri, 
cumproeul absenti cura fuiurus eris ... 



22 
23 



Stroh (1989) 27 

Eine rückläufige Entwicklung glaubt WEBER (1983) 92 f. erkennen zu können: „Der Verlust des 
Mädchens verläuft ... in umgekehrter Richtung über die drei Phasen, über die es gewonnen 
wurde." Das Erlahmen der Liebe (lenteseunt tempore curae) entspreche den Lehren der Verse 
Ars 2,99-336; das Schwinden der Gefühle für den abwesenden Liebhaber (vanescit absens) ent- 
spreche der Eroberung (Ars 1,263-770) und das Verlieben in einen anderen Mann (novus intrat 
amor) dem Finden der Frau (Ars 1,41-262). WEBERs Interpretation ist jedoch nicht zu halten, 
denn das Erlahmen der Liebe und das allmähliche Vergessen des Liebhabers sind ein und derselbe 
Vorgang. 

Vgl. schon Ars 2,152: dideibus est verbis mollis alendus amor, ferner Prop. 1,12,5 f.: nee 
mihi consuetos amplexu nu tri t amores / Cynthia, nee nostra dulcis in aure sonat. Weitere 
Belege gibt JANKA (1997) 269 f. 



i I 



270 



DAS VIERTE KAPITEL DER LIEBESLEHRE 



Mit der Zeit wird diese Sehnsucht verklingen und eine neue Liebe zu einem anderen 
Mann sich einstellen (Ars 2,357 f,): 

sedmora tuta brevis: lentescunt tempore curae 
vanescitque absens et novus intrat amor . 

Es dürfte klar geworden sein, daß Ovid Treue und Untreue nicht unter moralischen Ge- 
sichtspunkten behandelt. Er erklärt beides als natürliche Reaktion des Sexualtriebes auf 
die An- bzw. Abwesenheit eines Mannes. Wenn der Schüler sich von seiner Dame 
nicht zu lange fernhält und kein geeigneter Rivale zur Stelle ist, wächst die bereits ver- 
festigte Liebe und wird zu heftiger Leidenschaft. Bei zu langer Trennung und Anwe- 
senheit eines passenden 'Ersatzmannes' schließt sich der Kreis, und eine neue Liebes- 
beziehung entsteht: 



Trenm 



tempore firmus erit (a\ 



Zusammensein 




lange Trennung 



ntescunt tempore curae 



isammensein mit 
Rivalen 



novus amor 



Für diese amoralische, naturwissenschaftliche Sicht der Liebe kann sich Ovid auf die 
Thesen des Epikureers, Lukrez berufen. Nach Lukrez entwickelt sich aus sexuellem 
Verlangen (Venus) durch Fixierung Liebe (Amor), Während einer Trennung schwebten 
einem Bilder (simulacra) der begehrten Person vor Augen und steigerten das sexuelle 
Verlangen (Veneris dulcedo) bis zur unerträglichen Sehnsucht "(cum), die sich nur 
noch auf diese eine Person richte (amor unius). Um von dem ungesunden, qualvollen 
amor frei zu bleiben, solle man sich daher, sofort wenn das Verlangen einsetzt, in 
einen beliebigen, gerade verfügbaren Körper erleichtern (Lucr. 4,1058-1072): 



1060 



1065 



Haec Venus est nobis; hinc autemst nomen Amoris, 

hinc illaecprimum Veneris dulcedinis in cor 

stillavii gutta ei successit frigida cura. 

nam si ab est, quod ames, praesto simulacra tarnen sunt 

illius et nomen dulce obversaiur ad auris. 

sedfugitare decet simulacra et pabula amoris 

absterrere sibi atque alio converiere mentem 

et iacere umorem conlectum in corpora quaeque, 

nee retinere semel conversum unius amore, 

et servare sibi cur am certumque dolorem. 



6.2 LIEBE ALS NATÜRLICHER KREISLAUF (ARS 2,337-372) 



271 



ulcus enim vivescit et inveterascit alendo, 
inque dies gliscitfuror atque aerumna gravescit, 
1070 si non prima n ovis conturbes volnera plagis < 

volgivagaque vagus Venere ante recentia eures 
aut aliopossis animi traducere motus. 

Sprachliche und sachliche Parallelen legen nahe, daß Ovid von Lukrezens rein physio- 
logischer Erklärung der Liebe beeinflußt wurde, 25 Beide Dichter lehren, daß die Abwe- 
senheit der geliebten Person das sexuelle Verlangen zu heftiger Leidenschaft steigere, 
und nennen diesen Zustand cura. 26 Unter cura verstehen sie die angestaute, unbefrie- 
digte Libido, die auf eine bestimmte Person fixiert ist (amor unius bzw. firmus amor). 
Lukrez meint, cura könne dadurch verhindert werden, daß man gleich bei Einsetzen 
der sexuellen Erregung mit einer anderen Person verkehrt. Der Verkehr mit einem an- 
deren Mann heilt auch nach Ovids Ansicht die cura der Frau; nur muß diese erst ab- 
klingen, bevor die Frau von einem anderen Liebhaber befriedigt werden kann, 27 



25 



27 



Zur den erotischen Theorien des Lukrez vgl. vor allem BROWN (1987) und NUSSBAUM (1994) 
Weniger gehaltvoll ist der Kommentar von J. GODWIN, Lucretius. De Rerum Natura IV War- 
minster 1986. - BROWN bemerkt (S. 197): „In reducing 'Venus' to a physical need Lucretius 
stnkes a blovv at superstition and sentimentality which is reminiscent of the Epicurean doctrine 
Sf fl r * T ^ ensent ' < D - L ' 10.118 ...)." Vgl. dazu Ars 1,43 und S. 30 f. - Lukrezens 
binfluß auf die Liebeslehren des Ovid diskutieren SHULMAN (1981) und SINGER (1965/66) 
SINGER gibt einen allgemeinen Überblick ohne genauen Passagenvergleich und bezieht auch die 
Metamorphosen m seine Untersuchung ein. Für eine grundlegende Gemeinsamkeit von Ovid und 
Lukrez halt SINGER ihre naturwissenschaftliche, unromantische Sicht der Liebe (S 537)- Ovid 
and Lucretius analyze love as neither a search for transcendental goodness nor an encounter with 
virtue nor a mystical adventure beyond the ordinary world." 

Der Terminus cura fiir den Zustand heftigster Leidenschaft erscheint an beiden Stellen jeweils 
zweimal: Ars 2,340 + 357; Lucr. 4,1060 + 1067. Während Ovid das Wort cura in der Ars sonst 
ott und in unterschiedlichen Bedeutungen gebraucht, verwendet er es in den Lehren zu Eifersucht 
und Verlustangst (2,337-600) nur hier, so daß es den Charakter eines Terminus technicus erhält 
Auch der Gedanke, daß eine zeitweilige Trennung diese cura weckt (Lucr. 4,1061: si abest quod 
«^verbindet die beiden Lehrstücke, und gerade dieser Gedanke ist möglicherweise eine Be- 
sonderheit lukrezischer Lehre gegenüber dem, was Epikur zur Liebe sagt (vgl. BROWN [1987] 
au- ^^ alkm das Getrenntsein Liebe bzw. Entfremdung verursacht, unterstreicht Ovid 
durch vielfache Iteratio des Verbums abesse (Ars 2,350, 355, 356, 358, 359, 369; vgl außerdem 
353: praesens, 369: adest; vgl. JANKA [1997] 274 f.). - Allerdings meint schon Aristoteles, man 
Tf /Sf rf"™ 11 " Liebe " sprechen, wenn jemand den anderen auch in dessen Abwesenheit be- 
gehrt (bN 9,5 - 1 167a): ö öe X aipcov rq> eTSet oööev paXXov ipq., äM orav Kai äjtövra xodfi 
™~™f ™*™*^?*'tetti-.y$- a. Rhet. 1,11 = 1371b: Kai äp X ij öe rov fycorog atixn yiyverat 
xaoiv.orav m povov Jtapovrog X afpcootv dXAä Kai äjtövrog pepvnpevotg [iptortv] Mx» 
xpooyevriTat r<x> pi) jtapeTvat. Wie Ovid (Ars 2,345: nil assueiudine malus) und Lukrez (4 1278 
•^f ' v c, Soleies ferner, daß Liebe durch Gewöhnung entstehen könne (EN 8,4 - 1157a)' 
JtoAÄot ö au otapevovaiv, eäv £k rfjg ovvnMag rä rfdt? orep^cooiv, öpotjdetg övteg. 
Vgl. a. die oben zitierte Vorschrift Rem. 399 ff. - Da Lukrez seine Leser vor den Gefahren des 
amor warnen und sie veranlassen will, schon den Anfängen zu wehren, fehlt bei ihm der Gedanke 
daß cura mit der Zeit wieder vergehen kann. Doch stimmt Ovid auch hier mit epikureischer Lehre 
uberein (Epicur. Sent. Vat. 18): 'Atpatpovpevrjg xpoaöt/>ecog Kai öpiXiag Kai ovvavaorpoyng &k- 
XverairoepcoTiKdv jtd&og. - Ferner beschreiben sowohl Lukrez als auch Ovid die Prozesse des 
fcicn-Verhebens bzw. der Entfremdung durch Verba incohativa und Metaphern des Nährens und 



272 



DAS VIERTE KAPITEL DER LIEBESLEHRE 



Diesen Umstand soll der Schüler nutzen, um die dauernde Beziehung für seine Gelieb- 
te aufregend und romantisch zu gestalten. Während der 'elegisch' Liebende glaubt, nur 
durch ständige diensteifrige Anwesenheit könne er sich die Liebe seiner Herrin bewah- 
ren, weiß der Liebeskünstler, daß selbst ein flrmus amor mit der Zeit in Gleichgültig- 
keit mündet, wenn man nichts dagegen unternimmt. Auch hier vollzieht sich ein Kreis- 
lauf: Die Nähe des Liebhabers wird selbstverständlich und verliert ihren Reiz; aus Ge- 
wöhnung wird Überdruß; am Ende sucht sich die Dame gelangweilt einen neuen 
Liebhaber. Daher wird ein kluger Mann ihre Gefühle immer wieder durch kurze Tren- 
nungsphasen beleben. So durchbricht der Liebeskünstler den Kreislaufund erhält sich 
die zwischen cura und flrmus amor oszillierende Liebe seiner Frau für eine lange Zeit. 
Für Lukrez ist Liebe eine Geisteskrankheit und Treue kein ethisches Ideal, sondern ein 
Zeichen ungesunder Fixierung, die man durch Promiskuität therapieren müsse. Das 
mag zwar sehr nüchtern und lieblos klingen, entsprach aber durchaus der traditionellen 
Sexualmoral, nach der ein Mann zu Treue nicht verpflichtet war und eine leidenschaft- 
liche Bindung an eine einzige Frau sogar vermeiden sollte. 28 In der Ars aber überträgt 
Ovid die Lehren des Lukrez auf die begehrte Person, also auf die Frau. Daraus ergeben 
sich neue Konsequenzen: Erstens sind amor und cura nun wünschenswert, und zwei- 
tens muß man umgekehrt die von Lukrez empfohlene volgivaga Venus möglichst ab- 
wenden, da der Schüler der Betrogene wäre. Indes begrüßt Ovid die Promiskuität der 
Frau zwar nicht, sieht sie aber drittens als etwas Natürliches an. Im Gegensatz den 
Lehren des Lukrez, der nur den Mann zur freien Liebe ermuntert, 29 widerspricht dieses 
Urteil der herkömmlichen Moral, den Werten der Liebeselegie und wohl auch den Er- 
wartungen des Schülers. Doch läßt es sich aus einer physiologischen Liebestheorie fol- 
gerichtig ableiten. 

Menelaus mißachtet also die Natur der Frau, wenn er seine Gattin mit einem Fremden 
alleine läßt. In einer solchen Situation von ihr Treue zu erwarten, ist Tollheit (furor) 



Ovids Vergleich der Frau mit einem ausgedörrten Saatfeld ist das Gegenstück zum feuchten 
Samen des Mannes bei Lukrez (4,1065 f., vgl. a. 1060: stillavit gutta). - SOMMARIVA (1980) 
131 f. und BALDO (1993) 308 halten die Verse Ars 2,339-346 für eine Umkehrung von Lucr. 
4 1 144 ff.; an dieser Stelle verweist Lukrez auf 4,1063 ff. zurück (BROWN [1987] 197, 272). Zu 
den hier aufgeführten Parallelen sagen die genannten Autoren nichts. STEUDEL (1992) 67 f. er- 
kennt zwar den Anklang an Lucr. 4,1058 ff., deutet ihn aber nicht zutreffend: Ovid parodiere die 
ernste Vorlage, da er sie „nach Belieben modifiziert und auf die niedere erotische Ebene transpor- 
tiert". 

Vgl. etwa LYME (1980) 12 f. und BROWN (1987) 124. 

Hierbei ist neben der Päderastie vor allem an den Verkehr mit Prostituierten und (den eigenen) 
Freigelassenen und Sklavinnen zu denken, da die Epikureer den Ehebruch ablehnen. Vgl z^ B. die 
von Horaz in seiner Satire 1,2 vorgeschlagenen Möglichkeiten sowie BROWN (1987) 198 f Ein 
allzu idealisiertes Bild von lockeren, gleichberechtigten Beziehungen zwischen gelehrten frei- 
denkerinnen und Philosophen des Gartens zeichnet M. JUFRESA, Love in Epicurasm : ^ Stona 
pocsia e pensiero nel mondo antico, Studi in onore di Marcello Gigante, Neapel 1994, 307 IL 



6.2 Liebe als natürlicher Kreislauf (Ars 2,337-372) 



273 



und ein Zeichen völligen Stumpfsinns (stupor). 30 Da Helena nur ihrer Natur folgt und 
gar nicht anders handeln kann, wäre es unsinnig, sie zu verurteilen (Ars 2,371): 31 

viderit Atrides; Helenen ego crimine sölvo. 



Ars 2,361; 363. Zur Bedeutung des Wortes Stupor vgl. JANKA (1997) 284 und besonders Cat. 
17,8 ff., wo ebenfalls jemand die Natur seiner Frau nicht erkennt: Ein Landsmann des Catull ist 
dümmer als ein zweijähriger Knabe. Denn er läßt seine reizende junge Frau beim Gastmahl trei- 
ben, was sie will. Wie ein Klotz liegt er da und scheint überhaupt nichts zu merken (Cat. 17,21 
f.): talis iste meus Stupor nil videt, nihil audit, / ipse qui sit, utrum sit an non sit, id quo- 
que nescit. 

Vgl. bes. Ars 2,367: cogis adulterium; Ars 2,369: quidfaciat? - Daß es geradezu monströs wäre, 
wenn Helena treu bliebe, unterstreicht Ovid auch durch ein Gleichnis, das an die Lehren zur fit- 
riosa libido der Frau erinnert (Ars 1,269 ff,). Wegen ihres starken Geschlechtstriebes ist die Frau 
die natürliche Beute des Mannes. Helena könnte sich daher dem Werben des Menelaos : ebenso- 
wenig widersetzen wie eine Taube dem Habicht oder ein Schaf dem Wolf (Ars 2,363 f.): accipitri 
timidas credis, fitriose, columbcts, / plenum montano credis ovile lupo; 2,370: et timei 
<sc. Helena> in vacuo sola cubare toro, Sie erlag dem Werben des Paris wie die ängstlichen Sa- 
binerinnen den Soldatendes Romulus (Ars 1,117-119): utfitgiunt aquilas, timidissi ma 
turba, cohtmbqej utque fitgit visos agna novella lupqs, /sie illae timuere viros sine lege 
ruentes. -Vgl. a. 6.5.2.3. 



274 



DAS VIERTE KAPITEL DER LIEBESLEHRE 



6.3pudor statt pudicitia (Ars 2,373-408) 

Ein moderner Liebhaber muß also die Seitensprünge seines Mädchens verständnisvoll 
hinnehmen. Das fällt selbst dem erfahrenen Meister schwer (Ars 2,547 ff.) und ist erst 
recht keine leichte Aufgabe für einen stolzen jungen Mann. 32 Deswegen verschiebt 
Ovid diese Lektion, die dem Liebeskünstler mehr abverlangt als jede andere (542), auf 
einen späteren Zeitpunkt (535 ff.), und bereitet sie erst einmal von langer Hand vor: 
Viel ausführlicher, als es für die praktische Umsetzung der Vorschriften notwendig 
wäre, 33 diskutiert der Liebeslehrer zunächst die Eifersucht der Frau und entwirft dabei 
ein abstoßendes Bild desjenigen Affektes, den der Schüler überwinden muß. So lernt 
der junge Mann am Beispiel des anderen Geschlechts, wie unsinnig und barbarisch 
Eifersucht ist. 

Denn zu der vom Manne geforderten urbanen Toleranz ist die Frau nicht fähig. Ertappt 
sie eine Nebenbuhlerin in ihrem Bett, entflammt sie in rasender Wut (Ars 2,373-386). 
Der vorsichtige Liebeskünstler wird daher seine Affären geheim halten, um nicht zu 
riskieren, daß die mühsam gefestigte Liebesbindung zerreißt (Ars 2,385): 

hoc bene compositos, hoc firmos solvit amofes. 
Solange er Ovids Anweisungen beachtet, wird ihm das auch gelingen (387-396). Aber 
einen Mann, der wie Agamemnon die Gefühle seiner Frau durch schamlos offene Un- 
treue verletzt, ereilt die gerechte Strafe (397-408). 

An sich ist ein Seitensprung jedoch kein Verbrechen. Auch der Liebeskünstler darf sei- 
ne Geliebte betrügen. Ovid will ihn nicht wie ein strenger Sittenrichter einer einzigen 
Frau übereignen. Gott behüte! (Ars 2,387 f.) 34 

nee mea vos uni donat censura puellae; 
* di melius ! 

Properz dagegen glaubt, er befolge gottgegebenes Recht, wenn er Cynthia treu bleibt 

(Prop. 1,12, 19): 35 



32 
33 



Ältere Herren sind in Liebesdingen leidensfähiger als die Neulinge (Ars 3,565 ff.). 
Von den rund 60 Distichen über die Eifersucht der Frau enhalten nicht einmal 30 praktische Vor- 
schriften mit Erläuterung (385-396; 409-424; 427-446; 455-460). Diese einem psychagogischen 
Zweck dienende Weitschweifigkeit verschleiert Ovid dadurch, daß er sich direkt vor dem Stück, 
in dem er am weitesten vom Thema abkommt, selbst ermahnt, bei der Sache zu bleiben (425 f.). 
Das Verb donat (387) erinnert an den Zusammenhang zwischen./?^ und servitium amoris (vgl 
Anm. 2). In den Ämores empfiehlt sich der angehende Liebessklave (v. 5) mit den Worten (1,3,1 1 
f.): at Phoebus comitesque novem vitisque repertor / hac faciunt et me qui tibi donat Amor. 
Vgl. BOUCHER (1965) 93. FEDELI (1980) versteht^ est im Sinne von per fata licet Gegen 
diese Deutung sprechen allerdings Stellen, an denen Properz sich ähnlich über seine Treuepflicht 
äußert z. B. 2,20,29 f.: (Wenn er Cynthia vergessen könnte) tum me vel tragicae vexetis Erinyes, 
et me/inferno damnes, Aeace, iudicio ; 2,20,35 f.: hoc mihi perpetuo ius est, quod solus amator 



6.3 PUDOR STATT PUDICITIA (ARS 2,373-408) 



275 



mi nee amare aliam nee ab hac desisterefas est 

Das glaubt der Liebeslehrer nicht: Zwar reagieren Frauen auf einen Seitensprung mit 
heftiger Eifersucht, aber diese gleicht der unüberlegten, instinktiven Reaktion eines 
Tieres. Die Eifersüchtige ist wütend und gefährlich wie ein von den Hunden bedräng- 
ter Eber, eine säugende Löwin 36 oder eine Schlange, auf die man versehentlich getreten 
ist (Ars 2,373-376). Aus Angst, den geliebten Mann zu verlieren, ist sie nicht mehr 
fähig, einen klaren Gedanken zu fassen. In ihrem Wahn bewirkt sie genau das, wo- 
gegen die Tiere sich instinktiv wehren. Eber und Schlange gehorchen dem Selbster- 
haltungstrieb, die Eifersüchtige dagegen stürzt sich selbstvergessen in Lebensgefahr 
(379 f.). 37 Unschuldige Kinder mußten die Treulosigkeit ihrer Väter Jason und Tereus 
büßen (381-384). Während die Löwin ihrem Muttertrieb folgt, überwindet die rasende 
Wut der betrogenen Frau sogar diesen Urinstinkt. Eine solche dira parens erfüllt 
weder ein Gebot der Natur noch handelt sie gerecht; s i e frevelt und nicht ihr un- 
treuer Mann. 

Ovid vergleicht die Eifersüchtige mit einer Mänade, die nicht mehr Herrin ihrer selbst 
ist (Ars 2,380). Schon Homer gebraucht diesen Vergleich für eine Frau, die furchtet, 
ihren Mann verloren zu haben. Als Andromache den Tod des Hektor ahnt, stürzt sie 
wie eine Bacchantin durch die Halle (Hom. II. 22,460 f.): 

fieydpoio Sieoavto paivdSi Yan, 
jto.XXofj.svri KpaSinv, äfxa 5' äfaptJCoXoi kiov avtfj. 

Homer zitierend, beschreibt auch Vergil Didos Reaktion auf die Nachricht, daß Aeneas 
sie verlassen will, als dionysisches Rasen (Verg. A. 4,300-303): 



/nee cito desisto nee fernere ineipio. Vgl. a. Prop. 2,29,12, wo Eroten den untreuen Herumtrei- 
ber warnen: intereat, qui nos non putat esse deos! - Tibull will sich dem harten Gesetz der Treue 
unterwerfen (Tib. 1,6,69 ff.), und wenn er dennoch versucht, sich mit einer anderen Frau zu 
trösten, entzieht ihm Venus die Manneskraft (Tib. 1,5,39 f.). 

Eine interessante, auch von JANKA (1997) 294 zitierte Parallele ist Hör. Carm. 3,20,1 f., wo eine 
eifersüchtige Frau um ihren Liebling kämpft: non vides, quanto moveas periclo, / Pyrrhe, Gaetu- 
lae catulos leaenae? - Zu weiteren Parallelen vgl 6.4.2. 

Mit der Wendung in ferrum flammasque mit (Ars 2,379) erinnert Ovid zugleich an mehrere 
sprichwörtliche Ausdrücke: 

\)inflammam venire - sich mitten in die Gefahr begeben (OTTO [1890] Nr. 669); 

2) ire per ignes = durch das Feuer, durch große Gefahr gehen (OTTO Nr. 847; BÖMER 
[1977] zu Ov. Met. 8,76 f., wo die verliebte Scylla spricht: ire per ignes / et gladios 
ausim) und 

3) ferrum et flammet = Feuer und Schwert (OTTO Nr. 665), vgl. dazu auch Ov. Fast. 
6,598: in arma ruere = hastig zu den Waffen greifen. 

Die Wendung ist also zweideutig, was sich in den Übertragungen niedergeschlagen hat, So über- 
setzen VON ALBRECHT (1992) und HOLZBERG (1992): „sie stürzt sich in Schwert und Flammen", 
LENZ (1969) dagegen: „zu Feuer und Schwert greift sie", ähnlich MOZLEY (1979), GREEN 
(1982), MELLEVHXE (1990), PlANEZZOLA (1993: „vuole un' arma, vuole un fuoco") und JANKA 
(1997). Indes sollte man sich hier nicht festlegen und besser eine ähnlich zweideutige Formulie- 
rung wählen, z. B. „sie scheut nicht Feuer und Schwert". - BALDO (1993) 313 f. versteht die 
Wendung als Metapher für die Leiden der Liebenden. 



276 Das vierte Kapitel der Liebeslehre 

saevii inops animi toiamque incensaper urbem 
bacchatur, qualis commotis excita sacris 
Thyias, ubi audito stimulant trieterica Baccho 
orgia nocturnusque vocat clamore Cithaeron. 

Seinerseits auf Vergil anspielend, charakterisiert Properz eine eifersüchtige Frau als 
Mänade(Prop. 3,8,13 f.): 38 

cnstodum gregibus circa se stipat euntem, 
seu sequi tur medias, Maenas ut icta, vias ... 

Es galt als allgemein anerkannte Tatsache - und darauf weist Ovid mit dem Mänaden- 
gleichnis hin -, daß eine von eifersüchtiger Verlustangst erfaßte Frau sich nicht mehr in 
der Gewalt hat. 39 Daher ist es nicht nur zweckmäßig, seine Affären diskret abzu- 
wickeln (Ars 2,385-396), sondern auch moralisch geboten (397 f.). Weil das schwache 
Geschlecht so leicht die Fassung verliert, muß der Mann es schonen. 

Die Folgen mangelnder Rücksichtnahme zeigt Ovid am abschreckenden Beispiel des 
Agamemnon (Ars 2,399 f.): 

dum fuit Atrides una contentus, etilla 
castafuit; vitio est improba facta v/n. 

Agamemnons Fehler bestand nicht etwa darin, eine Nebenfrau zu haben; es ist seine 
grenzenlose Indiskretion, die Ovid verurteilt. 40 Alle Welt war Zeuge, als Agamemnon 
auf dem Besitz der Chryseis bestand und dem Achill die Briseis wegnahm, und daher 



Vgl. FEDELI (1985), der daneben auf Verg. A. 4,68 f. verweist: uritur infelix Dido totaque vaga- 
tur/urbefiirens. 

Vgl. JANKA (1997) 297 und z. B. Cat. 64,61 (Ariadne steht am Strand und blickt dem Schiff des 
Theseus nach saxea ut effigies bacchantis) und dazu Ov. Ep. 10,47 f. In der Ars werden Pasi- 
phae (Ars 1,312) urid Procris (Ars 3,710) in ihrer Eifersucht mit Bacchantinnen verglichen. Auch 
von großer Liebe ergriffene Frauen setzt man Mänaden gleich, z. B. Met. 9,641-4; Ciris 163-168. 
- Daß Frauen sich weniger gut beherrschen können als Männer, galt anscheinend als gesicherte 
Erkenntnis der Medizin. Der Arzt Aretaios (2. Jh. n. Chr.) diskutiert in Seiner Schrift Ilspi ahiwv 
Kai atjfiefcov ö£eoov jtaOcöv die Melancholie (SA 3,5), die sich in unbeherrschtem Zorne, Trauer 
oder schrecklicher Niedergeschlagenheit äußere (3,5,2) und die dem Zustand eines (unglücklich) 
Liebenden gleiche (3,5,8). Aus Melancholie könne sich pavia entwickeln, worunter die Frauen 
mehr litten als die Männer: k&kiov Se ävSpcöv al yvväiKec EKfiaivovrat (3,5,8). Der berühmte 
Mediziner Galen beschreibt die Symptome der Liebeskrankheit an dem Fall einer Frau {Tlept 
jtpoyvwaEcoq 5,6 + 6,1 ff. = 626 + 631). Im 'AxoKtjpvrropEvog (28) läßt Lukian einen Arzt fol- 
gendes sagen: Frauenkörper seien EuaXcorörepa roivuv roöv ävöpeicov Kai ratq vöaotg EKKEipeva 
Kai rfjv taatv oö jtepipävovra Kai pdXtora xpdq paviaq eux^pEarepa' äre yap jcoäv päv rö öpyU 
Xov Kai Kovqtov Kai ö&Kivtjrov e'xovoai. Vgl. außerdem S. 96 Anm. 49. - Es fällt auch auf, daß 
Ovid im dritten Buch der Ars (683 ff.) von seinen Schülerinnen weniger Selbstbeherrschung ver- 
langt als von den Männern. Während der Mann sogar offenkundige Untreue ruhig hinnehmen 
muß, soll die Dame sich nicht allzusehr aufregen, nicht gleich die Fassung verlieren, wenn sie von 
einer Nebenbuhlerin hört (!), und auch nicht sofort alles glauben, was man ihr über das Treiben 
ihres Liebhabers erzählt. Doch daß ihr Liebhaber in ihrem Beisein, vor ihren Augen mit einer an- 
deren Frau flirtet (vgl. dagegen Ars 2,543), das braucht eine Schülerin Ovids nicht zu dulden. 
Vgl. WEBER (1983) 109, auch zur Steigerung des Reizes vom Hörensagen zum Sehen. 



6.3 PUDOR STATT PUDICITIA (ARS 2,373-408) 



277 



mußte auch Clytaemnestra in Griechenland davon hören. Dies hätte sie vielleicht noch 
ertragen. Der Cassandra aber war Agamemnon in schmachvoller Weise so verfallen, 
daß er die Kebse seiner Gattin sogar vor Augen führte (Ars 2,405 f.): 

haec tarnen audierat; Priameida viderat ipsa: 
Victor eratpraedae praeda pudenda sitae. 

Das war zuviel. Erst dieser unerträgliche Reiz brachte die Königin dazu, sich Aegi- 
stheus hinzugeben. Agamemnons Verhalten war schändlich, weil er aus unbeherrschter 
Leidenschaft seine Seitensprünge offen bekannt machte; nicht als Ehebrecher (pec- 
cans) y sondern als indiskreter Ehebrecher (male peccans) erlitt er die gerechte Strafe 
(408). Denn mit ein wenig Selbstbeherrschung und Geschick hätte er seine Abenteuer 
mühelos geheim halten können. Es nicht zu tun, ist ein Umecht, das nicht nur die Ge- 
liebte ahndet, sondern auch die Göttin Venus selbst (Ars 2,397 f.): 42 

laesa Venus iusta arma movet telumque remittit 
et, modo quodquesta est, ipse querare facit. 

Die Götter fordern keine Enthaltsamkeit (wie Properz meint), sehr wohl aber Diskre- 
tion. Während der 'elegisch' Liebende sich sexuelle Treue auferlegt, muß der Liebes- 
künstler seine Affären schamhaft verbergen, um seine leicht erregbare Partnerin nicht 
unnötig zu quälen. Man könnte sagen: Statt pudicitia übt er pudor 43 



Vgl. a. Ars 2,404: turpes ... moras sowie WEBER (1983) 1 10 und JANKA (1997) 309. - Mit dem 
Volyptoton praedae praeda unterstreicht Ovid die Umkehrung der natürlichen Verhältnisse. Aga- 
memnon wird seiner Rolle als überlegener, beherrschter Mann nicht gerecht; er verhält sich wie 
ein schwaches Weib, das seinen Gefühlen freien Lauf läßt. - Die hier vorgeschlagene Interpreta- 
tion wird auch durch den Umstand gestützt, daß Ovid von der Überlieferung abweicht, nach der 
Clytaemnestra sich bereits vor Agamemnons Rückkehr mit Aegistheus verband (vgl. JANKA 313). 
Denn dem Liebeslehrer kommt es darauf an, daß die Königin gerade beim Anblick einer Rivalin 
unwillkürlich in heftige Raserei verfallt (vgl. schon Ars 2,377 f. und dazu Ov. Fast. 3,483 f.). 
Clytaemnestra handelt nicht rational, sondern reagiert instinktiv auf einen überwältigenden Reiz, 
dem keine Frau gewachsen wäre. - Zum Gedanken, daß Sehen die Sinne mehr erregt als Hören 
vgl. z. B. Ov. Ep. 9,119-124 (haec tarnen audieram; licuit non credere famae, / et venit ad 
sensus mollis ab aure dolor. / ante meos oculos adducitur advena paelex, / nee mihi, quae pa- 
tior, dissimulare licet! / non sinis averti: mediam captiva per urbem / invitis oculis aspicienda 
venit); Ov. Pont. 3,4,21 f.; Hör. Ars 180-182 und schon Hdt. 1,8,2. 

Vgl. Tib. 1,5,58: saevit et iniusta lege relicta Venus. - JANKA (1997) 307 interpretiert laesa 
Venus als „die offenkundig betrogene Frau". Venus ist hier jedoch mehr als nur eine Metonymie; 
sie ist die Gottheit, die über die Einhaltung der Gebote erotischer Ethik wacht, vgl, 6.5.2. 1 und S. 
324 f. 

Zum Ideal der pudicitia vgl. S. 263. - Der Begriff pudor erscheint erst später (Ars 2,556); ne 
fiigiat victo fassus ab ore pudor. Auch Mars und Venus zeichneten sich zunächst durch pudor 
aus (572): plena vereeundi culpa pudoris erat. Nach ihrer Entdeckung durch Vulcan ist er dann 
verschwunden (590): et pudor omnis abest. Vgl. aber schon furto ... modesto (389) und praeda 
pudenda (406). 



278 



DAS VIERTE KAPITEL DER LIEBESLEHRE 



6.4 Eifersucht und Geschlechtstrieb (Ars 2,409-492) 

Selbst wenn trotz aller Vorsicht eine Affäre entdeckt wird, kann man die Dame 
schonen und ungerührt alles abstreiten (Ars 2.409-412). 44 Dann muß der Schüler im 
Bett beweisen, daß er sich nicht bei einer anderen verausgabt hat (Ars 2,413 f.): 



sed lateri ne parce tuo; pax omnis in 
concubitu prior est infltiandavenus. 



uno est: 



Ein solche 'Beweisführung' fordert nicht geringe Manneskraft, und der Schüler denkt 
vielleicht daran, ein Potenzmittel zu nehmen. Daher warnt ihn Ovid vor gefährlichen 
Mixturen und empfiehlt eine gesunde, natürliche Kost (415-424) 46 Außerdem weiß 
der junge Mann nun, daß selbst nach einer Entdeckung noch nicht alles verloren ist, 
und kann entsprechend beruhigt auch die folgenden Vorschriften in die Tat umsetzen. 

Denn nicht immer, fährt Ovid fort, ist Diskretion geboten. Beginnt die Leidenschaft 
der Dame zu erkalten, muß man einen Fehltritt sogar offenlegen, um ihre Liebe zu 
entfachen (425-454). Der Schüler soll sein Mädchen aber nur kurze Zeit quälen und sie 
alsbald mit Zärtlichkeiten beruhigen (455-462). Der Beischlaf ist nämlich nicht nur ein 
überzeugender Unschuldsbeweis, sondern auch der beste Friedensstifter (Ars 2,459 f.): 

oscula daflenti, Veneris da gaudia flenti: 
pax erit; hoc uno soivitur ira modo. 

Warum das so ist, erklärt der Liebeslehrer in einem naturwissenschaftlichen Exkurs: 
Seit Anbeginn der Welt konnte nur geschlechtliche Lust das wütende Rasen eines er- 
regten Weibchens beruhigen (463-492). 

6.4.1 Liebe, Eifersucht und Aggression (Ars 2,425-462) 

Den mit Absicht enthüllten Seitensprung nimmt Ovid zum Anlaß, das Wesen der Eifer- 
sucht schärfer zu beleuchten. Wenn die Gefühle einer Frau fast erloschen sind, muß 
man ihre Leidenschaft mit einem kräftigen Reiz wieder entzünden (Ars 2,439-444): 



44 
45 



Wie man so etwas macht, kann der Schüler auch in den Amores (2,7 und 8) nachlesen. 
Vgl. Ov. Am. 3,7,80, wo die enttäuschte Dame argwöhnt, ein Seitensprung sei der Grund für das 
Versagen ihres Liebhabers: aut alio lassus amore venis. - JANKA (1997) 316 sieht in den Versen 
413 und 411 (tum neque subiectus, solito nee blandior esto) eine „maliziöse Parodie einer der 
bekanntesten Stellen zur pax Romana ... Verg. A. 6,851-853: ... pacique imponere morem, / 
parcere suhiectis et debellare superbos". Auch in Vers 460 werde - so JANKA 341 f. - „die 
augusteische Konzeption der Pax Romana ironisiert". - Allerdings denkt man bei pax eher an die 
topischen bella Veneris und bei subiectus eher an das Konzept des servitium amoris, wie in Pro- 
perzens Empfehlung (1,10,27), humilis ... et subiectus amori zu sein. 

BALDOs (1993) und jANKAs (1997) Erläuterungen kann man entnehmen, daß Ovid durchaus auf 
dem Stand der damaligen Wissenschaft war. Vgl. a. T. HOPFNER, Das Sexualleben der Griechen 
und Römer, Band I 1, Prag 1938, 261 ff. 



1 i 

i 



6.4 Eifersucht und Geschlechtstrieb (Ars 2,409-492) 279 

ut levis absumpiis paulatim viribus ignis 

ipse tatet, summo canet in igne cinis, 
sed tarnen extinetas admoto sulphure flammas ■ 

invenit et lumen, qaodfiiit ante, redit: 
sie ubi pigra situ securaque pectora torpent, 

acribus est stimulis eliciendus amor. 

Das ausführliche Gleichnis macht einen komplizierten seelischen Vorgang faßbar. Die 
Nebenbuhlerin wirkt wie der Schwefel, der das schwach glimmende Liebesfeuer der 
Dame auflodern läßt. Das kann der Schüler leicht begreifen. Merkwürdig ist aber, daß 
man auf diese Weise Liebe weckt, obwohl die Frau doch eifersüchtig sein müßte. Oder 
sind Eifersucht und Liebe etwa das gleiche? 

Daß dem tatsächlich so ist, legt schon ein Blick auf die Lehren zur vorübergehenden 
Trennung nahe. Während der Schüler mit einer Trennung drohende Gleichgültigkeit 
abwendet, soll er sich bei einem Seitensprung ertappen lassen, wenn die Geliebte 
gleichgültig geworden ist. 47 In beiden Fällen muß er achtgeben, daß die Dame nicht zu 
lange leidet (Ars 2,357; 455 f.): 

sed mor a iuta brevis, 

si spatium quaeras, breve sit, quod laesa queratur t 
ne lenta vires colligat ira mor a . 

Denn die zornige Eifersucht „sammelt" allmählich „Kräfte", nicht anders als die junge 
Liebe (Ars 2,339): 

dum novus errat amor, vires sibi colligai usu. 

Wird ihre Wut zu stark, löst sich die Betrogene von dem untreuen Liebhaber, wie die 
Verlassene, deren cum allmählich abklingt. 48 

Auch das ungewöhnlich lange Gleichnis vom schwelenden Brand (Ars 2,439-444) - es 
ist das längste Gleichnis in der Ars und in den Remedia - erinnert an den Abschnitt 
über die stimulierende Trennung, deren Effekte Ovid ebenfalls mit einer Feuermeta- 
pher beschrieb (Ars 2,353 f.): 

Phyllida Demophoon praesens moderatius itssit, 
exarsit velis acrius illa datis. 



Daß Ovid mit taedia (Ars 2,346) und languet amor (Ars 2,436) das gleiche meint, belegt der 
Vers Ov. Am. 2,9,27: cum bene pertaesum estanimoque relanguit ardor. 
Diese Lehren scheinen dem zu widersprechen, was Ovid im ersten Buch vorschrieb. Dort sollte 
sich der junge Mann nämlich mit seiner Werbung um eine betrogene Frau beeilen, damit er zum 
Zuge kommt, bevor sich die Dame mit ihrem Gatten wieder versöhnt (Ars 1,373 f.): sed propera, 
ne vela cadant auraeque residant: / ut fragilis glacies interii ira mora. Der Widerspruch läßt 
sich jedoch auflösen, wenn man annimmt, daß der Liebeslehrer im ersten Buch an genau den Zeit- 
raum denkt, während dessen der Schüler im zweiten Buch seine Geliebte hinhalten soll. Denn 
innerhalb dieser kurzen Frist kann der Gatte den Streit jederzeit durch Beischlaf beenden. - Zu der 
gedanklichen Nähe von Ars 2,357 ff. und 455 ff. vgl. a. JANKA (1997) 340. 



280 



Das vierte Kapitel der Liebeslehre 



Wie bei Phyllis die Liebe, lodert bei der Betrogenen die Eifersucht auf (Ars 2,378): 

ardet et in vultu pignora mentis habet 
Dieselbe Verlustangst wird die Leidenschaft der Gleichgültigen entflammen (439-444) 
und ihren erkalteten Sinn wieder erhitzen (445 f.). Durch das Bild des Feuers läßt Ovid 
also erkennen, daß zwischen Eifersucht und sehnsüchtiger, leidenschaftlicher Liebe 
(cum) ein sachlicher Zusammenhang besteht. 49 Dagegen könnte man zwar einwenden, 
diese Metapher sei generell sehr gebräuchlich. Doch fällt auf, daß Ovid im ersten Buch 
der Ars die Eifersüchtige nicht mit einem Feuer, sondern mit einem Schiff vor dem 
Wind und ihren Zorn mit zerbrechlichem Eis vergleicht (Ars 1,368, 373 f.), während 
im zweiten Buch vom Liebesfeuer nur an den hier zitierten Stellen die Rede ist. 

Für Ovids Lehren zum Trennungsschmerz (cum) hat Lukrez die theoretischen Grund- 
lagen geliefert (6.2). Und auch auf Lukrezens Theorie der Eifersucht greift der Liebes- 
lehrer zurück. Dem vierten Buch von De verum natura kann man eine Antwort auf die 
Frage entnehmen, warum und in welcher Hinsicht Ovid Eifersucht und Liebesleiden- 
schaft in eins setzt. Lukrez, der das leidenschaftliche sexuelle Verlangen mehrfach 
ardor nennt, 51 unterscheidet ebenfalls nicht streng zwischen Eifersucht und Liebe. 
Wenn der Liebende ein zweideutiges Wort hört, dann bohrt es sich in sein erregtes 
Herz und lodert wie ein Feuer lebhaft auf (Lucr. 4, 1 137- 1 140): 

aui quod in ambiguo verbum iaculaia reliquit, 
quod cupido adflxum cordi yivescjt ut jgnis, 
aut nimium iactare oculos aliumve tueri 
quodputat in voltuque videt vestigia risus. 

Da Lukrez darauf verzichtet, diese Bilder näher zu erläutern, 52 ist es für ihn offenbar 
nicht wichtig zu unterscheiden, ob es sich bei dem „Feuer", zu dem das Wort auf- 
flammt, um Liebe, Eifersucht oder einfach nur eine besonders qualvolle Vorstellung 
handelt. Denn diese drei Dinge sind Symptome derselben Krankheit: 53 Nach Lukrez ist 
Liebe die irrige und zugleich quälende Vorstellung, man könne allein bei einer be- 
stimmten Person sein sexuelles Verlangen befriedigen. Wie bereits dargelegt wurde, 
hat diese Vorstellung ihre Ursache darin, daß einem Bilder (simulacra) der betreffen- 



Auch das Mänadengleichnis (Ars 2,380) weist in diese Richtung, da mit Mänaden Frauen vergli- 
chen werden, die eifersüchtig sind oder heftig lieben. Vgl. S. 275 f. mit Anm. 39. 
Eine Ausnahme erlaubte sich Ovid wohl um der Pointe willen: Der Schüler soll seiner leicht be- 
kleideten Dame zurufen „ moves incendia" und sie dann vor der Kälte warnen (Ars 2,301 f.). 
Lucr. 4,1086, 1090 (ardescit), (1098), 1116 (violentus ardor), 1216; vgl. BROWN (1987) 134 
sowiezumLiebesfeuerinder^^undbeiLukrezSOMMARIVA(1980) 133. 
BROWN (1987) 268 denkt an brennende Pfeile, also an eine Kombination von Amors typischen 
Waffen, den Pfeilen und Fackeln. 

Möglicherweise hebt Lukrez den Zusammenhang zwischen Liebe und Eifersucht auch durch eine 
sprachliche Parallele hervor (4,1068): ulcus enim mmml et inveterascit alendo (vgl. dazu 
BROWN [1987] 268). 



6.4 Eifersucht und Geschlechtstrieb (Ars 2,409-492) 



281 



den Person vor Augen schweben oder daß man im Geiste ihren Namen widerhallenden 
hört (4,1061 f.). Auf diese Weise entsteht in den hier zitierten Versen (1137-1140) die 
Eifersucht: Der Liebende hört oder sieht etwas, macht sich davon eine falsche Vorstel- i 
hing und leidet dann unter dem, was er sich fälschlicherweise einbildet. 54 

Einen Hinweis darauf, wie Ovid den Lukrez verstanden hat, findet man in den Reme- 
dia. Dort erläutert Ovid mit dem Gleichnis vom neu entfachten Feuer, daß Erinne- 
rungsstücke bereits abgeklungene Liebe wieder beleben können, und spielt dabei zu- 
gleich auf die Eifersuchtslehre des Lukrez und auf sein eigenes Gleichnis 55 über die 
durch Eifersucht neu erweckte Liebe an (Rem. 729-734):' 

admoniiu refricatur amor vtdnusque novaium 

scinditur: infirmis culpa pusilla nocet, 
u t , paene ex t i nc tum cinerem si su Iphure tangas, 

vivet et e minimo maximtts igni s erit t 
sie, nisivitaris, quiequid renovabit amorem, 

flamma redardescet, quae modo nullafuit. 

Zwar betont Ovid in der Ars die aphrodisische Wirkung des tatsächlichen Lie- 
besentzuges, während bei Lukrez und in den Remedia die Leidenschaft vor allem dann 
auflodert, wenn man an die geliebte Person denkt. Doch liegt allen Erklärungsmo- 
dellen dasselbe Prinzip zugrunde: Die geliebte Person ist wirklich oder nur anschei- 
nend nicht verfugbar, und gerade dieser Umstand steigert die Leidenschaft, Die Frau, 
die sich an ihren Liebhaber gewöhnt hat, begreift erst nach dessen Abreise, was sie 
verlieren würde, wenn er nicht zurückkäme; es wächst daher das Verlangen, gerade 
ihn, den Abwesenden, zu besitzen. In den Remedia wird der rekonvaleszente Patient, 
der sich schon frei von seiner Herrin glaubt, an die schönen Stunden mit ihr erinnert, 
und es kommt ihm in den Sinn, was er aufgibt, wenn er sich von ihr trennt; so begehrt 



Daß es Lukrez speziell um den Verdacht und nicht um das sichere Wissen von einem Seiten- 
sprung geht, belegen die Wörter ambiguo, putat und vestigia. Was die Geliebte sagt, kann auch 
unschuldig gemeint sein; ob sie wirklich einem anderen zulächelt, bleibt ungewiß. BROWN (1987) 
269 meint, auf diese Weise stelle Lukrez die für Liebende typische „paranoid insecurity" (266) 
dar. Doch betont Lukrez nicht nur hier, daß Eifersucht und Liebe durch Vorstellungen entstehen, 
und das wahrscheinlich deswegen, weil nach epikureischer Lehre alle Unlustgetuhle, auch die von 
Eifersucht und Liebe verursachten, auf einer atcv// S6£a von dem beruhen, was für einen notwen- 
dig und lustvoll ist (vgl. BROWN [1987] 81 ff., 105 ff.). 

Ars 2,439-444: ut levis absumptis paulatim viribus ig.nj.s. / ipse Igtet, summo canet in 
i.gn_e_ _cinis, / sed tarnen extinetas admoto su Iphure fJ.a.mMIM.?.. / invenit et 
lumen, quodfitit ante, redit: /sie ubi pigra situ securaque pectora lorpent, / acribus est sti- 
mulis eliciendus amor. Zu den Parallelen zwischen Ars 2,439 ff, und Rem. 729 ff. vgl. LÜCKE 
(1982) 303 f. Es fällt auch auf, daß Ovid in diesem Zusammenhang Laodamia als Exempel an- 
fuhrt wie schon in den Lehren zur stimulierenden Trennung (Ars 2,356; Rem. 723 f.). - Das 
Feuergleichnis in der Ars (439 ff.) erinnert seinerseits an ein Gleichnis, das Lukrez kurz vor sei- 
nen Lehren zur Sexualität einflicht, um zu beschreiben, wie man aus dem Schlaf erwacht (Lucr. 
4,925-928): quippe ubi mala Igtens animai pars remaneret / in membris, cinere ut multa Igtet 
abrutus ignis, / unde reconflari sensus per membra repente / posset, ut ex igni caeco consur- 
gereflamma? Vgl. LUCKE(1982) 303, BALDO (1993) 317. 



282 



Das vierte Kapitel der Liebeslehre 



er erneut ihre Nähe. In dem Moment, wo sie den Liebeskünstler an eine andere Frau zu 
verlieren droht, wird auch der Gleichgültigen bewußt, wie glücklich sie mit ihm war; 
es entsteht der heftige Wunsch, ihn zu halten. Dem Liebenden bei Lukrez gaukeln trü- 
gerische simulacra vor, welche Lust er vermeintlich mit der Geliebten und nur mit ihr 
erleben könnte; daher brennt in ihm die Sehnsucht, sie ganz in Besitz zu nehmen. 

Wenn Eifersucht die Libido stimuliert, ist sie umgekehrt auch ein Zeichen der Liebe. 
Eine Dame empfindet nur dann cum für ihren abwesenden Liebhaber, wenn sie schon 
einen firmus amor zu ihm gefaßt hat; ebenso fühlt eine Frau Eifersucht nur wegen 
eines Mannes, den sie begehrt und dessen Verlust sie furchtet. Glücklich preist daher 
Ovid denjenigen, dem sein Mädchen wütend eine Szene macht (Ars 2,447-452): 

o quater et quotiens numero comprendere non est 

felicem, de quo laesapuella doletl 
quae, simul invitas crimen pervenit ad aures, 

excidit, et miserae voxque colorque fitgit. 
ille ego sim, cuius laniet furiosa capi llos ; 

ille ego sim, teneras cuipetat ungue genas. 

Aus demselben Grunde freut sich Properz über Cynthias Wutausbruch (Prop. 3,8,5 f.) 

tu vero nostros audax invade capi llos 
et meaformosis unguibus ora nota. 

Cynthias eifersüchtige Aggression ist für ihn ein Beweis ihrer Liebe (Prop. 3,8,9 f.): 

nimirum veri dantur mihi signa caloris: 

nam sine amore gravi femina nulla dole / . 

Darum will Properz eine heißblütige, leicht erregbare Freundin (19 f.). Und auch im 
Bett soll es hitzig zugehen. Wenn er keine Wundmale davonträgt, war die Liebesnacht 
nicht leidenschaftlich genug (Prop. 3,8,21 f.): 

in morso aequales videant mea vulnera collo: 
me doceät livor mecum habuisse meam. 

Wie Ovid und Properz sieht schon Lukrez einen Zusammenhang'" zwischen Liebe und 
Aggression. Während des Beischlafes, lehrt der Epikureer, entlädt sich das unerfüllte 
Begehren, die Geliebte ganz zu besitzen, in hilfloser Gewalt; und diese Wut richtet 
sich gerade gegen das, was man liebt (Lucr. 4,1076-1083): 



56 



Vgl. bes. Lucr. 4,1091 ff.: Der Liebende will seine Geliebte wie Nahrung in sich aufnehmen oder 
mit ihr verschmelzen. 

Zu caloris (Prop. 3,8,9) vgl. Ars 2,445 (recalface). BALDO (1993) 318 verweist außerdem auf 
Cat. 83,6 und bemerkt, daß Ovid den Damen den entsprechenden Rat gibt, ihren Liebhabern 
Eifersucht vorzuspielen (Ars 3,675-680). Man beachte auch, daß dort der Zustand der vermeint- 
lich eifersüchtigen Frau mit dem Terminus cura bezeichnet wird. Vgl. a. JANKA (1997) 337 f. 
Einem Vorschlag von BROWN (1987) 227 folgend, möchte ich in Vers 1083 illa et vermina statt 
des überlieferten, gewiß verderbten Wortes illaecermina lesen. Es wäre nicht überraschend, wenn 



6.4 Eifersucht und Geschlechtstrieb (Ars 2,409-492) 



283 



.,, eienim potiundi tempore in ipso 
fluctuat incertis erroribus ardor amantum 
nee constat, quidprimum oculis manibusque fruantur. 
quodpetiere, premunt arte faciuntque dolorem 
corporis, et dentes inlidunt saepe labellis 
osculaque adßigunt, quia non estpura voluptas 
et Stimuli su b sunt , qiti instigani laedere id ipsum, 
quodeumque est, rabies unde illa et vermina surgunt 

Mit „Stacheln, die spornen, das zu verletzen," 59 was man begehrt, soll auch der Schüler 
in seiner Dame Liebe wecken (Ars 2,436; 444): 60 

et, si nulla su b e st aemula, languet amor. 

acribus est Stimuli s eliciendus amor. 

Es ist also nur natürlich, wenn diese neu entfachte Leidenschaft sich darin äußert, daß 
die Dame dem jungen Liebeskünstler wütend eine Szene macht 

Auch was die Möglichkeit betrifft, die Zornige wieder zu besänftigen, kann Ovid auf 
die Lehren des Lukrez verweisen. Lukrez meint zwar, der Liebeskranke werde nie 
wirklich befriedigt. Vorübergehend aber schaffe der Beischlaf eine gewisse Linderung 
(4,1115 f.). Nur schmeichelnde Lust beruhige ein wenig das Verlangen und damit die 
sexuelle Aggression (Lucr. 4,1084 f.): 61 

sed leviter poenas fiangit Venus inter amorem 

b l a n d a que refrenat morsM admixta voluptas. 

Diese Gedanken entwickelt Ovid weiter. Schon immer hat Lust besänftigend auf wilde 
Gemüter gewirkt (Ars 2,477): 

blanda truces animosfertur mollisse voluptas . 

Und auch die eifersüchtige, von Verlustangst erregte Aggression der Geliebten wird 
dadurch besänftigt, daß man ihr gibt, was zu verlieren sie furchtet (Ars 2,457-462): 



sich ein Schreiber bei diesem seltenen Wort vertan hätte. Denn außer bei Lukrez (5,997) ist der 
Plural vermina i. S. v. „Leibschmerzen" nur noch im Lexikon des Festus (p. 375 M.) belegt. 
Lukrez würde dann mit rabies illa auf die seelischen Qualen der Liebe hinweisen und mit ver- 
mina auf die körperlichen Qualen, die darin bestehen, daß man den Samen, der sich in schmerz- 
hafter Weise anstaut, nicht ausscheiden kann. Vgl. Lucr. 4,1045 f.: inritafa tument loca semine 
fitque voluntas / eicere id, quo se contendit dira cupido; 1115 f.; (andern tibi se entpit nervis 
conlecta cupido, / parva fit ardoris violenti pattsa parumper 

Übersetzung von K. BÜCHNER, Titus Lucretius Carus. De rerum natura - Welt aus Atomen, 
Lateinisch/Deutsch, Stuttgart 1973. 

Die Wendung fluctuat incertis erroribus ardor (Lucr. 4,1078) scheint ein Vorbild für Ars 2,339 
(dum novus errat amor) gewesen zu sein, zumal Ovid die „umherirrende Liebe" wenig später mit 
einem Fluß vergleicht. 

Mit BROWN (1987) ad loc. meine ich, daß die durch Lust gezügelten Bisse (morsus) in Vers 1085 
dasselbe sind wie die kurz zuvor (1080) beschriebenen „love-bites" und nicht etwa Metaphern der 
Liebesqual. 



284 Das vierte Kapitel der Liebeslehre 

Candida iamdudum cingantnr colla lacertis, 

inque tuosflens est accipienda sinus. 
oscula daflenti, Veneris da gaudiaflenti: 

pax erit; hoc uno solvitur ira modo, 
cum bene saevierit, cum certa videbitur hostis, 

tumpete concubitus foedera: mitis erit. 

6.4.2 Sexualität als Urtrieb (Ars 2,463-492) 

Aus dem bisher Beobachteten ergibt sich folgendes: Nach den Lehren in der Ars ist 
Eifersucht eine aggressive Erscheinungsform des weiblichen Geschlechtstriebes. Auf 
einfache Reize, wie die Abwesenheit des Mannes oder den Anblick einer Nebenbuhle- 
rin, reagiert die Frau instinktiv mit Verlustangst, die sich wiederum in starker sexueller 
Erregung äußert. Deswegen kann man mit Eifersucht zugleich Liebe entfachen und die 
Wütende durch Beischlaf beschwichtigen. 

Vielleicht ist dem Schüler der theoretische Hintergrund der Lehren nicht in allen Ein- 
zelheiten bewußt. In jedem Falle aber dürfte er jetzt ein drastisches, abschreckendes 
Bild der Eifersucht vor Augen haben. Diesen häßlichen Affekt würde er gewiß nicht 
gern an sich beobachten. Es wäre doch beschämend, dermaßen die Fassung zu verlie- 
ren und so sehr zum Spielball der eigenen Gefühle zu werden, daß ein anderer einem 
nach Belieben Lust oder Leid zufügen kann. Ist es nicht ein Zeichen ihrer wilden und 
triebhaften Natur, daß die Frau, nur wegen einer kleinen Affäre in Tränen ausbricht 
und dem Manne wütend ins Gesicht fährt, sich aber sofort wieder beruhigt, wenn er sie 
in den Arm nimmt und mit ihr schläft? Dieses abstoßende Bild vom Geschlechtstrieb 
der Frau rundet der Liebeslehrer nun ab durch einen Rückblick auf die Urzeit des 
Menschen (Ars 2,467-480) und einen Vergleich mit der Tierwelt (481-488). 



62 Diese Zusammenhänge übersieht WATSON (1984) 395 (vgl. a. JANKA [1997] 361), wenn sie be- 
hauptet, Ovids Aufforderung, die Wut der Geliebten durch Beischlaf zu heilen, sei „a complete 
non-sequitur, for we are asked to believe that the very cause of the mares'>>w (z. e. sex), may 
be employed as the eure for anger and as the producer of requiesl" Vgl. dagegen SHARROCK 
(1994) 232: „„. the desire isfiiror ... while the fulßlment produces requies." Allerdings memt 
SHARROCK weiter: „... but that itself (sc. die Erfüllung des Verlangens) produces more Juror 
and so the opportunity for the artistic produetion of more requies" Daß der Verkehr den Lieben- 
den nicht wirklich beruhigt und befriedigt, entspricht lukrezischer Lehre (z. B. Lucr. 4,1088 ff), 
nicht aber den Lehren des Ovid (vgl. a. S. 272). Geht man nämlich mit Lukrez davon aus, 
daß Leidenschaft nie befriedigt wird, sondern sich zu immer größerem, qualvollerem Begehren 
steigert, kann es keine glückliche Liebe geben und damit auch keine Ars amandi. Vgl. a. SINGER 
(1965/66) 539: Ovid beschreibe den Eros „as an empirical power that leads to consummation, 
and sometimes quite successfully. Lucretius is somewhat different ..." - Wie WATSON unter- 
scheidet MYEROWITZ (1985) 55 nicht zwischen Verlangen und Befriedigung und meint, man 
müsse aus dem Beispiel der rasenden Stuten (Ars 2,487 f.) schließen, daß die beruhigende volup- 
tas selbst wieder die Ursache von „disruptive frenzy" sei, „therefore, (sc. voluptas) must now be 
applied with the expertise (i. e., ars) of a physician (AA 2.489-91)". So konstruiert MYEROWTTZ, 
wie auch an anderen Stellen ihrer Arbeit, eine Antithese von natura und ars. 



6.4 Eifersucht und Geschlechtstrieb (Ars 2,409-492) 



285 



Ovid fuhrt seinen Schüler zurück in die Zeit, als es noch kerne Zivilisation und Liebes- 
kunst gab. Schon damals beruhigten sich die Menschen beim Verkehr (Ars 2,473-480): 

tum genus humanum solis errabat in agris 

idque merae vires et rüde corpus erat 
silva domus fuerat, eibus herba, cubiliafrondes, 

iamque diu nulli cognitus alter erat, 
blanda truces animosfertur molli sse voluptas: 

consiiterant uno femina virque loco. 
quidfacerent, ipsi nullo didicere magistro; 

arte Venus nulla dulce peregit opus. 

Man hat erkannt, daß Ovid in diesen Versen Lukrezens Lehren zur Entstehung von 
Welt und Kultur anklingen läßt. 63 Allerdings schildert Ovid Urmenschen, die noch 
keine Kultur kennen: Mann und Frau treffen sich; Venus treibt sie, sich zu paaren. Die 
Lust, die sie dabei empfinden, besänftigt ihre wilde Wut und macht sie „weich". 64 Bei 
Lukrez ist das „Weichwerden" ein Merkmal der ersten Kulturstufe, als Menschen be- 
gannen, Familien zu gründen und in Hütten zu wohnen (Lucr. 5,101 1-1014): 

Inde casas postquam acpellis ignemque pararunt 
et mulier coniuneta viro conc essi t in unum 

* * * 

cognita sunt prolemque ex se videre creaiam, 

tum genus humanum primum molle scere coepii. 

Obwohl der Text eine Lücke hat und man sich nicht einmal darüber im klaren ist, was 
Lukrez mit mollescere meint, 65 schloß man aus den sprachlichen Anklängen, daß Ovid 
ebenfalls eine Theorie über den Ursprung der Kultur entwickele. An die Stelle der ver- 
schiedenen Faktoren, die bei Lukrez den Menschen zivilisieren, trete in der Ars allein 
die Liebe. So würden die Lehren des Lukrez spielerisch parodiert. 66 Indes hat Ovid 



63 

64 



Zu den einzelnen Parallelen vgl. bes. SCHLUETER (1975) 104 ff. und STEUDEL (1992) 42 ff. 
Zu mollire im Sinne von „einen Affekt abklingen lassen" vgl. etwa Verg. A. 1,57 (Aeolus be- 
ruhigt die wütenden Winde): mollitque animos et temperat iras. 

Zur Einteilung der verschiedenen Kulturstufen und zur Bedeutung von mollescere vgl. MANU- 
WALD (1980) 23-30. Während man mollescere im allgemeinen i. S. v. „schwach, weichlich wer- 
den" interpretiert (so auch MYEROWTTZ [1985] 5 1), versteht MANUWALD (24, 56 mit Anm. 212) 
das Verb im Sinne von „human werden", wobei er als Beleg auch Ars 2,477 heranzieht. 
Daß Ovid eine Kulturentstehungslehre gebe, meinen z. B. FRÄNKEL (1945) 62 f. mit Anm. 30, 
KRÖKOWSKI (1963) 150, MYEROWTTZ (1985) 50, HOLZBERG (1990b) 145 und SHARROCK 
(1994) 230, 234. - Daß diese Kulturentstehungslehre mit einer Lukrezparodie verbunden sei, ver- 
muten u. a. EFFE (1977) 243 Anm. 8, WELLMANN-BRETZIGHEIMER (1981) 21, DÖPP (1992) 108 
ff, STEUDEL (1992) 42 ff., MILLER (1997) 387 ff. und JANKA (1997) 346 f., 35 1, der es auch für 
denkbar hält, daß Ovid an Empedokles' Prinzip der &iXta dachte (zu Empedokles' möglichem 
Einfluß auf Ars 2,24 vgl. J. S. RÜSTEN, Ovid, Empedocles, and the Minotaur, AJPh 103 [1982] 
332 f.). SOMMARTVA (1980) 148 glaubt, Ovid stelle die Lehren des Lukrez auf den Kopf: „... 
mentre nel De rerum natura Famore conduceva all' ineivilimento dell' umanitä vivente moreferi- 
no, in Ovidio Puomo civile viene invitato a comportarsi come le bestie ed a ripristinare la 'barba- 
rie' primitiva applicandola alle baruffe tra innamorati . . . ". Indes fordert Ovid seinen Schüler kei- 
neswegs dazu auf, sich wie ein Tier zu benehmen. - BALDO (1993) 320 ist der Ansicht, es handele 



286 



Das vierte Kapitel der Liebeslehre 



zwar an anderer Stelle die Liebe als kulturstiftende Kraft gepriesen, in der Ars tut er 
das aber gerade nicht. Hier interessiert ihn nicht die Genese von Welt und Kultur, 
sondern das Paarungsverhalten der urzeitlichen Menschen, das an anderer Stelle auch 
Lukrez beschreibt. In den Wäldern vereinigte Venus die Körper der Liebenden; danach 
gingen sie wieder ihres Weges (Lucr. 5,962-965): 

et Venus in silvis iungebat corpora amantum; 
conciliabat enim vel mutua quamque cupido 
vel violenta viri vis atque impensa libido 
velpretium, glandes atque arbita velpira lecta. 

Ovid betrachtet eine Epoche, in der die Menschen mit ihrer kulturellen Entwicklung 
noch nicht begonnen hatten. Den Beischlaf beschreibt er nicht als Anfang der Kultur, 
sondern als Anfang einer animalischen Eintracht, die im Liebeslager entstanden sei 
und bis heute auf die gleiche Weise herbeigeführt werde (Ars 2,463 f.): 67a 

illic depositis habitat Concordia felis, 
illo, crede mihi, Gratia nata loco est 

Der naturwissenschaftliche Exkurs (467 ff.) ist keine Kulturentstehungslehre; er dient 
vielmehr dazu, diese These über den Ursprung von Gratia und Concordia tax be- 
legen. 68 Sexuelle Lust an sich bringt noch keine Kultur hervor; sie wirkt nur besänf- 



sich um eine „rielaborazione giocosa", nicht aber um eine Parodie. - WATSON (1984) interpretiert 
den Abschnitt als ein Beispiel für „Ovid's characteristic use of incongruity to undercut his preten- 
sions" (395). Ovid gebe eine Kulturentstehungslehre, um die Pose eines ehrwürdigen Lehrdichters 
einzunehmen, behandele aber den Soff mit selbstironischem Humor und untergrabe so diese Pose. 

67 Vgl. MANUWALD (1980) 23 Anm. 88 und 59 Anm. 220 zu der nicht unumstrittenen, mit MANU- 
WALD aber zu bejahenden Frage, ob Lukrez den in w. 5,962-965 beschriebenen Geschlechtsakt 
tatsächlich in einer noch vorkulturellen Zeit ansetzt. - WATSON (1984) 391 nimmt an, Ovid er- 
strebe eine „witty combination of the two Lucretian passages" 5,962 ff. und 1011 ff., also von 
Urzeit und erster Kulturstufe. - Ich vermute, Ovid hat auf beide Stellen angespielt, weil er tat- 
sächlich glaubte, daß Sexualität dazu beitrug, die Menschen zu zivilisieren. Diese Frage ist je- 
doch für die Lehren in der Ars unerheblich. Um den angestrebten psychagogischen Effekt zu er- 
zielen, mußte Ovid vielmehr zeigen, daß Sexualität bei Mensch und Tier ein Urtrieb ist. Daher 
beschränkt er sich darauf, die kulturstiftende Kraft der Liebe vorsichtig anzudeuten. Ausführlich 
behandelt er dieses Thema dann in den Fasti (4,91 ff.), vgl. z. B. P. FERRARINO, Laus Veneris, 
in: HERESCU (1958) 301-316, der auch einen Vergleich zwischen Fasti und Ars durchführt. 
Seiner Meinung nach ergänzen sich beide Versionen: In der Ars stelle Ovid die Humanisierung, in 
den Fasti die Zivilisierung des Menschen in den Vordergrund. 

67a JANKA (1997) 344 meint, die Ortsangaben illic und Hb ... loco könnten auch als Hinweis auf die 
Geschlechtsteile der Kopulierenden gelesen werden. So werde die augusteische Gottheit und Idee 
der Concordia verspottet (vgl. zu Concordia auch S. 40 f. mit Anm. 56). Gegen diese Interpreta- 
tion spricht allerdings, daß Concordia in der Ars mit Gratia verknüpft wird, da Gratia im Staats- 
kult keine Rolle spielte. 

68 Bei dem Distichon Ars 2,465 f. (quae modo pugnarunt, iungunt sua rostra columbae, / quarum 
blanditias verbaque murmur habet) muß es sich um eine Interpolation handeln: Es unterbricht 
erstens den Gedankengang, da im folgenden die Behauptung des Distichons 463 f. belegt wird, 
daß Concordia und Gratia im Liebeslager entstanden seien. Vom Paarungsverhalten der Tiere, 
darunter in Vers 481 auch der Vögel (!), spricht Ovid erst später. Zweitens haben schnäbelnde 
Täubchen wenig mit der rohen, aggressiven Sexualität der Frauen gemein: Frauen wollen mehr 



6.4 Eifersucht und Geschlechtstrieb (Ars 2,409-492) 



287 



tigend, und zwar auf alle Lebewesen, auf Menschen (477-480) genauso wie auf 
Tiere (481-488). 

Ovid beschreibt kurz, wie die Welt entstand, und stellt dabei den Menschen mitten 
unter die anderen Geschöpfe, die dem Einfluß der „schmeichelnden Lust" unterworfen 
sind. Außerdem macht er auf diese Weise unmißverständlich klar, daß er von denje- 
nigen Menschen spricht, die als erste die Welt bevölkerten, und nicht etwa von einer 
späteren, bereits zivilisierten Generation. 69 Ferner weist Ovid den Urmenschen Merk- 
male zu, die auch bei Lukrez die Menschen vor Beginn der Kultur kennzeichnen: Ein- 
sam irren sie umher, ohne einander zu kennen; sie haben einen rohen und kräftigen 
Körper; sie wohnen im Wald, schlafen auf Laub und ernähren sich von den wild wach- 
senden Pflanzen. 70 Daran ändert sich auch nach der ersten Paarung nichts, Jedenfalls 
erwähnt Ovid keinerlei kulturelle Aktivitäten, zu denen die Menschen etwa angeregt 



als nur Küsse (413 f., 459, 462). Drittens beruhigt der Schüler seine Geliebte durch körperliche 
Zuwendung, nicht mit zärtlichen Worten oder Liebesgemurmel (blanditias verbaque murmur), 
auch nicht mit Lustlauten beim Verkehr, wie BALDO(1993) 319 unter Hinweis auf Ars 2,723 f., 
3,795 f. meint. An diesen Stellen soll nämlich die Frau Laute ausstoßen, nicht der Mann. 
Viertens ist im Kontext nur die Frau aggressiv; der Mann streitet sich nicht, wie man nach Vers 
465 (pugna runt) annehmen müßte. Fünftens werden die Männer in den ersten beiden Büchern der 
Ars stets mit Raubvögeln verglichen, nicht aber mit deren Beute, den Tauben (zuletzt Ars 2,363). 
Sechstens enthalten die Wörter blanditias verbaque murmur eine inhaltsleere Tautologie. Sieb- 
tens ist die Sprache des Distichons auch in anderer Hinsicht unschön: Von einem kurzen Haupt- 
satz hängen zwei Relativsätze ab. Das schwere Relativpronomen quarum am Pentameteranfang 
ist zwar mehrfach bei Ovid belegt (z. B. Fasti 3,244: quarum militiam votaque partus habet), je- 
doch nie nach einem Hexameter, der bereits mit einem Relativpronomen beginnt. Eine kakophonc 
dreimalige Lautwiederholung entsteht durch die nicht besonders geistreiche Junktur pugnarunt, 
iungunt. Daß zwei Verben mit der dunklen Endsilbe ~unt direkt aufeinanderfolgen, liest man bei 
Ovid ohnehin nur selten und dann immer in einer auch inhaltlich sinnvollen und stilistisch interes- 
santen Verbindung, z. B. einer Anadiplose (Ars 1,99: spectatum veniunt, veniunt spectentur ut 
ipsae) oder einem Polyptoton (z. B. Ars 3,435: quae vobis dicunt, dixerunt miüe puellis). - Daß 
es sich bei dem Distichon um eine Interpolation handelt, ist auch deswegen nicht unwahrschein- 
lich, weil es in der der Ars noch weitere Interpolationen gibt: So wird man etwa die Verse Ars 
1,585-588 (vgl. S. 135 Anm. 152) kaum halten können, ebensowenig wie Ars 2,669-674 (vgl. S. 
340 Anm. 203). Es ist denkbar, daß diese Interpolationen ebenso wie das Distichon Ars 2,465 f. 
von derselben Person stammen, von einem eifrigen Leser Ovids, der sich aus Versatzstücken, die 
er den Werken des geliebten Dichters entnimmt, neue Verse zusammenstellt und so den Stil des 
Meisters nachahmt. Dieser Dilettant dürfte bei der Lektüre der Ars ins Sinnieren geraten sein und 
in seinem Exemplar an den Rand geschrieben haben, was ihm zu der betreffenden Stelle einfiel. 
Bei einer späteren Abschrift sind diese Stücke dann in den eigentlichen Text aufgenommen wor- 
den. Wann das geschah, muß ungewiß bleiben. Doch könnte das Adjektiv belligeras (2,672) ein 
Hinweis sein. Denn dieses - allerdings auch bei Ovid (Tr. 3,11,13) einmal belegte - Wort war 
unter Nero und den Flaviern in Mode. 

WATSON (1984) 389 f. und MYEROWTTZ (1985) 53 können keinen Zusammenhang zwischen die- 
ser Genesis und dem Kontext erkennen und vermuten deshalb, sie diene einfach dazu, eine didak- 
tische, philosophische und Iukrezische Stimmung (WATSON, gefolgt von JANKA [1997] 347) bzw. 
eine „anthropologische Perspektive" (MYEROWTTZ) zu schaffen. 

Vgl. bes. Ars 2,473 f. (tum genus humanuni solis errabat in agris) mit 
Lucr. 5,925 f.: (e t genus humanuni multo fitit illud i n arvis / dtirius), ferner 
SOMMARIVA (1980) 143, STEUDEL (1992) 45 ff. und den Kommentar von BALDO (1993). 



288 



Das vierte Kapitel der Liebeslehre 



worden wären; 71 umgekehrt betont er sogar zweimal, daß die Sache ganz ohne Kunst 
vonstatten ging, 72 Allein durch den ersten Beischlaf wurde die kulturelle Entwicklung 
also nicht in Gang gesetzt. Im Gegenteil: Der Geschlechtstrieb erscheint in der Ars als 
primitiver Instinkt, dem bereits der Urmensch folgte. Es kann keine Rede davon sein, 
daß Ovid die Kulturentstehungslehre des Lukrez durch eine freche Alternative entwür- 
digt. Der Liebeslehrer beruft sich auf den Epikureer, weil dieser zur Sexualität der Ur- 
menschen ähnliche Ansichten vertritt wie er selbst. 

Die Lehren des Lukrez sind vor allem deswegen als Vorlage gut geeignet, weil er die 
Urzeit nicht zu einem goldenen Zeitalter verklärt, sondern als eine Phase darstellt, in 
der die Menschen noch more ferarum (5,932) lebten und liebten. 73 Eben diesen Ge- 
danken will Ovid im folgenden entwickeln: 74 Als die Welt entstand, war der Mensch 
nur eines der vielen Wesen, die sie belebten; 75 und wie die tierhaften Urmenschen paa- 
ren sich auch die Tiere (Ars 2,481-488). 76 Durch diese Gleichsetzung von Tier und Ur- 
mensch schließt Ovid die Analyse der weiblichen Sexualität ab und macht nun unmiß- 
verständlich klar, daß Liebe und Eifersucht beides Erscheinungsformen eines primiti- 
ven Sexualtriebes seien, wobei sich die Libido der modernen Frau von der eines Tier- 
weibchens nicht wesentlich unterscheide. 

Den Schüler dürfte diese These nicht besonders überraschen, da er schon im ersten 
Buch über die rasende, tierhafte Geilheit der Frauen aufgeklärt wurde (Ars 1,269-342) 



Irreführend ist die Bemerkung von MYEROWITZ (1985) 56: „In his description of the effect of Ve- 
nus on animal and human life, Ovid, in fact, neglects to make the more conventional causal con- 
nections between love, marriage, children, and stable social groupings." Ovid verschweigt nicht 
nur die „kausalen Zusammenhange", sondern sagt überhaupt nichts über Ehe und Kinder, was 
man in einem Lehrbuch der außerehelichen Liebe auch nicht erwarten würde. 
Ars 2,479 f.: nullo .:- x magistro; arte ... nulla; vgl. BALDO (1993) 322: „Pamore fisico e un fatto 
puramente instintivo, pre-culturale" Nichtsdestotrotz meint BALDO, Ovid beschreibe das „incivil- 
mento delPuomo grazie alla voluptas" (321). Im Gegensatz zu Lukrez (5,965) zieht Ovid aber 
noch nicht einmal in Betracht, daß schon damals der Mann die Frau mit Geschenken verführte. 
Denn dies wäre eine erste kulturelle Tat; außerdem interessiert Ovid nicht das Verlangen des 
Mannes, sondern die Libido der Frau, die man nicht durch Geschenke zu steigern braucht. - 
FRECAUT (1972) 128 und JANKA (1997) 356 meinen, Ovid ironisiere seine Rolle als Liebeslehrer. 
Bei Lukrez trinken die Urmenschen wie Tiere aus Flüssen und Quellen (5,945 ff.) und gleichen 
borstigen Ebern (969). Zur nüchternen Sicht der Urzeit bei Lukrez vgl. MANUWALD (1980) 59 ff. 
An anderer Stelle (z. B. Met. 1,89 ff.) folgt Ovid Weltentstehungslehren, die ein goldenes Zeit- 
alter vorsehen. Zu diesem Verfahren, aus den Lehren verschiedener Philosophen jeweils die aus- 
zuwählen, die der poetischen Absicht entsprechen, vgl. P. DELACEY, Philosophical Doctrine and 
Poetic Technique in Ovid, CJ 43 (1947/8) 153-161. - STEUDEL (1992) 37 ff. glaubt, Ovid paro- 
diere Hcsiod, muß aber selbst zugeben, daß „keine wörtlichen Bezüge ... vorliegen". 
POHLENZ (1913b) 2 und MYEROWTTZ (1985) 49 bemerken, daß darin die Weltentstehungslehre 
der Ars von der Schöpfungsgeschichte in den Metamorphosen (bes. 1,72 ff.) abweicht. 
WATSON (1984) 393 weist daraufhin, daß Ovid bei der Beschreibung der tierischen Sexualität 
„vocabulary normally associated with humans" z. B. adulterium, verwendet. Interessant ist vor 
allem, daß Ovid hier von amor spricht (Ars 2,48 1), während er diesen Ausdruck bei der Beschrei- 
bung der Pasiphae noch vermieden hat. 



6.4 Eifersucht und Geschlechtstrieb (Ars 2,409-492) 



289 



und sich auch daran erinnert, daß Ovid zu Anfang dieses Kapitels die Eifersüchtige mit 
einem wütenden Tier verglich (2,373-376). Ferner hatten bereits Lukrez (4,1197 ff.) 
und Vergil (G. 3,242 ff.) in Mensch und Tier denselben Geschlechtstrieb beobachtet. 77 
Eine Übersicht über all diese Belege wird die Eigenheiten der Verse Ars 2,481-488 
hervortreten lassen: 

Zum Abschluß seiner Liste sexuell erregter Tiere nennt Ovid die Stuten, die von ihrer 
Libido zum Wahnsinn getrieben werden (Ars 2,487): 

in für ias agitantur equae. 

Dazu wird dem gebildeten Schüler Vergils Darstellung des amor in den Georgica ein- 
gefallen sein. 78 In den Georgica treibt amor die Tiere zur Raserei. Die Löwin vergißt 
ihre Jungen; der Eber gerät in Wut (Verg. G. 3,244, 245 f., 248): 

in furias ignemque ruunt ... 

tempore non alio catulorum oblita leaena 

saevior erravit campis ... 

... tum saevti s aper ... 

Aber auch eine Frau, die ihren Mann mit einer anderen ertappt, wütet wie ein aufge- 
störter Eber oder eine säugende Löwin und vergißt wie die Löwin bei Vergil, daß sie 
eine Mutter ist (Ars 2,373-380): 

sed neque fidvus aper media tarn saevus iniraest t 

fulmineo rabidos cum rotat ore canes, 
nee lea, cum catulis lactentibus ubera praebet, 

nee brevis ignaro vipera laesapede 
feminaquam socii deprensa paelice lecti: 

ardet et in vultupignora meniis habet. 
in ferrum flammasque ruit positoque decore 

fertur. utAonii comibus ieta del 



Diese Anklänge wurden von vielen Autoren bemerkt. Besonders ausführlich sind die Vergleiche, 
die STEUDEL (1992) anstellt (52-55: Lukrez; 84-92: Vergil). Im allgemeinen vermutet man, Ovid 
habe die beiden Lehrdichter in scherzhafter (BALDO [1993] 222) oder parodistischer Absicht zi- 
tiert, vgl. KENNEY (1958) 208; EFFE (1977) 243 Anm. 8 „ironische Distanzierung", SOMMARIVA 
(1980) 146 ff., WATSON (1984) 393-5, STEUDEL (1992) a.a.O., JANKA (1997) 357 f. - MYERO- 
WITZ (1985), die außerdem auf Lucr. 1,12 ff. verweist, meint dagegen, Ovid ziehe die von Lukrez 
und Vergil vertretenen Inhalte (Macht der Venus-vo/«/?tay/zerstörerische Natur der voluptas) 
ernsthaft für die Darstellung einer von MYEROWITZ vermuteten Antithese von ars und natura 
heran. - Die Passagen bei Lukrez und Vergil vergleichen M. R. GALE, Man and Bcast in Lucre- 
tius and the Georgics, CQ 41 (1991) 414 ff. und S. SCHÄFER, Das Weltbild der Georgica in sei- 
nem Verhältnis zu De rerum natura des Lukrez, Frankfurt am Main u. a. 1996, 108 ff. 
Vgl. STEUDEL (1992) 153 Anm. 178; BALDO (1993) 311. - WATSON (1984) 393 und STEUDEL 
(1992) 88 befremdet, daß Ovid unter den paarungswilligen Tierweibchen auch die Schlange an- 
fuhrt (Ars 2,483). Doch vergleicht er die eifersüchtige Frau ebenfalls mit einer Schlange (376). 
So kehren alle in den Versen 373-376 genannten Tiere entweder an der späteren Stelle (481 ff.) 
oder in den Georgica wieder. Dagegen interpretiert JANKA (1997) 359 Vers 483 eine „witzige re~ 
duetio ad absurdum". 



290 



Das vierte Kapitel der Liebeslehre 



Die Eifersüchtige gleicht einer Bacchantin - wie die tierhaft geile Pasiphae, die in ihrer 
Tollheit die vermeintlichen Rivalinnen brutal niedermetzelte (Ars 1,3 1 1 f.): 

in nemus ac salius thalamo regina relicto 
f e ytur. utAonio c pncifp Bacchadeo. 

Die Beispiele der Medea und Progne belegen, daß die Eifersüchtige selbst vor Kindes- 
mord nicht zurückschreckt (Ars 2,381-384): 

coniugis admissum violataque iura marita est 

barbaraper na tos Phasias ulta suos. 
altera dira parens haec est, quam cernis, hirundo: 

aspice, signatum s an gut he pectus habet 

Triebfeder dieses Mordens und der Rache, die Clytaemnestra, die betrogene Gattin des 
Agamemenon, nahm (Ars 2,399 ff.), ist dieselbe rasende Geilheit, mit der Ovid schon 
im ersten Buch das Wüten von Medea und Clytaemnestra erklärte (Ars 1,333-336): 

qui Martern terra, Neptunum effugit in undis, 

coniugis Ätrides victima dira fuit. 
cui non defleta est Ephyraeae flamma Creusae 

etnece natorum sanguinolenta parens. 

Am Verhalten der Eifersüchtigen sieht man also erneut das Paradoxon bestätigt, daß 
die Frau wegen ihres hemmungslosen, natürlichen Geschlechtstriebes sogar gegen die 
Gebote der Natur und des Rechts verstößt (3.1), während das Begehren des Mannes im 
Rahmen des Erlaubten bleibt (Ars 1,281 f.). Natürlich ist auch das Verhalten der Kühe 
und Stuten, die von demselben Geschlechtstrieb beherrscht werden: Sie umwerben ihre 
Männchen aktiv (Ars 1,279 f.): 

mollibus inpratis admugit femina tauro, 
femina cornipedi semper adhinnit equo. 

Ausführlicher beschreibt Ovid das aktive Werben 79 der weiblichen Tiere im zweiten 
Buch, um das Streben nach sexueller Befriedigung als einen Urtrieb der Frau zu er- 
weisen (Ars 2,481-486): 

ales habet, quod ämet; cum quo sua gaudia iungat, 

invenit media femina piscis aqua; 
cervaparem sequi tur, serpens serpente tenetur, 

haeret adulterio cum cane nexa canis; 
laeta sali tur ovis, tauro quoque laeta iuvencaest, 

sustinet immundum sima capella marem. 

Aus zoologischen Beobachtungen schließt schon Lukrez, daß die Frau den Paarungsakt 
genießt und von sich aus verlangt (4,1192 ff.); wäre das nämlich nicht der Fall, würde 
sich in der Natur kein Weibchen bespringen lassen (Lucr. 4, 1 197-1205): 



Vgl. bes. 482: invenit; 483: sequi tun 488: seqttuntur. 



6.4 Eifersucht und Geschlechtstrieb (Ars 2,409-492) 



291 



1200 



1203 
1210 

1204 
1205 



nee ratione alia volucres armenta feraeque 
etpecades et equae maribus subsidere possent, 
si non, ipsa quod illarum subat ardet abundans 
natura et Venerem salientum laeta retraetat. 
nonne vides etiam quos mutua saepe voluptas 
vinxit, ut in vinclis communibus exerucieniur? 
in triviis quam saepe cane s , discedere aventes, 
divorsi cupide summis ex viribus tendunt, 
quom inierea validis Veneris compagibus ha er ent ! 
quodfacerent numquam, nisi mutua gaudia nossent. 



Nach Lukrez wird die Lust wechselseitig von beiden Partnern empfunden. Auch Vergil 
betont, daß der Geschlechtstrieb bei Mensch und Tier, bei Weibchen und Männ- 
chen derselbe sei (Verg. G. 3,242-244): 

omne adeo genus in terris hominumque ferarumque 
et genus aequoreum, peeudes pietaeque volucres, 
infurias ignemque ruunt: amor omnibus idem . 

In diesem Punkt weicht Ovids Analyse (Ars 2,481-488) von den Beobachtungen des 
Lukrez und des Vergil ab. Während der Liebeslehrer im ersten Buch (281 f.; 341 f.) 
noch einräumte, daß auch der Mann libido empfinde, ist hier vom Geschlechtstrieb des 
Mannes überhaupt keine Rede mehr. 80 Allein das Weibchen strebt nach der Ver- 
einigung, die ihm das männliche Tier mehr oder weniger gleichgültig und großzügig 
gewährt. Damit dieser Unterschied deutlich hervortritt, wandelt der Liebeslehrer Moti- 
ve aus Vergils Georgica gezielt ab: Wenn die rossigen Stuten den Hengsten folgen, 
heißt es in der Ars, hält sie nichts zurück, nicht einmal ein breiter Strom (Ars 2,487 f.): 

infurias agitantur equae spaiioque remota 
per loca dividuos amne sequuniur equos. 

Schon Vergil glaubt, daß die Raserei der Stuten am größten sei. Auf dem Weg zu den 
Hengsten überwinden sie Berge und Flüsse (Verg. G. 3,266, 270): 

sei licet ante omnis furor est insignis equarum ... 
... superant monii s et f lumin a tranant . 

Doch umgekehrt hält in den Georgica auch die Hengste ein reißender Fluß nicht auf, 
selbst wenn er Felsen so groß wie Berge mit sich wälzt (Verg. G. 3,253 f.): 

... <sc. neque equos> obieeta retardant 
flumina correptosque unda torquentia monii s . 

Und daß ein stürmisches Gewässer für menschliche Liebe ebenfalls kein Hindernis ist, 
illustriert Vergil am Beispiel des Mannes Leander (Verg. G. 3,258-263): 81 



80 
81 



Vgl. schon LEACH (1964) 145 Anm. 4, 

Daß auch die Frau heftige Leidenschaft empfindet, macht Vergil durch einen Hinweis auf den 

Liebestod der Hero deutlich (v. 263). 



292 Das vierte Kapitel der Liebeslehre 

quid iuvenis, magnum cui versat in ossibus ignem 
durus amor? nempe abruptis turbata procellis 
nocte natat caeca serusfreta, quem super ingens 
porta tonat caeti, et scopulis inlisa reclamant 
aequora; nee miseri possunt revocare parentes, 
nee moritura super crudeli funere virgo. 

Dagegen hat Ovids Schüler gerade erst erfahren, daß Leander durchaus auf sein Mäd- 
chen verzichten konnte. Nur ihr zuliebe durchschwamm er den Sund (Ars 2>249 f.): 

saepe tuapoteras, Leandre, carere puella: 
tranabas. animum nosset ut illa tuum. 

Anders als bei der Frau wird das Fühlen und Handeln des jungen Liebeskünstlers an- 
scheinend nicht von einem primitiven Sexualtrieb bestimmt. Frei von diesem tollen 
Rasen beherrscht er sich selbst und hat seine Geliebte voll im Griff. Er braucht auch 
nicht zu furchten, daß er wegen eines Seitensprunges die Kontrolle über sein Mädchen 
verliert; denn die triebhafte Natur der Frau gibt ihm eine wunderbare Panazee in die 
Hand. Wenn er mit ihr schläft, ist alles wieder gut (Ars 2,489-492): 

ergo age et iratae medicamina fortia praebe; 

ittaferi requiem sola doloris habent, 
illa Machaonios superant medicamina sueos; 

his, ubipeccaris, resiituendus eris. 

Doch hat der Schüler nun wirklich den Stein des Weisen gefunden, nach dem er zu Be- 
ginn des zweiten Buches (99 ff.) suchte, als er daran dachte, sein Glück mit hippo- 
manes und Zaubersprüchen zu versuchen? Gibt es also doch ein einfaches Wunder- 
mittel? Man möchte es fast glauben, wenn man daran denkt, daß Ovid vor kurzem eine 
potenzfördernde Diät als magicae artes (425) bezeichnete und daß er hier behauptet, 
der Schüler besitze einen stärkeren Heilsaft als der berühmte Arzt Machaon, ein Medi- 
kament, mit dem man^ sogar Liebesschmerzen stillen könne, was nach Ansicht des 
Properz keiner, nicht einmal Machaon (1,2,59), vermag (Prop. 1,2,57 f.): 82 

omnis humanos sanat medicina dolores: * 

solus amor morbi non amat ariificem. 



81a 
82 



Vgl. zu der Umdeutimg von Verg. G. 3,258-263 schon JANKA (1997) 210. 
Über den verliebten Apollo sagt Tibull (2,3,13 f.): nee potuit curas sanare salubribus herbis: / 
quidquid erat medicae vicerat artis amor. Vgl. a.Ov. Met. 1,521 ff. - BALDOs (1993) Beleg da- 
für, daß der Gedanke, Machaon könne keine Liebeswunden heilen, ein Topos sei, stammt aus dem 
6. Jh. n. Chr. (Makedonios AP 5,225) und geht wahrscheinlich auf Properz zurück. Eine andere 
Meinung und eine Doxographie zu dieser Frage sind nachzulesen bei L A. MADDEN, Macedonius 
Consul. The Epigrams, Hildesheim u. a. 1995, 87 Anm. 22. - BALDO verweist außerdem auf 
Rem. 545 f.: qui timet, ut sua sit, ne quis sibi detrahat ittam, / ille Machaonia vix ope sanus 
erit. 



6.5 Die Eifersucht des Mannes (Ars 2,493-624) 



293 



6.5 Die Eifersucht des Mannes (Ars 2,493-624) 

Indes hat Properz recht. Auch der liebende Mann, klagt Ovid, leidet Schmerzen ohne 
Zahl (Ars 2,519 f.). - Da fragt man sich, warum der Liebeslehrer bisher das Gegenteil 
behauptet und dem Schüler vorgemacht hat, allein die Frauen litten unter Amors Pfei- 
len. Dieses merkwürdige Verfahren wird jedoch verständlich, wenn man bedenkt, daß 
Ovid nun eine Lehre vortragen muß, zu der es all seiner pädagogischen Kunst, darunter 
auch ungewöhnlicher Methoden bedarf: Wie das Beispiel der Helena bewies, ist es nur 
natürlich, daß eine vernachlässigte Frau sich mit einem anderen tröstet (359-372). 
Gleiches mit Gleichem zu vergelten, nannte Ovid das gute Recht der indiskret Betroge- 
nen (397 f.). Aber was tut ein Liebeskünstler, wenn die Freundin ihn betrügt, ohne daß 
er ihr durch sein Verhalten einen Grund dazu gegeben hat? Ja, sogar dann muß er ihre 
Eskapaden geduldig hinnehmen! (Ars 2,539) 

rivalem patienter habe! 
Diese hohe Kunst der Toleranz soll der Schüler jetzt lernen. 

6.5.1 Erkenne dich selbst! (Ars 2,493-560) 

Allerdings ist das keine einfache Sache. Der Meister gibt zu, er selbst sei den eigenen 
Lehren kaum gewachsen (547 f.). Denn Toleranz gegenüber der untreuen Geliebten 
widerspricht nicht nur den Werten des 'elegisch' Liebenden und der herkömmlichen 
Doppelmoral, die dem Manne alle Freiheit zugestand, die Frau aber zu pudieiüa ver- 
pflichtete. 83 Selbst wenn der Schüler davon überzeugt sein sollte, daß er der Geliebten 
kleine Abenteuer nicht verbieten darf, hat er doch immer noch mit seiner brennenden, 
irrationalen Eifersucht zu kämpfen. Deswegen trägt Ovid die neuartige, befremdliche 
Lehre besonders behutsam an ihn heran. 



6.5.1.1 Die Epiphanie des Apollo (Ars 2,493-510) 

Schon früh wurde der junge Liebeskünstler mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß 
sich die Dame einem anderen Mann zuwenden könnte. Bisweilen steht ein Rivale am 
Bett des kranken Mädchens (Ars 2,336); hält man sich zu lange fern, ist die Schöne 
eine leichte Beute für fremde Verfuhrer (337-372). Diese Gedanken führte Ovid aber 
nicht sofort weiter. Anstatt gleich zu erläutern, wie der betrogene Schüler in solchen 
Fällen reagieren sollte, diskutierte der Liebeslehrer zunächst die Seitensprünge des 
Schülers und die Eifersucht der Frau (373-492). Dabei beschrieb er ihr Verhalten in so 
drastischer Weise als instinkthafte Reaktion des primitiven, tierischen Geschlechts- 



Zur antiken Doppelmoral vgl. FRIEDL (1996) 47 Anm. 10 mit Belegen und weiterer Literatur. 



A 



294 



Das vierte Kapitel der Liebeslehre 



triebes, daß der junge Mann sich mittlerweile wünschen dürfte, selbst von diesem ab- 
scheulichen Affekt frei zu sein. Der Schüler hält Eifersucht nun nicht mehr für eine 
Äußerung gerechten Zorns. 

Am Beispiel der Frau lernt also der Mann, wie er selbst sich nicht betragen sollte. 
Diese Technik ist nicht neu; auch der Satiriker Horaz wendet sie an. Wenn er eine un- 
liebsame Lehre erteilen will, geißelt er das betreffende Laster zunächst an einem Drit- 
ten. Man fühlt sich nicht betroffen, ist amüsiert und stimmt dem Tadel zu. Dann dreht 
Horaz den Spieß um und erklärt, daß in Wahrheit von dem Leser selbst die Rede war 
(Hor.S. 1,1,69 f.): 84 

quid rides? mutato nomine de ie 
fabula narratur. 

Ähnlich verfährt der Liebeslehrer. Doch scheint ihm bei einem derart heiklen Gegen- 
stand noch größeres Feingefühl geboten. Sagte er dem Schüler ins Gesicht: „Lache 
nicht! Auch du bist nur ein geiles, unbeherrschtes Tier", würde der junge Mann belei- 
digt denken, man erlaube sich einen Scherz mit ihm. Anders als Horaz kann Ovid da- 
her seine Lehren nicht einfach selbst umkehren und dem Schüler direkt zu verstehen 
geben, daß dasjenige, was über die Eifersucht der Frau gesagt wurde, mutatis mutandis 
auch für den Mann gilt. Der junge Liebeskünstler würde die psychagogische Absicht 
durchschauen; ungehalten darüber, daß er an der Nase herumgeführt wurde, verschlös- 
se er sich den Lehren. 

Aus diesem Grund erweckt Ovid den Eindruck, er werde ebenfalls von den eigenen 
Worten mitgerissen, und überläßt es einem Dritten, ihm selbst und seinen Schülern den 
Spiegel vorzuhalten: Während er die Eifersucht der Frau bespricht, versteigt sich der 
Liebeslehrer zu immer kühneren Allmachtsphantasien. Zunächst sind Vorsicht und 
Diskretion geboten. Aber nach und nach wird die Frau, die man eben noch fürchten 
mußte, zu Wachs in den Händen des Liebeskünstlers. Überlegen spielt er mit ihren Ge- 
fühlen. Durch eine Kleinigkeit -das Eingeständnis eines Seitensprunges - weckt er ihr 
rasendes Verlangen; ebenso leicht kann er sie wieder beruhigen. Ihre geile Wut ist für 
den geschulten Liebhaber ein Quell des Glücks. Lüstern wie eine rossige Stute sinkt sie 
willenlos in seine Arme, überwältigt von seiner besänftigenden Manneskraft. 



„Die unbewußte Zustimmung des Publikums" zu erreichen, ist nach SEECK (1991a) 18-20 eines 
der grundlegenden Merkmale des Satirischen. In einer anderen Arbeit (1991b) zeigt SEECK ver- 
schiedene Techniken, mit denen Horaz Kritik am Leser übt. - Es gibt ein Indiz dafür, daß Ovid an 
Horaz dachte, als er die Epiphanie des Apollo schrieb: Vor der hier zitierten Stelle vergleicht Ho- 
raz den Geizigen mit Tantalus (Hör. S. 1,1,68 f.). Und Tantalus, das Sinnbild des stets von unbe- 
friedigtem Verlangen gequälten 'elegisch' Liebenden (vgl. S. 12), nennt Properz als erstes Bei- 
spiel für Unterweltssünder, die zu erlösen leichter wäre, als ihn selbst von seinem Liebesschmerz 
zu heilen, was nicht einmal Machaon könnte (Prop. 2,1,65 f.; vgl. S. 292). 



6.5 DIE EIFERSUCHTDES MANNES (ARS 2,493-624) 



295 



Da schreitet Apollo ein. Wie in einer der berühmten Inspirationsszenen, in denen der 
Schutzgott der Dichter einen Musenjünger zurechtweist, weil dieser sich in unerlaubte 
Höhen aufschwingen will, 85 erscheint er, um den größenwahnsinnigen Liebeslehrer 
wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Nur interessiert sich Apollo nicht 
für die Stilhöhe der Lehren, sondern für deren Inhalt, Als Gott der Weisheit erinnert er 
an den berühmten Spruch „Tvcoüt aeavröv", der auf dem Tempel in Delphi stand. Nur 
wer sich selbst erkennt, kann lieben wie ein weiser Mann (Ars 2,493-500): 

haec ego cum canerem, subito manifesius Apollo 

movit inauratae polliceflla tyrae. •. 
in manibus laurus, sacris induta capillis 

laurus erat: vates ille videndus adit. 
is mihi „ lascivi " dixit „praeceptor Amoris, 

duc age discipulos admea templa tuos, 
est ubi diversumfama celebrataper orbem 

littera, cognosci quae sibi quemque iubeL 

Als inspirierender Gott deutet Apollo nur an, welchen Weg der Dichter selbständig 
weitergehen soll: Ovid ist ein „Lehrer freier Liebe", der eine Mehrzahl von Schülern 
unterrichtet. In der lasziven Liebeskunst gilt das herkömmliche Treuegebot nicht; und 
diese Kunst lernen viele junge Männer, der Schüler und seine Rivalen. 86 In wel- 



Vgi. Call Aet. frg. 1,21 ff. PFEIFFER; Prop. 3,3,13 ff.; Verg. Ecl. 6,3 ff. (cum canerem 
reges et proelia ...). Diskutiert werden solche Parallelen z. B, von MILLER (1983) 32 ff., DERS. 
(1997) 391 ff.; STEUDEL (1992) 93 ff. („parodistisches Spiel mit Vorbildern und Traditionen"), 
JANKA (1997) 363 f. und besonders ausführlich von SHARROCK (1994) 206 ff Noch nicht zu- 
gänglich war mir die Arbeit von S. CASALI, die wahrscheinlich 1998 im Classical Journal er- 
scheinen wird. Vgl. dazu MILLER (1997) 393 Anm. 17. SHARROCK spricht aus, was viele denken 
(S. 229): „... a misplaced and very fiinny scene which does none of the things we feel it should." 
Sie meint, Ovid habe die Epiphanie des Apollo eingeschoben, um das kallimacheische Stilideal, 
besonders die Begriffe 'kurz' und Mang*, zu diskutieren. Apollos Rede sei eine Ars amatoria in 
Kurzform, der Ovid seine eigene lange, aber kunstvolleres gegenüberstelle (204): „I propose that 
the Epiphany of Apollo is self-conciously placed in a tradition of examination of Callimachean 
literary (theoretical) programme; that Apollo's Speech is his version of the Ars Amatoria; that the 
immediate sequel (w. 511-34) is Ovid's response, a taste of his own Ars (ars), expansive but 
artistic." Anstatt die Lehren auf die richtige Bahn zu fuhren, unterbreche Apollo den Gedanken- 
gang (229 ff, bes. 232: „Apollo has in fact sent Ovid offcourse"). Der Interpretation von SHAR- 
ROCK widerspricht zu Recht JANKA (1995) 128 f.: Apoll habe vielmehr eingegriffen, weil Ovid 
„allzu optimistisch und vorschnell bereits das harmonische Buchende einläuten wollte". In seinem 
Kommentar (1997) 363 f., in dem er auch andere Deutungen der Epiphanieszene diskutiert, er- 
gänzt JANKA diese Interpretation: Es würden außerdem „die vollmundigen Erfolgszusichcrungcn 
Ovids ... relativiert". - MYEROWUZ (1985) 130 f. sieht in der Passage eine Anspielung auf die 
Ars Poetica des Horaz (309 f.): schbendi rede sapere est et principium etfons: / rem tibi So- 
craticae poterunt ostendere chartae; (455 f.): vesanum tetigisse timent fiigiuntque poetam, / qui 
sapiunt. MYEROW1TZ folgert, Ovid wolle die Gemeinsamkeiten von Liebe und Dichtung heraus- 
stellen; so gelte etwa in beiden Bereichen das Prinzip des decorum. 

Ovid übernimmt diesen Plural: amantes (515), proponarü (516), pati mur (520). - SHARROCK 
(1994) 239-242 bemerkt ebenfalls die hier genannten Besonderheiten, interpretiert sie aber recht 
eigenwillig: Apollo spreche den Ovid als Lehrer einer aus der Kontrolle geratenen Liebeskunst an 
{praeceptor lascivi Amoris) und untergrabe die Identifikation 'Amor - Schüler = Liebeskunst' 



296 



Das vierte Kapitel der Liebeslehre 



ehern Sinne das Gebot zur Selbsterkenntnis zu verstehen ist, erklärt Apollo an einem 
vertrauten Stoff: Jeder muß seine Qualitäten herausstellen. Wer gut aussieht, soll dar- 
auf achten, daß man seine Reize auch bemerkt; wer sich auf das Gespräch versteht, 
meide das Schweigen; wer singen kann, der singe, wer trinken, der trinke (503-506). 
Was Apollo hier empfiehlt, ist dem jungen Mann bekannt. Schon im ersten Buch hat er 
gelernt, beim Gastmahl zu gefallen (Ars 1,595 f.): 

si vox est, canta; si mollia bracchia, salta; 
et, quacumque potes dote placere, place. 

Neu ist jedoch die Perspektive, unter der Apollo die Lehren vorträgt. Während der 
Schüler im ersten Buch all seine Gaben einsetzen sollte, wird er jetzt gewarnt, nur das 
zu tun, was ihm seine Kräfte erlauben (Ars 2,501 f.): 

qui sibi noius erit, solus sapienter amabit 
atque opus ad vires exiget omne stias. 

Im Vordergund steht nun ein mögliches Versagen. Bevor er mit seinen Talenten prun- 
ken kann, muß der Schüler erst kritisch prüfen, welche Qualitäten er überhaupt besitzt. 
Und eine solche Selbstprüfung fuhrt nicht immer zu dem erfreulichen Ergebnis, daß 
man an sich etwas entdeckt, das einem zum Vorteil gereicht. Wie der Schüler bereits 
weiß (1,463-466), darf etwa der Eloquente nicht deklamieren; aber - und das ist neu - 
auch ein Dichter wäre nicht recht bei Verstand, wenn er beim Gelage seine Verse rezi- 
tierte (Ars 2,507 f.): 87 

sedneque declament medio sermone diserti 
nee sua non sanus scripta poeta legal 

Bei dieser Gelegenheit kann also selbst Ovid, der berühmte Liebesdichter, mit seinem 
einzigartigen Talent nichts anfangen. Der Schüler aber studiert gerade die Kunst der 
Rede und wird Eloquenz für einen seiner größten Vorzüge halten. Und beide können 
ihre Gaben gar nicht' einsetzen. Im Gegenteil: Es besteht die Gefahr, daß sie sich 
lächerlich machen! So fuhrt Apollo über vertraute Lehren einen neuen und beun- 
ruhigenden Gedanken ein: Auch dem Liebeskünstler kann es passieren, daß ihm etwas 
nicht gelingt. 

Apollos Mahnung „ nosce te ipsum " bedeutet also, daß man die eigenen Schwächen er- 
kennen soll. Das meinte schon Sokrates, der sich für den weisesten Menschen hielt, 



dadurch, daß er im nächsten Vers den Plural diseipulos setze, da eine Identifikation von 'Amores* 
(PI.) mit 'Liebeskunst' (Sg.) nur schwer möglich sei. 

Ich vermute, daß man non sanus prädikativ auffassen muß: „wie ein Verrückter". Prädikativ, und 
zwar meist in kondizionalem Sinne, wird jedenfalls oft das Adjektiv sanus gebraucht; vgl. z. B. 
Hör. S. 1,5,44: nil ego coniulerim iueundo sanus amico; B. Alex. 74,4: quem in locum nemo sa- 
nus hostis subiturus esset. - Allerdings sehen manche Interpreten in dem Ausdruck einen Hinweis 
auf den sprichwörtlichen Juror der gottbesessenen Dichter, vgl. BALDO (1993) und JANKA (1997) 
ad loc. 



6.5 Die Eifersucht des Mannes (Ars 2,493-624) 



297 



weil er wußte, daß er nichts wußte. Aber auch Cicero, der seinem Sohn die Prinzipien 
des decorum erläutert, versteht den Spruch in diesem Sinne (Off. 1, 1 14): 88 

Suum qui sque igitur noscat ingenium acremque se et 
bonorum et viiiorum suorum iudicem praebeat. 

Ein weiser Liebeskünstler wird beim Gastmahl nur das tun, was seiner Begabung ent- 
spricht. So wählen auch die Schauspieler ihre Rollen aus (Off. 1,114): 

Uli enim non optumas, sed sibi accommodaüssimas Jabulas eligunt; qui voce 
freti sunt, Epigonos Medumque, qui gestu Melanippam, Clytaemnestram. 

Der weise Mann wird nicht zulassen, daß ein Schauspieler ihn an Klugheit übertrifft, 
und sein Leben ebenfalls nach seiner Veranlagung ausrichten (Off. 1,1 14): 

Ergo histrio hoc videbit in scena, non videbit sapiens vir in vita? Ad quas igi- 
tur res aptissimi erimus, in iis potissimum elaborabimus. 

Doch kann jeder in eine Situation geraten, der er nicht gewachsen ist; dann gilt es, die 
Sache möglichst mit Anstand hinter sich zu bringen (Off. 1, 1 14): 

Sin aliquando necessitas nos ad ea detruserit, quae nostri ingenii non erunt, om- 
nis adhibenda erit cura, meditatio, diligentia, ttt ea, si non decore, ai quam mini- 
me indecore facere possimus, nee tarn est enitendum, ut bona, quae nobis data 
non sint, sequamur, quam ut vitiajugiamus. 

Eben das muß der junge Liebeskünstler lernen. Er soll begreifen, daß er, wie die Frau, 
unter dem Einfluß primitiver Triebe steht, dieses Vitium an sich bekämpfen und ver- 
suchen, bei einer Abfuhr oder angesichts eines Rivalen nach besten Kräften seine 
Würde, das decorum, zu wahren. 



6.5.1.2 Schmerzen der Liebe (Ars 2,511-534) 

Zwar war es üblich, daß eine inspirierende Gottheit keine allzu konkreten Vorschriften 
machte, sondern in allgemeinen, durchaus auch rätselhaften Worten nur die Richtung 
wies oder ein Thema vorgab, 89 wie Apollo in der ^w das Thema „nosce te ipsum". 



Vgl. D'ELIA (1961) 132, LABATE (1984) 149 und JANKA (1997) 368 f. - Vergleichbares zu 
Apollos Ratschlägen für das Gastmahl findet man ebenfalls bei Cicero, wenn auch in umgekehr- 
ter Form. Bei ernsten Anlässen soll man nicht wie ein conviva reden (Off. 1,144): Turpe enim 
valdeque vitiosum in re severa convivio digna aut delicatum aliquem injerre sermonem; und nur 
ein Geistesgestörter sänge auf dem Forum (1,145). 

In Rätseln sprechen schon die Musen in der Theogonie. Sie geben dem Hesiod zwar das Thema 
Vor (33; tf/ive/v paKdpcov yevoq alev eövrcov). Aber was soll es bedeuten, wenn sie sagen, sie 
könnten sowohl tpeöSea als auch äAtfdea singen? Was singt nun Hesiod? - Dunkel und noch im- 
mer heftig umstritten (vgl. bes. CAMERON [1995]) ist, was Apollo meinte, als er dem Kallima- 
chos befahl, sein Opfertier fett zu mästen, die Muse aber mager zu halten (Aet, frg. 1,21 ff. 
PFEIFFER). Einem solchen Orakel gleicht auch VergÜs Kallimachos-Zitat in den Ectogen (6,3-5); 
Cynthius aurem / vellit et admonuit: „pastorem, Tityre, pinguis / pascere oportet ovis, de- 
duetum dicere Carmen: " 



298 



Das vierte Kapitel der Liebeslehre 



Dennoch könnte man einwenden, trotz des Wechsels der Perspektive seien die Verse 
503 ff. kaum mehr als eine Wiederholung bereits abgehandelter Stoffe. Warum sagt 
Apollo nicht selbst „ rivalem patienter habe "? 

Indes läßt sich auch dieser Befund aus den Erfordernissen der Lehre erklären: Wie be- 
reits dargelegt wurde, gibt Ovid zu psychagogischen Zwecken vor, er sei selbst von 
den eigenen Lehren mitgerissen worden. Nun muß er aber auch zeigen, wie seine ver- 
stiegene Persona sich wieder faßt. Dazu dient Apollos scheinbar banaler Vortrag, 
während dessen der Liebeslehrer Gelegenheit hat, allmählich wieder zur Besinnung zu 
kommen. Ernüchtert begreift er, daß auch er so ein „verrückter Dichter" (508) war, wie 
derjenige, von dem Apollo am Ende seiner Mahnrede spricht. Erst nachdem er das an 
sich selbst erkannt hat, ist der Liebeslehrer in der Lage, Apollos Prinzipien auf den 
aktuellen Gegenstand anzuwenden. 90 Ferner kann Ovid, weil er nur ein Mensch und 
kein allmächtiger Gott ist, leisten, was dem Apollo unmöglich wäre. Er kann seinen 
Schüler auf dem schmerzlichen Weg zur Selbsterkenntnis mitfühlend begleiten. Anstatt 
überlegen von einer hohen Warte aus Weisheiten zu verkünden, folgt der Lehrer selbst 
einer höheren Autorität. Er prüft sich und erkennt, daß er genauso schwach ist und 
leidet wie alle anderen (Ars 2,520): 

qitae pati mur. multo spictda feile madent 

Daß Ovid in dieser Weise mit gutem Beispiel vorangeht, macht es dem stolzen jungen 
Liebeskünstler leichter, auch seinerseits vom hohen Roß zu steigen. Der Schüler ist 
nun eher bereit, den eigenen Schwächen gegenüberzutreten. 91 

Damit ihm diese nicht verborgen bleiben, kehrt der Liebeslehrer nun systematisch um, 
was er in den letzten hundertfunfzig Versen gesagt hat: Glaubte er gerade noch, alle 
Schmerzen der Liebe heilen zu können, muß er jetzt eingestehen, daß amor immer mit 
dolor verbunden ist. Und dagegen weiß er keine Medizin; solche Schmerzen muß man 
ertragen (Ars 2,5 15-5 19): 92 



Vgl. Ars 2,51 1 f.: ad propiora vocor; quisquis sapienter amabit, /vincet et e nostra, quodpetet 
arteferet. - „The passive mood of vocor ... suggests poetic inspiration ..." (SHARROCK [1994] 
258). Obwohl SHARROCK (a.a.O.) anderer Ansicht ist, kann doch diese Inspiration nur auf den 
gerade erschienenen Apollo zurückgehen, zumal Ovid dessen Lehren ausdrücklich bestätigt (509 
f.) und wörtlich zitiert (mit Vers 511 vgl. 501: sohts sapienter amabit). - Zu vocare i. S. v. „in- 
spirieren" vgl. Verg. G. 3,43: vocat ingenti clamore Cithaeron. 

Apollo erläutert das Prinzip „nosce te ipsitm" auch deswegen an Vorschriften zum Gastmahl, 
weil Ovid später seine eigene Eifersucht anhand von Erlebnissen beim Gastmahl beschreibt (Ars 
2,549 ff.). Überhaupt liegt es in der Natur der Sache, daß sich beim Gelage, wo Personen beider- 
lei Geschlechts in ausgelassener, vom Wein enthemmter Stimmung zusammentreffen, besonders 
oft Eifersuchtsszenen abspielen (vgl. neben Am. 1 ,4 und Am. 2,5 z. B. noch Prop. 3,8). 
SHARROCK (1994) 273 f. weist daraufhin, daß Ovid in dem Abschnitt 511-534 das Verbum 
ferre leitmotivisch wiederholt und daß dabei ferre sowohl im Sinne von „ertragen" als auch im 
Sinne von „davontragen, gewinnen" gebraucht wird (außerdem im Sinne von „darbringen" in 
Vers 534). SHARROCK meint, daß Ovid damit die Identität beider Vorgänge unterstreichen wolle: 



6.5 Die Eifersucht des Mannes (Ars 2,493-624) 



299 



quod iuvat t exiguum, plus est, quod laedai amantes: 

proponant animo multa ferenda suo. 
quot lepores in Atho, qaot apes pascuniur in Hybla, 

caerula quot bacas Palladis arbor habet, 
litore quot conchae, tot sunt in amore dolores. 

Das kurz zuvor versprochene Allheilmittel (489-492) gibt es also nicht. Mit der Viel- 
zahl-Periphrase spielt Ovid auf frühere Lehren an, in denen er dem jungen Mann ein 
Gefühl der Überlegenheit vermittelte, und macht so deutlich, daß die Überlegenheit 
ihre Grenzen hat. Die Schmerzen der Liebe sind so zahlreich wie die Mädchen, die den 
Liebeskünstler in Rom erwarten und gleich den Bienen zu den Spielen schwärmen. 93 
Ein Muster für solche Umschreibungen des Ausdrucks „unendlich viele" findet man 
bei Vergil, der „nicht in Zahlen fassen" mag, wieviele Weinsorten es gibt. 94 Ovid aber 
konnte „nicht in Zahlen fassen", wie glücklich derjenige ist, dem sein Mädchen eine 
Szene macht (Ars 2,447 f.): 

o quaier et quotiensnumerqcomprendere non est 
felicem, de quo laesa puella doletl 

War es eben noch Ursache unermeßlichen Glücks, wenn das Mädchen Eifersucht litt, 
muß der Schüler nun erkennen, daß er selbst unermeßliche Qualen leiden wird. 95 Ovid 
versprach, durch stimulierende Abwesenheit (337 ff.) erziele man eine reiche Ernte 
(Ars 2,351): 

^ da requiem; requietus ager bene er edita reddit. 

Wie sich nun herausstellt, ist das nicht immer der Fall. Ja, manchmal nützt selbst ein 
offengelegter Seitensprung (427 ff.) nichts. Denn nicht immer bläst ein Wind, nach 
dem man die schlaffen Segel des Liebesschiffes ausrichten kann (Ars 2,513 f.): 96 



„. . . the prize which the lover will bear off is also that which he will endure". Indes unterstreicht 
Ovid nicht die Identität, sondern den Kausalzusammenhang beider Formen von ferre; Nur wer 
Leid erträgt, kann in der Liebe den Sieg davontragen. 

Ars 1,55-59; 1,93-98. Vgl. schon oben S. 155. - Bemerkenswert ist auch, daß die Wendung redit 
itque (Ars 1,93) in Tibulls Elegie 2,6 (v. 46) wiederkehrt, wo dieselben leidvollen Erfahrungen, 
die Ovid dem Schüler hier vorhersagt, beschrieben werden. 

Verg. G. 2,103-8: sed neqite quam multae species nee nomina quae sint, /est numerus, neque 
enim numerocomprendere. refert; / quem qui scire velit, Libyci velit aequoris idem / dicere 
quam multae Zephyro turbentur harenae / auf, ubi navigiis violentior ineidit Eurus, / nosse 
quotlonii veniant ad litora fluetus. Vgl. SHARROCK (1994) 265-7 zu diesen und weiteren Arith- 
metika in der Ars und bei anderen Dichtern. 

Zu Ars 2,520 (quae patimur, multo spictda feile maden t ) vgl. Tib. 2,4,1 1-3: nunc et 
amara dies et noctis amarior umbra est, / omnia nunc tristi tempora feile madent / 
nee prosunt elegi nee carminis auetor Apollo. Ovid erinnert also an eine Stelle, an der Tibull 
sich auch nicht helfen konnte, nicht einmal mit Gedichten - genauso wie es Apollo in der Ars dem 
„verrückten Dichter" beim Gastmahl prophezeit (508). 

Die Lehren zum aufgedeckten Seitensprung begannen mit einem Gleichnis von den unterschiedli- 
chen Winden, die ein Schiff über das Meer tragen (Ars 2,429-432); non semper eodem / imposi- 
tos ventopanda carina vehit. / nam modo Threicio Borea, modo currimus Euro; / saepe tument 



300 



Das vierte Kapitel der Liebeslehre 



97 
98 



credita non semper sulci cum fenore r eddunt , 
nee semper dubias adiuvat aura rates. 

Nicht nur der Schüler empfindet Überdruß und hält sich fern (337 ff.); bisweilen weist 
die Dame ihrerseits den Liebhaber ab und läßt sich von der Zofe verleugnen (521- 
532). 97 In diesem Fall, wenn alle Kunst nichts hilft und die verbündeten Sklaven sich 
treulos zeigen, 98 muß der Schüler diskret und gefaßt bleiben. Wie es sich ziemt, voll- 
zieht er die rituellen Handlungen eines exclusus amator (524-528). Doch im Gegen- 
satz zum 'elegisch' Liebenden wird der Liebeskünstler, wenn er merkt, daß seine Maß- 
nahmen nichts fruchten, sein Versagen erkennen, klein beigeben und sich zurück- 
ziehen. 100 Schließlich darf er hoffen, daß die Dame ihn ein andermal wieder empfängt; 
nicht immer steht der Wind dem Liebesschiffe ungünstig (Ars 2,529-532): 



Zephyro lintea, saepe Noto, Eifersucht, die dem Schüler nutzte, verglich Ovid im ersten Buch mit 
dem Fahrtwind (Ars 1,368: velo remigis addat opem; 373: sed propera, ne vela cadant aurae- 
que residemt). 

Vgl. bes. Ars 2,346 (taedia) mit Ars 2,530 (dedecet ingenuos taediaferre sui). 
Gerade die ancilla verhalf dem Schüler im ersten Buch zum Erfolg (351 ff.), und wie man die 
Sklaven der Geliebten auf seine Seite bringt, hat Ovid im Zusammenhang mit dem obsequium ge- 
lehrt (2,251 ff.). 

Das Standardwerk zum „ausgesperrten Liebhaber" ist nach wie vor COPLEY (1956); vgl. außer- 
dem z. B. TARAN ( 1 979) 52 ff. 

Der 'elegisch' Liebende kann sich von der verschlossenen Tür nicht lösen (Tib. 1,1,55 f.): me re- 
tinent vinetum formosae vincla pnellae / et sedeo duras ianitor ante fores; sein Leid klagend, 
wartet er in eitler Hoffnung bis zum Morgen (Prop. 1,16,46): et matutinis obstrepit alitibus; 
auch Ovid redet auf den ianitor so lange ein, bis der Hahnenschrei ihn zum Rückzug zwingt (Am. 
1,6,65 f.); und die ganze Nacht über hat der Wachhund den Tibull angebellt (Tib. 1,6,32). 
Im Hinblick auf Ov. Ep. 18,130 (cur mihi causa levis, ventus, obesse potest?) möchte ich in 
Vers 532 statt des überlieferten sensus die Konjektur ventus vorschlagen. Der in diesem Vers 
ausgesprochene Gedanke wäre dann die tröstliche Antwort auf die Metapher am Anfang (Ars 
2,514): nee semper^ non omni tempore) dubias adiuvat fo obest) aura fo ventus) rates. In 
Vers 5 14 behauptet Ovid, der Wind sei nicht immer günstig; nach meiner Konjektur würde er in 
Vers 532 umgekehrt feststellen, daß man auch nicht immer mit ungünstigem Wind zu kämpfen 
hat. Der Liebeskünstler muß zwar leiden, doch ist seine Lage nicht aussichtslos. - In der über- 
lieferten Form ist der Text jedenfalls kaum zu halten, weswegen KENNEY (1994) sensus va Cru- 
ces setzt. Die bisher vorgeschlagenen Interpretationen befriedigen nicht. Goold (1965) 40, gefolgt 
von MOZLEY (1979) und JANKA (1997) 390 f., deutet sensus i. S. v. „Vernunft, Realitätssinn" 
und übersetzt: „Discretion is not always a bad thing " Von der Sache her ist diese Deutung zwar 
stimmig (vgl. z. B. Ov. Am. 1,2,31 f.); doch ist das Wort sensus in diesem Sinne bei Ovid sonst 
nirgendwo belegt. (Am nächsten kommt der von MOZLEY vorausgesetzten Bedeutung noch Pont. 
4,12,47 f., doch scheint auch dort „Besinnung" oder „Denkfähigkeit" gemeint zu sein.) Ebenso- 
wenig rindet sich bei Ovid sensus i. S. v. animus, „Haltung", wie HOLZBERG (1992) den Aus- 
druck überträgt: „Ihr Sinn ist ja nicht immer dir feind." Der Übersetzung von LENZ (1969; vgl. a. 
PIANEZZOLA [1993] 103) „ist ... ihr Fühlen dir entgegen" liegt die Annahme zugrunde, daß sen- 
sus hier so viel wie „Gefühle, Stimmung, Laune" heißen könne. Doch in dieser allgemeinen Be- 
deutung ist das Wort bei Ovid an anderer Stelle nicht belegt. Belegt ist es allerdings im Sinne von 
„Liebesgeruhr (Ov. Ep. 18,24; 21,204: ei mihi quod sensus sum tibifassa meosl; Fast. 2,769). 
Gemeint ist dann jedoch eine dauernde Getuhlslage, weswegen auch VON ALBRECHTs (1992) In- 
terpretation von sensus als „erotischer Stimmung" nicht zu halten ist. VON ALBRECHT liest statt 
obest mit einigen jüngeren Handschriften adest und übersetzt „nicht immer ist die richtige Stim- 



6.5 Die Eifersucht des Mannes (Ars 2,493-624) 



301 



cum volet, accedes; cum te vitabit, abibis: 

dedecet ingenuos taediaferre sui. 
„ effugere hunc non est! " quare tibi possit amica 

dicere? non omni tempore ventus obest 

Der Schüler muß seine Schwäche erkennen und trotzdem Haltung bewahren, wie es 
schon Cicero unter dem Stichwort „ nosce te ipsum " fordert (Off. 1, 1 14). 

Auch beim Umgang mit weiblicher Eifersucht gelingt nicht alles so, wie der Liebesleh- 
rer es versprochen hat. Oft genügen Küsse und Beischlaf (Ars 2,459) nicht, um die Da- 
me zu besänftigen; es kommt schon einmal vor, daß man, nicht viel besser dasteht als 
der unglückliche 'elegisch' Liebende, den seine Herrin beschimpft und peitscht. Dann 
darf man sich nicht zu fein sein, dem Mädchen demütig die Füße zu küssen (533 f,) t 

6.5.1.3 rivalem patienter habe (Ars 2,535-560) 

Daß Ovid hier an eine Eifersuchtsszene denkt, muß der Schüler erraten. 102 Denn wider 
Erwarten entwickelt der Liebeslehrer den Gedanken nicht weiter, sondern unterbricht 
sich ungeduldig. Er will endlich aussprechen, worauf die Lehren seit der Epiphanie des 
Apollo abzielen. Was soll er sich mit Lappalien aufhalten; eine viel größere Aufgabe 
steht an (Ars 2,535-542): 

quid moror in parvis? animus maioribus instat; 

magna canam: toto peciore, vulgus, ades. 
ardua molimur, sedmdla nisi ardua virtus; 

difficilis nostra poscitur arte labor. 
rivalem patienter habe: victoria tecum 

stabit, eris magni Victor inArce Iovis. 
haec tibi non hominem, sed quercus crede Pelasgas 

dicere; nil istis ars mea maius habet 

Wenn eine Frau ihren Liebhaber nicht einläßt, so ist meist ein anderer Mann bei ihr. 103 
Das quält den Ausgeschlossenen mehr als die Zurückweisung an sich. Doch kann der 



mung da". Inhaltlich sinnvoll aber paläographisch nicht überzeugend ist die Konjektur sanus ad- 
est von D. R. SHACKLETON-BAILEY, Ovidiana, CQ 48 (1958) 166. Die Verderbnis von ventus ist 
dagegen leicht zu erklären, z. B. dadurch, daß man statt des t ein s gelesen hat; diese Buchstaben 
gleichen sich in manchen Schriften (auch in der karolingischen Minuskel, in der nach KENNEY 
der Archetyp geschrieben war). Oder ein Schreiber übersprang die Buchstaben bis zum nächsten 
e. Mit dem Wort VENSVS oder der Buchstabenkombination TEMPORENTVS bzw. TFMPO- 
RENSVS konnte man nichts anfangen und schritt zur Korrektur, wobei vielleicht Ov. Trist. 4, 1 ,48 
(temporis adversi sie mihi sensus abest) als Vorlage diente. 

Daß sich der Schüler so demütigen muß, weil die Geliebte von einem Seitensprung erfahren hat, 
ist jedenfalls wahrscheinlich. Properz, den Cynthia mit zwei Mädchen ertappt hat, wird von der 
Herrin geschlagen (Prop. 4,8,64). Bittflehend heischt er um Verzeihung und wirft sich ihr zu 
Füßen (Prop. 4,8,71 f.): supplieibus palmis tum demum ad foedera veni, /cum vix tangendos 
praebuit illa pedes. Dagegen sieht JANKA (1997) 391 wegen des Anklanges an Ars 2,215 (nee 
tibi turpeputa .. .) in dem Distichon eine Anspielung auf das servitium amoris. 
Vgl. etwa Prop. 1,16,33; 2,14,21 f.; Tib. 1,5; 2,6,51 f.; Ov. Am. 1,8,78. 



302 



Das vierte Kapitel der Liebeslehre 



junge Mann einen Rivalen akzeptieren? Zu Recht furchtet der Liebeslehrer, daß der 
Schüler sich gegen dieses Ansinnen sträuben wird, und zieht alle Register. Mit großen 
Worten hebt er an und wagt sogar einen Vergleich mit dem ehrwürdigen Triumph: 
Wer die Eifersucht überwindet, wird im Siegeszug auf das Kapitol steigen 1033 und, wie 
Ovid und Apollo es dem weisen Liebhaber versprechen (501, 511 f.), erlangen, was 
immer er will. Andächtig soll das gemeine Volk lauschen (537). Denn aus dem Munde 
des Meisters spricht kein Mensch: Apollo und das Orakel des Jupiter von Dodona kün- 
den diese Lehren. Nichts Größeres kann man in der Kunst der Liebe vollbringen. 

Doch Ovid überbietet sogar diese Aussage. Den Rivalen zu ertragen, verlangt solche 
Seelengröße, daß selbst der Meister zu scheitern droht (Ars 2,547 f.): 

hac ego, conßteor, non sum perfectus in arte; 
quidfaciam? monitis sum minor ipse meis. 

Durch diese 'Beichte' untergräbt Ovid keineswegs seine Autorität. Vielmehr zeigt er, 
daß er versteht, warum der Schüler sich gegen die bittere Einsicht wehrt. So macht er 
es dem jungen Manne leichter, die eigene Schwäche anzuerkennen. Wenn schon der 
Liebeslehrer seine Triebe nicht immer beherrschen kann, dann braucht sich keiner zu 
schämen, daß er es auch nicht vermag. Doch dürfte zugleich der Ehrgeiz des Schülers 
geweckt sein: Endlich einmal hat er Gelegenheit, das große Vorbild zu übertreffen. 

-" Als Vertreter männlicher Eifersucht hält Ovid dem jungen Manne den Spiegel vor und 
beschreibt, wie er selbst bei den Anzeichen eines Seitensprunges nicht an sich halten 
kann. Das bewertet er aber nicht als Ausdruck rechtschaffener Entrüstung, sondern als 
einen schädlichen Fehler, den er reumütig eingesteht (Ars 2,549-554): 

mene palam nostrae det quisquam signapuellae 

et patiar nee me quolibet ira ferat? 
pscula vir dederat, memini, suus; osctda questus 
x sum data: bar bar i a noster abundat amor. 
non semel hoc Vitium noeuit mihi: doctior ille, 

quo veniunt alii conciliante viri. 

Der weise, zivilisierte homo doctus wird diesen Fehler an sich bekämpfen. Der Eifer- 
süchtige dagegen ist ein Barbar wie die Barbarin Medea (Ars 2,381 f.); er läuft Gefahr, 



103a 
104 



JANKA ( 1 997) 395 vermutet hier eine „ziemliche deutliche Anspielung auf die Victoria Augusta". 
Dieselbe Technik beobachtet SEECK (1991b) 540 in den Satiren des Horaz: „Weniger bekannt ist, 
daß Horaz auch *ich' sagen kann, wenn er in Wirklichkeit 'du' meint, so z. B. als er am Ende von 
I 2 das satirische Gegenüber in eine höchst prekäre Situation manövriert hat, ihm jedoch die letzte 
Peinlichkeit ersparen will und deswegen selbst als 'ich* grammatisch in die Bresche springt." - 
Anders als hier vorgeschlagen fassen einige Interpreten die Verse 535 ff. als „Parodie des lehr- 
dichtungstypischen Größe- und Schwierigkeitstopos" auf, vgl. JANKA (1997) 392, der auch meint 
(399), Ovid untergrabe durch das Eingeständnis von Schwäche seine Autorität als Lehrer. - Zum 
Orakel von Dodona vgl. Prop. 1,9,5 f. und S. 18. 



6.5 Die Eifersucht des Mannes (Ars 2,493-624) 



303 



von seinem Affekt davongetragen zu werden und seine Würde zu verlieren, nicht 
anders als die Frau, die eine Kebse in ihrem Bett entdeckt (Ars 2,379 f.): 

in ferrum flammasque ruit positoque decore 
fertur, utAonii cornibus ieta del 

Dabei sollte man sich doch bemühen, auch in mißlicher Lage ein gute Figur abzugeben 
und die Sache „wenn schon nicht mit Anstand (decore), so doch wenigstens nicht ganz 
ohne Anstand (quam minime indecore)" hinter sich zu bringen (Cic. Off. 1, 1 14). Wenn 
die Dame des Schülers überdrüssig wird und Abwechslung wünscht, ist es unschick- 
lich, sich aufzudrängen. Ein freier Mann, der nur einen Funken Anstand besitzt, wird 
keiner Frau zu Last fallen (Ars 2,530): 

dedecet ingenuos taediaferre stti. 

Doch die Affären der Geliebten ungerührt hinzunehmen, ist schwer. Daher empfiehlt 
der Liebeslehrer, die natürliche Scham der Frau zu nutzen und sich einzureden, sie sei 
einem treu. 105 Dann hält die Dame schon von sich aus ihre Eskapaden geheim, solange 
der Schüler das nicht dadurch verhindert, daß er ihr nachspioniert (Ars 2,555-558): 

sed melius nescisse fuit: sinefurta tegantur, 

ne fugiat fasso victus ab ore pudor. 
quo magis, o iuvenes, deprendere parcite vestras; 

P$ccent t peccantes verba dedisse puienL 

In weiser Erkenntnis der eigenen Schwäche hat Ovid seiner Geliebten bereits in den 
Amores einen ähnlichen Kompromiß vorgeschlagen. Sie möge ruhig andere Männer 
haben, für ihn aber solle sie die treue, schamerfullte Frau spielen (Am. 3,14,1-6; 27 f.): 

non ego, ne pecces, cum sisformosa, recuso, 

sedne sit misero scire necesse mihi; 
nee te nostra iubet fleri censura pudicam 

sed tarnen ut tempies dissimutare rogat. 
nonpeccqt, quaecumque potest peccqsse negare, 

solaque famosam culpa professafaeii 

indue cum tunicis me tu entern er i m i na yultum, 
etpudqr obscenum difßteqiur opus. 

In den Amores bittet Ovid seine Freundin also um den pudor, den er in der Ars von ei- 
nem Liebeskünstler verlangt. Auch dieser darf sich zwar mit anderen Frauen abgeben, 
muß aber seine Affären schamhaft verbergen (Ars 2,385-390): 106 

hoc bene compositos, hoeßrmos solvii amores; 

crimina sunt cautis ista iimenda viris. 
nee mea vos uni donat censura puellae; 



105 
106 



Zu dieser Methode der Selbsttäuschung vgl. LlLJA (1965) 169 ff. 

Zu der Parallele Ars 2,387 - Am. 3,14,3 f. vgl. BALDO (1993) 312. BRANDT (1902) und BALDO 

329 erkennen auch den gedanklichen Zusammenhang zwischen Am. 3,14 und Ars 2,555 f. 



3 04 Das vierte Kapitel der Liebeslehre 

di melius! vix hoc nupta teuere potest. 
ludite, sedfurto celehir culpa modesto; 
gloria peccqti mdla petenda sui est. 

Und genauso wie der ertappte Liebeskünstler (Ars 2,409 ff.), soll in den Amores die 
ertappte Geliebte ungerührt alles abstreiten (Am. 3,14,43-46). 

Angesichts dieser Parallelen dürfte dem Schüler, der nach dem Vorbild des Liebes- 
lehrers Apollos Rat gefolgt und selbstkritisch in sich gegangen ist, allmählich bewußt 
werden, daß das, was er über die Gefühlswelt der Frau gelernt hat, auch auf ihn selbst 
zutrifft. Geschickt stellt Ovid die Eifersucht seines Schülers als primitiven und barbari- 
schen Affekt an den Pranger, ohne den jungen Mann selbst zu tadeln oder auch nur 
dessen sexuelle Triebe, die Ursache der Eifersucht, einer peinlichen Analyse zu unter- 
ziehen. Wie Apollo weist der Liebeslehrer nur den Weg und überläßt es dem Schüler, 
in sich selbst das unbeherrschte Tier zu erkennen. Der Vorteil dieser indirekten Metho- 
de liegt auf der Hand: Es hätte den Schüler verletzt, wenn Ovid über dessen eifersüch- 
tige Wut in so drastischer, unverhüllter Weise gesprochen hätte, wie er über die Triebe 
der Damen spricht. Beleidigt hätte sich der junge Mann von den Lehren abgewandt. 
Deshalb beschränkt Ovid sich darauf, seine Vorschriften unter das Motto „Erkenne 
dich selbst!" zu stellen und die Umkehr des früher Gesagten durch sachliche und 
sprachliche Parallelen zu unterstreichen. So genügt eine taktvolle Andeutung des Lie- 
besmeisters, er selbst sei nicht der einzige, der unter barbarischer Eifersucht leide 
(552: noster), und der Schüler kann das Angedeutete selbständig zu Ende denken. 

Nun, da seine Gedanken in die richtige Bahn gelenkt wurden, wird dem jungen Mann 
einfallen, daß Lukrez, dessen Lehren zu Liebesschmerz und Eifersucht in den Versen 
Ars 2,337 ff. wiederholt zitiert. wurden, die erotischen Irrungen des Mannes disku- 
tiert. Und als Kenner der modernen Literatur entdeckt der Schüler gewiß noch andere 
Parallelen zwischen den Lehren zur weiblichen Eifersucht in der Ars und der Patholo- 
gie des männlichen Eros in der zeitgenössischen Dichtung. Die wichtigsten dieser Par- 
allelen möchte ich nun vorstellen. 108 Dabei wird deutlich werden, mit welcher Sorgfalt 
Ovid die Selbsterkenntnis des jungen Liebeskünstlers vorbereitet hat: 

Die Maxime „nosce te ipsum" illustriert Apollo mit Regeln für den eleganten Auftritt 
beim Gastmahl, das Ovid im ersten Buch besprach. Dort hat der Schüler aber nicht nur 
gelernt, wie er dem Mädchen gefallen kann; auch den Gatten der Dame sollte der junge 
Mann für sich einnehmen (Ars 1,579 f.). Es wäre eine Torheit, mit dem anderen um 
die Schöne zu streiten. Das lehrt schon das Beispiel des Kentauren Eurytion, der zur 
Unzeit Hand an Hippodamia, die Braut des Pirithous, legte und diese Tat mit dem Le- 
ben bezahlte (Ars 1,591-594): 



107 
108 



Vgl. BRANDT (1902) und BALDO (1993) ad loc. sowie eine ähnliche Bitte in Am. 1,4,69 f. 
Zur Eifersucht des 'elegisch 1 Liebenden vgl. a. LlLJA (1965) 156 ff. 



6. 5 Die Eifersucht des Mannes (Ars 2,493 -624) 



305 



iurgia praecipue vino stimulata caveto 

et nimium faciles ad fem bella manus. 
occidit Eurytion stalte data vina bibendo: 

aptior est dulci mensa merumque ioco. 

Nun muß Ovid zugeben, daß er selbst nicht immer so vernünftig war. Er beichtet, daß 
er sich nicht halten kann, wenn ein Rivale beim Gelage seiner Dame heimliche Zei- 
chen gibt, und erzählt, wie er sich einmal beklagte, weil seine Geliebte ihren Mann ge- 
küßt hat (Ars 2,547-552). Das erinnert an die Elegie Amores 1,4, wo sich der Liebende 
ausmalt, wie ihm zumute sein wird, wenn die Geliebte mit ihrem Gatten auf dem Fest 
erscheint, zu dem auch er selbst eingeladen wurde. Er wird kaum mitansehen können, 
daß der Gatte sie berührt; jetzt versteht er, was die Kentauren bei der Hochzeit des 
Pirithous zu ihrem rohen Angriff trieb (Ov. Am. 1,4,7-10): 

desine mirari, posito quod Candida vino 

Atracis ambiguos traxit in arma viros; 
nee mihi si Iva domus , nee equo mea membra cohaerent; 

vix a te videorposse tenere manus. 

Selbst ein kultivierter Dichter, der kein halber Hengst ist und - im Gegensatz zu den 
Steinzeitmenschen, die Ovid in der Ars beschreibt 109 - nicht mehr im Wald lebt, wird 
zum brutalen Tier, wenn er seine Geliebte in den Armen eines anderen sieht. Dann 
bricht bei ihm der Sexualtrieb mit aller Gewalt hervor, nicht anders als bei der eifer- 
süchtigen, tierhaft geilen Frau. 

Daß sie ihre Nebenbuhlerin mit eigenen Augen sehen muß, bringt eine Frau ganz be- 
sonders in Rage. Auch in den bisher zitierten Belegen aus den Amores quält vor allem 
der Anblick des untreuen Partners 110 - nun aber jedesmal den Mann. Diese Zusammen- 
hänge erläutert Ovid genauer in dem zweiten Gastmahl-Gedicht der Amores (2,5), das 
einem Kenner der Elegie bei der 'Beichte' des Liebeslehrers ebenfalls in den Sinn ge- 
kommen sein dürfte. 111 Dort erfahren wir von einem zweiten Vorfall. Im Glauben, 
Ovid sei eingeschlafen, tauscht Corinna mit einem anderen Manne versteckte Zeichen 
aus (13-20). Ach, klagt Ovid, hätte er es doch nicht bemerkt! Dann könnte er sich ein- 
reden, nichts sei geschehen (Am. 2,5,7-13): 112 



Vgl. Ars 2,475 (silva domus fuerat) und dazu JANKA (1997) 353; unter den Tieren 
zeichneten sich gerade die Pferde durchßriosa libido aus (Ars 2,487 f.). 
Ars 2,549: mene palam; Ov. Am. 3,14,44: oculis probra videnda meis; Am. 1,4,4: aspiciam; 
zur durch Sehen erweckten Eifersucht der Frau vgl. S. 277 mit Anm. 41. 

Vgl. BRANDT (1902) und BALDO (1993) zu den Versen Ars 2,551 f. - Daß Ovid auf beide Ele- 
gien anspielt, ist schon deshalb wahrscheinlich, weil er eine Situation beschreibt, die aus Am. 1,4 
und 2,5 sozusagen kontaminiert ist: In der Ars sagt er, er habe sich beschwert, weil sich sein 
Mädchen von ihrem Gatten küssen ließ. In Am. 1,4 verbietet er Corinna, dies zuzulassen (38 ff.); 
in Am. 2,5 greift er ein, als Corinna einen anderen, nicht mit ihr verheirateten Mann küßt (23 ff.). 
Zu vincere (Am. 2,5,7 und 12) vgl. Ars 2,556: ne fitgiat fasso vi ctus ab ore pudor. - Zum 
Gedanken, daß dem Liebenden solches Wissen nur schadet, vgl. neben Am. 3,14 auch Am. 



306 Das vierte Kapitel der Liebeslehre 

o utinam arguerem sie, ut non vincere possem! 

me miserumi quare tarn bona causa mea est? 
felix, qui, quodamat, defendere fortiter audet, 

cui sua „nonfeci" dicere amica polest, 
ferreus est nimiumque suofavet ille dolori, 

cuipetitur victapalma cruenta rea. 
ipse miser vidi ... 

Als aber Corinna den Rivalen sogar küßt (21-28), kann sich der Betrogene nicht mehr 
beherrschen; er springt auf und macht seine Rechte geltend (29-32). Da errötet die 
Schöne (33-42), und schon allein ihr Anblick nimmt dem Zornigen den Wind aus den 
Segeln; seine zum Schlag erhobenen Arme sinken kraftlos herab. Gerade wollte er der 
Untreuen noch wütend in die Haare fahren und ihr die zarten Wangen zerkratzen; jetzt 
kann er sie nur noch demütig bitten, auch ihm einen Kuß zu geben. Und als sie das 
gerne tut, ist sein Zorn endgültig verflogen; solche Küsse könnten selbst Jupiter den 
strafenden Blitz aus der Hand schlagen (Ov. Am. 2,5,45-52): 

sicut erant (et erant eulti) laniar e capillos 

etfuit in teneras Impetus ire genas ; 
ut fadem vidi, fortes cecidere lacerli: 

defensa est armis nostrapuella suis, 
qui modo saevus eram, supplex uliroque rogavi 

oscula ne nobis deteriöra dar et . 
risit et ex animo dedit optima, qualia possent 

excutere irato tela trisulca Iovi. 

Dem großen Meister der Liebe erging es in seiner Jugend also nicht anders als einer 
Frau, die aus Eifersucht zugleich wütend und sexuell erregt ist. Zornig fährt sie ihrem 
Liebhaber ins Haar und zerkratzt seine zarten Wangen (Ars 2,451 f.): 113 

ille ego sim, cuius laniet furiosa capillo s ; 
illeegosim, teneras(f) cui petat ungue g e n a s . 

Und diese animalische, geile Wut läßt sich beim Manne wie bei der Frau durch sexu- 
elle Zuwendung rasch beschwichtigen. Der Zorn des Liebenden in den Amores ver- 
fliegt beim Anblick von Corinnas reizvoller Schamesröte und Wter ihren Küssen; 
Küsse und handfestere Zärtlichkeiten stimmen auch die eifersüchtig rasende Frau 
wieder mild (Ars 2,459-462): 



2,2,51-58: crede mihi, nulli sunt crimina grata marito, /nee quemquam, quamvis audiat, illa 
iuvant: / seu tepet, indicium securas perdis ad aures;/ sive amat, officio fit miser ille tuo. / 
culpa nee exfacili quamvis manifesta probatur: / iudicis illa sui tutafavore venit /viderit ipse 
licet, credet tarnen ille neganti / damnabitque oculos et sibi verba dabit. 

Obwohl die Junktur teneras genas mehrfach belegt ist (vgl. CRISTANTE [1993] zu Ars 3,568), 
läßt doch das Attribut teneras darauf schließen, daß Ovid hier speziell seine Elegie Am. 2,5 zi- 
tiert; denn zarte Wangen sind normalerweise ein Merkmal schöner Frauen oder hübscher Knaben, 
wie BALDO(1993) 318 f. darlegt. JANKA (1997) 338 f. versucht den Befund durch eine Textkor- 
rektur zu normalisieren: Ovid habe tenero ... ungue gedichtet, was dann „achtlos im Sinne der 
viel häufigeren Junktur teneras ... genas verschrieben wurde." 



6.5 Die Eifersucht des Mannes (Ars 2,493-624) 



307 



oscula da flenti, Veneris da gaudiaflenti: 

pax erit; hoc uno solvitur ira modo, 
cum bene saevierit, cum certa videbitur hostis, 

tumpete coneubitus foedera: mitis erit. 

Daher bedient sich eine kluge Frau wie Corinna derselben Technik wie der, Liebes- 
künstler, um die erkaltende Leidenschaft ihres Verehrers neu zu entfachen. Erst spielt 
sie ihm die Treulose vor, dann besänftigt sie ihn mit Küssen (Ov. Am. 2,19,13-18): 114 

a, quotiens finxit eulpam, quantumque licebat 

insonti, speciem praebuit esse nocensl 
sie ubi vexarat tepidosque refoverat ignes. 

rursus eratvotis comis ei apta meis. 
quas mihi blanditias, quam dulcia verba parabat! 

oscula, di magni, qualia quotque dabatl 

Doch nicht nur die Therapie der Eifersucht ist bei Mann und Frau dieselbe; auch die 
Symptome sind ähnlich. Die Frau erleidet einen Schock, sobald sie von einer Neben- 
buhlerin erfährt (Ars 2,449 f.): 115 

quae, simul invitas crimen pervenit ad aures, 
excidit, etmiserae voxque colorque fugit 

Nicht besser ergeht es dem Manne (Ov. Am. 3, 14,37-40): 1 16 

mens abit et morior, quotiens peccasse fateris, 

perque meos artusfrigida gutta fluit 
tunc amo, tum odifrusira, quodamare necesse est; 

tunc ego, sed tecum, mortuus esse velim. 

Spätestens seit Catulls Epigramm 85 ist es ein Topos lateinischer Liebesdichtung, daß 
die Geliebte durch ihre moralischen Mängel den Mann zwar abstößt, ihre Reize ihn 
aber zugleich anziehen. 117 Das Thema „odi et amo" hat sich auch Ovid in der Elegie 
Amores 3,1 1 gestellt (33-40): 

luctantur pectusque leve in contraria tendunt 

hac amor, hac odium; sed, puto, vincit amor. 
odero, sipotero, si non, invitus amabo: 

nee iuga taurus amat; quae tarnen odit, habet, 
nequiiiamfugio, fugientem forma reducii; 

aversor morum crimina, corpus amo. 
sie ego nee sine te nee tecum vivere possum 

et videor voti nescius esse mei. 



114 
115 

116 



Vgl. JANKA (1997) 334; im dritten Buch der ,4™ lernen die Damen diese Kunst (Ars 3,577 ff.). 

Vgl. dazu noch Ars 2,446: palleat indicio criminis illa tui. 

Vgl. a. Ov. Am. 3,5,45 f.: gelido mihi sanguis ab ore /fiigit, et ante oculos nox stetit alta meos. 

Die Verfasserschaft dieser Elegie ist allerdings umstritten. 

Vgl. dazu die erhellenden Bemerkungen von LYNE (1980) 27 ff. und die ausfuhrliche Diskussion 

durch M. KEUL, Liebe im Widerstreit. Interpretationen zu Ovids Amores und ihrem literarischen 

Hintergrund, Frankfurt am Main u. a. 1989. 



308 



Das vierte Kapitel der Liebeslehre 



Denselben Zwiespalt der Gefühle erlebt die eifersüchtige Frau. Sie möchte sich von 
ihrem untreuen Liebhaber trennen, kann es aber nicht (Ars 2,454): 

<sc. illeegosim, ...> 

quo sine non possit vivere, posse veliti 

Die betrogene Frau bricht in Tränen aus (Ars 2,453, 458 f.) und ebenso der Mann, 
wenn er die Geliebte in den Armen des Rivalen sieht (Prop. 2,8,1-6): 

eripitur nobis iampridem carapuella: 

et tu me lacrimas fundere, amice, vetas? 
nullae sunt inimicitiae nisi amoris acerbae: 

ipsum me iugula, lenior hostis ero. 
possum ego in alterius positam spectare lacerto? 

nee mea äicetur, quae modo dieta mea est? 

Die eifersüchtig rasende Furie schlägt wild um sich wie ein wütender Eber (media ... 
s aevus in im); sie vernichtet sich selbst und mit ihren eigenen Kindern gerade die- 
jenigen Menschen, die ihr am liebsten sind (Ars 2,373-384). 118 So reagiert auch der 
eifersüchtige Mann. Der Verlust der Geliebten erscheint ihm schlimmer als der Tod. 
In Blut will er seinen wütenden Schmerz ertränken. Achill konnte mit ansehen, wie 
Hektor die Griechen niedermetzelte und ihr Lager in Brand steckte, ja, er konnte sogar 
mit ansehen, wie sein bester Freund Patroclus tot im Staube lag, und all das nur wegen 
Briseis (Prop. 2,8,36): 

tantus in erepto saevit amore dolor. 

Sich selbst will der Eifersüchtige töten 120 und die Geliebte mit ins Grab reißen 121 oder 
sich und den Rivalen - und wäre es der eigene Bruder! - in mörderischem Zweikampf 
zerfleischen (Prop. 2,9,49-52): 122 



120 
121 



Der betrogene Properz vergleicht sich übrigens auch mit einem angegriffenen Tier (2